Jürg Buchers Zinswette

Postfinance Er war der unangefochtene Star des gelben Riesen: Jürg Bucher, Chef der Postfinance und später gar Konzernleiter. In seinen langen Jahren beim Berner Finanzdienstleister schossen die Kundengelder durch die Decke, von 25 auf über 90 Milliarden Franken. Der Boost an Publikumseinlagen erfolgte ohne Banklizenz, dank gesetzlicher Ausnahmeregelung. Ende 2011 schied Bucher als gefeierter Postmanager aus. Er hatte die Finanztochter in seiner Regentschaft zur Ertragsperle gemacht. Was kurz darauf folgte, war die Umwandlung der Postfinance zu einer privatrechtlichen Aktiengesellschaft samt Bewilligung der Finanzaufsicht Finma als Bank und Effektenhändlerin.

Goldene Ära

Seither geht es mit der Postfinance bergab. Das Betriebsergebnis sinkt, die Kosten steigen, das Geschäftsmodell ist unter Druck. Von Hansruedi «Housi» Köngs propagierten «Digital Powerhouse»-Zielen ist man weit entfernt. Gerne erinnert man sich da an die goldene Ära der Postfinance.

Doch nun zeigt die Einschätzung der Finanzmarktaufsicht, dass der Erfolg in der Prä-Banken-Zeit teuer erkauft war beim Staatsinstitut. Postfinance ging nämlich in den Jahren zuvor Zinsrisiken in einem Ausmass ein, «das die Finma bei einem von ihr überwachten Institut nicht akzeptieren kann». Die goldene Ära von Jürg Bucher erscheint plötzlich in einem neuen Licht.

Zank um Zinsrisiken

Postfinance Die Staatsbank zofft sich mit der Finma: Wie stabil ist das Institut, wenn die Zinsen steigen? Der Streit mit dem Regulator lässt tief blicken.

Das 55-seitige Urteil des Bundesverwaltungsgerichts hat es in sich. Die Finanzmarktaufsicht (Finma) legt darin ihre regulatorische Contenance ab und redet Tacheles: Die Postfinance sei «ein auffälliges Institut», eine «Ausreisser-Bank» und stelle «in Bezug auf die Zinsrisiken einen Sonderfall» dar. Das Fazit der Finma, zusammengefasst von den BVG-Richtern, lautet: Die «Mindesteigenmittel und der Eigenmittelpuffer» der Postfinance würden zu den im Vergleich zu anderen Banken vermehrt eingegangenen Zinsrisiken «keine ausreichende Sicherheit mehr gewährleisten».

Die Finma hat deshalb vor knapp zwei Jahren gestützt auf die Basel-III-Regeln verfügt, die Postfinance müsse gegebenenfalls mehr Eigenmittel halten, wenn die Zinsen sich verändern. Es geht um einen potenziellen Kapitalzuschlag in der Grössenordnung eines halben oder gar eines ganzen Jahresgewinns.

Dagegen hat Postfinance Beschwerde vor dem Bundesverwaltungsgericht erhoben. Sie wurde vom BVG Ende März abgewiesen. Die Finma sieht sich in ihrer Aufsichtspraxis bestätigt. Dem gelben Staatsinstitut bleibt bis Anfang Mai der Gang vors Bundesgericht. Ob der Weiterzug angetreten werde, stehe zum jetzigen Zeitpunkt noch nicht fest, sagt Postfinance-Sprecher Johannes Möri.

Keine triviale Angelegenheit

Heute schon gewährt der Rechtsstreit einen intimen Einblick in das spannungsgeladene Verhältnis zwischen Finma und Postfinance. Zankapfel sind die Zinsrisiken der Staatsbank – beziehungsweise deren Bewertung durch die Aufsicht.

Der Finma dient als Massstab für den Kapitalzuschlag das Zinsänderungsrisiko: Wie viel Wert das Eigenkapital der Bank also tatsächlich hat, wenn sich die Marktzinsen um einen Prozentpunkt verändern. Je nach Sensitivität der Eigenmittel, also dem potenziellen Schwund der Kapitalbasis, müsste die Postfinance mehr oder weniger Geld einschiessen. Bei einer EK-Sensitivität von über 10 Prozent sind gemäss Finma-Verfügung 270 Millionen fällig, bei 15 und mehr wären es gar 540 Millionen Franken. Zum Vergleich: Postfinance selbst rechnet gemäss Geschäftsbericht 2017 bei gleichem Zinsschritt mit einer Minderung des Eigenkapitals um bloss 29 Millionen Franken.

Zentral für die Bemessung dieser Zinsrisiken ist die sogenannte Zinsbindungsdauer. Also jene Zeitspanne, in der die Zinsen (vertraglich) fixiert sind. Keine triviale Angelegenheit bei einer «halben Bank» wie der Postfinance, die auf der Aktivseite keine Kredite oder Hypotheken vergeben darf und gleichzeitig eine dominante Stellung im Zahlungsverkehr hat. Auf der Passivseite hält Postfinance nämlich deutlich mehr Sichtgelder als Sparbatzen. Die Sichtgelder können rasch abgezogen werden. Ihre Laufzeit ist unbestimmt, ihr Zinssatz variabel. Damit muss die Zinsbindungsdauer geschätzt werden.

Diese kalkulatorische Unschärfe beim verhältnismässig grossen Anteil an Sichtgeldern schürt den Glaubenskrieg zwischen Finma und Postfinance. Die zentrale Frage lautet: Wie treu sind Postkonto-Kunden mit ihren Einlagen, wenn dereinst die Marktzinsen (sprunghaft) steigen? Locken höhere Zinserträge ausserhalb der Bank und führen zu substanziellen Liquiditätsabflüssen? Oder sind die Kunden bereit, eine Prämie zu zahlen angesichts der hohen Verfügbarkeit der Postkonti?

Zinsbindungsdauer zentral

Konkret unterstellt die Finma der Postfinance pauschal eine Zinsbindungsdauer von zwei Jahren, was diese als «unverhältnismässig» und «unangemessen» erachtet. Zum Vergleich: Die durchschnittliche Zinsbindungsdauer aller Spargelder der Banken lag in den letzten zehn Jahren bei eineinhalb Jahren. Sie lag also noch unter der Finma-Frist für die Postfinance.

Dennoch geht das Staatsinstitut dem Vernehmen nach in der bankeigenen Zinsrisiko-Bewertung von einer substanziell längeren Zinsbindungsdauer aus und fordert empirische Evidenz für die von der Finma unterstellte kürzere Frist: Beweise bitte. Ansonsten resultiere ein höheres Risiko bei tieferen Erträgen. Das sei ökonomisch unsinnig.

Die Finma sieht sich bemüssigt, ihre zwei Jahre zu begründen, und liefert eine Einschätzung der Postfinance und ihres Geschäftsumfelds. Erstens geht die Aufsicht davon aus, dass die gelbe Bank bei einer «Normalisierung des Zinsumfeldes» Gelder verliert. Indem diese «zumindest teilweise ertragsreicheren Anlagezwecken» zugeführt würden. Zweitens rechnet die Finma damit, dass Kunden künftig schneller bereit seien, «zugunsten eines attraktiveren Angebots den Anbieter zu wechseln». Der Markt werde transparenter. Drittens führt die Harmonisierung des Zahlungsverkehrs von Postfinance und SIX dazu, dass sich «die Auswechselbarkeit der Anbieter im Zahlungsverkehr» erhöhe. Und viertens spreche für eine kürzere Kundenbindungsdauer, dass die Postfinance «als privatrechtliche und eigenständige Bank und nicht mehr als Teil des staatlichen Postbetriebs» wahrgenommen werde.

Milliarden als Sicherheit parkiert

Bei der gelben Bank sorgt das Aufsichtsargumentarium für Stirnrunzeln. Dort verweist man auf jene 36 Milliarden Franken an flüssigen Mitteln, die bei der SNB parkiert sind. Und Postfinance erinnert gerne an ihre Mindestliquiditätsquote von knapp 200 Prozent.

Russisches Roulette

Julius Bär Es war das Amuse-Bouche für die Generalversammlung der Julius Bär. Doch es war eines, das den Aktionären der Privatbank im Halse stecken blieb. Die Rede ist vom knappen Artikel, den die NZZ wenige Tage vor der GV über das Enforcement der Finanzmarktaufsicht bei der Bank Bär veröffentlichte. Im Visier der Aufsicht: Compliance-Schlampereien mit Geldern aus dem Umfeld des Fussballverbands Fifa und des staatlichen Ölkonzerns von Venezuela. Als wären die genannten Fälle nicht gravierend genug, soll die Bär-Spitze von den Rüstungs-Deals ihres suspendierten Moskau-Leiters W. M. nicht nur gewusst haben. Ein Konzernleitungsmitglied der Julius Bär habe W. M. gar die «Nebenbeschäftigung» als Waffenschieber bewilligt – trotz starken Bedenken der internen Compliance.

Hodler als Notnagel

Ein Entscheid, der russischem Roulette mit der Reputation der Bank gleichkommt. Die Episode deutet jedoch exemplarisch auf die Geisteshaltung in der langen Ära Collardi: Wachstum über alles, wen kümmern die Kollateralschäden. Doch Collardis Nachfolger, Bernhard Hodler, ist nicht die Lösung, sondern vielmehr Teil des Sorgfalts-Problems. Der ehemalige Compliance-Chef und oberste Risiko-Mann hätte ja eigentlich bald in den Verwaltungsrat wechseln sollen. Doch Präsident Sauter wurde vom Exit Collardis derart überrascht, dass Hodler als Notnagel herhalten musste. Kaum eine Wahl mit langer Zukunft.

Mehr als ein Quantum Ärger

Jean-Claude Bastos Angola geht gegen seinen Staatsfondsverwalter vor. Bankkonten und Fonds wurden blockiert, Vermögensmandate gekündigt.

Die Luft wird dünner für Jean-Claude Bastos. Es ist jener Schweizer Unternehmer, der bis dato die Milliarden des angolanischen Staatsfonds FSDEA mit seiner Quantum-Gruppe verwalten durfte. Und es ist jener schillernde Afrika-Investor, der bis zu den Enthüllungen der «Handelszeitung» Anfang November 2017 von der Schweizer Wirtschaftsprominenz hofiert wurde.

Ob alt Bundesrätin Ruth Metzler, Monika Ribar, Marcel Rohner oder Ex-Deza-Chef Walter Fust – sie alle und noch viele andere Manager, Consultants und Anwälte hierzulande liessen sich für Bastos’ Zwecke einspannen: Sei es mit einem Offshore-Mandat für einen Tiefsee-Hafen im Norden Angolas (Ribar), sei es als Schweizer «Governance-Verantwortliche» für Quantum (Metzler) oder als Berater von Prime-Immobilien-Deals für Angolas Nationalbank (Rohner).

Nun aber scheint Bastos’ Stern zumindest in Angola im Sinken begriffen. Der neue Präsident des Landes, João Lourenço, geht konsequent gegen Familie und Entourage seines Vorgängers José Eduardo dos Santos vor. So wurde beispielsweise dos Santos’ Sohn Zenu – ein Jugendfreund von Bastos – Anfang Jahr als Präsident des Staatsfonds FSDEA entfernt. Zeitgleich löste der Fundo Soberano mit der Firma Quantum Global Investment in Zug das Verwaltungsmandat für Vermögen in Höhe von 1,7 Milliarden Dollar auf, wie die «Handelszeitung» erfuhr.

«Veruntreute Gelder aufspüren»

Und nun, keine drei Monate nach der Rochade an der Staatsfonds-Spitze, hat Präsident Lourenço einen Vertreter nach Mauritius entsandt, um die dortigen Ermittlungen im Zuge der «Paradise Papers» zu befördern. Die Untersuchung der «Affaire Bastos» laufe, sagte Sudhir Sesungkur, Mauritius Minister für Finanzdienstleistungen und Good Governance, jüngst in der Lokalpresse: Die Massnahmen stünden in Zusammenhang mit Angolas Absicht, «veruntreute Gelder des Landes aufzuspüren».

Konkret hat der maurizische Fondsregulator FSC alle Investmentvehikel des angolanischen Staatsfonds gesperrt. Die Private Equity Investments wurden auf der Insel durch Bastos’ Quantum-Gruppe verwaltet. Die sieben Vehikel decken Bereiche wie Gesundheitswesen, Holzwirtschaft, Minen oder Hotellerie ab. In den jeweiligen Verwaltungsräten sass stets der damalige Präsidentensohn Zenu, ein enger Freund Bastos’. Das Nettovermögen der sieben Mauritius-Fonds betrug gemäss Staatsfonds-Bericht per Ende 2015 rund 2,7 Milliarden Dollar.

Gegen 300 Millionen Dollar gesperrt

Mit der Sperrung der Finanzvehikel hat das oberste Gericht des Inselstaats auf Antrag der Staatsanwältin (siehe Dokument) und der Finanzaufsicht FIU annähernd sechzig Konten von Bastos und Quantum Global einfrieren lassen. Es handelt sich vorwiegend um Konten bei lokalen Banken, auf denen sich umgerechnet gegen 300 Millionen Dollar befinden sollen.

Quantum betont, man habe alle Kundengelder in Übereinstimmung mit den genehmigten Anlagerichtlinien und den Gesetzen der Länder verwaltet, in denen die Gruppe tätig ist. «Wir sind zuversichtlich, dass wir unsere Investitionstätigkeiten wie geplant durchführen können», erklärt ein Quantum-Sprecher weiter.

Jean-Claude Bastos selbst stand für eine Stellungnahme nicht zur Verfügung. Doch bereits letzten Herbst war der Afrika-Investor wenig angetan von seiner Mauritius-Dépendance, die damals nach eigenen Angaben rund 35 Quantum-Mitarbeiter beschäftigte. «Mauritius war keine gute Entscheidung gewesen», sagte er zur «Handelszeitung». Gleichzeitig kündigte er an, die Anzahl Mitarbeiter dort massiv zu reduzieren und Dubai zum neuen Investment-Hub aufbauen zu wollen. Kaum ein Jahr nachdem er mit Quantum «eine entscheidende Rolle beim Aufbau eines Finanzökosystems auf Mauritius» spielen wollte.

Bastos-Anwalt widerspricht

Bereits bei der Gründung der maurizischen Fondsgesellschaften soll es gemäss «Tages-Anzeiger» zu Ungereimtheiten gekommen sein: Bastos habe gegenüber den Behörden auf Mauritius «unvollständige oder gar irreführende Angaben» zu seiner Verurteilung von 2011 gemacht. Er war damals vom Zuger Strafgericht schuldig gesprochen worden wegen «mehrfacher qualifizierter ungetreuer Geschäftsbesorgung» bei der Liquidation der Firma ProKMU Invest. Das Urteil liegt der «Handelszeitung» vor.

Dem Gesuch für die Mauritius-Firmen lag eine Zusammenfassung des Urteils durch Martin Neese bei. Der Bastos-Rechtsvertreter im Fall ProKMU betont auf Anfrage, dass er korrekt festgehalten habe, «dass und weswegen mein damaliger Mandant zu einer Busse verurteilt wurde». Angesprochen auf die bedingte Geldstrafe von 175 000 Franken, die in Neeses Zusammenfassung fehlt, hält er fest, dass die Strafe mit Ablauf der Probezeit erlischt. «Das ist ja gerade der Sinn des bedingten Strafvollzugs.»

Neese hat Bastos nicht nur im Fall ProKMU vertreten, er amtet seit Jahren als Verwaltungsrat in Schweizer Quantum- und Bastos-Gesellschaften. Gleichzeitig sitzt der Zuger Wirtschaftsanwalt in gewichtigen Bundesgremien wie der Kontaktgruppe Geldwäschereibekämpfung oder dem Internationalen Standardsetting Finanzmarktintegrität (ISFIN). Auch ist er Präsident der Selbstregulierungsorganisation VQF, welche die Quantum Global Investment Management als Finanzintermediär beaufsichtigt. Neese sagt dazu: Die Quantum-Aufsicht würde durch eine unabhängige Kommission wahrgenommen.

Auf den «Asset Freeze» im Inselstaat angesprochen, hält er fest: «Ich war und bin in die Vorgänge auf Mauritius nicht involviert.» Allerdings strahlen die Aktionen von Präsident Lourenço bis in die Schweiz aus. Der Staatsfonds hat auf Anfang Jahr sämtliche Vermögensverwaltungsmandate gekündigt. Auch jene mit der Zuger Quantum Global Investment Management, welche für den FSDEA klassische Anlagen betreute und dafür gemäss Geschäftsbericht 2014 rund 20 Millionen Dollar einstrich. Nun schreibt Angola die Aufträge neu aus. «Ich gehe davon aus, dass wir uns erneut bewerben», sagt Quantum-VR Neese.

Die Kunst der Auslassung

Ruag Der Rüstungskonzern vertrieb seine Munition in Russland über die Privatfirma des Moskau-Chefs der Bank Julius Bär. Nun fordern Politiker volle Aufklärung.

Eigentlich sollte Ruag-Chef Urs Breitmeier die Jahreszahlen des Rüstungskonzerns rapportieren. Doch nachdem die «Handelszeitung» die privaten Russland-Deals eines Ruag-Managers enthüllt hatte, übte sich Breitmeier an der Bilanzmedienkonferenz in Krisenkommunikation. Er tat dies mit viel Emotion («Ich war schockiert») und wenig Erhellendem («Ruag hat in der Zeit vor dem Embargo Munition nach Russland an die Präsidentengarde geliefert»).

Das war die hohe Kunst der Auslassung. Was Breitmeier zu den eigenen Russland-Deals vor dem Embargo nicht sagte, war: Wer die Munition für den Schweizer Rüstungsbetrieb in Russland vertrieben hatte. Die Patronen für Putins Präsidentengarde wurden nämlich ganz offiziell über die Firma des Bankers W. M. (Name der Redaktion bekannt) vertrieben. Es ist jener Mann, der mit dem Ruag-Manager und einem Zuger Waffenhändler nebenher noch private Rüstungsdeals machte und deswegen von der russischen Anti-Korruptions-Behörde befragt und vom Arbeitgeber – der Bank Julius Bär – suspendiert wurde.

W. M. war also in doppelter Mission unterwegs: Er machte hinter dem Rücken der Privatbank nicht nur Rüstungsdeals, bei denen mutmasslich Schmiergeld an Staatsbedienstete geflossen sein sollen. Der Banker vertrieb in Russland über die eigene Firmen-Gruppe die Ruag-Munition – und das bis 2014. Bis heute schmückt sich die Gesellschaft von W. M. auf ihrer Firmen-Website mit dem Titel als «Distributor» für Ruag, samt Logo des bundeseigenen Rüstungskonzerns.

Die Firma von W. M. hat ihren Ursprung in Kingstown, der Hauptstadt des Karibikstaats St. Vincent und der Grenadinen. Auf dem tropischen Eiland ist die Firma International Maritime Shipping Corporation, kurz IMSC, im sogenannten Trust House registriert. Das ist eine beliebte Adresse für Briefkastenfirmen, die zu Hunderten in den Paradise Papers auftauchen. Dort, an der Bonadie Street 112 in Kingstown, wurde 2005 die IMSC gegründet (siehe Ausriss). Aktienkapital: 1 Million Euro, einbezahlt von W. M.

Erst Öl, dann Waffen

IMSC ist die private Offshore-Gesellschaft jenes Mannes, der zuerst für die Liechtensteiner VP Bank und später für die Bank Julius Bär das Representative Office in Moskau leiten sollte. Und die IMSC ist jene Gesellschaft, mit der Ruag Ammotec – also die Munitionsdivision des Bundesbetriebs – später eine Vertriebskooperation für Russland und wohl auch für weitere GUS-Staaten hatte.

Zunächst war die IMSC aber kein Rüstungsvertrieb für Ex-Sowjetstaaten, sondern fungierte offenbar tatsächlich als maritimer Logistiker, wie der Firmenname suggeriert. Man sei in Zürich basiert, habe eine technische Abteilung in Sankt Petersburg und über Partner eine Öltankerflotte, hiess es nämlich zunächst auf der Firmen-Website namens imsc.ru.

Einige Jahre später lautete der Claim des Webauftritts plötzlich: «Investment in Russia – participate: save and successful.» Die Frachtlogistik war da nur noch ein Nebenzweig von Banker W. M. Seine Firma vertrieb nun Rüstungsgüter. In jene Zeit fällt auch die Gründung einer gleichnamigen Gesellschaft in Zug, die später zur 100-Prozent-Tochter der karibischen IMSC werden sollte. Deren Firmenzweck offenbart, was der damalige VP-Banker W. M. und seine Partner nun vorhatten, nämlich Handel, «insbesondere mit Gütern und Systemen der Rüstung und Sicherheit».

Zu den IMSC-Kunden gehört auch Ruag. Der Bundesbetrieb bestätigt auf Anfrage, dass «die Firma IMSC mit Sitz in Zug Kunde von Ruag war und die Lieferungen an den Endkunden abgewickelt hat». Ruag-Sprecherin Kirsten Hammerich sagt dazu: «Wir haben von 2010 bis zum Inkrafttreten des Embargos im Jahr 2014 Kleinkalibermunition für insgesamt rund 1 Million Franken nach Russland geliefert.»

Im Vorfeld der Geschäftsbeziehung zwischen Ruag und der IMSC soll es auch zu einer Sicherheitsüberprüfung von W. M. gekommen sein. Der Bericht soll für den Banker nicht sehr vorteilhaft gewesen sein, verlautet es aus einer Quelle. Passiert ist nichts. Ruag sagt dazu, man habe keine Kenntnis von einem Sicherheitscheck durch die Bundespolizei.

Zweifel an Einzelfall-Version

Die Affäre rund um die staatliche Ruag hat längst die Politik aufgeschreckt. Nächsten Montag werden mögliche Verstösse gegen Sorgfaltspflichten und Richtlinien Thema der Sicherheitspolitischen Kommission des Nationalrats (SiK) sein. «Ich habe den Verteidigungsminister aufgefordert, detailliert Auskunft über die Fälle zu geben», sagt SVP-Nationalrat und SiK-Präsident Werner Salzmann. Ob man danach auch die Ruag-Führung aufbieten wolle, werde man im Anschluss an die Anhörung entscheiden.

Derweil hegen Parlamentarier Zweifel an der Aussage der Ruag-Spitze, dass es sich um einen Einzelfall handle. «Dass dies nicht stimmt, hat die ‹Handelszeitung› bereits aufgedeckt», sagt der grüne Nationalrat Balthasar Glättli. Kollege Beat Flach von den Grünliberalen fordert eine lückenlose Aufklärung. «Es darf nicht sein, dass Führungspersonen von Ruag gleichzeitig privat Geschäfte betreiben dürfen. Verteidigungsminister Parmelin muss in der Anhörung in der Sicherheitskommission klarmachen, dass solche Aktivitäten unterbunden werden.» Er erwarte, dass Ruag mehr Handlungswillen an den Tag legt, was die Verbesserung der Compliance betreffe.

Ins gleiche Horn bläst FDP-Nationalrätin Corina Eichenberger-Walther. «Ruag bewegt sich in einem sehr exponierten Geschäft. Es ist deshalb wichtig, dass das Unternehmen seine Compliance intensiviert», sagt sie. Die Kritik der EFK an den Compliance-Standards vor zwei Jahren habe bereits zu einer Verbesserung der Situation geführt. Die jüngsten Skandalfälle zeigten, dass man den Finger weiter draufhalten müsse.

Ruag liefert Munition

Rüstung Der Russland-Deal ist kein Einzelfall. In der Munitionsdivision gab es mehrere Compliance-Fälle. Im Herbst musste der Divisionschef gehen.

Es ist das Stelldichein der globalen Rüstungsbranche, die Waffenmesse Idex im Wüstenstaat Abu Dhabi. Sie findet alle zwei Jahre statt, jüngst Mitte Februar 2017. An der Idex war auch Ruag vertreten. Am Stand des Rüstungsbetriebs war auffällig oft der Moskau-Leiter der Bank Julius Bär anzutreffen. Warum, ist erst jetzt klar, nachdem die «Handelszeitung» vergangene Woche dessen Rüstungsgeschäfte aufgedeckt hat (siehe Ausriss).

An der Idex wandte sich auch ein Zuger Waffenhändler erstmals an den Rüstungsbetrieb. Er lieferte Hinweise zu mutmasslich verdeckten Russland-Deals eines Ruag-Managers. Dieser Kadermann der Munitionsdivision Ammotec wurde inzwischen freigestellt. Die Bundesanwaltschaft durchsuchte letzte Woche sein Büro am Ammotec-Sitz in Thun.

Nicht informiert

Mit den brisanten Infos zum Ruag-Manager wandte sich der Whistleblower in Abu Dhabi direkt an den damaligen Leiter der Munitionsdivision, Ammotec-Chef Cyril Kubelka. Die Folgen: keine. «Dass Herr Kubelka bereits früher über diese Angelegenheit informiert worden sein soll, ist uns nicht bekannt», sagt eine Ruag-Sprecherin. Man habe Kenntnis vom Vorfall, seitdem sich ein Whistleblower Anfang 2018 an die Compliance der Firma wandte. Ruag eröffnete daraufhin eine interne Untersuchung.

Zum Zeitpunkt der Untersuchung ist Cyril Kubelka, den der Whistleblower als Ersten informierte, bereits nicht mehr Leiter der Munitionsdivision. Der Ammotec-Chef – seit 2004 im Amt – verliess Ruag Ende September. Man wünsche ihm für die Zukunft nur das Beste, liess sich Ruag-Chef: Urs Breitmeier im Communiqué zitieren. Doch Kubelkas Abgang war nicht freiwillig erfolgt. Gegenüber der «Handelszeitung» räumt Ruag ein, dass es «aufgrund unterschiedlicher Auffassungen», unter anderem zur Governance, zum «Austritt des Divisionsleiters» kam. Konkret stolperte Kubelka, wie mehrere Quellen bezeugen, über gravierende Compliance-Mängel in der Ruag-Munitionsproduktion im ungarischen Sirok. Das Werk stammt noch aus Sowjetzeiten.

Die Ammotec-Fabrik im Nordosten Ungarns taucht nämlich – anonymisiert – im Bericht «Prüfung des Compliance Management System – Ruag» auf, den die Eidgenössische Finanzkontrolle (EFK) im Oktober 2016 verfasste. Darin machen die Kontrolleure des Bundes schwere Versäumnisse im Werk aus. Die von der EFK besuchte Fabrik sei auch acht Jahre nach der Übernahme durch Ruag «faktisch nicht integriert».

Nicht visiert

Die EFK listet alle Compliance-Mängel Punkt für Punkt auf: «Ein formelles internes Kontrollsystem ist nicht implementiert. Weisungen liegen kaum vor. Belege für abgerechnete Spesen konnten nicht vorgelegt werden. (…) Wer welche Kompetenzen in Bezug auf finanzrelevante Vorgänge hat, ist im Einzelnen nicht formell geregelt. Genehmigungsinstanzen beim Einkauf sind nicht nachweisbar. Rechnungen sind nicht visiert.» Und so weiter und so fort.

Nebst all diesen prozessualen Mängeln weisen die Kontrolleure auch auf praktische Missstände hin wie eine Bauvergabe, bei der aussergewöhnlich hohe Anzahlungen flossen. Oder ein IT-System, dessen Kunden- und Lieferantendaten nicht geschützt sind.

Der Passus zur Ammotec-Fabrik gipfelt darin, dass die EFK im Sommer 2016 der Ruag-Führung um Chef:°° Urs Breitmeier die in Sirok gesammelten Fakten präsentiert, worauf die Topmanager einer «möglichst kurzfristig anzusetzenden Nachprüfung» zusagen.

Doch stattdessen informieren Breitmeier und Co. die Hauptakteure bei Ammotec umgehend über die EFK-Befunde. Die Kontrolleure konstatieren: «Somit besteht Verdunkelungsgefahr, was den Nutzen der Abklärung infrage stellt.» Auf die Verhältnisse in Sirok angesprochen, betont Ruag heute, dass «keine relevanten strafrechtlichen Verstösse» festgestellt wurden. Man habe Massnahmen eingeleitet und sich vom Standortleiter getrennt.

Fall in Florida

Nicht nur im Osten lag einiges im Argen bei Ammotec. Unter der Ägide des damaligen Divisionsleiters Kubelka gab es einen weiteren Fall. Die Munitionssparte übernahm 2009 die in Tampa, Florida, domizilierte Precision Ammunition LLC. Der Betrieb stellt Spezialmunition her.

Gründer der Munitionsfabrik im Sonnenstaat ist ein Mann namens Daniel L. Powers. Der Patron wurde nach der Übernahme durch die Schweizer zum «CEO Ruag Ammotec USA» gekürt. Allerdings ist es zu Beginn um den Zukauf durch die Schweizer nicht zum Besten bestellt, geschäftlich wie personell. Die amerikanische Ammotec schreibt im Jahr der Übernahme rote Zahlen, wie ein Bericht der deutschen Zwischenholding dokumentiert.

Der Absatz harzt, die Fertigung stockt. Doch schlimmer als die geschäftlichen Probleme wiegt, dass bei Ammotec USA offenbar getrickst wurde. So kam es 2011 zu verschiedenen widerrechtlichen Handlungen. Konkret: zu fiktiven Munitionsentsorgungsgeschäften und privaten Waffenverkäufen. Der damalige Ammotec-USA-Chef soll aus diesen Aktivitäten unrechtmässige Profite im hohen sechsstelligen Bereich erzielt haben.

Nie belangt

Auch dieser Compliance-Fall war Chef Kubelka gemeldet worden. Aber Powers wurde sowohl straf- wie zivilrechtlich nie von Ruag belangt.

Zu den Machenschaften in Florida schreibt der Rüstungsbetrieb: Der Vorfall in Tampa sei intern von Ruag Ammotec selbst aufgedeckt worden. «Es wurden Massnahmen eingeleitet und das Arbeitsverhältnis mit dem betroffenen Mitarbeiter wurde gekündigt», sagt die Sprecherin. Die Konzernspitze sei über den Vorfall im Bild gewesen.

Dass das Compliance-«Issue» nach einer Akquisition passierte, ist kein Zufall. So spricht die Eidgenössische Finanzkontrolle in ihrem Prüfbericht explizit Übernahmen an, wie jene der Precision Ammunition. Die Bundeskontrolleure bemängeln, dass bei Ruag eine «dezidierte Compliance Due Dilligence» bei Akquisitionen bisher «nicht systematisch» stattgefunden habe. Fast schon prophetisch mutet deshalb das EFK-Fazit an: «Es könnten damit unbewusst Risiken miteingekauft worden sein.»

(Un)heimliche Geschäfte

Rüstungsdeal Ein Ruag-Mann und der Russland-Chef von Julius Bär staffieren Putins Leibgarde aus. Nun ermittelt die Bundesanwaltschaft.

Nach getaner Arbeit im Kreml nimmt der russische Präsident Wladimir Putin gerne einen Helikopter zu seiner Residenz am Stadtrand Moskaus. Dazu stehen mehrere MIL- und Agusta-Westland-Helikopter des Typs AW- 139 bereit, zum Teil in VIP-Ausführung. Die Heli-Flotte gehört zum Bestand des Sicherheitsdienstes FSO zum Schutz des russischen Präsidenten und der Regierung.

Die präsidentiellen Fluggeräte wurden unter tatkräftiger Schweizer Mithilfe aufgerüstet. Für 15 Millionen Dollar liess der FSO von 2011 bis 2015 die Flotte mit Beobachtungskugeln ausstatten, die jedes Bodenziel bei Tag und Nacht identifizieren können. Nun ermitteln die Bundesanwaltschaft und die russische Antikorruptionsbehörde. Es geht um mutmasslich verdeckte Deals und mögliche Schmiergeldzahlungen.

Beschafft hat die Kugeln eine illustre Truppe von Schweizer Geschäftsleuten, deren vertraulicher Zusammenarbeitsvertrag der «Handelszeitung» vorliegt. Die Männer lieferten auch Sig-Sauer-Handfeuerwaffen und Scharfschützen-Gewehre für mehrere Millionen Dollar an Putins Personenschützer.

Unter den Vertragspartnern befinden sich der heutige Bürochef der Zürcher Privatbank Julius Bär in Moskau – zu Vertragsbeginn noch im Dienste der Liechtensteiner VP Bank – sowie ein Geschäftsleitungsmitglied der Ruag Ammotec, also der Munitionsdivision des bundeseigenen Rüstungsbetriebs. Zwar waren die Lieferungen an sich legal und von allen beteiligten Regierungsstellen abgesegnet. Aber: Allem Anschein nach haben beide Männer – der Julius-Bär-Manager wie der Ruag-Kader – die Waffendeals auf private Rechnung und hinter dem Rücken ihrer Schweizer Arbeitgeber abgewickelt und Kommissonen in Millionenhöhe kassiert.

Mutmassliche Schmiergeldzahlungen

Mehr noch: Im Zuge des Helikopter-Deals sollen Schmiergelder an Mitarbeiter eines russischen Staatsbetriebs geflossen sein, der zum Rosatom-Konzern gehört, sowie möglicherweise auch an Führungspersonal der Leibgarde FSO, obwohl der Zusammenarbeitsvertrag ausdrücklich «Zahlungen an Dritte» ausschloss.

Die Schmiergeldvorwürfe haben inzwischen auch die russischen Behörden aufgeschreckt. Die Antikorruptionsabteilung des Innenministeriums nahm im Winter Ermittlungen auf. Mitte Februar wurde der Bär-Banker in Moskau erstmals befragt. Ein Sprecher der Bank Julius Bär sagt: «Wir haben die Vorwürfe zur Kenntnis genommen und sind daran, diese zu untersuchen.»

Auch die Compliance des bundeseigenen Rüstungsbetriebs – unter Beizug des Wirtschaftsstrafrechtlers Mark Livschitz – wurde aktiv. «Nachdem Ruag durch einen Whistleblower von Vorwürfen Kenntnis erlangt hatte, hat Ruag sogleich interne Untersuchungen eingeleitet und umgehend bei der Bundesanwaltschaft Strafanzeige gestellt», sagt eine Sprecherin. Man kooperiere vollumfänglich mit der Behörde. Bei Ruag wie in Russland war der Whistleblower ein Zuger Waffenhändler, Vertragspartner der beiden inkriminierten Männer.

Kommission fürs Nichtstun

Nukleus der (un)heimlichen Beschaffungsaffäre bildet ein Vertrag von 2010 zwischen vier Parteien: Dem seit Jahrzehnten in Russland wohnhaften Schweizer Banker, seiner russischen (Schein-) Firma, dem Ruag-Manager und dem Zuger Waffenhändler. Das Gespann will gezielt staatliche «Special Forces» wie Antiterroreinheiten oder Leibgarden mit diversem Rüstungsmaterial beliefern. Von Maschinenpistolen über Schutzwesten bis hin zu Beobachtungsgeräten und Mikrodrohnen. Die Zielmärkte sind Russland, die ehemaligen GUS-Staaten und Mexiko. Es geht um viel Geld: Allein in Russland sollen zwischen 50 und 150 Millionen Dollar Geschäftsvolumen drin liegen, schätzt ein Vertragspartner später.

Dazu listen sie zwei Dutzend mögliche Rüstungslieferanten auf. Von Agusta Westland bis zu Zeiss Optronics, das heute Teil der Hensoldt-Gruppe ist. Pikanterweise finden sich auf der Liste auch die Ruag-Töchter Aerospace und Electronics, womit der Verdacht interner Kickbacks an den Ruag-Mann besteht.

Der im Vertrag stipulierte Provisionsschlüssel sieht folgendermassen aus: Auf die Rüstungsgüter schlagen die Geschäftspartner eine Zielmarge von 40 Prozent, wovon der Bär-Mann 20 Prozent erhalten soll und die beiden anderen Involvierten je 10 Prozent.

Kassenwart für Kollaboration

Die Rollen sind klar verteilt: Der Zuger Waffenhändler übernimmt bei Bedarf die Beschaffung und Koordination mit den Produzenten, während der Bär-Banker seine Kundenkontakte, insbesondere in Russland, spielen lassen soll, um an staatliche Aufträge zu kommen. Gleichzeitig soll er mit den Endkunden verhandeln und Kassenwart für die Kollaboration sein. Seltsam mutet die Rolle des Ruag-Manns an. Im Vertrag steht: Aufgrund seines Beschäftigungsverhältnisses habe er weder «die Zeit noch juristisch oder moralisch das Recht», solche Rüstungsgüter zu verkaufen, «aber er hat einen Anspruch auf eine Kommission».

Geld ohne Gegenleistung? E-Mails, die der «Handelszeitung» vorliegen, zeigen, dass der Ruag-Mann der privaten Rüstungspartnerschaft mit seinem beruflichen Netzwerk aktiv zudiente. Der Manager nutzte beispielsweise seine Reisen für Ruag, um private Geschäftskontakte zu knüpfen. In einem E-Mail schildert der Mann einen Besuch der Einkaufsstelle für Polizei und Armee in Mexiko («Dabei sprachen wir auch über andere Bedürfnisse») und gibt hernach Kontaktdaten und mögliche Lieferanten an seine privaten Partner weiter.

8 Millionen Dollar Cash

Zunächst scheint die Zusammenarbeit zu fruchten, vor allem in Russland, wo bald schon der Helikopter-Deal winkt. Die Schweizer treffen sich mit Vertretern des FSO sowie der staatlichen russischen Beschaffungsorganisation Techsnabexport. Oft im «Representative Office» der Bank Julius Bär in Moskau.

Doch als es an den Profitsplit des Helikopter-Deals geht, ist die Partnerschaft dahin. Der Bär-Mann will die vertraglich zugesicherte Zahlung an den Zuger Waffenhändler nicht leisten. Telefongespräche, welche der «Handelszeitung» vorliegen, liefern Hinweise, weshalb plötzlich das Geld fehlt. Möglicherweise haben es Dritte erhalten. Der Bankleiter sagt am Telefon: «Es ist logisch, dass es ein warmer Regen über die ganze Abteilung dort ist, da kriegt jeder etwas…» Gemeint ist Techsnabexport. Er spricht von einer Cash-Zahlung in ungenannter Höhe an den Beschaffungschef. Kein Problem für den Julius-Bär-Mann: «Ich habe 8 Kisten Cash bei mir jetzt gerade… Hier geht alles Cash. Aber das willst du ja nicht schriftlich haben, oder? Sonst bin ich erledigt.»

Befreiungsschlag in Freetown

Diethelm Keller Die Schweizer Unternehmensgruppe will nach Bürgerkrieg und Ebola-Epidemie in Sierra Leone durchstarten.

Leidgeprüft ist die Bevölkerung Sierra Leones. Nach blutigem Bürgerkrieg in den 1990er Jahren grassierte ab 2014 Ebola im westafrikanischen Land und forderte über 4000 Todesopfer. Nun will Sierra Leone die Schreckensjahre hinter sich lassen, sowohl politisch wie wirtschaftlich. Kürzlich wählte das rohstoffreiche Land Parlament und Präsident neu. Die Wahl wurde technisch unterstützt von einem Waadtländer Blockchain-Startup namens Agora.

Nicht das einzige Schweizer Unternehmen, das auf Sierra Leone setzt. «Das Land erholt sich», sagt Angelo van Tol, der sich selbst als Afrika-Liebhaber bezeichnet, und Chef der Diethelm Keller Holding (DKH) ist. Das weitverzweigte Firmenkonglomerat mit so klingenden Marken wie Koenig, Zyliss, Globetrotter oder dem Reinigungskonzern Wetrok hat für die Afrikapläne eigens eine neue Gesellschaft namens DK Africa mit Sitz in Zürich und einem Aktienkapital von einer halben Million Franken gegründet. In DK Africa bringt Diethelm Keller die in Sierra Leone verbliebenen Assets ein. Neue Vermögenswerte sollen bald dazukommen.

Eigentlich ist DKH bereits seit Mitte der 1950er Jahre in der ehemaligen britischen Kolonie präsent. Damals über eine Gesellschaft namens Freetown Cold Storage Company. Ein Gemischtwaren-betrieb, der Eis produzierte, einen Supermarkt samt Metzgerei führte und die Coca-Cola-Franchise für Sierra Leone besass. Mit der firmeneigenen Abfüllanlage versorgte die Diethelm-Keller-Gruppe den westafrikanischen Kleinstaat mit der braunen Zuckerbrause aus Amerika bis Mitte der neunziger Jahre. «Vor dem Bürgerkrieg verkauften wir die Fabrik an den Lizenzgeber», sagt Holding-Chef van Tol.

So besitzt die Diethelm-Keller-Gruppe bis heute einen Strassenzug in der Hauptstadt Freetown samt Kino, Supermarkt und Läden sowie eine Wohnanlage mit 18 Häusern für Expats. Auf diesem Immobilienportfolio will van Tol mit DK Africa nun aufbauen: «Wir wollen auf dem Kontinent Schritt für Schritt wieder Tritt fassen. Erst einmal klein, aber profitabel wirtschaften.» Man sei deshalb daran, die Wohnsiedlung zu renovieren. Denn Mieten und Grundstückpreise in Sierra Leone seien «extrem hoch». Dies gilt übrigens auch für Dienstleistungen. «Wir fliegen eigens einen Zürcher Architekten ein, um die Kosten vor Ort im Griff zu halten», sagt van Tol, der nebst dem Immobilien-Portfolio auch wieder ins Geschäft mit Getränken einsteigen möchte.

Recycling in Ghana

Im Moment läuft die Sorgfaltsprüfung für die Akquisition einer lokalen Abfüllanlage. Über ein Joint Venture will DKH erneut lokale Softdrinks herstellen. Über die lokale Getränkeproduktion soll ein afrikaerprobter deutscher Brauerei-Manager wachen, der zuvor in Ruanda, Togo und Äthiopien in der Branche tätig war und nun das «Business Development Africa» für DKH leitet.

Nebst Abfüllfabrik und Expat-Siedlung plant van Tol den nächsten Expansionsschritt in Ghana, wo DKH in einen Kunststoff-Recycler investieren möchte, der aus Plastikflaschen neue Basismaterialien – unter anderem für die Automobilindustrie – herstellt.

Aktiv involviert in die neuen Afrika-Pläne ist George Keller, auch ein Mitglied der Eignerfamilie Keller. Deren Diethelm Keller Holding ist übrigens auch am Subsahara-Afrika-Konzern Lonhro um Financier Rainer-Marc Frey und Zementkönig Thomas Schmidheiny beteiligt. Das sei im Moment eine «stille Beteiligung», so van Tol.

Die Milch machts

Remo Stoffel Der Turmbauer zu Vals investiert über 90 Millionen Dollar in Dean Foods. Er wird damit zum Ankeraktionär beim grössten Milchverarbeiter der USA.

Tu dir etwas Gutes, lautet der Slogan der Milchsorte «Swiss Premium». Eine von über fünfzig Molkereimarken, welche Dean Foods im Portfolio hat. Der börsenkotierte S&P-500-Konzern mit Sitz in Dallas, Texas, stellt vornehmlich Frischmilch her. Daneben Rahm, Glace und Kaltgetränke wie Iced Tea. Dean Foods ist so etwas wie die Emmi der USA und beherrscht im Land der unbegrenzten Möglichkeiten knapp einen Sechstel des Frischmilch-Marktes. Der mit Abstand grösste Milchverarbeiter der Vereinigten Staaten beschäftigt dazu gegen 16 000 Angestellte in etwa sechzig Fabriken und erzielte im Geschäftsjahr 2017 einen Umsatz von 7,8 Milliarden Dollar. Dean Foods ist seit 2006 am Aktienindex S&P-500 kotiert.

Nun hat «Swiss Premium»-Herstellerin Dean einen neuen Grossaktionär aus der Schweiz, der mittlerweile 10 Prozent hält. Es ist Remo Stoffel, der Bündner Immo-Unternehmer (Priora Gruppe) und Turmbauer zu Vals («7132 AG»). Er kaufte ab November sukzessive Dean-Aktien zu. Seither schiessen die Gerüchte auf US-Finanzblogs ins Kraut: Stoffel könnte mit relativ geringem Kapitaleinsatz beabsichtigen, eine Kontrollmehrheit beim Milchverarbeiter zu erlangen. Die Schwelle dafür liegt bei tiefen 35 Prozent. Möglicherweise fasse der Priora-Eigner auch ein Going Private ins Auge oder der «Swiss Activist» spekuliere auf eine Vollübernahme durch Dritte.

Mittlerweile ist der Valser Financier nämlich der mit Abstand grösste private Einzelaktionär – gleich hinter Beteiligungsriese Blackrock und vor zahlreichen anderen US-Institutionellen wie Vanguard, Fidelity und Charles Schwab. Stoffel hat in den letzten Monaten 9,1 Millionen Aktien an Dean Foods im Gegenwert von 90,5 Millionen Dollar erworben, und zwar über sein Beteiligungsvehikel VV Value Vals, mit dem der umtriebige Unternehmer auch signifikante Beteiligungen an in der Schweiz kotierten Unternehmen wie Galenica (10 Prozent), Vifor Pharma (12 Prozent) und Myriad Group (5 Prozent) hält. Daneben ist der 41-jährige ehemalige Bankgeselle mit etwas über 3 Prozent in den Darmstädter IT-Konzern «Software AG» investiert.

Ausserhalb der Öffentlichkeit

Sein Einstieg in die amerikanische Milchwirtschaft passt so gar nicht in Stoffels bisheriges Beteiligungs-Beuteschema aus Gesundheitswesen und Informationstechnologie. Wie also kam es zum Dean-Deal in Dallas – und was hat Stoffel in der US-Milchwirtschaft vor? Der Verwaltungsrat und Miteigner von Lenzerheide Bergbahnen gibt sich zugeknöpft: Als Unternehmer verfolge er verschiedene Projekte – «meist ausserhalb der Öffentlichkeit». Er entwickle seine unternehmerischen Aktivitäten mit Bedacht, Schritt um Schritt. Und freue sich an ihnen. «Mehr gibt es zurzeit nicht zu sagen», lässt er schriftlich ausrichten. Auch Dean Foods äussert sich nicht zum neuen Grossaktionär: Man habe nicht mehr zum Geschäftsbericht hinzuzufügen, sagt Dean-Sprecher Jamaison Schuler.

Etwas Einblick in die InvestmentÜberlegungen und Absichten des Remo Stoffel gibt allerdings dessen US-Börsenmeldung zum Einstieg bei Dean Foods. Dort heisst es, die Aktien seien aus Stoffels Sicht unterbewertet, stellten eine «attractive investment opportunity» dar. Und der Käufer beabsichtige das Gespräch mit Management und Verwaltungsrat zu suchen hinsichtlich «business, operations and strategic plans».

Die Meldung an die US-Börsenaufsicht SEC deckt sich mit jenen Äusserungen aus Stoffels Umfeld, wonach der Valser Financier den Einstieg in die texanische Milchwirtschaft als «strategisches Investment» betrachte, das «Teil eines grossen Ganzen» sei. Offenbar soll da noch mehr kommen. Die Rede ist etwa von «einigen Überraschungen», welche in den nächsten Monaten zu erwarten seien.

Fest steht, dass Stoffel sich mit seiner VV Value in einen texanischen Turnaround-Fall eingekauft hat. Der Aktienkurs von Dean Foods hat sich im letzten Jahr mehr als halbiert. Ein Spiegelbild des schwierigen Geschäfts mit dem natürlichen Muntermacher. Seit Jahren ist der Milchkonsum in den USA rückläufig. Dean-Foods-Chef Ralph Scozzafava sprach kürzlich von einem jährlichen Konsumrückgang zwischen 2 und 2,5 Prozent.

Soja- statt Kuhmilch

Die Amerikaner trinken nämlich vermehrt pflanzliche Alternativen wie Mandel- oder Sojamilch. Die Kuhmilch-Branche kämpft deshalb mit Überkapazitäten sowie sinkenden Margen. Bei Dean kommen steigende Schulden und ein kaum diversifiziertes Portfolio hinzu, das zu über zwei Dritteln auf Frischmilch-Absatz baut. Zwar hat das Management versucht, mittels Akquisitionen in «Ice Cream» und biologische Säfte zu diversifizieren. Aber diese neuen wachsenden Geschäfte sind noch verhältnismässig klein.

Entsprechend versuchen die Texaner nun ein weiteres Mal an der Kostenschraube zu drehen und gleichzeitig über «Private Label»-Milch die Absatzvolumen anzukurbeln. Ein Analyst der Grossbank Credit Suisse hat sich zu diesem Vorgehen kürzlich skeptisch geäussert und das Aktienpreis-Ziel auf 7,50 Dollar gesenkt. Dies liegt deutlich unter jener Preisspanne von 9 bis 11 Dollar, bei der Stoffel bislang zugekauft hat. Das Fazit des CS-Analysten lautet: Die operative Kosteneffizienz werde durch strukturelle Veränderung der Industrie gleich wieder wettgemacht, denn der Verdrängungswettbewerb dürfte sich weiter verschärfen. Nicht zuletzt, weil auch Detailhandels-Gigant Walmart in die Milchverarbeitung drängt.

Angesichts dieser operativen Herausforderungen und des schwächelnden Aktienkurses ist Dean Foods zum Übernahmeziel geworden. Bereits im Herbst 2016 gab es Gerüchte, wonach der chinesische Getränkehersteller Hangzhou Wahaha Group Interesse an einer Akquisition von Dean habe. Offenbar war die Investmentbank Goldman Sachs am Sondieren. Darauf reagierte die Dean-Aktie mit einem kurzzeitigen Kursfeuerwerk. Möglicherweise spekuliert Stoffel erneut auf solche Übernahmefantasien.

Während der Bündner Unternehmer die US-Milchwirtschaft als «Swiss Activist» aufmischt, laufen die Steuerverfahren gegen ihn hierzulande weiter. Im November 2016 hatte das kantonale Steueramt Zürich eine Strafanzeige wegen Steuerbetrugs eingereicht. Diese wurde vom leitenden Staatsanwalt für Wirtschaftsdelikte, Peter Pellegrini, gesichtet und einem Mitarbeiter zugeteilt. Die Ermittlungen laufen. Ein Strafverfahren gegen Stoffel wurde bislang nicht eröffnet.

Kredit verspielt

Postfinance Die Staatsbank ist neu alleiniger Eigner des Online-Kreditvermittlers Lendico. Rocket Internet ist ausgestiegen. Kommuniziert wurde der Exit nicht.

Die Versprechungen waren vollmundig, als vor gut eineinhalb Jahren die Kreditvermittlungs-Plattform Lendico an den Start ging. «Unser Anspruch an diese Kooperation ist es, Crowdlending in der Schweiz aus dem Nischenstatus in den Massenmarkt zu heben», sagte Postfinance-Chef Hansruedi Köng damals.

Die Kooperation: Das waren das Berner Staatsinstitut und das 2013 gegründete Berliner Finanz-Start-Up Lendico, das nun der niederländischen Bank ING Diba gehört und bis vor kurzem Teil der börsenkotierten Rocket Internet war. Es ist der Beteiligungs-Konzern der Samwer-Brüder, jener Seriengründern der deutschen Digitalwirtschaft, die hinter Online-Powerhäusern wie Zalando, Home24 oder DeliveryHero stecken.

«PF» als «einziger Aktionär»

Inzwischen gehört Lendico Schweiz ganz dem Postfinance-Konzern, wie Recherchen der «Handelszeitung» zeigen. Still und leise hat Rocket Internet beim Schweizer Kredit-Vermittler das Handtuch geworfen. Anfang Dezember wird in einem Sitzungsprotokoll «PF» bereits als «einziger Aktionär der Gesellschaft» aufgeführt. Allerdings hat es das Staatsinstitut nicht für nötig befunden, die Öffentlichkeit und Lendico-Kunden über die «geänderte Aktionärsstruktur» zu informieren, wie es im Protokoll heisst.

Sowohl auf der Website der KMU-Kreditplattform wie auch auf Postfinance.ch ist weiter die Rede von einem «Joint-Venture mit der Lendico-Gruppe». Auf Anfrage erklärt Postfinance, dass im Geschäftsbericht 2017, der Anfang März erscheine, die «Lendico Schweiz AG bereits als 100 Prozent Beteiligung aufgeführt sein» werde.

Zu den Trennungsgründen, sagt Sprecher Johannes Möri, ohne auf finanzielle Details einzugehen: «Bei der Lendico Gruppe Deutschland stand der Markt Schweiz nicht im Vordergrund.» Zudem seien im «Shared Services Modell» die Abhängigkeiten von der Gruppe zu gross. Lendico müsse jedoch «agil auf dem Heimmarkt sein», so Möri. Das ist auch dringend nötig, denn die «digitale und schnelle Alternative zu Banken», wie es im Selbstbeschrieb heisst, hat bislang keine Stricke verrissen.

Von Köngs hehrem Anspruch, Crowdlending in der Schweizer aus dem Nischenstatus in den Massenmarkt zu heben, ist Lendico meilenweit entfernt. Dies, obwohl das Finanz-Startup – im Gegensatz zur privaten Crowd-Konkurrenz – mit dem Qualitätssiegel «Postfinance» startete. Doch vielmehr droht Lendico, eineinhalb Jahre nach Lancierung, gegenüber anderen KMU-Crowdlendern wie CreditGate24 oder Swisspeers den Anschluss zu verlieren.

Seit dem Start im Dezember 2016 hat der Zürcher Crowdlender lediglich fünf Kreditprojekte im Gesamtvolumen von gut 300 000 Franken vermittelt. Zum Vergleich: Konkurrent Creditgate24 konnte in den drei Jahren seit Gründung gut 36 Millionen Franken an KMU-Krediten vermitteln. Wenn auch mit deutlich mehr personellen Mitteln als die Postfinance-Tochter. Bei Lendico lahmt also die Pipeline an Kreditprojekten. Denn die Berner Mutter hält ihr Zürcher Finanz-Startuup auf Distanz. «Die meisten KMU-Kunden erfahren von ihrem Postfinance-Berater gar nicht, dass sie ihren Kreditbedarf über Lendico finanzieren könnten», sagt ein Insider. Der gelbe Riese vermittle schlicht keine «Leads» aus dem Geschäftskunden-Bereich.

Geschäftsbanken übten Kritik

Die Distanz zum eigenen Crowdlender hat Gründe: Bereits bei der Lendico-Lancierung im Sommer 2016 gingen nämlich die politischen Wogen hoch. Das Staatsinstitut umgehe mit dem ausländischen Crowdlending-Joint-Venture das im Postorganisationsgesetz stipulierte Verbot von Kreditvergaben, monierten Kritiker. Allen voran die konkurrierten Geschäftsbanken witterten Verrat am Verbot. Der Walliser SP-Nationalrat Mathias Reynard schrieb daraufhin eine umfängliche Interpellation an den Bundesrat betreffend «Folgen und Risiken» der «neuen Tätigkeiten der Postfinance».

Und die stets nüchterne «NZZ» sah die Postfinance gar, sich mit ihrem Lendico-Joint-Venture in den «Dunkelgraubereich» zu bewegen. Sprecher Möri findet die Kritik «unzutreffend» und stellt klar: «PostFinance vergibt über die Lendico Schweiz AG keine Kredite.» Sie vermittelt auch praktisch keine, möchte man anfügen.