Raiffeisen – Abschreiben im Streit

Raiffeisen Die neue Führung schreibt das KMU-Portfolio ab. Die Wertberichtigung auf den Investnet-Firmen interessiert auch die Staatsanwaltschaft.

Dialog bringt uns weiter. So lautet das Motto von Raiffeisen für ihren Geschäftsbericht 2018, der Anfang April erscheint. In der Affäre um das KMU-Beteiligungsvehikel Investnet ist der Gesprächsfaden jedoch längst gerissen.

Raiffeisen ficht die Verträge mit den Minderheitsaktionären an. Die Investnet Holding gehört zu 40 Prozent den beiden Gründern Peter Wüst und Andreas Etter sowie Raiffeisen-Ex-Chef Pierin Vincenz. In ihrer Nichtigkeitsklage argumentiert die Genossenschaftsbank mit «Willensmängeln», also von Vincenz und Co. getäuscht worden zu sein. Womit auch der Aktionärsbindungsvertrag Makulatur sei. Die Raiffeisen-Argumentation basiert auf einer laufenden Strafuntersuchung. Gegen alle drei Investnet-Minderheitsaktionäre ermittelt die Zürcher Staatsanwaltschaft nämlich seit letztem Frühjahr wegen ungetreuer Geschäftsbesorgung.

Unterlagen zur Wertanpassung

Inmitten der straf- und zivilrechtlichen Auseinandersetzung hat die neue Raiffeisen-Führungscrew um Chef Heinz Huber und Präsident Guy Lachappelle nun eine substanzielle Wertberichtigung auf eben diesem KMU-Beteiligungsvehikel vorgenommen: Das Portfolio umfasst über dreissig Firmen in der Schweiz, Deutschland und Österreich und wird statt der bisherigen 305 Millionen Franken noch mit 180 Millionen Franken in den Büchern stehen. Diese Wertanpassung interessiert nun offenbar auch die Zürcher Staatsanwaltschaft. Schliesslich stehen Vincenz und Co. im Rahmen der Strafuntersuchung in Verdacht, die Genossenschaftsbank mit verdeckten Treuhandverträgen beim Investnet-Einstieg getäuscht zu haben. Der leitende Strafermittler Marc Jean-Richard-dit-Bressel hat deshalb die Unterlagen zur Investnet-Wertanpassung edieren lassen, wie die «Handelszeitung» erfahren hat. Auf Anfrage hält sich die Staatsanwaltschaft bedeckt. Auch die Bank macht keine Angaben zu den «laufenden Verfahren».

Besonderes Augenmerk auf Werterhalt

Die neue Raiffeisen-Führungscrew nimmt beim KMU-Portfolio also eine Bewertungsanpassung von 125 Millionen Franken vor. Davon sind gemäss der Bank rund 100 Millionen Franken Wertberichtigungen und Abschreiber auf Goodwill. 25 Millionen entfallen auf Rückstellungen für Rechtskosten. Die Führung spricht nach dem Schritt von einem «realistischen finanziellen Bild». Eines, das für das neue Management wohl eine möglichst gute Ausgangslage schafft.

Denn noch im jüngsten Halbjahresbericht betonte Raiffeisen, dass man dem «Werterhalt der Portfoliogesellschaften» ein «besonderes Augenmerk» schenke. Auch steht der Abschreiber in Kontrast zu einem Bewertungsgutachten, das Raiffeisen seinerzeit selbst bei EY in Auftrag gegeben hatte. Die «Big Four»-Wirtschaftsberater kommen darin zum Schluss, dass per Ende 2017 der Substanzwert nur schon auf den 14 grössten Beteiligungen aus dem KMU-Portfolio mehr als 110 Millionen Franken betragen würden. Der Substanzwert gilt gemeinhin als Preisuntergrenze, da er die zukünftige Ertragskraft einer Firma nicht berücksichtigt.

Viel Upside für Ulf Berg

Die EY-Schätzung macht also deutlich, wie konservativ das Duo Lachappelle und Huber nun das KMU-Portfolio bewertet. Dies erlaubt zum einen dem neu angeheuerten Portfoliomanager – BLR & Partners – um EMS-Präsident Ulf Berg und Sunrise-Präsident Peter Kurer einen unbeschwerten Start mit viel finanziellem «Upside». Zum anderen dürfte das Vorsichtsprinzip der neuen Führung den Standpunkt der Bank in den laufenden Rechtsverfahren untermauern, wonach Raiffeisen sich unter der Führung von Ex-Chef Pierin Vincenz das Investnet-Portfolio teuer erkauft habe. Der neue CEO Heinz Huber erklärte denn auch an der Jahrespressekonferenz, dass der Abschreiber seinen «Ursprung» in der Ära Vincenz habe.

Gutachten beim Investnet-Einstieg

Das Manöver erscheint durchsichtig. Ob es juristisch verfängt, bleibt abzuwarten. Denn der finanzielle Einstieg der Genossenschaftsbank in das KMU-Vehikel Investnet 2012 war keine klandestine Hauruck-Aktion von Pierin Vincenz und seinem dauermandatierten Freund Beat Stocker. Vielmehr war es Patrik Gisel, der damalige Leiter Markt und spätere Bankchef, der mit den Investnet-Gründern den Einstieg zu Ende verhandelte. Gisel stützte sich in den Verhandlungen auf ein Gutachten zu Investnet, das die Bank bei der Finanzboutique IFBC eingeholt hatte. Geschrieben hatte es der Corporate-Finance-Experte Thomas Vettiger. Dieser wollte sich auf Anfrage nicht dazu äussern. Fest steht, dass der damalige Raiffeisen-Verwaltungsrat wie auch die Geschäftsleitung Kenntnis vom IFBC-Papier hatten. Die Empfehlungen wurden aber nicht «eins zu eins» übernommen, sagt ein Involvierter. Die Sache nahm ihren Lauf.

Am 1. Juli 2020 wären nun Vincenz, Etter und Wüst berechtigt, ihre Investnet-Anteile der Raiffeisen Schweiz zu «einer definierten Bewertungsmethodik» anzudienen. Ob die Bank zahlen muss, dürften wohl die Gerichte entscheiden.

Vergangenheit holt die Banken ein

Vor zehn Jahren, im März 2009, vollzog unsere Landesregierung eine spektakuläre Kehrtwende: Woran sich das Ausland zuvor noch die Zähne ausgebissen hatte, wurde über die Amtshilfe in Steuersachen aufgeweicht und später mit dem automatischen Informationsaustausch AIA ganz abgeschafft. Die Rede ist vom steuerlichen Bankgeheimnis für ausländische Kunden. Der bundesrätliche Kotau auf Druck der Staatengemeinschaft hat im Swiss Banking einen Epochenbruch eingeleitet. Einerseits ist die Vermögensverwaltung keine Goldgrube mehr. Anderseits sind die Banken auch nach zehn Jahren noch daran, die Altlasten der Schwarzgeld-Ära abzutragen. Dabei wurde offensichtlich unterschätzt, dass die neue Fiskaltransparenz den Steuervögten unserer Nachbarn geradewegs in die Hände spielt.

Inexistenter Marktzugang

Am Beispiel Italiens zeigt sich, dass die Behörden dank Selbstanzeigern und den AIA-Daten genau wissen, wie die Schweizer Banker ihrer Klientel seinerzeit bei der Steuerflucht geholfen haben. Dieses Herrschaftswissen wird nun kompromisslos eingesetzt, um den Banken möglichst viel Geld im Nachhinein abzutrotzen. Man mag über diese Machtpolitik wahlweise jammern oder zetern. Umgekehrt ist auch klar: Wer die Vergangenheit nicht bereinigt, kann nicht darauf hoffen, in der Zukunft ins Geschäft zu kommen. Der inexistente Marktzugang in Teilen Europas zeugt davon.

Vendetta italiana – wie Italiens Steuerpolizei Schweizer Banken ins Visier nimmt

Finanzplatz Italiens Steuerpolizei will von Dutzenden Schweizer Banken wissen, wie sie ihre Geldgeschäfte im Bel Paese betrieben haben. Es drohen Nachforderungen.

Anfang November führte die italienische Finanzpolizei in Mailand eine Razzia durch. Im Visier: 18 Manager der Tessiner Privatbank PKB. Der Verdacht: Die Banker hätten ihrer italienischen Klientel zur Steuerflucht verholfen. Die Rede ist von 198 Kunden, die über 400 Millionen Euro nach Lugano verschoben haben sollen. Der Mailänder Staatsanwalt Francesco Greco, der zuvor das Verfahren gegen die Credit Suisse Ende 2016 zum Abschluss führte, stützt sich in den Ermittlungen auf Aussagen von Selbstanzeigern. Der italienische Fiskus verfügt nämlich über detaillierte Informationen zu den Steuervermeidungspraktiken seiner Bürger. Alleine bei Offenlegungs-Programmen bis 2016 kamen 130 000 Auslandkonti ans Licht.

Fragebogen aus Mailand

Der Tessiner Rechtsanwalt und Geldwäscherei-Experte Paolo Bernasconi ist überzeugt, dass die Ermittlungen gegen die PKB erst der Auftakt einer «koordinierten Aktion» seien: «Die Mailänder Staatsanwaltschaft wird weitere Schweizer Banken ins Visier nehmen.» Einen Vorgeschmack liefern zwei Fragebogen, welche die italienischen Steuerbehörden beziehungsweise die Finanzpolizei kürzlich nacheinander an Schweizer Banken geschickt haben. Wie viele hiesige Institute diese Schreiben erhalten haben, bleibt unklar. Die «Handelszeitung» hat ein halbes Dutzend Banken angeschrieben: Die meisten winken ab, wollen gar nichts dazu sagen. Andere betonen, «von der Aktion nicht betroffen» zu sein.

Ein hiesiger Bankenvertreter spricht von etwa «zwei Dutzend Empfängern» hierzulande. In Italien ist gar die Rede von bis zu 160 Banken aus der Schweiz, Monaco, Liechtenstein und Grossbritannien, die Post aus Mailand erhalten haben sollen. Beide Fragebogen sind jeweils inhaltlich praktisch identisch und liegen der «Handelszeitung» vor. Jenes Schreiben der Steuerbehörde wurde im Dezember verschickt, jener Brief der Guardia di Finanza (GdF) datiert vom 21. Januar mit einer Antwortfrist von zwanzig Tagen (siehe Faksimile). Darin wollen die Steuerfahnder für die Jahre 2013 bis 2017 im Detail wissen, wie und mit was die Banken am Geschäft mit ihren italienischen Kunden verdient haben.

Treuhänder im Spiel

Beispielsweise, ob die jeweilige Bank ihrer Kundschaft Auslandkredite, insbesondere Hypotheken, gewährt hat. Auch fragt die Finanzpolizei nach den Namen der «in Italien tätigen Kundenberater». Dies lässt beim Schweizerischen Bankpersonalverband SBPV die Alarmglocken schrillen. «Die Persönlichkeitsrechte der Mitarbeitenden sind zu schützen», mahnt SBPV-Geschäftsführerin Denise Chervet an die Adresse der befragten Banken. Weiter dreht sich der Questionario um die Art und Weise, wie die Vermögenden im Bel Paese beraten wurden. Die GdF will wissen, ob Treuhänder, Tochtergesellschaften oder Beteiligungshäuser bei den Geldgeschäften im Spiel waren.

Für Rechtsexperte Bernasconi ist klar, worauf die Fragen der Fiskalfahnder abzielen: nachzuweisen, dass die Aktivitäten ausländischer Banken in Italien so intensiv waren, dass sie dort de facto Betriebsstätten persönlicher oder gar materieller Art hatten. Mit der Konsequenz, dass die Tätigkeiten von Schweizer Bankern zu Gewinnen geführt haben, aus denen Steuern gegenüber dem italienischen Fiskus geschuldet würden. Insbesondere geht es um Zinserträge auf Hypotheken und Lombardkredite vermögender Italiener. Darauf wäre für die Banken eine Quellensteuer in der Höhe von 12,5 Prozent fällig. In der Summe sind diese möglichen Fiskalausstände für die betroffenen Finanzinstitute wohl eher bescheiden.

Weitere Banken im Fadenkreuz

Allerdings mutmasste die Mailänder Wirtschaftszeitung «Il Sole 24 Ore» jüngst, dass «der Streitfall auch in ein Strafverfahren übergehen könnte». Auch der Tessiner Anwalt Bernasconi vermutet, dass die Fragebögen in erster Linie dazu dienen, jenes Wissen, das der italienische Staat durch die Offenlegungs-Programme erlangt hat, nun mit den Antworten der Banken abzugleichen. Der Mailänder Staatsanwalt Greco hat jedenfalls im Nachgang zur PKB-Razzia bereits durchblicken lassen, dass wohl weitere Banken mit ähnlichen Vergehen ins Fadenkreuz geraten werden.

Ob dies bloss leere Drohungen sind, wird sich weisen. In der Schweiz nehmen Behörden wie Bankenvertreter die Post aus Mailand jedenfalls ernst. So hat die Schweizerische Bankiervereinigung (SBVg) unter Einbezug des Staatssekretariats für internationale Finanzfragen SIF einen Leitfaden für ihre Mitglieder ausgearbeitet. Gestützt auch auf externe Rechtsgutachten.

Bern ist alarmiert

Beim SBVg heisst es, man habe die betroffenen Mitglieder darüber informiert, ob und wie die Fragen der italienischen Steuerbehörden mit dem Schweizer Bankgeheimnis, den geltenden Datenschutzrichtlinien und Artikel 271 StGB («Verbotene Handlungen für einen fremden Staat») in Konflikt geraten. Der Leitfaden sei keine Handlungsanweisung, so ein SBVg-Sprecher: «Letztlich hat jede Bank eine individuelle Ausgangslage und muss für sich entscheiden, ob und wie sie auf den Fragebogen antworten möchte.» Zumindest haben die Finanzplatzvertreter die Möglichkeit, den Zeitdruck aus der heiklen Angelegenheit zu nehmen. Die betroffenen Banken können in Mailand um Fristerstreckung ersuchen.

Alpiq vs. Bouygues – Feilschen à la française

Alpiq Der Stromriese streitet mit Bouygues um den Preis einer Tochterfirma. Die Franzosen haben schlechte Karten.

Ende März letzten Jahres schien Jasmin Staiblin am Ziel: «Wir haben es gepackt!», sagte die damalige Alpiq-Chefin in der «Bilanz». Staiblins «Befreiungsschlag aus der Krise» bedeutete, dass der Stromkonzern sein Engineering-Geschäft – bestehend aus der Schweizer Intec und der deutschen Kraftanlagen Gruppe – verkauft und sich so ein Liquiditätspolster schafft, um mit defizitärem Kraftwerkspark die Strompreis-Baisse aussitzen zu können. Dazu sollten gut 7500 Alpiq-Mitarbeitende für 850 Millionen Franken zum französischen Baukonglomerat Bouygues wechseln.

Alpiq fordert gut 13 Millionen Franken mehr

Jetzt, kein Jahr später, erscheint dieser Mega-Deal der «Turnaround-Managerin» Staiblin in einem anderen Licht: Käuferin Bouygues fordert nämlich vor einem Schiedsgericht in Genf einen Preisnachlass von 205 Millionen Franken. Dies entspricht einem Viertel des Kaufpreises. Gemäss mehreren Quellen führt Bouygues einen Strauss von Gründen für den happigen Preisabschlag ins Feld. Die Engineering-Sparte soll die in der Due Diligence projizierten Geschäftsziele verfehlt haben, wodurch die Franzosen die Assets neu bewertet sehen. Nicht zuletzt, weil Bouygues auch Probleme bei Grossprojekten ausmacht. Namentlich bei der deutschen Kraftanlagen Gruppe.

Im Gegenzug fordert Alpiq gut 13 Millionen Franken. Ein Aufschlag, der auf den Zahlen der Schlussbilanz basiert. Sie wurde von Bouygues-Mitarbeitern im Oktober, also drei Monate nach dem Closing, erstellt. Konzernchefin Staiblin muss dieses juristische Tauziehen nicht mehr kümmern. Sie hat Alpiq auf Ende Jahr verlassen, da ihr eine substanzielle Lohnreduktion drohte. Derzeit ist Staiblin für Managementaufgaben bei Firmen in Deutschland im Gespräch.

Bouygues hat viel Goodwill auf der Bilanz

«Wir hätten Alpiq ES nicht gekauft, wenn wir nicht an die Zukunft des Geschäfts glaubten», sagt Multimilliardär und Patron Martin Bouygues jüngst gegenüber Analysten. Überdies will Bouygues sich zum Schiedsgerichtsverfahren nicht äussern. Fest steht, dass sich der Pariser Konzern mit dem Alpiq-Deal viel Goodwill aufgeladen hat. Eine halbe Milliarde bei der Construction-Tochter und 80 Millionen Franken beim Tiefbauer Colas.

Goodwill, der sich als werthaltig erweisen muss. Ein schwieriges Unterfangen, denn die Franzosen haben jene Businesspläne, die ihnen Alpiq in der Due Diligence vorlegte, für bare Münze genommen und sehen sich nun mit schlechteren Resultaten konfrontiert. Kein Wunder, denn die Businesspläne basierten auf Prognosen von Mitte 2017, und zwar aus der heiteren Sicht der Verkäuferin Alpiq. In Paris schlug man also den Rechtsgrundsatz «Caveat emptor», wonach der Käufer das Rechtsrisiko trägt, einfach in den Wind.

Zwar gibt es im Vertrag einen Preisanpassungsmechanismus. Aber als Stichtag für den «finalen Anpassungsbetrag» gilt das Closing Ende Juli 2018. Der Betrag wird beeinflusst von harten Faktoren wie Liquiditätsstand der verkauften Gesellschaften, buchhalterischen Einflüssen, Abschluss- und Prüfprozessen sowie der Bewertung von Pensionskassenverpflichtungen und Projekten. Und da gilt vor allem die deutsche Kraftanlagen Gruppe als Sorgenkind. Die Alpiq-Tochter schrieb gemäss Dokumenten 2016 einen Verlust von knapp 40 Millionen Euro bei einem Eigenkapital von 45 Millionen Euro. Beispielsweise soll es auf Grossprojekten wie einem 290-Millionen-Euro-Gasheizkraftwerk in Kiel zu massiven Verzögerungen gekommen sein. Die lokale Presse schrieb gar von einem «Baustellen-Chaos». Die Kraftanlagen Gruppe amtet in Norddeutschland als Generalunternehmerin.

Bieterrunde für Alpiq ES im Advent

Der jetzige Rechtsstreit hat indes eine lange Vorgeschichte. Das Alpiq-Führungsduo Konzernchefin Staiblin und Finanzchef Thomas Bucher setzte bis im Frühherbst 2017 alle Hoffnung auf die Wasserkraft. Ein Verkauf eines Minderheitsanteils von 49 Prozent am Hydropark hätte dem Stromkonzern die Schuldenlast erleichtern sollen. Doch bei Staiblin und Co. reifte die Einsicht, dass kein Interessent bereit war, die regulatorischen Risiken der Wasserkraft als Juniorpartner zu tragen. Zumindest nicht zu einem Preis, der keine weiteren Abschreiber verursacht hätte.

Und so setzte das Alpiq-Management zum Wendemanöver an: Statt dem Wasserschloss sollte nun das Engineering verkauft werden. Ein transformativer Deal, der aus einem internationalen Energiekonzern ein börsenkotiertes Elektrizitäts-KMU machen sollte. Assistiert von Goldman Sachs lancierte Alpiq – rund drei Monate nach dem Hydro-Stopp – vor Weihnachten 2017 eine erste Bieterrunde. In einem geschützten Dokumentenraum gab Alpiq Kaufinteressenten Zugriff auf 100 000 hochvertrauliche Geschäftsdokumente, darunter auch auf die Businesspläne. Bouygues prüfte gemäss einem Insider die Bücher der Alpiq ES allerdings nicht selbst, sondern setzte einen externen Dienstleister dafür ein.

Bouygues präsentiert Alpiq die Rechnung

Schliesslich befanden sich in der Endausmarchung noch zwei französische Industriegiganten: Bouygues und Engie, die ehemalige GDF Suez. Erstere bot mehr und erhielt schliesslich den Zuschlag. 850 Millionen Franken, davon 800 Millionen in bar. Ein stolzer Preis, den Alpiq-Chefin Staiblin Ende März ankündigen konnte: «Mit Bouygues Construction als neuer Eigentümerin von Intec und Kraftanlagen Gruppe wurde eine Winwin-Situation geschaffen.»

Doch bald schon rumorte es zwischen Paris und Lausanne: Während Alpiq im Closing den rechtlichen Abschluss der Transaktion sah, war dies für Bouygues der Auftakt zu den eigentlichen Preisverhandlungen. Die Franzosen brachen mit der bisherigen Rechnungslegungspraxis und operierten mit Worst-Case-Szenarien und happigen Rückstellungen. Kurz vor Jahresende präsentierten die Pariser dann Alpiq ihre Version des Kaufpreises. Affaire à suivre.

Axpo soll sich aufspalten

Stromkonzern Axpo Die Kantonseigner sollen die Gefahren von Auslandsaktivitäten und im Handel der Axpo vertieft prüfen. Dies fordern die Grünliberalen in mehreren Vorstössen.

Die Axpo dürfte in der Nordostschweiz bald für politische Spannungen sorgen. Die Grünliberalen reichen in den Kantonen Zürich, Schaffhausen, Thurgau, Glarus und Aargau parlamentarische Vorstösse ein, welche die «hohen Risiken» des Stromkonzerns ins Visier nehmen sollen, wie es in einem Postulat heisst, das der «Handelszeitung» vorliegt. Konkret bringt die GLP die Geschäfte der Axpo im Stromhandel und bei ihren Auslandsaktivitäten aufs politische Parkett. Die Kantonsregierungen seien aufgefordert, die damit verbundenen Risiken «vertieft zu prüfen» und zeitnah Bericht zu erstatten. Dabei führen die Grünliberalen ordnungspolitische, operative und betriebswirtschaftliche Gründe an. Die Rede ist von einer «Aufspaltung der Axpo Holding» in Produktionseinheit samt Netzen und eine «marktorientierte Einheit», die zu veräussern sei.

Wiederholte Kapitalerhöhungen bei Axpo Solutions

Ordnungspolitisch kritisiert die GLP die Tätigkeiten der Tochterfirma Solutions. Namentlich: den Eigenhandel mit Elektrizität, das Origination-Geschäft in Italien, Spanien, Osteuropa und den Vereinigten Staaten sowie die Entwicklung von Windparks im Ausland. Aus Sicht der GLP sind solche Geschäfte «keine Kernaufgaben eines Nordostschweizer Konkordats».

Betriebswirtschaftlich führt die Partei ins Feld, dass die Handelstochter Solutions in den letzten fünf Jahren kumuliert über eine Milliarde Franken Verlust geschrieben habe und erst im letzten Geschäftsjahr in die Gewinnzone zurückgekehrt sei. Trotz wiederholten Kapitalerhöhungen seit 2014 von insgesamt 1,4 Milliarden Franken und einem Verzicht auf Dividendenzahlungen an die Axpo-Mutter sei das Eigenkapital der Solutions seit 2013 nicht angestiegen. «Die Kapitalerhöhungen scheinen einfach ‹verpufft› zu sein», heisst es im GLP-Postulat.

Schlanke Axpo gefordert

Gleichzeitig sei die Bilanzsumme der Axpo Solutions «förmlich explodiert», von 6,7 auf 11 Milliarden Franken. «Dies bedeutet, dass primär die Schulden massiv zugenommen haben und die Risiken erhöht wurden», folgert die GLP und will wissen, ob «in Wirklichkeit im hochspekulativen und kapitalintensiven Handelsund Vertriebsgeschäft der Axpo in den vergangenen Jahren massiv Volksvermögen vernichtet wurde und (zu) grosse Risikopositionen aufgebaut werden». Bei der GLP ist man überzeugt, dass zwischen dem Handelsgeschäft und der Produktion «wenige Synergien» bestünden. Die Vermarktung der Axpo-Energie könne «über Ausschreibung» erfolgen. Die Rede ist von einer schlanken «Produktions- und Netzaxpo» ohne Ausland und Handel.

Axpo betont, dass die beiden Bereiche seit Jahren das zweite wichtige Standbein seien, das substanzielle Ergebnisbeiträge liefere: «Eine einseitige Fokussierung auf das strompreisabhängige Geschäft wäre gefährlich.» Für die Aktionäre wäre zudem eine Abspaltung des Handelsgeschäfts mit einem Wertverlust in dreistelliger Millionenhöhe verbunden. Auch das Auslandsgeschäft trage wesentlich zur soliden Bilanz bei. Überdies sei das Risikomanagement eine der Kernkompetenzen der Axpo».

Es droht ein kalter Entzug

Verbriefte Kredite Die Zahlen machen schwindelig. Alleine in den USA sind hochgehebelte Unternehmenskredite, sogenannte Leveraged Loans, in der Grössenordnung von etwa 1 Billion Dollar ausstehend. Es handelt sich um Darlehen auf Ramschniveau. Oder etwas sophistizierter ausgedrückt: Non-Investment-Grade-Kredite. An sich ist dies noch kein Grund zur Sorge, denn den Dienst am eigenen Schuldenberg kann eine Firma locker bestreiten, solange die Wirtschaft brummt, die Gläubiger vor Optimismus strotzen und an den Finanzmärkten Champagnerlaune herrscht.

Wurstfabrik läuft wieder auf Hochtouren

Inzwischen aber hat die Sorglosigkeit, zumindest in den Vereinigten Staaten, überhandgenommen. Im Mutterland des Finanzcasinos filetiert die Wall Street in bester Subprime-Tradition Ramschkredite zu sogenannten Collateralized Loan Obligations (CLO) und verkauft die Kredittranchen an Investoren, die nach langen Tiefzins-Jahren um jedes Prozent Überrendite buhlen und dabei alle Vorsicht fahren lassen. Strenge Kreditklauseln für schlechte Schuldner sind ebenso passé wie die regulatorische Pflicht der Emittenten, einen Mindestanteil selbst zu zeichnen, was der «Nach mir die Sintflut»-Mentalität natürlich Vorschub leistet. Oder um es mit dem Bonmot von Ex-Bankier Konrad Hummler zu sagen: Die Wurstfabrik läuft auf Hochtouren. Und was für Zutaten im Brät sind, ist egal. Die Lebensmittelaufsicht soll besser nicht zu genau hinschauen.

Was hat uns 2008 gelehrt? Dass die nächste Krise bestimmt kommt. Nach der langen Party mit billigem Geld droht diesmal ein kalter Entzug.

Wurst of Wall Street

Verbriefte Kredite Das Geschäft mit Collateralized Loan Obligations boomt. Der Risikoappetit wächst, die Risiken selbst ebenfalls. Beim Verbriefen hochgehebelter Firmenkredite ist die Credit Suisse ganz vorn dabei.

Den ersten Deal des Jahres hatten die Assetmanager der Credit Suisse schon Ende Januar in der Tasche: «Cadogan Square CLO XIII DAC» lautet der sperrige Name des 400 Millionen Euro schweren Finanzvehikels, dessen Darlehensportfolio die Grossbank geschnürt hat. Beim «Cadogan Square» handelt es sich um ein strukturiertes Kreditprodukt, um eine sogenannte Collateralized Loan Obligation CLO.

Dazu trägt das vierzigköpfige CLOTeam der CS in London mannigfaltige Unternehmenskredite zusammen, bündelt sie und strukturiert das Darlehensbündel nach Risikoklassen. So portioniert begibt die Bank die Kredittranchen anschliessend als CLO an professionelle Investoren wie Pensionskassen, Investmentfunds oder Family Offices. Je nach Risikoappetit winken relativ hohe Renditen. Im Beispiel des «Cadogan Square» hat der prognostizierte Coupon einen Zinsaufschlag von bis zu 7,9 Prozent auf dem Referenzsatz für Termingeld (Euribor). Noch mehr Rendite versprechen jene knapp 37 Millionen Euro an nachrangigen Darlehen. Solche hochspekulativen Tranchen können bei den CLO über die gesamte Laufzeit bis zu 20 Prozent Jahresrendite abwerfen.

Volumen seit 2008 stark gestiegen

Angesichts solch potenzieller Profite verwundert es nicht, dass Family Offices, Pensionskassen und andere Institutionelle sich um die Kreditbündel reissen. Das Emissionsvolumen an CLO ist seit der Finanzkrise 2008 wieder stark angestiegen. Haupttreiber hierfür ist das Tiefzinsumfeld, das trotz schrittweiser Anhebung der Leitzinsen in den USA das Vorkrisenniveau nicht wieder erreicht hat. Ganz zu schweigen von der Situation in Europa, wo die Zentralbanken die Leitzinsen bei null halten oder gar in den negativen Bereich drücken.

Der strukturelle Renditenotstand auf relativ sicheren Anlageklassen wie Staatsanleihen hält also an und vergrössert zwangsläufig den Risikoappetit der Investoren. Gleichzeitig verleitet die Zentralbankenpolitik des billigen Geldes Unternehmen zum Schuldenmachen. Gemäss Bank für Internationalen Zahlungsausgleich (BIZ) haben sich die Volumen gehebelter Unternehmenskredite und hochverzinslicher Anleihen seit 2008 mehr als verdoppelt.

Dabei erfreuen sich vor allem Kredite bereits stark verschuldeter Unternehmen in den vergangenen Jahren grosser Nachfrage. In den USA sind mittlerweile 1 Billion Dollar an «leverage loans» ausstehend. Diese haben im Gegensatz zu hochverzinslichen Anleihen keinen fixen Zinscoupon, sondern eine Risikoprämie auf Interbankensätze wie den Libor. Selbst wenn die US-Notenbank oder die EZB an der Zinsschraube drehen sollte, bleibt aus Sicht der Investoren die Renditedifferenz erhalten.

Möglicher Kreditausfall

Allerdings hat sich die Überrendite auf Unternehmenskredite in den USA seit 2010 praktisch halbiert. Oder anders ausgedrückt: Für Schuldner mit schlechter Bonität ist es billiger geworden, sich weiter zu verschulden. Gleichzeitig werden die Gläubiger nachlässiger, wenn es darum geht, ihr Kapital vor einem möglichen Kreditausfall zu schützen. So hat der Anteil von «covenant-lite»-Krediten den höchsten Wert seit der Finanzkrise erreicht. Das sind Darlehen ohne Kreditklauseln und Solvenz-Checks, die einen kompletten Zahlungsausfall verhindern sollen.

Der beschriebene Boom bei «leverage loans» ist, nebst dem billigen Zentralbanken-Geld, auch auf die Verbriefung der Kredite zurückzuführen. «Die darlehensgebenden Banken finden es einfacher, diese Kredite zu verbriefen und zu verkaufen», schreibt BIZ-Ökonom Tirupam Goel. Vor der Finanzkrise hielten die Banken nämlich einen Grossteil der verbrieften Kredite in eigenen ausserbilanziellen Special Purpose Vehicles, deren Hochrisikopositionen erst beim Crash von Herbst 2008 ruchbar wurden. Heute dagegen reichen die Bankhäuser ihre Kredite über strukturierte Collateralized Loan Obligations an Finanzinvestoren weiter. Da wichtige Käufer von CLO Investmentfonds sind, könnte es im Falle einer Kreditkrise zu Notverkäufen der Fonds kommen, wodurch die Preise weiter unter Druck kämen. «Diese Dynamik kann sich nicht nur auf Investoren, die diese Kredite halten, auswirken, sondern auch auf die gesamte Wirtschaft», schreibt Ökonom Goel.

Gehacktes aus Filets und Abfall

Dabei spielt die Verbriefung eine zentrale Rolle, indem sie das Risiko zwar grossflächig streut, aber im Falle einer Krise auch das Misstrauen unter den Marktteilnehmern grösstmöglich schürt. Ex-Bankier Konrad Hummler prägte dabei das Bild der Wurstfabrik: «Während früher reale Einzelstücke – Hypotheken oder Geschäftskredite als Filets oder Haxen sozusagen – integral platziert wurden, wurden diese schönen Stücke mit der Zeit immer mehr zerhackt, vermengt, gewürzt und verpackt.» Mit einer CLO-Cervelat, um bei Hummlers Metapher zu bleiben, schwindet bei den Emittenten nämlich das Verantwortungsgefühl für deren Zutaten. Die Kreditrisiken tragen ja nun diverse Dritte.Post-

Subprime-Regel aufgehoben

Um diesem «Nach mir die Sintflut»- Phänomen zu begegnen, haben die Aufsichtsbehörden nach der Subprime-Krise einen Risikoeinbehalt eingeführt, der seit 2010 in der EU gilt und seit 2016 in den USA. Demzufolge müssen CLOEmittenten jeweils 5 Prozent ihres Kreditvehikels selber zeichnen. Die Idee dahinter ist, dass auch der Herausgeber des verbrieften Kredits seine eigene Haut mit im Spiel hat. Doch gerade diese «Skin in the game»-Regel wurde in den USA im letzten Frühjahr durch einen Gerichtsbeschluss für nichtig erklärt. Damit sinken kapitalseitig die Eintrittshürden für neue Marktteilnehmer. Gleichzeitig haben sich bisherige CLO-Emittenten daran gemacht, ihre Zwangsanteile zu veräussern. Zu den Verkäufern der «risk retention»-Anteile gehörte gemäss Bloomberg auch die CS.

Angemessenes Risikoprofil

Die Grossbank ist seit langem im CLO-Markt aktiv und in den USA einer der grössten Marktteilnehmer (siehe Tabelle). Zum einen mit der Investment Bank als Emittent. Zum anderen im Assetmanagement beim Verwalten der Kreditportfolios. Die CS betont, man habe das CLO-Geschäft über verschiedene Kreditzyklen hinweg erfolgreich gelenkt und verwaltet: «Die Bank besitzt im CLO-Bereich ein angemessenes Risikoprofil und steuert das Engagement aktiv.» Oder wie John Popp, CLO-Topmanager bei der CS, es vor einigen Monaten formulierte: «Sie haben nur dann Probleme, wenn ein Manager überproportional in Kredite investiert, die ausfallen und Verluste haben.»

Die treibende Kraft

Falcon Bank Die Zürcher Bank wusch 1,8 Milliarden Dollar aus dem Malaysia-Staatsfonds 1MDB. Nun liegen neue Details zur Transaktion vor.

Eduardo Leemann ist gerade beim Trekken in Patagonien, hat selten Telefonempfang und keinen Kommentar zum Fall abzugeben, wie er per SMS mitteilt. Im Frühjahr 2013 dagegen befasste sich der damalige Chef der Zürcher Privatbank Falcon intensiv mit der Milliarde aus Malaysia, wie neue Gerichtsdokumente zeigen: Leemann telefonierte wiederholt mit Jho Low, dem flüchtigen Mastermind hinter dem Betrugsfall um den malaysischen Staatsfonds 1MDB. So auch am 25. März 2013, als sich der Schweizer Banker am Telefon bei Low beklagte, dass die Dokumentation der transferierten Vermögenswerte schlichtweg ungenügend sei: «Wenn es sich jemand nur schon aus der Ferne ansieht, wird das zum Problem.»

Prophetische Worte Leemanns. Denn der 1MDB-Fall bescherte Falcon Jahre später eine Sanktion der Finanzmarktaufsicht. Und der Fall treibt weltweit die Behörden bis heute um. Zuletzt geriet Goldman Sachs ins Visier der Strafverfolger.

Zum Wohle des malaysischen Volkes

Trotz Leemanns Mahnung gab die Zürcher Bank Falcon 2013 schliesslich grünes Licht für die Buchungen eines malaysischen Geschäftsmannes, ohne Geldwäscherei-Meldung zu erstatten. So gingen zwischen 21. und 25. März 1,26 Milliarden Dollar auf Falcon-Konti ein, von denen 1,06 Milliarden gleich wieder abflossen. Bis im Herbst 2013 wurden rund 1,8 Milliarden Dollar über die Bank gewaschen. Zum Vergleich: Falcon verwaltete seinerzeit knapp 14 Milliarden Franken.

Was Jho Low beziehungsweise sein Strohmann Eric Tan bei Falcon durchschleusten, waren Vermögen des malaysischen Staatsfonds 1MDB. Jenes Staatsfonds zum Wohle des malaysischen Volkes, der bis 2013 6,5 Milliarden Dollar geäufnet hatte, von denen schliesslich mehr als 2,7 Milliarden Dollar veruntreut wurden. Mit dem Geld finanzierten Jho Low und Co. ihr Luxusleben und hielten Politiker und hohe Beamte in Malaysia und Abu Dhabi bei Laune.

Compliance der Falcon übersteuern

Der 1MDB-Fall ist ein Lehrstück in globaler Wirtschaftskriminalität. Aber nicht nur. Der Fall zeigt auch exemplarisch, wie die Teppichetage einer Bank die eigene Compliance übersteuern kann. «Aus verschiedenen Telefonaufzeichnungen ergibt sich, dass der damalige CEO Eduardo Leemann nach Wahrnehmung der Angestellten zumindest zeitweise Druck ausübte, damit die Transaktionen rasch genehmigt würden», heisst es in einem jüngst ergangenen Urteil des Bundesverwaltungsgerichts (BVG). Leemann sei «die treibende Kraft» gewesen, welche die Transaktion durchführen wollte. Auch der damalige Falcon-Präsident Mohamed Al-Husseiny habe Druck ausgeübt.

Die Bankspitze peitschte also den Milliardentransfer durch, obwohl es von Anbeginn an klare Verdachtsmomente für Geldwäsche gab: Im Winter 2012 eröffnete ein Mann namens Eric Tan bei der Falcon-Filiale in Singapur mehrere Konten für seine Offshore-Gesellschaften. Tan wurde der Bank als Person aus dem Umfeld des malaysischen Premiers eingeführt. Als erfolgreicher Geschäftsmann, der gemäss Knowyour-Customer-Dokumentation ein geschätztes Vermögen von 135 Millionen Dollar hatte. Bei Falcon rechnete man deshalb mit Vermögenszuflüssen von etwa 60 Millionen Dollar. Was Tan in einem Mail am 18. März 2013 an Falcon-Chef Leemann und seine Kundenberaterin in Zürich dann aber ankündigte, sprengte mit 1,2 Milliarden Dollar jeglichen Rahmen. Seine Gesellschaften auf den Britischen Jungferninseln würden «private Darlehensvereinbarungen» mit drei Offshore-Fonds eingehen, lautete die Plausibilisierung des Jho-Low-Strohmanns. In Tat und Wahrheit stammte der Milliardenbetrag jedoch aus einer Bond-Emission des Staatsfonds 1MDB.

Wichtige Dokumente fehlten

Bei der verantwortlichen Falcon-Filiale in Singapur läuteten die Alarmglocken. Noch am Tag der ersten Transaktion war der dortige Filialleiter der Ansicht, dass diverse wichtige Fragen offen seien und Dokumente ausstünden über Herkunft und Verwendung der Gelder und die Frage, weshalb die Transaktionen überhaupt über die Bank laufen müssten. Schliesslich sollte Tans Milliarde von der Schweizer BSI eingebucht werden: Weshalb also wickelte die Tessiner Bank die Darlehensvereinbarungen nicht selber ab? Zumal für Falcon bloss 120 000 Franken an Überweisungsgebühren winkten. «Die ganze Transaktion stinkt zum Himmel nach Geldwäscherei», sagte der damalige Singapur-Leiter gemäss Gesprächsprotokollen.

Doch das verbale Aufbäumen des Bankers nützte ihm später wenig. Er geriet trotzdem in die Mühlen der 1MDB-Ermittlungen. Die Monetary Authority of Singapore entzog im Frühjahr 2017 der Falcon-Filiale die lokale Lizenz. Ihr Leiter musste für 28 Wochen hinter Gitter und erhielt im Stadtstaat ein lebenslanges Berufsverbot. Dabei hatte der Singapur-Leiter Falcon-Chef Leemann direkt kontaktiert, als ein Teil des Geldes bereits eingebucht und weiter distribuiert worden war. Auch Leemann missfiel der Milliardentransfer sichtlich und er wandte sich mit drastischen Worten in einer Telefonkonferenz an seinen damaligen Präsidenten Mohamed Al-Husseiny: «Dies ist nicht professionell, unvorbereitet und amateurhaft. Die erhaltene Dokumentation ist ein Witz, Mohamed, ein Witz! (…) Entweder du sprichst jetzt mit Jho und sagst ihm, dass er eine Dokumentation liefern soll, mit der meine Compliance leben kann, oder wir haben ein grosses Problem.»

Heikle Punkte

Passiert ist nichts. Trotz klaren Verdachtsmomenten machte die Bank keine Meldung an die Geldwäscherei-Meldestelle MROS. Nicht zuletzt, weil Präsident Al-Husseiny die Geschäfte stets zu plausibilisieren suchte und für die Rechtmässigkeit der Transfers bürgte. Was die operative Falcon-Führung damals nicht wusste: 1MDB-Mastermind Jho Low hatte den Bankpräsidenten längst gekauft, indem er Al-Husseiny bereits 2012 verdeckt rund 66 Millionen Dollar überwiesen hatte.

Das Doppelspiel von Präsident Al-Husseiny fiel allerdings auf fruchtbaren Boden: Das BVG-Urteil hält fest, dass die damalige Geschäftsleitung um CEO Leemann und COO Tobias Unger «in Kenntnis der möglicherweise geldwäschereirechtlich heiklen Punkte» agierte und die Compliance «über weite Strecken keine Entscheidbefugnis hatte, sondern vielmehr als eine Art Stabsstelle» fungierte. Dennoch attestierte der damalige Revisor Ernst & Young Falcon noch Mitte 2015, die Geldwäscherei-Prävention sei «grundsätzlich angemessen».

DSKH – In die Wolle geraten

DKSH Beim börsenkotierten Handelskonzern hängt der Haussegen schief. Mehrere Verwaltungsräte und ein Grossaktionär stehen vor dem Rückzug.

Es war ein Donnerschlag, als Jörg Wolle letzten Herbst seinen Rücktritt als DKSH Präsident auf die Generalversammlung im März 2019 ankündigte. Der Abgang erfolgte nur knapp zwei Jahre nach Amtsantritt und überraschte umso mehr, als Wolle in seinen 15 Jahren zuvor als operativer Chef den Handelskonzern so fest im Griff gehabt hatte wie kein Zweiter. DKSH – das war Wolle.

Mögliche Abgänge

Der Widerhall auf den angekündigten Weggang war intern gewaltig und hält bis heute an, wie Recherchen der «Handelszeitung» zeigen. Der auf Asien fokussierte Handelskonzern steht personell am Scheideweg. Denn nebst Wolle sind offenbar drei weitere Verwaltungsräte, unter ihnen ein Grossaktionär, drauf und dran, sich von DKSH zu verabschieden. Genannt werden Theo Siegert, Vorsitzender des Strategieausschusses, David Kamenetzky, Chefstratege des Biergiganten Anheuser-Busch InBev, und Robert Peugeot, der im Vergütungs- und Nominationsausschuss sitzt. Die Firma will sich zu möglichen Abgängen nicht äussern.

Peugeot, Spross des französischen Autobauers, präsidiert gleichzeitig die Investmentholding FFP, die grossmehrheitlich der Peugeot-Familie gehört und 5,9 Prozent an DKSH hält. FFP ist hinter dem Diethelm-Keller-Familienpool – er hält 46 Prozent – der grösste Einzelaktionär des Handelskonzerns. Peugeots Abschied aus dem Verwaltungsrat könnte, so vermuten Insider, über kurz oder lang auch den finanziellen Ausstieg der Franzosen aus DKSH bedeuten. Deren Aktienpaket ist derzeit rund 285 Millionen Franken wert.

Neues Machtzentrum bei DKSH

Der mutmassliche Exodus aus dem Verwaltungsrat lässt aufhorchen. Offenbar ging dem Abgang von Wolle und Co. ein Richtungsstreit im Gremium voraus. Dass sich das Verhältnis zwischen dem Handelskonzern und seinem Präsidenten eintrüben würde, zeichnete sich letzten Frühsommer ab. Da machte Wolle, der gemäss «Bilanz» geschätzte 200 bis 250 Millionen Franken schwer ist, einen Grossteil seiner DKSH-Aktien zu Geld: genauer gesagt 342 000 Stück oder 90 Prozent der Anteile am Asien-Dienstleister, für die er 27,2 Millionen Franken löste.

Das präsidiale Cash-out war ein unverholenes Misstrauensvotum an die Adresse der neuen operativen Führung um Stefan Butz, der seit April 2017 als DKSH-Chef amtet. Sein Langzeitvorgänger Wolle hatte ihn zuvor für stolze 4,3 Millionen Franken Handgeld väterlich ins CEO-Amt eingeführt. Doch schon bald war klar, dass sich der Neo-Präsident und der Neo-Chef in die Wolle geraten würden. Der Präsident gebärdete sich weiter als Alleinherrscher, derweil der Konzernchef in seinem Schatten stand. Butz soll sich im Verwaltungsrat deshalb an die Familienaktionäre Andreas Keller und dessen Cousin Adrian Keller gehalten haben. Seine Forderung: Mehr Ellbogenfreiheit.

Die Machtfrage spitzte sich weiter zu, bis der Diethelm-Keller-Clan dem dominanten Wolle beschied, die Zukunft ohne ihn bewältigen zu wollen. Der Bruch zwischen den langjährigen Weggefährten war komplett. Der angesäuerte VR-Präsident blies zum Rückzug und stiess sein üppiges Aktienpaket ab. Der Kehraus freilich war nicht zur Freude der Altaktionäre, denn mit dem Losschlagen seines Pakets stürzte der DKSH-Kurs fast senkrecht ab und vernichtete 800 Millionen an Börsenwert. Denn auch der abtretende Verwaltungsrat und Financier Rainer-Marc Frey entledigte sich seiner DKSH-Anteile. Praktisch zeitgleich mit Wolle.

Blühende Landschaften

Die Trennung vom Alpha-Präsidenten fiel den Keller-Cousins indes nicht schwer, im Gegenteil. Intern waren längst Zweifel aufgekommen, ob Wolle wirklich das Geld wert war, das er in seiner langen Regentschaft anhäufen durfte. Denn der fürstlich vergütete Manager aus Sachsen hat im Unternehmen nicht nur blühende Landschaften hinterlassen. Die Profitabilität lässt jedenfalls zu wünschen übrig. Der Gewinn pro DKSH-Aktie stagniert seit Jahren. Auch Wolles Umsatz und Gewinn-Ziele für 2016, die er drei Jahre zuvor proklamiert hatte, wurden nicht annähernd erreicht. Und die Wachstumsfantasien in Asien trüben sich gerade rapide ein.

Der auf maximale Macht und Honorierung ausgerichtet Wolle musste jedenfalls zusehen, wie sich das Gefüge im obersten DKSH-Gremium zu seinen Ungunsten verschob. Sein Abschieds-Communiqué lud Wolle, der keine drei Monate zuvor fast sein gesamtes Aktienpakt abgestossen hatte, noch einmal richtig mit Pathos auf: «DKSH ist auf Kurs für eine erfolgreiche Zukunft.»

Auch Topmanagerin verabschiedet sich

Der frohgemute Gruss zum Abschied konnte freilich nicht kaschieren, dass der Haussegen schief hängt. Einen Monat nach Wolles Abgangsankündigung vermeldete der Handelskonzern, dass Kommerzchefin und Leiterin der Konsumgüter-Sparte Martina Ludescher DKSH ebenfalls verlassen würde. Eine pikante Personalie: Auch Ludescher ist mit 16 Konzernjahren ein Urgestein. Die heute 41-jährige Topmanagerin startete 2003 als Wolles Assistentin und galt seither als dessen Protegée, die rasch die Karriereleiter erklomm.

Aufgrund von «Differenzen in der strategischen Orientierung und in der Implementierung organisationaler Massnahmen», schrieb die Firma, habe sie DKSH verlassen. Im Klartext: Ludescher und Butz waren sich nicht grün. Mit dem Sukkurs des Verwaltungsrates konnte der Konzernchef Butz schliesslich durchgreifen und die Ära Wolle ausläuten. Doch noch ist das eindrückliche Kapitel Jörg Wolle in der Firmenchronik des Handelshauses nicht definitiv geschlossen. Die letzte Korrektur, so scheint es, steht im Verwaltungsrat kurz bevor.

UBS – Geschäftsmodell im Stresstest

Wealth Management Die UBS ist heute vor allem und in erster Linie eine Vermögensverwalterin. Daran muss sich die grösste Bank der Schweiz messen lassen. Schliesslich stammte in den letzten Jahren mehr als die Hälfte der Vorsteuergewinne aus dem Wealth Management. Der Rest verteilte sich zu etwa gleichen Teilen auf das solide Heimgeschäft und eine Investmentbank, die operativ mal mehr, mal weniger zu überzeugen vermochte, aber immerhin ihren Kapitalhunger drastisch reduziert hat.

Abfluss im vierten Quartal

Im Kerngeschäft dagegen, der Vermögensverwaltung, gibt es Grund zur Besorgnis. Nach Jahren, in denen die UBS wie ein Staubsauger Milliarden an Neugeld einfuhr, ist die Asset-Maschine ins Stocken geraten. Gegenüber den Vorjahren haben sich die Neugelder 2018 praktisch halbiert. Im vierten Quartal resultierte gar ein Abfluss. Mit 1 Prozent liegt das «Net New Money» unter den Zielwerten von 2 bis 4 Prozent bis 2021.

Auch der Bestand, also die verwalteten Vermögen, ist 2018 um 6 Prozent gesunken. Dies ist den schwächelnden Finanzmärkten geschuldet, die rund um den Globus das Anlagejahr mit einem satten Minus beendet haben. Fürs UBS-Geschäftsmodell bedeutet dies in der Paradedisziplin – nach den Jahren der Börsenhausse – einen ersten, grossen Stresstest. Die Wealth-Managment-Chefs, Martin Blessing und Tom Naratil, müssen den Beweis erbringen, dass ihr Business auch in einem Bärenmarkt solide Ergebnisbeiträge liefern kann. Schliesslich war dies ja der strategische Claim von Sergio Ermotti, als er die Investmentbank zurechtstutzte und voll auf die Karte Vermögensverwaltung setzte.

Zweifel an Wetterfestigkeit des UBS Wealth Managements

Die jüngsten Zahlen lassen Zweifel an der Wetterfestigkeit des Wealth Managements aufkommen. Die Bremsspuren an den Börsen schlagen sich in der Erfolgsrechnung nieder: Wenn die Anleger verunsichert sind, vergeht ihnen die Lust am Wertschriftenhandel. Die Einnahmen aus dem Transaktionsgeschäft sanken entsprechend im Vergleich zum Vorjahresquartal um 16 Prozent. Zwar stiegen die Einnahmen aus wiederkehrenden Gebühren um 3 Prozent, weil die UBS mehr Vermögensverwaltungsmandate absetzen konnte. Deren Anteil liegt nun bei etwa einem Drittel, Tendenz steigend. Das ist positiv, weil die Erträge sich darauf weniger erratisch entwickeln als im Transaktionsgeschäft. Aber wenn wegen der schlechten Märkte die Asset-Basis schrumpft, dann leidet auch das Geschäft mit den Gebühren. Schliesslich bemessen sich die Fees am investierten Vermögensvolumen.

Boomjahre gehen zu Ende

In einer Baisse kommen die Einnahmen bei gleich bleibenden Kosten unter Druck. Entsprechend lag das Ertrag-Aufwand-Verhältnis im letzten Jahr bei 78 Prozent. Weit entfernt von jenen 70 Prozent, die die UBS bis 2021 erreichen will. Und dies in einem sich eintrübenden Umfeld und Finanzmärkten, denen nach Boomjahren langsam die Puste ausgeht. Die Investoren scheinen dies bereits einzupreisen. Die UBS-Aktie büsste im Jahresvergleich 30 Prozent ihres Werts ein und schnitt damit fast so schlecht ab wie die Credit Suisse. Es bleibt viel zu tun am Paradeplatz.