Poker um die Börse

SIX Das EU-Rahmenabkommen steht auf der Kippe. Mit einem Plan B will Finanzminister Ueli Maurer die Börse vor Nadelstichen aus Brüssel schützen. Doch das Abwehrdispositiv hat erhebliche Nebenwirkungen.

Es war eine klare Botschaft, die EU-Botschafter Michael Matthiessen jüngst am Auslandschweizer-Kongress im Visp hatte: Könnte die EU heute nochmal entscheiden, würde sie mit der Schweiz keine bilateralen Verträge mehr abschliessen. Aus Sicht des EU-Abgesandten geniesst unser Land nämlich eine Sonderbehandlung von der Union. Und diese müsse sich die Eidgenossenschaft erst verdienen. Ohne ein Rahmenabkommen stünde der Schweiz eine schwierige Zukunft bevor, gab der Däne drohend ins Plenum zu bedenken.

Wie dieses Zukunftsszenario aussehen könnte, hatte zuvor eine Kommissionssprecherin skizziert: Noch bis Ende Jahr hat die Schweizer Börse SIX Zugang zum europäischen Markt. Erkenne die EU auf Schweizer Seite in den nächsten Monaten beim Rahmenabkommen keine Fortschritte, erwäge sie, von einer Verlängerung abzusehen.

Es wäre ein Brüsseler Nadelstich, der tief ins Fleisch des Schweizer Finanzplatzes dringen würde: Erkennt die EU nämlich die SIX nicht als gleichwertige Börse an, gingen ihr zwischen 60 und 80 Prozent ihres Handelsgeschäfts verloren. Das hätte massive Konsequenzen. Schliesslich ist die Schweizer Börse der viertgrösste Handelsplatz in Europa mit einem Umsatz von gegen 1000 Milliarden Franken im Jahr.

Der Bundesrat will diesen Drohgebärden der EU nicht tatenlos zusehen. Bereits im Juni hat Finanzminister Ueli Maurer einen Notfallplan angekündigt für den Fall, dass die EU die Äquivalenz nicht mehr erteilen sollte. Es ist ein Katastrophenszenario, das aber angesichts des rasant bröckelnden innenpolitischen Sukkurses für das Rahmenabkommen immer näher rückt.

Brüsseler Nadelspitze stumpf machen

Dabei will Finanzminister Maurer Brüssels Nadelspitze mit einem cleveren Trick stumpf machen: In den Finanzmarktbestimmungen der EU heisst es nämlich, dass von Drittstaaten nur dann eine Börsenäquivalenz erforderlich ist, wenn Aktien aus dem betreffenden Land in der EU «regelmässig und systematisch» gehandelt werden.

Verbietet es die Schweiz den EU-Handelsplätzen wie London, Frankfurt und Paris, mit Schweizer Aktien zu handeln, wären diese folglich auch nicht mehr an die Anerkennungspflicht gebunden. Wertschriftenhändler aus der EU könnten damit weiterhin uneingeschränkten Zugang zur Schweizer Börse erhalten – eine Schlechterstellung der EU-Investoren bei Investitionen in Schweizer Aktien könnte so verhindert werden.

«Wir erachten die Eventualmassnahme des Bundesrates als sinnvolle Schutzmassnahme», sagt SIX-Sprecher Julian Chan. Man habe den Bund denn auch bei der Ausarbeitung der Schutzmassnahme unterstützt. Ähnlich positiv fällt das Urteil der Bankiervereinigung aus: «Der Bundesrat hat sehr gute Arbeit geleistet», sagt der stellvertretende Verbandsdirektor August Benz. «Mit der Schutzmassnahme kann das Schadenspotenzial einer nicht gewährten Börsenäquivalenz gewissermassen abgefedert werden.» Zugleich könne man so dem Risiko begegnen, dass die Börsenbetreiberin SIX Teile ihrer Finanzinfrastruktur in den europäischen Raum verlagere.

Liquidität von Schweizer Aktien nimmt ab

Doch so gross das Wohlwollen der Finanzplatzvertreter gegenüber dem Vorgehen des Bundesrats ist: Das Manöver des Bundesrats birgt erhebliche Risiken und Nebenwirkungen. Der Anteil ausländischer Börsen am Handelsvolumen von grosskapitalisierten Schweizer Titeln ist nämlich beträchtlich (siehe Box). Mehr als ein Drittel der Aktien der umsatzstärksten Schweizer Unternehmen werden gegenwärtig über europäische Plattformen wie Cboe gehandelt. «Sollte der Bund die Eventualmassnahmen in Kraft setzen, wird die Liquidität auf diesen Blue Chips abnehmen», warnt ein einflussreicher Finanzmanager.

Eine Furcht, die man auch bei Economiesuisse teilt. Der Wirtschaftsdachverband unterstützt zwar das Vorgehen des Bundesrats. Es sei wichtig, dass der Bundesrat über eine Notfallplanung verfüge für den Fall, dass die EU der Schweiz die Börsenäquivalenz aberkenne, sagt Jan Atteslander, Leiter Aussenwirtschaft beim Verband. «Es stellen sich allerdings in diesem Zusammenhang schwierige technische und rechtliche Fragen.»

Geplante Manöver

Atteslander bezweifelt, dass das geplante Manöver von Bundesrat Maurer ohne Kollateralschäden vonstatten gehen würde: «Es hätte Folgen für kotierte Schweizer Unternehmen, wenn sie nicht mehr an ausländischen Handelsplätzen zugelassen sind.» Der Bund müsste deshalb die Auswirkungen auf die Liquidität des Handels prüfen, falls die fehlende Äquivalenzanerkennung eine Barriere für bestimmte EU-Investoren darstelle. Schliesslich wären auch bankenseitig deren eigene Handelssysteme betroffen, so der Economiesuisse-Mann.

Auch beim Verband Swissholdings, dem global tätige Konzerne wie ABB, Roche, Novartis oder Schindler angehören, macht man sich Sorgen. «Tritt tatsächlich der Fall ein, dass die EU der Schweiz die Börsenäquivalenz entzieht, stehen unsere Unternehmen hinter den Schutzmassnahmen von Finanzminister Ueli Maurer», sagt Sprecher Pascal Nussbaum zwar. Wie sich diese langfristig am Markt auswirken würden, sei jedoch ungewiss. Es seien verschiedene Szenarien denkbar.

Das Abwehrdispositiv von Bundesrat Maurer birgt denn auch viele Unbekannte. Ob die europäischen Wertschriftenhändler künftig tatsächlich im gleichen Masse Schweizer Aktien in der Schweiz kaufen wie früher über ausländische Handelsplattformen, ist ungewiss. «Niemand kann genau abschätzen, was passieren wird», erklärt ein Verbandsvertreter. Die Titel der allergrössten Schweizer Unternehmen wie Nestlé, ABB oder Lafarge Holcim seien immer gefragt. Weniger bekannte Unternehmen wie etwa Geberit könnten jedoch in Probleme geraten, wenn sie nicht mehr auf europäischen Börsenplätzen gehandelt werden dürfen.

Keine langfristige Lösung

Sicher ist: Verweigert die EU der Schweiz die Börsenanerkennung über Jahre hinweg, wird der Schutz des Schweizer Börsenplatzes kaum aufrechterhalten werden können. Die Eventualmassnahme des Bundesrats ist auch nicht darauf ausgelegt: Sie beruht auf Notrecht und ist auf drei Jahre befristet. «Versagt die EU die Börsenanerkennung längerfristig, könnte dies die Attraktivität des Schweizer Finanzplatzes mindern», räumt denn auch August Benz von der Bankiervereinigung ein.

Ob die Notfallpläne des Bundesrats überhaupt in Kraft gesetzt werden müssen, entscheidet sich in den nächsten Monaten. Noch hofft man in Bern, den Gordischen Knoten zu lösen und eine mehrheitsfähige Verhandlungslösung mit der EU zu finden. Und auch wenn dies nicht gelingt, könnte Brüssel die Börsenäquivalenz erneut für nur ein Jahr anerkennen, um weiterhin mit dem Entzug drohen zu können. Verlängert die EU die Anerkennung jedoch nicht, dürfte die Schweizer Wirtschaft trotz Schutzmassnahmen nicht ohne blaue Flecken davonkommen.

Strich durch die Rechnung

Advanon Das Fintech ist einem Betrüger aufgesessen. Er fingierte Forderungen in Millionenhöhe an Coop und Digitec.

Es ist ein dicker Fisch, den das Zürcher Fintech Advanon im letzten Sommer an Land zieht. Advanon-Mitgründer Stijn Pieper spricht vom «vermeintlich perfekten Factoring-Kunden»: Eine stark wachsende Firma mit hohem Einkaufsvolumen und entsprechendem Liquiditätsbedarf, die eher ein mässiges Kredit-Rating hat, dafür aber bestätigt, renommierte und solvente Kunden zu haben. Es sind dies angeblich namhafte Firmen wie Onlinehändler Digitec, Grossist Coop oder dessen Haushaltstochter Fust.

Kein Jahr später entpuppt sich der vermeintliche Top-Kunde als Fall für die Staatsanwaltschaft Winterthur, nachdem Advanon Strafanzeige wegen Betrugs und Urkundenfälschung gegen den Geschäftsführer und Eigner der Elektrogeräte-Handelsfirma eingereicht hat. Die Schadenssumme beträgt 2,4 Millionen Franken. Betroffen sind 78 Privatanleger, die auf der Advanon-Plattform in Rechnungen des Unternehmens investiert haben. Ihnen droht möglicherweise der Totalausfall ihrer Investments. Im Mittelwert geht es um mehrere 10 000 Franken pro Anleger.

Viele Fringe Benefits

Wie konnte es dazu kommen? Das Zürcher Fintech existiert seit 2015. Gegründet wurde die digitale Rechnungsplattform von Ex-Google-Praktikanten. Unter ihnen der heutige Advanon-Chef Phil Lojacono, der von sich reden machte als grosszügigster Chef der Schweiz, indem er den dreissig Mitarbeitenden unbegrenzt Ferien und viele Fringe Benefits gewährte.

Geld verdient Advanon mit Transaktionsgebühren auf ihrer Internetplattform. Dort können KMU und Jungunternehmen ihre Rechnungen von Anlegern vorfinanzieren lassen, um so ihre Liquiditätslage zu verbessern. Denn zwischen dem Ausstellen einer Rechnung und deren Bezahlung durch den Kunden vergehen manchmal mehrere Monate. Damit das KMU in dieser Zeit nicht selbst Bank spielen muss, gibt es Factoring. Dabei tritt die Firma gegen eine Gebühr die Forderung an einen Factor ab. Bislang waren dies vor allem Banken und andere Finanzdienstleister.

Hier setzt das Advanon-Geschäftsmodell an: Auf dem Internet-Marktplatz können private Anleger Bank spielen und die Rechnungen der KMU übernehmen. Entweder als ungesicherten Kredit oder indem die Privaten die Forderungen übernehmen, inklusive Rechtsanspruch gegenüber dem Schuldner. Bereits 3000 Investoren zählt das Fintech: Schliesslich locken Renditen von durchschnittlich 8 bis 12 Prozent jährlich, wobei die Laufzeiten wenige Tage bis Monate sind.

Stilles Factoring

Doch so lukrativ das Modell erscheint, das Risiko ist nicht zu unterschätzen. Gerade beim «stillen Factoring», auf das der mutmassliche Betrüger setzte. Dort wussten die vermeintlichen Debitoren wie Coop oder Digitec nämlich gar nicht, dass der Elektrohändler seine fiktive Forderung an einen Privatanleger abgetreten hatte. Bei dieser Factoring-Variante ist es üblich, die Debitoren nicht direkt zu kontaktieren. So hielt es auch die Marktplatzbetreiberin Advanon. Ansonsten wäre nämlich rasch klar geworden, dass der Händler keine oder nur eine geringfügige Geschäftsbeziehung zu den bekannten «A»-Bonitätsfirmen hatte. Statt Beträgen von hunderttausenden Franken waren es in Tat und Wahrheit Rechnungen von wenigen Tausend gewesen.

Fingierte Fakturen

Die fingierten Fakturen, Bankauszüge und Kunden-E-Mails flogen erst auf, als die Rückzahlung samt Zins ausblieb, Advanon das stille Factoring brach und bei den Debitoren nachhakte. Und zwar nachdem der mutmassliche Betrüger die Rechnungen bereits einmal auf der Plattform zu einem zweistelligen Zinssatz hatte refinanzieren können. So kam es zur stattlichen Schadenssumme von 2,4 Millionen Franken. Zum Vergleich: Über Advanon wurden 2017 rund 60 Millionen Franken an Rechnungen vorfinanziert.

Daniel Trochsler, Präsident des Factoringverbands, zeigt sich gegenüber stillem Factoring skeptisch: «Es ist unter unseren Mitgliedern aus Risikoüberlegungen wenig verbreitet.» Ebenso unüblich sei es in der Branche, dass Kunden von einem Factoringunternehmen an ein anderes weitergereicht würden.

Vor Jahren veruntreut

Genau dies ist im Fall des Händlers aber geschehen. Advanon erhielt den «vermeintlich perfekten Kunden» von einem anderen Factoring-Anbieter vermittelt. Dieser bestätigte dem Fintech schriftlich, dass es nie zu Zahlungs- oder sonstigen Schwierigkeiten mit dem Kunden gekommen sei. Die Aussage mag stimmen, ist aber wohl nur die halbe Wahrheit. Denn offenbar wurde das Geld schon vor Jahren veruntreut. Doch solange die Rechnungen stets refinanziert werden, tritt der Schadensfall nicht ein.

Advanon hat die Konsequenzen gezogen: Bald sollen nur noch qualifizierte Investoren in Rechnungen investieren, während Private über eine risikodiversifizierte Fondslösung partizipieren sollen.

Politisches Nachspiel

ZKB Die Sache ging für Martin Scholl & Co. glatt durch: Die Zürcher Kantonalbank zahlt knapp 100 Millionen Dollar. Deutlich weniger als befürchtet. Mit der Ablasszahlung ist das Staatsinstitut den Steuerstreit mit Amerika los. Sechs Jahre nachdem die US-Justiz mehrere Kundenberater der ZKB eingeklagt hatte – «wegen Verschwörung, die Vereinigten Staaten zu betrügen». Die Banker erhalten im November ihr Urteil. Ihnen droht maximal ein Jahr Gefängnis.

Juristisch kann der ZKB-Fall also bald zu den Akten gelegt werden. Was jetzt allerdings folgen muss, ist eine politische Aufarbeitung der Schwarzgeld-Vergangenheit. Schliesslich handelt es sich bei der ZKB nicht um irgendein Privatinstitut, sondern um eine öffentlich-rechtliche Anstalt des Kantons Zürich. Für diese Volksbank gelten andere Massstäbe: 794 Millionen Dollar an unversteuerten US-Vermögen, 349 Codewörter für steuersäumige Amerikaner, 750 postlagernde Schwarzgeld-Konten. Dies passt so gar nicht zur «nahen Bank», die in zwei Jahren eine Seilbahn über den Zürichsee spannen wird.

Die Aufarbeitung ist umso dringlicher, als Bankchef Martin Scholl seit 2002 in der Generaldirektion sitzt. Er verantwortet damit jene Periode mit, über welche die Bank nun mit der US-Justiz eine Einigung erzielt hat. Sie wirft mehr Fragen als Antworten auf.

Ein Beispiel: Im Juni 2008 traf der Banker Hansruedi Schumacher «senior officials» der ZKB und machte ihnen klar, dass viele der UBS-Abschleicher nicht steuerkonform seien. Dennoch akzeptierte die Bank noch einige Monate über externe Verwalter Schwarzgeld aus den USA.

Warum?

Engpass im Engadin

Patric Simmen Der Villenbauer der Promis kämpft mit Schwierigkeiten. Die Bank Julius Bär hat ihm eine Kreditzusage über 38 Millionen Franken gestrichen.

Die Lifestyle-Herberge Misani in Celerina hat schon bessere Zeiten erlebt. Aus dem einstigen Touristenmagnet mit hippen Design-Zimmern ist eine Hotelruine geworden. Und dies an bester Lage im Fremdenverkehrsort nahe St. Moritz. Das «Misani» gehört dem Luxusvillen-Bauer Patric Simmen, der das Traditionshotel zu einem «Boutique Resort» umbauen möchte. Die Eröffnung war eigentlich auf die Wintersaison geplant. Geschehen ist seit Simmens Übernahme im Frühjahr 2017 wenig. Die Gemeinde hat ihn aufgefordert, die Baustelle zu sichern und so weit wiederherzustellen, damit das Ortsbild nicht verschandele. Doch der Hotelinvestor lässt die gesetzte Frist verstreichen. Es fehlt schlicht das Geld, wie Simmen in der Lokalpresse einräumt. «Wir prüfen nun weitere rechtliche Schritte gegen ihn», sagt Gemeindepräsident Christian Brantschen. Gegenüber der «Handelszeitung» betont Simmen, ab Mitte August werde in Celerina weitergebaut.

Essenspäckli von der Heilsarmee

Der Liquiditätsengpass im Oberengadin ist das jüngste Kapitel im bewegten Geschäftsleben des Patric Simmen, der die Wohnträume der hiesigen Wirtschaftselite realisiert. Der 47-jährige Immobilienunternehmer startete einst von ganz unten. Als Kind kann er nur dank Essenspäckli der Heilsarmee Weihnachten feiern. Nach einer Lehre als Hochbauzeichner arbeitet er in der IT-Abteilung der UBS. Dort knüpft er rasch Kontakte zu Bankern und bietet sich an, deren Häuser zu entwerfen. Ende der neunziger Jahre macht sich Simmen selbstständig und erarbeitet sich mit viel Verve und kreativen Ideen einen Ruf als Baumeister der Bosse. Dutzende Villen und Luxusappartments im Speckgürtel um Zürich basieren auf seinen extravaganten Entwürfen. Vor allem in Schwyzer Tiefsteuergemeinden wie Schindellegi oder Wollerau prägt Simmen den Baustil.

Die Liste seiner Kunden liest sich denn auch wie ein Who is who der hiesigen Wirtschaftsprominenz: Blackrock-Manager Dave Blumer, Avaloq-Gründer Francisco Fernandez, CS-Rechtschef Romeo Cerutti und eine Erbin der Bank Vontobel. Sie alle und viele mehr haben sich die eigenen vier Wände vom Arbeitersohn gestalten oder realisieren lassen.

Geschäftliche Höhenflüge

Vor allem im Gespann mit Partners-Group-Milliardär Urs Wietlisbach erlebt Patric Simmen vor einigen Jahren geschäftliche Höhenflüge. Denn Wietlisbach bringt beste Beziehungen, üppige Landreserven und operatives Know-how in die Partnerschaft, während sich Simmen auf die kreative Arbeit konzentrieren kann. Entsprechend hochtrabend sind damals die Pläne: Von einem Börsengang ist die Rede. Der umtriebige Immo-Unternehmer bringt sich in der Wirtschaftssendung «ECO» auch als Innenarchitekt für sieben «Schuhmacher Towers» ins Gespräch. Und für einen russischen Holzmagnaten namens Alexander Lepikhov soll Simmen im fernen Osten Russlands eine Villenstadt aus dem Morast stampfen.

Man ahnt es. Aus all den Vorhaben wird nichts. Vielmehr überwirft sich Simmen mit Co-Eigner Wietlisbach und der Geschäftsleitung. Fortan ist Simmen auf sich allein gestellt und beweist bei der Wahl seiner Mitstreiter nicht immer eine glückliche Hand. Der neu eingestellte CEO erweist sich als Titelschwindler. Und mit manch einem Weggefährten endet die berufliche Beziehung im offenen Streit oder gar vor Arbeitsgericht. In der Folge versucht sich der Hausbauer neu zu erfinden, weil die Nachfrage nach Luxusvillen gesunken sei, wie er letztes Jahr in der «Sonntagszeitung» erklärte: «Heute nur noch auf Luxus zu setzen, wäre am Markt vorbeigeschossen.» Sein Rezept: als Totalunternehmer eigene Projekte realisieren. In diesem Frühjahr verkündet Simmen dann, er plane «250 einfache und lebenswerte Unterkünfte für Bauarbeiter».

Zu diesem Zeitpunkt hat sich Simmens Lage bereits eingetrübt. Sein Finanzchef und ein langjähriger, enger Mitarbeiter werfen nacheinander das Handtuch. Seine Hausbank Julius Bär streicht dem Immo-Unternehmer einen Kredit über 38 Millionen Franken. Warum die Zürcher Privatbank Simmen den Geldhahn zugedreht hat, bleibt unklar. Die Spannbreite der Aussagen reicht von finanziellen Ungereimtheiten bei Simmen bis hin zu Kompetenzüberschreitungen zweier Bär-Kundenberater, die zu deren Entlassung geführt haben sollen. Simmen und die Bank wollen sich zu den Gründen nicht äussern.

Brief an seine Gläubiger

Jedenfalls führt der negative Kreditbescheid Patric Simmen geradewegs in die Liquiditätskrise, wie der Villenbauer in einem Brief an seine Gläubiger Anfang Juni einräumt, in dem Simmen um «Stundung Ihrer Forderungen» bittet: Diese Situation sei ausschliesslich dadurch zu begründen, dass seine Bank eine Hypothekarfinanzierung für seine Projekte zugesichert habe, welche dann nicht eingehalten wurde, schreibt er und weiter: «Gleichzeitig haben wir unsere liquiden Mittel im Vertrauen auf die Hypothekarfinanzierung in weitere Anlagen und Projekte investiert.» Er bittet im Brief deshalb die Gläubiger, die Zahlungsfrist zu erstrecken.

Im Gespräch mit der «Handelszeitung» gibt sich Simmen gelassen: Man habe zwei Notartermine für Liegenschaftsverkäufe, «mit denen wir unsere Kreditoren vollumfänglich bedienen werden». Gemäss der Lokalzeitung «March-Anzeiger» hat alleine seine Tochterfirma Simmen Style Betreibungen in der Höhe von 1,5 Millionen Franken. Simmen bestreitet die Zahl und spricht von laufenden Gegenbetreibungen. Seine Projekte seien solide finanziert. Er zahle sich seit vier Jahren keine Dividende aus. Und übrigens suche man eine neue Hausbank.

Zürcher Goldmine

Glencore Der Rohstoffkonzern ist im Visier der US-Justiz. Es geht unter anderem um Deals mit Dan Gertler. Der Milliardär geschäftet auch in der Schweiz.

Die US-Justiz schickt die Kavallerie los. Und Glencores Aktienkurs schmilzt dahin wie Rohgold in der Raffinerie. So geschehen Anfang des Monats, als der Zuger Commodity-Konzern in einer knappen Meldung eine Zwangsmassnahme des Department of Justice (DOJ) kommuniziert. Daraufhin verliert die Firma kurzzeitig fast einen Fünftel ihres gehandelten Werts.

Die Börsenpanik hat folgende Bewandtnis: Glencore muss der US-Justiz Dokumente liefern zu Geschäften in Nigeria, Venezuela und der Demokratischen Republik Kongo (DRC), und zwar von 2007 bis heute. Es geht dem DOJ um die Sicherstellung amerikanischer Antigeldwäscherei- und extraterritorialer Antikorruptionsgesetze. Das Verfahren mit Washington wird den Rohstoffriesen wohl lange beschäftigen und möglicherweise teuer zu stehen kommen.

Der Fall Och-Ziff

Als Blaupause dient den US-Strafermittlern nämlich der Fall Och-Ziff. Der milliardenschwere Hedgefonds wurde nach einer fünfjährigen Untersuchung im Herbst 2016 zur Zahlung einer 400-Millionen-Dollar-Busse verurteilt. Mittlerweile ist auch Och-Ziffs früherer Europa-Chef wegen Betrugs angeklagt. Es geht unter anderem um dubiose Geschäfte im Kongo. Schlüsselfigur ist gemäss der US-Anklageschrift ein «DRC Partner» von Och-Ziff. Es handelt sich um den «Israeli businessman» Dan Gertler, der auch lange Jahre mit Glencore geschäftete und in Zürich eine Firma hat. Er soll gegen finanzielle Zuwendungen als Türöffner für Och-Ziff-Investments in DRC fungiert haben.

Gertler ist schon lange im Visier der US-Justiz. Bereits Ende 2012 stellte das DOJ Rechtshilfe in Bern wegen Zahlungsflüssen über Schweizer Banken, die in Zusammenhang mit seinem Och-Ziff-Deal standen. Gertlers Schweizer Anwalt, Marc Bonnant, war für eine Stellungnahme nicht zu erreichen.

Seine Karriere startete der gewiefte Geschäftsmann als Diamantenhändler. In den Wirren des Ersten Kongokrieges reist er Ende der neunziger Jahre erstmals in die DR Kongo und freundet sich mit dem neuen Machthaber Laurent-Désiré Kabila und dessen Sohn und Nachfolger Joseph an. Dank diesem «special access» zu den unzimperlichen Potentaten in Kinshasa und dank viel persönlicher Zuwendung kann Gertler in den folgenden Jahrzehnten im ressourcenreichen Kongo ein gigantisches Rohstoffimperium aufbauen. Ob Kupfer, Diamanten, Gold, Öl oder Kobalt – an Dan Gertler kommt im Kongo niemand vorbei. Dies gilt auch für Glencore. Der Zuger Rohstoffkonzern kommt in den nuller Jahren mit Gertler ins Geschäft. Gemeinsam bewirtschaftet man grosse Kupfervorkommen, bevor Glencore Gertler im letzten Jahr für fast 1 Milliarde Dollar auskauft. Gemäss der Nichtregierungsorganisation Resource Matters schuldet Glencore Gertler in den nächsten zwei Jahren noch fast 200 Dollar an Konzessionsgebühren.

Beziehungspflege für Millionen

Die Liason mit dem israelischen Rohstoffkönig könnte für Glencore nun zum juristischen Fallstrick werden: Gemäss «Wall Street Journal» soll eine Glencore-Tochter 2013 die Gertler-Firma De Novo Congo mit einem Vertrag bedacht haben, der unter anderem die Beziehung zum kongolesischen Staat sicherstellen soll. Allerdings unter Einhaltung geltender Antikorruptionsregeln, wie es im Vertrag heisst.

Für die Beziehungspflege hat Glencore der Gertler-Firma jährlich 6 Millionen Dollar bezahlt. Brisant ist der besagte Kontrakt vor allem vor dem Hintergrund, dass das US-Finanzministerium Dan Gertler Ende Jahr sanktioniert hat. Seine US-Vermögenswerte sind blockiert. Und keine amerikanische Firma darf mehr mit ihm geschäften. Die finanziellen Lebenslinien des Kongo-Magnaten sind somit faktisch gekappt.

Gemäss US-Sanktionsentscheid soll Gertler Hunderte Millionen Dollar mit «korrupten Minen- und Öl-Deals» eingefahren haben. Dies dank seiner «engen Freundschaft zu Präsident Joseph Kabila». Alleine zwischen 2010 und 2012 seien dem kongolesischen Staat deswegen 1,3 Milliarden Dollar an Einnahmen entgangen. Happige Vorwürfe an die Adresse eines einstmals engen Glencore-Geschäftspartners.

Bannstrahl mit Folgen

Die Erschütterungen der US-Sanktionen sind jedenfalls bis nach Zürich-Wollishofen spürbar, wie Recherchen der «Handelszeitung» zeigen. Dort residiert eine Firma namens Moku Goldmines in den Büros der Treuhandgesellschaft ACT Audit & Tax. Die hiesige Aktiengesellschaft gehört seit 2011 zu 96,95 Prozent der Firmengruppe Fleurette um Dan Gertler und fällt nun ebenfalls unter die Sanktionen der Amerikaner. Mit Folgen: Die Zürcher Moku Goldmines wollte eigentlich im Nordosten des Kongo in der Gegend von Moku-Beverendi im grossen Stil das Edelmetall extrahieren. Dazu spannte Gertler mit der staatlichen Gesellschaft SMB und dem börsenkotierten Bergbaukonzern Randgold zusammen. Als Gertler jedoch der Bannstrahl des US-Finanzministers Steven Mnuchin trifft, kündigt Randgold-Chef Mark Bristow das Joint Venture wegen «force majeure» auf. Man sei daran, die Gerätschaft zur Goldexploration aus der Moku-Mine abzuziehen, heisst es bei Randgold.

Derweil kommt es im VR der Zürcher Moku Goldmines zur nächsten Rochade. Seit Juni wird Moku von einem Angestellten der Gertler-Firma De Novo Congo präsidiert. Jener Firma, mit der Glencore einen Vertrag zur Beziehungspflege in der DR Kongo hatte. Der andere Moku-Verwaltungsrat ist ein kongolesischer Anwalt, der jüngst die Geschäftsinteressen eines «Monsieur Pieter Deboutte» vertrat, wie Gerichtsunterlagen zeigen. Der gebürtige Belgier Deboutte ist Direktor der Fleurette Group für DRC, lebt seit zwanzig Jahren im Kongo und steht Gertlers dortiger gemeinnützigen Foundation vor. Auch Deboutte sass bis 2016 im Zürcher Moku-VR und dürfte am Glencore-Hauptsitz in Baar kein Unbekannter sein. Schliesslich unterzeichnete er gemäss WSJ den Beratungsvertrag mit dem Rohstoffkonzern. Deboutte wird ebenfalls von den Amerikanern sanktioniert.

Konten in der Schweiz

Die Schweiz ist indes nicht nur Heimstätte für Gertlers Goldfirma. Auch dessen Finanzströme liefen über Schweizer Banken, zumindest bei den Och-Ziff-Deals. So hält Gertlers Familie den Konzern über einen Trustee auf Gibraltar namens Line Trust Corporation. Gemäss Gerichtsunterlagen erhielt Line Trust eine Zahlung von 25 Millionen Dollar auf ein Zürcher Bankkonto. Auch hatte Gertler Konten bei der Privatbank Compagnie Bancaire Helvétique, wie Zahlungen an Och-Ziff zeigen.

Pierin Vincenz’ Getreue sitzen Krise aus

Raiffeisen Der viel beschworene Neuanfang bei der Raiffeisen Schweiz ist eine Mogelpackung. Wohlgemerkt: Auf Stufe des Verwaltungsrates wurde mit dem eisernen Besen gekehrt. All jene Kopfnicker, welche den Alpha-Banker Pierin Vincenz über Jahre schalten und walten liessen, sind weg. Das ist löblich. Derweil reist Vize Pascal Gantenbein durch die Raiffeisen-Provinz und preist sich als zukünftigen Präsidenten an.

Allerdings wirkt der Uniprofessor dabei wie der jüngere Bruder des unglücklich agierenden Johannes Rüegg-Stürm. Auch Gantenbein ist ein akademischer Zögling der Uni St. Gallen. Auch er hat viel Finanztheorie, aber wenig Bankpraxis im Rucksack. Und auch er kommuniziert eher erratisch denn souverän. Immerhin ist Gantenbein erst so kurz bei der Raiffeisen, dass ihm niemand die Verfehlungen der Vergangenheit ankreiden könnte.

Ganz im Gegensatz zu Raiffeisen-Chef Patrik Gisel, der über 15 Jahre als rechte Hand von Pierin Vincenz (mit-)wirkte. Doch Gisel ist beileibe nicht der Einzige. Praktisch die gesamte Raiffeisen-Geschäftsleitung ist von Vincenz’ Gnaden. Drei von sieben GL-Mitglieder sind länger als zehn Jahre im obersten operativen Gremium bei der Genossenschaftsbank. Der Risiko- und Compliance-Chef amtete schon seit 2005 als Chief Risk Officer. Und der heutige Finanzchef leitete bis zum Abgang von Pierin Vincenz das Controlling und die Unternehmensentwicklung. Pierin Vincenz’ willige Gefährten sitzen also weiter an den Schalthebeln der Raiffeisen-Macht. Und sie hoffen wohl, die Krise einfach aussitzen zu können.

Die Kanzlei für alle Fälle

Raiffeisen Ob Strafverfahren, Gutachten oder Forderung – das Mandat der Kanzlei Prager Dreifuss hat Konfliktpotenzial.

Im mondänen Zürcher Seefeld, gleich hinter dem Opernhaus, hat die Wirtschaftskanzlei Prager Dreifuss ihre Büros. Sie ist die Hauskanzlei der Raiffeisen Schweiz. Das langjährige Mandat sorgt für Konfliktpotenzial: Einst Rechtsbeistand in der Ära Pierin Vincenz, klagt die Kanzlei nun im Namen der Bank gegen den ehemaligen Raiffeisen-Chef.

Anlaufstelle für Gläubigerforderung

Doch der Reihe nach. Als die Bank 2007 ihr Auto-Leasing-Geschäft von der Raiffeisen-Leasing in eine Gesellschaft namens Raiffeisen Finanzierungs AG überführt, begleitet Prager Dreifuss die Abspaltung. Der heutige Prager-Partner Urs Feller fungiert als Anlaufstelle für Gläubigerforderungen. In der Raiffeisen Finanzierungs AG sass damals Patrik Gisel als Verwaltungsrat und später Beat Stocker, der Geschäftspartner von Pierin Vincenz. Prager-Partner Feller und der heutige Raiffeisen-Chef kennen sich also. Die Genossenschaftsbank bestätigt das Leasing-Mandat, betont aber: «Von 2009 bis 2016 hat Prager Dreifuss keine anderen Mandate bei Raiffeisen wahrgenommen.»

Später wird aus der Raiffeisen Finanzierungs AG die Aduno-Tochter Cashgate. Die übertragende Gesellschaft namens Raiffeisen-Leasing heisst ab 2010 KMU Capital und wird so zum Finanzierungsvehikel von Raiffeisen bei der KMU-Beteiligungsgesellschaft Investnet. Diese Raiffeisen-Tochter steht im Fokus der Strafermittlungen gegen Pierin Vincenz, Beat Stocker und weitere Personen.

Corporate-Governance-Gutachten

Ende Februar tritt Raiffeisen als Privatklägerin dem Strafverfahren gegen ihren Ex-Chef bei. «Raiffeisen arbeitet dabei mit der Kanzlei Prager Dreifuss zusammen», bestätigt die Bank Recherchen der «Handelszeitung». Die Mandatierung sei durch den Verwaltungsrat erfolgt, so eine Sprecherin. «Ausschlaggebend war das detaillierte Know-how, das Prager Dreifuss aufgrund der internen Untersuchung in den Themenkomplex einbringen kann.» In ihren Eingaben an die Staatsanwaltschaft referiert die Kanzlei offenbar auf das von ihr selber für Raiffeisen erstellte interne Corporate-Governance-Gutachten. Dieses Gutachten beleuchtet das Raiffeisen-Beteiligungsvehikel Investnet. In Auftrag gegeben hat es die Raiffeisen-Geschäftsleitung um Patrik Gisel im Dezember 2016. Wohlgemerkt: Gisel selbst präsidierte Investnet von 2012 bis 2016.

Gemäss «Bilanz» soll das Prager-Dreifuss-Gutachten zu den Investnet-Geschäften vor allem den damaligen Finanzchef Marcel Zoller und den Raiffeisen-Präsidenten Johannes Rüegg-Stürm belasten, «jedoch nicht Auftraggeber Gisel». Angesprochen auf Konflikte im Rahmen der verschiedenen Mandate der Wirtschaftskanzlei Prager Dreifuss, erklärt Raiffeisen-Sprecherin Cécile Bachmann: «Es gibt und gab hier keinen Interessenkonflikt in irgendeiner Weise.»

Gelbe Sippenhaft

Postfinance Das Staatsinstitut hat Margendruck und braucht Kapital. Doch die Politik schiebt die Aufhebung des Kreditverbots auf die lange Bank.

Die einstige Cashcow im Postkonzern droht zum mageren Rindvieh zu werden. Die Rede ist von der Postfinance, deren Geschäft derzeit einen regelrechten «Margensqueeze» erlebt. Man habe in den letzten fünfzehn Monaten rund 200 Millionen Franken an Zinsmarge verloren, sagt Sprecher Johannes Möri. Die Gesamtzinsmarge reduzierte sich in dieser Zeitspanne um fast 20 Basispunkte auf noch 0,642 Prozent per Ende März. Selbst eine allfällige Zinswende würde Postfinance vorderhand nicht viel helfen, mahnt Möri: «Dieser negative Trend wird sich in den kommenden Jahren fortsetzen, da immer noch laufend gut verzinste Obligationen verfallen, die wir nur noch zu sehr tiefen Renditen anlegen können.»

Die Ertragsdramatik wird auch von höchster Stelle bestätigt. So weist die Nationalbank in ihrem jüngsten Finanzstabilitätsbericht eine Rendite auf Vermögenswerte für die Postfinance im 2017 von 0,11 Prozent aus. Weniger als halb soviel wie im Vorjahr und der tiefste Wert seit 2013. Zum Vergleich: Der Durchschnitt über alle Banken liegt bei 0,42 Prozent – fast viermal so viel.

Reduzierte Effizienz

Die SNB macht denn auch beim gelben Staatsinstitut einen Rückgang der Profitabilität im Zinsgeschäft aus, gepaart mit einer Zunahme an Kreditausfälle, Wertanpassungen und Rückstellungen sowie einer «reduzierten Effizienz». Nicht verwunderlich also, dass Postfinance-Chef Hansruedi Köng nun an der Sparschraube dreht: 500 Vollzeitstellen sollen bis Ende 2020 verschwinden – das ist jeder siebte Arbeitsplatz. Zugleich werden die Gebühren für Millionen Kunden erhöht. Und noch dürfte damit das Ende der Fahnenstange nicht erreicht sein.

Zugleich werden Köngs Appelle an die Politik immer schriller: Nur wenn das Kreditvergabeverbot gelockert werde, könne der Fortbestand des Unternehmens gesichert werden, klagte er kürzlich. Die Postfinance ist nämlich bislang nur eine halbe Bank. Das Postgesetz untersagt ihr, selbständig Hypotheken und Firmenkredite vergeben. Sie wird damit gezwungen, ihre verwalteten Vermögen über 110 Milliarden Franken grösstenteils an den ausländischen Kapitalmärkten in sichere, aber renditearme Staatspapiere anzulegen oder bei der Nationalbank zu parkieren. Was im Negativzinsumfeld dazu führt, dass sich der Sparbatzen gleichsam selbst auflöst.

Ungehörte SOS-Rufe

Die Zeit drängt. Denn selbst wenn das Kreditverbot fallen sollte, geschieht der Aufbau eines eigenen Darlehens- und Hypothekargeschäfts nicht über Nacht. «Umso wichtiger ist es, dass die Politik diesbezüglich nun rasch handelt», sagt der Postfinance-Sprecher.

Doch die SOS-Rufe aus der Zentrale des gelben Riesen verklingen in der Wandelhalle des Bundeshauses ungehört. Sie gehen unter in der Empörungswelle, welche dem gelben Riesen derzeit im Zuge des Postauto-Skandals entgegenschwappt. Der einen Posttochter mehr unternehmerischen Spielraum gewähren, während die Konzernleitung es zuliess, dass bei der anderen Tochter Postauto Gewinne verschleiert und unrechtmässige Subventionen erschlichen wurden? Das geht für manche Politiker gar nicht, auch wenn die Postfinance damit vom Konzern in Sippenhaft genommen wird. «Andere Banken müssen auch restrukturieren», meint CVP-Präsident Martin Candinas. Ein Anlass, etwas zu ändern, bestehe nicht. Noch schreibe die Postfinance ja schwarze Zahlen.

Falscher Zeitpunkt

Der gelbe Riese hat in Bundesbern derzeit eben kaum Goodwill. Exemplarisch dafür steht das Vorgehen von SVP-Nationalrat Thomas Müller. Der Ostschweizer erklärte in der zweiten Juniwoche gegenüber Medien, er werde einen Vorstoss einreichen, der verlange, dass Postfinance mindestens im Hypothekenmarkt tätig werden dürfe. Doch es blieb bei der Ankündigung – und der Vorstoss totes Papier. «Ich habe es mir anders überlegt», erklärt Müller nun zerknirscht. Nach Rücksprache mit anderen Exponenten aus Politik und Verwaltung, sei er zum Schluss gekommen, dass es der falsche Zeitpunkt sei, sich für mehr unternehmerische Freiheit für die Postfinance einzusetzen.

Bereits im März hatte die grünliberale Partei die Postfinance-Problematik aufgegriffen. Sie will es dem Staatsinstitut erlauben, sich der Fesseln im Kreditgeschäft zu entledigen. Dies allerdings zum Preis, dass die Staatsbank privatisiert wird. Parteipräsident Jürg Grossen sagt: «Das heutige Kreditverbot schränkt die Postfinance auf dem Markt unnötig ein. Es ist nur eine Frage der Zeit, bis das Institut in die roten Zahlen rutscht.» Der Berner Nationalrat sieht deshalb grosse Risiken auf den Bund zukommen: «Solange die Postfinance dem Bund gehört müssen im Insolvenzfall die Steuerzahler geradestehen. Das darf nicht sein.»

Wichtigster Gewinnlieferant

Die Postfinance-Führung könnte mit einer ganzen oder teilweisen Verselbständigung gut leben – Hauptsache, das Kreditverbot fällt. «Wenn eine (Teil-)Privatisierung die Voraussetzung dafür ist, dass das Kreditverbot fällt, dann sollten wir diesen Weg unbedingt gehen», erklärt Postfinance-Sprecher Möri. Doch stehen die Chancen, dass das Parlament die Finanztochter der Post-Tochter in die Freiheit entlässt, derzeit bei nahezu Null. Die Linke sperrt sich dagegen, weil sie die Grundversorgung gefährdet sieht. Und viele bürgerliche Politiker lehnen den Schritt ab, weil das Institut als wichtigster Gewinnlieferant des gelben Riesen Garant war für die jährliche Dividende von 200 Millionen Franken an den Bund.

Nun ruhen die Hoffnungen der Post-Manager auf dem Bundesrat. Er soll dem kriselnden Institut aus der Patsche helfen. Derzeit beschäftigen sich gleich zwei Departemente damit, wie es mit der Finanztochter der Post weiter gehen soll. Das Departement für Umwelt, Verkehr, Energie und Kommunikation (UVEK) ist derzeit daran zu definieren, wie der Grundversorgungsauftrag der Staatsbank künftig aussehen soll. Und dabei steht auch die Aufhebung des Kreditvergabeverbots zur Disposition.

Zugleich prüft das Finanzdepartement derzeit verschiedene Varianten zur Aufstockung des Eigenkapitals. Als systemrelevante Bank ist Postfinance gezwungen, bis zu 2 Milliarden Franken zusätzliches Eigenkapital einzuschiessen. Dies schreibt die Eigenmittelverordnung vor, die der Bundesrat unlängst verabschiedet hat. Der beste Weg aus Sicht von Postfinance wäre, dass der Bund als ultimativer Eigner den zusätzlichen Finanzierungsbedarf übernimmt.

Unattraktives Investment

Der Bundesrat könnte die gelbe Bank allerdings auch zwingen, das Eigenkapital aus eigener Kraft zu erwirtschaften beziehungsweise sämtliche Gewinne einzubehalten – was ohne Aufhebung des Kreditverbots ein schwieriges Unterfangen sein dürfte. Schliesslich könnte die gelbe Bank das Kapital auch über eine Teilprivatisierung der Postfinance einsammeln. Solange dem Institut aber der Einstieg ins Kredit- und Hypothekargeschäft verwehrt bleibt, dürfte das Unternehmen für Investoren unattraktiv sein. «Niemand beteiligt sich an einer Bank, die keine Kredite vergeben darf», sagt Postfinance-Sprecher Johannes Möri.

Ringt sich der Bundesrat dazu durch, das Kreditverbot für Postfinance aufzuheben, gehen allerdings jene Banken auf die Barrikaden, welche in den vergangenen Jahren das Hypothekengeschäft forciert haben. «Der Schweizer Kredit- und Hypothekarmarkt funktioniert gut. Die Kunden profitieren dank dem starken Wettbewerb von zahlreichen Anbietern und einem grossen Angebot», sagt Christian Leugger, Sprecher des Verbands der Schweizerischen Kantonalbanken. Da es kein Marktversagen gebe, lehne man eine Aufhebung des Kredit- und Hypothekarverbots von Postfinance ab. Alexandra Perina-Werz, Leiterin Politik von Raiffeisen betont, dass es die geltende Bundesverfassung nicht zulasse, dass die Post eine Bank betreibe. Zu diesem Schluss sei ein Gutachten des Bundesamtes für Justiz bereits im Jahr 2006 gekommen.

Ursprünglich war geplant, dass der Bundesrat bereits im Juni einen Richtungsentscheid über die Zukunft von Postfinance fällt. Doch im aufgeheizten Klima rund um die Post, scheint ihm das schwer zu fallen. Mittlerweile hat der Bundesrat den Beschluss vertagt – er will erst im Spätsommer oder Herbst über die Thematik einen Beschluss fassen. Bis dann sollte sich immerhin der Pulverdampf der Postautoaffäre verzogen haben.

Call auf Spesen

Leonteq Pierin Vincenz war bis 2017 Präsident der Derivatefirma. Seine Spesen führten zu einer Untersuchung.

Rustikale Holzdecken, mittelalterliche Kellergewölbe und eine Gault-Millau-Gourmetküche nach Appenzeller Art. Der «Bären» im innerrhodischen Gonten ist ein Landgasthof wie aus dem Bilderbuch. Und er war Schauplatz für gesellige Stunden im engsten Leonteq-Zirkel. Hier, mit Blick auf den Alpstein, trafen sich Pierin Vincenz, damaliger Präsident der Zürcher Derivatefirma, und der operative Chef und Leonteq-Mitgründer, Jan Schoch, um Geschäftliches mit Lukullischem zu verbinden.

Schliesslich war Schoch nicht nur Everybody’s Darling auf dem Zürcher Finanzplatz («Jung, klug, reich», «Bilanz»), sondern bereits in Immobiliengeschäfte und Gastronomie diversifiziert. Der Appenzeller mit HSG-Abschluss hatte nämlich 2014 mit zwei befreundeten Investoren den «Bären» übernommen und das traditionsreiche Wirtshaus zu alter Frische renoviert.

Mit gemeinsamen Geschäftsessen in Schochs Gasthof war spätestens im letzten Frühjahr Schluss. Nachdem Leonteq wenige Monate zuvor eine Gewinnwarnung hatte ausgeben müssen und der Aktienkurs darauf kollabiert war, war das Geschirr zwischen Präsident Vincenz und seinem Fintech-Pionier Schoch endgültig zerschlagen: Der Ex-Raiffeisen-Chef liess, quasi halböffentlich, nach einem Nachfolger für Jan Schoch suchen. Während der Leonteq-Lenker schwer angezählt war, rumpelte es im Aktionariat: Auf den Shareholder-Aktivisten Veraison, der mit Verlust die Finanztitel wieder abstiess, folgte Rainer-Marc Frey (RMF). Der schwerreiche Hedgefonds-Pionier sollte dem Leonteq-Präsidenten bald die Stirn bieten.

In der Kontrolle hängen geblieben

Als wäre die Gemengelage nicht schon schwierig genug, blieb Leonteq-Präsident Pierin Vincenz in dieser Phase mit seinen Spesenbezügen in der internen Kontrolle hängen, wie zwei unabhängige Quellen übereinstimmend berichten. «Ein Teil von Vincenz’ Bezügen verstiess gegen geltende Leonteq-Spesenrichtlinien», sagt eine involvierte Person und spricht von «erheblichen Beträgen». Laut einer anderen Quelle habe es sich um eine «hohe fünfstellige Summe» gehandelt. Präsident Vincenz soll sie für Übernachtungen der Luxusklasse und Unterhaltungsangebote im In- und Ausland eingesetzt haben. Dazu äussern will sich Vincenz nicht. Sein Vertreter verweist auf Leonteq. Deren Sprecher Dominik Renggli erklärt, man kommentiere keine Spekulationen, und betont, die internen Weisungen und Richtlinien würden für «alle Verwaltungsratsmitglieder von Leonteq» gelten. Pikanterweise wird just im Leonteq-Geschäftsbericht 2017 extra darauf hingewiesen, dass in der Vergütungssumme für den VR sogenannte «out-ofpocket expenses» beziehungsweise Rückerstattung für Reise- und Hotelspesen nicht enthalten seien.

Die beanstandeten Spesen des Präsidenten sorgten im letzten Frühjahr bei Leonteq jedenfalls für rote Köpfe. «Aufgrund der heiklen Situation», sagt ein Involvierter, habe man sich entschieden, Vincenz’ Spesenverhalten als Leonteq-Präsident zwischen 2015 und 2017 durch eine externe Anwaltskanzlei untersuchen zu lassen, um «grösstmögliche Objektivität» sicherzustellen. Es sei damals schwierig gewesen, auf dem Platz Zürich überhaupt eine Anwaltskanzlei für den Spesencheck zu finden: Angefragte Kanzleien seien in Sachen Pierin Vincenz bereits anderweitig engagiert gewesen.

Voller Interessenkonflikte

Dass Leonteq die Spesen des Präsidenten überprüfen liess, soll das Verhältnis zwischen Schoch und Vincenz endgültig vergiftet haben. Doch der Leonteq-Lenker erhielt offenbar Sukkurs vom neuen Ankeraktionär Rainer-Marc Frey. Der soll schliesslich, wie eine Quelle berichtet, ein Schreiben an Pierin Vincenz gerichtet haben samt Kopie an den gesamten Verwaltungsrat, in dem RMF sein fehlendes Vertrauen in den Leonteq-Präsidenten kundtat. Es war der Anfang vom Ende für Pierin Vincenz als Präsidenten. Im letzten Juli schliesslich kündigte der Ex-Raiffeisen-Chef seinen Rücktritt an.

Dabei war die Beziehung zu Leonteq ursprünglich ganz nach dem Geschmack des Bündner Alpha-Bankers: vielgestaltig und – zumindest nach Best-Practices-Governance – gespickt mit Interessenkonflikten. Das ging so: Nach dem Zerwürfnis mit der Bank Vontobel kaufte sich Raiffeisen schliesslich 2012 die Privatbank Wegelin und firmierte sie in Notenstein um. Über den neuen Privatbank-Arm stieg das Genossenschaftsinstitut im Frühjahr 2013 bei Leonteq ein. Rund 70 Millionen zahlte Raiffeisen für das 20-Prozent-Paket an der Zürcher Derivateboutique und schnürte zugleich mit den Leonteq-Gründern einen umfangreichen Aktionärsbindungsvertrag.

Raiffeisen beziehungsweise Notenstein war damit nicht nur Leonteq-Grossaktionär, sondern bald auch der grösste Vertriebskunde der Derivateboutique. Denn zeitgleich mit dem Investment kündigten Vincenz und Co. ein «white-labelling agreement» mit Leonteq an. Nicht nur Notenstein und Raiffeisen kamen damals mit dem Derivatehaus ins Geschäft, sondern auch der Versicherer Helvetia, wo Vincenz ebenfalls im Verwaltungsrat sass und an dem Raiffeisen beteiligt war.

Die Leonteq-Konstellation der Raiffeisen trifft also haargenau auf jene Beschreibung zu, welche die Finanzmarktaufsicht in ihrer jüngst veröffentlichten Mitteilung zum Enforcementbericht zur Bank als «schwerwiegende Mängel bei Corporate Governance» anmahnt, nämlich Rollenkumulationen und Interessenkonflikte: «So war Raiffeisen Schweiz bei verschiedenen Beteiligungen gleichzeitig Aktionärin, Geschäftspartnerin und Kreditgeberin von Gesellschaften oder ihren Organen und im Verwaltungsrat vertreten.»

Ungewöhnliche Konditionen

Apropos Kreditgeberin. Auch dies trifft auf die fragwürdige Leonteq-Beteiligung zu. So erwähnt die Finma-Mitteilung einen «Blankokredit zu ungewöhnlichen Konditionen», die einem «Organmitglied einer Beteiligung» von der Raiffeisen-Geschäftsleitung zugesprochen wurde: «Die Bank erkannte die entsprechenden Klumpenrisiken nicht», schreibt die Finma, und spricht von einem «ungenügenden Risikomanagement». Gemäss «Sonntagszeitung» soll es sich beim «Organmitglied» um Leonteq-Mitgründer und Chef Jan Schoch handeln.

Aber nicht nur Schoch profitierte von der Beziehung zu Raiffeisen und ihrem starken Mann. Auch für Pierin Vincenz war Leonteq eine Goldgrube. In seiner Zeit im Verwaltungsrat kassierte der Bündner Banker rund 1 Million Franken – exklusive Spesen. Sehr viel Geld für ein Mandat bei einer kleinen Finanzboutique.

Späte Genugtuung

Daniel Roth Der Bund muss dem ehemaligen Chefbeamten rund 75 000 Franken zahlen. Damit endet ein unrühmliches Kapitel der Strafjustiz.

Was Daniel Roth bleibt, ist etwas Genugtuung und ein ramponierter Ruf. Der Spitzenbeamte unter Finanzministerin Eveline Widmer-Schlumpf geriet in die Mühlen der Strafjustiz. Es ging um seine frühere Rolle in einem Konkursverfahren als Bankeninsolvenz-Leiter bei der Finanzmarktaufsicht Finma. Die Vorwürfe waren happig: Veruntreuung und Amtsmissbrauch.

Doch nun, knapp drei Jahre nachdem das Strafgericht Roth wegen «Veruntreuung im Amt» schuldig gesprochen hatte, muss Bellinzona zurückrudern: Daniel Roth wird vollumfänglich freigesprochen und erhält zudem rund 75 000 Franken vom Bund zugesprochen. Gefordert hatte er deutlich mehr. Doch Roth wird das Urteil dennoch nicht weiterziehen. «Das Ganze soll nun endlich ein Ende haben», sagt der heutige Stadtschreiber von Aarau. Auch die Bundesanwaltschaft als Klägerin wird nicht weiterziehen.

Exzessive Medienberichterstattung

In den 75 000 Franken enthalten sind Verfahrens- und Verteidigungskosten sowie Entschädigungen für wirtschaftliche Einbussen und eine Genugtuungssumme von 12 000 Franken zuzüglich Zinsen – aufgrund exzessiver Medienberichterstattung, «geeignet, in breiten Bevölkerungskreisen eine gewisse Vorverurteilung» hervorzurufen. Denn der Spitzenbeamte Roth war mit dem erstinstanzlichen Schuldspruch vom November 2015 zum medialen Freiwild geworden.

«Der Haupttäter» («Weltwoche») war zu diesem Zeitpunkt Chefjurist im Finanzdepartement von Bundesrätin Eveline Widmer-Schlumpf. Roth gilt als einer der Architekten der heutigen Bankenregulierung und schuf sich in dieser Rolle nicht nur Freunde auf dem Finanzplatz. Bereits zuvor hatte Roth als Finma-Spitzenbeamter die konfliktuöse Aufgabe, Bankmanager in Organfunktion abzusetzen und Finanzinstitute abzuwickeln.

Die erstinstanzliche Verurteilung in Bellinzona jedenfalls knickte Roths Karriere als Spitzenbeamter. Er war damals für den Posten als Oberzolldirektor des Bundes vorgesehen. Auch die Bewerbung als kantonaler Staatsschreiber konnte Roth kippen. Und die Einlagensicherung Esisuisse, die Roth eigentlich in ihren Vorstand wählen wollte, sah ebenfalls von seiner Wahl ab. Obwohl dieser «über ausgezeichnete Kenntnisse und Erfahrungen bezüglich Bankeninsolvenz und Einlegerschutz» verfüge, wie es im Urteil der Strafkammer vom 7. Mai dieses Jahres heisst.

Letztlich ernannte seine Wohngemeinde Aarau Daniel Roth Anfang 2016 zu ihrem Stadtschreiber. Auch in der Kantonshauptstadt holte ihn das Strafurteil ein: «Aarau sieht Roth» titelte der «Blick» und schrieb über den «hohen Beamten, der über eine kleine Zuger Sekretärin stolperte». Denn das Verfahren wegen Amtsmissbrauch und Veruntreuung hatte seinerzeit die Sekretärin eines Zuger Treuhandbüros angestrengt. Das Strafgericht in Bellinzona hatte sie als Privatklägerin zugelassen. Die Bundesanwaltschaft hatte jedoch von Anbeginn einen Freispruch für Roth beantragt.

Urteil der Vorinstanz aufgehoben

Das Verfahren gegen Roth fiel allerdings erst im Sommer 2016 in sich zusammen, als das Bundesgericht die Geschädigtenstellung der Privatklägerin aberkannte. Gleichzeitig hob Lausanne das Urteil der Vorinstanz auf und sah keinen «Vorsatz der Veruntreuung» mehr. Roth forderte seinerseits nun vor der Strafkammer Entschädigung für seine wirtschaftlichen Einbussen in der Höhe von 1,8 Millionen Franken. Der Betrag entsprach in etwa der Differenz aus Stadtschreiber-Salär und jenem, das er als Oberzolldirektor erhalten hätte, und zwar hochgerechnet bis zu Roths Pensionierung. Diese Forderung brachte ihm in der «Weltwoche» den Titel «frechster Stadtschreiber der Schweiz» ein.

Sukkurs erhoffte sich Roth damals von seiner ehemaligen Vorgesetzten, alt Bundesrätin Eveline Widmer-Schlumpf, und weiteren Spitzenbeamten. Sie hätten allesamt schriftlich befragt werden sollen. Doch die Einzelrichterin in Bellinzona verfügte eine öffentliche Hauptverhandlung samt mündlicher Zeugeneinvernahme. Woraufhin Roth im Spätherbst seine Millionenforderung zurückzog. «Ich wollte nicht noch mehr Staub aufwirbeln», sagt der Aargauer Jurist. Einzig an den finanziellen Einbussen aus dem entgangenen Esisuisse-Mandat hielt Roth fest. Der Einsitz in den Vorstand der Einlagensicherung hätte ihm jährlich 30 000 Franken eingebracht, die er «kapitalisiert auf mindestens zehn Jahre» einforderte. Dazu liess die Einzelrichterin den Präsidenten der Esisuisse, Barend Fruithof, schriftlich befragen. Fruithof betont im Urteil, dass Roth «weder in seiner Bewerbung noch in den Bewerbungsgesprächen» sein «Strafverfahren» erwähnt habe.

Nie mehr etwas gehört

Auch der Headhunter von Egon Zehnder, der Roth ins Spiel gebracht hatte, habe keinerlei Kenntnis vom Rechtsverfahren gehabt. Erst an einer Sitzung des Esisuisse-Vorstands hätten einzelne Vorstandsmitglieder das Strafverfahren gegen Roth aufgebracht. Fruithof hält deshalb schriftlich gegenüber der Strafkammer fest: Der Hauptgrund für die Nichtwahl von Roth sei gewesen, dass er das Verfahren und das Urteil nicht zur Sprache gebracht habe. Dieses Verhalten sei alles andere als «vertrauensbildend» gewesen.

Weil also nicht das Strafverfahren, sondern dessen «Verschweigen» Roth den Posten als Esisuisse-Mitglied gekostet habe, lehnte die Strafkammer eine Entschädigung ab.

Ganz so gravierend kann der Vertrauensverlust des Esisuisse-Vorstands in Daniel Roth allerdings nicht gewesen sein. So beschliesst der Vorstand im April 2016, dass eine andere Person und «D. Roth vom Nominations- und Kompensations-Komitee als prioritäre Kandidaten für die Zuwahlen 2017 angefragt werden», wie es im Protokoll heisst. Nur: Daniel Roth hat von der Einlagenversicherung nie mehr etwas gehört.