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Flugbewegte Klimajugend

Aviatik Wasser predigen und Wein trinken. So lässt sich die neuste Meldung vom Flughafen Zürich deuten. Denn auch 2019 fliegen erneut mehr Passagiere ab Kloten. Im Vergleich zu vor zehn Jahren sind es fast zehn Millionen Passagiere mehr, was einem satten Plus von 43 Prozent entspricht.

Zwei Drittel sind Freizeit-Flüge

Fürs Klima sind dies schlechte News, verursacht doch der Flugverkehr rund einen Fünftel des CO2-Ausstosses in der Schweiz. Dabei wäre eine Reduktion durchaus zumutbar: Fast zwei Drittel der über dreissig Millionen Passagiere nehmen ab Kloten aus «Freizeitgründen» den Flieger. Das Klischee von den meilensammelnden Geschäftsfliegern, derentwegen die Polkappen dahinschmelzen, ist daher zu korrigieren.

Und nicht nur das. Wer die Passagierstatistiken in Kloten von 2008 und 2018 miteinander vergleicht, sieht zwei weitere Trends: Der Anteil weiblicher Passagiere ist deutlich gestiegen (um 29 Prozent), der Anteil jüngerer Fluggäste ebenfalls. So beträgt der Zuwachs in der Sparte der 16- bis 25-jährigen Flugpassagiere immerhin 14 Prozent. Auch die Klimajugend aus der Generation Greta lässt sich also gerne per Flieger ins Freizeitvergnügen bewegen.

Passagiere werden jünger und weiblicher

Womit wir beim Kernproblem wären, weshalb die Klimaziele mit Sicherheit verfehlt werden: Wohlmeinende Proteste sind nicht nachhaltig. Nach dem Friday for Future rasch im Easyjet ins Weekend abzudüsen, ist zwar hochgradig widersprüchlich, aber typisch menschlich. Wer wirklich Verhaltensänderungen durchsetzen möchte, tut dies mit Vorteil über den Preis, abseits aller moralinsauren Appelle ans schlechte Gewissen.

Eine griffige Flugsteuer ist deshalb die einzig logische Konsequenz.

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Finma-Bericht gegen Credit Suisse zugelassen

Strafverfahren Ein Bericht der Finma darf in einer laufenden Untersuchung gegen die Credit Suisse verwendet werden. Dies hat ein Genfer Gericht entschieden.

Der Genfer Staatsanwalt Yves Bertossa hat Ende Jahr einen Etappensieg gegen die Credit Suisse erzielt. Das Zwangsmassnahmengericht in der Calvinstadt entschied nämlich Mitte Dezember, dass ein Bericht der Finanzmarktaufsicht Finma zu Geldwäscherei-Mängeln bei der CS in eine laufende Strafuntersuchung gegen die Bank einfliessen darf. «Die Staatsanwaltschaft bestätigt, dass sie Zugang zu dem von Ihnen genannten Dokument erhalten hat», sagt ein Sprecher. Die Credit Suisse kann gegen den Gerichtsentscheid noch bis Ende Januar vor Bundesgericht rekurrieren: Man prüfe derzeit einen möglichen Weiterzug, so die CS.

Strafurteil gegen Credit Suisse Berater

Beim Finma-Bericht mit dem Codenamen «Dino» handelt es sich um das Enforcementverfahren zur Geschäftsbeziehung der Bank mit dem georgischen Milliardär und Ex-Regierungschef Bidzina Ivanishvili. Dieser war langjähriger Grosskunde der Credit Suisse und sieht sich durch einen ehemaligen CS-Berater im grossen Stil betrogen. Gegen die Bank läuft deshalb eine Strafuntersuchung wegen Organisationsmängeln.

Die Informationen aus dem Finma-Enforcmentbericht sind für die CS nicht nur für dieses laufende Verfahren kritisch. Sie bergen auch Finanz- und Reputationsrisiken für die Bank. Denn die Geschädigten des Ex-CS-Relationship-Managers P. L. machen seit geraumer Zeit öffentlich Druck. Eine Kampagne unter dem Titel «CS Victims» samt Zeitungsinseraten und einer eigenen Website soll die Bank in einen Vergleich zwingen.

Politisch exponierter Milliardär

Im nun entsiegelten Finma-Bericht sind Mängel der Credit Suisse bei der Einhaltung der Sorgfaltspflichten in der Geldwäschereibekämpfung detailliert dokumentiert. Die Geschäftsbeziehung mit dem politisch exponierten Milliardär sei «zu spät als solche mit erhöhten Risiken erfasst und entsprechend behandelt» worden, schrieb die Finma in einer späteren öffentlichen Mitteilung. Die Abklärungen und die Dokumentation seien mangelhaft gewesen. Erhöhte Risiken habe die Bank «bei gewissen Transaktionen» gefahren.Fakten für mögliche Mängel

Bereits im Februar 2018 wurde der ehemalige CS-Kundenberater von Ivanishvili, P. L., vom Genfer Strafgericht zu einer Freiheitsstrafe von fünf Jahren verurteilt. Der Bankberater habe das Vertrauen der Kunden, darunter Bidzina Ivanishvili und der russische Oligarch Vitaly Malkin, missbraucht und Millionen Franken ergaunert, hiess es in der Urteilseröffnung. L. habe insgesamt einen Schaden von 143 Millionen Franken verursacht und sich dabei selbst um 30 Millionen Franken bereichert.

In Berufung vor Bundesgericht

Der Ex-CS-Banker wurde wegen gewerbsmässigen Betrugs, ungetreuer Geschäftsbesorgung und Urkundenfälschung erstinstanzlich schuldig gesprochen. Im letzten Sommer bestätigte das Appellationsgericht das Urteil. Mehrere Verfahrensparteien sind daraufhin in Berufung gegangen. Inzwischen liegt der Fall L. dem Bundesgericht zur Beurteilung vor.

Gesondert zum Strafverfahren gegen den mutmasslich fehlbaren CS-Kundenberater L. hat der Genfer Staatsanwalt Yves Bertossa bereits vor zweieinhalb Jahren eine eigene Strafuntersuchung gegen die Bank nach Artikel 102 Strafgesetzbuch eröffnet, also Unternehmenshaftung aufgrund von Organisationsmängeln. Dabei könnte der Bank eine Busse von bis zu maximal 5 Millionen Franken drohen. Die nötigen Fakten für solch möglicherweise strafbaren Organisationsmängel dürfte der Enforcementbericht liefern, den Bertossa im Herbst von der Aufsicht erhielt.

Vertrauliche Informationen über Credit Suisse

Doch seine Freude darüber währte nicht lange: Die CS-Anwälte von der Kanzlei Schellenberg und Wittmer sollen laut Nachrichtenagentur Bloomberg wenige Tage später eine Versiegelung veranlasst haben. Dabei hätten die Anwälte argumentiert, dass der Finma-Bericht vertrauliche Informationen über das Management der Bank enthalte, welche den bankeigenen Interessen im Strafverfahren zuwiderlaufen würden.

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André Krause – Morgenröte für den Schattenmann

André Krause Der neue Sunrise-Chef gilt als Urgestein im Telekomkonzern. Fachlich ist er unbestritten. Nun sind Führungsqualitäten gefragt.

Im Schnitt bleibt ein Schweizer CEO gut 6,9 Jahre im Amt. In der Zeitspanne hat der Telekomkonzern Sunrise mit Oliver Steil, Libor Voncina und Olaf Swantee gleich drei Chefs verschlissen. All die Personalrochaden hat einer stets überlebt: André Krause. Der deutsche Betriebswirt amtet als Finanzchef seit Herbst 2011 – für Sunrise-Verhältnisse eine gefühlte Ewigkeit. Geholt hat ihn der damalige Chef Oliver Steil. Die beiden Turbomanager kannten sich bereits aus gemeinsamen Zeiten beim Unternehmensberater McKinsey.

Seit Anfang Jahr darf Porsche-Fahrer Krause nun selber in den Driver’s Seat. Zu verdanken hat Krause das Konzernsteuer auch Sunrise-VR Christoph Vilanek, der ihn fürs operative Spitzenamt portierte. Der streitbare Tiroler vertritt die Interessen der Sunrise-Grossaktionärin Freenet. Für Vilanek ist Krause ein alter Bekannter: «Ich kenne und schätze André seit zwanzig Jahren.» Schliesslich arbeitete auch Vilanek einst als Berater bei McKinsey mit Krause zusammen. Später waren die beiden in Deutschland Konkurrenten: Krause wirkte bei O2/Telefónica, während Vilanek für Debitel weibelte.

Krause hat Fusionspläne mitgetragen

Dass Krause im letzten Jahr als Sunrise-Finanzchef die Milliardenübernahme des Kabelnetzbetreibers UPC mit aller Kraft vorantrieb, die Vilanek ebenso lautstark bekämpfte, sieht der Freenet-Vertreter nicht als Makel an: Klar habe Krause als Finanzchef die Fusionspläne mitgetragen, aber er habe im persönlichen Gespräch auch signalisiert, dass er sich «mit einer Strategie ohne Transaktion» wohlfühle, sagt Vilanek.

Dass Krause anpassungsfähig ist, hat er bei Sunrise immer wieder bewiesen. Als der gebürtige Ostwestfale unter CEO Steil bei der Telekomfirma anfing, gehörte sie noch zu 100 Prozent der Luxemburger Private-Equity-Gesellschaft CVC. Nachdem Steils Billigheimer-Strategie gescheitert war und er auf Druck von CVC gehen musste, konnte sich dessen engster Vertrauter Krause schadlos halten. Auch unter Steils Nachfolgern – Libor Voncina und Olaf Swantee – galt der Finanzfachmann als gesetzt.

Strategische Kniffe

Mehr noch: Die heutige Sunrise trägt massgeblich Krauses Handschrift. Er gilt einigen gar als langjähriger Schattenchef. Sei es die Auslagerung des Netzbetriebs an die chinesische Huawei oder der erfolgreiche Börsengang: Immer wieder wusste Krause Sunrise mit strategischen Kniffen finanziell zu optimieren. Als dessen Meisterstück in Sachen Financial Engineering gilt 2017 der Verkauf von 2200 Sunrise-Sendemasten an ein internationales Finanzkonsortium. Ein Novum im Schweizer Telekommarkt.

Mit dem ausgeklügelten «Sale and lease back»-Deal konnte Krauses Finanzteam die Schuldenlast der Sunrise reduzieren und zugleich deren Ausschüttung erhöhen. Diese Quadratur des Kreises liess die Aktionäre jubilieren. Bezeichnenderweise wird in Krauses Ankündigung als neuem CEO explizit erwähnt, dass die Dividende des Unternehmens seit dem Börsengang um fast 50 Prozent gesteigert werden konnte.

Personaltrainerin als Ehefrau

Als Kosten- und Prozessoptimierer geniesst der 49-Jährige, der mit seiner Frau – einer Personaltrainerin – und vier Kindern an der Zürcher Goldküste wohnt, reihum einen guten Ruf. Für Weggefährten stehen seine fachlichen Qualitäten ausser Zweifel: «Krause kennt das Telekombusiness aus dem Effeff», lautet der Tenor.

Dabei verkörpere Krause den Typus eines modernen Finanzchefs: kein penibler Erbsenzähler, sondern einer, der das Tagesgeschäft versteht und aktiv treibt. Auch zwischenmenschlich gilt der bekennende FC-Bayern-Fan als sozialkompatibel: Kein Selbstdarsteller, sondern nüchtern und «down-to-earth» beschreiben ihn Weggefährten. Dabei umgab sich Krause bislang vor allem mit einem eingeschworenen Team aus Finanzfachleuten. Dazu zählt auch Krauses Nachfolger als Finanzchef, Uwe Schiller – ebenfalls ein Sunrise-Urgestein.

Fleissiger Krause

Allerdings muss Krause in seiner neuen Rolle als CEO mehr können, als die Erfolgsrechnung konsequent zu optimieren. Während Vorgänger Olaf Swantee von der Vertriebs- und Produkteseite herkam und als glänzender Selbstvermarkter galt, muss Krause sein kommunikatives Profil gegen aussen erst noch schärfen: «Nach einem verlorenen Jahr wegen der UPC-Transaktion hängen die Mitarbeitenden in den Seilen», sagt ein Insider. Ob der fleissige Krause, der einst an der FH Bielefeld den Wirtschafts-Bachelor machte, auch den charismatischen Motivator geben kann, um die Mitarbeitenden auf den strategischen «Standalone»-Kurs einzuschwören, bleibt abzuwarten. Bisher war seine Präsenz eher bescheiden.

Kommerzchef geht

Eine erste, wichtige Weichenstellung hat der Neo-CEO jedoch bereits kurz nach Amtsantritt vorgenommen. So verlässt Privatkunden-Chef Bruno Duarte per sofort Sunrise. Duarte verantwortete seit Frühsommer 2017 die wichtigste Geschäftssparte und galt dabei als enger Weggefährte von Ex-CEO Swantee. Arbeiteten doch beide beim britischen Mobilfunkanbieter EE, einer Tochter der British Telecom: Swantee war dort operativer Chef bis 2016, während Duarte Operations und Strategie unter sich hatte. Bis ein Nachfolger gefunden ist, wird Krause interimistisch den Privatkunden-Teil leiten.

In den vergangenen Monaten wuchs nämlich intern die Kritik an Kommerzchef Duarte wegen seiner Tarifpolitik. Insbesondere die Weiterentwicklung des TV-Geschäfts lahmte, auch aufgrund der antizipierten UPC-Übernahme. Die Kundenbasis wuchs deshalb eher bescheiden mit zuletzt 6000 zusätzlichen Kunden im dritten Quartal auf etwas mehr als eine Viertel Millionen Sunrise-TV-Abonnenten. Und auch der Umsatz pro Kunde entwickelte sich zuletzt rückläufig. Hier wird Krause gefordert sein, den Telekomkonzern «standalone» wieder neu auszurichten.

Neben der Suche nach einem Chief Commercial Officer dürfte Krause eine weitere Personalie die nächsten Monate umtreiben: jene seines Vorgesetzten. Nach Peter Kurers Rücktrittsankündigung sucht die Sunrise nämlich auf die Generalversammlung im April einen Präsidenten.

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Breitmeier ist ein Bauernopfer

Ruag-Chef Urs Breitmeier Der Abgang von Urs Breitmeier ist angesichts der vielen Fehlleistungen richtig. Doch der Kern von Ruags Problemen bleibt ungelöst.

Knall auf Fall trat diese Woche der langjährige Chef der Ruag, Urs Breitmeier, ab. Seit 2013 leitete Breitmeier die Geschicke des bundeseigenen Rüstungsbetriebs.

Beim Exit des CEO führte die Ruag-Spitze um Präsident Remo Lütolf die Öffentlichkeit einmal mehr an der Nase herum. Breitmeiers Abgang stehe in Zusammenhang mit dem erfolgreichen Abschluss der Ruag-Aufspaltung in einen zivilen, internationalen und einen inländisch, militärischen Teil, gab Lütolf zu Protokoll.

Eine Entflechtung notabene, die seit Jahren im Tun ist und deren Abschluss prima zu antizipieren gewesen wäre. Wenn also der Abgang des Ruag-CEOs wirklich von langer Hand geplant gewesen wäre, weshalb kann der Ruag-Präsident nicht nahtlos Breitmeiers Nachfolge präsentieren und muss sich mit einer Interimslösung behelfen?

Die Gründe sind andere

Die Sache ist vielmehr die: Bis vor kurzem galt Urs Breitmeier unter Branchenkennern als gesetzt für den Posten als Ruag-International-Chef, also den ausländisch-zivilen Teil. Doch der Druck auf den langjährigen Rüstungsmanager stieg in vergangenen Monaten kontinuierlich an.

Zu viele operative Altlasten kamen im Rahmen der Entflechtung und auch auf Druck der Öffentlichkeit ans Licht.

Allen voran der Bericht der Eidgenössischen Finanzkontrolle EFK vom letzten Sommer, der zeigt, dass die Ruag-Führung über Jahre der Armasuisse zu hohe und artfremde Leistungen in Rechnung stellte. Das war zwar stets legal, aber trotzdem höchst stossend für den Bundeseigner und grössten Ruag-Kunden. 

Eine Reihe von Missständen

Diese fragwürdigen Querfinanzierungen sind das jüngste Element in einer ganzen Reihe von Missständen bei der Ruag in der Ära Breitmeier. Angefangen bei eklatanten Compliance-Verfehlungen in einer Munitionsfabrik in Ungarn, welche die EFK vor einigen Jahren aufdeckte.

Gefolgt von den Cybersecurity-Mängeln, welche ein russischer Hackerangriff auf die Ruag-IT schonungslos offenlegte. Bis hin zu zweifelhaften Waffenexport-Geschäften. Insgesamt verfestigte sich so der Eindruck, dass Breitmeier seinen Laden nur bedingt im Griff hatte.

Und schlimmer noch: Dass Breitmeier Fehler, die überall passieren können, wo gearbeitet wird, nur widerwillig und in Salamitaktik einzuräumen bereit war.

Der Rücktritt von Urs Breitmeier tut not

Dass der langjährige Ruag-Chef nun abtritt, ist angesichts der Kumulation von Fehlleistungen nur konsequent. Das Problem dabei: Breitmeier ist bloss ein Bauernopfer.

Denn was der Ruag über all die Jahre fehlte, war eine konsequente Aufsicht und ein starker Eigner. Und da kommt Präsident Lütolf in Spiel: Der heutige Präsident sitzt seit 2014 im Aufsichtsgremium. Lütolf ist massgeblich dafür mitverantwortlich, dass der Rüstungsbetrieb des Bundes nicht aus den Negativschlagzeilen herauskommt. Es ist deshalb zu hoffen, dass auf die neue Struktur auch neue Köpfe folgen werden.

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Sunrise-Grossaktionär widerspricht UPC-Mutter

Sunrise Liberty Global bläst Geheimverhandlungen mit Freenet ab. Der Sunrise-Grossaktionär sagt aber, es habe nicht an Einigkeit mit Sunrise gemangelt.

Die Übernahme des Kabelnetzbetreibers UPC Schweiz durch den Telekomkonzern ist endgültig gescheitert: «Wir wünschen Sunrise alles Gute, aber wir ziehen weiter» , lässt sich Mike Fries, Chef der UPC-Mutter Liberty Global LGI in einem jüngst veröffentlichten Statement zitieren. 

Zwar kündigte die Firma bereits vor vier Wochen den bestehenden Transaktionsvertrag mit der amerikanischen UPC-Mutter LGI auf. Doch in den letzten vier Wochen liefen Geheimverhandlungen zwischen dem deutschen Grossaktionär Freenet und LGI, wie Freenet-Chef und Sunrise-VR Christoph Vilanek gegenüber der «Handelszeitung» bestätigt.

«Auf Initiative von LGI gab es in den letzten Wochen den nochmaligen Versuch, eine Einigung zur Übernahme der UPC Schweiz zu erzielen. Doch konnten wir uns bis zuletzt über eine Reihe von Punkten nicht einigen.» Zu den Knackpunkten der Verhandlungen will sich Vilanek nicht weiter äussern.

Sunrise und Freenet: Einigung «auf den besten Weg»

Gleichzeitig aber widerspricht Freenet-Chef Vilanek der Darstellung von LGI-Chef Fries, wonach der Verwaltungsrat und der grösste Aktionär des Telekomkonzerns sich untereinander nicht «auf den besten Weg» haben einigen können. Das sei natürlich Unsinn, meint Vilanek: Zwischen Freenet und dem Sunrise-Management gebe es keinerlei Differenzen.

Er habe Sunrise darüber informiert, dass man mit Liberty Global nochmals sprechen werde. Ansonsten sei der Telekom-Konzern um Chef Olaf Swantee derzeit mit Hochdruck daran, ihre «Standalone»-Strategie weiterzuverfolgen, was er als Vertreter des grössten Aktionärs begrüsse.

Stimmen-Mehrheit verfehlt

Enttäuscht zeigt sich Vilanek auch darüber, dass LGI den mehrwöchigen Verhandlungsversuch mit Freenet überhaupt publik gemacht hat. «Das war so nicht abgemacht» , erklärt der Freenet-Chef. Im Oktober sagte Sunrise, zwei Tage vor der ausserordentlichen Generalversammlung zur Milliardentransaktion, das Aktionärstreffen ab. Dies, weil sich abzeichnete, dass das Übernahmevorhaben keine Stimmen-Mehrheit finden würde.

Mitte November kündigte der Telekomkonzern dann den Übernahmevertrag mit der UPC-Mutter Liberty Global auf. Die gescheiterte Transaktion dürfte den Telekom-Konzern insgesamt rund 125 Millionen Franken kosten. Nicht miteingerechnet sind jene Opportunitätskosten aufgrund von aufgeschobenen Projekten wie der Weiterentwicklung des eigenen TV-Angebots oder weiterer Bundle-Produkten.

Keinerlei Differenzen

Gleichzeitig aber widerspricht Freenet-Chef Vilanek der Darstellung von LGI-Chef Fries, wonach der Sunrise-Verwaltungsrat und der grösste Aktionär des Telekomkonzerns sich untereinander nicht «auf den besten Weg» haben einigen können. Das sei natürlich Unsinn, meint Vilanek: Zwischen Freenet und dem Management gebe es keinerlei Differenzen.

Er habe Sunrise darüber informiert, dass man mit Liberty Global nochmals sprechen werde. Ansonsten sei der Telekom-Konzern um Chef Olaf Swantee derzeit mit Hochdruck daran, ihre «Standalone»-Strategie weiterzuverfolgen, was er als Vertreter des grössten Aktionärs begrüsse.

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«Russian Laundromat»: Was wusste Annika Falkengren ?

Lombard Odier Die Schwedische Bank SEB ist in einen riesigen Geldwäsche-Skandal verwickelt. Deren langjährige Chefin Annika Falkengren ist heute Partnerin bei der Genfer Privatbank Lombard Odier.

Zur besten Sendezeit strahlte jüngst das schwedische Fernsehen SVT eine aufwendige Dokumentation zur Geldwäsche bei der Skandinaviska Enskilda Banken, kurz SEB, aus. Das Fazit der Doku: Zwischen 2005 und 2017 wurden über SEB-Konten im Baltikum zweifelhafte Transaktionen im Umfang von umgerechnet rund 26 Milliarden Franken abgewickelt.

Offshore-Firmen in zweifelhaften Jurisdiktionen

Gemäss SVT-Doku soll die schwedische Bank mindestens 194 Hochrisiko-Kunden betreut haben, wovon die meisten dieser «Non-Resident Customers» Russen waren. Diese hätten über baltische SEB-Konten möglicherweise Geld gewaschen und weiter an Offshore-Firmen in zwielichtige Jurisdiktionen wie die Britischen Jungferninseln oder nach Panama verschoben. 

Mindestens zwei Drittel der von den SVT-Reportern untersuchten SEB-Konten hätten ein hohes Geldwäsche-Risiko aufgewiesen. Unter den Geldern, die via SEB verschoben wurden, finden sich auch bis 72 Millionen Dollar aus der sogenannten «Magnitsky Affäre», einem der bekanntesten Finanzskandale der jüngeren russischen Geschichte.

Keine Red Flags

Die Enthüllungen im schwedischen Fernsehen zeigten zusammenfassend, dass rund 150 SEB-Kunden Unternehmen waren, deren Sitz in Hochrisikoländern wie den British Virgin Islands, Belize und Panama registriert waren. Und dass 87 dieser Unternehmen Adressen aufweisen, die die aus früheren Geldwäsche-Skandalen bekannt gewesen sein mussten. Für 130 Unternehmen gilt gar die höchste Risikostufe für vermutete Geldwäsche. Über diese High-Risk-Unternehmen wurden rund 280 Millionen Dollar geschleust.

Obwohl  die SVT-Doku den Nachweis erbrachte, dass nebst Danske Bank und Swedbank auch die damalige SEB-Filliale in Estland mutmasslicherweise zum Waschen von russischen Geld benutzt wurde, verkündete der amtierende SEB-Chef Johann Torgeby noch im letzten Herbst: «Wir fühlen uns sehr wohl dabei, mit dem das, was wir von 2008 bis heute getan haben. Es gibt keine Red Flags, um die wir uns im Vergleich sorgen machen müssten.»

Annika Falkengren wechselte zu Lombard Odier

Just jene Periode, also zwischen der Zeitraum 2005 und 2017, in welche die Enthüllungen der SVT-Repo fallen, lagen in der obersten Verantwortung von Annika Falkengren. Die schwedische Bankmangerin ist heute Partnerin der Genfer Privatbank Lombard Odier ist. Sie war von Herbst 2005 bis 2017 Gruppenchefin der SEB.  

Wusste Falkengren von den Problemtransaktionen im Baltikum wusste? Inwiefern? War die Genfer Bank um Senior Partner Patrick Odier bei Falkengrens Einwechslung über die Geldwäsche-«Issues» informiert? Dazu wollte Banken-Sprecher Andreas Kessler keine Auskunft geben: «Wir kommentieren weder Fälle, die andere Unternehmen betreffen noch Personalfragen.»

Anmerkung: Jüngst teilte die schwedische Finanzaufsicht mit, dass bei SEB «Mängel und Schwächen» bei internen Geldwäschekontrollen in baltischen Geschäftsstellen gefunden worden. Der Bank drohen Strafzahlungen.

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Neue Strafuntersuchung im Fall Vincenz

Raiffeisen Die Zürcher Staatsanwaltschaft eröffnet im Fall Vincenz eine Strafuntersuchung gegen unbekannt wegen Bankgeheimnisverletzung.

Der Fall um den Ex-Raiffeisen-Chef Pierin Vincenz ist um ein Kapitel reicher. Die Zürcher Staatsanwaltschaft III eröffnet eine Strafuntersuchung gegen unbekannt wegen Bankgeheimnisverletzung. «Wir können die Eröffnung einer solchen Strafuntersuchung bestätigen», sagt Sprecher Erich Wenzinger nach Recherchen der «Handelszeitung».

Hintergrund der neuen Strafuntersuchung ist die Publikation von privaten Banktransaktionen im Jahr 2016. Damals veröffentlichte der Finanzblog «Inside Paradeplatz» detaillierte Informationen zu Transaktionen des Ex-Aduno-Chefs Beat Stocker von seinen Konti bei der Bank Julius Bär. Unter anderem flossen dabei Millionenbeträge an seinen Freund und Geschäftspartner Pierin Vincenz. Gegen beide, Vincenz und Stocker, läuft seit bald zwei Jahren eine Strafuntersuchung wegen ungetreuer Geschäftsbesorgung.

Ex-Kadermann der Bank Julius Bär

Aufgeschreckt durch die wiederholten Indiskretionen und Finanzdetails gab die Bank Julius Bär im Herbst 2016  eine interne Untersuchung in Auftrag: Sie sollte herausfinden, wer im Finanzkonzern die mutmassliche  Bankgeheimnisverletzung begangen habe. Gemäss mehreren Quellen förderte die Untersuchung, die eine externe Anwaltskanzlei durchführte, damals drei Tatverdächtige zutage. Besonders brisant: Einer davon soll ein ehemaliger Kadermann der börsenkotierten Bank sein, sagen zwei Insider übereinstimmend. 

Strafbarkeit des Geheimnisverrats im Fall Vincenz

Die Verletzung des Bankgeheimnisses ist ein Offizialdelikt. Es droht eine Geld- oder eine Freiheitsstrafe von bis zu drei Jahren. Dies gilt für den, der ein Geheimnis offenbart, das ihm in seiner Eigenschaft als Organ, Angestellter, Beauftragter oder Liquidator einer Bank anvertraut worden ist. Gleichermassen macht sich aber auch strafbar, wer dieses Geheimnis weiteren Personen offenbart.

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Lex UBS – Ständerat als Wasserträger der Grossbanken

Steuerabzug auf Auslandbussen Geht es nach den Politikern der kleinen Kammer, dem Ständerat, sollen Schweizer Unternehmen im Ausland verhängte Bussen von den Steuern abziehen können. Dies dann, wenn das dortige Verfahren gegen rechtsstaatliche Grundsätze verstösst. Oder dann, wenn die Schweizer Firma alles Zumutbare unternommen hat, um sich rechtskonform zu verhalten.

Die Abzugsfähigkeit dieser Bussen sollen jeweils die hiesigen Steuerbehörden prüfen. Das jedoch führt zu absurden Verhältnissen: Die Schweizer Steuervögte müssten über ausländische Strafurteile richten und ermessen, ob der Konzern im Ausland auch wirklich alles Menschenmögliche unternommen hat, sich gesetzeskonform zu verhalten. Es wäre die pure Rechtsanmassung. Deshalb lehnen Bund und Kantone die Abzugsfähigkeit grundsätzlich ab.

Keine Bananenrepubliken

Hinzu kommt, dass all die Multimillionenbussen der letzten Jahrzehnte für Schweizer Konzerne nicht in Bananenrepubliken anfielen, sondern in demokratischen Rechtsstaaten wie den USA.

Es entsteht deshalb der Eindruck, dass sich die Mehrheit des Ständerats zum Wasserträger der Grossbanken gemacht hat, namentlich der UBS. Die Bank wittert in ihrem Frankreich-Steuerfall Politjustiz und hofft nun wenigstens, die drohende Milliardenbusse von den Steuern absetzen zu können.

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Postfinance – Die Post-Finanzkrise

Postfinance Sinkende Erträge, schmelzende Zinsmarge – und Kunden ziehen Geld ab. Die Bank steht am Scheideweg. Vier Strategien, wie die Postfinance sich neu aufstellen könnte.

Jedes Quartal dasselbe Bild: Die Postfinance verdient weniger, Kunden ziehen Gelder ab, das Aufwands-Ertrags-Verhältnis steigt. Die Staatsbank steckt in einer Sackgasse. Noch immer hängt der Ertrag der Postfinance zu 60 Prozent am Zinsdifferenzgeschäft. Doch im Kerngeschäft fehlt der Bank ein Standbein: Sie darf keine Kredite vergeben, wodurch die Bank die Einlagen in Anleihen solider Schuldner anlegen muss. Nur: Im Tiefzinsumfeld werfen diese Qualitätsobligationen kaum mehr etwas ab. Die Postfinance steckt in der Zinsfalle.

Gleichzeitig stellt sich für die eidgenössische Bank die Sinnfrage: Die Existenzberechtigung der Postfinance bestehe in der Grundversorgung der Bevölkerung mit Zahlungsverkehrsdienstleistungen, sagt der emeritierte Bankenprofessor Urs Birchler. Dazu gehöre ein Netz von zu Fuss erreichbaren Filialen und eine Staatsgarantie für Postfinance-Gelder. Doch das Filialnetz spiele nur noch bei einem kleinen Teil der Bevölkerung eine Rolle. Ein Immigrant, der kein Deutsch spreche, oder eine Betagte, die nicht mehr gut sehe, seien am Postschalter meist besser aufgehoben als bei einer Geschäftsbank. «Alle andern zahlen heute mit Kreditkarte oder Handy; für die grosse Mehrheit ist die Postfinance ein Relikt.»

Aufschieben des Postfinance Problems

Und auch die Staatsgarantie sei kein Alleinstellungsmerkmal, so Birchler. Gelder bei Geschäftsbanken seien durch den Einlegerschutz bis 100 000 Franken abgedeckt. «Wer noch sicherer sein möchte, geht zu einer Kantonalbank», sagt der Bankenprofessor. Er zweifelt deshalb an der Raison d’être der Postfinance: «Eine Institution, die es nicht braucht, verschwindet langfristig letztlich von selbst.» Es gehe nur darum, welches die schmerzloseste Variante darstelle. Sie bestehe selten im Aufschieben des Problems.

Ganz so apodiktisch ist Andreas Dietrich, Bankenprofessor an der Hochschule Luzern, nicht. Er fordert aber eine klarere Positionierung: «Die Postfinance verkauft sich in ihrer neuen Werbung als cool und digital und macht so einen auf Revolut, will aber auf der anderen Seite eine normale Bank sein mit Negativzinsen und Kontoführungsgebühren. Das passt so nicht zusammen.»

Die Post-Tochter solle auf ihre 2,5 Millionen Kunden setzen, denn diese seien ihr Alleinstellungsmerkmal. «Bei so vielen Kunden muss man ein Ökosystem mit verschiedenen Dienstleistungen aufbauen.» Zwar habe die Postfinance durchaus viele Produkte lanciert, sagt Dietrich, «doch sie verkauft das viel zu schlecht, ich spüre sie nicht».

STRATEGIE 1 PAYMENT: Auf Kernkompetenz konzentrieren

Die Postfinance hat eine klare DNA: Zahlungsverkehr. Der Postcheckdienst wurde vor mehr als hundert Jahren gegründet (siehe Infobox), um dem «kleinen Mann» Geldüberweisungen zu ermöglichen. Später eröffneten Herr und Frau Schweizer ein Postcheckkonto, um Einzahlungsscheine verteilen zu können, im Ausland kostenlos Bargeld zu beziehen oder – ohne Jahresgebühr – mit der Postcard zu bezahlen. Das Zahlungssystem der Post sei «bis zum Ende des 20. Jahrhunderts von der Mehrheit der Bevölkerung genutzt» worden, hält das «Historische Lexikon der Schweiz» fest. Man beachte die Vergangenheitsform.

Diese Positionierung hat die Post aufgegeben. Längst bieten auch andere Banken einfache Werkzeuge für die täglichen Zahlungen an. Die Postfinance hat ihre Avantgarde-Positionierung aufgegeben und damit auch ihre Einzigartigkeit. Konto und Postfinance Card kosten gleich viel wie bei Banken, die Payment-App Twint wird heute vom SIX-Konsortium gesteuert und selbst die von der Postfinance ausgegebenen Kreditkarten werden von der UBS verwaltet. Payment-DNS? Fehlanzeige.

Zurück zu den Wurzeln zu kehren, bedeutet, sich kompromisslos auf Kernkompetenzen zu konzentrieren: auf den besten und einfachsten Zahlungsverkehr mit Überweisungen in Echtzeit, intuitiv zu bedienende Apps und Internetlösungen, Kreditkarten mit Transparenz und besseren Konditionen als bei den Banken, über offene Schnittstellen eingebundene Drittanbieter. Kurz gesagt: auf Services.

«Lässt sich damit Geld verdienen?», fragen Kritiker. «Hat das Zukunft?» Dass Neobanken und Quereinsteiger wie Revolut oder Apple mit Zahlprodukten auf Kundenfang gehen, müsste zumindest hellhörig machen. Einst tat das auch die Post.

STRATEGIE 2 DIVERSIFIKATION: Postfinance hin zum Vermögensverwalter

Zwar konnte die Postfinance ihre Abhängigkeit vom Zinsdifferenzgeschäft in den letzten Jahren etwas reduzieren. Zum Beispiel durch die Vermittlung von Hypotheken oder eine Erhöhung der Kontogebühren. Doch noch immer stammen rund 60 Prozent der Erträge aus dem Geschäft mit den Zinsen. Dies ist insofern problematisch, als die Postfinance per Gesetz «keine Kredite und Hypotheken an Dritte» vergeben darf. Sie muss die Kundengelder in sichere Obligationen mit entsprechend mageren Renditen anlegen. Zwar hat der Bundesrat im Herbst 2018 beschlossen, das Kreditvergabeverbot aufzuheben. Aber angesichts der starken Kantonalbank-Lobby im Ständerat dürfte dieses Vorhaben einen schweren Stand haben.

Eine Diversifikation der Ertragsströme – weg vom Zinsgeschäft – tut also not. Beispielsweise, indem die Postfinance ihre Einlagen viel stärker bewirtschaftet als bisher. Von gegenwärtig rund 120 Milliarden Franken an Kundenvermögen sind nur knapp 10 Prozent in Anlagelösungen wie Wertschriften oder Versicherungen investiert. Mehr Geld in Anlagen würde das Kommissionsgeschäft ankurbeln.

Doch der Schritt vom Zahlungsdienstleister für die breite Masse zum individualisierten Vermögensverwalter bereitet der Postfinance grosse Mühe. Die Staatsbank verfügt nicht über ein breites Filialnetz mit qualifizierten Bankberatern: Anlagelösungen am Postschalter zu verkaufen, hat bereits zur Jahrtausendwende mit dem Soleil-Fonds nicht funktioniert. Deshalb kündigte die Postfinance bereits im Herbst 2015 eine digitale Anlagelösung zusammen mit Swissquote als Partner an. Doch die Zusammenarbeit scheiterte. Nun soll im ersten Halbjahr 2020 ein eigens entwickelter Robo-Advisor lanciert werden. Man darf gespannt sein.

STRATEGIE 3 DIGITALE PLATTFORM: Orchestrator im offenen Ökosystem

Die grosse Stärke der Postfinance seien die 2,8 Millionen Kunden, findet der Luzerner Bankenprofessor Andreas Dietrich. Diese Vertriebskraft gelte es zu nutzen. Zwar hat das die Postfinance in der Vergangenheit durchaus getan. Oft aber blieb es beim Versuch oder der Ankündigung. Letztlich fehlt eine konsequente Umsetzung.

Wer sich als Zentrum eines Ökosystems versteht, muss vor allem Schnittstellen anbieten. Wirtschaftlich betrachtet heisst das, dass die Postfinance Dienstleistungen nicht selbst anbietet, sondern jene von Drittanbietern vermittelt – und sich dafür abgelten lässt. Das können Anlagelösungen oder Versicherungspolicen sein. Vielleicht aber auch Telekomverträge oder Flugreisen. Die Bank Cler versucht das mit ihrem Gratiskonto Zak. Dieses vermittelt unter anderem Policen der Baloise oder lässt die Bankkunden für Produkte sparen, die dann direkt beim Coop-Shop Microspot erworben werden können. Wirklich konsequent ist eine solche Strategie aber erst, wenn die Plattform offen ist und Konkurrenten gegeneinander ausgespielt werden können.

Technisch bedeutet die Strategie Ökosystem eine Öffnung von Datenschnittstellen. Postfinance-Kunden sollten nicht nur mit Twint bezahlen können, sondern auch Apple Pay, Samsung Pay und dereinst vielleicht auch Facebook und Revolut direkt an ihr Konto anbinden können. Firmenkunden sollten mit wenig Aufwand ihre Buchhaltungssysteme mit den Bankkonten abgleichen können. Die Schweizer Banken wehren sich noch immer gegen Open-Banking-Tendenzen, wie sie in der EU mittlerweile vorgeschrieben sind. Als Kartellbrecherin könnte die Postfinance all jene Kunden abholen, die sich an der Defensivstrategie ihrer Hausbanken stören. Und davon gibt es viele.

STRATEGIE 4 BACKOFFICE: Postfinance als Banken-Dienstleister

UBS-Chef Sergio Ermotti hat schon mehrfach öffentlich die Idee einer Schweizer «Superbank» in die Runde geworfen, über welche die hiesigen Institute gemeinsam ihre nicht differenzierenden Dienste, zum Beispiel im Zahlungsverkehr, abwickeln könnten. Ein gemeinsames Backoffice könnte zumindest auf dem Papier gewaltige Skaleneffekte generieren, was dem Finanzplatz als Ganzes zugutekäme. Allerdings wäre die Komplexität einer Super-IT-Plattform ebenfalls ausufernd, sodass die natürliche Partnerin für ein derartiges Infrastrukturvorhaben, die Börsenbetreiberin SIX, schon vor geraumer Zeit Ermottis Ansinnen eine Absage erteilt hat.

Nun könnte die Postfinance in die Bresche springen. Nicht zuletzt, weil ihr bisheriger Grundversorgungsauftrag, nämlich der Bevölkerung Zahlungsverkehrsdienstleistungen zu offerieren, durch Digitalisierung und Konvergenz zusehends obsolet wird. Das Staatsinstitut könnte dazu seine 2,8 Millionen Endkunden meistbietend an die Privatinstitute oder die parastaatlichen Kantonalbanken verkaufen und mit dem Erlös ein eidgenössisches Banken-Backbone aufbauen.

Mit dem Rückzug aus dem Retailbanking würde sich die Postfinance zudem auf ihre historischen Stärken als Zahlungs-Massenverarbeiter besinnen, Zudem hätte der Staatsdienstleister die Grösse und die finanziellen Mittel, um in Zukunftstechnologien wie industrielle Compliance-Checks oder eine automatisierte Hypothekenabwicklung zu investieren. Mit dieser B2B-Strategie würden sowohl die Kreditverbots- wie auch die Privatisierungsfrage hinfällig. Die Postfinance würde zum zentralen Infrastrukturpartner der privaten Geschäftsbanken, die sich auf ihre Endkunden konzentrieren könnten.

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Geldwäsche PDVSA – Die Banker der Sozialisten

PDVSA Milliarden aus Venezuelas Ölkonzern wurden veruntreut. Mittendrin: Schweizer Banken. Ihnen droht Ungemach.

Die Firma Telsey Managers residiert in Florida. An der Sunnyland Lane in Wellington nahe Boca Raton. Der Firmensitz ist eine palmengesäumte Villa samt Gestüt und Spa. Die US-Justiz beschlagnahmte die Residenz vor einem Jahr und fror die Vermögenswerte bei der Zürcher Bank EFG International ein. Telsey gehört Alejandro Andrade, der unter Hugo Chàvez venezolanischer Finanzminister war. Andrade, der auch ein Privatkonto bei der Tessiner BSI besass, sitzt inzwischen in den USA im Gefängnis. Verurteilt zu zehn Jahren wegen Geldwäscherei.

Der einstige Säckelmeister Venezuelas hat über 1 Milliarde Dollar Schmiergeld erhalten. Im Gegenzug gewährte Andrade den Boliburgos – der sozialistischen Wirtschaftselite – Zugang zum staatlichen Wechselkurs-Regime. Der Zugang ermöglichte aufgeblähte Devisengewinne in Milliardenhöhe. Dazu nahmen korrupte Manager der staatlichen Ölgesellschaft PDVSA bei den Boliburgos Scheinkredite in Lokalwährung auf. Erstattet wurden die Darlehen zum staatlichen Vorzugskurs in US-Dollar. Die Erträge aus dem Geldwäsche-Schema gingen hernach über diverse Schachtelfirmen und Mittelsmänner auch auf Schweizer Bankkonten. Und von dort meist weiter in die USA, wo die Salonsozialisten unter der Sonne Floridas dem Kapitalismus frönten.

PDVSA Provisionen in Millionenhöhe erhalten

Auf Druck der Amerikaner sind nun Justizbehörden rund um den Globus dabei, diesen Raubzug am Volksvermögen zu ahnden. So auch in der Schweiz. «Beim Bundesamt für Justiz (BJ) sind im PDVSA-Verfahrenskomplex rund ein Dutzend Rechtshilfeersuchen eingegangen», sagt eine BJ-Sprecherin. Eines davon hat das US-Justizministerium im März 2018 gestellt. In einem Urteil des Bundesstrafgericht, heisst es dazu: «Mehr als 4,5 Milliarden Dollar wurden unterschlagen, hauptsächlich durch die Eröffnung von Konten in der Schweiz durch B. Er soll auch 22 Millionen Dollar durch Provisionen erhalten haben, von denen einige für den Kauf von Immobilien in den Vereinigten Staaten verwendet wurden.»

Es handelt sich dabei um den bislang grössten Fall im PDVSA-Komplex. Hinter B. verbirgt sich ein 43-jähriger Franzose, der zwischen 2011 und 2013 als Direktor für die Genfer Compagnie Bancaire Helvétique (CBH) arbeitete. B. war der Vertrauensbanker zweier Boliburgos. «Er hat dafür gesorgt, dass die veruntreuten Dollar von PDVSA-Konten auf CBH-Konten flossen. Dazu nutzte er zahlreiche Mantelgesellschaften, um keine Aufmerksamkeit zu erregen, indem ein einzelnes Unternehmen zu hohe Beträge erhielt», schreiben die US-Strafverfolger in einem Memo an die Schweizer Behörden, aus dem der «Miami Herald» jüngst zitierte. Das Schema belaufe sich auf 4,5 Milliarden Dollar, «wobei ein Grossteil dieses Betrags über CBH abgewickelt wurde». Ein Anwalt der Bank schreibt auf Anfrage, dass der Artikel «falsche und diffamierende Aussagen» enthalte: CBH ergreife dagegen «entsprechende Massnahmen». Doch nicht nur die US-Zeitung sieht die Genfer Bank im Venezuela-Sumpf: Gemäss dem Blog «Infodio» flossen 3,5 Milliarden Dollar über Konten der CBH, die restliche Milliarde über EFG. Die Zürcher Bank will sich nicht äussern.

Ein lukratives Geschäft mit PDVSA GeldernPè

Hinweise auf grössere Währungstransaktionen finden sich auch im CBH-Abschluss. Im Jahr 2012 stieg der Handelsgewinn der Genfer nämlich sprunghaft an, «was zum Teil auf einige Kunden zurückzuführen ist, die sehr aktiv in Währungstransaktion sind». Die Erträge aus dem Devisenhandel betrugen damals 26 Millionen Franken. Ein Plus von 240 Prozent.

Ab 2012 flossen PDVSA-Gelder von der Miami-Filiale der inzwischen liquidierten Banco Espirito Santo auf CBH- und EFG-Konten und von dort weiter. Dokumentiert ist beispielsweise ein Einzeltransfer über 367 Millionen Dollar von einem Schweizer Konto. Ein lukratives Geschäft: Der CBH-Banker verdiente gemäss «Miami Herald» 75 Basispunkte an jeder Ein- und Auszahlung und machte so mit den Boliburgos 22 Millionen Dollar an Provisionen, die er in Liegenschaften in Miami Beach und der Karibik investierte.

Panama-Firmen vor Bundesgericht

Jene 4,5 Milliarden an aufgeblähten Devisendeals sind allerdings nur ein Verfahrensstrang. Der PDVSA-Fall hat noch weitere. Einer wurde vor wenigen Wochen als US-Rechtshilfegesuch vor dem Bundesgericht in Lausanne verhandelt. Es geht um vier Panama-Gesellschaften mit Schweizer Bankkonten, die einem venezolanischen Geschäftsmann gehören. Der Mann hat sich im Frühsommer in Houston schuldig bekannt, den General Manager einer PDVSA-Einkaufsgesellschaft mit 650 000 Dollar bestochen zu haben, um Aufträge abzusichern. Das Schmiergeld floss in Tranchen von Schweizer Konten. Die edierten Bankunterlagen füllen gemäss Bundesgerichtsurteil «33 Bundesordner».

Um die Bestechungsgelder zu parken, setzte der PDVSA-Manager hernach auf die Dienste einer Zürcher Vermögensverwalterin. Die 52-jährige Schweizerin wurde im Juli in Italien aufgrund eines internationalen Haftbefehls der Amerikaner verhaftet. Die externe Vermögensverwalterin benötigte kontoführende Banken für ihre Lateinamerika-Kundschaft. Gemäss einer gut informierten Quelle arbeitete die Frau dabei unter anderem mit den External Asset Manager Desks der Credit Suisse und der Bank Julius Bär zusammen.

Sorgfaltspflichten verletzt

Gegen beide Banken hat die Finma ein Enforcement-Verfahren eröffnet, das auch deren Venezuela-Geschäft umfasst. Das Verfahren gegen die CS schloss die Aufsicht im September 2018 ab und stellte auch in Bezug auf PDVSA «Mängel bei der Einhaltung der Sorgfaltspflichten im Bereich der Geldwäschereibekämpfung» fest. Im selben Zeitraum weitete die Finma ihr Enforcement gegen Bär auf PDVSA aus. Gemäss NZZ soll die Zürcher Bank «700 heikle Venezuela-Konten» identifiziert haben. In Gerichtsunterlagen zu PDVSA-Fällen tauchen aber noch weitere Schweizer Banken auf wie etwa die Genfer HSBC Suisse oder das Tessiner Institut Zarattini.

Die Finma führe «verschiedene Enforcement-Verfahren», sagt ein Sprecher, «um konkreten Hinweisen auf Verstösse gegen die Geldwäschereibestimmungen mit Südamerika-Bezug nachzugehen». In einigen dieser Fälle werde auch das Verhalten im Zusammenhang mit PDVSA abgeklärt, so die Finma.