Nachhaltig rot

J. Safra Sarasin Die Reputationsschäden der Bank schlagen aufs Geschäft in Deutschland durch. 2014 verdoppelte sich der Verlust der deutschen Tochter.

Das „nachhaltige Schweizer Private Banking“ kommt in Deutschland auf keinen grünen Zweig. So weitet die deutsche Sarasin-Tochter seit Jahren ihre Verluste aus. Wie Recherchen der „Handelszeitung“ zeigen, schliesst die Banktochter mit Sitz in Frankfurt am Main auch das Jahr 2014 tiefrot ab. Es klafft ein Loch von 11 Millionen Euro (siehe Grafik) in der Kasse, wobei gut 8 Millionen aus dem operativen Ergebnis stammen. Ein Insider spricht von einem „dramatischen Verlust“ angesichts der Geschäftsgrösse.

Nun zeigt sich, dass die diversen Streitfälle – von der Pleite des Windparkbetreibers Windreich bis hin zum umstrittenen Dividendenstripping – die Reputation der Bank Sarasin in Deutschland angekratzt haben und aufs Business durchschlagen. Dabei kommt die kompromisslose Haltung der Besitzerfamilie Safra die Bank teuer zu stehen.

Oder wie es das Basler Institut in brasilianischem Besitz in ihrem Deutschland-Jahresbericht formuliert: „Insbesondere die Berichterstattung rund um die Durchsuchung der Geschäftsräume in der Schweiz und in Deutschland, vor dem Hintergrund der Cum-Ex-Untersuchungen und des darauf folgenden Rücktritts des stellvertretenden Gruppen-CEO, hat das Geschäft in Deutschland negativ beeinflusst.“ So betrug der Zuwachs an privaten Kundengeldern nur 1 Prozent, und dies in einem ansprechenden Börsenjahr 2014.

Besonders hart traf die Negativpresse die deutsche Sarasin im Geschäft mit institutionellen Anlegern, bei dem die Bank Mittelabflüsse in der Höhe von 160 Millionen Euro zu verzeichnen hatte und Ende Jahr noch 2,1 Milliarden Euro verwaltete.

Die Basler sind in Deutschland traditionell stark im Asset Management mit kirchlichen Investoren wie Diözesen oder Stiftungen, die auf die nachhaltigen und „grünen“ Sarasin-Produkte setzen. Diese kirchlichen Investoren hätten sich besorgt gezeigt über die Berichterstattung und wünschten „ausführliche und umfängliche Aufklärung“, schreibt die Bank in ihrem Jahresbericht.

Während das operative Geschäft also harzt, wachsen die Bilanzposten für Rückstellungen und Schadenersatzgarantien seitens der Basler Mutter. Allein im Geschäftsjahr 2014 hat die deutsche Sarasin für Rechtsanwaltskosten 2,7 Millionen Euro auf die Seite gelegt. Für Restrukturierungen wurden weitere 1,3 Millionen Euro gebildet. Zugleich erhöhten sich zuletzt im Frühjahr die Garantien der Schweizer Muttergesellschaft für Schadenersatzansprüche von 3,6 auf 5,6 Millionen Euro. All dies sind Auswüchse der diversen Rechtsstreitigkeiten in Deutschland, insbesondere rund um die Cum-Ex-Geschäfte.

Die schwierige Lage hat Konsequenzen: Im Berichtsjahr 2014 reduzierte sich die Zahl der Mitarbeiter markant, und auch künftig dürften die Privatbanker den Gürtel enger schnallen müssen. So kündigt die Bank im Ausblick fürs laufende Geschäftsjahr ein „striktes Kostenmanagement“ durch eine „deutliche Reduktion der Rechtsberatungs- und Personalkosten“ an: Shared Service Center oder Outsourcing als Strategien zur Effizienzsteigerung und Kostensenkung würden dabei ins Blickfeld rücken. Die Bank mit Volllizenz unterhält in Deutschland fünf Standorte in Frankfurt am Main, Hamburg, Hannover, München und Stuttgart. Sparen helfe aber nur bedingt, den „Break-even-Punkt“ zu drücken, sagt ein Insider. Gefragt seien radikalere Massnahmen, um das Deutschland-Geschäft aus der Verlustzone zu bekommen. Denn als Vollbank sei der Kostensockel, auch angesichts der steigenden regulatorischen Anforderungen, kaum zu drücken. Erschwerend komme hinzu, dass das Onshore-Margenniveau in Deutschland tendenziell tiefer sei als in der Schweiz.

Fehlende Skaleneffekte

In erster Linie aber fehlt Sarasin im nördlichen Nachbarland die kritische Masse an verwalteten Vermögen, um die nötigen Skaleneffekte hinzubekommen: „Ein europäischer Buchungsstandort ist unter 5 Milliarden Euro an verwalteten Vermögen längerfrisitig kaum profitabel zu betreiben.“ Davon seien die Basler im deutschen Onshore-Private-Banking gemäss Insider jedoch weit entfernt. Der Bankmanager bringt es auf die einfache Formel: „Double or die.“ Ohne substanzielles Wachstum an verwalteten Vermögen hat Sarasin in Deutschland ein Problem. Doch substanziell Neugeld in die Bank reinzuholen, ist einfacher gesagt als getan. Gute Kundenberater mit entsprechender Assetbasis sind teuer und – angesichts der Reputationsprobleme der Bank – nicht einfach zu rekrutieren. Aber auch anorganisch zu wachsen, gestaltet sich in Deutschland schwierig: Die Zahl übernahmewilliger Bankhäuser ist begrenzt und eine Integration ist komplex und kostenintensiv.

So bleibt den Baslern weiter nur der Griff zum Rotstift. Ein Radikalszenario mit Sparpotenzial wäre dabei ein sogenanntes Passport Banking, indem die Basler ihre deutsche Lizenz zurückgeben und von Luxemburg aus das Geschäft bestreiten würden. Doch vorderhand glaubt die Sarasin-Führung an bessere Zeiten und stellt für 2015 einen „Gewinn im niedrigen Millionenbereich“ in Aussicht. Dank Sondereffekten, Sparmassnahmen und einem „leichten Ertragswachstum im Kundengeschäft“.

Mehr ist besser, Herr Ermotti

Eigenkapital Die vom Staat gerettete UBS zündet ein Feuerwerk aus Nebelpetarden, um die Verschärfung der Eigenmittelvorschriften zu bekämpfen. Ein Londoner Professor präsentiert eine UBS-finanzierte Gefälligkeitsstudie. Grossbanken-Lobbyist Ruedi Noser wettert in der Presse gegen „Too big too fail“-Anpassungen. Sergio Ermotti schliesslich feuert eine öffentliche Breitseite gegen das „Swiss Finish“

Der UBS-Chor stimmt stets dasselbe Lied an: Mehr Eigenkapital verteuere das Geschäft, wodurch die Bank weniger Kredite vergebe. Das schade der Realwirtschaft. Dabei hat die Wissenschaft die Grossbanken-Mär längst widerlegt. Mehr Eigenkapital macht Banken sicherer, was die Volkswirtschaft stabilisiert und das BIP befeuert. Zudem: Je solider finanziert ein Schuldner ist, desto günstiger kommt er an Geld. Mit einer Ausnahme: Systemrelevante Banken wie die UBS tragen nicht das volle Risiko ihrer dünnen Eigenkapitaldecken. Hätte ein Industriekonzern eine Verschuldung wie eine Grossbank, er wäre schlicht nicht kapitalmarktfähig. Doch systemrelevante Banken sind eben „too big too fail“. Wir alle bürgen für UBS und Co.

Es ist deshalb purer Egoismus, wenn sich Ermotti gegen mehr Eigenmittel wehrt. Je grösser die Schulden der Bank nämlich sind, desto höher ist die Rendite auf dem eingesetzten Kapital. Und davon hängt Ermottis Bonus ab.

Gehörig verrannt

Fall Sarasin Die Kölner Staatsanwaltschaft krebst zurück. Das Verfahren gegen einen vermeintlichen Drahtzieher wird eingestellt. Eric Sarasin darf hoffen.

Die Kavallerie ritt im Morgengrauen aus. Anne Brorhilker hielt die Zügel fest in der Hand. Die Kölner Staatsanwältin orchestrierte das Einsatzkommando „Tax“ mit 250 Polizeikräften in 13 Ländern, darunter die Schweiz. Sie führt „gewerbsmässigen Betrug und Beihilfe zur Steuerhinterziehung“ gegen mehrere Sarasin-Top-Banker ins Feld. Ende Oktober letzten Jahres durchkämmten Schweizer Polizisten in deutschen Diensten zig Büros und Wohnungen in mehreren Kantonen und beschlagnahmten stapelweise Akten.

Auch am Schwyzer Wohnsitz von Christian Gmünder, ehemals Operativchef von Sarasin, fuhren die Ermittler ein. Der Banker wusste nicht, wie ihm geschah. Hatte er doch kurz zuvor einen neuen Job bei der Bank Vontobel angetreten. Nun sah sich Gmünder in der „SonntagsZeitung“ einem schweren Vorwurf ausgesetzt. Er sei „einer der mutmasslichen Drahtzieher der heiklen Geschäfte zur Steuerumgehung“, schrieb das Blatt und machte aus dem angesehenen Banker ein „Reputationsrisiko“. Der mediale Dolchstoss sass. Gmünders Karriere bei Vontobel war beendet. Er trat von sich aus zurück und kämpft seither um Ruf und Recht.

Verfahren eingestellt

Jetzt, fast ein Jahr nach dem deutschen Ermittlungsfeldzug auf Schweizer Boden, kann Gmünder aufatmen. Die Kölner Kavallerie, flankiert von der Sonntagspresse, hat sich nämlich gehörig verrannt. Trotz Hunderten Stunden Zeugeneinvernahmen und einem Aktenberg von über 13 000 Seiten gelang es Staatsanwältin Brorhilker nicht, Gmünder als Drahtzieher illegaler Dividendengeschäfte dingfest zu machen. Die „Beihilfe zur Steuerhinterziehung“ fiel ebenso unter den Tisch wie der „gewerbsmässige Betrug“.

Vielmehr stellt die Kölner Justiz das Strafverfahren gegen Christian Gmünder per sofort ein. Um das Verfahren abzukürzen, willigte der Ex-Sarasin-Mann ein, eine Geldauflage in der Höhe von 10 000 Euro zu leisten. Für Gmünder zahlt sich aus, dass er von Beginn weg mit der deutschen Justiz kooperierte. Er reiste unmittelbar nach der Hausdurchsuchung für eine Aussage nach Köln. Mit dem Entscheid der Kölner Untersuchungsbehörde ist auch die Schweizer Strafanzeige gegen Gmünder hinfällig, auf welche die Zürcher Staatsanwaltschaft bis dato gar nicht eingetreten ist.

Eingereicht hatte die Strafanzeige seinerzeit der Stuttgarter Steueranwalt des mutmasslich geschädigten Sarasin-Kunden und Milliardärs Erwin Müller (HZ vom 25.6.15). Die Anzeige richtete sich nebst Gemünder auch gegen den damaligen Sarasin-Chef und heutigen EFG-CEO Joe Strähle, Deutschland-Banker Kai Henke und Vizechef Eric Sarasin. Dessen Beschuldigteneinvernahme in Köln hat noch gar nicht stattgefunden. Sarasins Anwalt Gert Thoenen ist nach dem glimpflichen Ende für Gmünder allerdings guter Dinge für seinen prominenten Mandanten: „Auch das Verfahren gegen Herrn Sarasin sollte früher oder später eingestellt werden.“

Damit würde enden, was vor gut zehn Jahren einen vielversprechenden Anfang nahm. 2005 gewinnt die noble Basler Traditionsbank Sarasin den deutschen Drogeriekönig Erwin Müller als Kunden. „Herr Müller war uns als spekulationsfreudiger Kunde bekannt“, erinnert sich der ehemalige Sarasin-Operativchef Gmünder in seiner Einvernahme. Milliardär Müller kauft nämlich auf Kredit in Schweizer Franken Anleihen in türkischer Lira. Späterspekuliert er mit Aktienoptionen der Parfumeriekette Douglas. Die Betreuung des vermutlich grössten Privatkunden der Bank liegt bei Eric Sarasin höchstpersönlich. Der Basler Starverkäufer lädt Müller und seine Frau ein, man besucht zusammen die Zürcher Oper.

Riskante Geschäfte

2010 tritt die Bank mit einem neuen Produkt unter dem Titel „Dividendenarbitrage“ an den milliardenschweren deutschen Grosskunden heran. Es handelt sich um ein Kompensationsprodukt, konstruiert mit dem Ziel, vermögende und risikofreudige Privatkunden nach der Etablierung der Weissgeldstrategie bei der Stange zu halten. Die Bankmanager wähnen sich dabei juristisch auf der sicheren Seite. Ihnen liegt ein von der deutschen Allianz zunächst mit 100, dann mit 250 Millionen Euro abgesichertes Gutachten des deutschen Steueranwalts Hanno Berger vor, das die juristische Unbedenklichkeit der Produkte bezeugt. Wenn, dann wurde intern lediglich über mögliche Reputationsrisiken diskutiert.

Eine Einschätzung, die sich nun als richtig erweist. Aus der Kölner Einstellungsverfügung lässt sich schliessen, dass sich die Bankverantwortlichen strafrechtlich nichts zuschulden kommen liessen. Wenn es zu Gesetzesverstössen bei den Dividendengeschäften kam, dann müssen sich diese demnach ausserhalb der Bank zugetragen haben.

Auch zivilrechtlich hat die Bank mittlerweile gute Chancen. Nachdem sie mit dem deutschen Investor Carsten Maschmeyer einen Vergleich geschlossen hat, steht hier vor allem noch die 50-Millionen-Euro-Klage Müllers im Raum. Müller, dessen Anzeigen gegen die Basler Bankverantwortlichen am Anfang des Kölner Monsterverfahrens stehen, machte in der Zeugenvernehmung im Mai eine schlechte Figur. Seine Aussage ist durchsetzt von Erinnerungslücken.

Eine davon betrifft die zentrale Frage, ob ihm Sarasin im Frühling 2011 einen Fondsprospekt zukommen liess, um ihn über die Risiken des Geschäfts aufzuklären: „Wenn mir jetzt gesagt wird, dass ich mit Unterzeichnung des Zeichnungsscheines bestätigt habe, einen Fondsprospekt erhalten zu haben, dann habe ich diesen Umstand damals nicht zur Kenntnis genommen.“ Er unterschreibe pro Tag rund zehn Postmappen mit Unterlagen. Sollte die Bank die Zustellung des Prospekts beweisen können, so dürfte Müller mit seiner Klage scheitern. Selbst wenn er mit seinem Begehren durchkommt, er sei als Verbraucher und nicht als professioneller Anleger zu behandeln und sein Fall sei deshalb in Deutschland und nicht in Basel oder Zürich zu verhandeln.

„Kann zu einem Totalverlust führen“

In dem „Private Placement Prospect“ von März 2011, welcher der „Handelszeitung“ vorliegt, heisst es nämlich klipp und klar, es könne keine Zusicherung gegeben werden, dass die Arbitragestrategie erfolgreich umgesetzt werden könne. „Erstattungsrisiken“ könnten dazu führen, dass sich die Auszahlungen extrem verzögerten oder ausblieben. „Im Extremfall kann dies zu einem Totalverlust des (…) eingesetzten Kapitals führen.“ Die deutschen Steuerbehörden setzten die Rückerstattung der Verrechnungssteuern aus und brachten damit das Kartenhaus zum Einsturz. Das „Erstattungsrisiko“ war eingetreten.

Die Genfer Connection

1MDB Malaysias Staatsfonds soll Milliarden veruntreut haben. Mutmassliche Schlüsselfigur ist ein schweizerisch-saudischer Geschäftsmann.

Ein Skandal erschüttert Malaysia. Die Landeswährung taucht, das Wirtschaftswachstum bricht ein, die politische Eliten zittern. Und dies alles wegen eines klammen Staatsfonds namens 1Malaysia Development Berhard (1MDB). Aus dem einstigen Volksvermögen ist nämlich ein Schuldenloch von 11 Milliarden Dollar entstanden. Was ursprünglich als Finanzvehikel für ausländische Investitionen in Malaysia gedacht war, wurde gemäss Medienberichten zum Honigtopf für die Entourage um den amtierenden Regierungschef Najib Razak. So sind rund 1,8 Milliarden Dollar aus dem Staatsfonds verschwunden. Misswirtschaft und Korruption haben das Vertrauen in die malaysischen Institutionen schwer erschüttert. Der einstige Tigerstaat wankt und sendet Schockwellen bis in die Schweiz.

Den Fall ins Rollen brachte nämlich der Schweizer Informant Xavier Justo, der jüngst in Thailand wegen Erpressungsversuch zu drei Jahren Gefängnis verurteilt wurde. Justo arbeitete bis 2011 in Genf für ein Ölunternehmen namens PetroSaudi International. Bei seinem Abgang im Zwist nahm er Geschäftsdaten im Umfang mehrerer Gigabytes mit, die nun unter anderem dem britischen Enthüllungsportal „Sarawak Report“ vorliegen. Justos damaliger Chef bei PetroSaudi International war der schweizerisch-saudische Geschäftsmann Tarek Essam Ahmad Obaid, der ebenfalls in der Rhonestadt domiziliert ist und bis heute die Erdöl- und Erdgasfirma führt.

Der Genfer Obaid gilt als eine Hauptfigur im 1MDB-Fall. Der 39-jährige Absolvent einer US-Eliteuni ist ein reicher und mächtiger Mann. Ihm werden beste Beziehungen zum saudischen Königshaus nachgesagt. Besonders innig ist das Verhältnis offenbar zum saudischen Prinzen Turki, der jahrelang den Geheimdienst im ölreichen Königreich leitete.

Aber auch hierzulande ist der eingebürgerte Obaid aktiv: Er und seine Familie haben rund ums Genferseebecken zahlreiche (Immobilien-)Firmen sowie eine wohltätige Stiftung am Start, die Esam & Dalal Obaid Foundation. Prominente Genfer Anwälte und Treuhänder dienen dem Schweiz-Saudi fürs Business am Arc lémanique. Obaids Einflussversuche reichen dabei bis nach Bundesbern, wie aus E-Mails hervorgeht, welche der „Handelszeitung“ zugespielt wurden.

Auch bei den hiesigen Vermögensverwaltern taucht der Name Tarek Obaid auf – ob sie nun UBS, Credit Suisse, BSI oder Morgan Stanley Schweiz heissen. Obaids Bankbeziehungen zu Schweizer Instituten stehen nun nämlich in Zusammenhang mit dem 1MDB-Skandal in der malaysischen Öffentlichkeit. So flossen offenbar auch Staatsfonds-Gelder auf hiesige Konti.

Fremde Ölfelder

Seinen Anfang nahm der Fall des malaysischen Staatsfonds im Herbst 2009. Damals gingen PetroSaudi und 1MDB ein Joint Venture ein. Dazu stattete der malaysische Staatsfonds die gemeinsame Gesellschaft mit einem Startkapital in der Höhe von 1 Milliarde Dollar aus. Im Gegenzug hätte sich das Joint Venture an Ölfeldern in Turkmenistan und Argentinien beteiligen sollen. Doch der Partner PetroSaudi besass die Ölfelder offenbar gar nie und konnte sie dem zu Die folge auch gar nicht in das Joint Venture einbringen. Dies berichten Medien wie „The Edge Financial Daily“ und „Sarawak Report“ übereinstimmend

Vielmehr flossen von der einbezahlten 1MDB-Milliarde direkt 700 Millionen Dollar in ein Offshore-Vehikel namens Good Star Limited auf den Seychellen, dessen mutmasslich Endbegünstigter der amtierende malaysische Regierungschef Najib Razak war. Das Konto der Good Star führte die damalige RBS Coutts in Zürich, die inzwischen von der Genfer UBP übernommen wurde.

Die Basler Nichtregierungsorganisation Bruno Manser Fonds (BMF) hat Ende 2014 gegen diverse Personen und (Finanz-)Firmen bei der Bundesanwaltschaft (BA) Strafanzeige wegen Geldwäscherei eingereicht. Nachdem die Bundesanwaltschaft die Strafanzeige nicht anhandnahm, hat BMF die Anzeige ergänzt, auf weitere Personen ausgedehnt und Anfang Juli erneut bei der BA deponiert. Die Strafanzeige umfasst auch PetroSaudi-International-Chef Tarek Obaid. Ein PetroSaudi-Sprecher bezeichnet die Anzeige als politsch motiviert. Die Bundesanwaltschaft bestätigt deren Eingang. „Die Strafanzeige wird zurzeit sorgfältig geprüft“, sagt BA-Sprecherin Natalie Guth.

Almamlaka bei romandie.com

Nach der 700-Millionen-Dollar-Transaktion auf das Offshore-Konto bei der Zürcher RBS Coutts erhielt der Schweiz-Saudi von Good Star eine Maklergebühr in der Höhe von 85 Millionen Dollar (siehe Ausriss), „für zukünftige Investments aus dem Mittleren Osten, insbesondere Saudi-Arabien, nach Malaysia“. Der Deal mutet seltsam an und schürt einen „Kickback“-Verdacht, weil Obaid ja PetroSaudi-Manager ist. Weshalb sollte eine 100-Prozent-Tochter, die zum Konzern gehört, einem eigenen Manager eine Maklergebühr zahlen?

Ein Sprecher von PetroSaudi sagt, es handle sich um eine übliche IntraCompany-Transaktion, und betont: „Herr Obaid hat nie Geld von 1MDB erhalten. Sämtliche Anschuldigungen eines Fehlverhaltens im Rahmen des Joint Venture zwischen PetroSaudi und 1MDB sind falsch.“ Das von 1MDB investierte Kapital ins Joint Venture sei 2012 mit „Gewinn“ zurückbezahlt worden. Dies könne man in den geprüften Bilanzen der 1MDB nachlesen.

Die inzwischen von der Regierung verbotene malaysische Finanzzeitung „The Edge Financial Daily“ hat die Zahlungsströme im Detail nachgezeichnet und hernach die Ergebnisse den malaysischen Untersuchungsbehörden überstellt. So erhielt der Petro-Saudi-International-Chef insgesamt 240 Millionen Dollar aus dem 1MDB-Topf, schreibt „The Edge“. Geld, das auf verschiedene Konten und Köpfe verteilt wurde, darunter auch auf den saudischen Prinzen Turki. Obaid selbst hatte gemäss der malaysischen Wirtschaftszeitung Konten, die auf den eigenen Namen lauteten, bei Morgan Stanley Schweiz, UBS Genf und Credit Suisse Zürich.

Tobias Lux, Sprecher der Eidgenössischen Finanzmarktaufsicht Finma, macht keine Angaben zu involvierten Instituten. Man stehe aber in dieser Sache mit verschiedenen Schweizer Banken in Kontakt. „Wir klären im Rahmen unserer Aufsichtstätigkeit ab, ob und inwiefern die Banken involviert sind“, so der Finma-Sprecher. Millionen aus der 1MDB-Transaktion flossen gemäss „The Edge“ offenbar auch in eine Offshore-Gesellschaft namens Almamlaka Limited, die auf den British Virgin Islands domiziliert ist. Kontoführende Bank war das Tessiner Institut BSI.

Der Almamlaka Limited kommt eine besondere Rolle zu, insofern als dass die Offshore-Gesellschaft einen Einblick gewährt in die Schweiz-Geschäfte des Tarek Obaid. Denn sein Investmentvehikel auf den British Virgin Islands hält einen 6-Prozent-Anteil an der welschen Internetmedien- und Online-Vermarktungs-Gruppe Virtual Network SA. Einer Gesellschaft, an der auch der Zürcher Medienkonzern Tamedia beteiligt ist und welche die Newsplattform romandie.com betreibt.

Lobby-Arbeit in Bern

Der Co-Gründer von Virtual Network, Stéphane Pictet, bezeichnet Tarek Obaid als „guten Freund und Investor“. Die Männerfreundschaft zwischen Obaid und Pictet ging gemäss der „Handelszeitung“ vorliegenden E-Mail-Protokollen so weit, dass der welsche Internetunternehmer dem Schweiz-Saudi seinen Bruder als Kontakt vermittelte. Es handelt sich um Ivan Pictet, den Grandseigneur der Genfer Privatbankiers und ehemaligen Partner des gleichnamigen Vermögensverwalters.

Damals, Anfang 2011, schmolz nämlich das über Jahrzehnte gehütete Schweizer Bankgeheimnis dahin wie „Schoggi“ in der Sonne. Der Bundesrat drängte auf die rasche Durchsetzung der OECD-Standards und schickte das neue Steueramtshilfegesetz in die Vernehmlassung. Die sich abzeichnende Steuerregularisierung der Vermögen in der Schweiz schreckte die Saudis auf. Das Königreich sah seine Assets in Gefahr. Wie diversen E-Mails zu entnehmen ist, versuchte Obaid deswegen, in Bundesbern an geeigneter Stelle zu lobbyieren. Ein PetroSaudi-Sprecher sagt dazu, die Firma versuche stets aus Geschäftsinteressen, kompetente Personen zu kontaktieren. „Lobbying ist gängige Praxis für globale Unternehmen, besonders in der Schweiz.“

Im Zuge der Lobby-Offensive kam es zu einem elektronischen Schriftwechsel zwischen Obaid und Pictet, denn der Bankier war bereits in der Bankgeheimnis-Debatte engagiert. So war Pictet offenbar daran, dem Bundesrat einen geharnischten Brief in der Angelegenheit zu schreiben. Später regte Pictet gemäss E-Mail-Verkehr auch ein persönliches Treffen mit Obaid an. Ob es dazu kam, bleibt offen. Man beantworte keine Fragen zu „möglichen, bestehenden, zukünftigen oder früheren Kundenbeziehungen“, sagt ein Pictet-Sprecher.

Obaid suchte indes nicht nur im Genfer Privatbanken-Milieu politische Verbündete. Er klopfte auch bei der UBS an. Als Wealth-Management-Kunde konnte der Schweiz-Saudi dabei auf Hilfe aus höchster Stelle der Grossbank zählen. So schrieb ihm ein Bankberater per E-Mail, er habe die Angelegenheit mit dem damaligen UBS-Präsidenten Kaspar Villiger besprochen. Villiger werde rasch den Kontakt mit den Schweizer Behörden suchen und dieses Problem mit aller Kraft lösen. Schliesslich sei der UBS-Präsident zweimal Bundespräsident gewesen, acht Jahre Finanz- und sieben Jahre Verteidigungsminister und kenne die „Mühlen der Politik“. Die UBS äusserte sich bis Redaktionsschluss nicht zur Bankbeziehung mit Obaid.

Ex-Sunrise-Chef Steil macht in Kinderwagen

Oliver Steil Er führte mit Sunrise den zweitgrössten Telekomkonzern der Schweiz. Nun zieht der Top-Manager Oliver Steil einen anderen Karren – genauer gesagt einen «Doppelkinderwagen für outdoor». Der 43-jährige Ex-McKinsey-Mann betreibt nämlich zusammen mit seiner Frau Tanja Ripperger am Wohnsitz der Familie in der schwyzerischen Steueroase Wollerau ein junges Unternehmen namens YippieYo. Das Startup lässt sogenannte Crossbuggys in der Schweiz und in Deutschland nach ökologischen und sozialen Kriterien fertigen, mit denen Eltern ihre Kleinen auch abseits der asphaltierten Wege problemlos ziehen können.

Steils Crossbuggys – quasi die SUV unter den Kinderwagen – erinnern an eine aufgemotzte Variante eines Leiterwagens. Das YippieYo-Edelgefährt mit Fünfpunktgurt, Scheibenrädern und Bremshebel Marke Magura schlägt dabei mit mindestens 800 Franken zu Buche. Dafür wurde es von der Familie des Ex-Sunrise-Kadermanns höchstpersönlich entwickelt und getestet. Die Idee für das Kindertransport-SUV kam Steil übrigens beim Wandern mit seinen Söhnen Finn und Yannick. Die drei standen vor einem Berg und fragten sich: Wie kommen wir da rauf? Die Lösung: Mit einer selbst entwickelten Kinderkutsche. Steil trat Anfang 2013 bei Sunrise ab, nachdem das Telekomunternehmen die selbst gesteckten Ziele nicht erreicht hatte.

Ein Robo-Advisor am Ende

MoneyVane Der Zürcher Online-Vermögensverwalter wollte die Banken das Fürchten lehren. Nun steht die Firma auf einer Warnliste der Finma.

Namhafte Grosskonzerne wie Swisscom, UBS, Julius Bär oder MasterCard unterstützen das Branchennetzwerk „Swiss Finance Startups“. Es bildet die Klammer für die junge Schweizer Fintech-Szene. Mitglied bei „Swiss Finance Startups“ ist auch MoneyVane. Auf der Netzwerk-Website preist sich der Zürcher Internet-Vermögensverwalter als „erste automatisierte Investment-Plattform“ an, die Sparguthaben clever vermehre: „Zu einem Zehntel der Kosten, die man normalerweise bei einem Anlageberater oder einer Bank zahlen würde“.

Doch die hochtrabenden Pläne von MoneyVane sind mittlerweile Makulatur. Es gab nie Kunden und auch keine Investoren. Die Zürcher Firma hinter dem Robo-Advisor ist in Liquidation, die gleichnamige Website nicht mehr abrufbar. Seit Frühjahr steht ausserdem eine Gesellschaft namens MoneyVane AG auf einer Warnliste der eidgenössischen Finanzmarktaufsicht Finma.

Ein solcher Eintrag bedeutet nicht zwingend, dass die Aktivitäten der Firma illegal sind oder waren. Der Eintrag besagt lediglich, dass die Finma „Untersuchungen wegen unerlaubter Tätigkeit“ eingeleitet hat, aber den Verdacht nicht weiter abklären konnte, da die Unternehmen ihrer Auskunftspflicht nicht nachgekommen sind.

Gegründet wurde MoneyVane im letzten Jahr vom ehemaligen Technikchef des Schweizer E-Commerce-Unternehmens DeinDeal.ch. Er hat zusammen mit einem Investor, der im Schweizer TV-Business tätig ist, in Zürich eine Gesellschaft namens mvn eingetragen. Die GmbH war mit 20 000 Franken dotiert. Etwa zeitgleich stellte der studierte Softwareentwickler eine Website namens moneyvane.com ins Netz, auf der die Dienste des Online-Vermögensverwalters vorgestellt wurden. Interessierte konnten einen Newsletter abonnieren. Im letzten Sommer schliesslich erhielt die GmbH bei einer Selbstregulierungs-Organisation die Mitgliedschaft, die zu einer Tätigkeit als Finanzintermediär berechtigt. Die regulatorischen Anforderungen waren damit erfüllt.

Eine inexistente Aktiengesellschaft

Der Internetauftritt des Zürcher Robo-Advisors führte als Kontaktadresse jedoch stets eine Gesellschaft namens MoneyVane AG an. Gemäss Handelsregister gab es nie eine solche Aktiengesellschaft unter diesem Namen. Der Gründer des Schweizer Robo-Advisors mag sich gegenüber der „Handelszeitung“ zur inexistenten AG nicht äussern. Er zog seine Stellungnahme kurzfristig zurück.

Fest steht indes, dass die Geschäftsidee von MoneyVane daran scheiterte, dass sich kein potenter Investor fand. Dies trotz verschiedenen Kontakten zu Risikokapitalgebern im In- und Ausland. Im Frühjahr dieses Jahres ging der Zürcher GmbH schliesslich das Geld aus.

Dabei wäre der Robo-Advisor-Ansatz von MoneyVane spannend gewesen. Die Firma wollte – im Gegensatz zur Konkurrenz – auf eine hiesige Depotbank verzichten und setzte stattdessen auf einen angelsächsischen Discount-Broker, der sowohl gute Konditionen geboten hätte als auch einen soliden Kapitalschutz. Doch MoneyVane litt am typischen Startup-Syndrom: Der Robo-Advisor war notorisch unterkapitalisiert im Verhältnis zur Geschäftsidee. Immerhin resultierte kein Totalverlust. Offenbar konnte der Gründer Teile der Firma veräussern.

Ein Bauernopfer für die UBS-Bosse

Liborskandal Die Leitschnur der Bankenwelt heisst ­Libor. Kein Geschäft kommt ohne den Referenzzins aus. Der Brite Tom Hayes hat den Libor über Jahre manipuliert und damit das Fundament der Finanzmärkte ausgehöhlt. Der Ex-UBS-Händler muss nun für seine Taten 14 Jahre ins Gefängnis. Dies hat ein Gericht in London entschieden.

Hayes war zwar der Kopf des Komplotts, aber beileibe kein Einzeltäter. Er sollte die Last der Libor­manipulation nicht alleine schultern müssen, sagte Chefankläger Mukul Chawla am Prozessende. Doch ausser dem 35-jährigen Briten und seinem direkten Schweizer Vorgesetzten, dem in den USA der ­Prozess droht, steht kein weiterer UBS-Banker vor ­Gericht. Diese straffreie Verantwortungslosigkeit der UBS-Teppichetage ist der eigentliche Liborskandal.

Die Bankmanager liessen den Briten tanzen, solange die Musik spielte

Denn Hayes hatte innerhalb der Bank Mittäter, Mitwisser und Vorgesetzte, die bei seinen Manipulationen bewusst wegsahen oder sie gar mit exzessiven Boni befeuerten. Solange die Musik spielte, lies­sen die UBS-Manager den Briten tanzen und stellten keine kritischen Fragen. Und als der Regulator Jahre später dem Treiben den Riegel schob, waren Hayes’ Mitstreiter längst weg. Schliesslich lockte der nächste Top-Job in der Finanzindustrie. Darunter fallen ­sowohl jene UBS-Banker, die in der Anklageschrift ­gegen Hayes als dessen «Ko-Konspiratoren» genannt werden, als auch die damalige Führungsriege der Bank. Deren exorbitante Saläre wurden ja
stets mit der Gesamtverantwortung gegenüber dem Gross­institut gerechtfertigt. Die Jobs waren sozusagen vergoldete Schleudersitze. Doch als die Top-­Manager in der Pflicht standen, zogen allesamt den Kopf ein. Oder wie Hayes es vor Gericht formulierte: «Die UBS warf mich vor den Bus.» Der bleichgesichtige Brite mit leichtem Asperger-Syndrom ist das perfekte Bauernopfer für die säumigen Bankbosse.

Zu dieser unrühmlichen Truppe gehört auch Mark Branson, der heutige Direktor der eidgenössischen Finanzmarktaufsicht Finma. Er war Chef der UBS Japan, als Hayes am Desk in Tokio den Libor frisierte. Branson stand also in der Aufsichtspflicht. Schliesslich trug er «die Verantwortung für das ­Investment Banking in Japan», wie seinem Finma-CV zu entnehmen ist. Der heutige Superregulator schweigt eisern zu seiner Japan-Vergangenheit.

Ein Investment-Chef der UBS soll Hayes persönlich bearbeitet haben

Auch Carsten Kengeter, der damalige Co-Chef der UBS Investment Bank, sitzt den Liborskandal ­lieber aus. Mit seinem neuen Job als Chef der Deutschen Börse lässt es sich gut leben. Da stören die Zwischenrufe aus London nur. Hayeserklärte nämlich vor Gericht, er habe die Manipulationen an ­einer Sitzung diskutiert, an der Kengeter teilgenommen habe. Auch Alex Wilmot-Sitwell, der andere ­Investment-Co-Chef und heutige Topshot der Bank of America, hat Hayes gekannt. Er soll den Star-­Trader damals persönlich bearbeitet haben, bei der UBS zu bleiben, als dieser zur Konkurrenz wechseln ­wollte. Die Beispiele beweisen es: Die Kleinen hängt man, die Grossen lässt man laufen.

Zarte Versuchung

Lindt & Sprüngli Ernst Tanners «Schoggi»-Kapital schmilzt. Der Chef und seine Manager verkaufen  Papiere im Wert von 140 Millionen Franken. Doch der Patron verliert nichts von seiner Stimmkraft.

Wenn die Zahl blauer Aktenkoffer rund um das Zürcher See­becken in die Höhe schnellt, dann ist allen klar: Der «Schoggi»-Konzern Lindt & Sprüngli lädt zur Generalversammlung (GV) ins Kongresshaus. Beim GV-Besuch im Frühjahr gibt es einen blauen, 4 Kilo schweren «Schoggi»-Koffer – gefüllt mit dem Naschwerk aus dem Hause Lindt & Sprüngli.

Daskalorienhaltige «Bhaltis» ist mehr als ein gelungener PR-Coup. Der blaue Koffer mit den goldenen Lindt-Lettern steht für die Hackordnung in der «Chocoladefabrik». Denn kiloweise Süsses gibt es nur für die Namenaktionäre. Die Besitzer von Partizipationsscheinen (PS) werden auf Diät gesetzt. Ohne «Schoggi»-Koffer und Stimmrecht haben die Partizipanten im Lindt-Imperium das Nachsehen. Sie sind Anteilseigner zweiter Klasse. Ihre PS entwickeln sich im Zehn-Jahres-Vergleich nicht nur deutlich schlechter als die Namenpapiere. Der Schokoladeproduzentverwässert mit dem Segen der Namenaktionäre die stimmrechtslosen Papiere (siehe Grafik).

Einer der Hauptprofiteure des Zweiklassen-Aktionariats ist der Patron persönlich. Ernst Tanner und die erweiterte Lindt & Sprüngli-Geschäftsleitung haben seit 2014 Partizipationsscheine im Wert von gegen 140 Millionen Franken abgestossen, wie Recherchen zeigen. Mehr als die Hälfte der 28 000 Scheine wurde dieses Jahr  auf den Markt geworfen.

Tanners PS-Bestand geht auf ein «Mitarbeiterbeteiligungsprogramm» zurück, das der Chef Ende der 1990er-Jahre initiierte. Es handelt sich um Optionsrechte, die sich nach einer mehrjährigen Sperrfrist in Partizipationsscheine wandeln lassen. Das zwölfköpfige Top-­Management um Tanner hat vom Programm massiv profitiert.

Exzessive Optionspläne

Vor allem Tanner selbst. Der Diplomkaufmann im Doppelmandat erhielt in einzelnen Jahren ein Siebtel, die Geschäftsleitung bis zu ein Drittel aller Rechte.  Dabei kann der Wert der Optionen bis zu 200 Prozent des Basissalärs betragen. Es sei verständlich, dass aufgrund des kontinuierlich guten Kursverlaufs der PS von der Ausübung der Op­tionsrechte Gebrauch gemacht werde, sagt Lindt-Sprecherin Nathalie Zagoda zum Millionenverkauf. Ein Lindt-Kenner meint dazu, das Programm sei «ein­malig» in der Nahrungsmittelindustrie. «Tanner hat seinen Managern damit goldene Fesseln angelegt.»

Seine Verdienste bleiben unbestritten: Tanner hat die verstaubte Süsswaren-Manufaktur zur globalen, äusserst erfolgreichen «Schoggi»-Macht umgekrempelt. Doch wirft die Konzernpolitik Fragen auf. Denn so üppig die Zuteilung der Optionen ist, so vage sind deren Kriterien. Statt Messgrössen festzumachen, richtet sich «die Anzahl nicht primär nach der Leistung des vergangenen Jahres, sondern nach der Position des Mitarbeitenden und dessen Einfluss auf den langfristigen Unternehmenserfolg», heisst es im Geschäftsbericht. Der Verwaltungsrat fälle den «finalen Entscheid».

Vincent Kaufmann von der Stiftung Ethos kritisiert: «Es ist stossend, dass die exzessiven Mitarbeiteroptionspläne nur einem kleinen Zirkel von Managern vorbehalten sind und dass die Zuteilung der Optionen an keinerlei Leistungskriterien gebunden ist. Die Optionspläne gehören eigentlich zum Grundsalär.»

Dabei rührt der Schokoladenkonzern mit der grossen Kelle an: Um weitere Mitarbeiteroptionen auszuschütten, sprachen sich die Namenaktionäre 2010 dafür aus, das bedingte Kapital mehr als zu verdoppeln. Auch an der diesjährigen GV erhöhte man den Anteil für Mitarbeiter.

Die PS-Papiere werden auf diese Weise sukzessive verwässert. So stieg der PS-Anteil am Gesamtkapital von Lindt & Sprüngli in den letzten zehn Jahren von 35 auf 40 Prozent. Gleichzeitig fiel die Kursperformance um ein Viertel schwächer aus als bei den Namenaktien. Die Entwicklung ist umso erstaunlicher, als der Schokoladenkonzern seit 2012 Aktien zurückkauft und das Kapital herabsetzte. Doch die Kurspflege ist zartbitter: Nur die Zahl der ­Namenaktien sank.

Davon profitiert abermals der Chef persönlich. Ernst Tanner vereint – dank Aktienplan seit Amtsbeginn – mit 1,66 Prozent des Gesamtkapitals mittlerweile 2,28 Prozent aller Stimmen auf sich. Er ist der zweitmächtigste Namenaktionär hinter den Vorsorgewerken von Lindt & Sprüngli, die als Gruppe 20,3 Prozent halten. Deren Interessen wahrt Tanner ebenfalls, und zwar als Stiftungspräsident. Die Ämterkumulation macht den Bauernsohn aus dem Kanton Schaff­hausen praktisch unantastbar – und ­seine «Schoggi»-Fabrik zum Bollwerk gegen eine feindliche Übernahme.

Verschworener Zirkel

Eine Vinkulierung der Stimmkraft bei 6 Prozent sowie umfangreiche Gruppenklauseln sorgen dafür, dass Lindt & Sprüngli ein «closed shop» bleibt. Mit ­einem Preis von gegen 65 000 Franken  gehören die Lindt-Namen überdies zu den schwersten Aktien der Welt. Deren Gewicht kritisiert Ethos-Direktor Kaufmann: «Wir fordern einen Aktiensplit und damit einen demokratischeren Zugang zu den Namenaktien.» Lindt kommentiert die Vorwürfe nicht.

Doch der verschworene Zirkel aus Kleinaktionären, die sich jährlich mit ­einem «Schoggi»-Koffer verwöhnen lassen, sichert Patron Tanner die Macht. Die Dreiviertelmehrheit zur Aufhebung der Stimmrechtsbeschränkungen gerät angesichts des nibelungentreuen Streubesitzes zur schier unüberwindbaren Hürde. Zumal der Verwaltungsrat weitreichende Kompetenzen hat, unliebsamen Lindt-Eignern denEintrag ins Ak­tienregister zu erschweren.

Überhaupt ist das oberste Gremium des Schoko-Konzerns eine One-Man-Show. Ethos-Direktor Kaufmann sagt: «Der Lindt-Verwaltungsrat besteht zu ­einem überwiegenden Teil aus nicht unabhängigen Mitgliedern, die seit mehr als zwölf Jahren bei Lindt & Sprüngli sind oder Ernst Tanner persönlich zugewandt sind.» Neben Vertrauten wie Antonio Bulgheroni – dem Ex-Italien-Chef – gilt der Befund auch für frische Kräfte: Petra Schadeberg-Herrmann sitzt seit 2013 im Verwaltungsrat. Schadeberg gehört die deutsche Krombacher. Im Beirat der Bierbrauerei sitzt ein gewisser Ernst Tanner. Lindt kommentiert die Vorwürfe nicht.

Die Corporate Governance ist für Ethos-Direktor Kaufmann ein Dauer­thema: «Im Moment hängt Lindt & Sprüngli noch auf Gedeih und Verderb von Ernst Tanner als Person und Manager ab.» Es brauche deshalb «dringend» eine Nachfolgeplanung. Lindt-Sprecherin Zagoda entgegnet: «Herr Tanner führt das Unternehmen nach wie vor mit grosser Freude.» Es gebe keine Nach­folgepläne. Und ein Lindt-Kenner meint lapidar: «Solange der Konzern der­massen erfolgreich wirtschaftet, wird das System Tanner geduldet.»

Lauber muss jetzt liefern

Bundesanwaltschaft Fifa, Petrobras, Islamischer Staat oder der Fall Behring – der glänzend wiedergewählte Bundesanwalt Michael „Mike“ Lauber kann sich über einen Mangel an breitenwirksamen Ermittlungsverfahren nicht beklagen. Der Pfarrerssohn suchte zuletzt gezielt das Scheinwerferlicht. Wie im Fifa-Fall, als jüngst die Weltpresse im Berner Bundesmedienzentrum an Laubers Lippen hing. Mit jedem weiteren publikumsträchtigen Verfahren, das sich Laubers Staatsanwälte aufhalsen, steigt indes die Fallhöhe für ihren Chef. Lauber muss jetzt liefern. Der Bundesanwalt kann es sich schlicht nicht leisten, dass seine Strafverfolger in den globalen Grossverfahren am Ende mit leeren Händen dastehen. Ansonsten droht dem smarten Berner dasselbe Schicksal wie seinen pitoyablen Vorgängern Beyeler und Roschacher, die vorzeitig ihren Posten räumen mussten. In deren Amtsjahren machte die Bundesanwaltschaft vor allem mit Pleiten, Pech und Pannen von sich reden. Die Ermittlungen gegen die Hells Angels verliefen im Sand. Das Verfahren gegen die Tinners geriet zur Staatsaffäre. Und der Prozess gegen den Privatbankier Holenweger erwies sich als haltlos und rufschädigend. Lauber ist also vorgewarnt. Dass der karrierebewusste 50-Jährige nun bei voller Fahrt die Reifen wechselt und fast jeden fünften Staatsanwalt austauschen lässt, mutet da geradezu waghalsig an.

Schmierige Nummer

Petrobras-Skandal Ein Bericht der Bundesanwaltschaft zeigt, wie ein Kader des Ölkonzerns Gelder über Nummernkonten bei CS, Julius Bär und UBP erhielt.

Nestor Ceveró residierte an Rios berühmter Strandpromenande, der Ipanema, in einem Luxusapartment. Bis den Ex-Petrobras-Direktor im letzten Winter die Vergangenheit einholte. Nun sitzt Ceveró für die nächsten fünf Jahre, zusammen mit 350 anderen Insassen, in einem Gefängnis im brasilianischen Bundesstaat Paraná. Die Haftstrafe wegen Geldwäscherei wurde im Mai ausgesprochen. Der Ölmanager hat gegen das Urteil Berufung eingelegt.

Dem Prozess waren intensive Ermittlungen vorausgegangen. Involviert war auch die Schweizerische Bundesanwaltschaft (BA). Denn Ceverós Schmiergeldbezüge in der Höhe von etwa 30 Millionen Dollar flossen auch über mehrere Schweizer Banken, darunter die Credit Suisse, Julius Bär und die Genfer UBP. Dies geht aus einem Brief der Bundesanwaltschaft an die brasilianischen Justizbehörden hervor, welcher der „Handelszeitung“ vorliegt.

Ceveró war als Direktor beim brasilianischen Ölkonzern Petrobras fürs internationale Geschäft zuständig. In seiner Funktion hielt er dem koreanischen Industriekonglomerat Samsung mehrere Aufträge für Öl-Bohrequipment zu. Für seine Dienste bekam der Petrobras-Manager Schmiergelder, die über diverse Mittelsmänner und Offshore-Konti geschleust wurden. „Mehrheitlich auf Nummernkonten in der Schweiz“, heisst es im Brief der BA. Namentlich nennt der für den Fall zuständige Bundesstaatsanwalt Stefan Lenz ein Nummernkonto der Three Lions Energy Inc., das die Credit Suisse führte. Über dieses Konto floss beispielsweise eine Zahlung in der Höhe von 75 000 Dollar an eine panamesische Gesellschaft namens Russel Advisors SA, deren Endbegünstiger Nestor Ceveró war.

Banque Heritage im Fokus

Der erstinstanzlich verurteilte Geldwäscher betrieb weitere Offshore-Firmen. So auch die belizianische Forbal Investments, welche ein Konto bei der Banque Heritage besass. Die noble Genfer Privatbank wird vom Ex-Clariden-Leu-Chef Bernard Stalder präsidiert und führt unter anderem eine Niederlassung in Montevideo, Uruguay.

Die Analyse der BA ergab, dass Ceveró über Jahre auf sein Banque-Heritage-Konto Schmiergeldzahlungen in Höhe von mehreren Hunderttausend Dollar erhielt. Die Buchungen erfolgten unter anderem von Konten bei der Bank Julius Bär, der österreichischen Meinl Bank sowie der Banque Heritage. Eine zentrale Rolle spielt dabei eineuruguayische Firma namens Interbaltic Sociedad de Bolsa. Die Firma sei als „Geldwechsler“ bereits in anderen Ermittlungsverfahren des Petrobras-Falls in Erscheinung getreten, schreibt die BA.

Auf Ceverós Konto bei der Genfer Banque Heritage flossen bis im März 2014 Schmiergelder. Als der Petrobras-Direktor schliesslich von der Anklage gegen ihn Wind bekam, zog er noch in diesem Januar ungehindert 200 000 Dollar ab. Die Heritage-Gelder landeten bei einem Mittelsmann, der bei einem Londoner Institut ein Konto besass. Wie solche Transfers zu diesem Zeitpunkt überhaupt noch möglich waren, bleibt offen. Alle betroffenen Banken äussern sich nicht zum Fall. Natalie Guth von der Bundesanwaltschaft kommentiert die Petrobras-Affäre nur summarisch: „Die Bundesanwaltschaft untersucht im Rahmen der Petrobas-Affäre alle möglichen strafbaren Handlungen in der Schweiz und insofern auch das Verhalten von Banken und deren Mitarbeitern.“ Die Bundesanwaltschaft arbeite eng mit den brasilianischen Behörden zusammen und unterstütze diese. Dabei werde in Zusammenarbeit mit dem Bundesamt für Justiz auch geprüft, ob und wenn ja wo sich eine Abtretung der in der Schweiz eröffneten Strafverfolgung von brasilianischen Staatsangehörigen an die brasilianische Justiz aufdränge, erklärt Natalie Guth. Auch die Finanzmarktaufsicht kläre im Petrobras-Fall bei verschiedenen Banken „die konkreten Sachverhalte“ ab, meint hierzu ein Finma-Sprecher auf Anfrage.