Die Bank in der Bank

UBS Switzerland Die Schweiz-Tochter ist seit einem Jahr aktiv. Nun liegen die ersten Zahlen vor. Sie zeigen die Stärken und Schwächen des Swiss Banking.

Das Project White war selbst für die Grossbank UBS eine gröbere Übung. 2000 Mitarbeiter waren 18 Monate damit beschäftigt, eine Schweiz-Tochter namens UBS Switzerland AG aus dem Bankkonzern herauszuschälen. Der Gründungsakt verschlingt einen dreistelligen Millionenbetrag und bringt der Bank schliesslich eine neue Gesellschaft, in der alle für die Schweiz systemrelevanten Funktionen zusammengeführt sind. Für den Fall der Fälle, dass der Bankkonzern künftig erneut fallieren würde und abgewickelt werden müsste.

In dieser Sollbruchstelle Switzerland AG ist das hiesige Klein- und Firmenkunden-Geschäft enthalten sowie jener Teil der Vermögensverwaltung, der auf Schweizer Konten gebucht ist – ob dies nun in- oder ausländische Kunden sind. Hinzu kommt noch ein wenig Investment Banking. Nun – genau ein Jahr nach dem operativen Start – liegen die ersten Zahlen vor: Sie erlauben einen intimen Blick auf das systemrelevante Kerngeschäft der Grossbank und zeigen die aktuellen Stärken und Schwächen des Swiss Banking.

So erzielte die UBS Switzerland ab April 2015 in neun Monaten einen Reingewinn von 1,6 Milliarden Franken bei einem Betriebsertrag von 6,2 Milliarden. Davon stammen fast 40 Prozent aus klassichem Zinsgeschäft, dessen Marge die UBS in der Schweiz über die letzten drei Jahre kontinuierlich ausbauen konnte.

Business mit reichen Ausländern harzt

Das Geschäft mit Klein- und Firmenkunden läuft also wie geschmiert. Dafür harzt das Business mit reichen Ausländern, die ihr Geld hierzulande liegen haben. Die Switzerland AG weist nämlich einen Abfluss an Kundengeldern in der Höhe von 17 Milliarden Franken auf. Dies entspricht 3 Prozent der verwalteten Vermögen von gut einer halben Billion Franken. Grund dafür ist, dass sich die UBS offenbar von Kunden getrennt hat, welche die Bilanz mit hohen Cash-Beständen belastet haben. Zudem verweist Finanzchef Thomas Schulz auf die Abflüsse im grenzüberschreitenden Vermögensverwaltungsgeschäft, welche die Nettozuflüsse mit Schweizer Kunden überstiegen haben.

Die Schweiz-Tochter beschäftigt gut 11 000 Mitarbeiter und weist per Ende 2015 eine Bilanzsumme von 286 Milliarden Franken bei einem Eigenkapital von 10 Milliarden aus. Diese im Geschäftsbericht aufgeführten Zahlen basieren auf dem internationalen Rechnungslegungsstandard IFRS. Steuern muss die UBS Switzerland allerdings nach Schweizer Rechnungslegung zahlen, und zwar 222 Millionen Franken für die ersten neun Monate.

Die Bank profitiert in ihren ersten fünf Jahren noch von einem faktischen Steuerrabatt, wie aus dem Geschäftsbericht ebenfalls hervorgeht. Neben harten Vermögenswerten wie Krediten und Finanzinvestments wurde der neuen Bank nämlich auch Goodwill in der Höhe von 5,25 Milliarden Franken mitgegeben. Diesen Goodwill kann sie nun steuerrechtlich über die nächsten fünf Jahre abschreiben, was ihre Fiskallast um mehr als 200 Millionen Franken pro Jahr reduziert.

Die gut 5 Milliarden basieren auf einer externen Einschätzung über den Wert des Schweizer Geschäfts. Der Steueraufwand bleibe neutral, sagt Schulz. Weder der UBS noch dem Fiskus entsteht ein voroder Nachteil. Es war ein gut schweizerischer Kuhhandel: Die UBS bezahlt hierzulande wegen der neuen Tochtergesellschaft früher Steuern. Dafür werden diese über die Abschreibungen etwas gemildert.

Eigentlich hätte die UBS nämlich noch jahrelang von milliardenschweren Verlustvorträgen profitieren können – die letzten stammten aus dem Jahr 2012. Diese gelten jedoch nur für die UBS, weil sie von dieser verbucht wurden. Und dies vor allem im Ausland. Die UBS Switzerland kann diese nicht für sich geltend machen und zahlt daher wieder Steuern.

Im Geschäftsbericht der UBS-Gruppe, der nach den internationalen IFRS-Richtlinien verfasst wird, ist dieser Goodwill und dessen Abschreibung nirgends zu finden. Auch nicht in den entsprechenden Angaben zur UBS Switzerland, welche die UBS bei der US-Börsenaufsicht eingereicht hat. Entsprechend höher ist der Steueraufwand, den die UBS Switzerland gemäss IRFS verbucht: 489 Millionen Franken. Wegen der fehlenden Abschreibungen resultiert dennoch ein höherer Reingewinn: 1,6 statt nur 1,1 Milliarden Franken wie nach Schweizer Standard.

Sollbruchstellen gefordert

Diese buchhalterischen Finessen zeigen: Die Gründung der UBS Switzerland war ein juristischer wie IT-mässiger Hosenlupf. Eine autarke Informatik musste her und neue Verwaltungsgremien wurden geschaffen. Schliesslich pocht der Regulator im Nachgang zur Finanzkrise auf sogenannte Sollbruchstellen.

Denn die Pleite der US-Investmentbank Lehman Brothers 2008 lehrte die staatlichen Aufseher, dass ein Insitut auch zu komplex sein kann, als dass man es geordnet und ohne Kollateralschäden abwickeln könnte. Aus dieser traumatischen Erfahrung heraus erliess der Finanzstabilitätsrat wenige Jahre später Abwrack-Empfehlungen für international systemrelevante Institute wie die UBS. Nach diesen Blaupausen sind die Globalbanken daran, ihre rechtlichen Einheiten neu zu ordnen, um für den Ernstfall gewappnet zu sein.

Allerdings ist es mit der faktischen Abwicklungsfähigkeit auch acht Jahre nach Lehman nicht weit her. Die UBS und die UBS Switzerland haften weiterhin gegenseitig für Verbindlichkeiten. So musste die Schweiz-Tochter Ende Jahr noch für 136 Milliarden Franken geradestehen, was in etwa dem 13-fachen ihres Eigenkapitals entspricht. Finanzchef Schulz betont allerdings, dass sich dieses Haftungssubstrat seit dem Start bereits um fast 200 Milliarden verringert habe: Wir sind über Plan. Bis 2020 wird der Betrag nochmals erheblich reduziert sein. Der Abbau der Solidarhaftung ist schlicht nicht über Nacht machbar. Denn die Bank hat bestehende Verpflichtungen, welche die gesamte Finanzgruppe betreffen und die vorzeitig nur mit Zustimmung der Gegenpartei getilgt werden können. Hätte die UBS plötzlich ihre Schweiz-Tochter von dieser Verpflichtung ausgenommen, wäre sie gegenüber ihren Gläubigern leicht einklagbar gewesen. Bei Neugeschäften oder Anpassungen an bestehende Obligationen gilt jedoch stets die neue Haftungsstruktur.

Credit Suisse steht Umbau bevor

Der Rückblick auf die Entstehung der UBS Switzerland kommt einem Blick in die Zukunft der Credit Suisse gleich. Was die eine Bank mehrheitlich hinter sich hat, will die andere bis in einem Jahr umsetzen: Die Auslagerung des Schweizer Geschäfts in eine eigene Gesellschaft. Zwar wurde die Credit Suisse (Schweiz) AG bereits vergangenes Jahr gegründet. Noch ist sie aber eine leere Hülle. Die Banklizenz sei beantragt, aber noch nicht ausgestellt, heisst es im vergangene Woche publizierten Geschäftsbericht. In der zweiten Jahreshälfte solle das heute in der Division Swiss Universal Bank zusammengefasste Schweiz-Geschäft in die neue Tochtergesellschaft übertragen werden.

Allerdings hat sich die Credit Suisse deutlich mehr vorgenommen als ihre Konkurrentin von der Bahnhofstrasse. Bereits in einem Jahr will die CS ihre Tochter nämlich zusätzlich an der Börse kotieren lassen und 20 bis 30 Prozent der Aktien verkaufen. Bis dann muss das Geschäft tatsächlich voneinander getrennt sein. Und nicht nur auf dem Papier.

Mit harten Bandagen

Marc-Christian Riebe Der Konkurs seiner Location Group wirft Fragen auf. Nun nimmt der Immo-Vermittler erstmals Stellung.

Am 2. März ist das Schicksal der Zürcher Ladenflächen-Vermittlerin besiegelt. Das Bezirksgericht eröffnet über die Location Group des Immo-Brokers Marc-Christian Riebe den Konkurs. Riebe sagt: Sicher hätte ich einiges anders machen können, aber ich habe bis zuletzt alles getan, um die Location Group AG zu retten.

Beantragt hat den Konkurs die Immofinanz mit Sitz in Vaduz. Deren Rechtsvertreter, Matthias-John Gstöhl von der Kanzlei Nater Dallafior, will sich zum Fall nicht äussern. Die Immofinanz hat vor drei Jahren der Location Group mittels Bürgschaft Dritter ein Darlehen in der Höhe von 1 Million Franken gewährt – zu einem horrenden Zinssatz von 15 Prozent.

Mehrere Insider erzählen, dass sich die Location Group, die zu Spitzenzeiten rund 20 Mitarbeiter zählte, schon damals in finanzieller Schieflage befand. Seit 2013 habe sich der Engpass abgezeichnet. Löhne seien ab dann verspätet ausbezahlt worden. Trotz sehr guter Umsätze habe Location es versäumt, finanzielle Polster für magere Zeiten anzulegen.

Gründer Riebe hält dagegen, dass er bis Sommer 2015 sämtliche Saläre fristgerecht ausbezahlt habe und fügt an: Insgesamt habe ich zuletzt 1,5 Millionen Franken privat in die Firma gesteckt und mir über ein dreiviertel Jahr lang keinen Lohn ausbezahlt. Die Mitarbeiter hätten mehrheitlich im zweiten Halbjahr 2015 gekündigt. Alle sechs Mitarbeiter würden ihren gesamten Lohn noch erhalten, da ich 50 000 Franken nachschiessen werde, verspricht er.

Retailer in Schockstarre

Der Gründer einer führenden internationalen Retail Real Estate Boutique Agency (Eigenbeschrieb) macht für den Location-Konkurs das garstige wirtschaftliche Umfeld geltend. Nach der Aufhebung der Franken-Untergrenze im Januar 2015 seien viele Retailer in Schockstarre verfallen und hätten fast alle Expansionspläne eingefroren, so Riebe: Im ganzen letzten Halbjahr 2015 haben wir keinen einzigen Abschluss gemacht, sodass sich der Umsatz gegenüber 2014 fast halbiert hat.

Allerdings datiert nicht nur die Millionenhilfe der Liechtensteiner Immofinanz aus dem Jahre 2013. Auch der Darlehensvertrag mit der Boutiquen-Impresaria Trudie Götz, den die Handelszeitung einsehen konnte, wurde bereits im Herbst 2014 – auf Drängen Riebes hin – vereinbart.

So gewährte Götz‘ Luxusladenkette Trois Pommes der Location Group einen zinslosen Kredit über 250 000 Franken. Rückzahlbar bis Ende 2014. Doch Riebe zahlte den Betrag nicht fristgemäss zurück, sondern vertröstete Gläubigerin Götz mehrfach. Im letzten Sommer schliesslich schaltete die Grande Dame der Mode ihren Anwalt ein. Trois Pommes verrechnete schliesslich das Darlehen mit einer ausstehenden agency fee gegenüber Riebe.

Seither betreibt die Modekette die Location Group auf 100 000 Franken, wie Götz kürzlich im Blick kundtat. «Was Trudie Götz in der Zeitung erzählt hat, stimmt einfach nicht», sagt Riebe. «Dass ich Trudie Götz ein Darlehen in der Höhe von 100 000 Franken schulde ist falsch, denn wir hatten eine Vereinbarung, wonach der Betrag mit einer Forderung gegen sie aus einem Deal an der Storchengasse bereits verrechnet wurde.»

Nicht nur beim zinslosen Darlehen sieht sich Riebe im Recht. Auch im Falle der Ausstände in Höhe von 150 000 Franken gegenüber der Tennisveranstaltung Swiss Open. Location Group war nämlich Turniersponsor im Berner Oberland und als solcher mit dem Dargebotenen nicht zufrieden, wie Riebe sagt: Jean-François Collet vom Swiss Open Gstaad liess uns nicht aus dem dreijährigen Vertrag ziehen, obwohl Roger Federer und Stan Wawrinka nicht – wie vereinbart – regelmässig be ziehungsweise gar nicht beim Turnier spielten. Co-Sponsor Crédit Agricole und andere seien dagegen vorzeitig aus dem Vertrag entlassen worden. Mitunter ein Grund, weshalb Stan nicht angetreten sei, war gemäss Riebe, dass der Tennisstar sein Antrittsgeld nicht erhalten habe.

Leistungen kürzen

Vor Gericht ist Riebe allerdings durch alle Instanzen abgeblitzt. So wandte die Location Group vor Zürcher Bezirksgericht im Sommer 2015 ein, sie sei berechtigt, den geschuldeten Sponsoringbetrag zu reduzieren, weil Stan Wawrinka der Veranstaltung ferngeblieben sei und dessen Fernbleiben zu einem Popularitätsverlust geführt habe. Das Gericht wies die Argumentation zurück, weil der Sponsoringvertrag keine Regelung vorsehe, welche zu einer Kürzung der vereinbarten Leistung berechtige. Das Urteil ist rechtskräftig.

Swiss-Open-Anwalt Marc Häsler prüft zudem eine Strafklage wegen unlauteren Wettbewerbs. Denn: Kurz vor dem Konkurs der Location Group liess Riebe die Gesellschaft in Retail Hunting umbenennen. Praktisch zeitgleich firmierte er seine Location Luxury in The Location Group Ltd um. Das sei klar irreführend, sagt Häsler, und verschleiere den Konkurs.

Für Riebe ist dies dagegen gängige Praxis: Aus Bernie’s wurde New Bernie’s, aus Companys Schweiz die Companys Retail und aus der Wegelin Bank die Notenstein Bank.

Überhaupt blickt der Immobilienvermittler lieber in die Zukunft: Er schaue nach vorne, um im Jahr 2022 gewappnet zu sein. Jetzt, wo viele Häuser leer stehen und Flächen frei sind, werden wir das Geschäft wieder ankurbeln und vermehrt Liegenschaften profitabel für die Eigentümer verkaufen.

Übereifrige Musterschüler

Steueramtshilfe Das Trauma sitzt tief im Finanzdepartment. Nach dem Bankenkollaps 2008 setzte die Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung – auf Druck der grossen und klammen Industrienationen – die Schweiz auf ihre sogenannte Graue Liste. Die Pariser Bürokraten warfen unser Land damit in den gleichen Topf mit Fiskaloasen wie Samoa oder Nauru. Keine Finanzplätze, mit denen das stolze Swiss Banking in einem Atemzug genannt werden möchte. Das OECD-Verdikt als Steuerparadies verfehlte seine Wirkung nicht und schreckte den Berner Amtsschimmel auf.

Symbolischen Schlusspunkt bildete der automatische Informationsaustausch

Fortan war mit der Schweiz zwischenstaatlich verhandelbar, was kurz zuvor noch als unverhandelbar proklamiert wurde, nämlich das Bankgeheimnis. Es folgten Jahre der eidgenössischen Scheinund Rückzugsgefechte, mit dem einzigen Ziel, fiskalisch geläutert in den warmen Schoss der internationalen Staatengemeinschaft zurückzukehren. Den symbolischen Schlusspunkt bildete die Einführung des automatischen Informationsaustauschs, der ab 2018 in Kraft tritt. Zumindest auf dem Papier soll der AIA weltumspannend letzte Schwarzgeld-Schlupflöcher schliessen, wenngleich die Amerikaner – ganz Supermacht – sich um den Steuerpopanz der OECD schlichtweg foutieren.

Die neue Steuertransparenz ist grundsätzlich zu begrüssen. Die Art und Weise, wie die Schweiz sich fiskalisch läutert, ist dagegen stossend. So hat sich unser Land in wenigen Jahren vom flegelhaften tax evasion-Zögling zum übereifrigen Musterschüler gewandelt, der in vorauseilendem Gehorsam offenlegt und liefert, wie ihm die ausländischen Steuerbehörden geheissen. Mit dem drohenden Mahnfinger der OECD im Nacken lässt sich die Steuerverwaltung gar dazu hinreissen, offenbar ohne Rechtsgrundlage Gruppenanfragen durchzuwinken. So geschehen ist dies zum zweiten Mal mit dem Königreich Niederlande, das auf diese Weise an die Bankdaten der steuersäumigen Offshore-Kunden bei der UBS und Credit Suisse gelangt. Was die Steuervögte mit dem Tulpenstaat durchexerzieren, ist geradewegs eine Einladung ans Ausland, das Bankgeheimnis rückwirkend nach Belieben zu durchlöchern und die eigenen Bürger im Nachhinein zu kriminalisieren. Das ist weder fair noch transparent.

Weissgeld-Übereifer droht zum Bumerang zu werden

Dieser AIA avant la lettre hat auch für die Schweiz einen hohen Preis, indem er das Image des Finanzplatzes ramponiert. Zwar nickt die Bankiervereinigung als Branchenverband die Praxis der ESTV ab. Und die Finanzinstitute kommen ohne Murren ihrer Nachforschungspflicht nach. Doch der Kollateralschaden fürs Swiss Banking ist in der Zieldestination – in diesem Fall Holland – beträchtlich. Im Tulpenstaat, der wohl stellvertretend für weitere europäische Länder steht, greift die Erkenntnis um sich, dass in der Schweiz die Rechtssicherheit für Bankkunden nichts mehr wert ist. Der Weissgeld-Übereifer der Berner Behörden droht in wichtigen Onshore-Märkten zum Bumerang zu werden.

Der Tulpenkrieg

Steuerhilfe Bern will Holland die Daten von Credit-Suisse-Kunden liefern. Doch die Rechtsgrundlage fehlt.

Es hat den Anschein einer blossen Formalie. Am 3. Februar erhält die Eidgenössische Steuerverwaltung (ESTV) von den niederländischen Kollegen eine Gruppenanfrage für mutmasslich steuerhinterziehende Kunden der Credit Suisse. Bereits am Tag darauf winken die Berner Steuervögte die Anfrage aus dem Tulpenstaat durch und verpflichten die Zürcher Grossbank, ihre Datensätze gezielt nach ihren niederländischen Kunden zu durchforsten.

Die Kriterien für die Auswahl sind praktisch dieselben wie beim ersten Gruppenersuchen aus Holland, das Kunden der UBS betraf (siehe Handelszeitung Nr. 46 vom 12. November 2015): Erstens muss auf dem Schweizer Konto zwischen Februar 2013 und Ende 2014 mehr als 1500 Euro gelegen haben. Der Betrag ist äusserst niedrig angesetzt, wenn man bedenkt, dass in den Niederlanden ein Steuerfreibetrag von 21 000 Euro pro Person gilt.

Zweitens hat der holländische Bankkunde einem nicht näher definierten Weissgeld-Schreiben der Credit Suisse nicht Folge geleistet. Wer also seine Steuerkonformität nicht aktiv deklariert hat, gerät automatisch ins Raster der Gruppenanfrage aus Den Haag.

Für Andrea Opel, Assistenzprofessorin für Steuerrecht an der Universität Luzern, ist das Vorgehen der ESTV schlicht nicht nachvollziehbar: Das Gruppenersuchen der Niederländer ist doppelt unzulässig – zum einen fehlt die rechtliche Grundlage, zum anderen ist die inhaltliche Ausgestaltung nicht statthaft. Sie halte es deshalb rechtsstaatlich für sehr fragwürdig, dass die Eidgenössische Steuerverwaltung – gestützt auf das Doppelbesteuerungsabkommen (DBA) mit den Niederlanden – den beiden Gruppenersuchen stattgegeben hat.

Inhaltlich hat das Gruppenersuchen nämlich den Charakter einer Beweisausforschung, sprich einer fishing expedition. So müsste eigentlich zwingend im information request ein Verhaltensmuster dargelegt werden. Zum Beispiel, wie Credit-Suisse-Bankberater systematisch holländischen Steuerpflichtigen geholfen haben, den Fiskus zu prellen. Doch Opel macht keine Muster aus: Die fehlende Abgabe einer Steuerkonformitätserklärung ist meines Erachtens nicht ausreichend. Dem pflichtet auch der in Zürich praktizierende Steueranwalt Frank Schut bei. Zudem sei die Frage der fishing expedition von den Gerichten gar noch nicht geklärt. So haben drei niederländische UBS-Kunden gegen die Datenlieferung durch die ESTV nach Den Haag vor Bundesverwaltungsgericht (BVG) Beschwerde eingereicht. Das Verfahren ist in St. Gallen hängig.

Druck aus dem Tulpenstaat

Doch der ausstehende BVG-Entscheid in Sachen UBS scheint den holländischen Fiskus wenig zu kümmern. Er doppelt nun mit der CS-Anfrage nach. Der Belastungsdienst agiert opportunistisch und kommt ohne viel Aufwand und ohne rechtskräftiges Gerichtsurteil an die Bankdaten ihrer Bürger, konstatiert Schut. Die Druckversuche fruchten. Schliesslich flossen im Fall der UBS Hunderte Bankkundeninformationen, und zwar beschwerdefrei, in den Tulpenstaat. Denn viele Kontoinhaber scheuen Aufwand und Kosten, rechtlich gegen den bislang nicht gerichtlich legitimierten Datentransfer vorzugehen. Dies, obwohl die Rechtsauslegung der ESTV höchst umstritten ist. So fehlt für Jus-Professorin Opel den Steuervögten die Rechtsgrundlage. Im Doppelbesteuerungsabkommen zwischen der Schweiz und den Niederlanden aus dem Jahre 2010 findet sich keine Zeile zu möglichen Gruppenersuchen. Im Gegenteil verpflichte das DBA die Holländer, jeden Steuerpflichtigen eindeutig zu identifizieren und nur Ersuche im Einzelfall zu gewähren. Der Belastungsdienst müsste also konkret eine Liste mit Namen oder CS-Kontonummern nach Bern liefern. Erst dann wäre dem Wortlaut des DBA entsprochen. Opels Auslegung teilt Steueranwalt Schut und fügt an: Ich würde eigentlich erwarten, dass die Schweizer Steuerbehörde eine kritische Haltung einnimmt und die Anfrage der Niederländer nicht in einem Tag durchwinkt. Offiziell darf sich die ESTV nicht zur Praxis bei Gruppenanfragen – und damit auch nicht zum aktuellen CS-Fall – äussern. Die Steuervögte sehen sich allerdings im Recht und gar verpflichtet, die Gruppenanfragen grundsätzlich zu gewähren, wenn die Grundlagen erfüllt sind. Man habe schlicht keine andere Wahl. Solange die Parameter nicht auf fishing expedition hindeuten, sei alles rechtens, heisst es in Bern.

Zwei Jahre nach dem Abkommen

Auf den Hinweis, es fehle ja bereits an der nötigen Rechtsgrundlage für ein solches Gruppenersuchen im Rahmen des DBA, heisst es bei der ESTV ergänzend: Man stütze sich zusätzlich auf das DBA-Musterabkommen der Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung OECD.

Unter Steueranwälten löst die Antwort nur Kopfschütteln aus: Abenteuerlich sei die Argumentation. Erstens habe ein Musterabkommen per se keine Rechtswirkung. Und zweitens stamme das erste OECD-Muster zu Gruppenersuchen aus dem Jahre 2012. Also zwei Jahre nachdem die Schweiz mit den Niederlanden das Doppelbesteuerungsabkommen unterzeichnet hat. Rechtssicherheit bei Gruppenersuchen kann also nur ein letztinstanzlicher Entscheid liefern. Das kann noch Jahre dauern.

Inzwischen geht das Powerplay ausländischer Fiskalbehörden weiter. So bereitet der Belastingdienst weitere Gruppenanfragen für Kunden der Banken Julius Bär und J. Safra Sarasin vor. Nicht nur der Fiskus in Den Haag hat zusätzlich requests in der Schublade. Die Handelszeitung weiss aus Anwaltskreisen, dass Bundesländer wie Nordrhein-Westfalen und Rheinland-Pfalz stapelweise Gruppenersuchen griffbereit haben. Die Fiskalbehörden warten nur auf den Marschbefehl aus Berlin.

Russisches Roulette

Credit Suisse Bis im Frühherbst war P. L. (Name der Redaktion bekannt) einer der wichtigsten Vermögensverwalter der Credit Suisse und hofierte die Oligarchen. Nun wird der Franzose, der mehrere hundert Millionen Dollar an Kundengeldern veruntreut haben soll, zur Hypothek für die Grossbank.

Anfang Woche habe er in Genf Strafklage eingereicht, sagt Anwalt Giorgio Campá, der im Betrugsfall zwei russische Unternehmer als Geschädigte vertritt. Die Klage meiner Klienten richtet sich sowohl gegen den mutmasslich fehlbaren Kundenberater als auch gegen die Bank Credit Suisse, so Campá. Sie umfasse unter anderem die folgenden Tatbestände: Ungetreue Geschäftsbesorgung, Urkundenfälschung, Veruntreuung und Geldwäscherei.

Bei der Klage seiner russischen Mandanten gegen die Grossbank beruft sich Campá auf die subsidiäre Haftung des Unternehmens nach Strafgesetzbuch. Der Artikel kommt zur Anwendung, wenn die Tat wegen mangelhafter Organisation keiner Person zugeordnet werden kann. Campá sagt: Es scheint mir wenig wahrscheinlich, dass Kundenberater P. L. innerhalb der Bank alleine gehandelt hat.

Diese Einschätzung teilt Marc Henzelin, Anwalt des Multimilliardärs Bidzina Ivanishvili. Ivanishvili hatte Ende Dezember den Rechtsfall mit einer Strafklage gegen Berater P. L. ins Rollen gebracht. Erst dann zog die Credit Suisse mit einer Klage nach. Mittlerweile versucht die Bank, den mutmasslich geschädigten Georgier als Partei aus dem Strafverfahren ausschlies sen zu lassen. Die Bank betont, man verfolge eine Nulltoleranzpolitik gegen Übertretungen der Mitarbeiter. Zu Einzelheiten in einem laufenden Verfahren könne sich die CS nicht äussern.

Anfang Februar sprach Chef Tidjane Thiam öffentlich von einem einzelnen und isolierten Fall. Inzwischen jedoch frisst sich die Affäre in die Grossbank hinein. Nach Ansicht der Geschädigtenvertreter mehren sich die Hinweise, dass P. L. kein Einzeltäter sei. So spricht ein Vorgesetzter des Beschuldigten gegenüber den Strafverfolgern von einem Team P. L. mit drei oder vier Assistenten, welche dem Oligarchenbetreuer zugedient haben sollen. P. L. habe direkte Kontakte unterhalten in die Kredit- und Devisenabteilung der Bank sowie ins Legal & Compliance, sagt der amtierende CS-Managing-Director. An die Namen der Gewährsleute von P. L. in den einzelnen Bankabteilungen kann der Bankdirektor sich nicht erinnern.

Allerdings lassen Aussagen des Top-Managers laut Geschädigtenvertretern Zweifel an den internen Kontrollen der Bank aufkommen. So förderte das Internal Audit in der Genfer CS-Filiale 2013 nichts Alarmierendes zutage. Im Gegenteil: In diesem Jahr verliehen die internen Prüfer der Genfer Dépendance die Note gut. Die wenigen Beanstandungen der Kontrolleure betrafen alle nicht die Dossiers des mutmasslich fehlbaren Beraters.

Vielmehr drehten sich die bankinternen Diskussionen dann Anfang 2015 offenbar darum, P. L. grössere Freiheiten zu gewähren beim Handel mit dem Portfolio des georgischen Multimilliardärs Bidzina Ivanishvili. Statt jeden Trade einzeln von Ivanishvili oder seiner rechten Hand absegnen zu lassen, stand ein freieres, dezentrales Mandat zur Debatte.

In die Diskussionen involviert waren neben dem Berater und seinem direkten Vorgesetzten (der die Credit Suisse auf Anfang Jahr verlassen hat) auch Vertreter des Business Risk Management und der Compliance-Abteilung, sagt ein CS-Managing-Director. Die bankinternen Kontroll instanzen standen also bis zuletzt direkt mit P. L. in Kontakt. Mehr noch: Der Vermögensverwalter in Genf – er arbeitete früher Manager bei der Kosmetikmarke Yves Rocher – war bankintern längst kein unbeschriebenes Blatt mehr. Wie Recherchen zeigen, hat die Credit Suisse ihrem Kundenberater P. L. offenbar bereits in einem anderen laufenden Verfahren einen Rechtsanwalt zur Seite gestellt. Konkret geht es im Fall um den russisch-israelischen Oligarchen Vitaly Malkin, der einst ein Klient des mutmasslichen Betrügers bei der CS war. In diese Zeit fällt ein beabsichtigtes 40-Millionen-Euro-Investment von Malkin für ein 300-Hektaren-Gelände an der korsischen Küste, das sich später gemäss französischen Medienberichten als unbebaubar entpuppte.

Grössere Freiheiten geben

Die Hälfte der Investitionssumme überwies damals der CS-Berater P. L. gemäss eigenen Aussagen angeblich auf ein Konto der Bank Julius Bär, und zwar zugunsten eines korsischen Immobilienentwicklers. Doch das Geld versickerte.

Oligarch Malkin hat deshalb Klage gegen den korsischen Immobilienentwickler eingereicht. Die französische Justiz ermittelt seit längerem im Fall. Bereits Anfang 2015 wurde P. L., als er noch im Sold der Credit Suisse stand, laut eigenen Aussagen von einem Richter in Marseille zu einer Aussage vorgeladen. Was folgte, war ein mehrstündiges Verhör, bei dem es um eine mögliche Komplizenschaft von P. L. im Fall ging. Zum Stand des Verfahrens schweigen sich die beteiligten Par teien aus. Es gilt die Unschuldsvermutung.

Fest steht jedoch, dass die französische Justiz im letzten Frühjahr ein Rechtshilfeersuchen ans Bundesamt für Justiz gestellt hat, und zwar betreffs der beiden involvierten Banken, der Credit Suisse und Julius Bär. Das Ersuchen liegt bei der Genfer Staatsanwaltschaft, die zwar den Eingang gegenüber der Handelszeitung bestätigt, aber sich ansonsten bedeckt hält.

Der Rechtsstreit des Oligarchen Malkin ist wohl auch für die laufende Untersuchung gegen P. L. relevant. So ist aus Justizkreisen zu hören, dass der Genfer Staatsanwalt Yves Bertossa (siehe Box) daran sei, Vermögenswerte des ehemaligen Credit-Suisse-Beraters beschlagnahmen zu lassen. Nebst diversen Offshore-Konten soll sich darunter auch eine Immobilie auf Korsika befinden. Ob der Grundbesitz von P. L. auf der Mittelmeerinsel in einem Zusammenhang steht mit dem Fall Malkin, ist offen.

Feuerwall gegen zwei Bankriesen

Too big too fail Die Jobdefinition ist in der Verfassung verankert. Der Bundesrat hat die Landesinteressen zu wahren. Dazu gehört es, die Rahmenbedingungen für ein stabiles Finanzsystem zu setzen. Denn wenn Kredite kollabieren, Zahlungen versiegen oder unterkapitalisierte Institute ins Wanken geraten, leidet nicht nur der Finanz-, sondern automatisch auch der Werkplatz Schweiz.

Dass auf eine systemische Bankenkrise eine schwere Wirtschaftskrise folgt, gilt zwar auch für andere Industrienationen. Aber die Schweiz ist ein Sonderfall (geblieben). So hängt die Finanzstabilität der hiesigen Volkswirtschaft auf Gedeih und Verderb an den beiden Grossbanken UBS und CS, obwohl die direkte Beschäftigungsquote des gesamten Banksektors bescheidene 3 Prozent beträgt.

Zugkräftiges Zweigespann bringt Kollateralschäden mit sich

Die Zahlen zur Dominanz von UBS und CS sprechen Bände. Die Hälfte der Schweizer Gesamtbankenbilanz entfällt auf die zwei Grossen. Rund ein Drittel des inländischen Kreditmarkts und ein Viertel der Vermögensverwaltung werden vom zugkräftigen Zweigespann beherrscht. Dabei entsprechen die Aktiven von UBS und CS in der Summe fast dem Dreifachen des jährlichen Bruttoinlandprodukts der Schweiz. Zum Vergleich: In den USA mit ihren Wall-Street-Riesen liegt dieser Wert im tiefen einstelligen Prozentbereich des BIP.

Nun kann man stolz sein, dass ein Kleinstaat wie die Schweiz über die Jahrhunderte zwei dermassen potente Insititute hervorgebracht hat. Doch für die im Verhältnis fast zwergenhaft wirkende Volkswirtschaft bedeuten die beiden Bankenriesen gewaltige Risiken. So ist auch acht Jahre nach der Finanzkrise, in deren Strudel die UBS geriet und vom Staat gerettet werden musste, die too big too fail-Problematik nicht abschliessend gelöst. Ein Grossbankenkollaps hätte weiterhin fatale Folgen für die Volkswirtschaft. Erneut müsste der Staat und damit der Steuerzahler als Kreditgeber der letzten Zuflucht auftreten. Gerade für die Schweiz ist dies ein unhaltbarer Zustand. Denn je gewichtiger der Finanzsektor für ein Land ist, desto höher fallen die Kosten einer Bankenkrise aus. Doch auch im gegenwärtigen Courant normal wirken die Gravitationskräfte der beiden Bankenriesen auf den hiesigen Finanzplatz. Gemäss einer OECD-Studie dürfte der Wert der impliziten Staatsgarantie für UBS und CS jährlich bis zu 6,5 Milliarden Franken betragen. Too big too fail verzerrt also auch den Wettbewerb auf dem Finanzplatz.

Verschärfte Kapitalvorschriften schlagen zwei Fliegen mit einer Klappe

Insofern sind die höheren Eigenkapital-Anforderungen, welche der Bundesrat bald auf dem Verordnungswege erlassen möchte, zu begrüssen. Schlagen sie doch zwei Fliegen mit einer Klappe. Müssen UBS und CS ihre Positionen mit mehr Eigenkapital unterlegen, sinkt das Risiko, dass der Steuerzahler im Krisenfall einspringen muss. Gleichzeitig sinkt der Wert der impliziten Staatsgarantie für die Grossbanken, wodurch der Wettbewerb auf dem Finanzplatz gestärkt wird

Margin Call

Credit Suisse Einer der wichtigsten CS-Berater soll mehrere hundert Millionen an Geldern veruntreut haben. Die Bank spricht von einem Einzelfall. Doch die Affäre zieht immer weitere Kreise.

Das Lügengebilde bricht Mitte September zusammen. Die Aktie der kleinen US-Pharmafirma Raptor verliert innerhalb weniger Tage mehr als die Hälfte ihres Werts, weil ein Medikament nicht wie erhofft wirkt. Der Kurssturz von Raptor führt automatisch zu unzähligen Margin Calls in Kundendepots der Credit Suisse. Die Grossbank fordert mehrere schwerreiche Osteuropäer auf – darunter den georgischen Multimilliardär Bidzina Ivanishvili – , frisches Kapital in Raptor einzuschiessen. Die Rede ist von bis zu 128 Millionen Dollar pro Call. Wer nicht zahlt, dessen Positionen werden sofort geschlossen.

Ob der Nachschussforderung fallen die Oligarchen aus allen Wolken. Denn von ihren mit Krediten gehebelten Raptor-Beständen wussten sie nichts. Geschweige denn gaben sie den Auftrag, solche Aktienmengen zu kaufen, die gewaltige Klumpenrisiken im Depot bilden.

Eingebucht hat ihnen die hochspekulativen Papiere ihr Vertrauensmann und langjähriger Vermögensverwalter bei der Credit Suisse, der Banker P.L. Als Raptor kollabiert, taucht er ab, erscheint in der Genfer CS-Fillale nicht zur Arbeit, verschanzt sich in seiner Villa mit Blick auf den Lac Léman, nimmt keine Anrufe entgegen.

Ein paar Tage später beichtet P.L. seinem Vorgesetzten: Ich habe Aktien ohne das Wissen meiner Kunden gekauft. Die CS kündigt ihm fristlos und eröffnet eine Untersuchung durch die Kanzlei Homburger. Allerdings reicht die Bank erst Ende Dezember Strafklage ein, nachdem Milliardär Bidzina Ivanishvili geklagt hat. Nun ermittelt der Genfer Staatsanwalt Yves Bertossa unter anderem wegen Veruntreuung, Betrug sowie Urkundenfälschung. P.L. wird verhaftet und vernommen. Derweil weitet sich der Kreis der Geschädigten aus – es sind mehrheitlich Russen. Zusätzliche Klagen sind in Vorbereitung. Die Finma steht mit der Credit Suisse in Kontakt.

Die Deliktsumme beträgt – je nach Schätzung und Quelle – zwischen 200 und 800 Millionen Dollar. Zu komplex ist das Finanzgeflecht, als dass die Wirtschaftsforensiker finale Zahlen liefern könnten. Die Credit Suisse erteilt zu den laufenden Untersuchungen keine Auskünfte. Chef Tidjane Thiam sagte in einem Interview mit der Zeitung „Le Temps“ einzig, dass es sich um einen „einzelnen und isolierten Fall“ handle.

Millionenboni kassiert

Der Raptor-Kollaps bedeutet das jähe Berufsende für P.L. Der gebürtige Franzose gilt als Schwergewicht unter den Credit-Suisse-Vermögensverwaltern. Seit über zehn Jahren arbeitet er bei der CS. Sein Kundenportfolio ist zuweilen grösser als das einer kleinen Privatbank. Seine Klienten stammen allesamt aus den ehemaligen Ostblockstaaten – Oligarchen und schwerreiche Unternehmer, die er am GUS-Desk in Genf betreut. Eine anspruchsvolle Kundschaft, aber eine hoch lukrative für ihn wie für die CS. So zahlt die Grossbank dem Quereinsteiger mit einfachem Handelsdiplom stattliche Boni und kürt ihn zum Direktor. Seine Vergütungspaket erreichte in einzelnen Jahren das Gehalt eines SB-Boder gar Swisscom-Chefs. Schliesslich war der Kommissionsertrag aus dem Kundenstamm von P.L. beträchtlich. Insgesamt soll der „gestionnaire de fortune“ der Bank über die Jahre gegen 150 Millionen an Einnahmen generiert haben. Einzelne seiner Kunden sollen zwischen 5 und 25 Millionen Dollar pro Jahr an die CS abgeliefert haben.

Wer solche Summen für die Vermögensverwaltung ausgibt, verlangt vor allem eins: Eine konstant hohe Performance. Doch P.L. konnte nicht stetig liefern. Immer wieder legte er seinen schwerreichen Kunden faule Eier ins Portfolio. Ein solches Investment war die österreichische Meinl European Land, welche in osteuropäische Immobilienprojekte investieren wollte und als Totalverlust beziehungsweise Rechtsfall endete. Investments wie diese rissen zweistellige Millionenlöcher in die Depots. Es drohte Ungemach seitens der schwerreichen Kundschaft.

Doch statt die Verluste offenzulegen, fing er im Nachgang zur Finanzkrise an zu tricksen. Zunächst soll er Excel-Tabellen und das Finanz-Reporting für die Oligarchen frisiert haben. Die „Handelszeitung“ weiss von einem Kundenkonto, bei dem die Differenz zwischen echtem und fingiertem Saldo schliesslich über 70 Millionen Dollar betrug. Doch bei der „investment report“-Kosmetik blieb es offenbar nicht.

Vielmehr soll der russophile CS-Mann versucht haben, mit waghalsiger Finanzakrobatik die Millionenverluste wieder auszumerzen – und zwar über die Grenzen der Kundenportefeuilles hinweg und mutmasslich wohl auch in die eigenen Taschen hinein, was im Finanzjargon „Commingling“ heisst (siehe Box). Dabei stützte sich P.L. wohl auch auf externe Strukturen ab: Es ist die Rede von geheimen Subkonten, Kickbacks, Retrozessionen sowie einem Netz von Mitwissern oder Mittätern ausserhalb der CS – Weggefährten wie Banker anderer Geldhäuser. Darunter befinden sich eine Genfer sowie eine Obwaldner Asset-Management-Firma, die rechtlich, vertraglich und zum Teil sogar persönlich mit P.L. verbunden sind. Deren Chefs werden derzeit von der Genfer Staatsanwaltschaft durchleuchtet. Es gilt die Unschuldsvermutung.

Bankgeschäfte ohne Kontrolle

Der CS-Direktor hat also wohl aktiv die Vermögensgrenzen verwischt und die Löcher der einen Kunden mit den Assets der anderen gestopft. Es soll mannigfach zu nichtautorisierten Transaktionen in mehrstelliger Millionenhöhe gekommen sein.

Für dieses „trading en solo“ hat der frühere Yves-Rocher-Manager über viele Jahre auf die Infrastruktur der Credit Suisse zurückgegriffen, ohne dass bankinterne Kontrollen gegriffen hätten. Ob Währungsdesk, Derivatehandel oder Kreditabteilung – P.L. nutzte die gesamte Klaviatur der Credit Suisse für seine Kunden – ob mit oder ohne deren Wissen. Er platzierte Optionen oder verpfändete Wertschriften in dreistelliger Millionenhöhe. Auch wurden gewaltige Währungsoptionen – 400 Millionen Dollar – auf türkische Lira oder Südafrikanische Rand gekauft und verkauft durch CS-Abteilungen – mit Verlust und ohne augenscheinlichen Grund.

Kleines Rädchen im Getriebe

Wie Aussagen vermuten lassen, erteilte er seine Aufträge und Anweisungen auch über andere CS-Teammitglieder oder er besuchte Kunden – zusammen mit seinem Vorgesetzten, einem Managing Director der Credit Suisse aus Zürich. Für Anwalt Marc Henzelin von der Kanzlei Lalive, der mit Bidzina Ivanishvili einen der Hauptgeschädigten vertritt, steht deshalb fest: „Es ist praktisch unmöglich, dass die Credit-Suisse-Verantwortlichen nichts von seinen Machenschaften gewusst haben sollen.“ P.L. sei ein kleines Rädchen im Getriebe des Finanzkonzerns. Auch andere Geschädigtenvertreter teilen diese Ansicht.

Besonders heikel ist der Fall der US-Pharmafirma Raptor, über den P.L. stolperte. So bestehen offenbar persönliche Beziehungen zwischen ihm und Raptor-Managern. Man traf sich in Genf. Auch hat der CS-Direktor den Pharmawinzling zur Roadshow bei der Bank eingeführt, was gefruchtet zu haben scheint. So ist die Credit Suisse über ihre US-Securites-Tochter Grossaktionärin am Small Cap. Zugleich hat P.L. die Titel in justiziablen Mengen in die Depots seiner Oligarchen gebucht. Als Beispiel: Zeitweise machte die hochspekulative Raptor mehr als 18 Prozent eines Portefeuilles aus. Darüber hinaus bestehen enge Verflechtungen von P.L. zu einem weiteren Schweizer Grossaktionär. Angesichts dessen werden Stimmen laut, die von Marktmanipulation oder Insiderhandel sprechen. Affaire à suivre.

Vincenz‘ Vermächtnis

Raiffeisen Alpha-Banker Pierin Vincenz ist der Mann fürs Grobe. In seiner über 15-jährigen Raiffeisen-Regentschaft hat er die verknorzten Landbanken auf Linie gebracht und einen Ostschweizer Finanzriesen geschaffen, den auch der Paradeplatz ernst nehmen muss. Doch so visionär Vincenz war, so wenig hat sich der joviale Bündner ums Kleingedruckte im Masterplan gekümmert. Vielmehr hat Vincenz die Raiffeisen-Baustelle verlassen, bevor das weitläufige Finanzhaus tatsächlich fertig gezimmert ist. Bereits treten grobe Baumängel zutage, zum Beispiel in der Informatik. Für den neuen Raiffeisen-Chef Patrik Gisel – seit Herbst im Amt – wird Vincenz‘ Vermächtnis damit zur Hypothek. Dem passionierten Extremsportler steht ein Dauerlauf als Troubleshooter bevor. Gisels erster Bittgang galt dabei Vontobel, mit dessen Führungsriege sich Vincenz seinerzeit überwarf und die fast 20-jährige Kooperation per 2017 beendete. Zähneknirschend musste Gisel nun seit Sommer verhandeln, um die Zusammenarbeit mit der Zürcher Bank über den Kündigungstermin hinaus zu retten. Der Konkurrentin bleiben so gegen 50 Millionen Franken an Umsatz mit der Genossenschaft-Gruppe erhalten. Es ist das bittere Eingeständnis, dass Raiffeisen die „modernste Retailbanking-Plattform der Schweiz“ noch lange nicht ausrollen kann. Denn eigentlich hätte die Bank zum Kündigungstermin ihre 292 Genossenschaften auf die neue Informatikplattform „Arizon“ hieven und sich so gänzlich von Vontobel abnabeln wollen. Doch Vincenz‘ funkelnde Informatikvision hat sich als teure IT-Schimäre entpuppt.

Heikle Planspiele

UBS Die Bank prüft ihre Kosten in der Schweiz, es droht Verlagerung. Bis zu 3000 Jobs sind über die nächsten Jahre in Gefahr.

Fast auf Augenhöhe mit der Europäischen Zentralbank (EZB) steht die UBS in Frankfurt am Main. Der Opernturm, in dem der deutsche Ableger der Schweizer Grossbank residiert, ist bloss 15 Meter tiefer als der neue EZB-Glaspalast. Das Gepräge der UBS auf die Skyline von „Mainhattan“ soll den geschäftlichen Führungsanspruch der Grossbank in Deutschland untermauern – und zwar weit über die hessische Landesmetropole hinaus.

Der weltgrösste Vermögensverwalter will künftig von „Bankfurt“ aus das gesamte europäische Geschäft zentral führen. Möglich macht es eine paneuropäische Bankenlizenz der EZB. Bereits im dritten Quartal dieses Jahres soll die Europabank der UBS rechtlich stehen. Gespräche mit der deutschen Bankenaufsicht BaFin laufen derzeit. Offenbar gilt der heutige Deutschland-Leiter Thomas Rodermann als gesetzt für den Chefposten der rechtlichen Europaeinheit, wie die „Handelszeitung“ erfahren hat.

Gewaltige Implikationen

Innerhalb der Grossbank machte sich vor allem UBS-Präsident und Ex-Bundesbank-Präsident Axel Weber für Frankfurt stark, während der operative Chef Sergio Ermotti einen Marschhalt forderte und parallel auch Luxemburg als möglichen Standort evaluieren liess.

Unabhängig vom Banksitz stellte Vermögenschef Jürg Zeltner schon im letzten Jahr Einsparungen durch die einheitliche Europalizenz in Aussicht. Rund 100 Millionen Euro pro Jahr dürften drin liegen. Denn anstatt in elf Zielmärkten separate Banklizenzen betreiben zu müssen, kann die UBS künftig das G eschäft – zumindest was den regulatorischen Teil betrifft – zentral aus Frankfurt am Main führen. Ob in Italien, Frankreich oder Österreich – aus rechtlich vollwertigen UBS-Niederlassungen werden so alsbald Frankfurter Filialen.

Was wie ein rein formaljuristischer Akt anmutet, hat Auswirkungen aufs operative Geschäft: Mit der Europabank wird die UBS nämlich auf einen Schlag zur grössten Privatbank auf dem alten Kontinent. „Dann wird unsere wahre Grösse endlich sichtbar“, sagt ein Top-Manager der Bank. Zudem wird mit dem Wegfall der Einzellizenzen auch weniger Eigenkapital gebunden. Der Bedarf dürfte um bis zu 2 Milliarden Euro sinken, was das Europageschäft profitabler macht. Die Vermögensverwaltung kann diesen Schub gut gebrauchen, denn Wealth Management Europe lahmt. Im vierten Quartal musste Vermögenschef Zeltner einen Abfluss von 2 Milliarden Franken in Europa hinnehmen. Die Weissgeldstrategie schmerzt. Die Bruttogewinnmarge sackte im Vorjahresvergleich von 82 auf 74 Basispunkte. In der Schweiz liegt sie bei stabilen 92 Punkten.

Angesichts der paneuropäischen Schwächephase denkt die UBS-Spitze nun offenbar über weitere Kostenschrauben nach. Die Stärke des Frankens zum Euro befeuert dabei die Offshoring-Falken im Bankkonzern und setzt die hiesige Produktion unter Druck.

In den nächsten drei bis fünf Jahren dürften bis zu 3000 Jobs aus der Schweiz ins Ausland verlagert werden, sagt ein UBS-Spitzenmanager und nennt als mögliche Zieldestina tionen unter anderem das günstige Krakau und das noch billigere Breslau. Andere Quellen in der Bank sprechen von etwa 500 Jobs, die auf dem Prüfstand stehen. Allerdings gebe es regulatorische Auflagen, welche das Outsourcing aus Zürich schwieriger mache als etwa aus London.

In den beiden südpolnischen Metropolen Krakau und Breslau unterhält die Bank – wie ihre Konkurrenten – bereits grosse Business Solution Centers, denen ein massiver Ausbau bevorsteht. Alleine in diesem Jahr sollen die Vollzeitäquivalente bei der UBS Polen um über 300 Prozent auf 1900 aufgestockt werden. Ein Teil der Arbeitskräfte stammt aus der Ukraine, wo die politische Situation schwierig wurde. Auch an den übrigen Offshore-Standorten der UBS in Indien, China und den US-Südstaaten herrscht Beschäftigungswachstum. Die Grossbank beschäftigt mittlerweile fast ein Drittel der Vollzeitäquivalente (siehe Grafik) ihres Corporate Centers an Niedriglohnstandorten. Tendenz steigend.

Billige Fachkraft

Die Anpassung des „footprint“, wie es im Managerslang heisst, geht in Zukunft wohl auch zulasten der Schweiz. Im Verlagerungsfokus stehen rückwärtige Dienste wie Informatik, Buchhaltung, Human Resources oder Finanzrisikocontrolling. Gefährdet seien insbesondere jene Backoffice-Leute, die aus Zürich heraus fürs (europäische) Ausland Leistungen erbringen würden, erklärt der Top-Manager. „Was aus der Schweiz in den Export geht, ist teilweise nicht mehr konkurrenzfähig von den Kosten her“, sagt er und macht ein einfaches Zahlenbeispiel: Der Lohn einer polnischen Fachkraft betrage bloss ein Viertel seines Zürcher Pendants. Da ist die Kalkulation rasch gemacht.

Allerdings gibt es auch Mahner im Bankkonzern, die von einer „Milchbüchli“-Rechnung sprechen: „Die Offshoring-Pläne basieren auf Kalkulationen aus dem Jahr 2007“, sagt eine mit der Angelegenheit vertraute Person zur „Handelszeitung“. Faktoren wie Lohnund Lebenshaltungskosten oder die Verfügbarkeit von Arbeitskräften wurden damals analysiert, um mögliche Ersparnisse zu evaluieren. Das Problem: Seither sind die Löhne in Krakau deutlich gestiegen, während sich die Arbeitslosigkeit reduziert hat. Mittlerweile haben auch andere Konzerne ihre Präsenz in Krakau hochgefahren.

Der Kampf um Fachleute ist in Polen also voll entbrannt. Will man qualifizierte Arbeitnehmer rekrutieren, muss man sie abwerben – und das geht meist nur mit höheren Salären. „Wirklich Sinn ergeben die Verlagerungen aus finanzieller Sicht heute eigentlich nicht mehr“, so der Informant. Dennoch sind die Verantwortlichen daran, das genaue Offshoring-Potenzial aus der Schweiz zu evaluieren.

Nebst den neuen rechtlichen Einheiten und den personellen Planspielen dreht die Vermögensverwaltung aber auch in der Informatik am ganz grossen Rad. Bei der One Wealth Management Platform handelt es sich um eine der grössten Konzerninitiativen überhaupt. Das ehrgeizige Ziel für die Vermögensbank ist eine einheitliche Informatikoberfläche zu schaffen, die kostspielige Doppelspurigkeiten eliminieren soll. Nach einem Testlauf in Deutschland steht die Lancierung in Asien-Pazifik bevor. Danach soll auch das Europageschäft auf die Unified Plattform migrieren.

Smarter Löwenbändiger

Mario Greco Am Tag der Arbeit tritt Mario Greco seinen Chefposten bei Zurich an. Der Zeitpunkt könnte passender nicht sein. Am Mythenquai wartet auf den Neapolitaner nämlich ein grosser Stapel Schadensmeldungen: Angefangen beim Grosskundengeschäft, das durch lasches Underwriting in die Miesen rutschte, über verpuffte Effizienzrunden („Dragonfly“) bis hin zu verkorksten Kaufavancen (RSA), die Grecos Vorgänger Martin Senn schliesslich den Kopf kosteten.

Was in dieser Ballung bedrohlich wirkt, dürfte für einen Turnaround-Manager vom Schlage Grecos zu bewältigen sein. Der Sohn aus gutem Hause – sein Vater war Bankdirektor – hat schliesslich in Triest bereits erfolgreich einen Versicherungslöwen gebändigt. Die Generali – mit dem Raubtier im Wappen – war bei Grecos Amtsantritt ein unstrukturierter Laden mit feudalistischen Strukturen und dünner Kapitaldecke. Doch der smarte Ex-McKinsey-Mann köpfte die Hofschranzen, holte interna tionale Manager an Bord und legte eine straffe Ma trix-Organisation über den drittgrössten Versicherer Europas. Statt auf Pomp und Popanz setzte er auf (Kosten-) Disziplin, Einfachheit und Fokussierung – unter anderem, indem er die Tessiner BSI devestierte. Der Turnaround ist geglückt, Generalis Wert hat sich in Grecos Zeit praktisch verdreifacht. Ein Leistungsausweis, der ihn nun auch für den Chefposten bei seinem früheren Arbeitgeber empfahl.