UPC – Auffällige Bewegungen

UPC Die Anleihen der Telekom-Firma bewegten sich bereits, bevor die Übernahme durch Sunrise publik wurde. Waren Insider am Werk?

Die Indiskretion machte an einem Freitagabend nach Börsenschluss die Runde. «Sunrise in talks to buy Liberty’s Swiss cable arm» titelte die «Financial Times» auf ihrer Website am 1. Februar und machte damit jene Übernahmegespräche publik, die bereits seit Wochen im Geheimen liefen. Es geht um den Übernahmeversuch von UPC Switzerland, die zur amerikanischen Liberty Global gehört, durch Sunrise.

Die Ankündigung einer möglichen Elefantenhochzeit im Schweizer Telekom-Markt führte an den darauffolgenden Handelstagen zu Kursverlusten bei den Sunrise-Aktien. Schliesslich wäre die UPC-Transaktion mit einer massiven Kapitalerhöhung verbunden. Umgekehrt zogen die in Irland kotierten Schulden der UPC an, welche Sunrise im Rahmen der Transaktion übernehmen würde. Der Kursanstieg reflektiert die Aussicht auf einen besseren Schuldner. Denn der Schweizer Telekom-Konzern weist gegenüber der UPC-Mutter Liberty Global einen deutlich tieferen Nettoverschuldungsgrad auf.

Jahreszahlen erst im Februar

So weit, so nachvollziehbar. Nur: Einzelne Obligationen der Kabelnetzbetreiberin UPC reagierten schon rund einen Monat, bevor die «Financial Times» die Verhandlungen zwischen Sunrise und Liberty Global erstmals öffentlich machte. Beispielsweise stieg der Kurs einer besicherten Anleihe der UPC Holding von 600 Millionen Euro ab dem ersten Handelstag im Januar an. Und zwar ohne dass eine entsprechende Nachrichtenlage den Anstieg hätte plausibilisieren können. Das Mutterhaus Liberty Global rapportierte seine Jahreszahlen erst im Februar.

Die Bewegungen seien ihm auch aufgefallen und man sei entsprechend aktiv geworden, sagt Christoph Vilanek, CEO von Freenet, grösster Einzelaktionär von Sunrise und ein entschiedener Gegner der geplanten UPC-Transaktion: «Wir haben bei der europäischen Marktaufsichtsbehörde eine Prüfung angeregt.» Auch beim Stimmrechtsvertreter Ethos sei Freenet vorstellig geworden.

Die UPC-Obligationen sind an der irischen Börse kotiert. Als Aufsicht gegen Marktmissbrauch fungiert die dortige Zentralbank. Angesprochen auf die Kursbewegungen in den UPC-Bonds geben sich die Regulatoren auf der Insel zugeknöpft. Man äussere sich nicht zu spezifischen Aktivitäten, ob sie nun ausgeübt würden oder auch nicht. Gemäss einem anderen aktivistischen Sunrise-Investor sollen sich die Aufseher in der Schweiz und den Niederlanden den Insiderverdacht anschauen.

Anleihen UPC – Wohltätige Zweckgesellschaft

Die direkt betroffene UPC beziehungsweise ihre US-Mutter wollen sich zu den auffälligen Kursbewegungen nicht äussern: Man kommentiere den «öffentlichen Handel in eigenen Schuldtiteln» nicht. Die potenzielle Käuferin Sunrise betont auf Anfrage, dass der Kurswert der Obligationen keinen Einfluss auf die Schuldenübernahme habe. Man übernehme den Nominalwert sowie die dazugehörigen Coupons oder Zinszahlungen.

Mit anderen Worten: Ob mögliche Insider im Vorfeld der Ankündigung, Kasse gemacht haben, hat keinen Einfluss auf die Konditionen der Transaktion. Ansonsten nimmt der Telekomkonzern keine Stellung zum Trading-Verhalten der UPC-Obligationen, hält aber fest, «dass der Aktienkurs von Sunrise durch Spekulationen um diese Transaktion beeinflusst war».

Auffällig ist, dass nur ausgewählte Bonds des Kabelnetzbetreibers vorab reagiert haben. Es sind dies jene Obligationen, die über zwei Offshore-Gesellschaften auf den Cayman Islands emittiert wurden. Dabei handelt sich um Zweckgesellschaften, die gemäss Emissionsprospekt zu 100 Prozent einer «Wohltätigkeitsstiftung» gehören. Verwaltet werden sie von einem karibischen Treuhänder namens Maples FS Limited. Der einzige Zweck der Cayman-Islands-Gesellschaften besteht in der Ausgabe von Anleihen an Anleiheinvestoren und der Weitergabe der Finanzmittel an die UPC als ein Darlehensgeber. Käme die UPC-Transaktion zustande, würde Sunrise die beiden Zweckgesellschaften auf den Cayman Islands bestehen lassen.

Weko lädt zum Hearing nach Bern

Die Elefantenhochzeit im Schweizer Telekom-Markt ist allerdings erst im Status einer Anbahnung: Nebst dem lautstarken Widerstand des grössten Sunrise-Einzelaktionärs Freenet und anderer Grossaktionäre, steht auch das Placet durch die Wettbewerbshüter aus. Seit Juni prüft die Wettbewerbskommission den Zusammenschluss von Sunrise und UPC vertieft. Zuvor hatte die Weko einen umfangreichen Fragebogen an den Telekommunikationsmitbewerber geschickt.

Die vertiefte Prüfung muss bis spätestens Anfang Oktober abgeschlossen sein. Vor kurzem fanden in Bern nicht öffentliche Hearings zur geplanten UPC-Übernahme statt. Dabei befragten die Weko-Vertreter in Anwesenheit von Sunrise und Liberty Global verschiedene Stakeholder, vom Bundesamt bis zum kleinen Festnetz-Konkurrenten. Gemäss Teilnehmenden ist damit zu rechnen, dass die Weko den Deal nur unter Auflagen genehmigen wird.

Nach dem Entscheid der Wettbewerbskommission hat Sunrise dreissig Tage Zeit, eine ausserordentliche Generalversammlung einzuberufen. Bereits hat die Luxemburger Fondsgesellschaft Axxion den Antrag eingereicht, Präsident Peter Kurer und VR-Mitglied Jesper Ovesen an der ausserordentlichen GV abwählen zu lassen. Axxion hält weniger als 3 Prozent an der Schweizer Telekom-Gesellschaft.

Volkswagen & Co – Fahrt ins Blaue

Automobilindustrie In wenigen Tagen beginnt in Frankfurt die Internationale Automobilausstellung. Für Europas Fahrzeugbauer wie Volkswagen gilt die IAA weiterhin als wichtige Leistungsschau, wenngleich die Digitalisierung dem Messewesen zusetzt. In diesem Jahr steht die grösste Autoshow auf dem alten Kontinent unter einem besonderen Stern: Der Fokus liegt diesmal nicht auf Pferdestärken, sondern auf Kilowattstunden. So markiert die IAA den Auftakt zur Elektroauto-Offensive der deutschen Fabrikate, deren Batteriefahrzeuge ab nächstem Jahr massenweise zu den Händlern surren sollen.

Der stete Verweis auf den Erfolg von Tesla hinkt gewaltig

Von Elon Musks Stromstössen mit seinen Tesla-Sportwagen gepiesackt, holen Daimler, BMW und der Volkswagen-Konzern mit einer Reihe neuer E-Modelle zum elektrischen Gegenschlag aus. Insbesondere VW hat nach dem Dieselbetrug das Lenkrad herumgerissen. Abermilliarden wurden in die Elektrifizierung der Fahrzeugflotte investiert. Das erste zählbare Resultat der Wolfsburger gibt es in den Frankfurter Messehallen zu bestaunen: Den VW ID.3. Das Kompaktfahrzeug im Golf-Format soll zu Mittelklassepreisen zum Käfer des Elektrozeitalters avancieren. Zumindest sehen dies die kühnen Pläne der VW-Manager so vor. Doch ob der ID.3 das Zeug zum «Volkswagen» hat, ist alles andere als gewiss. Dabei hinkt der Verweis auf den Überraschungserfolg von Tesla gewaltig. Denn der Unterschied zwischen einem Elektroflitzer für Gutbetuchte und einem batteriebetriebenen Massenfahrzeug ist etwa so gross wie der zwischen einer Millionärsjacht und einem Kreuzfahrtschiff. Insofern dürfte die Resonanz auf den ID.3 zum ersten Plebiszit über die Elektromobilität werden.

Es ist kein Zufall, dass Autokäufer bislang auf hybride Fahrzeuge setzen

Noch sind einige Schlaglöcher auf dem Weg in die verbrennerfreie Zukunft zu meistern. Stichwort Preis: Batteriebetriebene Autos sind im Vergleich zu fossil betriebenen Fahrzeugen deutlich teurer. Und daran wird sich angesichts der bescheidenen Stückzahlen und der kostspieligen, weil ressourcenintensiven Zellproduktion so schnell nichts ändern.

Stichwort Infrastruktur: Zwar legen Herr und Frau Schweizer motorisiert bloss etwa 25 Kilometer pro Tag zurück, was jedes heutige Batterieauto locker schafft. Aber die Reichweitenangst mangels ausreichender und vor allem standardisierter Elektroladeinfrastruktur sitzt nach wie vor tief. Insbesondere, wenn man es sich vom Diesel her gewohnt ist, mit einer Tankfüllung 1000 Kilometer und mehr zurückzulegen. Es erstaunt deshalb nicht, dass sich hiesige Autokäufer bislang vor allem für hybride Fahrzeuge entschieden haben. Zwei Antriebe – Batterie und Verbrenner – in einem Auto zu verbauen, vermag bestenfalls als «Brückentechnologie» zu überzeugen.

Zäsur für Volkswagen & Co

Insofern gleicht die beherzte Elektrostrategie von Volkswagen und Co. einer Fahrt ins Blaue: Weder ist klar, ob sich die Batterie durchsetzen wird oder vielleicht doch Alternativen wie die Brennstoffzelle. Gleichzeitig stellen Big Tech wie Google oder Mobilitätsdienstleister wie Uber das Fahrzeugbusiness per se infrage. Die diesjährige IAA könnte somit eine Zäsur für Europas Autobauer markieren. Das muss auch unsere Schweizer Zulieferer kümmern.

Gemeinden – Auf Pump Geld scheffeln

Öffentliche Finanzen Städte und Gemeinden erzielen dank Negativzins Erträge beim Schulden machen. Dies entlastet den Haushalt.

Martin Pöhland hat ein Luxusproblem. Der Finanzbuchhalter von Winterthur schwimmt im Geld. «Für kurzfristige Kredite erhalten wir mittlerweile Geld von den Gläubigern», sagt Pöhland. Der marktübliche Referenzsatz liegt bei –0,75 Prozent und die Eulachstadt weist ein solides AA-Finanz-Rating auf. Damit resultiert ein Risikoaufschlag von etwa 15 Basispunkten. Winterthur «zahlt» also gegenwärtig –0,6 Prozent Zins. Mit anderen Worten: Nimmt die Stadt für ein Jahr einen festen Vorschuss von 80 Millionen Franken auf, erhält sie knapp eine halbe Millionen Franken aufs Konto gutgeschrieben.

Auf Pump Geld scheffeln, damit befindet sich Winterthur in bester Gesellschaft. Die unabhängige Rating-Agentur Fedafin hat 98 Prozent der Schweizer Gemeinden auf ihre Haushaltslage hin geprüft. Von den untersuchten 2226 Kommunen haben knapp 2000 mindestens ein A-Rating. Sie dürften auf ihren kurzfristigen Schulden bis zu einem Jahr Zinsüberschüsse erzielen können. Und auch darüber hinaus.

Gratis-Geldsegen für Gemeinden

Inzwischen sind die Swap-Sätze für mehrjährige Kredite ebenfalls negativ. «Es gibt durchaus finanzstarke Gemeinden, die mehrjährige Festzinsdarlehen aufnehmen können, auf denen sie Zins bekommen, statt zu bezahlen», sagt Christoph Lengwiler von der Hochschule Luzern (HSLU). Er forscht zur Finanzierung von Gemeinden und hat festgestellt: «Kurzfristige Kredite haben im gesamten Finanzierungsmix der Kommunen zugenommen.» So hat sich der Anteil kurzfristiger Schulden in den Gemeinden zwischen 2009 und 2016 nahezu verdoppelt. Allerdings beträgt dieser Kurzfristanteil nur etwa 10 Prozent der Gesamtschuld. Die Zinsänderungsrisiken sind demnach moderat. Dennoch zeigt der deutliche Anstieg, dass sich die Gemeinden in ihrem Laufzeitenmix aufs negative Zinsumfeld einstellen, um auch von kurzfristigen Zuschüssen zu profitieren.

So beispielsweise die Stadt Bern, die praktisch seit der Einführung der Negativzinsen Ende 2014 Zinserträge auf kurzfristigen Vorschüssen schreibt. Momentan stünden bis Anfang 2020 rund 175 Millionen Franken zu Sätzen von –0,64 bis –0,79 Prozent aus. «Die Zinszuschüsse daraus dienen auch der Haushaltsentlastung», sagt Daniel Schaffner. Auf den Gratis-Geldsegen zu verlassen mag sich der Finanzverwalter der Stadt Bern aber nicht: «Nur kurzfristig zu finanzieren, ist für uns aus Risikoüberlegungen kein Thema. Unsere Finanzierungsstrategie schreibt deshalb auch Mindestrestlaufzeiten vor.» Dies garantiere eine gewisse Stabilität bei Zinsänderungen.

Netter Nebeneffekt

Schaffners Aussagen decken sich mit jenen von Daniel Rupli, Leiter Aktien- und Obligationen-Research bei der Credit Suisse. «Klar wäre es attraktiv, gratis Schulden aufzunehmen, und es würde die Erfolgsrechnung entlasten. Aber wir sehen nicht, dass Kantone und Kommunen die aussergewöhnliche Lage strategisch ausnutzen würden, um gezielt Schulden zu machen beziehungsweise Überschüsse dank Negativzinsen zu erzielen.» Vielmehr spricht er von einem «netten Nebeneffekt».

Und ein weiterer Banker fügt an: Die Budgetdisziplin sei intakt und vielerorts wirkten die Schuldenbremsen disziplinierend. «Die öffentliche Hand nimmt nicht einfach fremdes Geld auf Vorrat.» Zumal der Finanzierungsbedarf im jetzigen Ertragsumfeld bescheiden sei, wo die Kantone dank sprudelnden Steuereinnahmen ihre Investitionen aus eigener Kraft stemmen können. So betrug der Selbstfinanzierungsgrad gemäss Fachgruppe für kantonale Finanzfragen im letzten Jahr über alle 26 Kantone gesehen stolze 137 Prozent. Budgetiert waren übrigens 64 Prozent.

Bescheidene Emmissionstätigkeit

Und auch fürs Budget 2019 malen Säckelmeister erneut schwarz: Mit prognostizierten 74,2 Prozent würden die Kantone nicht alle anstehenden Investitionen aus eigenen Steuer- und Gebühreneinnahmen decken können. «Dieses Vorsichtsprinzip der Finanzdirektoren soll wohl vor allem die Begehrlichkeiten der Politik zügeln», meint der Banker. Er macht zudem seit längerem eine «eher bescheidene Emissionstätigkeit» für öffentliche Anleihen aus.

Nicht zuletzt, weil viele Städte und Kantone über die Jahre aus dem Vorsichtsprinzip hohe Cash-Bestände hielten. «In Zeiten von Strafzinsen auf Überschussliquidität werden zunächst die betriebsnotwendigen Mittel reduziert, was den Kreditbedarf zusätzlich vermindert hat.» Doch auch bei einer allfälligen Fremdmittelaufnahme zeigen sich die Säckelmeister von ihrer konservativen Seite. Die öffentliche Hand setzt nämlich vermehrt auf sehr langfristige Finanzierungen. «Wir beobachten am Kapitalmarkt, dass die durchschnittliche Laufzeit in den letzten Jahren stark angestiegen ist», sagt CS-Kreditexperte Rupli. Nicht zuletzt institutionelle Anleger wie Versicherungen würden aufgrund ihrer Bilanzstruktur solche «Langläufer» gerne nachfragen.

Günstiger als Privatplatzierungen

Jüngst hat der Kanton Genf beispielsweise eine vierzigjährige Anleihe zu einem Nullzins-Coupon erfolgreich emittiert. Und auch die Stadt Lausanne muss 35 Jahre lang bloss einen Zins von 0,05 Prozent auf ihren Schulden am Kapitalmarkt entrichten. Andere öffentliche Körperschaften folgen dem Beispiel. «Aufgrund des hohen anstehenden Investitionsvolumens überlegen wir uns, ob wir zu gegebener Zeit auch einen solchen Langläufer platzieren wollen», sagt beispielsweise der Berner Finanzverwalter Schaffner. Auch seien Anleihen günstiger als Privatplatzierungen.

Zusätzlich zum attraktiven Zinsumfeld helfen neue, digitale Finanzierungsplattformen wie Loanboox oder Cosmofunding, den Zinsaufwand für Städte und Gemeinden zu reduzieren. Dies, indem sie kostengünstig den Finanzbedarf der Kommunen mit der Nachfrage institutioneller Anleger abgleichen. Die Plattformen hätten sich positiv bewährt, sagt Martin Pöhland von der Stadt Winterthur: «Wir können transparent einen grösseren Kreis von potenziellen Investoren adressieren. Dank der erhöhten Nachfrage sinkt der Zinsaufwand und zugleich können wir grössere Volumen finanzieren.» Auch die Stadt Bern schreibt alle kurzund langfristigen Finanzierungen zusätzlich zu den herkömmlichen Kanälen über die digitalen Vermittler aus.

Plattformen heizen Wettbewerb für Gemeinden an

Entsprechend florieren die Schuldnerbörsen. Allein über Loanboox wurden in den letzten drei Jahren Kredite im Umfang von 11 Milliarden Franken abgeschlossen. Das durchschnittliche Volumen pro Anfrage betrug 14 Millionen Franken. Auch die Zürcher Bank Vontobel hat mit Cosmofunding im Oktober 2018 eine Vermittlungsplattform lanciert, die bereits 1,1 Milliarden Franken platzieren konnte. «Die Emittenten kommen überwiegend aus den Segmenten Gemeinde, Kantone, Städte», sagt Sprecher Urs Fehr. Die Mehrheit der Deals verfügt über eine Laufzeit von bis zu einem Jahr und wurde zu negativen Zinssätzen abgeschlossen. Zugelassen seien nur institutionelle Investoren, welche mehrheitlich aus dem Bankenund Pensionskassensektor stammen.

Die öffentlichen Schulden sind jedenfalls heiss begehrt. «Es herrscht ein scharfer Wettbewerb zwischen institutionellen Anlegern (Pensionskassen, Versicherungen) und den Banken um die Schulden von Gemeinden, Städten und Kantonen», sagt HSLU-Forscher Lengwiler. Denn die Banken müssen bei der Nationalbank für Liquidität, die einen definierten Freibetrag übersteigt, 0,75 Prozent Negativzinsen bezahlen. Sie geben diese den institutionellen Anlegern weiter, denen für Überschussliquidität Negativzinsen belastet werden, die durchaus bis zu 1,25 Prozent erreichen können. Insofern sei es für Banken wie Institutionelle ein «lohnenswertes Geschäft», so Lengwiler, selbst wenn sie feste Vorschüsse oder Darlehen den öffentlichen Körperschaften zu Negativzinsen vergeben müssten. Der Anlagenotstand bei sicheren Assets beschert den Gemeinden also goldene Zeiten.

Digitalisierung – Wer die Digitalwelt kennt, fürchtet sie

Transformation Eine Umfrage der SNB zeigt: Die Schweizer Banker glauben an die Digitalisierung – bis sie tatsächlich kommt.

Die Nationalbank hat 34 Schweizer Banken, die rund 80 Prozent aller Aktiven halten, befragt. Der Rücklauf (100 Prozent) ist erstmal erfreulich, die Antworten sind es weniger. Denn in den Teppichetagen der Finanzhäuser herrscht Zukunftsangst.

Filetierte Wertschöpfungskette

Das am meisten genannte Basisszenario gilt nämlich einer «fragmentierten Bank». Danach werden die Kunden nicht mehr eine dauerhafte Beziehung mit einer Bank unterhalten, sondern sich von branchenfremden Mitbewerbern gleichermassen bedienen lassen. Knapp die Hälfte der befragten Finanzmanager erwarten dies. Sie befürchten, dass insbesondere Google, Facebook & Konsorten sowie Neobanken à la N26 oder Revolut ihre Wertschöpfungskette filetieren werden.

Nur gut ein Drittel der Bankleiter glaubt an eine «bessere Bank», die dank effizienteren Prozess gestählt aus der Digitalisierung hervorgehen wird. 

«Substantielle Lücke» in der Digitalisierung

Zwar beurteilen die Banker die Digitalisierung in ihrer abstrakten Form ungebrochen als positiv: Bei fast drei Vierteln der Befragten überwiegen die Chancen der Digitalisierung. Die euphorische Haltung könnte aber damit zusammenhängen, dass die eigentliche IT-Welle noch gar nicht über die Geldhäuser gebrochen ist.

Denn auch dies zeigt die Erhebung der SNB anschaulich: In Sachen Digitalisierung sind die Banken bislang vor allem Ankündigungs-Weltmeister. So konstatieren die Währungshüter, dass zwischen dem aktuellen und dem angestrebten Digitalisierungsgrad eine «substantielle Lücke» bestehe.

Bigtech als neue Konkurrenz

Die Umfrageergebnisse lassen vermuten: Digitalisierung wird erst als Bedrohung fürs eigene Geschäft erkannt, wenn man seinen eigenen Geschäftsprozess einigermassen digitalisiert hat.

So zählt der Zahlungsverkehr zu jenen Bereichen, in denen die hiesigen Banken bei der Transformation am weitesten fortgeschritten sind. Gleichzeitig ist der Zahlungsverkehr jener Bereich, wo die Geldinstitute am meisten mit Bigtech und Neobanken als neuer Konkurrenz rechnen. 

Mit anderen Worten: Digitalisierung finden die Banker solange fancy, bis sie tatsächlich eintritt. 
 

Goldman Sachs – Die Goldmänner kommen

Goldman Sachs Die US-Bank will in Europa die Vermögensverwaltung pushen. Die Schweiz spielt eine zentrale Rolle.

Die Kampfansage erfolgte vor laufenden Fernsehkameras. «Wir sehen Opportunitäten, unser Vermögensverwaltungsgeschäft in Europa erheblich auszubauen», sagte Stephen Scherr, Finanzchef von Goldman Sachs, im Sommer auf Bloomberg TV. Man habe in einem grossen und vielfältigen Markt derzeit einen tiefen, einstelligen Anteil. Im gleichen Atemzug wirft der Goldman-CFO die verbale Angelrute für Zukäufe aus. «Wenn es ein Asset gäbe, das unser europäisches Wealth-Management-Geschäft beschleunigen könnte, würden wir uns das sicher anschauen.»

Mit der Digitalisierung diversifizieren

Goldman Sachs, das war gemeinhin eine klassische Investmentbank: weltweit führend bei Fusionen, Übernahmen und Börsengängen. Nicht minder erfolgreich bei Handelsfinanzierungen, institutionellem Anlage- und Privatmarktgeschäft. Doch die «Goldies» diversifizieren massiv, spätestens seit David Solomon im Herbst das Amt des CEO übernommen hat. Solomon, der in seiner Freizeit als DJ auflegt, nutzt den Schwung der Digitalisierung, um sich neue Geschäftsfelder zu erschliessen, sei es bei der Vergabe von Retail-Hypotheken oder mit Online-Kleinsparern (siehe Box). Aber auch in der klassischen Vermögensverwaltung versucht die US-Grossbank, ihre Einkünfte zu verbreitern. Denn Wealth-Management verspricht relativ stabile Gebührenerträge bei geringem Kapitaleinsatz. Im Heimmarkt hat Goldman deswegen vor wenigen Monaten für 750 Millionen Dollar den Finanzberater United Capital geschluckt. Nebst den Schwervermögenden sollen über den Investmentmanager künftig auch «gewöhnliche» Multimillionäre von Goldman bedient werden.

Ganz anders schaut die Strategie auf dem alten Kontinent aus: Dort will Goldman Sachs verstärkt mit den Ultra High Net Worth Individuals (UHNWI) ins Geschäft kommen, jenen Superreichen also, die mindestens 30 Millionen Dollar an investierbaren Vermögen haben.

Karriere als Derivate-Händler

Dabei gibt es im europäischen Wealth-Management-Markt viel Luft nach oben. Von den 7 Billionen Dollar an investierbaren Vermögen, welche Schwerreiche in Europa, dem Mittleren Osten und Afrika (EMEA) auf sich vereinen, verwaltete Goldman Sachs gerade mal etwa 70 Milliarden Dollar. Dies entspricht einem Marktanteil von etwa 1 Prozent. Zum Vergleich: Branchenprimus UBS verwaltete im Global-Wealth-Management per Ende 2018 rund 500 Milliarden Dollar in der EMEA-Region und 200 Milliarden in der Schweiz.

Diese Grössenverhältnisse zugunsten von Goldman Sachs zu verschieben – das ist die neue Aufgabe von Stefan Bollinger, der seit Frühjahr das Private-Wealth-Management für die EMEA-Region leitet. Bollinger, der im Londoner Trendquartier Notting Hill lebt, stammt ursprünglich aus Winterthur. Er startete seine Karriere als Derivate-Händler bei der ZKB und arbeitet seit 15 Jahren für Goldman Sachs. 2010 wurde er zum Partner ernannt.

Bollingers Devise: «Wir wollen unser Schweizer Vermögensgeschäft auf das nächste Level bringen.» Man habe die Ambition, hierzulande «über dem Markt» zu wachsen. Schliesslich ist die Schweiz der wichtigste globale Offshore-Vermögenshub und damit auch für Goldman Sachs in Europa zentral.

Goldman Sachs mit Privatmärkte-Anlage

Finanzmanager Bollinger will denn auch an beiden Standorten, Zürich und Genf, zulegen. In der Romandie soll die Zahl der «Goldie»-Banker in den nächsten drei Jahren von heute 5 auf bis zu 25 anwachsen. In Zürich, wo die US-Bank seit 1974 einen Ableger unterhält, arbeiten derzeit um die hundert Finanzleute. Auch hier ist hinter vorgehaltener Hand von einem «substanziellen Ausbau» die Rede, wobei die Vermögensverwaltung das personalintensivste Geschäft darstellt.

Zu verantworten hat dieses Dominique Wohnlich, der ab nächstem Monat das Wealth-Management für Goldman Sachs in der Schweiz leitet. Wohnlich, der bestens vernetzt ist in der UHNWI-Klientel, war zuvor Zürich-Chef bei Lombard Odier und brachte die Genfer in der Limmatstadt zurück auf die Landkarte. Nun gelten die Schwerreichen, weder in Genf noch in Zürich, als «underbanked».

Von der lokalen Konkurrenz unterscheiden

Doch Goldman-Partner Bollinger hat klare Vorstellungen, wie er sich von der lokalen Konkurrenz unterscheiden möchte: Zu den Dienstleistungen, die vermögende Kunden nachfragen würden, gehöre neben klassischer Vermögensverwaltung eben auch Investment-Banking. «Wir geben unseren Kunden beispielsweise Zugang zu Private-Markets-Anlagen, wo sie zusammen mit Goldman Sachs investieren können.» Genau da unterscheidet man sich oft gegenüber anderen Privatbanken.

Der erfahrene Banker weiss auch, dass über organisches Wachstum in gesättigten Märkten die Bäume nicht in den Himmel wachsen. Man setze sich keinem Akquise-Druck aus, sondern wolle mit Bedacht wachsen, betont Bollinger. Aber: «Natürlich schauen wir uns in Europa und auch in der Schweiz Übernahmeziele an – das gehört zu jeder seriösen Wachstumsstrategie. Das können Assets, Teams oder Banken sein.» Da seien auch Opportunitäten darunter, die noch gar nicht auf dem Markt sind. Man darf also gespannt sein, wen sich Goldman Sachs einverleibt.

Goldman Sachs – Von der Wall-Street- zur Main-Street-Bank

Online Die klassische Investmentbank Goldman Sachs drängt über digitale Kanäle ins Geschäft mit Retail- und Kleinkunden: mit der Online-Plattform Marcus – benannt nach dem Firmengründer –, die seit 2016 in den USA relativ hoch verzinste Sparkonten und Kleinkredite anbietet. Das digitale Angebot gibt es mittlerweile auch in Grossbritannien, wo innert acht Monaten über 250 000 Kunden rund 8 Milliarden Pfund an Sparguthaben einlegten. Weitere Länder sollen folgen, darunter auch Deutschland, wo der Start kürzlich verschoben wurde.

Hypotheken Seit 2015 bietet Goldman Sachs in den Niederlanden Retail-Hypotheken an. Damit tritt die US-Bank in Konkurrenz zu den lokalen Mitbewerbern. Die Hypothekendarlehen würden an zahlungskräftige Kunden vergeben, betont die Bank. Dementsprechend zahlen nach vier Jahren über 99,9 Prozent der gut 3000 Kreditnehmer ihre Raten pünktlich. Es sei nicht ausgeschlossen, dass man künftig in anderen europäischen Ländern vergleichbare Programme auflege, so eine Goldman-Sachs-Sprecherin. Die Schweiz war auch schon im Gespräch.

Wenn Google den Gastroführer ersetzt

Reisen Digital Es schallt von jedem Diskussionspanel, es flimmert auf jedem Schirm, Studien dazu füllen ganze Datenbanken: Die Digitalisierung krempelt unser Leben derzeit gehörig um. Aber so richtig bewusst nimmt man den fundamentalen Wandel sämtlicher Lebensbereiche im hektischen Alltag kaum einmal wahr.

Im Urlaub am Strand liegend aber schlägt die Stunde der Kontemplation: Und ja, selbst die Ferien sind heutzutage komplett durchdigitalisiert. Kein Vergleich zum persönlichen Nutzerverhalten von vor nur zehn Jahren.

Bei unseren kulinarischen Streifzügen leitete uns diesmal die «Crowd»

Damals verbrachten wir die Sommerferien in Rumänien: Ein Aktivurlaub in den Karpaten und Siebenbürgen. Zur Vorbereitung kaufte ich mir einen Reiseführer biblischen Ausmasses in der Buchhandlung meines Vertrauens. Schliesslich gingen wir ins lokale Reisebüro, liessen uns nach persönlicher Massgabe eine entsprechende Tour zusammenstellen inklusive Flug und Mietwagen.

Da mitten in der Hochsaison, war auch das Vorausbuchen der meisten Unterkünfte angezeigt. Die beschränkte Auswahl gab der bunt bebilderte Reisekatalog vor. Und kurz vorm Abflug liess ich mir dann noch bei meiner Hausbank ein grosses Bündel rumänischer Lei am Schalter aushändigen. Los ging der Trip in den Wilden Osten, den wir damals noch im automobilen Tandem erkundeten: Der eine steuerte den rumpligen Kleinwagen, die andere versuchte mittels Strassenkarte die Route zu antizipieren. Navigation auf Sichtweite mit prekärem Informationsgehalt. Das sind Tempi passati.

Diesen Sommer stand Südfrankreich auf dem Familienferien-Programm und bereits die Vorbereitung wurde befeuert durch Tech und Fintech. Statt Bankschalter, Buchhandlung und Reisebüro zu frequentieren, griff ich zu heimischem Laptop und Smartphone. Vom Sofa aus buchte ich die Unterkünfte entlang der Reiseroute auf Airbnb und Booking.

Und statt Bargeld zu horten, munitionierte ich per E-Banking-Überweisung mein Revolut-Konto in Euro auf, sodass ich spesen- und kommissionsfrei die Grande Nation mittels Plastikgeld bereisen konnte. Und selbst den Reiseführer meines Vertrauens lud ich mir diesmal als E-Paper-Ausgabe aufs Smartphone. Wischen statt Blättern inklusive.

Die digitalen Reisehelfer sind vor allem eines: verdammt praktisch

Überhaupt erwies sich das Handy als wohl wichtigstes Reiseaccessoire nebst Badehose und Sonnencreme. Denn was früher Bauchgefühl, Reiseführer und Strassenkarte waren, erledigt heute Google Maps samt Echtzeit-Staumelder.

Und nicht nur das: Bei unseren kulinarischen Streifzügen à la française leiteten uns diesmal nicht der schiere Hunger oder der Augenschein vor Ort. Nein, wir gaben uns ganz der Weisheit der «Crowd» hin. Die Messlatte lautet: Je mehr positive Bewertungen, desto besser. Und auch dies klappte hervorragend: Mountain View schlug Michelin sozusagen.

Die Beispiele mögen anekdotischer Natur sein, aber sie zeigen, wie stark sich in wenigen Jahren die User Experience gewandelt hat. Ob die Entwicklung nun gut oder schlecht ist, sei den Kulturpessimisten und Bedenkenträgern überlassen. Aus Sicht eines einfachen Ferienreisenden sind die digitalen Reisehelfer vor allem eines: verdammt praktisch.

Bank Cler – Zak und weg

Basler Kantonalbank Präsident Adrian Bult macht die Tochterfirma Cler zur reinen Vertriebsbank. Nun tritt die Geschäftsleitung um Sandra Lienhart geschlossen ab.

Es ist ein einmaliger Vorgang in der jüngeren Swiss-Banking-Geschichte, dass eine Geschäftsleitung in corpore das Handtuch wirft. So geschehen jüngst bei der Bank Cler, einer 100-Prozent-Tochter der Basler Kantonalbank BKB. Auf einen Schlag geben Cler-Chefin Sandra Lienhart, Finanz- und Risikochef René Saluz sowie Vertriebsleiter Peter Schnellmann ihre Kaderposten «auf eigenen Wunsch» per Mitte September ab, wie es in einer Mitteilung der Bank heisst.

Den Exodus der lang gedienten Cler-Manager provozierte der Mann an der Spitze des staatlichen Mutterhauses: Adrian Bult, seit Frühjahr 2017 Präsident des BKB-Bankrates. Der branchenfremde Bult gilt als treibende Kraft am Rheinknie, nachdem BKB-CEO Guy Lachappelle im letzten Jahr überraschend als Präsident zur Raiffeisen-Gruppe nach St. Gallen wechselte. Seither drücken der «professionelle Verwaltungsrat» Bult und seine Bankratsmitstreiter wie Domenico Scala (Ex-Fifa und Nobel Biocare) der Staatsbank ihren Stempel auf, samt umstrittenen Personalentscheiden. Bult will sich zum Cler-Exodus nicht äussern und verweist an die Pressestelle der Banktochter.

Massive Investitionen in die Digitalisierung

Erst vor gut zwei Jahren trat Sandra Lienhart als Cler-Chefin an. Die sportbegeisterte Winterthurerin amtete zuvor als langjährige Vertriebsleiterin der Bank Coop, die ihr Vorgänger Hanspeter Ackermann – ein ehemaliger Grossbanker – in opulenter Weise zu Cler umfirmieren lässt. Die Basler stecken in das nationale Rebranding eine zweistellige Millionensumme. Schliesslich will die Kantonalbank mit ihrer Tochter Cler aus dem Nordwestschweizer Gebietskorsett ausbrechen. Nicht zuletzt, um die massiven Investitionen in die Digitalisierung des Bankgeschäfts besser skalieren und damit rentabilisieren zu können.

Als schweizweiter Türöffner soll dabei eine App-Eigenentwicklung namens Zak dienen. Mit der modularen Vollsortimentsanwendung wollen sich die Nordwestschweizer zum nationalen Neobanken-Player aufschwingen. Zak wird im Frühjahr 2018 lanciert und zählt rund 18 000 User, davon 90 Prozent Neukunden. «Wir sind mit der Entwicklung zufrieden», sagt eine Cler-Sprecherin.

Der damalige BKB-Chef Lachappelle gab zur Lancierung allerdings eine ungleich ambitioniertere Order aus: Bis 2021 seien zusätzliche 200 000 Kunden «über alle digitalen Kanäle» (inklusive Zak) zu holen. Im Gegenzug zum sportlichen Ziel gewährte Lachappelle der Cler-Chefin Lienhard viele Freiheiten. «Die BKB lässt uns eigenständig arbeiten. Sie ist in Basel und wir sind national tätig», sagte sie in einem Interview mit «Finanz und Wirtschaft» nach dem Amtsantritt. Im selben Gespräch erteilt Lienhard auch einer Dekotierung der Bank Cler eine Abfuhr, obwohl die Kantonalbank schon damals über drei Viertel der Cler-Aktien hielt («Das ist im Moment kein Thema»).

Powerplay nach Lachappelle-Exit

Beide Aussagen Lienhards sollten sich als Fehlannahmen erweisen. So nehmen die Basler 2018 Cler von der Börse und die Banktochter stärker zur Brust. Ab Sommer geht es Schlag auf Schlag: Während BKB-Chef Guy Lachappelle mit Headhunter Guido Schilling zarte Bande fürs Raiffeisen-Präsidium knüpft, beschliesst der Bankrat um Präsident Bult, die Publikumsaktionäre von Cler auszukaufen. Als schliesslich im Frühherbst klar ist, dass Lachappelle seine Karriere in St. Gallen fortsetzen wird, setzt BKB-Präsident Bult zum Powerplay an. Er lässt die interimistisch ernannte BKB-CEO Simone Westerfeld zappeln. Die fachlich weitherum geschätzte Westerfeld, die unter Lachappelle bereits als Vize amtete, heuert schliesslich entnervt bei der UBS im Grosskundengeschäft an. Als neuen CEO wählt der Bankrat Ende Februar schliesslich Basil Heeb. Einen ehemaligen Wegelin/Notenstein-Privatbanker ohne Bezug zum Retailgeschäft und ohne Hausmacht.

Bis zu vierzig Jobs betroffen bei Bank Cler

Doch nicht nur im Mutterhaus an der Basler Schifflände setzt Präsident Bult, ein ehemaliger Swisscom-Manager, neue Akzente. Nach der Dekotierung, die im Frühjahr abgeschlossen ist, erfolgt der Durchgriff auf die Tochter Cler: Mit Lienhards Freiheiten ist es vorüber. Finanzen, Rechtsabteilung, Compliance, Human Resource, Asset Management, Informatik – sozusagen die inneren Organe der Bank – werden in die Mutter transplantiert. Cler bleibt Vertrieb, Marketing, das Kreditgeschäft und die Unternehmensentwicklung. Der Umbau in der Gruppe betrifft 150 Mitarbeitende. Bis zu vierzig Jobs könnten wegfallen.

Auch Lienhart und die Cler-Spitze drohten zum Strukturopfer zu werden: Aus dem Job als Vollbanken-CEO wäre eine Stelle als Vertriebschefin erwachsen. Lienhart und Co. zogen die Reissleine. Nun wird Mariateresa Vacalli neue Chefin dieser Rumpf-Cler. Wie BKB-Präsident Bult ist sie eine Ex-Managerin aus der Telekommunikation (Sunrise, UPC).

Lombard Odier – Topbankerin tritt ab

Sesselwechsel Die Genfer Privatbank Lombard Odier verliert mit Carolina Minio-Paluello eine wichtige Führungskraft im Asset Management.

Die Genfer Privatbank Lombard Odier (LO) erlebt turbulente Zeiten. Erst vor wenigen Wochen haben die sieben Teilhaber den Nachfolger von Senior Managing Partner Patrick Odier bestimmt, der im nächsten Jahr das Pensionsalter erreicht. Doch statt Odiers Nachfolger Hubert Keller sofort zum Primus inter Pares zu machen, wird Odier erst Ende 2022 das Zepter übergeben. Zu umstritten ist Keller bankintern, als dass die Partner dem Ex-Investment-Banker unverzüglich die Geschicke der ältesten Genfer Privatbank in die Hände legen möchten.

Aus London heraus geleitet

Kellers Ernennung wirft im Topmanagement indes bereits Schatten voraus. Wie Recherchen zeigen, hat LO-Spitzenfrau Carolina Minio-Paluello per Ende Juli die Vermögensbank verlassen. Sie war sechs Jahre für die Genfer tätig. Der Abgang der ehemaligen Goldman-Sachs-Frau stellt für Lombard Odier Investment Managers (LOIM) – das institutionelle Anlagegeschäft der Bank – einen Paukenschlag dar. Galt Minio-Paluello doch als «Schatten-CEO» bei LOIM, das der designierte Senior Managing Partner Hubert Keller seit einigen Jahren aus London heraus leitet.

Steine aus dem Weg räumen

Offiziell trug die Italo-Bankerin, die in Brüssel und London studierte, den Titel Global Head of Sales and Solutions und war zuständig für den Verkauf und Vertrieb der Finanzprodukte. Allerdings war Minio-Paluello, die ein Multimillionen-Salär erhielt, mehr als das: Sie galt lange Zeit als enge Vertraute und rechte Hand von Hubert Keller, die sich um praktisch alle operationellen Belange des Asset-Management-Arms zu kümmern hatte. «Carolina räumte Keller die Steine aus dem Weg und entwickelte das Geschäft weiter», sagt ein Weggefährte.

Minio-Paluello engagierte sich beispielsweise stark im Bereich nachhaltige Anlagen, der als strategischer Eckpfeiler der Genfer Bank gilt. Im Netz finden sich zahlreiche Interviews und Auftritte, bei denen Minio-Paluello die «sustainability revolution» proklamiert und Lombard Odier als grünen Leader positioniert: Nachhaltiges Investieren sei eine Realität, die niemand mehr ignorieren könne, liess Minio-Paluello die «Finanz und Wirtschaft» kürzlich wissen.

Die Spitzenbankerin, die zuvor über zehn Jahre für Goldman Sachs gearbeitet hatte, war es auch, die für LOIM die passiven ETF-Produkte massgeblich mitaufbaute und das Asien-Geschäft weiterentwickelte. Zusammen mit dem damaligen Head of Asia, Vincent Duhamel.

Job wird bei Lombard Odier nicht ersetzt

Die Bank bestätigt den Rücktritt von Carolina Minio-Paluello: «Wir danken Carolina für ihren Beitrag für die Gruppe und wünschen ihr viel Erfolg für die Zukunft», schreibt Lombard Odier.

Offenbar nimmt Minio-Paluello eine neue Herausforderung bei einem anderen Finanzdienstleister an. Sie soll dort die Quant-Strategien leiten. Der Rücktritt stehe nicht in Zusammenhang mit Kellers Ernennung als Senior Managing Partner, heisst es aus dem Umfeld der Bank.

Die Funktion als Global Head of Sales and Solutions wird es bei Lombard Odier Investment Managers so nicht mehr geben. «Frau Minio-Paluello wird nicht ersetzt. Der Vertrieb wird weiterhin von Jonathan Clenshaw als Leiter Institutional Sales und Martin Thommen als Leiter Third Party Distribution geführt», schreibt die Bank.

Ruag Aviation – Die lange Leine der Armasuisse

Ruag Aviation Steuergelder werden auch in der Schweiz verschleudert. Jüngstes Beispiel: Der bundeseigene Rüstungskonzern Ruag hat zwischen 2013 und 2017 bis zu 72 Millionen Franken zu viel für Armeeaufträge verrechnet. Zu diesem Schluss kam jüngst die Finanzkontrolle.

Die Schlaumeier von Ruag packten in ihre Pauschalrechnung an die Armee Kosten, die eigentlich im zivilen Geschäft anfielen, wie das Marketing für internationale Airshows oder den Projektaufwand für den Pannenflieger Dornier 228. Damit konnte der Rüstungskonzern die Rechnung ans VBS aufblähen, um so die Gewinnmarge auf die vereinbarten 8 Prozent zu drücken. Dies, obwohl sie gemäss Finanzkontrolle bei bis zu 14,6 Prozent lag.

Vertraglich nirgends definiert

Der eigentliche Skandal liegt aber nicht in der Quersubventionierung des zivilen Geschäfts durch Ruag. Die Manager folgten schlicht ihrer betriebswirtschaftlichen Eigenlogik. Viel gravierender ist, dass diese Praktiken «vertragskonform» waren, wie die Finanzkontrolle festhält. Denn die Auftraggeberin, die Armasuisse um Rüstungschef Martin Sonderegger und Vorgänger Ulrich Appenzeller, stellten Ruag einen Blankocheck aus. So ist nirgends vertraglich definiert, wie die vereinbarte Marge von 8 Prozent zu berechnen sei.

VBS-Chefin Viola Amherd täte gut daran, die Spitzenbeamten bei Armasuisse dafür zur Verantwortung zu ziehen.

Novartis – Tatort Maulbeerstrasse

Industriespionage Ein chinesischer Forscher soll bei Novartis in Basel Geschäftsgeheimnisse gestohlen haben. Der Pharmariese blieb untätig. Die Hintergründe.

Freitag, 31. Oktober 2014. Ein Kurier des Logistikers Fedex fährt beim Friedrich Miescher Institute (FMI) in Basel vor. Sein Auftrag: ein Paket abholen. Die Destination lautet Nanjing.

Der Absender: ein chinesischer Forscher, der am FMI arbeitet. Ein Institut für molekularbiologische Grundlagenforschung, das zu Novartis gehört.

Der Empfänger: eine chinesische Biotech-Firma namens Renopharma. Die Firma wurde von der Schwester des Absenders mitgegründet, die in den USA forscht; sie gilt als Schlüsselfigur im Industriespionage-Fall beim britischen Pharmakonzern GSK. Der Schaden soll dort 550 Millionen Dollar betragen. Mitfinanziert wurde Renopharma vom chinesischen Staat, der das vielversprechende Startup aus Nanjing 2014 und 2015 mehrmals mit Beträgen von mehreren zehntausend bis hin zu einer Million Yuan ausstaffierte.

«Gerade angefangen, noch nicht fertig. Es dauert ein paar Tage, die Konzentration muss noch optimiert werden», hatte der Absender Tian Wang (Name von der Redaktion geändert) ein paar Tage zuvor an seine Schwester in den USA geschrieben.

Doch nun war das Päckchen mit den Krebs-Antikörpern, die er – entgegen den Regeln des Novartis-Instituts – für Renopharma getestet hatte, bereit für den Versand nach China.

Dokumentiert ist der Fall in einer Anklageschrift der Staatsanwaltschaft des Eastern District of Pennsylvania. Die amerikanischen Strafverfolger sehen in Wang einen Mitverschwörer im Industriespionage-Fall GSK und fordern nun von der Schweiz dessen Auslieferung.

Damit wird erstmals öffentlich, wie ein chinesischer Wissenschafter in der Schweiz mutmasslich Geschäftsgeheimnisse an ein Unternehmen in seiner Heimat verriet. Und wie ein Konzern wie Novartis mit dem Verweis darauf, die Verluste seien «vernachlässigbar», auf eine strafrechtliche Verfolgung eines mutmasslichen Wissenschaftsspions verzichtete. Tian Wang – ein Fall um Brain, Biotech und Big Business im Dreieck Schweiz–China–USA.

Ein vielversprechender Start

Dabei sah zunächst alles nach einer erfolgreichen Wissenschaftskarriere aus, wie sie für das aufstrebende China der beiden letzten Jahrzehnte des 20. Jahrhunderts typisch war: Tian Wang, 1969 in Peking geboren, studierte von 1988 bis 1992 Biochemie und Molekularbiologie an der Universität von Zhengzhou, einer Stadt in der zentralchinesischen Provinz Henan. 1995 machte er an der Chinese Academy of Medical Sciences (CAMS), der einzigen nationalen Hochschule für Medizin in China, seinen Master mit einer Arbeit zum Thema HIV-Impfung.

Der Sprung auf die internationale Bühne gelang ihm 1997. Tian Wang kommt als Unesco-Stipendiat nach Prag, wo er zur Signalübertragung in Proteinen forscht. Seinen Doktor macht er schliesslich 1997 an der mathematisch-naturwissenschaftlichen Fakultät der Universität Zürich, wiederum zum Thema HIV.

Die Wissenschaftsdatenbank Google Scholar verzeichnet 771 Publikationen unter seinem Namen; die am meisten zitierte – eine Arbeit wiederum über die Signalübertragung in Proteinen – wurde 221 Mal aufgenommen. Zahlen, wie sie jeder wissenschaftlichen Karriere gut anstehen.

Ständige Angst vor Entdeckung im Novartis-Labor

Doch dann kommt die Wende. Von 2010 bis 2014 soll der Basler Wissenschafter Geschäftsgeheimnisse an seine bei GSK in den USA tätige Schwester weitergegeben und dafür im Gegenzug vertrauliche GSK-Unterlagen von ihr erhalten haben.

Die amerikanischen Gerichtsunterlagen zeichnen das Bild eines Mannes, der sich sehr wohl bewusst war, dass er den Regeln zuwiderhandelte und alles daransetzte, nicht aufzufliegen. So schrieb er am 9. November 2010, fast vier Jahre vor dem Fedex-Päckli nach China, per E-Mail an seine Schwester; sie forschte damals für GSK in den USA: «Beiliegend drei Files, (…), die dir helfen könnten. Die ersten beiden sind hochgradig vertraulich, du solltest sie NICHT jemandem anderen zeigen.» Weiter heisst es im Mail von Wang: «Wir müssen einen Vorwand oder einen Grund finden, mit ihnen (den Dokumenten) weiterzuarbeiten oder öffentlich über sie zu sprechen, OHNE das Institut oder Labor ZU NENNEN.» Und dann weist er seine Schwester an: «Du tätest besser daran, diese Nachricht an deine persönliche E-Mail-Adresse weiterzuleiten und sie zu löschen.»

Gleichentags forderte Wang sie in einem Mail auf, ihn nicht im Novartis-Institut anzurufen: «Hier gibt es nun einige chinesische Studenten.» Sie könne ihn zu Hause anrufen; er lebte bescheiden in einem Wohnblock in einer Basler Vorortsgemeinde.

«Bitte vertraulich behandeln»

Doch die Angst, entdeckt zu werden, hinderte den chinesischen Postdoc nicht daran, weiterzumachen: Am 7. Dezember 2010 liess er seiner Schwester ein E-Mail mit Informationen über die Rolle und die Mechanismen von MerTK zukommen. MerTK ist ein Molekül, das bei einigen Krebsarten übermässig ausgeprägt ist; mit ihm verbindet die Wissenschaft Hoffnung auf neuartige Krebstherapien. Knapp drei Wochen später doppelte er mit weiteren Informationen zu MerTK nach.

Gut drei Monate später, am 5. März 2011, bekam seine Schwester in den USA erneut ein E-Mail aus Basel. Diesmal ging es um «wissenschaftliche Informationen zu Krebsmedikamenten», wie es in den US-Gerichtsunterlagen heisst.

Nochmals gut einen Monat später setzte sich der heikle innerfamiliäre Wissenstransfer fort: «Heute habe ich noch eindrücklichere Resultate bekommen»; es sei ihm gelungen, Hautkrebszellen zum Absterben zu bringen, schrieb Wang am 11. April 2013 seiner Schwester; inklusive der Aufforderung: «Bitte vertraulich behandeln!»

Und ein gutes Jahr später, nämlich am 10. September 2014, teilte er ihr mit: Der PDL2, also der entsprechende Hemmer für das Molekül MerTK, habe bereits «eine kristalline Struktur»; er frage sich, ob die Interaktion zwischen dem beiden Molekülen auf dem Computer simuliert werden könne.

Wenig später begannen die Vorbereitungen für die Labortests. Wang forderte seine Schwester in den USA auf, ihm je 5 Milliliter PDL1- und PDL2-Antikörper zu schicken. Dies, obwohl sich Wang bei seiner Anstellung Ende 2007 gegenüber dem FMI verpflichtet hatte, «keine Aufträge von Dritten anzunehmen oder ein eigenes Geschäft zu betreiben».

Dazu muss man wissen: Bei PDL1 und PDL2 handelt es sich um Inhibitoren. Sie hebeln die Abwehrreaktionen des Krebses gegen Therapien aus. Die Immunonkologie war in den vergangenen Jahren das heisseste Feld der Krebsforschung.

Spin-Off aus dem Novartis-Labor

Mit dem Versand des Fedex-Päcklis endete Wangs Zeit am FMI. Nicht aber in Basel. Mitte 2015 gründete der Krebsforscher zusammen mit zwei Schweizer FMI-Kollegen eine eigene Biotech-Firma, die er seither auch präsidiert. Gemäss Handelsregister bezweckt sie «die Herstellung, die Verwertung, den Erwerb und den Vertrieb von pharmazeutischen Produkten». Grösster Einzelinvestor bei der Gründung war ein lokaler Logistikunternehmer; er steckte rund 1 Million Franken in die Unternehmung. Der Investor kommentierte die Angelegenheit auf Anfrage nicht; ebenso wenig der Basler Immobilienunternehmer, der als Delegierter des Verwaltungsrates amtet.

Das Unternehmen ist im Basler Technologiepark Stücki angesiedelt und forscht gemäss Eigenbeschrieb an «neuartigen Antikörper-Therapien» im Krebsbereich. Investoren attestieren der von Tian Wang mitgegründeten Firma offenbar Zukunftspotenzial: Der Ausgabebetrag der Aktien stieg von 357.50 Franken bei der Gründung auf 1250 Franken im letzten Jahr, als die Gesellschaft eine ordentliche Kapitalerhöhung beschloss. 2016 konnte das Unternehmen eine Lizenzvereinbarung mit einem an der Nasdaq kotierten Unternehmen abschliessen. Das US-Unternehmen reagierte nicht auf eine Anfrage.

Unterstützung von der Schweiz

Ob es eine Verbindung zwischen den möglicherweise strafbaren Machenschaften Wangs am FMI und der Forschung im Startup gibt, ist offen. Fest steht, dass Wangs Firma von hiesigen Förderprogrammen profitierte. Das Biotech ist im Core-Coaching-Programm von Innosuisse, der Agentur für Innovationsförderung des Bundes. Dabei finanziert Innosuisse einen oder mehrere Businesscoaches, «welche das Startup bei der Gründung und Weiterentwicklung des Unternehmens begleiten und unterstützen», wie eine Innosuisse-Sprecherin erklärt. Zudem kam das Startup 2018 in den Genuss einer Unterstützung von 10 000 Franken von Baselaunch, um seine Pipeline weiterzuentwickeln. Baselaunch ist ein Programm der Wirtschaftsförderung Basel Area, bei dem unter anderem auch Novartis Partner ist.

Friedrich Miescher Institute (FMI) wie Novartis beantworteten keine Fragen zu Tian Wang und seiner mutmasslichen Spionagetätigkeit. Das FMI schreibt nur, man habe mit der Staatsanwaltschaft von Pennsylvania bei den Ermittlungen zusammengearbeitet, «konkret haben wir Fragen zu Tian Wang beantwortet». Weitere Auskünfte seien nicht möglich, da es sich um eine laufende Untersuchung handle. Die Uni Basel, der das FMI ebenfalls angegliedert ist, schreibt, sie habe keine Kenntnis von dem Fall und gehe «nach einer ersten Abklärung» davon aus, dass kein Schaden für sie entstanden sei.

Den Gerichtsunterlagen zufolge stellte sich Novartis auf den Standpunkt, die Weitergabe von Dokumenten sei nicht als «Diebstahl» zu werten. Die Amerikaner sehen den Fall anders. Sollte Wang ausgeliefert werden, droht ihm eine Gefängnisstrafe von bis zu zwanzig Jahren.