High Noon auf Hainan

UBS Die Grossbank ist dick im Geschäft mit der chinesischen HNA Group. Doch das Konglomerat gilt als intransparent und ist hoch verschuldet. Während sich Wall-Street-Banken bei HNA zurückziehen, vertieft die UBS ihre Beziehungen.

Es ist eine Stippvisite mit Symbolcharakter. Anfang August treffen sich Adam Tan, Chef des chinesischen Mega-Konglomerats HNA Group, und UBS-Chef Sergio Ermotti zu einem persönlichen Gespräch in Italien. Es gehe um eine «systematische Vertiefung der strategischen Partnerschaft» mit der Schweizer Grossbank, lässt HNA mehr als einen Monat später über den Kurznachrichten-Dienst Twitter verbreiten.

Das Timing von Tan und Ermottis Treffen hat es in sich. Seit einigen Monaten brauen sich nämlich dunkle Wolken über dem HNA-Imperium mit Sitz auf der chinesischen Insel Hainan zusammen. Die globale Shoppingtour mit so prominenten Akquisitionen wie Gategroup oder einem Anteil an der Hilton-Hotelkette lastet inzwischen schwer auf der Bilanz: Ende 2016 hat HNA 73 Milliarden Dollar an ausstehenden Verbindlichkeiten.

Dieser Schuldenberg macht den Regulator in der Volksrepublik nervös. Er lässt im Sommer die HNA-Gruppe auf Offshore-Kredite durchleuchten. Auch die undurchsichtige Eigentümerschaft sorgt für Misstrauen. Mitte September platzt der Schweizer Übernahmekommission der Kragen. Sie setzt HNA ein Ultimatum, endlich Klarheit über ihre Eigentümer zu schaffen. Hintergrund ist der Kauf der Ex-Swissair-Tochter Gategroup durch HNA. Bei der 1,5-Milliarden-Dollar-Transaktion fungiert die UBS als «financial advisor» der Südchinesen.

Chips vom Spieltisch genommen

Hoch gehebelt und intransparent. Diese Mischung der HNA Group macht die Wall-Street-Banken vorsichtig. Wenige Tage bevor UBS-Ermotti und HNA-Tan ihre strategische Partnerschaft bekräftigen, zieht die Bank of America Merrill Lynch die Reissleine: Man stemme keine Transaktionen mehr mit der HNA-Gruppe. Auch Citigroup und Morgan Stanley sollen sich mittlerweile in Zurückhaltung üben. Und jüngst hat nun auch die prestigeträchtige Investmentbank Goldman Sachs ihre Chips vom Spieltisch genommen. Eine geplante Finanzierungsrunde mit einer HNA-Tochter wurde abgeblasen. Die Einheit des chinesischen Riesen habe die «Due Diligence»-Standards der «Goldies» nicht erfüllt.

Während die Angelsachsen ihre Schäfchen ins Trockene bringen, gibt die UBS Gas. Erst im Frühjahr dieses Jahres hat die Grossbank mitgeholfen, dass die HNA Group einen 9,9-Prozent-Anteil an der Deutschen Bank finanzieren konnte. Der Deal lief über den österreichischen Asset-Manager C-Quadrat, zu dem übrigens auch die Genfer BCM & Partners gehört. Der Aktienanteil an der Deutschen Bank kostete die Chinesen 3,3 Milliarden Euro, wovon 2,6 Milliarden fremd- beziehungsweise mit Derivaten finanziert wurden. Die UBS gewährte zusammen mit der Staatsbank ICBC fast eine halbe Milliarde Kredit.

Die restlichen 2,1 Milliarden gewährte die UBS alleine. Die gigantische Summe ist allerdings über eine derivative «collar transaction» abgesichert. Das Optionen-Geschäft schützt HNA, sollte die Deutsche-Bank-Aktie unter einen gewissen Preis sinken, und lässt die UBS am Gewinn partizipieren, wenn der Finanztitel über eine gewisse Schwelle steigt. Im Moment liegt der Basiswert unter dem Put-Preis von 15 Euro. Die Optionen werden ab nächstem Februar fällig.

Der Deutsche-Bank-Deal ist nur eine von vielen Transaktionen, welche die UBS mit HNA in den letzten Jahren gestemmt hat. Die Grossbank habe seit 2015 die HNA-Gruppe bei Akquisitionen in der Höhe von 15 Milliarden Dollar beraten, schätzt Bloomberg.
Darunter sind mehrere Deals im Airline-Geschäft wie die Übernahme der Leasing-Gesellschaft Avolon oder der Kauf von Anteilen an der brasilianischen Airline Azul oder an Virgin Australia.

Ebenfalls mit dabei war die UBS, als HNA sich 2015 bei der Hotelgruppe NH Hotel einkaufte. Auf Anfrage äussert sich die UBS nicht «zu einzelnen Kundenbeziehungen». In einem Interview mit Bloomberg gibt sich Chef Sergio Ermotti, angesprochen auf HNA, tiefenentspannt: Man habe breite Erfahrung in Asien und «checks and balances», wann und wie gerechtfertigte Geschäfte gemacht würden. Falls etwas nicht stimme, würde man sofort Schadensbegrenzung betreiben.

Hungriger Panda

China Staatsnahe Firmen aus der Volksrepublik haben in den vergangenen Jahren Dutzende Schweizer Firmen geschluckt. Nun regt sich Widerstand gegen den Ausverkauf der Heimat.

Der rote Riese kommt auf leisen Sohlen daher. Das jüngste Beispiel ist China Unicom. Der halbstaatliche Konzern gehört zu den weltgrössten Telekomanbietern und hat vor wenigen Tagen eine Niederlassung in Zürich eröffnet. Dass sich der volkseigne Telekomgigant hier ansiedelt, ist kein Zufall. Verbindet China Unicom doch ausländische Töchter von Multis mit den Konzernzentralen.

Eine Standleitung ins Reich der Mitte? Dieses Geschäftsmodell des Riesen-Telco dürfte sich auch in der Schweiz lohnen. Chinas Unternehmen sind hierzulande nämlich auf Expansionskurs. Eine Auswertung des Wirtschaftsdienstes Bisnode D&B zeigt, dass mittlerweile über achtzig Firmen einen direkten chinesischen Eigentümer haben (siehe Link unten). Parallel zur Kauf-Tour steigt in Bundesbern das Unbehagen gegenüber den Staatskapitalisten. Denn ein gewichtiger Teil der China-Investments läuft nach industriepolitischem Drehbuch durch staatlich gelenkte Konzerne ab. «Es kann dem Schweizer Staat nicht gleichgültig sein, wenn auf seinem Gebiet ein anderer Staat geopolitische Interessen ausübt», sagt SVP-Nationalrat Hans-Ueli Vogt, der mehrere Interpellationen zur «Übernahme schweizerischer Firmen durch chinesische Staatsfirmen» eingereicht hat.

60 Milliarden Dollar in Schweizer Firmen
Vogts Anfragen gewinnen laufend an Brisanz. Zuletzt erhöhte im August das undurchsichtige Konglomerat HNA Group beim Basler Duty-Free-König Dufry auf gut 20 Prozent. Kostenpunkt: 1,4 Milliarden Dollar. Gemäss dem angelsächsischen «China Global Investment Tracker» pumpten rote Unternehmer seit 2005 gegen 60 Milliarden Dollar in Schweizer Firmen (siehe Grafiken). Die Transaktionssumme ist mit Vorsicht zu geniessen. Denn «getrackt» werden nur Übernahmen, bei denen gelistete Unternehmen im Spiel sind. Die grossen, kotierten Transaktionen wie Syngenta oder Gategroup seien nur die Spitze des Eisbergs, sagt Wirtschaftsanwalt Markus Vischer von der Kanzlei Walder Wyss. «Das Interesse an Schweizer Firmen, gerade auch an mittelständischen, ist sehr gross. Chinesische Interessenten sitzen mittlerweise bei praktisch allen Bieterverfahren mit am Tisch.»

Allerdings ernten die chinesischen Avancen nicht nur Beifall. «Die Euphorie ist gewichen», sagt ein Schweizer M&A-Berater, der einige China-Deals begleitet hat. Nebst erhöhten Transaktions-, Finanzierungs- und Compliance-Risiken sieht der Consultant vor allem die staatliche Einflussnahme kritisch: Die Frage, wo der Kaufinteressent in der Partei-Nomenklatur stehe, werde für die Verkäufer zusehends zentraler. Schliesslich entfielen im letzten Jahr weltweit fast die Hälfte aller Übernahmen mit chinesischer Beteiligung auf Staatsfirmen. Und auch die privaten Unternehmer stehen, zumindest ab einem gewissen Umfang, unter der Fuchtel der Partei. Denn die Grossakquisitionen im Westen haben stets einem Masterplan zu gehorchen.

Mit Industriepolitik zur Weltführerschaft
Sebastian Heilmann ist Sinologe und Gründer des Mercator Institute for China Studies in Berlin. Für Heilmann ist klar: «China verfolgt einen industriepolitischen Fahrplan, den der Westen kennen muss.» Das staatliche Programm «Made in China 2025» sehe beispielsweise vor, in Hightech-Industrien wie Robotik, künstliche Intelligenz, Med- und Biotech sowie Luft- und Raumfahrtindustrie vorzudringen. «China will aufholen und den Westen längerfrisitig überholen, um schliesslich an die Spitze der Wertschöpfungskette zu gelangen.» Denn die bisherige Arbeitsteilung der Weltwirtschaft mit dem Reich der Mitte als Werkbank und dem Westen als Denkplatz werde zusehends als «unfair» betrachtet.

China strebe klar die Technologie-Führerschaft in Schlüsseltechnologien der Zukunft an. Die ehrgeizigen «Made in China»-Ziele liessen sich aber nur durch Zukäufe im Westen realisieren, sagt Experte Heilmann. Viele europäische Firmen, auch in der Schweiz, seien bevorzugte Übernahmeobjekte, um gezielt an technologisches Know-how zu kommen. Der Einparteien-Staat fördere deshalb aktiv gewichtige Auslandsübernahmen wie jene des Schweizer Agrokonzerns Syngenta durch Chem China. «Dabei gewähren chinesische Staats- und Förderbanken bei solch strategischen Akquisen grosszügige Finanzierungen», sagt Heilmann.

Dieses industriepolitische Powerplay stosse der EU zusehends sauer auf, weil es an der Wechselseitigkeit mangle. Mit China gebe es derzeit kein Level Playing Field. «Wir Europäer spielen in der Volksrepublik stets bergauf», sagt Heilmann und betont, dass solche Megamerger wie Syngenta umgekehrt für europäische Unternehmen in China «undenkbar» wären. Freihandel und offene Märkte müssten deshalb auf dem politischem Parkett erkämpft werden, sagt Heilmann: «Die Europäer waren bislang zu weich und zu naiv.»

Nun aber ändert sich die Tonlage. Die EUHandelskammer in Peking hat jüngst 15 Branchen benannt, in denen es für europäische Firmen keinen gleichberechtigten Zugang gebe. Ein Beispiel: Künftig verlangt die chinesische Lebensmittelkontrolle für alle ausländischen Nahrungsmittel zusätzliche Inspektionen, und zwar auch auf vermeintlich sicheren, weil haltbaren Produkten. «Es scheint, als gehe es dabei mehr um den Schutz heimischer Produzenten als um Nahrungsmittelsicherheit», kritisierte der deutsche China-Botschafter Michael Clauss die Vorschrift. Auch die Schweizer Botschaft in Peking hat ihre Bedenken schriftlich mitgeteilt.

Wenig überraschend rangiert China auf Platz 59 von 62 Ländern in einer OECD-Liste, wenn es um «Offenheit» gegenüber ausländischen Direktinvestitionen geht. Auch Schweizer Unternehmern sind die Probleme in China bestens bekannt. Doch aus Angst vor Retorsionsmassnahmen will sich niemand exponieren. «Unsere Wirtschaft braucht Reziprozität», sagt FDP-Ständerätin Karin Keller-Sutter. Der Bundesrat müsse dafür sorgen, dass der chinesische Markt aufgehe. «Oder man signalisiert, dass man restriktiver wird, wenn die Gegenseitigkeit weiterhin nicht gewährt wird», ergänzt SVP-Nationalrat Vogt.

Schärfere Kontrollen
Ein Druckmittel gegenüber Peking sind verschärfte Übernahmekontrollen. Deutschland setzt seit diesem Sommer darauf, nachdem das Land sicherheitssensitive Take-overs wie die Übernahme des Industrie-Robotikers Kuka durch die südchinesische Haushaltsfirma Midea zu verdauen hatte. Die Verschärfung sieht vor, dass Investitionen aus Nicht-EU-Ländern meldepflichtig werden, wenn es um «kritische Infrastrukturen» geht wie Software für die Stromversorgung oder Cloud-Dienste für Banken. Den Begriff «Kritische Infrastruktur» fassen die Deutschen derweil sehr breit. Man sei zwar eine offene Volkswirtschaft, aber nicht naiv, betonte der zuständige Staatssekretär in der «Süddeutschen Zeitung».

Auch in der Schweiz ist die politische Debatte über die Kontrolle staatsnaher Investoren aus dem Ausland voll entbrannt. Die Vorschläge reichen von einer Ausweitung der Lex Koller auf die heimische Wasserkraft, um ausländisches Kapital fernzuhalten, über den Schutz von Schlüsseltechnologien bis hin zu einer Positivliste, auf der strategisch wichtige Firmen wie Bankdienstleister oder Telekomkonzerne stehen sollen.

Welche Konsequenzen eine Kontrolle ausländischer Investoren hat, zeigt sich in Deutschland. Dort sei die Verschärfung des Aussenwirtschaftsgesetzes deutlich zu spüren, sagt ein Berater, der kürzlich einen China-Deal begleitet hat. «Der Take-over eines Mittelständlers durch eine chinesische Familiengesellschaft wurde intensiv begleitet. Bis zum Closing dauerte es länger.» Nebst geplanten Technologietransfers seien auch die Financiers geprüft worden. Denn zuweilen bleiben die Geldgeber aus China bis zuletzt unbekannt, wie die Übernahme des Airline-Caterers Gategroup gezeigt hat, welche die südchinesische HNA Group Ende 2016 schluckte.

Im ursprünglichen Gategroup-Angebotsprospekt waren drei HNA-Mitgründer als Eigentümer nicht aufgeführt; in einer Publikation ein Jahr später aber schon. Die Schweizerische Übernahmekomission hat HNA deshalb ultimativ aufgefordert, Klarheit über die «Anbieterstruktur» zu schaffen. Das Verfahren läuft derzeit noch. M&A-Anwalt Vischer betont, dass undurchsichtige Eignerverhältnisse in Übernahmetransaktionen oftmals ein «Deal-Breaker» seien: «Intransparenz kann dazu führen, dass M&A-Transaktionen scheitern.»

Die HNA Group hat hierzulande auch wegen waghalsiger Finanzierungen zu reden gegeben. Ihre Tochter Swissport musste im Frühsommer einen technischen Zahlungsausfall vermelden, den die Gesellschaft offenbar gar nicht bemerkt hatte. Schliesslich schoss der Mutterkonzern über 700 Millionen Euro ein, um kurz darauf Swissport erneut als Bank zu brauchen. So gewährte Gategroup im Juni einen 100-Millionen-Euro- und im August einen 400-Millionen-Euro-Kredit an «nahestehende Parteien».

Solches Finanz-Engineering sei typisch für private Investoren aus China, sagt Heilmann: «Diese haben Mühe, ihr Kapital aus der Volksrepublik zu bringen, und setzen deshalb Auslandstöchter als Sicherheiten für weitere Deals ein.»

Käufer aus China sind beliebte Eigner
Derlei Geschäfte schaffen zwar kein Vertrauen, treiben aber die Preise in Bieterverfahren. Entsprechend rühren die Big-Four-Berater die Werbetrommel und laden aktiv chinesische Interessenten auf Brautschau in die Schweiz. Denn der «chinese mystery buyer» sei bei hiesigen Verkäufern gerne gesehen, sagt ein Investment Banker: «Die Chinesen zahlen nach klassischen Bewertungsmassstäben zu viel, weil sie eben nicht die bevorzugten Käufer sind.» Auch geltet die «China-Prämie» das erhöhte Risiko ab, dass es nicht zum Closing kommt oder sich der Verkauf hinzieht.

Kommen die Chinesen jedoch zum Handkuss, dann kann das Management aufatmen. So hat Juan Wu, die an der Universität Freiburg ihre Dissertation schreibt, 18 Firmen aus dem deutschsprachigen Raum mit chinesischen Besitzern befragt. Das Fazit Wus: «Chinesische Investoren verfolgen eine Langfriststrategie und lassen dem Management viele Freiheiten.»

Gerade bei KMU würden die Geldgeber aus China zudem Investitionen tätigen, welche die Mittelständler aus eigener Kraft nicht mehr stemmen könnten. Beispiele sind Sanierungsfälle wie die Uhrenmarke Eterna oder – möglicherweise – das Schuhlabel Bally. Beiden winkt zudem der Zugang zum chinesischen Binnenmarkt als «heimische Marke».

Unheilige Kuh

Bankgeheimnis Die Matter-Initiative spaltet die Banken. Es droht der Schulterschluss mit der Linken.

Letzte Woche im Nationalrat, diese Woche im Ständerat. Das Bankgeheimnis ist das grosse Thema unter der Bundeshauskuppel. Die Finanzbranche steht vor der Schicksalsfrage: Wird das Bankgeheimnis als Bollwerk verankert? Oder kommt die heilige Kuh vielleicht bald auf die Schlachtbank? Es geht um die Initiative von Thomas Matter. Der SVP-Nationalrat will das Bankgeheimnis in die Verfassung schreiben.

Die Volksabstimmung wird zum Richtungsentscheid, der Status quo hat ausgedient: Mit einem Ja zu „Matter“ wird das Bankgeheimnis zementiert, Gesetzesreformen werden erschwert bis verunmöglicht. Bei einem Nein wird der Ruf nach mehr Steuertransparenz laut. Es gehe um alles oder nichts, sagt Matter. „Wir haben die Initiative damals ja nur lanciert, weil wir sahen, dass der Bundesrat den Status quo abschaffen wollte.“

Was für rote Köpfe in den Räten sorgt, lässt die Bankoberen offenbar kalt. Am Bankiertag vor einer Woche, dem traditionellen Jahrestreffen, war die Initiative gar kein Thema. Die Topbanker scheuen sie wie der Teufel das Weihwasser. Denn hinter der Mauer des Schweigens tut sich ein tiefer Graben auf. Er spaltet die Bankenlandschaft, geht mitten durchs Parlament und führt zu unheiligen Allianzen.

Die Privatbanken, allen voran die Genfer Banquiers, sind für die Bankgeheimnis-Initiative, wollen aber nicht offen Stellung beziehen. Der Burgfrieden soll gewahrt bleiben. „Wir verhalten uns aktiv neutral“, sagt ein Vertreter. Was das heisst, machte Privatbanken-Präsident Yves Mirabaud in der NZZ klar, als er Matters Initiative zum Plebiszit „für oder gegen den automatischen Informationsaustausch in der Schweiz“ auserkor. Ein solcher Inland-AIA ist das Schreckensszenario all jener, die am alten Geschäftsmodell hängen, das unversteuerte Gelder – auch von Schweizern – in Kauf nimmt.

Über Kreuz mit Economiesuisse
Sukkurs erhält die Initiative auch vom Gewerbeverband, dessen Präsident Hans-Ulrich Bigler im Initiativkomitee sitzt. Traditionsreiche Deutschschweizer Bankiers wie Rahn+Bodmer Co. oder Reichmuth & Co. sind Verbandsmitglieder. Die kampagnenerprobte Organisation wird sich in einem Abstimmungskampf denn auch für das Bankgeheimnis ins Zeug legen. Damit lägen Gewerbe wie Privatbankiers über Kreuz mit dem Wirtschaftsdachverband Economiesuisse und der Bankiervereinigung (SB-Vg), welche die Initiative offen ablehnen.

Auch im Nein zur Initiative finden sich Nuancen. Die Inlandsbanken, allen vor die Kantonalbanken, pochen auf Steuerehrlichkeit. Kein Wunder, denn die Kantone haben Blut geleckt. Die kleine Steueramnestie seit 2010 brachte ihnen 36 Milliarden Franken an Fiskalsubstrat ein. Entsprechend hat der von Kantonsvertretern geprägte Ständerat Initiative und Gegenvorschlag bereits abgeschmettert.

Auch die Grossbanken lehnen die Bankgeheimnis-Initiative ab. Doch sie haben andere Gründe. „Die wollen ihren operativen Aufwand gering halten und keine Rechtsrisiken mehr tragen“, sagt ein banknaher Vertreter im Parlament. Das Bankgeheimnis stört dabei nur.

AIA statt Verrechnungssteuer
Besonderes Augenmerk der Grossbanken gilt der Verrechnungssteuer. Das bisherige Modell des Steuerabzugs auf Dividenden und Zinsen ist nicht mehr „state of the art“ und führt dazu, dass Anleihen von Schweizer Unternehmen fast immer im Ausland aufgelegt werden. Will man die Verrechnungssteuer abschaffen und keine neuen Steuerschlupflöcher schaffen, braucht es eine inländische Zahlstellensteuer. Oder einen Informationsaustausch mit den Behörden.

Der Bundesrat schlug vor, dass Bankkunden zwischen Steuer und Offenlegung wählen können. Doch ein solches Wahlrecht war den Banken zu aufwendig. Die Bankiervereinigung schlug 2015 deshalb vor, die Verrechnungssteuer ganz durch eine automatische Meldung an die Steuerbehörden zu ersetzen. Der Branchenverband forderte nichts weniger als den AIA im Inland.
Matters Initiative soll solche automatischen Meldungen verhindern. Bis über die Initiative entschieden ist, liegt die Verrechnungssteuerreform deshalb auf Eis. Der Nationalrat selbst will sich aber nicht als Verhinderer einer Steuerreform sehen. Er kündigt einen Reformvorschlag an, der die Verrechnungssteuer durch eine neue Zahlstellensteuer ersetze.

Anders als heute wurde noch vor wenigen Jahren offen das Bankgeheimnis debattiert. 2012 plädierte UBS-Chef Sergio Ermotti für dessen Aufweichung: „Wir können nicht sagen: Der Standard, den wir für die ganze Welt anwenden, gilt für Schweizer nicht. Ein Doppelstandard in der Bankgeheimnisfrage? Das wäre ein Witz.“ Auch der damalige Raiffeisen-Chef Pierin Vincenz sprach Klartext: Das „Bankgeheimnis zum Schutz der Steuerhinterziehung“ sei in der Schweiz nicht zu halten.

Keine fünf Jahre später sind die Finanzmanager verstummt. Die Banken wollen sich nicht mehr exponieren, denn sie haben gemerkt, mit wem sie sich ins Bett legen. „Die Banker fürchten sich vor der Vorstellung, sie müssten in einer Arena-Sendung neben SP- Nationalrätin Susanne Leutenegger Oberholzer gegen bürgerliche Parteien und das Bankgeheimnis antreten“, sagt ein Branchenberater. Umso mehr, als dass die Parteipräsidenten Petra Gössi (FDP) und Gerhard Pfister (CVP) im Initiativkomitee sitzen.

Exemplarisch für diesen Spagat steht eine Person: SB-Vg- und Vontobel-Präsident Herbert Scheidt. Seit einem Jahr führt er den Verband an, der sich klar gegen Initiative und Gegenvorschlag geäussert hat. Doch von Scheidt selbst hört man kein klares Wort mehr. „Mit ihm hat sich die Bankiervereinigung von ihrer deutlichen Ablehnung distanziert“, sagt ein Insider. Und das hat einen einfachen Grund: Scheidt liebäugelt selber mit der Initiative, wie drei unabhängige Quellen bestätigen. Die Bank Vontobel gehöre zur Gruppe der Privatbanken, die sich innerhalb der SB-Vg für eine „positiv neutrale Haltung“ gegenüber der Initiative ausgesprochen hätten. Und diese praktiziert Scheidt nun, auch wenn er sich eigentlich gegen die Initiative einsetzen müsste.

Der Preis ist heiss

Klimawandel In den Konzernbilanzen und Portfolios der Pensionskassen schlummern ungeahnte Klimarisiken. Nun wird der Ruf nach mehr finanzieller Transparenz laut.

Bilder der Zerstörung im französischen St. Martin. Land unter in Havanna. Autos, die durch die Luft fliegen in Miami. Millionen von Haushalten ohne Strom, Dutzende von Toten: Hurrikan Irma und ihr Vorgänger Harvey haben in den letzten Tagen eine Spur der Verwüstung über die Karibik und die südlichen Staaten der USA gezogen. Voraussichtlicher Schaden: 100 Milliarden Dollar.

Die direkten Folgen der verhehrenden Unwetter lassen sich auf Punkt und Komma beziffern. Doch die langfristigen Folgen für Wachstum und Wohlstand der Welt bleiben eine Blackbox. Denn der Klimawandel ist an den Kapitalmärkten nicht angemessen eingepreist. Die unmittelbaren Unwetterschäden sind dabei nur die Spitze des Eisberges. Fehlende Preissignale für die schleichenden Folgen des Klimawandels könnten die Anleger teuer zu stehen kommen.

Das zeigen nur schon grobe Überschlagsrechnungen. Die Wertverluste werden gravierend sein – selbst wenn es gelingen sollte, die Klimaerwärmung bis 2010 unter 2 Grad Celsius zu halten, wie das im Rahmen des Pariser Klimaabkommens von 2015 stipuliert wurde. Dem moderaten Anstiegsszenario folgend, schätzt das Beratungsunternehmen Vivid Economics – mit einer Eintrittswahrscheinlichkeit von 50 Prozent – das Verlustrisiko an den Finanzmärkten auf 4,2 Billionen Dollar.

Der Betrag entspricht dem Wert sämtlicher kotierter Öl- und Gasgesellschaften oder dem BIP Japans. Bei einem Temperaturanstieg um sogar 5 Grad würde sich der Verlust auf 7,2 Billionen Dollar fast verdoppeln. Die happige Klimarechnung von Vivid Economics kalkuliert mit allen handelbaren Vermögenswerten in der Höhe von 143 Billionen Dollar.

Schweizer Pensionskassen im Klima-Check
Was an Klimarisiken in den Unternehmensbilanzen schlummert, treibt auch institutionelle Anleger in der Schweiz um: Ende Oktober treffen sich die wichtigsten Versicherer und Pensionskassen in Zürich, um einen Blick in die eigene Blackbox zu wagen. Dann nämlich stellt das Bundesamt für Umwelt (Bafu) zusammen mit der Finanz-Nichtregierungsorganisation (NGO) 2° Investing Initiative die Resultate eines Klimaverträglichkeits-Pilottests vor.

Rund achtzig Pensionskassen und Versicherer haben ihre Portfolios von der Finanz-NGO checken lassen. Sie vereinen zwei Drittel aller Schweizer Vorsorgevermögen. Geprüft wurde, wie klimafreundlich ihr Portfolio ist. Motto: Halten die Firmen, in die investiert wurde, mit ihren CO2Emissionen das 2-Grad-Ziel ein? „Das Übereinkommen von Paris verlangt, dass die Finanzflüsse künftig klimaverträglich ausgestaltet werden“, sagt Bafu-Projektleiterin Silvia Ruprecht. Beim Test gehe es darum, die Pensionskassen und Versicherer für die Thematik zu sensibilisieren und als Behörde einen anonymisierten Überblick über die Investitionen zu erhalten. Der Bund appelliert vorerst also an den guten Willen institutioneller Anleger.

Das Finanzchecking der 2° Investing Initiative hat jedoch Grenzen: Die finanziellen Risiken werden nicht quantifiziert, geprüft wird lediglich die Verträglichkeit des Portfolios mit den Pariser Klimazielen. Auch umfasst die Analyse nur kotierte Aktien und Obligationen. Staatsanleihen und Immobilien sind ausgeschlossen. Zudem konzentriert sich die Finanz-NGO einzig auf direkt klimarelevante Sektoren wie Öl, Gas, Kohle beziehungsweise energieintensive Industrien und Mobilitätsanbieter. Immerhin werden auf diese Weise 70 bis 90 Prozent der CO2-Emissionen erfasst.

Ein besonderes Augenmerk legt die Initiative auf „forward-looking data“. Also Informationen, wie ein Unternehmen sich aufstellen will, wo es Investitionen tätigen wird und auf welche Technologie es setzt. Dieser prospektive Ansatz ist zentral. Denn der Klima-Killer von heute kann das grüne Vorzeigeunternehmen von morgen sein. Die Analysten greifen dazu auf eine Industrie-Datenbank zurück, die den aktiven wie projektierten Produktionspark weltweit umfasst.

Allerdings ist die 2° Investing Initiative nur ein mögliches Modell von vielen, um die (Anpassungs-) Risiken des Klimawandels offenzulegen. So schätzt die Non-Profit-Organisation Climate Disclosure Standards Board, dass es weltweit über 400 freiwillige Standards gibt, um den Klimawandel abzubilden.

Financial Stability Board fordert mehr Transparenz
Dieser Wildwuchs des Wohlwollens, der die Klimavergleichbarkeit von Unternehmen und Industrien für Investoren verunmöglicht, wird nun international bekämpft. Und zwar auf höchster Ebene: Das Financial Stability Board (FSB) ist aktiv, dieses von den G20 ins Leben gerufene Gremium zur Stabilisierung des Finanzsystems nach dem Beinahe-Crash 2008. So sieht das FSB im Klimawandel ein systemisches Risiko, das geeignet ist, das globale Finanzsystem zum Kollabieren zu bringen.

Ziel sei es, der „tragedy of horizon“ etwas entgegenzusetzen, sagte Mark Carney, Gouverneur der Bank of England und ehemaliger FSB-Vorsitzender der Londoner Finanzgemeinde. Die katastrophalen Konsequenzen des Klimawandels würden den üblichen Horizont der meisten Akteure übersteigen, die Kosten den kommenden Generationen aufgebürdet und die aktuellen Generationen hätten keinen Anreiz, „das Problem zu lösen“, sagte Notenbanker Carney am Pariser Klimagipfel im letzten Jahr.

Das FSB versucht nun, die finanzielle Transparenz zu verbessern. Dazu wurde eine Task-Force mit Wirtschaftsvertretern ins Leben gerufen, die Regeln zur Offenlegung klimabedingter Risiken erarbeitet. An Bord sind globale Industriegiganten wie Daimler, Dow Chemical und Tata Consultancy, aber auch Finanzriesen wie JP Morgan Chase oder die Industrial and Commercial Bank of China. Vollzählig vertreten sind auch die Big Four der Prüfungsgesellschaften sowie Blackrock als Branchenprimus der Assetmanager. „Ziel war es, Vertreter der wichtigsten Industrien an Bord zu haben“, sagt Andreas Spiegel, der als Head Group Sustainability Risk für den hiesigen Rückversicherer Swiss Re in der FSB-Task-Force sass.

Im Juni nun hat die Gruppe ihre Empfehlungen publiziert und den G20 am Gipfel in Hamburg vorgelegt: Statt die Schlüsselzahlen in einen kaum beachteten Nachhaltigkeitsbericht zu vergraben, sollen die Klimabilanzen der Konzerne im Rahmen de „mainstream annual financial filings“ offengelegt werden.

Unterschieden wird zudem zwischen den physischen Risiken des Klimawandels wie jenen in Herstellung und Lieferkette, die vergleichsweise einfach zu erfassen sind, und Transitionsrisiken, die schwieriger zu quantifizieren sind. Also den Risiken, die durch den Übergang zu einer kohlenstoffarmen Wirtschaft entstehen, wenn beispielweise etablierte Technologien wie der Verbrennungsmotor durch neue Antriebe abgelöst werden. Oder wenn sich Konsumgewohnheiten rasch und nachhaltig verändern, wenn ganze Märkte wegbrechen und Unternehmen in Schieflage kommen. „Uns geht es darum, den Businesscase resilienter zu machen“, sagt Spiegel.

Dass es sich dabei vorerst nur um freiwillige Empfehlungen handelt, hält der Swiss-Re-Manager nicht für einen Nachteil. „Ich bin überzeugt, dass das der richtige Weg ist.“ Es mache keinen Sinn, zum jetzigen Zeitpunkt verbindliche Regeln einzuführen: „Wir sind ja erst daran, die entsprechenden Rechnungen zu modellieren.“ Andreas Spiegel rechnet damit, dass eine Standardisierung und damit eine verbindliche Regulierung der Risiken des Klimawandels frühestens in zehn Jahren realistisch sein wird. Ganz abgesehen davon, dass auch freiwillige Reporting-Regeln eine Wirkung entfalten würden: „Wir gehen davon aus, dass allein schon das Abseitsstehen eines Unternehmens längerfristig zu Bewertungsnachteilen am Kapitalmarkt führt.“

Ähnlich sieht es Marc-Olivier Buffle. Er leitet die Environmental Strategies bei Pictet. Die Genfer Privatbank investiert seit 2000 nachhaltig, als Pictet einen ersten Wasser-Fonds auflegte. Für Buffle ist die Datenlage zu klimarelevanten Risiken ungenügend: „Wer klimafreundlich investieren will, steht vor dem Problem, dass spezifische Investments in kleinere und mittlere Unternehmen kaum möglich sind, da viele dieser Small und Mid Caps keine Kapazitäten haben, um CO2Emissionen mit vernünftigem Aufwand zu messen.“ Selbst Grosskonzerne hätten Mühe, die Emissionen ihrer Erzeugnisse über den gesamten Lebenszyklus sauber auszuweisen. „Der Messaufwand gerade für Multinationals mit Hunderten an Produktionsfazilitäten auf der ganzen Welt ist gigantisch“, sagt Buffle.

Doch auch die institutionellen Anleger befänden sich in einer Zwickmühle: Angesichts des Tiefzinsumfelds, der ausstehenden Rentenversprechen und der mangelhaften Datenlage zu CO2Risiken falle es Pensionskassen und Versicherungen schwer, ihre Policy gänzlich auf langfristige Effekte des Klimawandels auszurichten.

Schweizer Konzerne setzen auf neuen Standard

Doch es gibt durchaus grosse institutionelle Anleger, die vorangehen: Der norwegische Pensionsfonds etwa – mit einem Vermögen von 1000 Milliarden Dollar der grösste Staatsfonds der Welt – betreibt einen Umweltfonds mit Einlagen von umgerechnet rund 6 Milliarden Dollar. Das Geld fliesst in alternative Energien und Energieeffizienz. Auch Aviva, ein amerikanischer Versicherer, hat sich zum Ziel gesetzt, in den nächsten fünf Jahren jährlich 780 Millionen Dollar in kohlenstoffarme Infrastrukturprojekte zu investieren, während die deutsche Allianz auf mittlere Sicht mit 5 Milliarden Euro in erneuerbare Energien investiert.

Einen wichtigen Schub dürften solche Investments Anfang nächsten Jahres erhalten. Dann werden die 32 Unternehmen der FSB-Task-Force erstmals ihre Klimarisiken offenlegen. Swiss Re ist derzeit an den nötigen Vorarbeiten für den „financial disclosure“. Auch die UBS sass in der FSB-Task-Force. Die Grossbank wird die Klima-Empfehlungen ebenfalls im eigenen Reporting umsetzen. Dazu hat sie zusammen mit sechs globalen Finanzhäusern eine Initiative gestartet, um das FSB-Framework abzubilden.

Zu den frühen Supportern gehört auch Glencore. Der Zuger Rohstoffhandelskonzern figuriert als einziges Schweizer Unternehmen nebst UBS und Swiss Re auf der Unterstützerliste der Task-Force. Der Agrokonzern Syngenta teilt mit, dass er die Initiative „uneingeschränkt“ unterstütze. Nach Angaben eines Sprechers sollen die Informationen verfügbar sein, sobald die Übernahme durch Chem China ganz abgeschlossen und das Unternehmen dekotiert ist. Pharmariese Novartis schreibt, dass es die Bemühungen der Task-Force in der Konsultationsphase unterstützt habe: „Unsere Einschätzung ist, dass die klimarelevante Offenlegung ein legtimes Instrument ist.“ Die Empfehlungen würden zurzeit geprüft.

Noch setzen die meisten Regierungen, wie auch die Schweiz auf freiwillige Klima-Efforts aus Industrie- und Finanzbranche. Allerdings zeichnet sich bereits ab, dass der Klimawandel zum Thema für die Regulatoren wird. In Frankreich beispielsweise sind die institutionellen Anleger bereits heute per Gesetz dazu verpflichtet, ihre Klimarisiken offenzulegen.

Blackrock bringt Bosse zum Zittern

Wenn Amra Balic aus ihrem Büro in der Londoner City schaut, sieht sie die Skyline des nahen Bankenviertels. Balics Blick geht aber weit über die Leuchttürme der Hochfinanz hinaus. Als Emea-Chefin von Blackrock Investment Stewardship muss die Topmanagerin Abertausende von Firmen und Führungskräften im Auge behalten und sich über Konzerne wie Konzernlenker eine fundierte Meinung bilden.

Denn Balic und ihr achtköpfiges Stewardship-Team vertreten das kumulierte Kapital der in Börsenindices investierten Blackrock-Kundschaft an über 3000 Generalversammlungen zwischen Kirkenes und Kapstadt. Es geht um Abermilliarden an Anlagegeldern, die während der GV-Saison in die Waagschale geworfen werden. Stets stimme man, betont die Blackrock-Managerin, im Interesse der Kunden ab, „um Werte der Anlagen zu erhalten und zu mehren“.

Balics Meinung hat ein enormes Gewicht, auch in der Schweiz. Schliesslich ist Blackrock als grösster Assetmanager der Welt mit 5,7 Billionen Dollar an Kundengeldern auch an den meisten kotierten Schweizer Firmen beteiligt. Selbst an Blue-Chip-Schwergewichten wie Nestlé halten die Amerikaner mehrere Prozente.

Die „Handelszeitung“ hat nun Blackrocks Abstimmungsverhalten bei Schweizer Firmen während der diesjährigen GV-Saison analysiert. Es zeigt sich: Der oftmals als passiv wahrgenommene US-Geldmanager übte an den Aktionärstreffen seine Kapitalkraft sehr differenziert aus und stimmte – gezielt und informiert – gegen einzelne Traktanden und Verwaltungsräte. Das Schwergewicht Blackrock kann damit wichtige Impulse für die Governance-Agenda der Konzern-Etage setzen, ob bei Vergütung, Frauenquote oder Board-Nachfolge. Dies geschieht nicht immer zum Wohlgefallen der hiesigen Konzernlenker.

Steter Tropfen höhlt den Stein
Als vorwiegend indexbasierter Investor sei man in einer sehr starken Position gegenüber den Unternehmen, sagt Amra Balic im Gespräch: „Mit unserem langfristigen Anlagehorizont sitzen wir über Jahre, wenn nicht Jahrzehnte, mit denselben Unternehmen am Tisch und stimmen stets aufs Neue an den Generalversammlungen ab.“ Dieser langfristige Horizont fördere Dialog und Austausch. Blackrock könne den Unternehmen Zeit lassen, die richtigen Lösungen zu finden und die Fortschritte auf dem Weg dorthin zu begleiten. Dabei gehe es nicht darum, Mikromanagement zu betreiben oder der Führung vorzuschreiben, wie ein Thema zu lösen sei. Umgekehrt sei aber auch die Geduld Blackrocks nicht unerschöpflich, erklärt die Emea-Investment-Stewardship-Chefin: „Wenn wir den Eindruck haben, dass sich kein Fortschritt einstellt, setzen wir unser Stimmrecht ein, um unsere Bedenken gegenüber dem Unternehmen anzumelden.“

Dass dies keine leeren Drohgebärden sind, weiss auch ein Schweizer Multiverwaltungsrat, der beim US-Finanzgiganten jüngst eine Veränderung ausgemacht hat: „Seit ein, zwei Jahren ist Blackrock aktivistischer unterwegs, bringt etwa Themen wie Kompensation, Umweltfragen oder Governance aktiv in die Diskussion ein.“ Dies bedeute zwar Mehrarbeit fürs Board, aber er schätze den Dialog mit dem US-Finanzmulti. „Blackrock setzt sich konstruktiv, professionell und detailliert mit der Firma auseinander.“ Allerdings fehle zuweilen das Verständnis für die „innere Mechanik“ eines Konzerns, bemängelt der Multi-VR.

Ein Zankapfel zwischen Schweizer Konzernen und dem US-Finanzmulti ist das „Say on Pay“. So hat Blackrock, wie die jetzige Auswertung zeigt, bei über 40 SPI-Firmen – von A wie ABB bis Z wie Zehnder Group – geschlossen gegen den Vergütungsbericht sowie gegen die VR-Mitglieder des Entschädigungsausschusses gestimmt.

Dieser hohen Ablehnungsquote liegen klare, öffentlich einsehbare Kriterien von Blackrock zugrunde, an denen selbst der Abzocker-Initiant und parteilose Ständerat Thomas Minder seine helle Freude hätte. Man stimme gegen den Vergütungsbericht und den Entschädigungsbericht, wenn kein „messbarer Zusammenhang zwischen Strategie, Shareholder Value und Incentivierung des Managements“ bestehe, lässt Blackrock seine Investoren im Internet wissen und führt ausführlich in die eigene Vergütungsphilosophie ein. Beispielsweise müsse der Anstieg der Saläre im Topmanagement jenem der übrigen Arbeitskräfte im Unternehmen entsprechen. Gehe die Lohnschere massiv auseinander, erwartet der US-Finanzmulti eine „starke Begründung“ vom Konzern.

Auch dürfe der Vergleich mit der Vergütung bei der Konkurrenz bloss einen Referenzrahmen bilden und habe keineswegs „als Ausgangspunkt für die Lohnverhandlungen“ zu dienen. Ebenfalls dürfe die Grösse der Kapitalisierung einer Gesellschaft nicht als Rechtfertigung für höhere Löhne herhalten.

Es sind solch klare Prinzipien, die der mächtige US-Assetmanager global durchzusetzen sucht. Besonders umstritten unter Schweizer Konzernlenkern ist dabei, dass Blackrock volle Transparenz bei den langfristigen Vergütungsplänen einfordert. „Legen wir jene Kriterien offen, nach denen unsere Manager langfristig incentiviert werden, dann spielt dies unseren Mitbewerbern in die Hände“, klagt ein Firmenlenker. Denn oftmals seien diese „long-term incentives“ an längerfristige, strategische Firmenziele geknüpft, die unters Geschäftsgeheimnis fallen.

Blackrock-Managerin Balic weiss denn auch um die delikaten Vergütungsfragen: Es gebe keine einfachen Antworten bei der Kompensation und sie betont jene Maxime, die stets gelte: „Comply or explain“. Die Qualität der Darlegung ist dabei ausschlaggebend. Wenn eine Firma ihren Standpunkt in der Vergütungspraxis nachvollziehbar begründen kann und diese aus Kundensicht Sinn ergibt, dann lassen wir uns eher überzeugen.“

Frauenquote als Zankapfel
Weniger Verhandlungsmasse mit Blackrock haben hiesige Konzernlenker, wenn es um den Anteil von Frauen in Verwaltungsrat und Geschäftsleitung geht. Balic spricht Klartext: „Wir sehen in der Schweiz nur einen geringen Fortschritt, wenn es um Gender-Diversity geht.“ In einigen Fällen fehle der echte Effort, nach passenden Frauen zu suchen. In anderen mangle es tatsächlich am geeigneten „Talent-Pool“. Deshalb sei es wichtig, so die Blackrock-Managerin, dass die Bemühungen und Fortschritte um „Gender diversity“ möglichst transparent und lückenlos dokumentiert und kommuniziert werden.

Ansonsten drohen lange Gesichter, wie Aussagen in den Investment-Stewardship-Unterlagen ahnen lassen. So zeigt sich der US-Finanzmulti enttäuscht darüber, dass der vom Bundesrat verabschiedete Gesetzesentwurf für eine Frauenquote in VR und GL bislang keine Signalwirkung entfaltet hat. „Wir hätten erwartet, dass kotierte Unternehmen mehr Frauen in den Verwaltungsrat wählen als Zeichen des guten Willens.“ Blackrock hat deshalb in der abgelaufenen GV-Saison bereits reagiert und die Daumenschrauben angezogen.

Man habe bei „gewissen Unternehmen“ gegen die Mitglieder des Nominations-Komitees gestimmt, und zwar dort, wo der VR aus Männern bestehe. „Denn wir sind der Meinung, dass diese Nominations-Ausschüsse für den Mangel an Diversität im VR verantwortlich sind.“ Beispiele, wo Blackrock heuer geschlossen gegen den Nominations-Ausschuss, votierte, sind die beiden Privatbanken Vontobel und EFG International sowie der Stromkonzern BKW.

Dass solche Voten schmerzen, weiss der Multiverwaltungsrat, welcher seine jährlichen Resultate genau analysiert. Schliesslich sei die Zufriedenheit gewichtiger Investoren zentral. „Eine tiefe Zustimmungsquote an der Generalversammlung ist wie eine schlechte Note in der Schule.“ Wobei der gröbste Fleck im Reinheft der Konzernlenker die ausbleibende Decharge an der Generalversammlung ist. Dass Blackrock der Konzernspitze des Baustoffkonzerns Lafarge-Holcim dieses Jahr die Entlastung versagt hat, ist selbst für die aktiven Amerikaner die Ultima Ratio.

Wichtiger als die Peitsche an der Generalversammlung ist das Zuckerbrot unter dem Jahr. So hat der informelle Austausch mit den Unternehmen für langfristig orientierte Investoren wie Blackrock höchste Priorität: „In der Regel kommt man im Vier-Augen-Gespräch sehr viel weiter.“ Der gemeinsame Austausch fördere das Verständnis für die jeweilige Firma, wobei auch eine breitere Palette an Sachverhalten abgedeckt werden könne, zumal die Aktionäre nur über einen schmalen Ausschnitt an Themen an der Generalversammlung abstimmen würden.

Austausch ist wichtiger als Stimmabgabe
Der vertiefte Austausch mit Unternehmen kann dagegen ein viel breites Spektrum an Herausforderungen abdecken: vom Einfluss des Klimawandels auf gewisse Geschäftsfelder über IT-Sicherheit bis hin zur Nachfolgeplanug für einen langjährigen Verwaltungsrat, um nur einige Praxisbeispiele zu nennen. Dabei sind gerade die grossen Schweizer Multis gewohnt, aktiv den Kontakt zu wichtigen Investoren zu suchen. Nestlé & Co. veranstalten beispielsweise sogenannte „Round-Table-Reisen“, um relevante Eigner im direkten Gespräch über ihr Tun und Handeln aufzuklären.

Hiesige Small und Mid Caps tun sich jedoch zuweilen schwer, dem angelsächsischen Investment House die Aufwartung zu machen. Doch es gebe keine Alternative, meint der Konzernlenker: „Sie können es sich als Unternehmen schlicht nicht leisten, Blackrock das Gespräch zu verweigern.“

Silicon Kreditanstalt

Credit Suisse Die Bank baut in Kalifornien am eigenen Fintech. Nun steht der Chef für die „CS Labs“ fest.

Als „nerd extraordinaire“ bezeichnete sich Jacob Sisk einst in einem Sachbuch über Technologie-Geeks, welche die Finanzmärkte an der Wall Street mit ihren Datenanalysen aufmischen. Das war 2009, kurz nach dem Börsentaumel. Inzwischen ist Sisk in den Teppichetagen der Finanzwelt angelangt. Zuletzt arbeitete der studierte Mathematiker als Vizepräsident beim US-Kreditriesen Capital One. Dort kümmerte sich Datenchef Sisk um die Sicherheit von Kreditkarten und um reibungslose Zahlungsabläufe mit dem Plastikgeld. Davor war der zweifache Vater unter anderem für grosse Medien- und Internetkonzerne wie Yahoo, Walt Disney oder Thomson Reuters tätig.

Grosse Menschheitsträume
Seit kurzem ist Sisk der Chef von „Credit Suisse Labs“ im Silicon Valley. Das bankeigene Fintech-Lab wurde bereits im letzten Jahr ins Leben gerufen, als Sebastian Thrun nach zwei Jahren den Verwaltungsrat der Schweizer Grossbank verliess. Thruns Abgang war ein herber Rückschlag für die Fintech-Ambitionen der Credit Suisse. Schliesslich galt der deutsche Robotikforscher als Innovationsguru, hatte er doch beim Suchmaschinen-Riesen Google lange Jahre das X-Projekt geleitet.

Dort nahm Thrun mit seinen Mitstreitern die richtig grossen Menschheitsträume in Angriff. Der Doktor der Philosophie werkelte an einer Fabrik für Mondflüge, versuchte das menschliche Gehirn nachzubilden oder experimentierte mit der berühmt-berüchtigten Google-Brille. Um solch eine Tech-Koryphäe wie Thrun nicht gänzlich zu verlieren, engagierte die CS ihn nach dessen VR-Exit unter anderem als Senior Advisor für die noch zu gründenden Credit Suisse Labs im Silicon Valley.

Dort gehe es darum, den Innovationsgedanken zu stärken und neue Geschäftsmodelle zu entwickeln, liess Thrun in einem bankeigenen Interview im 2016 verlauten: „Die Credit Suisse war schon immer eine progressive Bank. Sie möchte mit den Labs sicherstellen, dass sie bei der technologischen Entwicklung führend bleibt.“ Dabei will Tech-Pionier Thrun in den Labs vor allem gewichtige Themen anpacken wie Cyber-Sicherheit, mobiles Banking, neue Kreditmodelle und neue Datenbanken für Finanztransaktionen wie Blockchain, wie er seinerzeit im „Bulletin“ der CS ausführte.

Wenig Konkretes vom Lab
Doch seit Thruns hehren Visionen im letzten Jahr war aus den kalifornischen Labs der ehemaligen Kreditanstalt nicht mehr viel zu hören. Im April trat Sisk seinen Job als CEO von Credit Suisse Labs an. Der ausgewiesene Datenspezialist hätte bald darauf seine erste Auslegeordnung zuhanden des CS-Managements abliefern sollen. Doch Sisk sah sich gemäss Insidern zu diesem Zeitpunkt ausserstande, seine Vorstellungen den Bankspitzen zu präsentieren. Das „Fintech Venture“ um den IT-Experten Sisk sei vor allem an inkrementellen Lösungen interessiert und kümmere sich um technische Finessen: Ein disruptives Greenfield-Projekt sehe definitiv anders aus, heisst es bankintern kritisch.

Entsprechend schmallippig gibt sich die Pressestelle der Credit Suisse bei Fragen zum neuen Labs-Chef und seinen Visionen: „Wir stehen noch am Anfang mit den Labs und hoffen, zu einem späteren Zeitpunkt weitere Informationen liefern zu können.“ Nur so viel: Jacob Sisk sei verantworlich, „skalierbare Lösungen für aktuelle und zukünftige technologische Herausforderungen der Bank“ zu erarbeiten. Dabei kombinierten die Labs die „Silicon-Valley-Innovationskultur mit der globalen Finanzexpertise der Credit Suisse“.

Im Rückstand
Was hier in blumige Worte gehüllt wird, bedeutet indes viel Aufholarbeit, auch für Sisk und seine Labs. Denn im Vergleich zur schärfsten Schweizer Konkurrentin UBS hinkt die CS in Sachen Finanztechnologie und Digitalisierung noch immer hinterher. Während die CS in ihren Labs im Silicon Valley nun über der Blockchain-Technologie brütet, hatte sich die UBS bereits 2015 im Londoner Tech-Tower Level 39 einquartiert, um mit einem Krypto-Team erste Erfahrungen mit Blockchain zu sammeln.

Nebst solchen Grundlagenarbeiten rollte die grösste Schweizer Bank in jüngster Zeit eine Reihe von digitalen Innovationen aus, sowohl im heimischen Retailgeschäft wie in der internationalen Vermögensverwaltung. In England beispielsweise lancierte die UBS einen Robo-Advisor namens Smart Wealth. Auch beim volldigitalen Onboarden neuer Kunden war die UBS über ein Jahr früher dran als die Credit Suisse.

Verkauftes Tafelsilber

Remo Stoffel Der Unternehmer veräussert für 213 Millionen Franken Liegenschaften an Swiss Life. Verkäuferin ist Stoffels Priora Immobilien. Sie liegt im Clinch mit dem Steueramt.

Vis-à-vis vom Hauptsitz der Swiss Life liegt im Herzen Zürichs die Jenatschstrasse. Benannt nach dem berühmten Bündner Freiheitskämpfer Jörg Jenatsch. Hausnummer 1, eine Liegenschaft mit einem Verkehrswert von 15 Millionen Franken, gehörte bis vor kurzem einem anderen Bündner, dem Valser Immobilienunternehmer Remo Stoffel. Dem Mann, der in seinem Heimatdorf einen gigantischen Hotel-Turm bauen will.

Inzwischen ist die Jenatschstrasse 1 im Besitz der Nachbarin Swiss Life. Der Lebensversicherer hat Stoffel für 213 Millionen Franken ein Immobilienportfolio abgekauft: Knapp 300 Wohneinheiten, zum Teil auch kommerziell genutzt. „Drei Viertel der zwanzig Liegenschaften befinden sich in und um Zürich“, sagt Swiss-Life-Sprecher Florian Zingg und versichert, Immobilien seien eine „attraktive Anlageklasse“.

Peter Hartmeier, Sprecher von Remo Stoffel, begründet den Verkauf mit der Fokussierung auf „unser Kerngeschäft“. Will heissen: Gewerbeliegenschaften am Flughafen Zürich-Kloten und in den Tourismus-Destinationen Vals und Lenzerheide. Man habe deshalb „einen Grossteil der über die deutschsprachige Schweiz verteilten Wohnhäuser“ veräussert, so Hartmeier.

Überschuldete Priora-Töchter
Als Verkäuferin fungierte eine Gesellschaft namens Priora Immobilien mit Sitz in Chur, die vollständig im Besitz von Remo Stoffel ist. Dieser Gesellschaft gehören gemäss Wirtschaftsauskunftsdienst Teledata Stoffels Beteiligungen am Kurhaus Lenzerheide, an der Therme in Vals sowie eine Minderheit am Facility-Manager Farnek im Wüstenstaat Dubai.

In diesem Frühjahr sind zum Besitz der Priora Immobilien noch weitere Firmen von Remo Stoffel hinzugekommen. Der Valser Unternehmer liess nämlich vier weitere Gesellschaften in die Priora Immobilien fusionieren.
Im Fusionsvertrag, welcher der „Handelszeitung“ vorliegt, zeigt sich, dass drei der vier Gesellschaften zum Stichtag im Herbst 2016 einen Bilanzverlust auswiesen. So hatte beispielsweise die Priora Projekt ein negatives Eigenkapital von 35 Millionen Franken bei Verbindlichkeiten von knapp 200 Millionen Franken. Aber auch die übernehmende Gesellschaft, also die Priora Immobilien, wies im Herbst 2016 eine Unterdeckung von 10 Millionen Franken aus. Nur dank dem Rangrücktritt der Gesellschaftsgläubiger war eine Fusion der vier Firmen in die Priora Immobilien rechtlich überhaupt möglich.

Stoffel-Sprecher Peter Hartmeier nimmt auf Fragen zu den überschuldeten Gesellschaften und der Fusion in die Priora Immobilien nur summarisch Stellung. „Aufgrund der hohen Eigenkapitalquote und der sehr liquiden Bilanz sind unsere Firmen ausgezeichnet positioniert, um unsere Kernaktivitäten weiter auszubauen“, sagt Hartmeier.
Jene Priora Immobilien war im Herbst 2016 nicht nur überschuldet, sondern ist auch Gegenstand eines langwierigen Rechtsstreits zwischen Remo Stoffel und der Eidgenössischen Steuerverwaltung (ESTV). Vor wenigen Tagen fällte das Bundesverwaltungsgericht (BVG) dazu ein Urteil, nachdem Stoffel gegen die Verfügung der ESTV Einsprache erhob.

Die ESTV kam 2015 nach umfangreichen Ermittlungen zum Schluss, dass Stoffel Steuerhinterziehung begangen habe, „indem in den Jahren 2005 bis 2008 entrichtete geldwerte Leistungen nicht ordnungsgemäss deklariert und entsprechende Steuerbeträge nicht entrichtet worden seien“, wie es im BVG-Urteil heisst. Die ESTV forderte deshalb von der Priora Immobilien und ihrer Schwestergesellschaft Priora Airport Immobilien nachträglich Verrechnungssteuern in der Höhe von 65 Millionen Franken.

Stoffels Anwalt, der Steuerrechtler Urs Behnisch, erhob daraufhin vor Bundesverwaltungsgericht Einsprache und plädierte unter anderem auf Verjährung. Das BVG folgte der Argumentation Behnischs nur teilweise: Einzelne Steuerperioden seien verjährt, urteilten die Richter in St. Gallen. Wodurch Stoffel kumuliert gegen 7 Millionen Franken an von der ESTV eingeforderten Verrechnungssteuer nicht zahlen muss.

Doch blieb das BVG auf der Linie der ESTV, was jene Steuerperiode anbelangt, die im Zusammenhang mit dem umstrittenen Kauf der Swissair-Immobilien-Tochter Avireal steht. Hier geht es um Verrechnungssteuerforderungen auf „angeblich geldwerte Leistungen von 156 Millionen Franken.“ Sie seien noch nicht verjährt, halten die Richter fest. Stoffel-Sprecher Hartmeier betont, dass in den Priora-Abschlüssen latente Steuerforderungen als Passivum berücksichtigt seien – „wie bei jeder Firma“.

Überhaupt gilt der Avireal-Deal als „Pièce de résistance“ in den Ermittlungen gegen Remo Stoffel. 2005 hatte der Valser Unternehmer zusammen mit seinem damaligen Geschäftspartner Hannjörg Hereth, einem ehemaligen Metro-Manager, die Swissair-Immobilien-Tochter Avireal vom Swissair-Liquidator Karl Wüthrich für gut 200 Millionen Franken übernommen.

Die Abteilung Strafsachen und Untersuchungen der ESTV kommt in ihrem Ermittlungsbericht, der als Basis für sämtliche Verfahren gegen Stoffel gilt, zum Schluss: „Hannjörg Hereth und Remo Stoffel waren vor der Übernahme der Avireal nicht in der Lage, den Kaufpreis für die Avireal aufzubringen.“

„Simuliertes“ Darlehen
Erst nach dem Kauf der Avireal und der Ausgliederung ihres Immobilienbestandes in eine eigene Gesellschaft war das Geld für die Transaktion vorhanden, und zwar durch einen Hypothekarkredit der ZKB in der Höhe von 188 Millionen Franken auf den Avireal-Immobilien. Um diesen Umstand bilanztechnisch zu verschleiern, sei ein Aktionärsdarlehen in dieser Höhe „simuliert“ worden. Zu diesem Schluss kommen zumindest die Spezialermittler der ESTV in ihrem Schlussbericht.

Ganz anders sieht Stoffel selbst den Sachverhalt: „Das Einzige, was aus zehn Jahren Untersuchung übrig bleibt, ist die Behauptung, ich hätte eine Gewinnausschüttung als Darlehen deklariert – und in diesem Fall gehen die Meinungen wie gesagt auseinander“, sagte er jüngst in einem Interview mit der „Südostschweiz“.
Der Avireal-Deal beschäftigt inzwischen auch die Staatsanwälte. Wie die „Handelszeitung“ berichtete, hat das Zürcher Steueramt im November Strafanzeige gegen Remo Stoffel wegen Steuerbetrug eingereicht. Die Zürcher Staatsanwaltschaft hat bislang keine Untersuchung eröffnet: Es seien noch Abklärungen nötig, die abzuwarten sind, sagt Sprecherin Corinne Bouvard. „Der Fall ist komplex.“

Lackmustest für Lauber

Bundesanwaltschaft Der Fall Hans Ziegler wird zur Nagelprobe für Insiderdelikte. Jüngst blitzte die BA in einem ähnlichen Verfahren ab.

Der Sanierer der Nation hat sich verspekuliert. Jahrelang ging der Industriemanager Hans Ziegler Kurswetten auf Firmen ein, in denen er im Verwaltungsrat sass. Nebst seinem Wissen als Primärinsider vergoldete er an der Börse Zufallswissen, das er in seinem Netzwerk aufschnappte. Aufsichtsrechtlich ist die Causa Ziegler abgeschlossen. Die Finma zog 1,4 Millionen Franken an unrechtmässigen Gewinnen ein. Und deren Chef Mark Branson geisselte Zieglers Trades öffentlich als „eklatanten Missbrauch“.

Nun liegt der Insiderfall bei Bundesanwalt Michael Lauber und seinen Strafverfolgern. Und im Strafrecht ist die Messlatte zur Verurteilung von Börseninsidern deutlich höher. Im Finma-Verwaltungsverfahren habe der Unterstellte eine „Mitwirkungspflicht“, sagt Rechtsanwalt Arno Thürig: „Doch diese Erkenntnisse können nur eingeschränkt ins Strafverfahren übertragen werden.“ Ansonsten werde das Aussageverweigerungsrecht des Beschuldigten unterlaufen.

Thürig weiss, wovon er spricht. Jüngst hat der Strafrechtler einen Mandaten in einem Insiderverfahren am Bundesstrafgericht verteidigt. Das Verfahren endete Anfang Juni in Bellinzona mit einem Freispruch. Dazu heisst es bei der BA: Man warte das schriftliche Urteil ab und prüfe danach „das weitere Vorgehen“. Die BA könnte den Fall vor Bundesgericht ziehen.

Tipps per Whatsapp
Thürigs Mandant, ein Informatikspezialist, hatte gemeinsam mit einem Banker-Kollegen auf die Titel des Baselbieter Biopharmaunternehmens Santhera gewettet und mit Aktiendeals einen kumulierten Vermögensvorteil von rund 450 000 Franken erzielt. Der IT-Spezialist hatte als externer Dienstleister bei Santhera Zugang zu nichtöffentlichen Informationen, direkt oder über Dritte. So auch im Frühjahr 2014, als das Unternehmen vor der Veröffentlichung eines positiven Studienresultates stand. Das Resultat führte mit zeitlichen Verzögerungen zu enormen Kurszuwächsen. Die Santhera-Aktie zog innert weniger Wochen von rund 3,60 Franken auf über 30 Franken an.

Als sich ein positives Studienergebnis abzeichnete, schrieb der IT-Mann seinem Kollegen, damals Kundenberater bei einer Privatbank, per Whatsapp-Messenger: „Santhera geit mit 95 Prozent Sicherheit über di nechste 1,5 Jahr steil“ und „Nöischti Ergebnis vor Forschig si akzeptiert“. Allerdings hatte Santhera zum Zeitpunkt der Handynachricht die Datenbank mit den Studienergebnissen selbst noch gar nicht „entblindet“, also gelüftet.

Später teilte der Informatiker dem Banker mit, dass „in den nächsten Tagen das positive Studienresultat öffentlich bekannt gegeben werde“, so die Anklageschrift. Der Finanzmann platzierte schliesslich mehrere Kaufaufträge auf die Santhera-Titel, einen kleinen Teil davon auch für seinen IT-Kollegen, den er während einer Ausbildung kennengelernt hatte.

Der Privatbanker selbst ging mit den Biopharma-Trades dermassen ins persönliche Risiko, dass er sein firmeninternes Kontokorrentkonto überzog und vom institutseigenen Monitoring aufgefordert wurde, sofort die Finanzlücke zu stopfen. Was er unter anderem mit Geld seiner Frau und seiner Mutter tat. Nach dem steilen Kursanstieg von Santhera veräusserte er gestaffelt die Titel und überwies seinem IT-Kollegen 40 000 Franken. Der Betrag überstieg den Wert der Aktien zum Verkaufszeitpunkt deutlich.

Die Überweisung trug die Vermerke „Santhera an (Name der Redaktion bekannt)“ und „You are my hero!“ Die Freude währte allerdings nicht lange: Die Aktien-Deals blieben im Monitoring der Börsenbetreiberin SIX hängen, worauf sich die Finma einschaltete und die BA eine Strafanzeige einreichte gegen den IT-Mann als Primär- und den Banker als Sekundärinsider.

Der nun erfolgte Freispruch mag Laien erstaunen. Doch Anwalt Thürig sagt: „Der Nachweis der potenziellen Tippübergabe von einem Primärinsider auf einen Sekundärinsider als Tippnehmer ist in der Praxis nicht leicht zu erstellen.“ Auch Christian Leuenberger, Partner bei der Wirtschaftskanzlei Pestalozzi, kennt die Problematik: Bei Marktmissbrauchsverfahren sei die Beweisführung oft die Schwierigkeit. Da in der Schweiz eine Kronzeugen-Regelung fehle, sei man weitgehend auf die Unbedarftheit der Beteiligten angewiesen – seien dies SMS, E-Mails oder schriftliche Notizen, die das Ausnutzen von Insiderwissen dokumentieren.

Schärfere Waffen
Allerdings ist der Insiderexperte zuversichtlich: Die Rechtsgrundlage sei inzwischen „griffig“. Seit 2013 werden auch Sekundär- und Zufallsinsider vom Gesetz erfasst und Vermögensvorteile über 1 Millionen Franken mit bis zu fünf Jahren Freiheitsstrafe verschärft geahndet. Zudem kümmern sich um Insiderdelikte inzwischen Finma (Aufsicht) wie Bundesanwaltschaft (Strafrecht). „Beide beschäftigen Spezialisten mit viel Know-how in der Marktüberwachung und Analyse“, sagt Leuenberger und fügt an: „Ich erwarte künftig mehr Verfahren und mehr Verurteilungen.“

Was nun noch fehle, sei eine Gerichtspraxis, die den Interpretationsspielraum im Gesetz konkretisiere.

Schaumkrone im Zugerland

AB In-Bev Der weltgrösste Bierkonzern verlagert seinen globalen Einkauf in den steuermilden Kanton Zug. Die Ansiedlung bringt zusätzliche Jobs.

Nur entfernt erinnern die 4-Towers im zugerischen Steinhausen an überdimensionierte Bierfässer. Im Innern der modernen Bürotürme – direkt an der Autobahn A4 gelegen – dreht sich dagegen alles um den edlen Gerstensaft. Hier residiert seit kurzem eine GmbH namens Anheuser-Busch In-Bev Procurement mit einem stolzen Stammkapital von 30 Millionen Franken. „Der weltgrösse Bierbrauer siedelt seinen globalen Einkauf in Steinhausen an“, sagt eine mit der Angelegenheit vertraute Person.

Derzeit zählt AB In-Bev in Steinhausen etwas mehr als 100 Personen, die von der Übernahme des Braukonkurrenten SAB-Miller herrühren. Wie viele der insgesamt 700 Personen der globalen AB-Procurement-Sparte schliesslich nach Steinhausen ziehen werden, ist noch offen. Der Stellenaufbau erfolge in Etappen, so der Insider: „Ein erster Verlagerungsschritt geschieht nach dem Sommer. Danach entscheidet das Management über weitere Schritte bis Ende Jahr.“

Weitere Entscheide stehen aus
Offiziell heisst es bei AB In-Bev, man setze die Analyse für einen „optimalen Standort des globalen Einkaufs“ fort. Dabei berücksichtige man unter anderem die globalen Rahmenbedingungen. Allerdings räumt Peter Dercon, Mediensprecher des Bierkonzerns, ein, dass der Grossteil des Topmanagements, das für den globalen Einkauf zuständig ist, seit April in Zug stationiert sei. Weitere Entscheide betreffend Einkaufsstandort seien „zu diesem Zeitpunkt“ jedoch noch nicht gefallen. Zugleich betont Dercon aber, dass man gewillt sei, den globalen Einkauf an einem Ort zentral zu führen.

Es hat eine steuerliche Bewandtnis, dass sich der Bierkonzern über die Wahl seines Einkaufsstandorts dermassen windet: Die Verlagerungsabsichten der AB Inbev sind konzernintern heikel. Bis heute koordiniert der Biermulti mit so klingenden Getränkemarken wie Budweiser, Corona oder Stella Artois die Beschaffung seiner Rohstoffe, Verpackungsmaterialien und Brauutensilien am Hauptsitz im belgischen Leuven. Doch das Steuerklima am Stammsitz ist frostig geworden. Der belgische Staat ist wegen seinen aggressiven Steuerpraktiken ins Visier der Europäischen Kommission geraten.
Das Königreich sah ab 2005 für internationale Konzerne eine Only-in Belgium-Steuerregel auf Überschüssen vor, dank der AB In-Bev den Gewinnsteuersatz in einzelnen Geschäftsjahren auf bis zu 1 Prozent drücken konnte. Anfang letzten Jahres aber schob die EU-Kommission den belgischen Steuerprivilegien den Riegel, stufte die Praktik als versteckte, staatliche Beihilfe ein und forderte von 35 ansässigen multinationalen Unternehmen 700 Millionen Euro zurück. Zu diesen Konzernen gehörte auch AB In-Bev.

Das verschärfte Fiskalregime in der EU dürfte die Procurement-Verlagerung in den steuermilden Kanton Zug wohl begünstigt haben. „Massgebend bei der Ansiedlung war der Steuersatz“, sagt der Insider. Aber auch Soft-Faktoren sollen eine Rolle gespielt haben. Offenbar möchte der belgische Bierriese, dass seine Mitarbeiter in Steinhausen das eigene Braugut vor Ort geniessen können. „Ein Pub mit In-Bev-Biersorten aus dem Zapfhahn steht zur Diskussion“, heisst es.

Wichtiger dürfte hingegen die Übernahme des britisch-südafrikanischen Konkurrenten SAB-Miller sein, der im Herbst 2016 für umgerechnet rund 105 Milliarden Franken übernommen wurde. Der Mega-Merger hat die Karten bei AB In-Bev neu gemischt. Das Credo seither lautet: Kräftig sparen und Synergien aus dem Zusammenschluss mit SAB-Miller schöpfen.
Schliesslich drücken die AB-Grossinvestoren um den brasilianischen Multimilliardär Jorge Paulo Lemann, der nur 40 Minuten Fahrzeit von Steinhausen in einer Villa am Zürichsee residiert, aufs Fusionstempo.

Das AB-Management mit Chef Carlos Brito an der Spitze ist entsprechend unter Druck. Die Zahlen im Geschäftsjahr 2016 waren deshalb eine bitterherbe Enttäuschung: In den beiden In-Bev-Hauptmärkten Brasilien und USA läuft das Geschäft nur schleppend. In Brasilien sorgt die schwere Rezession für trockene Kehlen. In den Vereinigten Staaten stempelte die lokal verankerte Craft-Beer-Bewegung AB-Megamarken wie Budweiser zum uninspirierten Braugut ab. Ob dieser lauwarmen Gesamt-Performance strich der Verwaltungsrat die variablen Boni des Topmanagements fürs 2016 gleich ganz.

Doch noch sind Hopfen und Malz nicht verloren für den belgischen Getränkehersteller, der jedes vierte Bier auf der Welt verkauft. Die Hoffnungen von AB In-Bev ruhen auf dem Wachstumsmarkt Afrika. Mit der Übernahme der britisch-südafrikanischen SAB-Miller ist der Bierkonzern nun praktisch in allen wichtigen Ländern auf dem Schwarzen Kontinent mit eigenen, gut etablierten Marken vertreten. Just jene SAB-Miller bildet auch das Bindeglied zur AB-In-Bev-Ansiedlung in der Schweiz. Denn die hiesige Einkaufsgesellschaft fungierte bereits zuvor als Procurement-Vehikel für den britischsüdafrikanischen Bierkonzern. SAB-Miller deckte sich vom Zugersee aus jährlich im Umfang von mehreren Milliarden Dollar mit Rohwaren ein. Auch den Europa-Hauptsitz administrierte SAB-Miller seit 2007 aus dem Kanton Zug heraus und steuerte überdies den Vertrieb auf dem Alten Kontinent für Bier und Softdrinks.

Euro-Biere an Japaner

Bei der Ankündigung der Fusion im Winter 2015 war noch nicht klar, ob die AB-In-Bev-Führung überhaupt an den Schweizer Standorten der SAB-Miller festhalten würde. Inzwischen ist klar, dass das Europa-Geschäft aus Zug weitergeführt wird. Aber nicht von AB, sondern von Konkurrent Asahi. Der japanische Bierkonzern kaufte Anheuser-Busch in einem Bieterverfahren in zwei Tranchen für kumuliert rund 10 Milliarden Franken etablierte europäische Biermarken wie Pilsner Urquell, Grolsch, Tyskie oder Peroni ab. Es handelte sich um den grössten Zukauf eines japanischen Brauers in Übersee überhaupt. Der Teilverkauf in Europa war zugleich eine Auflage europäischer Wettbewerbshüter, um AB In-Bev den Mega-Merger mit SAB-Miller zu erlauben. Auch die Japaner sind übrigens mit ihrem Europa-Office im Zuger Bier-Hub, Steinhausen, zuhause. 10 Minutern Fussweg vom belgischen Grosskonkurrenten entfernt.

Revolution der Robocars

Mobilität Selbstfahrende Autos erobern bald die Städte. In der Schweiz schlummert im autonomen Fahren ein Milliardenpotenzial, sagt ETH-Professor Emilio Frazzoli.

Eigentlich sollten im Hangar 3 in Dübendorf bereits die ersten Roboterautos herumkurven. Stattdessen ist die alte Militärhalle immer noch eine Baustelle. Denn in den denkmalgeschützten Gebäuden fand man Asbest. Die Sanierung dauert noch eine Weile.

Wo einst Militärjets gewartet wurden, werden schon bald selbstfahrende Gokarts ihre Testrunden drehen. Herr über die Robocars ist der 47-jährige Emilio Frazzoli. Die ETH Zürich konnte die Koryphäe für autonomes Fahren vom Massachusetts Institute of Technology in Boston abwerben. Nicht zuletzt, weil man ihm den alten Hangar auf dem Flugplatz Dübendorf für seine selbstfahrenden Autos versprochen hatte. Sein Forschungslabor für autonomes Fahren soll das Herzstück des neuen Innovationsparks der ETH werden, der künftig zwei Dutzend Firmen beheimaten wird.
Technologie Robo-Autos sind bald schon Realität

Frazzoli ist nicht nur Forscher, er ist auch Unternehmer. So amtet er als Mitgründer und Technikchef für das Mobilitäts-Startup Nutonomy. Bereits im kommenden Jahr will das amerikanische Startup eine selbstfahrende Taxiflotte auf Singapurs Strassen bringen. Mittels einer Handy-App können sich die Bewohner des Stadtstaates ein selbstfahrendes Nutonomy-Auto rufen und vom Robo-Vehikel an den gewünschten Ort chauffieren lassen. Solche autonome Flotten kombinieren die Vorzüge des Individualverkehrs wie Privatsphäre mit der Nutzungsintensität des öffentlichen Transports. Studien zeigen, dass private PKW zu 95 Prozent der Zeit ungenutzt herumstehen. Die Nutonomy-Flotte ist dagegen ständig unterwegs.

Allerdings sei der kommerzielle Service vorerst auf einzelne Stadtteile beschränkt, sagt Frazzoli. Doch der ETH-Professor ist überzeugt: „In 15 bis 20 Jahren wird jedermann selbstfahrende Autos nutzen.“ Bis dahin bleibt Singapur ein ideales Testfeld für die Mobilität der Zukunft. Im Stadtstaat stösst das öffentliche Transportnetz an seine Grenzen. Gleichzeitig dürfte die Bevölkerung in den nächsten zwanzig Jahren um bis zu 30 Prozent anwachsen.

Um eine künftige Verkehrsüberlastung zu verhindern, begegnen die Behörden bislang mit drakonischen Massnahmen: Die Zahl an PKW-Neuzulassungen ist stark beschränkt. Auf den Autoimport bestehen prohibitiv hohe Einfuhrzölle. Und wer ins Stadtzentrum fahren möchte, zahlt eine City-Maut. Zugleich ist die Metropole architektonisch stark verdichtet. Die rund sechs Millionen Einwohner leben auf einer Fläche so gross wie der Kanton Glarus.

Beste Voraussetzung für seine elektrische Robocar-Flotte findet Frazzoli, da die Reichweite keine Rolle spielt. Der ETH-Professor hat errechnet, dass in Singapur 300 000 selbstfahrende Autos den Individualverkehr ersetzen könnten, und dies bei einer Wartezeit von maximal 15 Minuten auf einen Robocar. Der Wagenpark des Stadtstaats liesse sich so um 60 Prozent reduzieren. Derzeit wälzt sich eine Blechlawine von gut einer Million PKW durch Singapurs Strassen.

Jenes Know-how, das Frazzoli in Südostasien gesammelt hat, fliesst nun auch in Verkehrssimulationen für Schweizer Städte ein. Erste Resultate in Zürich zeigen, dass 1000 autonome Taxis auf der Kurzstrecke die Mobilitätsbedürfnisse von rund 15 000 Bewohnern in der Limmatstadt decken könnten. Dies bei einer Wartezeit von lediglich vier Minuten.

Allerdings betont der gebürtige Römer, dass in der Schweiz der öffentliche Verkehr so gut sei, dass es weniger ergänzende Angebote brauche. Potenzial für Robocars sieht Frazzoli zu Randzeiten, wenn der öffentliche Nahverkehr kaum frequentiert wird, sowie an wenig erschlossenen, peripheren Orte. Entsprechend steht der ÖV mit den autonomen Autos nicht in Konkurrenz: „Für die erste und letzte Meile der Robocar, für die Langstrecke die Bahn“, lautet seine Losung. Denn Frazzoli ist von der Vorstellung des fahrenden Büros wenig begeistert: „Pendeln mit dem Auto bleibt eine Plage. Wer verbringt schon gerne seine Zeit in einer Metallbox.“

Wirtschaft Autonome Mobilität lohnt sich

Robocars vernichten Arbeitsplätze, weil sie Taxifahrer überflüssig machen. Jene Standardkritik am autonomen Fahren entkräftet Frazzoli nur zu gerne mit einem Beispiel: Würde die Weltbevölkerung ausschliesslich Taxidienste wie Uber nutzen, dann müsste jeder siebte Erdenbürger (vom Baby bis zum Greis) als Taxifahrer arbeiten – was schlicht nicht zu realisieren wäre. Übernehmen aber Robocars das Steuer, setzt dies Ressourcen frei für produktivere Tätigkeiten. Indem die Menschen ihre Zeit nicht am Steuer verbringen, sondern die Fahrt anderweitig nutzen.

Alleine für die Schweiz schätzt Frazzoli den Produktivitätsgewinn auf 37,6 Milliarden Franken jährlich (siehe Grafik unten). Demgegenüber stehen die Lohneinbussen im Taxigewerbe von etwa 150 Millionen Franken. Aber nicht nur die Arbeitswelt wird das autonome Fahren verändern, auch die Autoindustrie selbst. „Es wird weniger Fahrzeuge brauchen, aber diese Fahrzeuge werden viel mehr Kilometer zurücklegen als die heutigen PKW, welche die meiste Zeit in der Garage stehen“, sagt Frazzoli.

Unter dem Strich dürfte die Entwicklung für die hiesige Autozulieferindustrie jedoch negativ ausfallen: Die Umsatzverluste „sich nicht anpassender Automobilzulieferer“ dürften jährlich rund 6 Milliarden Franken betragen. Zwar dürfte sich also die zurückgelegte Strecke von Robocars erhöhen. Gleichzeitig reduzieren autonome Carsharing-Flotten aber den Flächenverbrauch des Individualverkehrs: Heute kommen auf jedes Auto zwei bis drei Parkplätze. Unter dem Strich überwiegen die positiven ökonomischen Effekte einer autonomen Mobilität auf die hiesige Volkswirtschaft. Die möglichen jährlichen Wertsteigerungen beziffert Frazzoli auf rund 60 Milliarden Franken.

Sicherheit Der Mensch ist das Problem

Zum Sicherheitsrisiko werden die selbstfahrenden Autos dann, wenn auch Menschen unterwegs sind. Dabei ist es paradoxerweise die Übervorsichtigkeit der autonomen Fahrzeuge,welche die meisten Unfälle provoziert. Erkennt der Roboterwagen am Strassenrand einen Fussgänger, so ist dieser ein potenzieller Gefahrenherd – der Robocar bremst abrupt ab. Für die nachfolgenden Fahrzeuge kommen die Stopps überraschend – und das endet häufig mit Blechschäden: Bei fast allen Unfällen, in denen etwa die selbstfahrenden Autos von Google involviert sind, handelt es sich um Auffahrunfälle.

Die Computerautos so zu programmieren, dass sie sich im Verkehr wie Menschen verhalten, hält Frazzoli allerdings für eine „dreiste Idee“: „Der Mensch ist alles andere als ein perfekter Autofahrer: Er rast, übertritt Gesetze – und reagiert in vielen Situationen irrational.“ Autonome Autos müssen darum verlässlicher sein als der Mensch – und ihr Verhalten auf der Strasse zu 100 Prozent vorhersehbar: „Unsere Fahrzeuge müssen sich bewegen wie Personenlifte, nur dass sie die Menschen auf der Horizontalen von A nach B bringen.“ Es ist also der Mensch, der sich der Fahrweise der Computerautos anpassen muss, und nicht umgekehrt. Entsprechend wichtig ist es laut Frazzoli, autonome Fahrzeuge möglichst früh im Verkehr zu etablieren: „Nur so lernen die Menschen das Verhalten der autonomen Fahrzeuge kennen.“

In die falsche Richtung bewege sich die Autoindustrie mit ihren immer ausgefeilteren Fahrassistenzsystemen, die teilweise autonomes Fahren erlaubten. „Tesla und andere Autobauer investieren zu viel Zeit und Aufwand in diese Assistenten. Das ist gefährlich“, so Frazzoli. Wenn ein Fahrzeug einen Grossteil der Fahrzeit autonom fahre, werde der Fahrer nachlässig. Auch in der Luftfahrt sei nach Einführung des Autopiloten die Zahl der Flugunfälle angestiegen, weil die Piloten im entscheidenden Moment versagten. Der Professor warnt generell vor einer übersteigerten Technologiegläubigkeit: Robocars könnten die Gesetze der Physik nicht aushebeln. Auch sie unterliegen der Trägheit der Masse.

Gesellschaft Das Recht von Algorithmen
Mit Robotern als künftigen Verkehrsteilnehmern stellen sich ganz neue rechtliche wie ethische Fragen. Eine Grundregel im Schweizer Strassenverkehrsgesetz: Jedermann soll sich im Verkehr so verhalten, dass er andere in der ordnungsgemässen Benutzung der Strasse weder behindert noch gefährdet. Die Maxime könnte laut Frazzoli vom Fahr-Algorithmus missverstanden werden: „Was bedeutet die Grundregel für Verkehrsteilnehmer, die sich nicht ans Strassenverkehrsgesetz halten? Werden die plötzlich zu Freiwild?“

Das Beispiel zeigt: Das Gesetz ist von und für Menschen geschrieben. Zahlreiche zentrale Aspekte sind unausgesprochen und intuitiv geregelt. Genau diese menschlichen Unschärfen widersprechen der Rigidität von Algorithmen. Frazzoli fordert deshalb ein explizites, legales Regelwerk für Robocars. Denn bislang gilt auf internationaler Ebene weiterhin das Wiener Abkommen von 1968. Es schreibt vor, dass der Mensch in jedem Fahrzeug die Kontrolle übernehmen können muss. Jetzt wackelt diese Maxime: In Deutschland hat der Bundestag nun im Frühjahr ein Gesetz verabschiedet, das es Fahrzeuglenkern erlaubt, sich für „eine bestimmte Zeit vom Verkehrsgeschehen und der Fahrzeugsteuerung“ abzuwenden. Und auch in der Schweiz will das Bundesamt für Strassen noch in diesem Jahr ein Gesetz in die Vernehmlassung schicken, das neue Leitplanken zum autonomen Fahren setzen will. Frazzoli will den Behörden mit seiner Arbeit Grundlagen für den Gesetzgebungsprozess liefern.

Hauptsächlich ist der Robocar-Missionar aber mit Aufklärung beschäftigt. Er sei kein Autohasser, betont der Italiener. Für Alltagsverrichtungen wie Einkaufen oder zur Arbeit pendeln seien autonome Fahrzeuge aber einfach prädestiniert. Die Freude am Fahren werde nicht mit Robocars verschwinden. „Schliesslich sind die Pferde mit der Erfindung des Autos auch nicht ausgestorben.“