Mahnfinger für Manager

Abstimmungsverhalten US-Grossanleger wie Vanguard, Blackrock und State Street strafen Schweizer Konzerne wegen nebulöser Vergütungspläne und mangelnder Diversität ab.

Die Führung der Grossbank Credit Suisse brachte im letzten Jahr selbst Wirtschaftsminister Johann Schneider-Ammann auf die Palme: Als «eine Rücksichtslosigkeit, die sich früher oder später bei den sozialpartnerschaftlichen Auseinandersetzungen rächen wird,» bezeichnete der Freisinnige Schneider-Ammann die Pläne von CS-Präsident Urs Rohner und dem Board, die Löhne der Geschäftsleitung um Chef Tidjane Thiam von 64 Millionen auf 82 Millionen Franken zu erhöhen, obwohl die Grossbank Jahr für Jahr Milliardenverluste auftürmte. Schliesslich lenkte der Credit-Suisse-Verwaltungsrat kurz vor der Generalversammlung ein und verkleinerte den Honigtopf für Thiam: «Verzicht auf 40 Prozent des Bonus», lautete nun die frugale Botschaft der Grossbank.

Hohe Chefbonus

Was sich nun zeigt: Dem Verzicht auf Thiams Turbobonus ging ein erbittertes Seilziehen im Hintergrund voraus, bei dem die grossen US-Investmenthäuser eine gewichtige Rolle spielten. So schreibt State Street Global Advisor in ihrem jüngsten «Asset Stewardship»-Bericht: «Wir trafen uns mit dem Vorsitzenden des Vergütungsausschusses der Credit Suisse, um unsere Vorbehalte gegen die variable Vergütung der Geschäftsleitung auszudrücken.» Der drittgrösste Assetmanager der Welt mit 2,8 Billionen Dollar Anlagevermögen kritisierte gegenüber dem damaligen CS-Vergütungschef Jean Lanier insbesondere den Bonus von Tidjane Thiam, der «hoch erscheint angesichts der substanziellen Verluste und der fallenden Umsätze der Unternehmung».

Schliesslich schlug State Street dem Vergütungsausschuss vor, mehr «operative und Profitabilitäts-Metriken» in den Incentivierungsplan der Bankoberen einzubauen. Nachdem State Street und andere institutionelle Anleger am Paradeplatz ihren Standpunkt klargemacht hatten, lenkte der CS-VR um Rohner, Lanier und Co. schliesslich ein und reduzierte den «total compensation payout» an den operativen Chef. Worauf State Street an der Generalversammlung der Grossbank mit den Vorschlägen des Verwaltungsrates mitstimmte.

Gewicht geltend gemacht

Das Beispiel zeigt, wie die grossen Anlagehäuser, die Vermögen von zig Billionen verwalten, im Vorfeld und an den Generalversammlungen ihr Gewicht geltend machen und wichtige Änderungen erzwingen können. Dies führt dazu, dass selbst Schwergewichte wie der Nahrungsmittelmulti Nestlé mittlerweile in die Gänge kommen, wenn die Asset-Riesen rufen. So trabten der Nestlé-Präsident und sein operativer Chef im letzten Jahr zum One-to-one-Meeting in London an, um dem angelsächsischen Vermögensriesen den Umgang des Konzerns mit der Ressource Wasser darzulegen.

Solcherlei Austausch mit gewichtigen Investoren ist mittlerweile Alltag bei hiesigen Grosskonzernen. Sie seien es gewohnt, im Vorfeld einer Generalversammlung die Meinung von globalen, institutionellen Investoren einzuholen, sagt Robert Walker, der bei State Street Global fürs Abstimmungsverhalten in der Region EMEA zuständig ist: «Dies hilft, heikle Themen vor der Abstimmung bereits auszudiskutieren.» Im Gegensatz zu den grosskapitalisierten Konzernen sieht Walker bei Schweizer Small Caps und Mid Caps noch Nachholbedarf: «Es fällt auf, dass kleinere und mittlere Unternehmen zuweilen Mühe bekunden, den Investoren transparent zu machen, nach welchen Kriterien sich die leistungsorientierte Vergütung bemisst», sagt Walker im Interview (siehe rechts).

Nicht langfristig orientierte Vergütung

Walkers Aussagen decken sich mit Auswertungen der «Handelszeitung» zum Abstimmungsverhalten der drei weltgrössten Anlagemanager – Blackrock, Vanguard und State Street Global – hierzulande. Die drei Asset-Riesen vereinen fast 15 Billionen Dollar Anlagevermögen und sind im Kundenauftrag entweder passiv oder aktiv in praktisch allen börsenkotierten Titeln weltweit investiert. Auch in der Schweiz, wo die Investmenthäuser gewichtige Positionen in Einzelwerten halten und ihr Stimmrecht an den Generalversammlungen aktiv ausüben.

Alle drei Assetmanager müssen dabei ihre spezifischen GV-Voten bei der US-Börsenaufsicht SEC einreichen, wodurch ein transparentes Bild übers helvetische «proxy voting» entsteht: Es zeigt sich, dass die Grossanleger dabei vor allem Schweizer Small Caps und Mid Caps mit Ablehnung abstrafen (siehe Box). Insbesondere der Vergütungsbericht sowie die Mitglieder des Vergütungsausschusses sind beliebte Ziele. Mit diesem «against» geht es vor allem darum, dass die Vergütungsmodelle entweder zu wenig klar und transparent dargelegt werden oder dass die Incentivierung sich nicht mit den Interessen langfristig orientierter Investoren deckt. Das ist entscheidend, wie es State-Street-Chef Cyrus Taraporevala in einem Meinungsstück jüngst formuliert hat: «Unsere Indexfonds können nicht wählen, in wen sie investiert sind. Weil wir also nicht verkaufen können, müssen wir das Management zur Veränderung drängen – im Sinne einer langfristigen Perspektive für unsere Kunden.»

Das bedeutet etwa eine Best Practice in Sachen gute Unternehmensführung: Börsenkotierte Schweizer Firmen, die zuweilen Züge eines Familienunternehmens tragen, goutieren die angelsächsischen Anlageprofis nicht. Prominente Beispiele sind Swatch, Schindler oder der Schoggi-Konzern Lindt & Sprüngli mit seinem Beinahe-Patron Ernst Tanner.

Anderes Profil gesucht

Aber auch die Diversität in Verwaltungsrat und Geschäftsleitung brennt den grossen USHäusern unter den Nägeln, und zwar stets unter der Optik einer längerfristig besseren Performance von gemischten Boards und Geschäftsleitungen.

«Der Schweizer Markt hinkt in Sachen Diversität anderen europäischen Märkten hinterher», schreibt Blackrock. Dabei hebt der weltgrösste Assetmanager nicht nur den Mahnfinger oder straft Männergremien an der Generalversammlung ab. Blackrock interveniert auch in der Schweiz, wenn es darum geht, mehr Frauen auf die Teppichetage zu bringen.

Nachdem der US-Anlagegigant sich mit dem Verwaltungsrat der Immobiliengesellschaft Swiss Prime Site über Diversität ausgetauscht hatte, schlug der VR der SPS-Generalversammlung im Frühjahr die Industriemanagerin Barbara Frei-Spreiter zur Wahl vor. Eine Managerin «mit einem anderen Profil als die bisherigen Board-Mitglieder und mit relevanter Expertise», schreibt Blackrock zum SPS-Neuzugang stolz.

Fin de Tech

UBS Hinter jeder Zahl verbirgt sich eine Geschichte. Dies ist der Slogan, mit dem die Grossbank UBS ihren Robo-Advisor namens Smartwealth im letzten Frühling in Grossbritannien offiziell lanciert. Das Vereinigte Königreich soll Testmarkt sein für eine automatisierte Anlagelösung des weltgrössten Vermögensverwalters.

Keine anderthalb Jahre später schickt die UBS ihren Robo bereits wieder in Rente. Die Eigenentwicklung wird ans amerikanische Fintech Sigfig veräussert, an der die Grossbank eine Minderheit hält. Noch fünf Jahre erhält die UBS Lizenzgebühren auf das geistige Eigentum. Dann gehört der Robo ganz den Amerikanern.

Persönliche Animositäten

Offiziell begründet die Bank das Ende von Smartwealth mit dem «limitierten Kurzfrist-Potenzial» der automatisierten Anlagelösung. Ohne allerdings auf Fragen nach der Anzahl Kunden oder der Höhe der verwalteten Vermögen einzugehen.

Doch hinter jeder Zahl verbirgt sich bekanntlich eine Geschichte. So auch beim Robo-Versuch der UBS. Es ist dies eine Geschichte von kulturellen Unvereinbarkeiten, persönlichen Animositäten, Konzerndenke und knallhartem Kostenmanagement.

Die Geschichte von Smartwealth beginnt vor etwa vier Jahren, als sich junge Wilde in einer Mansarde am Zürcher Löwenplatz einquartieren. Die Tech-Truppe aus Jeans- und Turnschuhträgern schickt sich an, das Banking der Zukunft zu erfinden. Finanziert wird das Innovation Lab von der Vermögensverwaltung der UBS. Leiter ist Dave Bruno, der heute für den Börsenbetreiber SIX als Company Builder arbeitet. Das Lab steht unter dem Patronat des damaligen Wealth-Management-Chefs Jürg Zeltner. Dessen operativer Leiter, ein Ex-Manager von Blackrock, propagiert vollmundig die «Demokratisierung der Vermögensverwaltung». Dank smarter Technologie soll die UBS nicht nur Schwerreiche umfassend bedienen, sondern auch Wohlhabende mit 15 000 bis etwa 2 Millionen Pfund Vermögen effizient erreichen. Ein Kundensegment, das die Bank mit Ausnahme des Schweizer Heimmarktes bislang kaum adressiert. «Mass affluent» lautet das Zauberwort der Stunde.

Entsprechende Ideen soll der «interne Beschleuniger» am Löwenplatz liefern. Und so macht sich eine junge Truppe ans Fintech-Werk. Es sind Leute wie Konstantin Speidel, der heute die digitale Transformation der Allianz Versicherung in München treibt. Im Lab entstehen zahlreiche Business-Ideen und Geschäftsmodelle wie etwa Ynome. Eine Art «Trip Advisor für Vermögensverwalter», den die UBS bald schon wieder einstampft. Oder eben der hauseigene Robo-Advisor namens Smartwealth.

Revolut als Blaupause

Allerdings hat jene Idee, die am Löwenplatz geboren wird, mit dem späteren Smartwealth-Offering in Grossbritannien nurmehr wenig zu tun, wie Insider berichten. Die ursprüngliche Losung aus dem Lab lautet nämlich, Smartwealth möglichst simpel und effizient zu gestalten. Im Sinne eines hohen Automatisierungsgrads («no human factor»), damit die Grundgebühr tief und kompetitiv gehalten werden kann. Als Vorbild dienen erfolgreiche Digitalbanken wie Revolut, deren Basisangebot kostenlos ist. Wer etwas mehr will, zahlt dann aber extra.

Doch das «WM Lab» dient in der UBS eben nur als bunte Ideenschmiede. Ein einsames Biotop von Freigeistern innerhalb der Silos einer Grossbank. Schliesslich geht das Smartwealth-Projekt vom Lab in die Business-Linie des Finanzkonzerns über. Am Drücker sind nun arrivierte Institutsdirektoren, welche dem schlank gedachten Robo-Advisor die geballte Investment-Kompetenz der UBS aufbürden. Schliesslich ist man intern stolz auf die eigene Hausmeinung und pflegt den Advice aktiv auf allen Kanälen zu verbreiten. Diese Antithese zur automatisierten Portfolio-Anlage auf passive Art findet auch im konzerneigenen Robo-Advisor ihren Niederschlag.

Als Smartwealth ab Ende Februar 2017 offiziell Publikumsgelder annimmt, stehen nicht weniger als zehn Strategien auf Basis von fünf Risikoprofilen zur Auswahl. Diese Robo-Strategien umfassen auch Fonds, die von Portfoliomanagern aus Fleisch und Blut aktiv verwaltet werden. Entsprechend hoch sind die Verwaltungsgebühren von etwa 1 bis 2 Prozent, je nach Grad des «human touch». Zum Vergleich: Bei Nutmeg, dem grössten Robo-Advisor auf der Insel mit rund 1 Milliarde Pfund an verwalteten Vermögen, liegt die Basisgebühr bei 0,75 Prozent.

Am Ende war es ein Luxus-Robo

Aus Smartwealth ist also ein Luxus-Robo geworden, der mit einem siebzigköpfigen Team im garstigen Grossbritannien fortan um jeden Kunden kämpfen muss. Denn auf der Insel ist der Markt für automatisierte Anlagelösungen bereits hart umkämpft. Es herrscht volle Kostentransparenz. Und was für die tech- und finanzaffine Kundschaft vor allem zählt, sind möglichst tiefe Anlagegebühren. Nuancen im Angebot haben es da schwer.

Zwar attestieren alle Befragten dem UBS-eigenen Robo-Advisor eine hohe technische Ausgereiftheit: Sowohl das digitale Onboarding als auch die Usability seien vorbildlich. Doch die Preisprämie lässt sich nur mit hohen Marketingaufwänden durchsetzen. Die Rede ist von mehreren hundert Pfund an Akquisekosten pro Kunde. Kosten, die wohl erst mittelbis längerfristig wieder eingespielt worden wären – wenn überhaupt.

Zum Verhängnis sind dem Robo aber nicht schlechte Zahlen geworden: «Es war nie vorgesehen, dass Smartwealth nach eineinhalb Jahren profitabel arbeitet», sagt ein Insider. Vielmehr sei der Robo-Advisor ein Strukturopfer: Mit dem Abgang von Vermögenschef Zeltner und der Verschmelzung von Americas und International zu Global WM Anfang Jahr dreht die neue Führung um Martin Blessing und Tom Naratil an der Kostenschraube. Gefordert werden Synergieeffekte, auch wenn sich das Geschäft in den USA und dem Rest der Welt fundamental unterscheidet. Smartwealth erscheint vor diesem Hintergrund als «low-hanging fruit». Zumal das schützende Commitment der neuen Vermögenskapitäne in den reinen Robo des Vorgängers fehlt.

«Ich glaube nicht, dass es so weit kommt, dass in zehn Jahren jeder alleine vor seinem Robo-Advisor sitzt und nur noch mit dem Computer interagiert», sagte Martin Blessing im letzten Winter zur «Handelszeitung» und fügte an: «Der Computer unterstützt, er hilft dem Berater, aber die menschliche Interaktion wird immer noch stattfinden.» Kurz danach beerbt Blessing Zeltner als Chef des Wealth Management der UBS.

Showdown in Luanda

Jean-Claude Bastos Der Ex-Staatsfonds-Verwalter aus der Schweiz hat einen juristischen Sieg errungen. Doch dem Investor droht weiterhin viel Ärger in Angola.

Deutlich fällt das Urteil von Andrew Popplewell Mitte Monat aus. Der Richter am High Court of England and Wales spricht von einer «unfairen Darstellung», die weit über «unbeabsichtigte Versehen» hinausgehe und zentrale Elemente des Verfahrens betreffe. «Die Pflichtverletzungen sind ausreichend schwerwiegend, um das Einfrieren der Vermögenswerte aufzuheben und keine neuen Massnahmen mehr zu gewähren.»

Das Verdikt aus London ist die jüngste Wendung in der juristischen Schlacht zwischen Jean-Claude Bastos, dem Ex-Staatsfonds-Verwalter mit Heimatort Welschenrohr, der ohne Pass in Angola festsitzt, und den dortigen Behörden. Noch im April hatte der High Court vorsorglich das weltweite Einfrieren von 3 Milliarden Dollar an Staatsfonds-Geldern angeordnet, die in von Bastos kontrollierten Private-Equity-Vehikeln auf Mauritius und anderswo lagen.

Globale Kontensperre

Die globale Kontensperre entzog Bastos und dessen Zuger Quantum Global auf einen Schlag die flüssigen Mittel. Die Sperre basierte unter anderem auf dem Verdacht des «Vertragsbruchs und der Verschwörung mit unrechtmässigen Mitteln». Nur drei Monate später erfolgt nun die Rolle rückwärts, nachdem Richter Popplewell die Eingabe materiell geprüft hat. Er kommt zum Schluss, dass Bastos’ Fondsverwaltung zumindest handelsrechtlich einer ersten Prüfung standhält. Dafür dürften Geschäftspartner und Anwalt Thomas Ladner, aber auch ehemalige Weggefährten wie der Zuger Wirtschaftsadvokat Martin Neese oder die Ex-Mitarbeiterin der Wirtschaftskanzlei Walder Wyss, Rahel Rosenow, gesorgt haben. Der jüngste Entscheid ist ein Rückschlag für Angolas Präsidenten João Lourenço, der seit Amtsantritt im letzten Jahr gegen die Getreuen seines langjährigen Vorgängers José Eduardo dos Santos ins Feld zieht. Unter anderen gegen Santos-Sohn Zenú, den Ex-Staatsfonds-Präsidenten, und seinen Freund Jean-Claude Bastos.

Gerungen wird um den 5-Milliarden-Dollar schweren Staatsfonds namens FSDEA (Fundo Soberano de Angola), dessen Verwalter Bastos ab 2013 war. Seit dieser Zeit bezogen er und sein weit verzweigtes Firmengeflecht Gebühren von 560 Millionen Dollar, wie aus dem Urteil hervorgeht. Darin eingerechnet sind 49 Dienstleistungs-Kontrakte für über 150 Millionen Dollar, die der FSDEA an Bastos-eigene Firmen vergab, die auch in der Schweiz ansässig sind. Beispielsweise flossen 10 Millionen an die PR-Firma Djembe oder 36 Millionen an die African Innovation Foundation mit Sitz in Zürich, deren Präsident der Ex-Chef der Deza, Walter Fust, ist.

Machtwechsel bringt Wende

Die enge und lukrative Geschäftsbeziehung zum FSDEA kam mit dem Machtwechsel in Angola letzten Sommer rasch unter Beschuss. Im Nachgang zur Paradise-Papers-Enthüllung liess die neue Regierung im Dezember vom Beratungsunternehmen EY einen Report erstellen, der die Verwaltung des «Fundo» durchleuchtete. Danach entliess man Zenú als FSDEA-Präsidenten und machte sich daran, Quantum Global als Verwalterin abzusetzen. Zunächst entzog der Staatsfonds im Frühjahr dem Zuger Finanzdienstleister ein liquides 2-Milliarden-Dollar-Portfolio.

Ein Mandat, das Bastos über die Jahre rund 80 Millionen Dollar eintrug und dessen Verwaltungsgebühr der EY-Report als «hoch angesichts der Portfoliogrösse» taxiert. «Hoch» sei allerdings eine «verhältnismässig geringfügige Basis für einen Betrugsvorwurf», meint Richter Popplewell. Solche und ähnliche Relativierungen ziehen sich wie ein roter Faden durch das 34-seitige Urteil, mit dem der Richter des High Court die globale Kontensperre aufhob. Popplewell zerzaust Angolas Klage, die von der internationalen Wirtschaftskanzlei Norton Rose Fulbright erarbeitet wurde, und zwar formal wie materiell. So sei London gar nicht der geeignete Gerichtsstand und die Kontensperre sei sowieso unnötig, weil keine Gefahr der Veruntreuung bestehe. Denn von den 3 Milliarden an Private-Equity-Geldern, die Bastos hätte investieren sollen, liegen 2,2 Milliarden Dollar unangetastet und flüssig bei Northern Trust. Und das US-Finanzhaus billigt seit Frühjahr nur noch Transaktionen, wenn Quantum und «Fundo» gemeinsam zustimmen.

Prima vista professionell

Weiter sieht der Richter keine stichhaltigen Punkte für eine Verschwörung zwischen Zenú und Bastos mit dem Ziel, den Staatsfonds zu plündern. Und auch der Auswahlprozess von Quantum Global als Fondsmanager sei damals – a prima vista – professionell abgelaufen. Weder die Investments selbst, die vereinbarten Fees noch die in den Paradise Papers enthüllten Offshore-Strukturen seien besonders aussergewöhnlich oder verdächtig. Strukturen, in denen auch SBB-Präsidentin Monika Ribar als VR einer Offshore-Hafen-Firma aufgetaucht ist. Und selbst der von der Regierung in Auftrag gegebene EY-Report bezeichnet die Gebühren von Bastos’ Private-Equity-Vehikeln als «traditionell».

Hingegen kritisiert Richter Popplewell mehrfach, dass die Kläger wichtige Fakten unterschlagen oder sogar falsch dargestellt hätten. In dieser Pflichtverletzung resultiert die nun erfolgte Aufhebung der Kontensperre. Denn selbst bei heiklen Geschäftskonstellationen sicherte sich der Fondsverwalter juristisch ab: In ein Hotelprojekt in Luanda flossen 157 Millionen Dollar an Staatsfonds-Geldern. Bastos agierte als Co-Investor. Quantum legte diesen und andere «potential conflicts of interest» 2016 offen und der FSDEA erliess eine Verzichtserklärung auf betroffene Projekte.

Angola-Verfahren ist entscheidend

Auch wird im UK-Urteil betont, dass der Staatsfonds bis im Mai 2013 gar nicht von Bastos-Freund Zenú präsidiert wurde, sondern vom späteren Finanzminister Armando Manuel. Für einen britischen Richter mag dies Beweis genug sein für die personelle Unabhängigkeit des «Fundo». Doch: «Popplewell ist ein Handelsrichter, der Verträge liest und interpretiert», schreibt der regimekritische Journalist Rafael Marques: «Nur ein Kenner der angolanischen Verhältnisse versteht, dass Manuel stets ein Protegé von Zenú war, aber dies vor einem britischen Gericht zu beweisen, ist unmöglich.»

Matchentscheidend wird deshalb das Strafverfahren in Angola sein, das der Generalstaatsanwalt gegen Zenú und Bastos anstrengt. Will der Schweizer den Kopf aus der Schlinge ziehen, werden wohl massive finanzielle Konzessionen nötig, nicht zuletzt weil Präsident Lourenço seine Macht konsolidiert. Bald schon übernimmt er den Vorsitz der Staatspartei MPLA. Seine Rücksichtnahme gegenüber dos Santos und dessen Getreuen dürfte weiter schwinden.

Angriff auf St. Gallen

Raiffeisen Die Regionalfürsten der Raiffeisen wollen die Zentrale zurückbremsen. Nur wer dies unterstützt, hat Chancen als neuer Präsident der Gruppe.

Die Suche nach neuen Chefs für die Raiffeisengruppe läuft auf Hochtouren. Die Gruppengesellschaft Raiffeisen Schweiz braucht nicht nur einen Ersatz für Chef Patrik Gisel, sondern auch einen Nachfolger für den interimistischen Präsidenten Pascal Gantenbein. Zusätzlich gesucht sind fünf neue Verwaltungsräte, um das statutarische Minimum von neun Personen zu erfüllen. Nicht weniger als 400 Bewerbungen gingen bislang in St. Gallen ein. Headhunter Guido Schilling steuert den Prozess.

Viele Namen wurden schon kolportiert. Als wahrscheinliche Kandidaten aufs Präsidentenamt gelten unter anderem der frühere Helvetia-Chef, Stefan Loacker, und Urs Rüegsegger, bis 2017 Chef der SIX Group (siehe Spalte rechts). Beide haben derzeit keine Exekutivmandate. Bis Ende September will der Verwaltungsrat von Raiffeisen einen Präsidentschaftskandidaten präsentieren, der an der ausserordentlichen Delegiertenversammlung im November im aargauischen Brugg gewählt werden soll.

Das seit Monaten bestehende Führungsvakuum hat neue starke Männer zutage gefördert. Schattenchefs in den Regionen. Schon in den Diskussionen um mögliche Straftaten des früheren Raiffeisen-Chefs Pierin Vincenz haben sich die Präsidenten grösserer Raiffeisenverbände aktiv eingebracht. Nun blasen deren Präsidenten zum Angriff auf die St. Galler Zentrale, die Genossenschaft Raiffeisen Schweiz. Aus dem faktischen Kopf der Gruppe, der Raiffeisen Schweiz unter den Alpha-Managern Vincenz und Gisel war, soll wieder ein bescheidener Dienstleister für die Banken werden, finden sie. Doch bis dahin ist es noch ein weiter Weg. Von «Verkaufsorganisationen» ist in St. Gallen zuweilen die Rede, wenn die 250 rechtlich eigenständigen Banken gemeint sind. Und am Roten Platz in der Gallusstadt versteht man sich weiter als «Cockpit der Gruppe».

St. Gallen soll sich wie eine Tochter verhalten

Er nehme eine «missverständliche Sichtweise» dessen wahr, wie Raiffeisen organisiert ist, sagt Fredi Zwahlen, Präsident des Raiffeisenverbands Nordwestschweiz. «Raiffeisen Schweiz ist nicht etwa die Spitze der Gruppe, sondern eine Tochter der 246 Banken», betont er. Und als solche solle sie sich auch wieder verhalten. Gemäss Statuten habe Raiffeisen Schweiz in erster Linie folgende Aufgaben: Zentralbank, Gruppenstrategie und zentrale Dienstleistungen wie IT und das Gruppenmarketing. Mehr aber nicht.

Dem pflichtet Thomas Lehner vom Aargauer Raiffeisenverband bei. «Raiffeisen Schweiz soll wieder mehr Dienstleistungsunternehmen werden und weniger selber aktiv sein.» Es brauche einen deutlichen Schritt zurück. Die zwei Verbände stellen zwar nur 14 Prozent der Raiffeisen-Delegierten. Lehner betont aber, in diesem Punkt herrsche Konsens unter den 21 Regionalchefs.

Die Banker in den Regionen stören sich daran, dass Raiffeisen Schweiz selber operativ tätig wurde. So investierte die Tochter unter Vincenz in Banken und andere banknahe Unternehmen. Ein Teil dieser Beteiligungen – etwa die Privatbank Notenstein La Roche – wurde inzwischen wieder verkauft. Anderseits wurden die Raiffeisenbanken aber auch operativ stärker eingebunden. Über Beratungsdienstleistungen und Kontrollen, welche St. Gallen ungefragt anbietet. Und verrechnet.

Schlüssel aus den Neunzigern

Der Leistungskatalog gehöre überarbeitet, fordert deshalb ein Regionalverbandspräsident, der anonym bleiben will. Für Wirbel sorgt auch die Verrechnung dieser Leistungen über Finanzierungs- und Kostenbeiträge. Dieser Finco-Schlüssel stammt aus den frühen neunziger Jahren, gilt als kompliziert, intransparent und schürt das Misstrauen gegenüber der St. Galler Zentrale.

Auch die «Marktmanager» gelten als Stein des Anstosses. Das Marktmanagement ist in St. Gallen angesiedelt, begleitet jedoch die Banken in den Regionen. «Unsere Bank ist ein eigenständiges Institut», sagt Zwahlen, der auch die Raiffeisenbank Liestal-Oberbaselbiet präsidiert. «Da brauche ich doch keine Spezialisten aus St. Gallen, die uns strategisch begleiten.» Seine Bank liefere ihre Zahlen für das Gruppen-Controlling nach St. Gallen. Das müsse reichen.

Vor allem grosse Banken sehen nicht ein, weshalb sie so viele Dienstleistungen von St. Gallen beziehen sollen. Dienstleistungen, die sie auch selber erbringen können.

Dass Raiffeisen Schweiz zudem mit eigenen Bankfilialen tätig ist, kommt gar nicht gut an. Einst wurden die Banken in den grossen Städten – etwa in Zürich und Basel – als Ableger von Raiffeisen Schweiz gegründet, weil es dort keine genossenschaftlichen Strukturen gab. Die Idee war, Genossenschaften zu gründen, sobald genug Kunden gewonnen sind. Doch das ist nicht passiert. Zwanzig Jahre nach der Eröffnung der ersten Stadtfilialen werden diese noch immer als Niederlassungen von Raiffeisen Schweiz geführt. Damit tritt diese in Konkurrenz zu ihren Eigentümern. Korrekturen sind offenbar eingeleitet. Zumindest ein Teil der Stadtfilialen soll, Recherchen zufolge, an regionale Genossenschaften übertragen werden.

Statt Grosskunden wieder Gewerbler anpeilen

Kritisiert wird auch, dass St. Gallen die falschen Kunden anpeile, etwa im Firmenkundengeschäft. «Raiffeisen Schweiz hat die Tendenz, Dienstleistungen für mittlere und grosse Kunden aufzubauen», sagt Lehner. «Aber weniger für die kleinen Unternehmen, die wir als Kunden haben.» Auch beim Raiffeisen-Unternehmerzentrum ortet er Geburtsfehler. «Das Modell, Unternehmer beraten Unternehmer, funktioniert in der Praxis nicht.» Zwahlen teilt die Kritik. «Leistungen für die KMU können die Banken selbst erbringen», betont er. «Sie sind am nächsten am Kunden.»

Mittlerweile haben diese und andere Forderungen in einem gruppenweiten Erneuerungsprozess Widerhall gefunden, der unter dem Namen «Fokus 21» läuft. Raiffeisen soll damit strukturell sozusagen im 21. Jahrhundert ankommen. Ein zentrales Traktandum: die optimale Organisation. So verlangt die Finanzmarktaufsicht Finma in ihrem Enforcementbericht, dass Raiffeisen die Rechtsform prüft. Die Aufseher in Bern favorisieren dabei die Umwandlung in eine AG, weil Aktiengesellschaften im Schnitt die bessere Governance gewährleisten. Und weil ihre Kapitalisierung im Notfall einfacher zu bewerkstelligen ist. Die Finma betrachtet Raiffeisen Schweiz denn auch als Kopf der Gruppe. St. Gallen ist der «single entry», um die Genossenschaften hinsichtlich Risikomanagement und IT-Infrastruktur steuern zu können. Die faktische Holding-Struktur, wie sie von Vincenz und Gisel gelebt wurde, hat also ihre Spuren hinterlassen. Die systemischen Interessen der Berner Bankregulatoren stehen indes jenen der Regionalchefs diametral entgegen. Oder wie Lehner es augenzwinkernd formuliert: «Die Finma weigert sich standhaft, unser Geschäftsmodell zu verstehen.»

Die Finma fordert eine starke Zentrale

Vielleicht kann die Finma auch gar nicht anders. Nur mit einer starken St. Galler Zentrale ist es möglich, die 246 Raiffeisenbanken als Gruppe zu sehen und als solche zu beaufsichtigen – und die Überwachung des Eigenkapitals einzelner Banken an Raiffeisen Schweiz zu delegieren, wie es heute praktiziert wird. Ansonsten wäre die Finma gezwungen, Aufseher in jedes einzelne Institut zu schicken. Ein Horror für die Berner Beamten.

Und so fordert die Finma nicht weniger, sondern mehr Macht für Raiffeisen Schweiz. Nicht nur hat sie dem Verwaltungsrat den Auftrag gegeben, die Umwandlung der genossenschaftlichen Zentrale in eine Aktiengesellschaft zu prüfen. Recherchen zufolge wünscht sie sich auch den Ausbau des Präsidiums vom Teilzeit- in ein Vollzeitmandat. An der Spitze von Raiffeisen Schweiz soll ein erfahrener Finanzmanager stehen.

Einem Abbau bei Raiffeisen Schweiz bei gleichzeitigem Ausbau der Autonomie der Regionen setzen diese Forderungen Grenzen. Das wissen auch die Reformer. «Der Abbau hat dort seine Grenzen, wo man mit der Finma in einen Konflikt gerät», sagt Zwahlen. Der Verwaltungsrat unter Interimspräsident Gantenbein hat nun die unangenehme Aufgabe, einen Kandidaten zu finden, der mit der Aufgabenstellung der Regionalchefs leben kann und dennoch von der Finma akzeptiert wird.

Die Suche geschieht unter genauer Beobachtung. Ein sechsköpfiges Gremium der wichtigsten Regionenvertreter «begleitet» den Verwaltungsrat bei der Suche, sagt Lehner. Denn eines ist klar: Chefs mit Wachstumsambitionen hatte man in St. Gallen schon genug. Und so sucht der Verwaltungsrat denn auch weniger nach einem neuen «charismatischen Leader», wie aus St. Gallen zu vernehmen ist, sondern nach «stillen Schaffern mit seriösem Leistungsausweis».

Provision auf Schwarzgeld

ZKB Das Staatsinstitut legt den Steuerstreit mit der US-Justiz für 100 Millionen Dollar bei. Nun spricht der Mann, über den das Schwarzgeld in die ZKB kam.

Es ist Juni 2008. In den USA hat sich Bradley Birkenfeld gerade der Steuerhinterziehung für schuldig bekannt. Der UBS-Kundenberater beichtet der US-Justiz die Schwarzgeldpraxis und bringt damit die Grossbank ins Wanken. Heerscharen von Amerikanern mit unversteuerten Vermögen suchen das Weite. Der UBS droht eine alles vernichtende Anklage durch das Department of Justice.

Am ZKB-Hauptsitz an der Zürcher Bahnhofstrasse präsentiert derweil Hansruedi Schumacher Powerpoint-Slides vor hochrangigen Staatsbänklern. Unter ihnen sind der damalige Leiter für die Beratung von Firmenkunden, der heute eine ZKB-Tochter führt, sowie ein Jurist, der Stiftungen aufsetzt und Finanzplanung macht. Schumachers Geschäftsopportunität ist dem Fachpublikum einfach zu erklären: Er hat rund 500 Millionen Franken an unversteuerten Vermögen von amerikanischen UBS-Kunden an der Hand und sucht für die Gelder eine neue Depotbank.

Kein Konnex zu den Vereinigten Staaten

Der Präsentator ist seines Zeichens Private-Banking-Chef der Neuen Zürcher Bank NZB, die kurz zuvor mehrere ehemalige UBS-Kundenberater angeheuert hat. Ihre steuersäumige Klientel – mehrere hundert vermögende Amerikaner – braucht dringend einen neuen «safe haven», seit über der UBS das Damoklesschwert der US-Justiz hängt. Deshalb macht Schumacher die Runde bei möglichen Depot-Partnern wie Julius Bär, Bank Sarasin oder eben der öffentlich-rechtlichen Anstalt namens ZKB. Seinen Berufskollegen vom Staatsinstitut versucht er, die Furcht vor den nicht deklarierten UBS-Assets aus USA mit einer klaren Botschaft zu nehmen: Wenn zwischen Depotbank und steuersäumigen US-Kunden ein heimischer externer Vermögensverwalter – in diesem Fall die NZB – geschaltet ist, der keinen Konnex zu den Vereinigten Staaten hat, dann liegt für die depotführende Bank kein Verstoss gegen die US-Vorschriften für die Quellensteuer auf Vermögenserträgen vor. Kurz: Das Geld bleibt schwarz, der US-Fiskus im Dunkeln und die Bank ist rechtlich aus dem Schneider.

Dies zumindest versichert er den ZK-Blern mündlich. «Eine schriftliche Garantie zum Schutz vor Rechtsrisiken habe ich der ZKB aber nie abgegeben», sagt Hansruedi Schumacher, den die «Handelszeitung» im Zürcher Bankenviertel zum Kaffee trifft. Er erinnert sich, dass es nach seiner Kurzpräsentation auch eine ausführliche Diskussion über mögliche Konsequenzen gegeben hat: «Man war sich des Risikos bei der ZKB sehr wohl bewusst», sagt Schmumacher. Vor allem der interne Jurist habe vor rechtlichen Folgen gewarnt, die Bank mache sich in den USA angreifbar, während der Desk für externe Vermögensverwalter auf die stattlichen Neugelder drängte.

Beibringungskommission erhöht

Der Entscheid, ob die Staatsbank das amerikanische Schwarzgeld einbucht, fällt jedenfalls nicht an jenem Meeting im Juni 2008. Man bespreche sich intern, liess man Schumacher vielmehr wissen. Nur wenige Tage später erhält die NZB von der ZKB schriftlich einen positiven Bescheid. «Man wollte das Geschäft und hat uns entsprechend incentiviert», erinnert sich Schumacher. Statt der bisher üblichen Beibringungskommission («finder’s fee») von 0,3 Prozent erhielt die NZB für die unversteuerten UBS-Vermögen eine Kommission von 0,5 Prozent, sagt er.

Schumacher kann oder will sich nicht mehr erinnern, wer innerhalb der ZKB grünes Licht gegeben hat für das Onboarden des amerikanischen Schwarzgeldes. Die ZKB ihrerseits will sich zum Steuerstreit nicht mehr äussern: Alles Relevante stehe im «Statement of Facts» des US-Justizdepartements, heisst es.

Ein anderer ehemaliger NZB-Mann verweist auf das Firmenarchiv der Bank, die 2011 ihre Finma-Lizenz zurückgegeben hat. Im Archiv fände sich noch jener schriftliche Bescheid der ZKB, unterzeichnet von den damals verantwortlichen Bankern.

100-Millionen-Dollar-Ablasszahlung

Fest steht, dass der schicksalshafte Entscheid im Juni 2008 massgeblich zur 100-Millionen-Dollar-Ablasszahlung der Bank an die US-Justiz beigetragen hat. Denn mit dem Inflow an UBS-Geldern erreicht das amerikanische Schwarzgeld bei der ZKB im Jahre 2008 den absoluten Höchststand von 794 Millionen Dollar. Zum damaligen Kurs umgerechnet gegen 1 Milliarde Franken. Sechs Jahre zuvor waren es bloss 289 Millionen Dollar gewesen.

Und fest steht auch, dass der Entscheid, die UBS-Gelder der NZB einzubuchen, unter der Ägide des heute noch amtierenden Bankchefs Martin Scholl gefallen ist. Die Frage, ob Scholl beziehungsweise die damalige ZKB-Generaldirektion vom Deal mit Schumacher wusste und ihn gar absegnete, bleibt unbeantwortet.

Schwarzgeld sei dank

Das Geschäft mit externen Vermögensverwaltern wie der NZB war damals der Firmenkunden-Sparte unterstellt. Sie wurde geleitet von Charles Stettler, der Ende 2010 pensioniert wurde und heute unter anderem im Verwaltungsrat von Martin Ebners BZ Bank sitzt.

Vor Stettler leitete der heutige ZKB-Chef Martin Scholl von 2002 bis 2006 die Sparte. Soweit er sich erinnern könne, habe er Scholl 2004 oder 2005 erstmals zum Lunch getroffen, so Schumacher. Dies im Rahmen eines Geschäftsessens zwischen Führungsleuten beider Banken. Schliesslich war die NZB bereits damals für die ZKB einer der wichtigsten Kunden unter den externen Vermögensverwaltern. Schwarzgeld sei Dank.

Poker um die Börse

SIX Das EU-Rahmenabkommen steht auf der Kippe. Mit einem Plan B will Finanzminister Ueli Maurer die Börse vor Nadelstichen aus Brüssel schützen. Doch das Abwehrdispositiv hat erhebliche Nebenwirkungen.

Es war eine klare Botschaft, die EU-Botschafter Michael Matthiessen jüngst am Auslandschweizer-Kongress im Visp hatte: Könnte die EU heute nochmal entscheiden, würde sie mit der Schweiz keine bilateralen Verträge mehr abschliessen. Aus Sicht des EU-Abgesandten geniesst unser Land nämlich eine Sonderbehandlung von der Union. Und diese müsse sich die Eidgenossenschaft erst verdienen. Ohne ein Rahmenabkommen stünde der Schweiz eine schwierige Zukunft bevor, gab der Däne drohend ins Plenum zu bedenken.

Wie dieses Zukunftsszenario aussehen könnte, hatte zuvor eine Kommissionssprecherin skizziert: Noch bis Ende Jahr hat die Schweizer Börse SIX Zugang zum europäischen Markt. Erkenne die EU auf Schweizer Seite in den nächsten Monaten beim Rahmenabkommen keine Fortschritte, erwäge sie, von einer Verlängerung abzusehen.

Es wäre ein Brüsseler Nadelstich, der tief ins Fleisch des Schweizer Finanzplatzes dringen würde: Erkennt die EU nämlich die SIX nicht als gleichwertige Börse an, gingen ihr zwischen 60 und 80 Prozent ihres Handelsgeschäfts verloren. Das hätte massive Konsequenzen. Schliesslich ist die Schweizer Börse der viertgrösste Handelsplatz in Europa mit einem Umsatz von gegen 1000 Milliarden Franken im Jahr.

Der Bundesrat will diesen Drohgebärden der EU nicht tatenlos zusehen. Bereits im Juni hat Finanzminister Ueli Maurer einen Notfallplan angekündigt für den Fall, dass die EU die Äquivalenz nicht mehr erteilen sollte. Es ist ein Katastrophenszenario, das aber angesichts des rasant bröckelnden innenpolitischen Sukkurses für das Rahmenabkommen immer näher rückt.

Brüsseler Nadelspitze stumpf machen

Dabei will Finanzminister Maurer Brüssels Nadelspitze mit einem cleveren Trick stumpf machen: In den Finanzmarktbestimmungen der EU heisst es nämlich, dass von Drittstaaten nur dann eine Börsenäquivalenz erforderlich ist, wenn Aktien aus dem betreffenden Land in der EU «regelmässig und systematisch» gehandelt werden.

Verbietet es die Schweiz den EU-Handelsplätzen wie London, Frankfurt und Paris, mit Schweizer Aktien zu handeln, wären diese folglich auch nicht mehr an die Anerkennungspflicht gebunden. Wertschriftenhändler aus der EU könnten damit weiterhin uneingeschränkten Zugang zur Schweizer Börse erhalten – eine Schlechterstellung der EU-Investoren bei Investitionen in Schweizer Aktien könnte so verhindert werden.

«Wir erachten die Eventualmassnahme des Bundesrates als sinnvolle Schutzmassnahme», sagt SIX-Sprecher Julian Chan. Man habe den Bund denn auch bei der Ausarbeitung der Schutzmassnahme unterstützt. Ähnlich positiv fällt das Urteil der Bankiervereinigung aus: «Der Bundesrat hat sehr gute Arbeit geleistet», sagt der stellvertretende Verbandsdirektor August Benz. «Mit der Schutzmassnahme kann das Schadenspotenzial einer nicht gewährten Börsenäquivalenz gewissermassen abgefedert werden.» Zugleich könne man so dem Risiko begegnen, dass die Börsenbetreiberin SIX Teile ihrer Finanzinfrastruktur in den europäischen Raum verlagere.

Liquidität von Schweizer Aktien nimmt ab

Doch so gross das Wohlwollen der Finanzplatzvertreter gegenüber dem Vorgehen des Bundesrats ist: Das Manöver des Bundesrats birgt erhebliche Risiken und Nebenwirkungen. Der Anteil ausländischer Börsen am Handelsvolumen von grosskapitalisierten Schweizer Titeln ist nämlich beträchtlich (siehe Box). Mehr als ein Drittel der Aktien der umsatzstärksten Schweizer Unternehmen werden gegenwärtig über europäische Plattformen wie Cboe gehandelt. «Sollte der Bund die Eventualmassnahmen in Kraft setzen, wird die Liquidität auf diesen Blue Chips abnehmen», warnt ein einflussreicher Finanzmanager.

Eine Furcht, die man auch bei Economiesuisse teilt. Der Wirtschaftsdachverband unterstützt zwar das Vorgehen des Bundesrats. Es sei wichtig, dass der Bundesrat über eine Notfallplanung verfüge für den Fall, dass die EU der Schweiz die Börsenäquivalenz aberkenne, sagt Jan Atteslander, Leiter Aussenwirtschaft beim Verband. «Es stellen sich allerdings in diesem Zusammenhang schwierige technische und rechtliche Fragen.»

Geplante Manöver

Atteslander bezweifelt, dass das geplante Manöver von Bundesrat Maurer ohne Kollateralschäden vonstatten gehen würde: «Es hätte Folgen für kotierte Schweizer Unternehmen, wenn sie nicht mehr an ausländischen Handelsplätzen zugelassen sind.» Der Bund müsste deshalb die Auswirkungen auf die Liquidität des Handels prüfen, falls die fehlende Äquivalenzanerkennung eine Barriere für bestimmte EU-Investoren darstelle. Schliesslich wären auch bankenseitig deren eigene Handelssysteme betroffen, so der Economiesuisse-Mann.

Auch beim Verband Swissholdings, dem global tätige Konzerne wie ABB, Roche, Novartis oder Schindler angehören, macht man sich Sorgen. «Tritt tatsächlich der Fall ein, dass die EU der Schweiz die Börsenäquivalenz entzieht, stehen unsere Unternehmen hinter den Schutzmassnahmen von Finanzminister Ueli Maurer», sagt Sprecher Pascal Nussbaum zwar. Wie sich diese langfristig am Markt auswirken würden, sei jedoch ungewiss. Es seien verschiedene Szenarien denkbar.

Das Abwehrdispositiv von Bundesrat Maurer birgt denn auch viele Unbekannte. Ob die europäischen Wertschriftenhändler künftig tatsächlich im gleichen Masse Schweizer Aktien in der Schweiz kaufen wie früher über ausländische Handelsplattformen, ist ungewiss. «Niemand kann genau abschätzen, was passieren wird», erklärt ein Verbandsvertreter. Die Titel der allergrössten Schweizer Unternehmen wie Nestlé, ABB oder Lafarge Holcim seien immer gefragt. Weniger bekannte Unternehmen wie etwa Geberit könnten jedoch in Probleme geraten, wenn sie nicht mehr auf europäischen Börsenplätzen gehandelt werden dürfen.

Keine langfristige Lösung

Sicher ist: Verweigert die EU der Schweiz die Börsenanerkennung über Jahre hinweg, wird der Schutz des Schweizer Börsenplatzes kaum aufrechterhalten werden können. Die Eventualmassnahme des Bundesrats ist auch nicht darauf ausgelegt: Sie beruht auf Notrecht und ist auf drei Jahre befristet. «Versagt die EU die Börsenanerkennung längerfristig, könnte dies die Attraktivität des Schweizer Finanzplatzes mindern», räumt denn auch August Benz von der Bankiervereinigung ein.

Ob die Notfallpläne des Bundesrats überhaupt in Kraft gesetzt werden müssen, entscheidet sich in den nächsten Monaten. Noch hofft man in Bern, den Gordischen Knoten zu lösen und eine mehrheitsfähige Verhandlungslösung mit der EU zu finden. Und auch wenn dies nicht gelingt, könnte Brüssel die Börsenäquivalenz erneut für nur ein Jahr anerkennen, um weiterhin mit dem Entzug drohen zu können. Verlängert die EU die Anerkennung jedoch nicht, dürfte die Schweizer Wirtschaft trotz Schutzmassnahmen nicht ohne blaue Flecken davonkommen.

Strich durch die Rechnung

Advanon Das Fintech ist einem Betrüger aufgesessen. Er fingierte Forderungen in Millionenhöhe an Coop und Digitec.

Es ist ein dicker Fisch, den das Zürcher Fintech Advanon im letzten Sommer an Land zieht. Advanon-Mitgründer Stijn Pieper spricht vom «vermeintlich perfekten Factoring-Kunden»: Eine stark wachsende Firma mit hohem Einkaufsvolumen und entsprechendem Liquiditätsbedarf, die eher ein mässiges Kredit-Rating hat, dafür aber bestätigt, renommierte und solvente Kunden zu haben. Es sind dies angeblich namhafte Firmen wie Onlinehändler Digitec, Grossist Coop oder dessen Haushaltstochter Fust.

Kein Jahr später entpuppt sich der vermeintliche Top-Kunde als Fall für die Staatsanwaltschaft Winterthur, nachdem Advanon Strafanzeige wegen Betrugs und Urkundenfälschung gegen den Geschäftsführer und Eigner der Elektrogeräte-Handelsfirma eingereicht hat. Die Schadenssumme beträgt 2,4 Millionen Franken. Betroffen sind 78 Privatanleger, die auf der Advanon-Plattform in Rechnungen des Unternehmens investiert haben. Ihnen droht möglicherweise der Totalausfall ihrer Investments. Im Mittelwert geht es um mehrere 10 000 Franken pro Anleger.

Viele Fringe Benefits

Wie konnte es dazu kommen? Das Zürcher Fintech existiert seit 2015. Gegründet wurde die digitale Rechnungsplattform von Ex-Google-Praktikanten. Unter ihnen der heutige Advanon-Chef Phil Lojacono, der von sich reden machte als grosszügigster Chef der Schweiz, indem er den dreissig Mitarbeitenden unbegrenzt Ferien und viele Fringe Benefits gewährte.

Geld verdient Advanon mit Transaktionsgebühren auf ihrer Internetplattform. Dort können KMU und Jungunternehmen ihre Rechnungen von Anlegern vorfinanzieren lassen, um so ihre Liquiditätslage zu verbessern. Denn zwischen dem Ausstellen einer Rechnung und deren Bezahlung durch den Kunden vergehen manchmal mehrere Monate. Damit das KMU in dieser Zeit nicht selbst Bank spielen muss, gibt es Factoring. Dabei tritt die Firma gegen eine Gebühr die Forderung an einen Factor ab. Bislang waren dies vor allem Banken und andere Finanzdienstleister.

Hier setzt das Advanon-Geschäftsmodell an: Auf dem Internet-Marktplatz können private Anleger Bank spielen und die Rechnungen der KMU übernehmen. Entweder als ungesicherten Kredit oder indem die Privaten die Forderungen übernehmen, inklusive Rechtsanspruch gegenüber dem Schuldner. Bereits 3000 Investoren zählt das Fintech: Schliesslich locken Renditen von durchschnittlich 8 bis 12 Prozent jährlich, wobei die Laufzeiten wenige Tage bis Monate sind.

Stilles Factoring

Doch so lukrativ das Modell erscheint, das Risiko ist nicht zu unterschätzen. Gerade beim «stillen Factoring», auf das der mutmassliche Betrüger setzte. Dort wussten die vermeintlichen Debitoren wie Coop oder Digitec nämlich gar nicht, dass der Elektrohändler seine fiktive Forderung an einen Privatanleger abgetreten hatte. Bei dieser Factoring-Variante ist es üblich, die Debitoren nicht direkt zu kontaktieren. So hielt es auch die Marktplatzbetreiberin Advanon. Ansonsten wäre nämlich rasch klar geworden, dass der Händler keine oder nur eine geringfügige Geschäftsbeziehung zu den bekannten «A»-Bonitätsfirmen hatte. Statt Beträgen von hunderttausenden Franken waren es in Tat und Wahrheit Rechnungen von wenigen Tausend gewesen.

Fingierte Fakturen

Die fingierten Fakturen, Bankauszüge und Kunden-E-Mails flogen erst auf, als die Rückzahlung samt Zins ausblieb, Advanon das stille Factoring brach und bei den Debitoren nachhakte. Und zwar nachdem der mutmassliche Betrüger die Rechnungen bereits einmal auf der Plattform zu einem zweistelligen Zinssatz hatte refinanzieren können. So kam es zur stattlichen Schadenssumme von 2,4 Millionen Franken. Zum Vergleich: Über Advanon wurden 2017 rund 60 Millionen Franken an Rechnungen vorfinanziert.

Daniel Trochsler, Präsident des Factoringverbands, zeigt sich gegenüber stillem Factoring skeptisch: «Es ist unter unseren Mitgliedern aus Risikoüberlegungen wenig verbreitet.» Ebenso unüblich sei es in der Branche, dass Kunden von einem Factoringunternehmen an ein anderes weitergereicht würden.

Vor Jahren veruntreut

Genau dies ist im Fall des Händlers aber geschehen. Advanon erhielt den «vermeintlich perfekten Kunden» von einem anderen Factoring-Anbieter vermittelt. Dieser bestätigte dem Fintech schriftlich, dass es nie zu Zahlungs- oder sonstigen Schwierigkeiten mit dem Kunden gekommen sei. Die Aussage mag stimmen, ist aber wohl nur die halbe Wahrheit. Denn offenbar wurde das Geld schon vor Jahren veruntreut. Doch solange die Rechnungen stets refinanziert werden, tritt der Schadensfall nicht ein.

Advanon hat die Konsequenzen gezogen: Bald sollen nur noch qualifizierte Investoren in Rechnungen investieren, während Private über eine risikodiversifizierte Fondslösung partizipieren sollen.

Engpass im Engadin

Patric Simmen Der Villenbauer der Promis kämpft mit Schwierigkeiten. Die Bank Julius Bär hat ihm eine Kreditzusage über 38 Millionen Franken gestrichen.

Die Lifestyle-Herberge Misani in Celerina hat schon bessere Zeiten erlebt. Aus dem einstigen Touristenmagnet mit hippen Design-Zimmern ist eine Hotelruine geworden. Und dies an bester Lage im Fremdenverkehrsort nahe St. Moritz. Das «Misani» gehört dem Luxusvillen-Bauer Patric Simmen, der das Traditionshotel zu einem «Boutique Resort» umbauen möchte. Die Eröffnung war eigentlich auf die Wintersaison geplant. Geschehen ist seit Simmens Übernahme im Frühjahr 2017 wenig. Die Gemeinde hat ihn aufgefordert, die Baustelle zu sichern und so weit wiederherzustellen, damit das Ortsbild nicht verschandele. Doch der Hotelinvestor lässt die gesetzte Frist verstreichen. Es fehlt schlicht das Geld, wie Simmen in der Lokalpresse einräumt. «Wir prüfen nun weitere rechtliche Schritte gegen ihn», sagt Gemeindepräsident Christian Brantschen. Gegenüber der «Handelszeitung» betont Simmen, ab Mitte August werde in Celerina weitergebaut.

Essenspäckli von der Heilsarmee

Der Liquiditätsengpass im Oberengadin ist das jüngste Kapitel im bewegten Geschäftsleben des Patric Simmen, der die Wohnträume der hiesigen Wirtschaftselite realisiert. Der 47-jährige Immobilienunternehmer startete einst von ganz unten. Als Kind kann er nur dank Essenspäckli der Heilsarmee Weihnachten feiern. Nach einer Lehre als Hochbauzeichner arbeitet er in der IT-Abteilung der UBS. Dort knüpft er rasch Kontakte zu Bankern und bietet sich an, deren Häuser zu entwerfen. Ende der neunziger Jahre macht sich Simmen selbstständig und erarbeitet sich mit viel Verve und kreativen Ideen einen Ruf als Baumeister der Bosse. Dutzende Villen und Luxusappartments im Speckgürtel um Zürich basieren auf seinen extravaganten Entwürfen. Vor allem in Schwyzer Tiefsteuergemeinden wie Schindellegi oder Wollerau prägt Simmen den Baustil.

Die Liste seiner Kunden liest sich denn auch wie ein Who is who der hiesigen Wirtschaftsprominenz: Blackrock-Manager Dave Blumer, Avaloq-Gründer Francisco Fernandez, CS-Rechtschef Romeo Cerutti und eine Erbin der Bank Vontobel. Sie alle und viele mehr haben sich die eigenen vier Wände vom Arbeitersohn gestalten oder realisieren lassen.

Geschäftliche Höhenflüge

Vor allem im Gespann mit Partners-Group-Milliardär Urs Wietlisbach erlebt Patric Simmen vor einigen Jahren geschäftliche Höhenflüge. Denn Wietlisbach bringt beste Beziehungen, üppige Landreserven und operatives Know-how in die Partnerschaft, während sich Simmen auf die kreative Arbeit konzentrieren kann. Entsprechend hochtrabend sind damals die Pläne: Von einem Börsengang ist die Rede. Der umtriebige Immo-Unternehmer bringt sich in der Wirtschaftssendung «ECO» auch als Innenarchitekt für sieben «Schuhmacher Towers» ins Gespräch. Und für einen russischen Holzmagnaten namens Alexander Lepikhov soll Simmen im fernen Osten Russlands eine Villenstadt aus dem Morast stampfen.

Man ahnt es. Aus all den Vorhaben wird nichts. Vielmehr überwirft sich Simmen mit Co-Eigner Wietlisbach und der Geschäftsleitung. Fortan ist Simmen auf sich allein gestellt und beweist bei der Wahl seiner Mitstreiter nicht immer eine glückliche Hand. Der neu eingestellte CEO erweist sich als Titelschwindler. Und mit manch einem Weggefährten endet die berufliche Beziehung im offenen Streit oder gar vor Arbeitsgericht. In der Folge versucht sich der Hausbauer neu zu erfinden, weil die Nachfrage nach Luxusvillen gesunken sei, wie er letztes Jahr in der «Sonntagszeitung» erklärte: «Heute nur noch auf Luxus zu setzen, wäre am Markt vorbeigeschossen.» Sein Rezept: als Totalunternehmer eigene Projekte realisieren. In diesem Frühjahr verkündet Simmen dann, er plane «250 einfache und lebenswerte Unterkünfte für Bauarbeiter».

Zu diesem Zeitpunkt hat sich Simmens Lage bereits eingetrübt. Sein Finanzchef und ein langjähriger, enger Mitarbeiter werfen nacheinander das Handtuch. Seine Hausbank Julius Bär streicht dem Immo-Unternehmer einen Kredit über 38 Millionen Franken. Warum die Zürcher Privatbank Simmen den Geldhahn zugedreht hat, bleibt unklar. Die Spannbreite der Aussagen reicht von finanziellen Ungereimtheiten bei Simmen bis hin zu Kompetenzüberschreitungen zweier Bär-Kundenberater, die zu deren Entlassung geführt haben sollen. Simmen und die Bank wollen sich zu den Gründen nicht äussern.

Brief an seine Gläubiger

Jedenfalls führt der negative Kreditbescheid Patric Simmen geradewegs in die Liquiditätskrise, wie der Villenbauer in einem Brief an seine Gläubiger Anfang Juni einräumt, in dem Simmen um «Stundung Ihrer Forderungen» bittet: Diese Situation sei ausschliesslich dadurch zu begründen, dass seine Bank eine Hypothekarfinanzierung für seine Projekte zugesichert habe, welche dann nicht eingehalten wurde, schreibt er und weiter: «Gleichzeitig haben wir unsere liquiden Mittel im Vertrauen auf die Hypothekarfinanzierung in weitere Anlagen und Projekte investiert.» Er bittet im Brief deshalb die Gläubiger, die Zahlungsfrist zu erstrecken.

Im Gespräch mit der «Handelszeitung» gibt sich Simmen gelassen: Man habe zwei Notartermine für Liegenschaftsverkäufe, «mit denen wir unsere Kreditoren vollumfänglich bedienen werden». Gemäss der Lokalzeitung «March-Anzeiger» hat alleine seine Tochterfirma Simmen Style Betreibungen in der Höhe von 1,5 Millionen Franken. Simmen bestreitet die Zahl und spricht von laufenden Gegenbetreibungen. Seine Projekte seien solide finanziert. Er zahle sich seit vier Jahren keine Dividende aus. Und übrigens suche man eine neue Hausbank.

Zürcher Goldmine

Glencore Der Rohstoffkonzern ist im Visier der US-Justiz. Es geht unter anderem um Deals mit Dan Gertler. Der Milliardär geschäftet auch in der Schweiz.

Die US-Justiz schickt die Kavallerie los. Und Glencores Aktienkurs schmilzt dahin wie Rohgold in der Raffinerie. So geschehen Anfang des Monats, als der Zuger Commodity-Konzern in einer knappen Meldung eine Zwangsmassnahme des Department of Justice (DOJ) kommuniziert. Daraufhin verliert die Firma kurzzeitig fast einen Fünftel ihres gehandelten Werts.

Die Börsenpanik hat folgende Bewandtnis: Glencore muss der US-Justiz Dokumente liefern zu Geschäften in Nigeria, Venezuela und der Demokratischen Republik Kongo (DRC), und zwar von 2007 bis heute. Es geht dem DOJ um die Sicherstellung amerikanischer Antigeldwäscherei- und extraterritorialer Antikorruptionsgesetze. Das Verfahren mit Washington wird den Rohstoffriesen wohl lange beschäftigen und möglicherweise teuer zu stehen kommen.

Der Fall Och-Ziff

Als Blaupause dient den US-Strafermittlern nämlich der Fall Och-Ziff. Der milliardenschwere Hedgefonds wurde nach einer fünfjährigen Untersuchung im Herbst 2016 zur Zahlung einer 400-Millionen-Dollar-Busse verurteilt. Mittlerweile ist auch Och-Ziffs früherer Europa-Chef wegen Betrugs angeklagt. Es geht unter anderem um dubiose Geschäfte im Kongo. Schlüsselfigur ist gemäss der US-Anklageschrift ein «DRC Partner» von Och-Ziff. Es handelt sich um den «Israeli businessman» Dan Gertler, der auch lange Jahre mit Glencore geschäftete und in Zürich eine Firma hat. Er soll gegen finanzielle Zuwendungen als Türöffner für Och-Ziff-Investments in DRC fungiert haben.

Gertler ist schon lange im Visier der US-Justiz. Bereits Ende 2012 stellte das DOJ Rechtshilfe in Bern wegen Zahlungsflüssen über Schweizer Banken, die in Zusammenhang mit seinem Och-Ziff-Deal standen. Gertlers Schweizer Anwalt, Marc Bonnant, war für eine Stellungnahme nicht zu erreichen.

Seine Karriere startete der gewiefte Geschäftsmann als Diamantenhändler. In den Wirren des Ersten Kongokrieges reist er Ende der neunziger Jahre erstmals in die DR Kongo und freundet sich mit dem neuen Machthaber Laurent-Désiré Kabila und dessen Sohn und Nachfolger Joseph an. Dank diesem «special access» zu den unzimperlichen Potentaten in Kinshasa und dank viel persönlicher Zuwendung kann Gertler in den folgenden Jahrzehnten im ressourcenreichen Kongo ein gigantisches Rohstoffimperium aufbauen. Ob Kupfer, Diamanten, Gold, Öl oder Kobalt – an Dan Gertler kommt im Kongo niemand vorbei. Dies gilt auch für Glencore. Der Zuger Rohstoffkonzern kommt in den nuller Jahren mit Gertler ins Geschäft. Gemeinsam bewirtschaftet man grosse Kupfervorkommen, bevor Glencore Gertler im letzten Jahr für fast 1 Milliarde Dollar auskauft. Gemäss der Nichtregierungsorganisation Resource Matters schuldet Glencore Gertler in den nächsten zwei Jahren noch fast 200 Dollar an Konzessionsgebühren.

Beziehungspflege für Millionen

Die Liason mit dem israelischen Rohstoffkönig könnte für Glencore nun zum juristischen Fallstrick werden: Gemäss «Wall Street Journal» soll eine Glencore-Tochter 2013 die Gertler-Firma De Novo Congo mit einem Vertrag bedacht haben, der unter anderem die Beziehung zum kongolesischen Staat sicherstellen soll. Allerdings unter Einhaltung geltender Antikorruptionsregeln, wie es im Vertrag heisst.

Für die Beziehungspflege hat Glencore der Gertler-Firma jährlich 6 Millionen Dollar bezahlt. Brisant ist der besagte Kontrakt vor allem vor dem Hintergrund, dass das US-Finanzministerium Dan Gertler Ende Jahr sanktioniert hat. Seine US-Vermögenswerte sind blockiert. Und keine amerikanische Firma darf mehr mit ihm geschäften. Die finanziellen Lebenslinien des Kongo-Magnaten sind somit faktisch gekappt.

Gemäss US-Sanktionsentscheid soll Gertler Hunderte Millionen Dollar mit «korrupten Minen- und Öl-Deals» eingefahren haben. Dies dank seiner «engen Freundschaft zu Präsident Joseph Kabila». Alleine zwischen 2010 und 2012 seien dem kongolesischen Staat deswegen 1,3 Milliarden Dollar an Einnahmen entgangen. Happige Vorwürfe an die Adresse eines einstmals engen Glencore-Geschäftspartners.

Bannstrahl mit Folgen

Die Erschütterungen der US-Sanktionen sind jedenfalls bis nach Zürich-Wollishofen spürbar, wie Recherchen der «Handelszeitung» zeigen. Dort residiert eine Firma namens Moku Goldmines in den Büros der Treuhandgesellschaft ACT Audit & Tax. Die hiesige Aktiengesellschaft gehört seit 2011 zu 96,95 Prozent der Firmengruppe Fleurette um Dan Gertler und fällt nun ebenfalls unter die Sanktionen der Amerikaner. Mit Folgen: Die Zürcher Moku Goldmines wollte eigentlich im Nordosten des Kongo in der Gegend von Moku-Beverendi im grossen Stil das Edelmetall extrahieren. Dazu spannte Gertler mit der staatlichen Gesellschaft SMB und dem börsenkotierten Bergbaukonzern Randgold zusammen. Als Gertler jedoch der Bannstrahl des US-Finanzministers Steven Mnuchin trifft, kündigt Randgold-Chef Mark Bristow das Joint Venture wegen «force majeure» auf. Man sei daran, die Gerätschaft zur Goldexploration aus der Moku-Mine abzuziehen, heisst es bei Randgold.

Derweil kommt es im VR der Zürcher Moku Goldmines zur nächsten Rochade. Seit Juni wird Moku von einem Angestellten der Gertler-Firma De Novo Congo präsidiert. Jener Firma, mit der Glencore einen Vertrag zur Beziehungspflege in der DR Kongo hatte. Der andere Moku-Verwaltungsrat ist ein kongolesischer Anwalt, der jüngst die Geschäftsinteressen eines «Monsieur Pieter Deboutte» vertrat, wie Gerichtsunterlagen zeigen. Der gebürtige Belgier Deboutte ist Direktor der Fleurette Group für DRC, lebt seit zwanzig Jahren im Kongo und steht Gertlers dortiger gemeinnützigen Foundation vor. Auch Deboutte sass bis 2016 im Zürcher Moku-VR und dürfte am Glencore-Hauptsitz in Baar kein Unbekannter sein. Schliesslich unterzeichnete er gemäss WSJ den Beratungsvertrag mit dem Rohstoffkonzern. Deboutte wird ebenfalls von den Amerikanern sanktioniert.

Konten in der Schweiz

Die Schweiz ist indes nicht nur Heimstätte für Gertlers Goldfirma. Auch dessen Finanzströme liefen über Schweizer Banken, zumindest bei den Och-Ziff-Deals. So hält Gertlers Familie den Konzern über einen Trustee auf Gibraltar namens Line Trust Corporation. Gemäss Gerichtsunterlagen erhielt Line Trust eine Zahlung von 25 Millionen Dollar auf ein Zürcher Bankkonto. Auch hatte Gertler Konten bei der Privatbank Compagnie Bancaire Helvétique, wie Zahlungen an Och-Ziff zeigen.

Die Kanzlei für alle Fälle

Raiffeisen Ob Strafverfahren, Gutachten oder Forderung – das Mandat der Kanzlei Prager Dreifuss hat Konfliktpotenzial.

Im mondänen Zürcher Seefeld, gleich hinter dem Opernhaus, hat die Wirtschaftskanzlei Prager Dreifuss ihre Büros. Sie ist die Hauskanzlei der Raiffeisen Schweiz. Das langjährige Mandat sorgt für Konfliktpotenzial: Einst Rechtsbeistand in der Ära Pierin Vincenz, klagt die Kanzlei nun im Namen der Bank gegen den ehemaligen Raiffeisen-Chef.

Anlaufstelle für Gläubigerforderung

Doch der Reihe nach. Als die Bank 2007 ihr Auto-Leasing-Geschäft von der Raiffeisen-Leasing in eine Gesellschaft namens Raiffeisen Finanzierungs AG überführt, begleitet Prager Dreifuss die Abspaltung. Der heutige Prager-Partner Urs Feller fungiert als Anlaufstelle für Gläubigerforderungen. In der Raiffeisen Finanzierungs AG sass damals Patrik Gisel als Verwaltungsrat und später Beat Stocker, der Geschäftspartner von Pierin Vincenz. Prager-Partner Feller und der heutige Raiffeisen-Chef kennen sich also. Die Genossenschaftsbank bestätigt das Leasing-Mandat, betont aber: «Von 2009 bis 2016 hat Prager Dreifuss keine anderen Mandate bei Raiffeisen wahrgenommen.»

Später wird aus der Raiffeisen Finanzierungs AG die Aduno-Tochter Cashgate. Die übertragende Gesellschaft namens Raiffeisen-Leasing heisst ab 2010 KMU Capital und wird so zum Finanzierungsvehikel von Raiffeisen bei der KMU-Beteiligungsgesellschaft Investnet. Diese Raiffeisen-Tochter steht im Fokus der Strafermittlungen gegen Pierin Vincenz, Beat Stocker und weitere Personen.

Corporate-Governance-Gutachten

Ende Februar tritt Raiffeisen als Privatklägerin dem Strafverfahren gegen ihren Ex-Chef bei. «Raiffeisen arbeitet dabei mit der Kanzlei Prager Dreifuss zusammen», bestätigt die Bank Recherchen der «Handelszeitung». Die Mandatierung sei durch den Verwaltungsrat erfolgt, so eine Sprecherin. «Ausschlaggebend war das detaillierte Know-how, das Prager Dreifuss aufgrund der internen Untersuchung in den Themenkomplex einbringen kann.» In ihren Eingaben an die Staatsanwaltschaft referiert die Kanzlei offenbar auf das von ihr selber für Raiffeisen erstellte interne Corporate-Governance-Gutachten. Dieses Gutachten beleuchtet das Raiffeisen-Beteiligungsvehikel Investnet. In Auftrag gegeben hat es die Raiffeisen-Geschäftsleitung um Patrik Gisel im Dezember 2016. Wohlgemerkt: Gisel selbst präsidierte Investnet von 2012 bis 2016.

Gemäss «Bilanz» soll das Prager-Dreifuss-Gutachten zu den Investnet-Geschäften vor allem den damaligen Finanzchef Marcel Zoller und den Raiffeisen-Präsidenten Johannes Rüegg-Stürm belasten, «jedoch nicht Auftraggeber Gisel». Angesprochen auf Konflikte im Rahmen der verschiedenen Mandate der Wirtschaftskanzlei Prager Dreifuss, erklärt Raiffeisen-Sprecherin Cécile Bachmann: «Es gibt und gab hier keinen Interessenkonflikt in irgendeiner Weise.»