Mit harten Bandagen

Marc-Christian Riebe Der Konkurs seiner Location Group wirft Fragen auf. Nun nimmt der Immo-Vermittler erstmals Stellung.

Am 2. März ist das Schicksal der Zürcher Ladenflächen-Vermittlerin besiegelt. Das Bezirksgericht eröffnet über die Location Group des Immo-Brokers Marc-Christian Riebe den Konkurs. Riebe sagt: Sicher hätte ich einiges anders machen können, aber ich habe bis zuletzt alles getan, um die Location Group AG zu retten.

Beantragt hat den Konkurs die Immofinanz mit Sitz in Vaduz. Deren Rechtsvertreter, Matthias-John Gstöhl von der Kanzlei Nater Dallafior, will sich zum Fall nicht äussern. Die Immofinanz hat vor drei Jahren der Location Group mittels Bürgschaft Dritter ein Darlehen in der Höhe von 1 Million Franken gewährt – zu einem horrenden Zinssatz von 15 Prozent.

Mehrere Insider erzählen, dass sich die Location Group, die zu Spitzenzeiten rund 20 Mitarbeiter zählte, schon damals in finanzieller Schieflage befand. Seit 2013 habe sich der Engpass abgezeichnet. Löhne seien ab dann verspätet ausbezahlt worden. Trotz sehr guter Umsätze habe Location es versäumt, finanzielle Polster für magere Zeiten anzulegen.

Gründer Riebe hält dagegen, dass er bis Sommer 2015 sämtliche Saläre fristgerecht ausbezahlt habe und fügt an: Insgesamt habe ich zuletzt 1,5 Millionen Franken privat in die Firma gesteckt und mir über ein dreiviertel Jahr lang keinen Lohn ausbezahlt. Die Mitarbeiter hätten mehrheitlich im zweiten Halbjahr 2015 gekündigt. Alle sechs Mitarbeiter würden ihren gesamten Lohn noch erhalten, da ich 50 000 Franken nachschiessen werde, verspricht er.

Retailer in Schockstarre

Der Gründer einer führenden internationalen Retail Real Estate Boutique Agency (Eigenbeschrieb) macht für den Location-Konkurs das garstige wirtschaftliche Umfeld geltend. Nach der Aufhebung der Franken-Untergrenze im Januar 2015 seien viele Retailer in Schockstarre verfallen und hätten fast alle Expansionspläne eingefroren, so Riebe: Im ganzen letzten Halbjahr 2015 haben wir keinen einzigen Abschluss gemacht, sodass sich der Umsatz gegenüber 2014 fast halbiert hat.

Allerdings datiert nicht nur die Millionenhilfe der Liechtensteiner Immofinanz aus dem Jahre 2013. Auch der Darlehensvertrag mit der Boutiquen-Impresaria Trudie Götz, den die Handelszeitung einsehen konnte, wurde bereits im Herbst 2014 – auf Drängen Riebes hin – vereinbart.

So gewährte Götz‘ Luxusladenkette Trois Pommes der Location Group einen zinslosen Kredit über 250 000 Franken. Rückzahlbar bis Ende 2014. Doch Riebe zahlte den Betrag nicht fristgemäss zurück, sondern vertröstete Gläubigerin Götz mehrfach. Im letzten Sommer schliesslich schaltete die Grande Dame der Mode ihren Anwalt ein. Trois Pommes verrechnete schliesslich das Darlehen mit einer ausstehenden agency fee gegenüber Riebe.

Seither betreibt die Modekette die Location Group auf 100 000 Franken, wie Götz kürzlich im Blick kundtat. «Was Trudie Götz in der Zeitung erzählt hat, stimmt einfach nicht», sagt Riebe. «Dass ich Trudie Götz ein Darlehen in der Höhe von 100 000 Franken schulde ist falsch, denn wir hatten eine Vereinbarung, wonach der Betrag mit einer Forderung gegen sie aus einem Deal an der Storchengasse bereits verrechnet wurde.»

Nicht nur beim zinslosen Darlehen sieht sich Riebe im Recht. Auch im Falle der Ausstände in Höhe von 150 000 Franken gegenüber der Tennisveranstaltung Swiss Open. Location Group war nämlich Turniersponsor im Berner Oberland und als solcher mit dem Dargebotenen nicht zufrieden, wie Riebe sagt: Jean-François Collet vom Swiss Open Gstaad liess uns nicht aus dem dreijährigen Vertrag ziehen, obwohl Roger Federer und Stan Wawrinka nicht – wie vereinbart – regelmässig be ziehungsweise gar nicht beim Turnier spielten. Co-Sponsor Crédit Agricole und andere seien dagegen vorzeitig aus dem Vertrag entlassen worden. Mitunter ein Grund, weshalb Stan nicht angetreten sei, war gemäss Riebe, dass der Tennisstar sein Antrittsgeld nicht erhalten habe.

Leistungen kürzen

Vor Gericht ist Riebe allerdings durch alle Instanzen abgeblitzt. So wandte die Location Group vor Zürcher Bezirksgericht im Sommer 2015 ein, sie sei berechtigt, den geschuldeten Sponsoringbetrag zu reduzieren, weil Stan Wawrinka der Veranstaltung ferngeblieben sei und dessen Fernbleiben zu einem Popularitätsverlust geführt habe. Das Gericht wies die Argumentation zurück, weil der Sponsoringvertrag keine Regelung vorsehe, welche zu einer Kürzung der vereinbarten Leistung berechtige. Das Urteil ist rechtskräftig.

Swiss-Open-Anwalt Marc Häsler prüft zudem eine Strafklage wegen unlauteren Wettbewerbs. Denn: Kurz vor dem Konkurs der Location Group liess Riebe die Gesellschaft in Retail Hunting umbenennen. Praktisch zeitgleich firmierte er seine Location Luxury in The Location Group Ltd um. Das sei klar irreführend, sagt Häsler, und verschleiere den Konkurs.

Für Riebe ist dies dagegen gängige Praxis: Aus Bernie’s wurde New Bernie’s, aus Companys Schweiz die Companys Retail und aus der Wegelin Bank die Notenstein Bank.

Überhaupt blickt der Immobilienvermittler lieber in die Zukunft: Er schaue nach vorne, um im Jahr 2022 gewappnet zu sein. Jetzt, wo viele Häuser leer stehen und Flächen frei sind, werden wir das Geschäft wieder ankurbeln und vermehrt Liegenschaften profitabel für die Eigentümer verkaufen.

Der Tulpenkrieg

Steuerhilfe Bern will Holland die Daten von Credit-Suisse-Kunden liefern. Doch die Rechtsgrundlage fehlt.

Es hat den Anschein einer blossen Formalie. Am 3. Februar erhält die Eidgenössische Steuerverwaltung (ESTV) von den niederländischen Kollegen eine Gruppenanfrage für mutmasslich steuerhinterziehende Kunden der Credit Suisse. Bereits am Tag darauf winken die Berner Steuervögte die Anfrage aus dem Tulpenstaat durch und verpflichten die Zürcher Grossbank, ihre Datensätze gezielt nach ihren niederländischen Kunden zu durchforsten.

Die Kriterien für die Auswahl sind praktisch dieselben wie beim ersten Gruppenersuchen aus Holland, das Kunden der UBS betraf (siehe Handelszeitung Nr. 46 vom 12. November 2015): Erstens muss auf dem Schweizer Konto zwischen Februar 2013 und Ende 2014 mehr als 1500 Euro gelegen haben. Der Betrag ist äusserst niedrig angesetzt, wenn man bedenkt, dass in den Niederlanden ein Steuerfreibetrag von 21 000 Euro pro Person gilt.

Zweitens hat der holländische Bankkunde einem nicht näher definierten Weissgeld-Schreiben der Credit Suisse nicht Folge geleistet. Wer also seine Steuerkonformität nicht aktiv deklariert hat, gerät automatisch ins Raster der Gruppenanfrage aus Den Haag.

Für Andrea Opel, Assistenzprofessorin für Steuerrecht an der Universität Luzern, ist das Vorgehen der ESTV schlicht nicht nachvollziehbar: Das Gruppenersuchen der Niederländer ist doppelt unzulässig – zum einen fehlt die rechtliche Grundlage, zum anderen ist die inhaltliche Ausgestaltung nicht statthaft. Sie halte es deshalb rechtsstaatlich für sehr fragwürdig, dass die Eidgenössische Steuerverwaltung – gestützt auf das Doppelbesteuerungsabkommen (DBA) mit den Niederlanden – den beiden Gruppenersuchen stattgegeben hat.

Inhaltlich hat das Gruppenersuchen nämlich den Charakter einer Beweisausforschung, sprich einer fishing expedition. So müsste eigentlich zwingend im information request ein Verhaltensmuster dargelegt werden. Zum Beispiel, wie Credit-Suisse-Bankberater systematisch holländischen Steuerpflichtigen geholfen haben, den Fiskus zu prellen. Doch Opel macht keine Muster aus: Die fehlende Abgabe einer Steuerkonformitätserklärung ist meines Erachtens nicht ausreichend. Dem pflichtet auch der in Zürich praktizierende Steueranwalt Frank Schut bei. Zudem sei die Frage der fishing expedition von den Gerichten gar noch nicht geklärt. So haben drei niederländische UBS-Kunden gegen die Datenlieferung durch die ESTV nach Den Haag vor Bundesverwaltungsgericht (BVG) Beschwerde eingereicht. Das Verfahren ist in St. Gallen hängig.

Druck aus dem Tulpenstaat

Doch der ausstehende BVG-Entscheid in Sachen UBS scheint den holländischen Fiskus wenig zu kümmern. Er doppelt nun mit der CS-Anfrage nach. Der Belastungsdienst agiert opportunistisch und kommt ohne viel Aufwand und ohne rechtskräftiges Gerichtsurteil an die Bankdaten ihrer Bürger, konstatiert Schut. Die Druckversuche fruchten. Schliesslich flossen im Fall der UBS Hunderte Bankkundeninformationen, und zwar beschwerdefrei, in den Tulpenstaat. Denn viele Kontoinhaber scheuen Aufwand und Kosten, rechtlich gegen den bislang nicht gerichtlich legitimierten Datentransfer vorzugehen. Dies, obwohl die Rechtsauslegung der ESTV höchst umstritten ist. So fehlt für Jus-Professorin Opel den Steuervögten die Rechtsgrundlage. Im Doppelbesteuerungsabkommen zwischen der Schweiz und den Niederlanden aus dem Jahre 2010 findet sich keine Zeile zu möglichen Gruppenersuchen. Im Gegenteil verpflichte das DBA die Holländer, jeden Steuerpflichtigen eindeutig zu identifizieren und nur Ersuche im Einzelfall zu gewähren. Der Belastungsdienst müsste also konkret eine Liste mit Namen oder CS-Kontonummern nach Bern liefern. Erst dann wäre dem Wortlaut des DBA entsprochen. Opels Auslegung teilt Steueranwalt Schut und fügt an: Ich würde eigentlich erwarten, dass die Schweizer Steuerbehörde eine kritische Haltung einnimmt und die Anfrage der Niederländer nicht in einem Tag durchwinkt. Offiziell darf sich die ESTV nicht zur Praxis bei Gruppenanfragen – und damit auch nicht zum aktuellen CS-Fall – äussern. Die Steuervögte sehen sich allerdings im Recht und gar verpflichtet, die Gruppenanfragen grundsätzlich zu gewähren, wenn die Grundlagen erfüllt sind. Man habe schlicht keine andere Wahl. Solange die Parameter nicht auf fishing expedition hindeuten, sei alles rechtens, heisst es in Bern.

Zwei Jahre nach dem Abkommen

Auf den Hinweis, es fehle ja bereits an der nötigen Rechtsgrundlage für ein solches Gruppenersuchen im Rahmen des DBA, heisst es bei der ESTV ergänzend: Man stütze sich zusätzlich auf das DBA-Musterabkommen der Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung OECD.

Unter Steueranwälten löst die Antwort nur Kopfschütteln aus: Abenteuerlich sei die Argumentation. Erstens habe ein Musterabkommen per se keine Rechtswirkung. Und zweitens stamme das erste OECD-Muster zu Gruppenersuchen aus dem Jahre 2012. Also zwei Jahre nachdem die Schweiz mit den Niederlanden das Doppelbesteuerungsabkommen unterzeichnet hat. Rechtssicherheit bei Gruppenersuchen kann also nur ein letztinstanzlicher Entscheid liefern. Das kann noch Jahre dauern.

Inzwischen geht das Powerplay ausländischer Fiskalbehörden weiter. So bereitet der Belastingdienst weitere Gruppenanfragen für Kunden der Banken Julius Bär und J. Safra Sarasin vor. Nicht nur der Fiskus in Den Haag hat zusätzlich requests in der Schublade. Die Handelszeitung weiss aus Anwaltskreisen, dass Bundesländer wie Nordrhein-Westfalen und Rheinland-Pfalz stapelweise Gruppenersuchen griffbereit haben. Die Fiskalbehörden warten nur auf den Marschbefehl aus Berlin.

Russisches Roulette

Credit Suisse Bis im Frühherbst war P. L. (Name der Redaktion bekannt) einer der wichtigsten Vermögensverwalter der Credit Suisse und hofierte die Oligarchen. Nun wird der Franzose, der mehrere hundert Millionen Dollar an Kundengeldern veruntreut haben soll, zur Hypothek für die Grossbank.

Anfang Woche habe er in Genf Strafklage eingereicht, sagt Anwalt Giorgio Campá, der im Betrugsfall zwei russische Unternehmer als Geschädigte vertritt. Die Klage meiner Klienten richtet sich sowohl gegen den mutmasslich fehlbaren Kundenberater als auch gegen die Bank Credit Suisse, so Campá. Sie umfasse unter anderem die folgenden Tatbestände: Ungetreue Geschäftsbesorgung, Urkundenfälschung, Veruntreuung und Geldwäscherei.

Bei der Klage seiner russischen Mandanten gegen die Grossbank beruft sich Campá auf die subsidiäre Haftung des Unternehmens nach Strafgesetzbuch. Der Artikel kommt zur Anwendung, wenn die Tat wegen mangelhafter Organisation keiner Person zugeordnet werden kann. Campá sagt: Es scheint mir wenig wahrscheinlich, dass Kundenberater P. L. innerhalb der Bank alleine gehandelt hat.

Diese Einschätzung teilt Marc Henzelin, Anwalt des Multimilliardärs Bidzina Ivanishvili. Ivanishvili hatte Ende Dezember den Rechtsfall mit einer Strafklage gegen Berater P. L. ins Rollen gebracht. Erst dann zog die Credit Suisse mit einer Klage nach. Mittlerweile versucht die Bank, den mutmasslich geschädigten Georgier als Partei aus dem Strafverfahren ausschlies sen zu lassen. Die Bank betont, man verfolge eine Nulltoleranzpolitik gegen Übertretungen der Mitarbeiter. Zu Einzelheiten in einem laufenden Verfahren könne sich die CS nicht äussern.

Anfang Februar sprach Chef Tidjane Thiam öffentlich von einem einzelnen und isolierten Fall. Inzwischen jedoch frisst sich die Affäre in die Grossbank hinein. Nach Ansicht der Geschädigtenvertreter mehren sich die Hinweise, dass P. L. kein Einzeltäter sei. So spricht ein Vorgesetzter des Beschuldigten gegenüber den Strafverfolgern von einem Team P. L. mit drei oder vier Assistenten, welche dem Oligarchenbetreuer zugedient haben sollen. P. L. habe direkte Kontakte unterhalten in die Kredit- und Devisenabteilung der Bank sowie ins Legal & Compliance, sagt der amtierende CS-Managing-Director. An die Namen der Gewährsleute von P. L. in den einzelnen Bankabteilungen kann der Bankdirektor sich nicht erinnern.

Allerdings lassen Aussagen des Top-Managers laut Geschädigtenvertretern Zweifel an den internen Kontrollen der Bank aufkommen. So förderte das Internal Audit in der Genfer CS-Filiale 2013 nichts Alarmierendes zutage. Im Gegenteil: In diesem Jahr verliehen die internen Prüfer der Genfer Dépendance die Note gut. Die wenigen Beanstandungen der Kontrolleure betrafen alle nicht die Dossiers des mutmasslich fehlbaren Beraters.

Vielmehr drehten sich die bankinternen Diskussionen dann Anfang 2015 offenbar darum, P. L. grössere Freiheiten zu gewähren beim Handel mit dem Portfolio des georgischen Multimilliardärs Bidzina Ivanishvili. Statt jeden Trade einzeln von Ivanishvili oder seiner rechten Hand absegnen zu lassen, stand ein freieres, dezentrales Mandat zur Debatte.

In die Diskussionen involviert waren neben dem Berater und seinem direkten Vorgesetzten (der die Credit Suisse auf Anfang Jahr verlassen hat) auch Vertreter des Business Risk Management und der Compliance-Abteilung, sagt ein CS-Managing-Director. Die bankinternen Kontroll instanzen standen also bis zuletzt direkt mit P. L. in Kontakt. Mehr noch: Der Vermögensverwalter in Genf – er arbeitete früher Manager bei der Kosmetikmarke Yves Rocher – war bankintern längst kein unbeschriebenes Blatt mehr. Wie Recherchen zeigen, hat die Credit Suisse ihrem Kundenberater P. L. offenbar bereits in einem anderen laufenden Verfahren einen Rechtsanwalt zur Seite gestellt. Konkret geht es im Fall um den russisch-israelischen Oligarchen Vitaly Malkin, der einst ein Klient des mutmasslichen Betrügers bei der CS war. In diese Zeit fällt ein beabsichtigtes 40-Millionen-Euro-Investment von Malkin für ein 300-Hektaren-Gelände an der korsischen Küste, das sich später gemäss französischen Medienberichten als unbebaubar entpuppte.

Grössere Freiheiten geben

Die Hälfte der Investitionssumme überwies damals der CS-Berater P. L. gemäss eigenen Aussagen angeblich auf ein Konto der Bank Julius Bär, und zwar zugunsten eines korsischen Immobilienentwicklers. Doch das Geld versickerte.

Oligarch Malkin hat deshalb Klage gegen den korsischen Immobilienentwickler eingereicht. Die französische Justiz ermittelt seit längerem im Fall. Bereits Anfang 2015 wurde P. L., als er noch im Sold der Credit Suisse stand, laut eigenen Aussagen von einem Richter in Marseille zu einer Aussage vorgeladen. Was folgte, war ein mehrstündiges Verhör, bei dem es um eine mögliche Komplizenschaft von P. L. im Fall ging. Zum Stand des Verfahrens schweigen sich die beteiligten Par teien aus. Es gilt die Unschuldsvermutung.

Fest steht jedoch, dass die französische Justiz im letzten Frühjahr ein Rechtshilfeersuchen ans Bundesamt für Justiz gestellt hat, und zwar betreffs der beiden involvierten Banken, der Credit Suisse und Julius Bär. Das Ersuchen liegt bei der Genfer Staatsanwaltschaft, die zwar den Eingang gegenüber der Handelszeitung bestätigt, aber sich ansonsten bedeckt hält.

Der Rechtsstreit des Oligarchen Malkin ist wohl auch für die laufende Untersuchung gegen P. L. relevant. So ist aus Justizkreisen zu hören, dass der Genfer Staatsanwalt Yves Bertossa (siehe Box) daran sei, Vermögenswerte des ehemaligen Credit-Suisse-Beraters beschlagnahmen zu lassen. Nebst diversen Offshore-Konten soll sich darunter auch eine Immobilie auf Korsika befinden. Ob der Grundbesitz von P. L. auf der Mittelmeerinsel in einem Zusammenhang steht mit dem Fall Malkin, ist offen.

Margin Call

Credit Suisse Einer der wichtigsten CS-Berater soll mehrere hundert Millionen an Geldern veruntreut haben. Die Bank spricht von einem Einzelfall. Doch die Affäre zieht immer weitere Kreise.

Das Lügengebilde bricht Mitte September zusammen. Die Aktie der kleinen US-Pharmafirma Raptor verliert innerhalb weniger Tage mehr als die Hälfte ihres Werts, weil ein Medikament nicht wie erhofft wirkt. Der Kurssturz von Raptor führt automatisch zu unzähligen Margin Calls in Kundendepots der Credit Suisse. Die Grossbank fordert mehrere schwerreiche Osteuropäer auf – darunter den georgischen Multimilliardär Bidzina Ivanishvili – , frisches Kapital in Raptor einzuschiessen. Die Rede ist von bis zu 128 Millionen Dollar pro Call. Wer nicht zahlt, dessen Positionen werden sofort geschlossen.

Ob der Nachschussforderung fallen die Oligarchen aus allen Wolken. Denn von ihren mit Krediten gehebelten Raptor-Beständen wussten sie nichts. Geschweige denn gaben sie den Auftrag, solche Aktienmengen zu kaufen, die gewaltige Klumpenrisiken im Depot bilden.

Eingebucht hat ihnen die hochspekulativen Papiere ihr Vertrauensmann und langjähriger Vermögensverwalter bei der Credit Suisse, der Banker P.L. Als Raptor kollabiert, taucht er ab, erscheint in der Genfer CS-Fillale nicht zur Arbeit, verschanzt sich in seiner Villa mit Blick auf den Lac Léman, nimmt keine Anrufe entgegen.

Ein paar Tage später beichtet P.L. seinem Vorgesetzten: Ich habe Aktien ohne das Wissen meiner Kunden gekauft. Die CS kündigt ihm fristlos und eröffnet eine Untersuchung durch die Kanzlei Homburger. Allerdings reicht die Bank erst Ende Dezember Strafklage ein, nachdem Milliardär Bidzina Ivanishvili geklagt hat. Nun ermittelt der Genfer Staatsanwalt Yves Bertossa unter anderem wegen Veruntreuung, Betrug sowie Urkundenfälschung. P.L. wird verhaftet und vernommen. Derweil weitet sich der Kreis der Geschädigten aus – es sind mehrheitlich Russen. Zusätzliche Klagen sind in Vorbereitung. Die Finma steht mit der Credit Suisse in Kontakt.

Die Deliktsumme beträgt – je nach Schätzung und Quelle – zwischen 200 und 800 Millionen Dollar. Zu komplex ist das Finanzgeflecht, als dass die Wirtschaftsforensiker finale Zahlen liefern könnten. Die Credit Suisse erteilt zu den laufenden Untersuchungen keine Auskünfte. Chef Tidjane Thiam sagte in einem Interview mit der Zeitung „Le Temps“ einzig, dass es sich um einen „einzelnen und isolierten Fall“ handle.

Millionenboni kassiert

Der Raptor-Kollaps bedeutet das jähe Berufsende für P.L. Der gebürtige Franzose gilt als Schwergewicht unter den Credit-Suisse-Vermögensverwaltern. Seit über zehn Jahren arbeitet er bei der CS. Sein Kundenportfolio ist zuweilen grösser als das einer kleinen Privatbank. Seine Klienten stammen allesamt aus den ehemaligen Ostblockstaaten – Oligarchen und schwerreiche Unternehmer, die er am GUS-Desk in Genf betreut. Eine anspruchsvolle Kundschaft, aber eine hoch lukrative für ihn wie für die CS. So zahlt die Grossbank dem Quereinsteiger mit einfachem Handelsdiplom stattliche Boni und kürt ihn zum Direktor. Seine Vergütungspaket erreichte in einzelnen Jahren das Gehalt eines SB-Boder gar Swisscom-Chefs. Schliesslich war der Kommissionsertrag aus dem Kundenstamm von P.L. beträchtlich. Insgesamt soll der „gestionnaire de fortune“ der Bank über die Jahre gegen 150 Millionen an Einnahmen generiert haben. Einzelne seiner Kunden sollen zwischen 5 und 25 Millionen Dollar pro Jahr an die CS abgeliefert haben.

Wer solche Summen für die Vermögensverwaltung ausgibt, verlangt vor allem eins: Eine konstant hohe Performance. Doch P.L. konnte nicht stetig liefern. Immer wieder legte er seinen schwerreichen Kunden faule Eier ins Portfolio. Ein solches Investment war die österreichische Meinl European Land, welche in osteuropäische Immobilienprojekte investieren wollte und als Totalverlust beziehungsweise Rechtsfall endete. Investments wie diese rissen zweistellige Millionenlöcher in die Depots. Es drohte Ungemach seitens der schwerreichen Kundschaft.

Doch statt die Verluste offenzulegen, fing er im Nachgang zur Finanzkrise an zu tricksen. Zunächst soll er Excel-Tabellen und das Finanz-Reporting für die Oligarchen frisiert haben. Die „Handelszeitung“ weiss von einem Kundenkonto, bei dem die Differenz zwischen echtem und fingiertem Saldo schliesslich über 70 Millionen Dollar betrug. Doch bei der „investment report“-Kosmetik blieb es offenbar nicht.

Vielmehr soll der russophile CS-Mann versucht haben, mit waghalsiger Finanzakrobatik die Millionenverluste wieder auszumerzen – und zwar über die Grenzen der Kundenportefeuilles hinweg und mutmasslich wohl auch in die eigenen Taschen hinein, was im Finanzjargon „Commingling“ heisst (siehe Box). Dabei stützte sich P.L. wohl auch auf externe Strukturen ab: Es ist die Rede von geheimen Subkonten, Kickbacks, Retrozessionen sowie einem Netz von Mitwissern oder Mittätern ausserhalb der CS – Weggefährten wie Banker anderer Geldhäuser. Darunter befinden sich eine Genfer sowie eine Obwaldner Asset-Management-Firma, die rechtlich, vertraglich und zum Teil sogar persönlich mit P.L. verbunden sind. Deren Chefs werden derzeit von der Genfer Staatsanwaltschaft durchleuchtet. Es gilt die Unschuldsvermutung.

Bankgeschäfte ohne Kontrolle

Der CS-Direktor hat also wohl aktiv die Vermögensgrenzen verwischt und die Löcher der einen Kunden mit den Assets der anderen gestopft. Es soll mannigfach zu nichtautorisierten Transaktionen in mehrstelliger Millionenhöhe gekommen sein.

Für dieses „trading en solo“ hat der frühere Yves-Rocher-Manager über viele Jahre auf die Infrastruktur der Credit Suisse zurückgegriffen, ohne dass bankinterne Kontrollen gegriffen hätten. Ob Währungsdesk, Derivatehandel oder Kreditabteilung – P.L. nutzte die gesamte Klaviatur der Credit Suisse für seine Kunden – ob mit oder ohne deren Wissen. Er platzierte Optionen oder verpfändete Wertschriften in dreistelliger Millionenhöhe. Auch wurden gewaltige Währungsoptionen – 400 Millionen Dollar – auf türkische Lira oder Südafrikanische Rand gekauft und verkauft durch CS-Abteilungen – mit Verlust und ohne augenscheinlichen Grund.

Kleines Rädchen im Getriebe

Wie Aussagen vermuten lassen, erteilte er seine Aufträge und Anweisungen auch über andere CS-Teammitglieder oder er besuchte Kunden – zusammen mit seinem Vorgesetzten, einem Managing Director der Credit Suisse aus Zürich. Für Anwalt Marc Henzelin von der Kanzlei Lalive, der mit Bidzina Ivanishvili einen der Hauptgeschädigten vertritt, steht deshalb fest: „Es ist praktisch unmöglich, dass die Credit-Suisse-Verantwortlichen nichts von seinen Machenschaften gewusst haben sollen.“ P.L. sei ein kleines Rädchen im Getriebe des Finanzkonzerns. Auch andere Geschädigtenvertreter teilen diese Ansicht.

Besonders heikel ist der Fall der US-Pharmafirma Raptor, über den P.L. stolperte. So bestehen offenbar persönliche Beziehungen zwischen ihm und Raptor-Managern. Man traf sich in Genf. Auch hat der CS-Direktor den Pharmawinzling zur Roadshow bei der Bank eingeführt, was gefruchtet zu haben scheint. So ist die Credit Suisse über ihre US-Securites-Tochter Grossaktionärin am Small Cap. Zugleich hat P.L. die Titel in justiziablen Mengen in die Depots seiner Oligarchen gebucht. Als Beispiel: Zeitweise machte die hochspekulative Raptor mehr als 18 Prozent eines Portefeuilles aus. Darüber hinaus bestehen enge Verflechtungen von P.L. zu einem weiteren Schweizer Grossaktionär. Angesichts dessen werden Stimmen laut, die von Marktmanipulation oder Insiderhandel sprechen. Affaire à suivre.

Heikle Planspiele

UBS Die Bank prüft ihre Kosten in der Schweiz, es droht Verlagerung. Bis zu 3000 Jobs sind über die nächsten Jahre in Gefahr.

Fast auf Augenhöhe mit der Europäischen Zentralbank (EZB) steht die UBS in Frankfurt am Main. Der Opernturm, in dem der deutsche Ableger der Schweizer Grossbank residiert, ist bloss 15 Meter tiefer als der neue EZB-Glaspalast. Das Gepräge der UBS auf die Skyline von „Mainhattan“ soll den geschäftlichen Führungsanspruch der Grossbank in Deutschland untermauern – und zwar weit über die hessische Landesmetropole hinaus.

Der weltgrösste Vermögensverwalter will künftig von „Bankfurt“ aus das gesamte europäische Geschäft zentral führen. Möglich macht es eine paneuropäische Bankenlizenz der EZB. Bereits im dritten Quartal dieses Jahres soll die Europabank der UBS rechtlich stehen. Gespräche mit der deutschen Bankenaufsicht BaFin laufen derzeit. Offenbar gilt der heutige Deutschland-Leiter Thomas Rodermann als gesetzt für den Chefposten der rechtlichen Europaeinheit, wie die „Handelszeitung“ erfahren hat.

Gewaltige Implikationen

Innerhalb der Grossbank machte sich vor allem UBS-Präsident und Ex-Bundesbank-Präsident Axel Weber für Frankfurt stark, während der operative Chef Sergio Ermotti einen Marschhalt forderte und parallel auch Luxemburg als möglichen Standort evaluieren liess.

Unabhängig vom Banksitz stellte Vermögenschef Jürg Zeltner schon im letzten Jahr Einsparungen durch die einheitliche Europalizenz in Aussicht. Rund 100 Millionen Euro pro Jahr dürften drin liegen. Denn anstatt in elf Zielmärkten separate Banklizenzen betreiben zu müssen, kann die UBS künftig das G eschäft – zumindest was den regulatorischen Teil betrifft – zentral aus Frankfurt am Main führen. Ob in Italien, Frankreich oder Österreich – aus rechtlich vollwertigen UBS-Niederlassungen werden so alsbald Frankfurter Filialen.

Was wie ein rein formaljuristischer Akt anmutet, hat Auswirkungen aufs operative Geschäft: Mit der Europabank wird die UBS nämlich auf einen Schlag zur grössten Privatbank auf dem alten Kontinent. „Dann wird unsere wahre Grösse endlich sichtbar“, sagt ein Top-Manager der Bank. Zudem wird mit dem Wegfall der Einzellizenzen auch weniger Eigenkapital gebunden. Der Bedarf dürfte um bis zu 2 Milliarden Euro sinken, was das Europageschäft profitabler macht. Die Vermögensverwaltung kann diesen Schub gut gebrauchen, denn Wealth Management Europe lahmt. Im vierten Quartal musste Vermögenschef Zeltner einen Abfluss von 2 Milliarden Franken in Europa hinnehmen. Die Weissgeldstrategie schmerzt. Die Bruttogewinnmarge sackte im Vorjahresvergleich von 82 auf 74 Basispunkte. In der Schweiz liegt sie bei stabilen 92 Punkten.

Angesichts der paneuropäischen Schwächephase denkt die UBS-Spitze nun offenbar über weitere Kostenschrauben nach. Die Stärke des Frankens zum Euro befeuert dabei die Offshoring-Falken im Bankkonzern und setzt die hiesige Produktion unter Druck.

In den nächsten drei bis fünf Jahren dürften bis zu 3000 Jobs aus der Schweiz ins Ausland verlagert werden, sagt ein UBS-Spitzenmanager und nennt als mögliche Zieldestina tionen unter anderem das günstige Krakau und das noch billigere Breslau. Andere Quellen in der Bank sprechen von etwa 500 Jobs, die auf dem Prüfstand stehen. Allerdings gebe es regulatorische Auflagen, welche das Outsourcing aus Zürich schwieriger mache als etwa aus London.

In den beiden südpolnischen Metropolen Krakau und Breslau unterhält die Bank – wie ihre Konkurrenten – bereits grosse Business Solution Centers, denen ein massiver Ausbau bevorsteht. Alleine in diesem Jahr sollen die Vollzeitäquivalente bei der UBS Polen um über 300 Prozent auf 1900 aufgestockt werden. Ein Teil der Arbeitskräfte stammt aus der Ukraine, wo die politische Situation schwierig wurde. Auch an den übrigen Offshore-Standorten der UBS in Indien, China und den US-Südstaaten herrscht Beschäftigungswachstum. Die Grossbank beschäftigt mittlerweile fast ein Drittel der Vollzeitäquivalente (siehe Grafik) ihres Corporate Centers an Niedriglohnstandorten. Tendenz steigend.

Billige Fachkraft

Die Anpassung des „footprint“, wie es im Managerslang heisst, geht in Zukunft wohl auch zulasten der Schweiz. Im Verlagerungsfokus stehen rückwärtige Dienste wie Informatik, Buchhaltung, Human Resources oder Finanzrisikocontrolling. Gefährdet seien insbesondere jene Backoffice-Leute, die aus Zürich heraus fürs (europäische) Ausland Leistungen erbringen würden, erklärt der Top-Manager. „Was aus der Schweiz in den Export geht, ist teilweise nicht mehr konkurrenzfähig von den Kosten her“, sagt er und macht ein einfaches Zahlenbeispiel: Der Lohn einer polnischen Fachkraft betrage bloss ein Viertel seines Zürcher Pendants. Da ist die Kalkulation rasch gemacht.

Allerdings gibt es auch Mahner im Bankkonzern, die von einer „Milchbüchli“-Rechnung sprechen: „Die Offshoring-Pläne basieren auf Kalkulationen aus dem Jahr 2007“, sagt eine mit der Angelegenheit vertraute Person zur „Handelszeitung“. Faktoren wie Lohnund Lebenshaltungskosten oder die Verfügbarkeit von Arbeitskräften wurden damals analysiert, um mögliche Ersparnisse zu evaluieren. Das Problem: Seither sind die Löhne in Krakau deutlich gestiegen, während sich die Arbeitslosigkeit reduziert hat. Mittlerweile haben auch andere Konzerne ihre Präsenz in Krakau hochgefahren.

Der Kampf um Fachleute ist in Polen also voll entbrannt. Will man qualifizierte Arbeitnehmer rekrutieren, muss man sie abwerben – und das geht meist nur mit höheren Salären. „Wirklich Sinn ergeben die Verlagerungen aus finanzieller Sicht heute eigentlich nicht mehr“, so der Informant. Dennoch sind die Verantwortlichen daran, das genaue Offshoring-Potenzial aus der Schweiz zu evaluieren.

Nebst den neuen rechtlichen Einheiten und den personellen Planspielen dreht die Vermögensverwaltung aber auch in der Informatik am ganz grossen Rad. Bei der One Wealth Management Platform handelt es sich um eine der grössten Konzerninitiativen überhaupt. Das ehrgeizige Ziel für die Vermögensbank ist eine einheitliche Informatikoberfläche zu schaffen, die kostspielige Doppelspurigkeiten eliminieren soll. Nach einem Testlauf in Deutschland steht die Lancierung in Asien-Pazifik bevor. Danach soll auch das Europageschäft auf die Unified Plattform migrieren.

Italienische Rezepte

Axpo Der Stromkonzern kauft sich in Italien mit gut 50 Millionen Franken frei. Es geht um mutmassliche Mehrwertsteuer-Vergehen.

Mit Blaulicht und Sirenen fuhr die Guardia di Finanza bei der italienischen Axpo-Tochter am Hauptsitz in Genua vor. Das war im Herbst 2012. Die Steuerfahnder setzten den Schweizer Stromern damals das Messer auf die Brust: Entweder liefert Axpo rund 80 Millionen Euro als Faustpfand ab oder die Mailänder Staatsanwaltschaft schliesst vorsorglich die Büros. Es drohte gar der Entzug der Betriebslizenz und ein Strafbefehl gegen Spitzenkräfte, sagt ein Insider. Die Führung des Stromkonzerns in Baden lenkte ein, zog die Konfiskation aber vor Gericht und erhielt schliesslich im Herbst 2014 die beschlagnahmte Summe vor einem Mailänder Tribunal zurückerstattet. Allerdings liess die Finanzpolizei nicht locker im Fall.

Komplexe Kaskade

Nun – nach gut drei Jahren – ist das Steuerverfahren gegen die italienische Stromtochter offiziell vom Tisch. Ohne dass es zur Anklage gekommen wäre. Die Axpo hat sich nämlich zu einer Zahlung an den italienischen Fiskus in der Höhe von 53,8 Millionen Franken verpflichtet, die durch eine bereits erfolgte Rückstellung gedeckt ist.

Mit der aussergerichtlichen Einigung begleicht der Konzern Mehrwertsteuerausstände und ist zugleich das Ermittlungsverfahren gegen mehrere führende Mitarbeiter der italienischen Stromtochter los, darunter den Italien-Präsidenten Salvatore Pinto und Generaldirektor Simone De Marchi.

Allerdings will Axpo die Millionenzahlung an den ligurischen Fiskus nicht als „Schuldeingeständnis“ verstanden wissen, betont Konzernsprecher Tobias Kistner: „Die Zahlung wurde getätigt, um das Risiko eines lange andauernden Steuerstreits mit den italienischen Behörden zu minimieren.“ Man sei davon überzeugt, dass sämtliche Aktivitäten des Unternehmens stets auf voller Transparenz basierten und jederzeit in Einklang mit der nationalen und internationalen Gesetzgebung geschahen. Die italienische Tochter habe gemeinsam mit dem Konzern eine „umfassende interne Überprüfung“ zu den Sachverhalten und Geschäftsprozessen eingeleitet, um „ähnliche Vorkommnisse“ für die Zukunft auszuschliessen.

Allerdings bleibt in der Fiskal-Angelegenheit ein fahler Nachgeschmack. „Mit einigen Gegenparteien hätte man sich besser nicht ins Bett gelegt“, sagt ein Insider. Konkret geht es im vorliegenden Fall nämlich um einen mutmasslichen „Karussellbetrug“ mit CO2-Emissions-Zertifikaten in den Geschäftsjahren 2009 und 2010.

Grenzüberschreitendes Geschäft

Solche Emissionszertifikate werden elektronisch gehandelt – in geringen Volumen mit hohem Wert – und eignen sich deshalb besonders gut für ein internationales Steuervermeidungs-Schema. Dabei werden Lücken im Mehrwert- und Umsatzsteuer-Regime beim grenzüberschreitenden Güterverkehr geschickt ausgenutzt. Über eine komplexe Kaskade von Zwischenhändlern werden ausländische Emissionszertifikate weiterverkauft, ohne dass je dafür die Mehrwertsteuer an den Fiskus abgeführt würde. Doch die dazwischengeschalteten Firmen gingen pleite oder die Eigner zogen den Stecker, sodass die Fiskalforderungen letztlich wieder an der Axpo hängenblieben. Dabei soll keine aktive Manipulation seitens des Stromkonzerns vorgelegen haben, betont auch der Insider. Allerdings hätte man die Geschäftspartner wohl sorgfältiger auswählen müssen.

Die Aktion der italienischen Finanzpolizei hatte denn auch Axpointern Konsequenzen. So mussten jene Energiehändler, die direkt mit den besagten CO2-Zertifikaten handelten, das Unternehmen verlassen, wie Beteiligte berichten. Die oberste Führungsriege um Italien-Präsident Salvatore Pinto und Generaldirektor Simone De Marchi hat das ligurische Fiskalgewitter jedoch unbeschadet überstanden.

Dies ist insofern erstaunlich, als dass der Finanzablass an die italienische Steuerbehörde fast dem dreifachen Jahresgewinn einer Axpo Italia entspricht. So betrug der Gewinn der Gesellschaft mit ihren rund 130 Angestelten im letzten publizierten Geschäftsjahr 17,7 Millionen Euro. Dieser speist sich aus diversen Aktivitäten. Nebst dem Energie- und Zertifikatehandel unterhält die Axpo-Tochter verschiedene Gaskombikraftwerke, Windparks und langfristige Lieferverträge aus erneuerbaren Energien. Die italienische Axpo-Ländergesellschaft ist seit der Jahrtausendwende im Stiefelstaat aktiv.

Im Herzen der Finsternis

Lonrho Der afrikanische Mischkonzern mit prominenten Schweizer Eignern betreibt in Äquatorialguinea mit dem dortigen Regime einen Freihandelshafen. Die Partnerschaft steckt in der Krise.

Seit den Festtagen steigt der Unmut im Marionettenstaat. Äquatorialguinea ist zwar eines der ölreichsten Länder der Erde. Doch an den Zapfsäulen fliesst zuweilen kein Benzin mehr. Schuld an der Versorgungskrise seien ausländische Mächte, behauptet die staatliche Ölgesellschaft GEPetrol. Die Lage in Äquatorialguinea ist angespannt. Die Politelite bangt um ihre finanzielle Machtbasis. Denn die anhaltende Ölpreis-Baisse hat den Strom an Petrodollars zum Rinnsal werden lassen.

Auch der afrikanische Mischkonzern Lonrho leidet unter dem Preiszerfall des schwarzen Goldes. Das Konglomerat der beiden Schweizer Milliardäre, Rainer-Marc Frey (Ex-UBS-VR) und Thomas Schmidheiny (LafargeHolcim-VR), an dem sich kürzlich auch BMW-Erbin Susanne Klatten beteiligt hat, ist breit und langfristig auf dem Kontinent investiert. In Äquatorialguinea hängt der Afrika-Multi mit Schweizer Kapital am Tropf der Ölindustrie.

Maritimes Zentrum

Lonrho betreibt an der Westküste der Hauptinsel Bioko den Freihandelshafen von Luba. Das maritime Logistikzentrum ist so gross wie 70 Fussballfelder und dient als Lebensader für Ölkonzerne, welche im Golf von Guinea ihre Bohrplattformen betreiben oder neue Felder erschliessen. Namhafte ausländische Energiegiganten wie ExxonMobil, die amerikanische Hess oder China National Offshore Oil stehen auf der Kundenliste der Luba-Logistik.

Doch die Geschäfte im natürlichen Tiefseehafen laufen nicht mehr wie geschmiert. Die Energiemultis fahren ihre Exploration zurück, was auch Lonrho schmerzt. „Der stark gefallene Ölpreis bringt sicherlich Herausforderungen, verschlechtert die wirtschaftliche Situation und somit müssen immer wieder die Strukturen angepasst werden“, sagt Miteigner Rainer-Marc Frey. Konkret bedeutet dies: Die Luba Freeport Limited hat auf Ende Jahr gut 30 einheimische Arbeiter entlassen, wie ein regimekritisches Internetportal berichtet. Der Jobabbau sei in Absprache mit der äquatorialguineischen Regierung erfolgt.

Im Gegensatz zu den meisten anderen Lonrho-Investments gehört der Luba Freeport nämlich nur zu 63 Prozent dem Afrika-Konglomerat. Die restlichen Anteile sind der Ölgesellschaft GEPetrol, die in Staatsbesitz ist. So geniesst der Petrohafen von Luba auch einen fiskalische Sonderstatus. Sämtliche Importe für die Ölindustrie sind steuerfrei. Zudem kann jedes Unternehmen, das sich im Hafengelände ansiedelt, auf vollständige Steuerbefreiung hoffen.

Im Freeport-Fall geht die Fiskaloptimierung noch weiter. So bucht Lonrho die Einkünfte aus Äquatorialguinea über eine Gesellschaft auf der Kanalinsel Jersey. Die Luba FreePort Ltd. hat gemäss Handelsregisterauszug im Geschäftsjahr 2014 einen Ertrag von umgerechnet 63 Millionen Franken abgerechnet. Dass die Sitzgesellschaft im Steuerparadies unter britischem Kronbesitz liegt, sei wegen der Rechtssicherheit, sagt ein Insider: „Sollte das Regime eines Tages den Hafen verstaatlichen wollen, könnte Lonrho wenigstens vor einem internationalen Schiedsgericht dagegen klagen.“ Eine Gefahr, die offenbar latent ist.

Denn um die künftige Staatsführung in Äquatorialguinea ist ein Machtkampf entbrannt. Der 74-jährige Diktator Teodoro Obiang – seit 1979 dank einem Putsch gegen seinen Onkel an der Macht – ist gesundheitlich angeschlagen. Im Rennen um dessen Nachfolge stehen zwei seiner Söhne. Sie streiten um den Einfluss über die Haupteinnahmequellen des Landes. Von diesem Machtpoker ist als Schlüsselelement für die Ölwirtschaft auch der Luba-Hafen tangiert, dessen staatliche Konzession offenbar bis 2028 läuft. „Lonrho versucht im Free-Port-Verwaltungsrat nach Kräften ausgleichend zu wirken, aber die politische Lage ist sehr schwierig“, sagt der Insider. Er geht davon aus, dass der Afrika-Multi den Hafen früher oder später devestiere, weil das Asset schlicht „zu riskant“ sei. Nicht zuletzt auch aus Reputationsgründen, denn Obiang ist der am längsten machthabende Diktator auf dem Schwarzen Kontinent und gilt als notorisch korrupt (siehe Box). Demgegenüber schreibt sich Lonrho unter Schweizer Führung auf die Fahnen, in Subsahara-Afrika stets sauber und korrekt zu geschäften.

Zur miserablen Menschenrechts- und Governance-Lage im Land will sich Rainer-Marc Frey nicht direkt äussern. Man habe den Luba-Hafen mit dem Kauf von Lonrho 2013 übernommen. Damals lag der Geschäftswert für Luba bei 80 Millionen Dollar. Inzwischen wurde dieser Wert auf null abgeschrieben, was „Teil einer generellen, vollständigen Korrektur über die gesamte Unternehmensgruppe gewesen ist“, erklärt Frey, der an der Hafen-Kooperation festhält. „Unser Partner ist die staatliche Erdölgesellschaft GEPetrol. Und bis zum jetzigen Zeitpunkt haben sich deren Vertreter uns und unseren Mitarbeitern gegenüber korrekt verhalten.“ Selbstverständlich betreibe man den Luba Freeport in Übereinstimmung mit Prinzipien des UN Global Compact, „wie all unsere Aktivitäten in Afrika“. Dieser Pakt zwischen Unternehmen und den Vereinten Nationen soll die Globalisierung „sozialer und ökologischer“ gestalten. Eine Zielsetzung, die sich in einer Kleptokratie wie Äquatorialguinea als schwierig erweist.

Ghanaischer Widerstand

Nicht nur über dem Investment in Äquatorialguinea hängt ein dunkler Schatten. Auch in Ghana hat Lonrho zu kämpfen. Das Konglomerat will im westafrikanischen Land einen Freihandelshafen bauen. Über den Atuabo Freeport sollen künftig Öl- und Gasgeschäfte abgewickelt werden. Es geht um ein Investitionsvolumen in der Höhe von 600 Millionen Dollar. Die ghanaische Regierung unterstützt das Investitionsvorhaben nach Kräften und garantiert Lonrho 25 Jahre Exklusivität und Steuererlass. Doch einzelne Politiker und Gewerkschafter laufen gegen den Atuabo Freeport Sturm und wollen das Grossprojekt auf dem Rechtsweg stoppen. Die Einsprache ist vor Gericht hängig, während sich das wirtschaftliche Umfeld stetig eintrübt. Ghanas Öleinkünfte sinken, das Haushaltsdefizit steigt. Und auch wenn Atuabo mehr Effizienz im ghanaischen Brennstoffgeschäft bringt, das millionenschwere Hafenprojekt steht unter einem schlechten Stern.

Insofern erstaunt es nicht, dass Lonrho gemäss einem Insider auf andere Zweige im Konglomerat fokussiert. Ein Schwerpunkt im südlichen Afrika (Südafrika, Mosambik) soll die Lebensmittel-Logistik werden, die überdies weniger kapitalintensiv ist als das Infrastrukturgeschäft. Dazu passt auch die Wahl des neuen Lonrho-CEO Roland Decovret. Der Ex-Nestlé-Manager ist im Kongo aufgewachsen und kennt die Subsahara-Märkte und das Nahrungsmittel-Geschäft aus dem Effeff. Er bringe jene operative „Hands on Africa“-Erfahrung mit, welche der Lonrho-Führung bisher gefehlt habe.

Diskrete Diener

Family Offices Das Geschäft mit grossen Vermögen floriert in der Schweiz. Doch die Serviceindustrie für Schwerreiche ist verschwiegen. Ein Besuch vor Ort.
Neugierige Blicke haben es schwer am Zürcher Bellevue. Milchglas, Fingerscanner, Sicherheitstüre – die Büros des Marcuard Family Office sind gut geschützt. Drinnen empfängt Gründer Ulrich Burkhard in einem grosszügigen Sitzungszimmer, abstrakte Kunst an den Wänden, Bilderbuchpanorama aufs Seebecken. „Das Ziel ist es, die nachfolgende Generation behutsam ans Vermögen zu führen“, sagt Burkhard. Der 54-jährige Finanzmann spricht von der Nachfolgeplanung vermögender Familien, ein „absolut faszinierender Prozess“. Sie ist die Kür für Family Offices und kann sich über fünf bis zehn Jahre hinziehen. „Es geht darum, dem Übergangsprozess die Emotionalität zu nehmen.“ Mindestens so wichtig wie die Vermögens- seien dabei die Familienwerte. „Arbeitsethik und Ausbildung entscheiden letztlich über den Erfolg der Nachfolger.“

Burkhard, ein ehemaliger Vontobel-Banker, hat das Marcuard Family Office um die Jahrtausendwende mit zwei Partnern gegründet. Auf der „grünen Wiese“, wie er sagt. Nach arbeitsreichen 18 Monaten war die Gewinnschwelle erreicht. Inzwischen betreut Marcuard ein paar Dutzend Familien, die meisten stammen aus der Schweiz. Einige Klienten leben auch in den USA, Israel und Grossbritannien. Sie vereinen rund 3,5 Milliarden Franken an Vermögenswerten – liquide Assets und Direktanlagen. Das Zürcher Family Office Marcuard steht damit beispielhaft für eine Branche, die nur selten Einblick gewährt.

„Wir setzen seit Anbeginn auf eine offene Architektur, um mögliche Zielkonflikte auszuschliessen“, sagt Burkhard. Was die gut 30 Spezialisten nicht „inhouse“ in Zürich leisten können, wird möglichst „best in class“ eingekauft. Burkhard ist dabei die Abgrenzung zur kommunen Bank wichtig, wo häufig nicht die besten, sondern die eigenen Produkte in den Kundenportfolios landen. Es geht also um die absolute Unabhängigkeit. Die Trennung zwischen strategischer Vermögensplanung und Ausführung sei deshalb für Family Offices zentral.

Der Firmengründer unterstreicht die langfristige Perspektive des Geschäfts. „Vermögende Familien wollen nicht alle zwei, drei Jahre einen neuen Relationship Manager erhalten, dem sie ihre Geschichte aufs Neue erzählen müssen.“ Da Family Offices wie Marcuard im Vergleich zu Banken nur sehr wenige Klienten betreuen, ist die Beziehung zwangsläufig intensiver und damit intimer als bei den industriellen Grosskonkurrenten von der Bahnhofstrasse. „Bei manchen Kunden gehört man über die Jahre fast zur Familie.“ Der Job verlange viel persönliches Engagement ab.

Immer mehr Banker satteln um

Dabei floriert das Geschäft mit reichen bis schwerreichen Familien in der Schweiz. „Immer mehr Banker satteln um und gründen Multi Family Offices. Dieser Trend wird voraussichtlich anhalten“, sagt Philippe Monti, Chef von Quilvest. Dessen Family-Office-Arm verwaltet 8 Milliarden Franken. Die Kunden kommen mehrheitlich aus dem Ausland – insbesondere Familien aus Lateinamerika und dem Mittleren Osten. Am Anfang stand bei Quilvest eine Familie, die Bembergs. Deutsche Auswanderer, die in Argentinien ein Vermögen mit Bierbrauen machten. Die Marke Quilmes ist das „Feldschlössli“ der Gauchos. Heute gehört der traditionsreiche Gerstensaft dem AmBev-Konzern. Die Bembergs verkauften das Bier-Business, diversifizierten und öffneten ihr Single Family Office zunächst Freunden und später anderen Vermögenden. Ein Prozess, der sich über Jahrzehnte hinzog.

Inzwischen ist Quilvest ein vollintegrierter Finanzdienstleister mit Banklizenz. Ab 50 Millionen Franken an „bankable assets“ steht solventen Familien die volle Leistungspalette zur Verfügung. Zum Beispiel ein vierköpfiges Team, das den Reichen in allen Lebenslagen zur Hand geht: „Ob Blumen, Reisen oder Restaurantreservationen, der Concierge-Service steht unseren Familien rund um die Uhr zur Seite.“ Auch für die persönliche Intergrität sind Offices besorgt: „Wir haben für einige Familien, die wir betreuen, ein Sicherheitsdispositiv erarbeitet“, sagt Kaspar Grob von Helvetic Trust, der ebenfalls Gutsitutierte bedient. Solche individuellen Dienste sind zwar finanziell vernachlässigbar, aber für die Kundenbindung Gold wert.

Zum Kerngeschäft eines jeden Family Office gehört dagegen, dass sie ihren Familien stets das „big picture“ liefern. „Am Anfang der Arbeit steht eine kompetente Konsolidierung aller relevanten Vermögenswerte, vom Aktienportfolio bis hin zur Superyacht“, sagt Grob. Eine solche Inventur und Bewertung aller Besitztümer könne gut und gerne gegen 100 000 Franken kosten.

Der Family-Office-Begriff ist nicht geschützt

In solch einer Konsolidierung zeigt sich ein weiterer Unterschied zur Vermögensverwaltung einer Bank, der gegenüber die Kunden häufig nur einen Teil ihrer Vermögenswerte offenlegen. Die finanzielle Gesamtschau – gepaart mit sehr persönlichen Dienstleistungen und der langfristigen Beziehung – führt zu einem enormen Wissen der Offices über ihre Familien und deren Mitglieder. „Dieses Vertrauen muss man sich zuerst erarbeiten. Diskretion ist dabei das höchste Gut“, sagt Quilvest-Chef Monti und liefert damit auch ein Argument, weshalb über die Schweizer Family-Office-Landschaft kaum etwas bekannt ist – obwohl die verwalteten Vermögen in den Family Offices locker mit denen kleiner und mittlerer Privatbanken mithalten können. Im Gegensatz zu konkurrierenden Finanzplätzen wie Luxemburg ist in der Schweiz der Begriff „Family Office“ nicht geschützt oder irgendwie reguliert. Auch ein Branchenverband fehlt. Das Leistungsspektrum und die Professionalität der Services divergiert deshalb stark.

Der geschlossene Family-Office-Kosmos macht es Reichen denkbar schwer, das passende Angebot für ihre Millionen oder Milliarden zu finden. Ein Umstand, aus dem die Genfer Privatbank Union Bancaire Privée (UBP) seit letztem Jahr ein Geschäft macht. UBP hat nämlich einen Multi-Family-Office-Vermittler initiiert. Dessen Herzstück ist eine Datenbank mit 400 Schweizer Family Offices – von der Einzelmaske bis hin zum internationalen 50-Mann-Betrieb. Die einzigartige Datenbank lässt sich nach 60 Variablen abfragen: Können die Manager indisch? Wie steht es um Philanthropie-Projekte in China? Wer kann europäische Privat-Jet-Crews betreuen? Nach der Datenbank-Triage folgt der Besuch vor Ort. Ist der Beauty-Contest am Ende erfolgreich und das passende Family Office gefunden, hofft UBP darauf, dass die High und Ultra High Net Worth Individuals die Genfer als Depotbank berücksichtigen.

Münchner Freiheit

St. Galler Kantonalbank Das Staatsinstitut verbrennt mit ihrer Deutschland-Tochter seit der Gründung jedes Jahr Millionen. Nun wirft der langjährige Chef den Bettel hin.

Hans-Kaspar von Schönfels ist ein feingeistiger Mensch. Doch wenn er auf die St. Galler Kantonalbank Deutschland zu sprechen kommt, verliert der Herausgeber des „Elite Reports“, der Vermögensverwalter testet, die Contenance. „Man zog stets die falschen Leute an, Qualität und Zahlen stimmen seit Jahren nicht.“ Die Kantonalbank-Tochter schreibe durchwegs rot. Sein Fazit: „Die Vorstände kommen und gehen, die hohen Verluste bleiben.“

Der jüngste Abgang ist Christoph Lieber. Seit Anbeginn sass der Schweizer in der Geschäftsleitung, seit 2013 leitete er die Deutschland-Tochter in München. Gemäss St. Galler Kantonalbank (SGKB) ist er massgeblich „am erfolgreichen Aufbau der Tochtergesellschaft“ beteiligt gewesen und verlasse das Unternehmen auf „eigenen Wunsch“.

Doch in der Bankenszene ist das Kopfschütteln gross, wenn die Sprache auf die SGKB kommt: Die Deutschland-Tochter hat zwischen 2009 und 2014 über 40 Millionen Euro an Verlusten angehäuft. Mehrfach musste der Businessplan angepasst werden. Und die Gewinnschwelle rückte immer weiter nach hinten (siehe Grafik). Mittlerweile hoffen die SGKB-Oberen auf den Breakeven im Jahre 2020, das wäre elf Jahre nach der Gründung. Das belegt, dass die defizitäre Tochter in München immer noch grosse Freiheiten geniesst – und das bei einem Institut, das zu 54,5 Prozent in Kantonsbesitz ist.

SGKB-Sprecher Simon Netzle sagt, dass die Gewinnschwelle aus zwei Gründen verschoben wurde. Einerseits habe man sich an die „aktuellen Entwicklungen an den Finanzmärkten“ angepasst. Anderseits habe die Eröffnung der Zweigstelle in Frankfurt „entsprechende Vorinvestitionen“ notwendig gemacht. Zudem betont der SGKB-Sprecher, der Einzelabschluss der deutschen Tochter sei „nicht aussagekräftig“ für die „Profitabilität des Deutschlandgeschäftes“. „Kunden können selber bestimmen, ob sie in Deutschland oder in der Schweiz betreut werden möchten und ob ihre Vermögenswerte in Deutschland oder in der Schweiz verwahrt werden sollen.“ Wie hoch der positive „Spill-over“ in die Schweiz ist, sagt die Bank nicht.

Strategie als Versuchsobjekt

Angesichts wiederholter Adjustierungen wurde die Luft für Deutschland-Chef Lieber immer dünner. „Er wurde aus der Bank gedrängt“, sagen zwei voneinander unabhängige Quellen. Offenbar wollte die SGKB ihm einen Vorstand aus der Zentrale als „Aufpasser“ zur Seite stellen. Der Deutschland-Chef zog wohl den Exit vor. Liebers Arbeitsvertrag läuft noch bis August 2016, bevor er sich „einer neuen unternehmerischen Aufgabe widmet“, sagt die Bank. Bereits ab Januar amtet der neue Deutschland-Chef Walter Ernst, der mehrere Jahre die Vadian Bank leitete.

Der jüngste Chefwechsel ist symptomatisch für ein Auslandsabenteuer, das seit Anbeginn unter einem schlechten Stern steht. Beim Markteintritt 2009 klotzen die St. Galler im grossen Kanton: Vollbanken-Lizenz, 30 Millionen Euro Eigenkapital und Büros an Münchens Prachtmeile Maximilianstrasse. Alleine die Miete in München soll jährlich eine hohe sechsstellige Summe betragen. Zu Beginn herrscht Euphorie: „Wir bauen keine Bank als Versuchsobjekt, sondern um dauerhaft zu bleiben“, sagte der erste Deutschland-Chef Hans-Jürgen Röwekamp in der „FAZ“.

Ein Versuchsobjekt bleiben jedoch Geschäftsmodell und Strategie. Nebst vermögenden Privaten will die SGKB am Anfang auch externe Vermögensverwalter bedienen. Headhunter schwärmen aus, um Fachkräfte für die Sparte zu rekrutieren. Keine zwei Jahre später wird die Zwei-Säulen-Strategie aber versenkt. Man habe mit der Aktion bei Bankern „verbrannte Erde“ hinterlassen, sagen mehrere Quellen.

Mit institutionellen Anlegern ist in der Tat kein Geschäft zu machen. „Wir liefen regelmässig auf. Die Bank war schlicht zu teuer und hatte kein Alleinstellungsmerkmal. Da hilft Ihnen auch Swissness wenig“, erinnert sich ein Ex-Mitarbeiter. Im Geschäftsbericht 2009 heisst es vielsagend: „Für den Bereich der institutionellen Kunden blieb der Geschäftsverlauf ebenfalls hinter unseren Planwerten zurück.“ Und bald darauf ist auch Chef Röwekamp weg.

Auf keinen grünen Zweig

Fortan gilt der Fokus dem Vermögensmanagement für Private ab einer halben Million Euro. Es schlägt die Stunde von Christoph Lieber, der zunächst mit Kurt Soentgerath Deutschland führt. Soentgerath gibt den Aussenminister, Lieber den Verbindungsmann nach St. Gallen. Vor allem mit Privatbank-Leiter Daniel Lipp unterhält er ein Vertrauensverhältnis. Beide sind im Crossborder-Geschäft der UBS gross geworden. Lieber arbeitete zeitweise für die Grossbank auf den Bahamas. Nun muss er fürs In stitut im Mehrheitsbesitz des Kantons St. Gallenn den kostenbewussten „Onshore“-Banker geben. „Rentabilität kommt vor Wachstum“, lässt er in der „FuW“ verlauten und will im gleichen Atemzug nach Hamburg und Berlin expandieren. 2012 öffnet die Filiale in Frankfurt am Main. Sie hat das Münchner Stammhaus mittlerweile punkto verwalteten Vermögen überflügelt. Bei der SGKB schöpft man Hoffnung. Der Strohhalm ist das Steuer abkommen mit Deutschland. Es soll regularisierte Vermögenswerte in die Heimat schwemmen. Doch das deutsche Parlament sagt Nein. Spätestens dann war klar, dass die deutsche Tochter organisch auf keinen grünen Zweig kommt. Die verwalteten Vermögen dürften inzwischen bei 1 bis 2 Milliarden Euro liegen. „Zu wenig, um eine Vollbank zu rechtfertigen“, sagt ein Ex-Manager. Nachhaltige Profitabilität sei ab 10 Milliarden sicher

Dabei gab es Opportunitäten. So hätten die St. Galler mit der Reuschel Bank zusammengehen können, die mehrere Milliarden verwaltet. Doch den „Merger of Equals“ wollte man in der Gallusstadt nicht. Später wird die Rückgabe der Lizenz diskutiert, was massive Kosteneinsparungen gebracht hätte. Solche Optionen wurden jedoch verworfen.

Dennoch versprüht SGKB-Sprecher Netzle auch nach sieben roten Jahren weiter Optimismus: „Aktuell liegt die operative Entwicklung der Tochterbank sehr erfreulich über dem Business Case.“ Das zeigt: Die Hoffnung stirbt in St. Gallen zuletzt.

Fahrstuhl zum Schafott

Bankgeheimnis Bern will Kundendaten der UBS an die Niederlande liefern. Die Amtshilfe öffnet ausländischen Steuerbehörden Tür und Tor.

Es ist brisante Behördenpost aus Bern. In diesen Tagen verschickt die Eidgenössische Steuerverwaltung (ESTV) die Schlussverfügung zum Amtshilfeersuchen des „Belastingdienst“. Mit dem Begehren will die niederländische Steuerbehörde rückwirkend bis Februar 2013 an die Kontostände mutmasslich steuersäumiger UBS-Kunden kommen. Nun hat die ESTV die Anfrage der Niederländer für „zulässig“ erklärt, wie Recherchen der „Handelszeitung“ zeigen. Den Betroffenen bleibt 30 Tage Zeit, vor Bundesverwaltungsgericht zu gehen. Ansonsten fliessen die Daten nach Den Haag, wo den Steuersündern happige Bussen drohen.

Für Fiskalexperte Tobias F. Rohner von der Kanzlei Froriep ist der Entscheid ein Fanal: „Wenn das Gruppengesuch der Niederländer durchkommt, ist der Dammbruch im Ausland-Bankgeheimnis da. Dann wird jedes andere Land die Anfrage der Holländer eins zu eins kopieren, und zwar nicht nur für die betroffene Grossbank, sondern für alle Schweizer Banken.“ Der automatische Informationsaustausch (AIA) wäre so faktisch rückwirkend bereits eingeführt, sagt Rohner. Es ist ein Drama in drei Akten (siehe Chronologie).

Das Schreiben der UBS

Der Aufruhr in Anwaltskreisen und bei betroffenen Bankkunden ist verständlich. Die niederländische Gruppenanfrage, die offenbar zwischen 300 bis 400 Kunden erfasst, hat es in sich. Holen doch die Steuervögte im Tulpenstaat mit den Weissgeldbemühungen der UBS zum finalen Schlag gegen das Ausland-Bankgeheimnis aus. Der Belastingdienst beruft sich dazu in seinem Gruppenersuchen auf ein Kundenscheiben der Grossbank vom August 2014. Darin fordert die UBS ihre niederländischen Klienten mit Schweizer Offshore-Konto ultimativ auf, ihre Gelder zu regularisieren beziehungsweise subito das EU-Zinsbesteuerungsformular auszufüllen.

Wer damals nicht innert 30 Tagen freiwillig offenlegte, den setzte die Grossbank vor die Tür, liquidierte seine Vermögenswerte und stellte einen Scheck aus. Das Kündigungsschreiben war die letzte Stellschraube in einer Weissgeldmechanik, welche die UBS ab 2012 in Kraft setzte. Damals hatte die Grossbank die Einhaltung der Steuerpflicht in den Allgemeinen Geschäftsbedingungen erstmals stipuliert. Die UBS kommentiert das laufende Verfahren nicht.

Das Weissgeldultimatum der Bank vom August 2014 ist dann über einen Selbstanzeiger in die Hände des niederländischen Fiskus geraten, der nun seine Gruppenanfrage darauf aufbaut. „Die Anfrage basiert auf der wahrscheinlichen Vermutung, dass einer eine Steuerhinterziehung begangen hat, wenn er nicht auf das Schreiben zur Steuerregularisierung der Grossbank reagiert hat“, sagt Rohner. Ansonsten hätte der UBS-Kunde ja guten Gewissens auf das Schreiben reagieren können. Dieser Logik des Belastingdienst sind auch die Steuerbeamten des Bundes gefolgt.

Nun wird die Dimension des ESTV-Entscheids ersichtlich. Denn ähnliche Regularisierungsschreiben haben in den letzten Jahren zig andere Schweizer Banken an ihre steuerpflichtigen Offshore-Kunden im Ausland verschickt. Robin Middel, Sprecher der niederländischen Steuerbehörde, will die UBS-Anfrage in Bern denn auch bloss als „Pilotprojekt“ verstanden wissen: Wenn es funktioniere, wonach es jetzt aussehe, dann werde man Gruppengesuche für Kunden weiterer Banken stellen, kündigt Middel an.

Die dazugehörige Pipeline in Den Haag ist bereits prall gefüllt. „Wir besitzen die Schreiben von zwei weiteren Schweizer Banken“, sagt der Behördensprecher, ohne die Institutsnamen zu verraten. Die Kandidaten sind indes zahlreich. Zu den Schweizer Privatbanken gehören in den Niederlanden beispielsweise Julius Bär, UBP, aber auch J. Safra Sarasin, die grenznahe Basler Kantonalbank, Credit Suisse sowie Julius Bär.

 Die Anfrage der Niederländer

Die Schreiben der Schweizer Banken sind die Früchte eines Selbstanzeiger-Programms, das in den Niederlanden bis Mitte 2014 lief und es erlaubte, ohne Busse seine ausländischen Vermögenswerte offenzulegen. Rund 10 000 Niederländer mit Schweizer Offshore-Konten nahmen am Programm teil. Auf den hiesigen Konten lagen unversteuerte Vermögenswerte in der Höhe von 7,3 Milliarden Euro. Es ist ein Honigtopf für klamme Staatskassen: Aus dem Selbstanzeiger-Programm erzielten die Niederlande einen ausserordentlichen Ertrag von 863 Millionen Euro an Steuern, Verzugszinsen und Geldstrafen. Es laufen bereits weitere „Projekte“. So gibt es in den Niederlanden Medienberichte, wonach Steuerbehörden gezielt nach Einheimischen mit ausländischen Kreditkarten fahnden. Solche „kredietkaarts“ waren ein beliebtes Mittel, um diskret Schwarzgeld einzusetzen.

Dass der niederländische Fiskus nach der sanften Selbstanzeiger-Tour nun ausgerechnet UBS-Kunden als Erste ins Visier nimmt, ist nur folgerichtig. Schliesslich hatten 45 Prozent der „schweizerischen Selbstanzeiger“ ein Konto bei der Grossbank. Diese Zahl findet sich im Gruppenersuchen, das der Belastingdienst am 23. Juli bei der ESTV in Bern eingereicht hat. Dabei interessiert sich der niederländische Fiskus im „information request“ nur für „Ansässige mit einem Bankkonto bei der UBS in der Schweiz“, das ab Februar 2013 mindestens 1500 Euro aufweist. Angesichts einer Steuerfreigrenze von 20 000 Euro für Alleinstehende sei der Betrag geradezu „lächerlich tief“ angesetzt, meint ein holländischer Anwalt. Wie eine „fishing expedition“ – also eine plumpe Beweisausforschung – wirke auch, dass die Antwortsverweigerung auf ein Bankschreiben bereits zum Verdacht auf Steuerhinterziehung reiche. „Schliesslich könnte der UBS-Kunde das Schreiben auch schlichtweg übersehen oder nicht erhalten haben“, so der Anwalt.

Doch die Hürden zur Steueramtshilfe sind denkbar tief. Die Gründe müssten schon zwingend sein, dass die ESTV dem niederländischen Ersuchen nicht stattgeben könne, sagt Tobias F. Rohner. Der Steuerrechtler sieht in der niederländischen Anfrage vielmehr ein Grundproblem. „Die Abgrenzung zwischen erlaubtem Gruppengesuch und ‹fishing expedition› ist nicht trennscharf zu machen, sofern sie überhaupt machbar ist.“ Mit der Konsequenz, dass die bestehenden Doppelbesteuerungsabkommen (DBA) in Kombination mit der internationalen Amtshilfe in Steuersachen das Ausland-Bankgeheimnis vor Einführung des automatischen Informationsaustauschs ab 2018 aushebeln. Den mutmasslichen Steuerhinterziehern droht also rückwirkend die Kriminalisierung. Die Informationsauskunft in den DBA gilt nämlich auf das Folgejahr nach dessen Unterzeichnung. Zudem versprechen Gruppenanfragen nach niederländischem Muster breitflächige Datenlieferungen à la AIA. Dies weckt Begehrlichkeiten. „Die Niederlande sind erst der Anfang – Deutschland, Frankreich oder Italien werden folgen“, ist ein holländischer Anwalt überzeugt.

Der Entscheid der ESTV

Angesichts dieser Tragweite hat sich die Bundesverwaltung mit dem niederländischen „information request“ offenbar schwergetan. „Innerhalb der ESTV gab es intensive Diskussionen wegen des Gruppenersuchens“, sagt ein Insider. Doch die Schweiz ist in Steuer fragen international unter Druck, das Dossier entsprechend heikel. Eine Abfuhr hätte für zwischenstaatliche Irritationen gesorgt.

Jedenfalls kommt die ESTV Ende Oktober in der Schlussverfügung zum Fazit: Aus dem Sachverhalt im Gruppenersuchen ergebe sich der begründete Verdacht, „dass die Steuerpflichtigen der Gruppe eine Steuerhinterziehung begangen haben“. Das Gruppenersuchen stehe im Übrigen in Zusammenhang mit einer Untersuchung des Belastingdienst, die aufgrund eines konkreten Verdachts auf Steuerhinterziehung eingeleitet wurde. „Daraus folgt, dass das Gruppenersuchen keine ‹fishing expedition› darstellt“, so die ESTV.

Die Frage, ob es sich um eine Beweisausforschung handelt oder nicht, dürfte bald das Bundesverwaltungsgericht beschäftigen. „Meine Mandanten werden vermutungsweise gegen das Amtshilfeersuchen vor Bundesverwaltungsgericht Beschwerde erheben wollen“, sagt Tobias Rohner. Doch die Chancen vor Gericht stehen schlecht. Stellvertretend für viele seiner Zunft äusserte sich Jurist Urs Zulauf, verantwortlich für die Kundensteuerpolitik bei der Grossbank Credit Suisse, kürzlich auf einem Fachpodium: „Ich wäre nicht überrascht, wenn das Gericht die Amtshilfe gewähren würde.“ Affaire à suivre.