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Lonrho – Kap der guten Hoffnung

Lonrho Rainer-Marc Freys Afrika-Konzern kommt langsam auf Touren – dank einem Ex-DKSH-Manager.

Wer im Supermarkt in Simbabwe eine Tafel Lindt-Schoggi kauft, erwirbt unwissentlich ein Stück Lonrho. Zum Afrika-Konzern von Finanzinvestor Rainer-Marc Frey, Zementkönig Thomas Schmidheiny und BMW-Milliardärin Susanne Klatten gehört nämlich seit kurzem die Brands Consumer Group (BCG). Und jene BCG vertreibt im südlichen Afrika namhafte Konsumgüter von Herstellern wie Lindt, Beiersdorf, Ferrero oder Duracell vom eigenen Lager in Südafrika aus.

Namhafte Konsumgüter

«BCG soll für uns zum DKSH in Subsahara-Afrika werden», sagt Bruno Sidler. Der Schweizer Manager leitet seit Ende 2017 die operativen Geschicke von Lonrho und weiss, wovon er spricht. Schliesslich war Sidler bis vor gut drei Jahren operativer Leiter des Handelskonzerns DKSH, der seinerzeit die asiatischen Märkte aufgerollt hat.

Eigentlich wollte Sidler nach seiner Zeit beim Zürcher Handelshaus in Pension gehen. Doch der Lockruf des damaligen DKSH-Grossaktionärs Rainer-Marc Frey sowie private Gründe bewogen Sidler, sich mit Lonrho nochmals in ein afrikanisches Abenteuer zu stürzen und nach Johannesburg zu dislozieren. Schon als Chef des Basler Logistikers Panalpina konnte Sidler viel Erfahrung in der Region sammeln.

Lonrho war bisher Fass ohne Boden

Mit dem Engagement bei Lonrho sah sich der gestandene Manager einer Herkulesaufgabe gegenüber: Seit Frey und Schmidheiny Lonrho im Sommer 2013 für umgerechnet 270 Millionen Franken übernahmen, erwies sich das Afrika-Konglomerat als Fass ohne Boden. Diverse Dienstleister, eine Airline, Hotels, ein Ölhafen und vieles mehr – zu breit war Lonrho aufgestellt, zu schwer wogen jene Altlasten, die mit schöner Regelmässigkeit ans Licht kamen.

Gleichzeitig hatte der Afrika-Konzern ein Führungsvakuum: Zwar forderten die Eigner gerne ein, aber ein Machertyp, der die grossen Pläne auf dem Schwarzen Kontinent «hands-on» umsetzen würde, fehlte. Mit finanziellen Folgen: Lonrho verbrannte über die Jahre Hunderte Millionen Dollar. Für die erfolgsverwöhnten Milliardäre ein Ärgernis.

Britischer Wasserkopf bei Lonrho

Dabei entpuppte sich auch die Idee eines Konglomerats mit einer starken Zentrale im fernen London zunehmend als unpassend. «Die Geschäfte waren zu unterschiedlich, als dass man sie hätte zentralisiert führen und daraus Synergien gewinnen können», sagt Sidler. Der Ex-DKSH-Mann pochte deshalb darauf, den britischen Wasserkopf abzuschneiden und die Kompetenzen wieder zurück nach Afrika zu verlagern. Heute arbeiten für Lonrho im Londoner Office bloss noch zwei Leute, zuständig für Rechtsund Compliance-Fragen. Sidlers Mannschaft mit gegen tausend Mitarbeitenden steuert der Schweizer nun von Johannesburg aus, und zwar im Sinne einer Investment Holding mit grossen Freiheiten für die lokalen Geschäftsleiter: Die meisten seien selbst am Erfolg beteiligt. Dieses «skin in the game» sporne an und schaffe Verpflichtung, so Sidler.

«Fokus auf Food und Getränke»

Nebst dem organisatorischen Umbau führte dieser auch die strategische Neuausrichtung an: «Unser jetziger Fokus liegt klar auf der Herstellung und der Verteilung von Food und Getränken», sagt Sidler und verspricht ein gutes 2019, nachdem Lonrho im abgelaufenen Geschäftsjahr noch einen Verlust von 27 Millionen Dollar schrieb (siehe Box).

Zum angestrebten Break-even soll nicht nur die Übernahme von BCG diesen Herbst für rund 10 Millionen Dollar beitragen. Lonrho hatte sich schon 2018 an einem Softdrinkfabrikanten namens Big Bottling Company in Nigeria beteiligt. Der Süssgetränkproduzent füllt die Marke Big Cola ab, ein Konkurrenzprodukt zu Pepsi und Coca. Nigeria soll jedoch nur der afrikanische Probemarkt sein, Lonrho besitzt nämlich die Big-Cola-Rechte für den gesamten Kontinent.

Targets auf dem Papier

Entlang der Wertschöpfungskette von Food and Beverage will der Konzern vor allem in Süd- und Ostafrika expandieren. Dabei sind Akquisitionen kein leichtes Unterfangen, wie Sidler schildert: «Häufig sehen Übernahme-Targets auf dem Papier gut aus, doch bei näherem Sondieren kommen fragwürdige Machenschaften ans Tageslicht.» Für den Afrika-Manager sind nebst diesen Compliance-Mängeln vor allem die marode Infrastruktur sowie das gemächliche Businesstempo die grössten Hürden. «Wer mit unserer Zack-Zack-Mentalität unterwegs ist, kommt in Subsahara-Afrika auf die Welt.»

Und so ziehen sich die angestrebten Devestitionen hin. Zum «Legacy»-Geschäft gehört beispielsweise ein IT-Business namens Complete Enterprise Solutions. Oder der Tiefseehafen in Äquatorialguinea, der am zyklischen Ölgeschäft hängt und in einem schwierigen Umfeld operiert. Bis Lonrho zu Afrikas DKSH wird, ist also noch viel zu tun.

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Credit Suisse – Khan-Affäre hinterlässt Spuren

Credit Suisse Es war der erste Zahlenkranz von CS-Chef Tidjane Thiam nach der blamablen Spionageaffäre um seinen ehemaligen Vermögensverwaltungsleiter Iqbal Khan. Und was der ivorische Grossbanker im dritten Quartal an Finanzkennzahlen zu präsentiert hatte, ist durchzogen. So offen bis heute ist, wer in der Khan-Affäre wirklich Täter und wer Opfer war, so uneindeutig fällt auch die Bewertung aus, wie sich das zweitgrösste Schweizer Finanzhaus in den letzten Monaten geschäftlich geschlagen hat.

Missglückte Überwachtung

Thiams Mantra an der Quartalspräsentation jedenfalls, wonach der Spionagekrimi vom Paradeplatz keinen Einfluss hatte, wird bereits durch die bankeigene Powerpoint-Präsentation auf Seite 46 in Zweifel gezogen. Dort ist zu lesen, dass im Schweizer Universalbankengeschäft mit Privatkunden zwischen Juli und September 600 Millionen Franken abflossen. Wohlgemerkt: Die Affäre Khan eskalierte erst am 20. September mit dem Bekanntwerden der missglückten Überwachung. Weitere böse Überraschungen sind also nicht ausgeschlossen.

Die Spionagepanne dürfte der Grund dafür sein, dass Schweiz-Chef Thomas Gottstein kürzlich in der Zürcher «Kronenhalle» die Contenance verlor und Khans Spin-Doctor zusammenstauchte. Auch sonst hat der CS-Schweiz-Banker wenig zu lachen: Das Zinsgeschäft ist unter Druck, die Nettomarge leicht rückläufig – und rechnet man den Einmaleffekt durch den Verkauf der Fondsplattform Investlab raus, dann geht auch der Vorsteuergewinn mit Schweizer Firmenkunden und institutionellen Anlegern etwas zurück.

Erfolgreiche Vermögensverwaltung

Besser als in der Heimat läuft es der Credit Suisse international mit vermögenden Privatkunden. Auch ohne Investlab-Boost stimmen die Zahlen: mehr Neugeld, bessere Nettomargen und steigende Vorsteuergewinne. Die Bank zeigt hier seit mehreren Quartalen einen Aufwärtstrend im Private Banking, das agiler und aggressiver wirkt als jenes der Konkurrentin UBS. Wie «sticky» die Anlagegelder sind, wenn die Börsenparty einmal vorbei ist, wird sich allerdings erst weisen müssen. Dennoch: Es ist das Verdienst von Thiam, Khan und Co., aus der CS in Wachstumsmärkten wie Asien einen respektablen Vermögensverwalter geformt zu haben.

Credit Suisse und die risikoreiche Investment Bank

Die CS ist aber auch die grösste nicht amerikanische Investment Bank. Und nach goldenen Jahren manifestiert sich hier erneut ein Strukturproblem: Das Kapitalmarktgeschäft ist ein volatiles People’s Business. Stockt die Pipeline oder verliert man gewichtige Pitches, dann bleibt die Bank auf einem gigantischen Kostenblock an teuren Investmentbankern sitzen. Die zentrale Frage für die CS-Führung muss deshalb lauten: Ist die Investment-Banking-Wette das Risiko wert?

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Nebelpetarden von Ruag

Prüfungen Der Ruag-VR behauptet öffentlich, die Finanzkontrolle habe den Bundesbetrieb seit 2001 viermal geprüft. Das ist falsch.

Es sei ihr wirklich peinlich, aber beim «Aufräumen der Ordner» habe sie letzte Woche ihren Irrtum bemerkt, sagt Kirsten Hammerich, Pressesprecherin des bundeseigenen Rüstungskonzerns. Die Anzahl der Preisprüfungen und die Anzahl der Rückzahlungen an Armasuisse seien falsch, räumt Hammerich am Telefon ein und reicht später eine schriftliche Richtigstellung nach.

Was die Ruag-Sprecherin als «unters Eis geraten» bezeichnet, nimmt seinen Anfang im Juni, als die Eidgenössische Finanzkontrolle (EFK) ihre Prüfung «Effektive Gewinnmargen bei Ruag Aviation 2013–2017» veröffentlicht. Darin untersuchten die Finanzkontrolleure des Bundes die breit kolportierten Vorwürfe, wonach der Bundesbetrieb über Jahre bei Armeeaufträgen Gewinnmargen verrechnet habe, die über den mit dem VBS vereinbarten 8 Prozent liegen würden.

Finanzkontrolleure untersuchen Vorwürfe

In der Tat kam die EFK in ihrer Prüfung auf Margen von bis zu 14,6 Prozent. Weil Ruag jedoch den Armasuisse-Rüstungschef stets informiert hatte und die Fakturierung «vertragskonform» und «ohne Manipulationen» ablief, kam der Rüstungskonzern mit einem blauen Auge davon. Nicht zuletzt, weil die Verträge keine eigentliche Gewinnlimite für den Rüstungskonzern vorsahen.

Dennoch förderten die Finanzkontrolleure Querfinanzierungspraktiken in Millionenhöhe zutage, welche der Bund als Auftraggeber zu berappen hatte. So querfinanzierte man unter anderem Entwicklungskosten des Zivilfliegers Dornier 228 oder legte Marketingkosten für internationale Airshows um – «ohne expliziten Auftrag vom VBS», wie die EFK festhält.

So sah sich der Ruag-VR genötigt, der Prüfung der EFK eine «Generelle Stellungnahme» anfügen zu lassen. Darin kritisiert der Rüstungskonzern zum einen den «neuen Kostenschlüssel», den die EFK angewandt habe. Zum anderen würden die Finanzkontrolleure das bisherige Kalkulationsschema ablehnen, welches nach «gängiger Industriepraxis» aufgebaut sei. «Dies ist daher überraschend, da dieses Kalkulationsschema seit Anbeginn von Ruag angewendet wird und bei Ruag Aviation sowie Ruag Defence (…) von der EFK seit 2001 viermal geprüft und die Anwendung mit einer Ausnahme (…) immer gutgeheissen wurde», schreibt der Ruag-VR um Präsident Remo Lütolf.

Richtigstellung der Ruag

Nur, was Lütolf und Co.in ihrer «Generellen Stellungnahme» schreiben, ist in mehreren Punkten nachweislich falsch, wie der Bundesbetrieb nach den Recherchen der «Handelszeitung» einräumen muss: «Seit 2001 hat es insgesamt sechs Preisprüfungen der EFK bei Ruag gegeben. Drei dieser Prüfungen hatten Rückerstattungen an unsere Kunden, Armasuisse respektive die damalige Gruppe Rüstung, zur Folge», schreibt Mediensprecherin Hammerich dazu.

Die Anzahl der Prüfungen ist das eine. Das andere ist das Kalkulationsschema. Dessen Anwendung sei durch die EFK mit einer Ausnahme immer gutgeheissen worden, schreibt der VR. Auch diese Aussage ist beschönigend. Denn der Bundesbetrieb hat über Jahre die Arbeit der Finanzkontrolleure behindert. Beispielsweise führte die EFK im Jahr 2015 eine Preisprüfung in Thun bei Ruag Defence durch. Geprüft wurden wie üblich die Preiskalkulationen auf der Grundlage von Verträgen mit Einsichtsrecht zwischen Ruag und Armasuisse. «Über die Ergebnisse war keine Einigung möglich», schreibt Yves Steiner von der EFK dazu. Mit anderen Worten: Der Rüstungskonzern akzeptierte die Resultate der Finanzkontrolleure schlicht nicht.

Ruag behinderte Preisprüfungen

Auch ein Jahr später gab es Zoff bei Ruag Aviation in Emmen. Die EFK musste die dortige Preisprüfung sistieren, weil ihr die erforderlichen Informationen fehlten. Ruag habe aus «Kapazitätsgründen (Jahresabschlussarbeiten)» die von der EFK gewünschten Informationen nicht in der gewünschten Zeit und Form aufarbeiten können, schreibt der Bundesbetrieb. Yves Steiner von EFK schildert den Sachverhalt folgendermassen: «Es kam zu Behinderungen bei der Preisprüfung 2016 sowie bei der Prüfung der Abgrenzung zwischen Bundes- und Drittaufträgen im 2017.» Denn nachdem die Finanzkontrolle ihre Preisprüfung bei Aviation sistieren musste, prüfte sie im Folgejahr die Abgrenzung zwischen Bundes- und Drittaufträgen bei der Aviation-Tochter. Fazit: «Die fehlende Transparenz bei der Abrechnung, welche Ruag Aviation mit der Verwendung von fixen Pauschalpreisen begründet, verunmöglicht dem Auftraggeber die Kontrolle der Leistungen und der Abrechnung.» Daraufhin folgte jene Gewinnmargenprüfung, deren Bericht die EFK im Juni ablieferte.

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Sunrise Präsident – Der grosse Dealbreaker

Peter Kurer Der Sunrise-Präsident ist gescheitert beim Versuch, die Konkurrentin UPC zu übernehmen. Die Chronologie einer Niederlage.

Es wäre der Showdown des Jahres gewesen. Am Mittwoch hätten Befürworter und Gegner der Fusion von Sunrise und UPC an einer ausserordentlichen Generalversammlung im Zürcher Hallenstadion die Klingen gekreuzt. Hier Sunrise-Präsident Peter Kurer, der den Deal mit UPC-Eignerin Liberty Global ausgehandelt hatte. Da Christoph Vilanek, der als Chef von Freenet die grösste Sunrise-Aktionärin vertritt und die Fusion bekämpft.

Ein letztes Mal hätte Präsident Kurer sein Bestreben verteidigen müssen: aus Sunrise die klare Nummer zwei im Schweizer Telekommarkt machen zu wollen. Hätte. Denn einen Tag vor dem Aktionärstreffen zog Kurer die Notbremse.

Frühmorgens teilte der Telekomkonzern mit, die GV sei abgesagt. Eine «deutliche Mehrheit» der Aktionäre würde gegen die für die Fusion nötige Kapitalerhöhung stimmen. Die Lastminute-Absage kam, gut eine Woche nachdem Kurer in der NZZ Zuversicht versprüht hatte, genügend Aktionäre hinter sich zu scharen. Wie konnte sich Kurer dermassen verschätzen?

Querulierender Grossaktionär

Es ist die Chronologie einer Niederlage, die abzeichnete. Doch Kurer und Co. ignorierten die Signale; ein Investmentbanker spricht von «selektiver Wahrnehmung». Statt sich mit den Kritikern auseinanderzusetzen, zeichnete die Spitze lieber das Zerrbild eines einzigen, querulierenden Grossaktionärs. Dabei wurde das Sunrise-Management bereits im April nach Toronto vorgeladen, weil der zweitgrösste Aktionär, der Canada Pension Plan Investment Board, die UPC-Übernahme kritisch beurteilte.

Von einer breiten Opposition gegen die Megafusion erfuhr der Sunrise-Verwaltungsrat erst viel zu spät. Kurer, der sich gegenüber der «Handelszeitung» nicht äussern wollte, sowie seine Dealmaker liessen die Board-Mitglieder lange im Glauben, alles im Griff zu haben. Mehr noch: Der Sunrise-Präsident dachte, Freenets Fundamentalkritik sei bloss Kesseltreiben – am Ende würde man die Grossaktionärin schon noch zum UPC-Deal bekehren können.

Das böse Erwachen kam im August, als Freenet öffentlich ankündigte, gegen die Fusion stimmen zu wollen. Und sich daraufhin andere Aktionäre der Deal-Kritik anschlossen. Da kippte die Stimmung am Zürcher Sunrise-Sitz. Fortan agierten Kurer und Co. im Panikmodus: Nach dem Freenet-Njet kanzelte der Verwaltungsrat auf beispiellose Weise den Haupteigner öffentlich ab.

Stimmung kippt am Sitz der Sunrise

Freenet sei in der UPC-Diskussion «unkonstruktiv» gewesen, habe unverhältnismässige Forderungen zulasten anderer Sunrise-Aktionäre gestellt und die beiden Freenet-Vertreter im VR hätten möglicherweise ihre Treuepflichten verletzt. Das Board schloss sie von allen Fusionstraktanden aus. Das Tuch zwischen Präsident Kurer und Freenet-Chef Vilanek war endgültig zerschnitten. Da half auch die Anpassung der Übernahmestruktur (mehr Schulden, weniger Kapital) nichts mehr.

Zuletzt wirkte die Spitze des Telekomkonzerns verzweifelt. Noch zehn Tage vor der GV kündigte sie eine Beteiligung von Liberty Global am neuen Konstrukt an. Doch der genaue Blick auf den Wortlaut zeigte: Verbindlich war daran gar nichts. Doch das war auch egal. Die Stimmung im Sunrise-Aktionariat war längst gekippt. Als auch noch der mächtige Stimmrechtsberater ISS den Daumen senkte, war Präsident Kurer vom «Dealmaker» (NZZ) zum Dealbreaker geworden.

Verwaltungsrat der Sunrise nimmt erneut Anlauf

Dabei hatte der Übernahmeversuch einst so verheissungsvoll begonnen: Im Herbst 2017 regte Freenet-Chef Vilanek im Sunrise-Verwaltungsrat selbst an, ein Zusammengehen mit der Kabelnetzbetreiberin UPC zu prüfen. Doch rasch wurde klar, dass die Preisvorstellungen zu weit auseinander lagen. Die Gespräche verliefen im Sand.

Im Sommer 2018 nahm der Sunrise-VR erneut einen Anlauf. Denn die UPC-Mutter Liberty Global wollte raus aus der Schweiz, ja aus ganz Kontinentaleuropa. Diesmal war kein Zusammengehen unter Gleichen angedacht. Vielmehr sollte die kleinere Sunrise die grössere UPC schlucken. Dazu hätte Liberty sich mit bis zu einem Drittel an Sunrise beteiligen und darüber hinaus eine Tranche in Cash erhalten sollen. Die Angelsachsen um Liberty-Chef Mike Fries zeigten Interesse. Sunrise sass wieder am Verhandlungstisch.

Kurers Governance-Papier

Da schlug die Stunde von Wirtschaftsjurist und Ex-Homburger-Partner Peter Kurer. Er entwarf ein Corporate-Governance-Papier, das dem Sunrise-Management die Kontrolle über das neue Konstrukt sichern sollte, auch wenn die beiden Ankeraktionäre Liberty und Freenet gemeinsam die Hälfte aller Aktien der neuen Sunrise kontrollieren würden. Den beiden Grossaktionären wollte er nicht nur verbieten, weitere Aktien zuzukaufen, sondern auch, ihr Paket zeitnah abzustossen. Darüber hinaus hätten sie im Verwaltungsrat nur eine Minderheit stellen sollen. Auch die Sunrise-Geschäftsführung hätte Liberty und Freenet nicht abwählen dürfen.

Es kam, wie es kommen musste: Liberty lehnte Kurers Governance-Pläne rundweg ab. Die Spitze musste nochmals über die Bücher. Im Dezember 2018 machte der Verwaltungsrat Liberty ein letztes Angebot: UPC gegen Cash. Sunrise würde den Kabelnetzbetreiber zum Preis von 6,3 Milliarden Franken auskaufen. Kurz vor Weihnachten ging die Cash-Offerte nach London zum Liberty-Sitz. Schon im Vorfeld äusserte Freenet-Chef Vilanek Zweifel, doch Dealmaker Kurer drückte aufs Tempo. Die Begründung: UPC könnte sonst in die Hände von Konkurrentin Salt fallen.

Klandestine PR-Kampagne

Nach den Feiertagen signalisierte Liberty, dem Verkauf zuzustimmen. Doch Freenet-Vertreter Christoph Vilanek deponierte sein explizites Nein zur UPC-Transaktion. Freenet fürchtete vor allem, dass ihre Beteiligung im Zuge der Kapitalerhöhung an Wert verlieren könnte. Doch Kurer wischte die Kritik des Grossaktionärs beiseite. Der Sunrise-Präsident war sich sicher, Vilanek noch herumzukriegen. Nötigenfalls mit öffentlichem Druck mittels einer klandestinen PR-Kampagne gegen den eigenen Grossaktionär.

Doch Kurers Kurs sollte sich als fatale Fehleinschätzung erweisen.

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Legend Holdings – Der rote Gigant expandiert aus Zürich heraus

Expansion Der Pekinger Mischkonzern Legend Holdings lenkt von Zürich aus das Europa-Geschäft. Dazu gehört eine Luxemburger Bank mit Ambitionen in der Schweiz.

Die Büros sind in bester Lage, einen Steinwurf vom Zürcher Hauptbahnhof entfernt. Hier arbeitet eine Handvoll Investmentspezialisten fürs europäische Business von Legend Holdings.

Das chinesische Konglomerat ist im Westen eine nahezu unbekannte Grösse. Zu Unrecht: Legend hält Beteiligungen im Wert von umgerechnet gegen 80 Milliarden Franken und beschäftigt indirekt etwa 75 000 Mitarbeitende. Damit zählt der Mischkonzern gemäss «Forbes»-Liste zu den 700 grössten Unternehmen weltweit.

Umsatzstarker Grosshändler für Früchte

Der in Hongkong börsenkotierten Firma gehört beispielsweise eine 30-Prozent-Beteiligung am PC-Weltmarktführer Lenovo. Auch an Chinas grösstem Autovermieter namens CAR ist die Holding beteiligt oder an Joy Wing Mau, dem umsatzstärksten Grosshändler für Früchte in der Volksrepublik.

Doch längst expandiert Legend über das Reich der Mitte hinaus: Im vergangenen Herbst kaufte die Foodsparte beispielsweise einen chilenischen Fischverarbeiter für umgerechnet 880 Millionen Dollar. Landwirtschaft und Lebensmittel sind denn auch eins von fünf strategischen Industriefeldern der Holding. Daneben investiert Legend in Dienstleister wie die chinesische Zahnarztkette Bybo Dental, in IT-Firmen, Werkstoff- und Spezialitätenchemikanten sowie in Finanzfirmen.

Bis zu dreissig neue Kundenberater

Und hier kommt der Zürcher Legend-Ableger ins Spiel, denn seit Sommer 2018 gehören dem chinesischen Beteiligungshaus auch 89,9 Prozent an der Banque Internationale à Luxembourg (BIL). Seither sitzt unter anderem Jing Li im Verwaltungsrat von BIL. Die chinesische Managerin arbeitete lange Jahre für den Versicherungskonzern Zurich und lenkt nun von Zürich aus die «Overseas Investments» von Legend Holdings. «Gegenwärtig liegt der Fokus auf Europa, dabei ist die Finanzbranche einer unserer Fokus-Sektoren», sagt Li. Denn die Chinesen streben eine Skalierung des Finanzgeschäfts an, wobei Legend eine geschäftliche Brücke zwischen Europa und Asien bauen möchte.

Das Werkzeug dazu: die BIL, die grösste privat gehaltene Unternehmerbank in Luxemburg, mit knapp 42 Milliarden Euro an verwalteten Vermögen. Ein Teil davon liegt seit den achtziger Jahren auch in der Schweiz, wo die Bank mit Filialen in Zürich, Genf und Lugano in der Vermögensverwaltung aktiv ist. Doch die Geschäfte hierzulande laufen schlecht. Die Schweizer Tochter mit ihren rund 120 Mitarbeitenden schreibt seit Jahren Verluste in Millionenhöhe. Allein im Geschäftsjahr 2018 resultierte bei einem Umsatz von 30 Millionen Euro ein Verlust von 4,4 Millionen Euro nach Steuern. Doch anstatt – wie so viele Auslandsbanken davor – den hiesigen Aktivitäten den Stecker zu ziehen und dem Schweizer Finanzplatz den Rücken zu kehren, setzen die neuen, chinesischen Mehrheitseigner voll auf Expansion. Skaleneffekte würden in diesem Geschäft immer wichtiger, sagt Hans-Peter Borgh, operativer Chef der internationalen Vermögensverwaltung und Präsident von BIL Suisse. «Wir wollen die Vermögensverwaltung in der Schweiz ausbauen und zwischen 15 und 30 Mitarbeiter einstellen.»

Offshore-Vermögende im Fokus

Dabei fokussieren die Luxemburger hierzulande auf vermögende Offshore-Kundschaft in der Gewichtsklasse zwischen 10 und 50 Millionen Franken. Am Standort in Genf stammt die Klientel meist aus dem Mittleren Osten. In Zürich vor allem aus Russland und neuerdings auch aus China. «Wir haben seit kurzem ein auf den chinesischen Markt spezialisiertes Team», sagt Borgh. Die Abteilung wird ab November der Fernost-erprobte Grossbanker Roger Gröbli leiten, der bei der Credit Suisse zuvor als Head of Private Banking North Asia tätig war. Er wird künftig die Regionen China, Hongkong und Taiwan abdecken.

Mehrheitseigner Legend Holdings

Mit dem neuen Mehrheitseigner Legend will BIL nämlich zum finanziellen Hub nach Mainland China werden: Erst vor kurzem haben die Luxemburger deshalb einem Ableger in Peking eröffnet. Gleichzeitig spannen die BIL-Banker mit der Mehrheitseignerin zusammen, um ihren vermögenden Kunden Zugang zu chinesischen Private-Equity-Vehikeln von Legend Holdings zu gewähren. Schliesslich ist der Venture- und Beteiligungsarm des Mischkonzerns milliardenschwer.

Umgekehrt versucht BIL, sich in der Schweiz für vermögende chinesische Unternehmer der ersten Generation attraktiv zu machen. Die sind dafür bekannt, dass sie nicht nur mit eigenem Geld gerne an den Finanzmärkten jonglieren, sondern auch gehebelt mit fremdem Kapital. Die Luxemburger haben deshalb die Zürcher Dependance aufmunitioniert. «Wir haben letzte Woche eine Kapitalerhöhung von 85 Millionen Franken vorgenommen. Mit der grösseren Bilanz können wir unseren in der Schweiz gebuchten Kunden grössere Kreditvolumen zur Verfügung stellen, ohne dass wir auf unser Luxemburger Mutterhaus zurückgreifen müssen», sagt Präsident Borgh.

Kapitalspritze der Legend Holdings

Die eigene Bilanz in die Waagschale zu werfen, ist die eine Erklärung für die happige Finanzspritze der chinesischen Mehrheitseigner. Die Kapitalerhöhung bei BIL Suisse könnte aber auch in Zusammenhang stehen mit möglichen Akquisitionsplänen hierzulande. Zwei angefragte Investmentbanker bestätigen, dass BIL Suisse schon seit längerem nach geeigneten Übernahmekandidaten auf dem Schweizer Finanzmarkt sucht. Einer der Dealmaker schildert das Akquisedilemma anschaulich: «Was zum Verkauf steht, will niemand. Und was alle suchen, gilt als unverkäuflich.» BIL-Präsident Hans-Peter Borgh sieht in einer Übernahme in der Schweiz zwar kein Basisszenario für BIL. Ganz ausschliessen möchte Borgh einen Take-over allerdings auch nicht: «Wenn die passende Bank verfügbar wäre, dann würden wir uns das sicherlich anschauen.»

Schliesslich geistern schon lange Gerüchte herum, dass sich chinesische Investoren in der Schweiz in die Finanzbranche einkaufen möchten. Sei es im Asset Management oder in der Schweizer Paradedisziplin, der Vermögensverwaltung.

Aus der Lintheschergasse in Zürich wird expandiert

Es ist deshalb möglicherweise kein Zufall, dass im Zürcher Team von Legend Holdings seit Anfang Jahr ein ehemaliger Julius-Bär-Banker arbeitet. Gemäss Profilbeschrieb ist der Finanzmann beim China-Konglomerat als strategischer Berater für die «Financial Services Industry» zuständig. Man darf also gespannt sein, was Legend Holdings aus dem Büro an der Lintheschergasse in Zürich in Zukunft noch akquirieren wird.

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Sunrise Grossaktionär geht aufs Ganze

Telekom Die Übernahme des Kabelnetzbetreibers UPC durch Sunrise steht auf der Kippe: Der grösste Aktionär, Freenet, sieht keine industrielle Logik mehr im Milliardendeal.

Die Zeit wird knapp. In wenigen Tagen entscheidet die Wettbewerbskommission (Weko), ob sie die Übernahme des Kabelnetzbetreibers UPC durch Sunrise genehmigen wird. Dann hat der Telekomkonzern dreissig Tage Zeit, um zur ausserordentlichen Generalversammlung zu laden, an der die Sunrise-Aktionäre über die Milliardentransaktion befinden werden.

Die geplante UPC-Übernahme ist bislang auf erbitterten und lautstarken Widerstand des grössten Einzelaktionärs gestossen. Die deutsche Freenet hält knapp einen Viertel aller Sunrise-Aktien. Deren Chef und Sunrise-Verwaltungsrat, Christoph Vilanek, kritisiert nicht nur den Übernahmepreis von 6,3 Milliarden Franken, sondern vor allem die bisherige Finanzierungsstruktur des Deals: eine massive Kapitalerhöhung in der Höhe von 4,1 Milliarden Franken. Würde diese doch bedeuten, dass Freenet mangels Finanzkraft nicht mitziehen kann und so in der Bedeutungslosigkeit versinken würde.

Der deutsche Telekom-Anbieter verlöre seinen Einfluss im Verwaltungsrat. Umgekehrt bekämen Sunrise-Präsident Peter Kurer und das Management um CEO Olaf Swantee vollen Zugriff auf die Geschicke der Gesellschaft ohne lästige Nebengeräusche. Dies dank einer möglicherweise atomisierten Eignerschaft, der ein industrieller Ankeraktionär fehlt.

Abgeänderte Kapitalstruktur durch Sunrise

Doch so weit ist es nicht. Der öffentliche Druck von Freenet und Co. zeigt Wirkung. Sunrise-Chef Olaf Swantee kündigte vor kurzem in der «Finanz und Wirtschaft» an, dass er nach Konsultation des Verwaltungsrates den Aktionären eine «abgeänderte Kapitalstruktur» vorschlagen werde: «Wir haben sondiert, wie viel mehr Schulden aufgenommen und wie stark die Kapitalerhöhung reduziert werden soll.» Gleichzeitig bekräftigte Swantee, dass «die bestehenden Aktionäre die industrielle Logik verstehen» und die Synergien sehen würden.

Zumindest Freenet kann Olaf Swantees Ansinnen auf einen nachgebesserten UPC-Deal nichts mehr abgewinnen. Christoph Vilanek sagt: «Wir sind enttäuscht über das zaghafte Vorgehen; das ist kein Bekenntnis zu einem fundamentalen Strategiewechsel, sondern bloss ein Feigenblatt. Das Vorgehen zeigt, wie nervös das Management im Hinblick auf die ausserordentliche Generalversammlung ist.»

Zwar entspreche ein höherer Verschuldungsgrad von bis zum vierfachen Ebitda der UPC-Sunrise, wie er unter institutionellen Investoren kolportiert werde, durchaus einer ursprünglichen Forderung von Freenet. Doch sei die Situation nicht mehr dieselbe wie beim formellen Verhandlungsabschluss Anfang Jahr, sagt Vilanek: «Die industrielle Logik für die UPC-Transaktion ist heute nicht mehr gegeben. 5G ist mittlerweile ein ernst zu nehmender Kabelnetzersatz.» Man habe damals schlicht das riesige Potenzial von schnellem Mobilfunk in der Indoor-Internetnutzung unterschätzt.

«Sunrise würde also bei einer Übernahme der UPC Schweiz in eine bereits veraltete Technologie investieren», ist Vilanek überzeugt. Insofern drohe bei einem Deal, dass zumindest ein Teil der bestehenden UPC-Festnetz-Kunden auf ein 5G-Mobilfunk-Abo wechseln würden. Damit reduziere sich die Payback-Zeit von geplanten zehn Jahren für das UPCNetz massiv. «Der Deal rentiert schlicht nicht mehr. Die Dissynergien sind enorm.»

Erst vor kurzem hat UPC Schweiz eine Bandbreitenoffensive angekündigt, mit welcher der Kabelnetzbetreiber die Leistungsfähigkeit seiner Infrastruktur unterstreicht. Bereits ab diesem Monat sollen Kunden flächendeckend mit Geschwindigkeiten von einem Gigabit versorgt werden können. Und mit einem Upgrade auf den neusten Kabelnetzstandard namens Docsis 3.1 soll der Internetspeed dereinst auf bis zu zehn Gigabit ansteigen.

Weko-Auflagen als Todesstoss für Sunrise UPC Deal

Doch den Sunrise-Grossaktionär Vilanek beeindruckt das wenig. Die Analyse der Entwicklung der Kabelnetze in Europa habe klar aufgezeigt, dass die Technologie ihren Zenit bereits überschritten habe, auch mit einem Upgrade auf Docsis 3.1. «Kabel ist Glasfaser klar unterlegen und spätestens im Haus ein Service, der von allen geteilt werden muss, was Bandbreite kostet.»

Trotz Widerstand des Grossaktionärs weibelt das Sunrise-Management auf Roadshows unermüdlich weiter für die UPC-Übernahme. Sekundiert wird der Telekomkonzern von diversen Investmentbanken wie CS, UBS und Deutsche Bank.

Für den Freenet-Chef ist klar, weshalb Sunrise an der UPC-Übernahme festhält: Die Führung des Telekomkonzerns könne sich öffentlich gar nicht mehr vom Deal distanzieren. «Ansonsten drohen Sunrise neben einer Break-up-Fee von 50 Millionen Franken auch mögliche Schadenersatzforderungen seitens der UPC-Mutter Liberty Global.» Das sei im Kaufvertrag so stipuliert worden; das Management müsse den Deal zu 100 Prozent unterstützen.

Technische Alternative für Kabelnetz

Abseits des öffentlichen Gezänks zwischen Befürwortern und Gegnern des Milliardendeals lastet auf der UPC-Übernahme das ausstehende Placet der Wettbewerbshüter, die spätestens bis zum 2. Oktober entscheiden müssen. Dann läuft nämlich die gesetzliche Frist für die vertiefte Übernahmeprüfung ab. Mindestens bezüglich Weko-Dossiers sind sich Sunrise-Chef Swantee und Freenet-CEO Vilanek einig: Beide beurteilen die Auflage der Wettbewebskommission als dealkritisch. «Sollte die Wettbewerbskommission die Öffnung des UPC-Netzes für Dritte erzwingen, wäre dies der endgültige Todesstoss für den Übernahmeversuch», sagt Vilanek. Die technischen und finanziellen Herausforderungen, das Kabelnetz für alternative Anbieter zu öffnen, seien gigantisch.

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Weissbuch von Sergio Ermotti

UBS Die Bank publiziert ein Paper zum Steuerstreit mit Frankreich. Es soll das Terrain für die Berufung ebnen.

Den jüngsten Zahlenkranz erhalten die Aktionäre der UBS am 22. Oktober serviert. Als Supplement wird ihnen ein White Paper zum Steuerstreit mit Frankreich gereicht, wie Recherchen der «Handelszeitung» zeigen. Hinter den Kulissen arbeiten die Kommunikationsabteilung und das Rechtsteam um Chefjurist Markus Diethelm seit Wochen am Dokument auf Geheiss von CEO Sergio Ermotti & Co.

Der Inhalt: eine akribische Aufarbeitung des Steuerstreits mit Frankreich. Die Botschaft: Das UBS-Management handelte stets zum Wohle der Bank und ihrer Aktionäre. Ein Vergleich mit Frankreichs Steuervögten war nie eine Option. Die Steuerklage hat schwere faktische Mängel.

Das Timing fürs White Paper ist präzise: Im November findet eine erste Anhörung vor dem Berufungsgericht in Paris statt. In der ersten Jahreshälfte 2020 soll der UBS-Rekurs dann materiell geprüft werden, wie die Pariser Generalstaatsanwaltschaft auf Anfrage erklärt.

Sergio Ermotti als Winkelried des Swiss Banking?

Mit dem White Paper will die Bankspitze um Sergio Ermotti zum Befreiungsschlag im Gerichtssaal der Öffentlichkeit ansetzen. Der Rechtsstreit mit Frankreich lastet wie Blei auf der UBS-Aktie. Seit dem erstinstanzlichen Urteil von Ende Februar hat der Titel gut 9 Milliarden Franken an Börsenwert eingebüsst. Ein guter Teil davon dürfte auf das Urteil zurückzuführen sein – verknurrte Richterin Christine Mée die Bank doch zur Zahlung von 4,5 Milliarden Euro, bestehend aus einer Busse von 3,7 Milliarden und Schadenersatz über 800 Millionen Euro.

Doch der Rechtsstreit mit Frankreich ist längst mehr als ein finanzielles und juristisches Dauerärgernis für die Grossbank. Der Crossborder-Fall ist zum Fanal für die Ära Ermotti geworden: Folgt das Berufungsgericht der Argumentation der Grossbank, wird UBS-Chef Sergio Ermotti im Spätherbst seiner CEO-Karriere zum Winkelried des Swiss Banking. Einer, der den fremden Steuervögten erfolgreich die Stirn geboten hat, statt eilfertig im Hinterzimmer das Checkbuch zu zücken. Hält der Cour d’appel jedoch am Urteil der Erstinstanz fest oder verschärft es gar, dann dürfte der Rechtsstreit einen bleibenden Schatten über die langjährige Regentschaft des streitbaren Tessiner Grossbankers werfen.

Zwar könnte die UBS bei einer Niederlage an den Kassationshof weiterziehen. Doch die obersten Richter Frankreichs prüfen Urteile nur auf allfällige Verfahrensmängel. Materiell wäre aus dem Pariser Palais de Justice nichts mehr zu erwarten. Insofern stellt das Weissbuch der UBS auch einen Versuch dar, das Terrain vor der bedeutsamen Berufungsverhandlung zu ebnen und dabei der Öffentlichkeit abermals die Faktenlage aus Sicht der UBS zu präsentieren. Schliesslich werden sich die Appellationsrichter dem Fall de novo annehmen. Also unbesehen von dem, was die Erstinstanz im Februar entschieden hat.

Anonymes Schreiben über die Bankpraktiken

Und da gibt es aus Sicht der UBS einiges, was am bisherigen Verfahren zu bemängeln wäre. Angefangen bei der Darstellung, wonach Ermotti und Co. die Chance vertan hätten, mit den französischen Steuerbehörden einen Vergleich abzuschliessen. Bereits im Frühjahr 2011 leitete die Pariser Staatsanwaltschaft eine Voruntersuchung gegen die Schweizer Bank ein, nachdem die Bankenaufsicht ein anonymes Schreiben erhalten hatte. Darin wurden die mutmasslichen Steuervermeidungspraktiken der UBS im grenzüberschreitenden Geschäft mit französischen Vermögenskunden beschrieben.

In dieser frühen Phase kam es zu Verhandlungen zwischen dem französischen Fiskus und der Bank. Damals rang man um eine Summe, irgendwo zwischen 40 und 100 Millionen Euro – und fand sich offenbar bei 74. Zum Vergleich: Die UBS bezahlte seinerzeit im Steuerstreit mit Deutschland rund 300 Millionen Euro für einen ungleich grösseren Offshore-Kundenstamm.

Doch die Verhandlungen scheiterten. Nicht zuletzt, weil eine Vergleichszahlung ein Schuldeingeständnis seitens der Bank bedingt hätte. Erst seit Ende 2016 kennt Frankreich mit Sapin II eine Vergleichszahlung ohne Verurteilung. Ähnlich einem Deferred Prosecution Agreement, wie es die Bank mit der US-Justiz vereinbarte.

Messlatte war gesetzt

In der Folge verhärteten sich die Fronten. Ende Juni 2014 musste BNP Paribas der US-Justiz wegen Steuervergehen 8,9 Milliarden Dollar abliefern. Nur wenige Wochen später forderten die Untersuchungsrichter von der UBS eine Kaution von 1,1 Milliarden Euro. Die Messlatte war gesetzt.

Nebst Tatbestand der schweren Geldwäscherei, den die UBS kategorisch abstreitet, kritisiert die Bank die Bemessungsgrundlage scharf. Jene 3,7 Milliarden Euro Busse im Ersturteil entsprechen den undeklarierten Vermögen von 3983 französischen UBS-Kunden. Und nicht den Steuern, die darauf fällig wären. Die Steuernachzahlungen be liefen sich gemäss Fiskus bloss auf 620 Millionen Euro. Diese Summe ist mit Vorsicht zu geniessen. Der UBS wurde nämlich der Zugang zu den Berechnungsgrundlagen verwehrt.

Auch die 800 Millionen Euro Schadenersatz sind zu hinterfragen. Also jene Kosten, die Frankreich aus den mutmasslichen Steuersünden entstanden sind. Gemäss einem Dokument des Rechnungshofs von 2017 kosteten den französischen Staat alle laufenden Steuerrechtsfälle mit Banken bloss 40 Millionen Euro. Angesichts dieser Diskrepanzen hat die UBS für den Frankreich-Fall bislang 516 Millionen Dollar zurückgestellt. Trotz 4,5 Milliarden Euro in der Erstinstanz. Affaire à suivre.

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Lorenz Erni – Der Consigliere

Lorenz Erni Der Verteidiger von Pierin Vincenz beriet ihn schon vor zehn Jahren, als Zweifel an einem Privatdeal aufkamen. Heute ermittelt die Staatsanwaltschaft.

Der Zürcher Strafverteidiger Lorenz Erni gilt als Mann für die Wirtschaftsfälle mit hohem Promi-Faktor: Fifa-Präsident Blatter, Swissair-Chef Bruggisser oder Bundesanwalt Lauber. Erni wird mandatiert, wenn die Fallhöhe besonders hoch ist.

So auch bei Pierin Vincenz. Gegen den Banker läuft seit Februar 2018 ein Verfahren wegen ungetreuer Geschäftsbesorgung. Die Zürcher Staatsanwaltschaft eröffnete es, gestützt auf eine Strafanzeige der Aduno. Beim Finanzdienstleister amtete der Ex-Raiffeisen-Chef bis im Sommer 2017 als Präsident. Nach seinem Rücktritt gab der Aduno-VR eine Untersuchung in Auftrag, die unter anderem Vinzenz’ Rolle beim Kauf der Commtrain Card Solutions (CCS) durchleuchtete. Die Verdachtsmomente führten zur Strafanzeige.

Pierin Vincenz wandte sich an Lorenz Erni

Aduno hatte 2007 für 7 Millionen Franken den Ostschweizer Zahlungsdienstleister CCS gekauft. Gut zwei Jahre später wandte sich ein Journalist an die Raiffeisen-Pressestelle und wollte mehr zur Rolle des damaligen Bankchefs Pierin Vincenz beim Kauf wissen. Schliesslich war Vincenz vorab verdeckt über ein Treuhandvehikel an der CCS beteiligt gewesen und hatte beim Verkauf seiner Anteile an Aduno 1,7 Millionen Franken verdient, ohne dass der Verwaltungsrat des Finanzdienstleisters davon Kenntnis hatte. Jedenfalls sorgte die Presseanfrage für emsiges Treiben hinter den Kulissen.

Gemäss zweier unabhängigen Quellen soll sich Raiffeisen-Chef Vincenz damals an seinen späteren Strafverteidiger Lorenz Erni gewandt haben. «Erni half mit bei der Auswahl der Experten für die Gutachten zur Commtrain-Übernahme», sagt ein Beteiligter. So liess Vincenz zwei Jahre nach dem Closing der CCS-Transaktion – mit dem Segen des damaligen Raiffeisen-Präsidenten Franz Marty – drei Privatgutachten zur Übernahme des Ostschweizer Zahlungsdienstleisters anfertigen.

Zu beweisen ist der finanzielle Schaden

Die Gutachten, welche die «Handelszeitung» einsehen konnte, sind hoch relevant fürs Strafverfahren, sanktionieren sie doch die Rechtmässigkeit der CCS-Transaktion und legitimieren damit Vincenz’ damaliges Handeln. Sie sind die professorale Antithese zum Hauptvorwurf der ungetreuen Geschäftsbesorgung. Ein Vorwurf, der vor Gericht nur standhalten wird, wenn es Staatsanwalt Marc Jean-Richard- dit-Bressel gelingt, zu beweisen, dass Aduno aus dem CCS-Deal tatsächlich ein finanzieller Schaden entstanden ist.

Demgegenüber stehen drei Gutachten, die Strafverteidiger Lorenz Erni mitzuorchestrieren half. Ein Beteiligter spricht von einer «wohl portionierten Gutachter-Kaskade» mit einem «clever gewähltem Untersuchungsfokus»: Finanzprofessor Claudio Loderer von der Universität Bern klärte für Raiffeisen beziehungsweise ihren Chef ab, ob der Kaufpreis angemessen war. Er war es, und zwar «am unteren Ende der Bandbreite», wie Loderer im Frühjahr 2009 schreibt. Jenen Preis, den Vincenz zwei Jahre zuvor für seine verdeckte Privatbeteiligung bezahlt hatte, berücksichtigt das Gutachten nicht.

Peter Forstmoser prüfte Übernahme der Commtrain durch Aduno

Die Beratungsfirma Helbling wiederum schaute sich die Struktur und das Setup der Übernahmetransaktion an. Sie kommt zum Schluss, dass der Akquisitionsprozess «professionell» und der Kaufvertrag «inhaltlich angemessen» war.

Auf den beiden Gutachten aufbauend beugte sich im Herbst 2009 Professor Peter Forstmoser über die CCS-Transaktion. Und zwar, «um das Verhalten von Herrn Dr. Pierin Vincenz im Hinblick auf einen potenziellen Interessenkonflikt rechtlich zu überprüfen». Der renommierte Aktienrechtler kommt zum Schluss, dass «Herr Vincenz seine Interessenwahrungspflichten nicht verletzt hat». Und dass die Interessen der Aduno und der Raiffeisen Schweiz «durch die (indirekte) Investition von Herrn Vincenz in keiner Weise beeinträchtigt» wurden.

Bezahlt hat die Gutachten wie auch die Beratung Ernis übrigens Raiffeisen. Jene Raiffeisen, die heute als Nebenklägerin im Strafverfahren gegen Ex-Chef Pierin Vincenz und seinen Verteidiger antritt. Die Bank will sich zum Sachverhalt nicht äussern. Auch Anwalt Erni nicht: «Es gibt keinen Kommentar», schreibt er.

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PDVSA – US-Justiz lässt Schweizer Bankerin verhaften

Geldwäscherei Der Skandal um Venezuelas Ölfirma PDVSA erreicht das Swiss Banking: Die US-Justiz liess Schweizer Bankerin am Comersee verhaften.

Es ist eine der feinsten Adressen am Comersee, das Fünf-Sterne-Hotel Villa d’Este in Cernobbio. Mitte Juli wurde die Nobelabsteige zum Schauplatz für einen internationalen Geldwäschereifall. Im Morgengrauen rückte eine Comer Polizeiequipe zur Renaissance-Residenz am Westufer des Sees aus, um eine 52-jährige Schweizer Bankerin D. F. (Name der Redaktion bekannt) abzuführen. Für die Zürcher Vermögensverwalterin, die vor ihrer Selbstständigkeit unter anderem für Aquila, Coutts und Rabo Bank gearbeitet hatte, bedeutete die Inhaftierung nicht nur das Ende ihrer Sommerferien. Ihr droht vielmehr die Auslieferung an die US-Justiz.

Büro in der Zürcher Altstadt

Die amerikanischen Strafverfolger schrieben D. F. nämlich bereits Mitte April per internationalen Haftbefehl zur Fahndung aus, wie Recherchen der «Handelszeitung» zeigen. Gemäss Gerichtsdokumenten wirft die US-Justiz der Schweizerin Finanzmanagerin mit Südsee-Wurzeln Geldwäscherei mit venezolanischen Petrodollars vor.

Die selbstständige Vermögensverwalterin, die mit ihrem Ehemann ein Nobelbüro in der Zürcher Altstadt unterhält, soll bis etwa 2013 geholfen haben, Bestechungsgelder der staatlichen Ölgesellschaft PDVSA auf zahlreiche Schweizer Bankkonti zu schleusen.

Die Verhaftung einer Schweizer Bankerin und deren mögliche Auslieferung in die USA markiert einen Wendepunkt in den Ermittlungen der amerikanischen Justiz gegen die kriminellen Machenschaften bei Venezuelas Staatskonzern PDVSA. Fürs Swiss Banking könnte die anstehende Auslieferung der Branchenfrau den Auftakt für den nächsten, riesigen Geldwäscherei-Skandal bilden.

Der weit verzweigte und facettenreiche PDVSA-Komplex hat gigantische Ausmasse und stellt bisher selbst grosse Fälle mit Swiss-Banking-Beteiligung wie 1MDB oder Petrobras/Odebracht in den Schatten. Gemäss einem Bundesstrafgerichtsurteil von Anfang April zu einem Rechtshilfeersuchen der US-Justiz sollen korrupte venezolanische Beamte mit einem ausgeklügelten Devisentauschsystem massive Kapitalgewinne erzielt haben. Dazu schreibt das Bundesstrafgericht in seinem Urteil: «Berichten zufolge wurden mehr als 4,5 Milliarden US-Dollar unterschlagen, hauptsächlich durch (…) in der Schweiz eröffnete Konten.»

Über 50 Millionen Dollar an Schmiergeldern der PDVSA verteilt

Im Vergleich dazu nehmen sich die mutmasslichen Schmiergeld-Summen, mit denen die Schweizer Vermögensverwalterin D.F. und ihre Zürcher Kreis-1-Firma operierte, eher bescheiden aus. Die Anklageschrift, die im April vor Gericht im texanischen Houston eingereicht wurde und bis vorkurzem unter Verschluss gehalten wurde, gewährt dazu detaillierten Einblick. Wie immer in solchen Fällen gilt die Unschuldsvermutung.

Der Reihe nach: Makroökonomischer Ausgangspunkt für das Schmiergeld-Schema mit Schweizer Beteiligung ist die grassierende Misswirtschaft in Venezuela, die sich ab 2010 drastisch verschärft. Die Einnahmen der staatlichen Ölgesellschaft PDVSA reichen nicht mehr aus, die Löcher im Staatshaushalt zu stopfen. PDVSA selbst ist ebenfalls stark verschuldet, kämpft mit Liquiditätsengpässen.

Die nicht-beglichenen Rechnungen des Ölkonzerns türmen sich. Gleichzeitig soll die Petrolgesellschaft auf Druck des venezolanischen Regimes um Präsident Hugo Chávez, die Ölproduktion drastisch erhöhen. Etwa ab 2011 entwickeln mehrere Manager aus dem PDVSA-Umfeld ein Schmiergeld-System. Sie behandeln gewisse Zulieferer des Petrokonzerns bevorzugt bei der Auftragsvergabe und beim Bezahlen offenerer Rechnungen, wenn diese für den Vorzugsdienst Schmiergelder an sie zahlen.

Kontakt zu hochrangigem venezuelanischem Beamten

Vom Beuteschema profitieren alle Parteien: Die Manager des Staatskonzerns, weil sie Millionen Dollar an Schmiergelder einstrichen. Die petrochemischen Zulieferer, weil sie gesicherten Absatz und Erlöse aus Venezuela erhielten. Und natürlich die Schweizer Vermögensverwalterin, die für ihre Finanzdienste entlohnt wurde. Ab 2011 eröffnete die Frau die nötigen Schweizer Bankkonten für den Transfer der Schmiergeld-Zahlungen und half mit, plausible Dokumenten für die Zahlungen zu erfinden wie Service-Level-Agreements, Rechnungen oder Sublieferanten-Kontrakte.

Gemäss texanischer Anklageschrift sollen die Geschäftsleute aus dem Ölzuliefer-Umfeld so über 50 Millionen Dollar an Schmiergelder für die PDSVA-Männer auf vier hiesigen Konten verteilt haben. Einer der Öl-Industrie-Lieferanten machte die Schweizer Bankerin auch mit einem hochrangigen Beamten des Chávez-Regimes bekannt. Im Dezember 2011 schrieb D.F. an ihren Kontaktmann eine Mail: «Das Treffen betreffend dem Grauhaarigen verlief sehr positiv, offen und exzellent.» Ob es D.F. auch mit dem «senior Venezuelan government official» in Geschäfts kam, geht aus den Gerichtsakten nicht hervor.

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UPC – Auffällige Bewegungen

UPC Die Anleihen der Telekom-Firma bewegten sich bereits, bevor die Übernahme durch Sunrise publik wurde. Waren Insider am Werk?

Die Indiskretion machte an einem Freitagabend nach Börsenschluss die Runde. «Sunrise in talks to buy Liberty’s Swiss cable arm» titelte die «Financial Times» auf ihrer Website am 1. Februar und machte damit jene Übernahmegespräche publik, die bereits seit Wochen im Geheimen liefen. Es geht um den Übernahmeversuch von UPC Switzerland, die zur amerikanischen Liberty Global gehört, durch Sunrise.

Die Ankündigung einer möglichen Elefantenhochzeit im Schweizer Telekom-Markt führte an den darauffolgenden Handelstagen zu Kursverlusten bei den Sunrise-Aktien. Schliesslich wäre die UPC-Transaktion mit einer massiven Kapitalerhöhung verbunden. Umgekehrt zogen die in Irland kotierten Schulden der UPC an, welche Sunrise im Rahmen der Transaktion übernehmen würde. Der Kursanstieg reflektiert die Aussicht auf einen besseren Schuldner. Denn der Schweizer Telekom-Konzern weist gegenüber der UPC-Mutter Liberty Global einen deutlich tieferen Nettoverschuldungsgrad auf.

Jahreszahlen erst im Februar

So weit, so nachvollziehbar. Nur: Einzelne Obligationen der Kabelnetzbetreiberin UPC reagierten schon rund einen Monat, bevor die «Financial Times» die Verhandlungen zwischen Sunrise und Liberty Global erstmals öffentlich machte. Beispielsweise stieg der Kurs einer besicherten Anleihe der UPC Holding von 600 Millionen Euro ab dem ersten Handelstag im Januar an. Und zwar ohne dass eine entsprechende Nachrichtenlage den Anstieg hätte plausibilisieren können. Das Mutterhaus Liberty Global rapportierte seine Jahreszahlen erst im Februar.

Die Bewegungen seien ihm auch aufgefallen und man sei entsprechend aktiv geworden, sagt Christoph Vilanek, CEO von Freenet, grösster Einzelaktionär von Sunrise und ein entschiedener Gegner der geplanten UPC-Transaktion: «Wir haben bei der europäischen Marktaufsichtsbehörde eine Prüfung angeregt.» Auch beim Stimmrechtsvertreter Ethos sei Freenet vorstellig geworden.

Die UPC-Obligationen sind an der irischen Börse kotiert. Als Aufsicht gegen Marktmissbrauch fungiert die dortige Zentralbank. Angesprochen auf die Kursbewegungen in den UPC-Bonds geben sich die Regulatoren auf der Insel zugeknöpft. Man äussere sich nicht zu spezifischen Aktivitäten, ob sie nun ausgeübt würden oder auch nicht. Gemäss einem anderen aktivistischen Sunrise-Investor sollen sich die Aufseher in der Schweiz und den Niederlanden den Insiderverdacht anschauen.

Anleihen UPC – Wohltätige Zweckgesellschaft

Die direkt betroffene UPC beziehungsweise ihre US-Mutter wollen sich zu den auffälligen Kursbewegungen nicht äussern: Man kommentiere den «öffentlichen Handel in eigenen Schuldtiteln» nicht. Die potenzielle Käuferin Sunrise betont auf Anfrage, dass der Kurswert der Obligationen keinen Einfluss auf die Schuldenübernahme habe. Man übernehme den Nominalwert sowie die dazugehörigen Coupons oder Zinszahlungen.

Mit anderen Worten: Ob mögliche Insider im Vorfeld der Ankündigung, Kasse gemacht haben, hat keinen Einfluss auf die Konditionen der Transaktion. Ansonsten nimmt der Telekomkonzern keine Stellung zum Trading-Verhalten der UPC-Obligationen, hält aber fest, «dass der Aktienkurs von Sunrise durch Spekulationen um diese Transaktion beeinflusst war».

Auffällig ist, dass nur ausgewählte Bonds des Kabelnetzbetreibers vorab reagiert haben. Es sind dies jene Obligationen, die über zwei Offshore-Gesellschaften auf den Cayman Islands emittiert wurden. Dabei handelt sich um Zweckgesellschaften, die gemäss Emissionsprospekt zu 100 Prozent einer «Wohltätigkeitsstiftung» gehören. Verwaltet werden sie von einem karibischen Treuhänder namens Maples FS Limited. Der einzige Zweck der Cayman-Islands-Gesellschaften besteht in der Ausgabe von Anleihen an Anleiheinvestoren und der Weitergabe der Finanzmittel an die UPC als ein Darlehensgeber. Käme die UPC-Transaktion zustande, würde Sunrise die beiden Zweckgesellschaften auf den Cayman Islands bestehen lassen.

Weko lädt zum Hearing nach Bern

Die Elefantenhochzeit im Schweizer Telekom-Markt ist allerdings erst im Status einer Anbahnung: Nebst dem lautstarken Widerstand des grössten Sunrise-Einzelaktionärs Freenet und anderer Grossaktionäre, steht auch das Placet durch die Wettbewerbshüter aus. Seit Juni prüft die Wettbewerbskommission den Zusammenschluss von Sunrise und UPC vertieft. Zuvor hatte die Weko einen umfangreichen Fragebogen an den Telekommunikationsmitbewerber geschickt.

Die vertiefte Prüfung muss bis spätestens Anfang Oktober abgeschlossen sein. Vor kurzem fanden in Bern nicht öffentliche Hearings zur geplanten UPC-Übernahme statt. Dabei befragten die Weko-Vertreter in Anwesenheit von Sunrise und Liberty Global verschiedene Stakeholder, vom Bundesamt bis zum kleinen Festnetz-Konkurrenten. Gemäss Teilnehmenden ist damit zu rechnen, dass die Weko den Deal nur unter Auflagen genehmigen wird.

Nach dem Entscheid der Wettbewerbskommission hat Sunrise dreissig Tage Zeit, eine ausserordentliche Generalversammlung einzuberufen. Bereits hat die Luxemburger Fondsgesellschaft Axxion den Antrag eingereicht, Präsident Peter Kurer und VR-Mitglied Jesper Ovesen an der ausserordentlichen GV abwählen zu lassen. Axxion hält weniger als 3 Prozent an der Schweizer Telekom-Gesellschaft.