Wind of Change am Rheinknie

J. Safra Sarasin Kultur ist wichtiger als Kommerz. Wer weiche Faktoren unterschätzt, zahlt in harten Franken die Zeche. Diese schmerzliche Erfahrung macht nun der Top-Banker Joseph Safra. Gut drei Jahre nach Übernahme der Traditionsbank Sarasin tun sich in Basel kulturelle Gräben auf, so tief wie die Rheinschlucht. Denn der im syrischen Aleppo geborene Safra foutiert sich um kontinentaleuropäische Befindlichkeiten. Der Sohn einer jüdischen Bankiersfamilie, die einst im osmanischen Reich Handelskaravanen finanzierte, geht bei Sarasin mit dem Zweihänder vor, wo die feine Klinge gefragt wäre.

Signale zur Kompromissbereitschaft sind für den erzkonservativen Multimilliardär Zeichen der Schwäche. Statt offen zu kommunizieren und ein Klima des Vertrauens zu schaffen, spielt der 75-jährige, erfolgreiche Investor lieber mit verdeckten Karten – gegenüber Mitarbeitern wie Kunden. Für eine Privatbank, deren Kapital Vertrauen ist, hat der Verschwiegenheitskult Folgen. Intern werden Führungslosigkeit und Wertezerfall moniert, die profilierte Leute aus dem Institut getrieben haben. Extern hat Safras harte Haltung so viel Geschirr zerschlagen, dass die Reputationsschäden aufs Geschäft der deutschen Tochter durchschlagen. Dabei ist festzuhalten, dass Sarasins Skandale nicht Safras Schuld sind.

Ob die Cum-Ex-Deals oder die Windreich-Anlagen, die Fälle liegen vor der Übernahme durch den brasilianischen Ultra High Individual. Safras Versagen liegt indes darin, wie der beschlagene Bankenpatron mit den Basler Altlasten umgegangen ist. Statt sie geräuschlos zu bereinigen, hat er daraus eine Hypothek für die Zukunft der Bank gemacht.

Mehr ist besser, Herr Ermotti

Eigenkapital Die vom Staat gerettete UBS zündet ein Feuerwerk aus Nebelpetarden, um die Verschärfung der Eigenmittelvorschriften zu bekämpfen. Ein Londoner Professor präsentiert eine UBS-finanzierte Gefälligkeitsstudie. Grossbanken-Lobbyist Ruedi Noser wettert in der Presse gegen „Too big too fail“-Anpassungen. Sergio Ermotti schliesslich feuert eine öffentliche Breitseite gegen das „Swiss Finish“

Der UBS-Chor stimmt stets dasselbe Lied an: Mehr Eigenkapital verteuere das Geschäft, wodurch die Bank weniger Kredite vergebe. Das schade der Realwirtschaft. Dabei hat die Wissenschaft die Grossbanken-Mär längst widerlegt. Mehr Eigenkapital macht Banken sicherer, was die Volkswirtschaft stabilisiert und das BIP befeuert. Zudem: Je solider finanziert ein Schuldner ist, desto günstiger kommt er an Geld. Mit einer Ausnahme: Systemrelevante Banken wie die UBS tragen nicht das volle Risiko ihrer dünnen Eigenkapitaldecken. Hätte ein Industriekonzern eine Verschuldung wie eine Grossbank, er wäre schlicht nicht kapitalmarktfähig. Doch systemrelevante Banken sind eben „too big too fail“. Wir alle bürgen für UBS und Co.

Es ist deshalb purer Egoismus, wenn sich Ermotti gegen mehr Eigenmittel wehrt. Je grösser die Schulden der Bank nämlich sind, desto höher ist die Rendite auf dem eingesetzten Kapital. Und davon hängt Ermottis Bonus ab.

Ein Bauernopfer für die UBS-Bosse

Liborskandal Die Leitschnur der Bankenwelt heisst ­Libor. Kein Geschäft kommt ohne den Referenzzins aus. Der Brite Tom Hayes hat den Libor über Jahre manipuliert und damit das Fundament der Finanzmärkte ausgehöhlt. Der Ex-UBS-Händler muss nun für seine Taten 14 Jahre ins Gefängnis. Dies hat ein Gericht in London entschieden.

Hayes war zwar der Kopf des Komplotts, aber beileibe kein Einzeltäter. Er sollte die Last der Libor­manipulation nicht alleine schultern müssen, sagte Chefankläger Mukul Chawla am Prozessende. Doch ausser dem 35-jährigen Briten und seinem direkten Schweizer Vorgesetzten, dem in den USA der ­Prozess droht, steht kein weiterer UBS-Banker vor ­Gericht. Diese straffreie Verantwortungslosigkeit der UBS-Teppichetage ist der eigentliche Liborskandal.

Die Bankmanager liessen den Briten tanzen, solange die Musik spielte

Denn Hayes hatte innerhalb der Bank Mittäter, Mitwisser und Vorgesetzte, die bei seinen Manipulationen bewusst wegsahen oder sie gar mit exzessiven Boni befeuerten. Solange die Musik spielte, lies­sen die UBS-Manager den Briten tanzen und stellten keine kritischen Fragen. Und als der Regulator Jahre später dem Treiben den Riegel schob, waren Hayes’ Mitstreiter längst weg. Schliesslich lockte der nächste Top-Job in der Finanzindustrie. Darunter fallen ­sowohl jene UBS-Banker, die in der Anklageschrift ­gegen Hayes als dessen «Ko-Konspiratoren» genannt werden, als auch die damalige Führungsriege der Bank. Deren exorbitante Saläre wurden ja
stets mit der Gesamtverantwortung gegenüber dem Gross­institut gerechtfertigt. Die Jobs waren sozusagen vergoldete Schleudersitze. Doch als die Top-­Manager in der Pflicht standen, zogen allesamt den Kopf ein. Oder wie Hayes es vor Gericht formulierte: «Die UBS warf mich vor den Bus.» Der bleichgesichtige Brite mit leichtem Asperger-Syndrom ist das perfekte Bauernopfer für die säumigen Bankbosse.

Zu dieser unrühmlichen Truppe gehört auch Mark Branson, der heutige Direktor der eidgenössischen Finanzmarktaufsicht Finma. Er war Chef der UBS Japan, als Hayes am Desk in Tokio den Libor frisierte. Branson stand also in der Aufsichtspflicht. Schliesslich trug er «die Verantwortung für das ­Investment Banking in Japan», wie seinem Finma-CV zu entnehmen ist. Der heutige Superregulator schweigt eisern zu seiner Japan-Vergangenheit.

Ein Investment-Chef der UBS soll Hayes persönlich bearbeitet haben

Auch Carsten Kengeter, der damalige Co-Chef der UBS Investment Bank, sitzt den Liborskandal ­lieber aus. Mit seinem neuen Job als Chef der Deutschen Börse lässt es sich gut leben. Da stören die Zwischenrufe aus London nur. Hayeserklärte nämlich vor Gericht, er habe die Manipulationen an ­einer Sitzung diskutiert, an der Kengeter teilgenommen habe. Auch Alex Wilmot-Sitwell, der andere ­Investment-Co-Chef und heutige Topshot der Bank of America, hat Hayes gekannt. Er soll den Star-­Trader damals persönlich bearbeitet haben, bei der UBS zu bleiben, als dieser zur Konkurrenz wechseln ­wollte. Die Beispiele beweisen es: Die Kleinen hängt man, die Grossen lässt man laufen.

Lauber muss jetzt liefern

Bundesanwaltschaft Fifa, Petrobras, Islamischer Staat oder der Fall Behring – der glänzend wiedergewählte Bundesanwalt Michael „Mike“ Lauber kann sich über einen Mangel an breitenwirksamen Ermittlungsverfahren nicht beklagen. Der Pfarrerssohn suchte zuletzt gezielt das Scheinwerferlicht. Wie im Fifa-Fall, als jüngst die Weltpresse im Berner Bundesmedienzentrum an Laubers Lippen hing. Mit jedem weiteren publikumsträchtigen Verfahren, das sich Laubers Staatsanwälte aufhalsen, steigt indes die Fallhöhe für ihren Chef. Lauber muss jetzt liefern. Der Bundesanwalt kann es sich schlicht nicht leisten, dass seine Strafverfolger in den globalen Grossverfahren am Ende mit leeren Händen dastehen. Ansonsten droht dem smarten Berner dasselbe Schicksal wie seinen pitoyablen Vorgängern Beyeler und Roschacher, die vorzeitig ihren Posten räumen mussten. In deren Amtsjahren machte die Bundesanwaltschaft vor allem mit Pleiten, Pech und Pannen von sich reden. Die Ermittlungen gegen die Hells Angels verliefen im Sand. Das Verfahren gegen die Tinners geriet zur Staatsaffäre. Und der Prozess gegen den Privatbankier Holenweger erwies sich als haltlos und rufschädigend. Lauber ist also vorgewarnt. Dass der karrierebewusste 50-Jährige nun bei voller Fahrt die Reifen wechselt und fast jeden fünften Staatsanwalt austauschen lässt, mutet da geradezu waghalsig an.

Die Angst, etwas zu verpassen

Start-up-Hype Der Hype ist mit den Händen zu greifen. Wie Pilze schiessen derzeit Startup-Brutkästen, Fintech-Labors, Innovationsparks und Gründer-WGs aus dem Boden. Ob Swisscom, Swiss Life, SBB, UBS oder die Schweizerische Post – kein Schweizer Konzern will abseits stehen, wenn technologieaffine Jungspunde am Geschäft der Zukunft basteln. Schliesslich könnte die konzerneigene Ertragsbasis disruptiert werden. So umschwärmen Big Corporates derzeit findige Startup-Unternehmer, die „etwas mit Internet machen“, wie Popstars. Das Wagniskapital sprudelt nur so. Und obendrein winken gratis Büroraum und ein direkter Draht in die Teppichetage. Denn in den Konzernzentralen grassiert die nackte Angst, etwas zu verpassen. Deshalb hofieren die Baby-Boomer an den Schalthebeln der Macht die Generationen Y und Z als Internet-Heilsbringer. Dies führt in der Schweiz zur absurden Situation, dass mittlerweile mehr digitale Brutkästen existieren als innovative Startup-Zöglinge vorhanden wären. Die Situation erinnert frappant an die aufgeheizte Jahrtausendwende. Der „Neue Markt“ produzierte damals einen Internet-Glücksritter nach dem anderen. Was sie vereinte, waren hochtrabende Businesspläne ohne wirkliches Geschäftsmodell. Oder wer erinnert sich noch an börsenkotierte Schweizer Firmen wie Fantastic, Miracle oder Think Tools? Eben. Die Konzerne sind gewarnt.

Silenen liegt nicht im Silicon Valley

Innovation Die Spitzen von Schweizer Politik und Wirtschaft reisten kürzlich ins Silicon Valley, um sich in der „Kunst der Innovation“ zu üben. Angeführt von Wirtschaftsminister Schneider-Ammann, reiste die Delegation durch die „Bay Area“, besuchte Startups, traf Vertreter grosser Technologiekonzerne und dinierte mit Risikokapitalisten. Was als Bildungsreise angedacht war, entpuppte sich als Entzauberung eidgenössischer Erfolgsmodelle. Zwar belegt die Schweiz regelmässig die vordersten Plätze, wenn es um Innovationskraft oder Wettbewerbsfähigkeit geht. Unsere Pro-Kopf-Patentquote ist weltweit unerreicht. Doch die statistische Signifikanz bildet die Lebenswirklichkeit nicht ab. Jene Innovationen, die unseren Alltag prägen und prägen werden, stammen eben nicht aus Silenen, sondern aus dem Silicon Valley. Schuld daran ist nicht die mangelnde Innovationsförderung oder das fehlende „seed money“. Es hilft auch nicht, die sogenannten Rahmenbedingungen zu verbessern oder Innovationsparks zu dekretieren. Kein staatlicher Interventionismus kann die Mentalität wandeln. Solange in der Schweiz berufliches Scheitern als schwere Erbsünde gilt und nicht als Chance zum Neuanfang, scheuen Unternehmer das Risiko wie der Teufel das Weihwasser. Gepaart mit einem ingenieursgetriebenen Hang zur Perfektion, führt dies zu viel Solidität, aber wenig Grossem und Bahnbrechendem. Daran ändert auch keine Bildungsreise etwas.

Die adjustierte Welt des Boris C.

Julius Bär Bilanzen sind wie Bikinis. Das Wesentliche verhüllen sie. Die anzügliche Finanzweisheit gilt auch für die jüngst publizierten Zahlen der Privatbank Julius Bär. Elfmal kommt in der Präsentation des Halbjahresergebnisses das Wort „adjustiert“ vor. Da ist die adjustierte Rede vom Aufwand-Ertrags-Verhältnis, vom Geschäfts- und Sachaufwand wie vom Gewinn vor Steuern und dem Reingewinn. Gemäss Duden stammt das Wort „adjustieren“ aus dem Französischen. Handwerker verwenden das Verb, wenn sie Werkstücke zurichten, also passend machen. Unsere österreichischen Nachbarn sagen „adjustieren“, wenn sie etwas richten oder in Ordnung bringen wollen. Beide Bedeutungen treffen bestens auf die Bank Bär zu. So weist eine Fussnote darauf hin, dass die „adjustierten Ergebnisse“ zwar auf den gültigen IFRS-Regeln basieren. Aber: „Exklusive Integrations- und Restrukturierungskosten, Abschreibungen auf immateriellen Vermögenswerten im Zusammenhang mit Akquisitionen oder Veräusserungen“. Mit anderen Worten: Bär-Chef Boris Collardi klammert die finanzielle Mühsal seiner zahlreichen Zukäufe – von Merrill Lynch Wealth Management bis Leumi Private Bank – aus. Was nicht in die Erfolgsrechnung passt, wird passend gemacht. Das „adjustierte Aufwand-Ertrags-Verhältnis“, das sich zum Vorjahr substanziell verbesserte, ist deshalb nur bedingt aussagekräftig. Für derlei Finessen bleibt im News- und Analystengeschäft aber keine Zeit: Rasch sind die Schlagzeilen gemacht, die Einschätzungen geschrieben. Was zählt, ist die Wahrnehmung, wen kümmert schon die Realität.