Afrikanischer Patient

Lonrho Der Afrika-Konzern von Finanzmilliardär Rainer-Marc Frey kommt nicht auf Touren. Nun soll es Ex-Panalpina-Chef Bruno Sidler richten.

Das Aktionariat des Afrika-Konglomerats Lonrho liest sich wie ein Who is who der deutschsprachigen Wirtschaftsprominenz: Finanzguru Rainer-Marc Frey («RMF»), Zementkönig Thomas Schmidheiny, BMW-Erbin Susanne Klatten, Partners-Group-Milliardär Urs Wietlisbach und Kühne-Nagel- beziehungsweise DKSH-Präsident Jörg Wolle. Sie alle und noch einige mehr wetten auf ein prosperierendes Subsahara-Afrika und haben deshalb in das Firmenkonglomerat Lonrho investiert. Ein finanzieller Einsatz, der sich für die schwerreiche Investorengruppe bislang aber nicht ausbezahlt hat, wie ein Blick in den jüngsten Geschäftsabschluss zeigt.

Lonrho lahmt. Der Umsatz des Afrika-Konzerns hat sich seit dem Einstieg von RMF und Co. halbiert, von 260 Millionen Dollar 2014 auf noch 130 Millionen im letzten Jahr. In der gleichen Zeitperiode hat sich der Betriebsverlust mehr als verdoppelt auf zuletzt 37 Millionen Dollar. Drastisch verringert hat sich auch die Anzahl Lonrho-Angestellte von über 3800 auf noch 830 im letzten Jahr. Als geschäftliches Highlight wird gleich mehrfach im Bericht vermerkt, die «Machinery»-Dependance in Mosambik sei vom amerikanischen Traktorenbauer John Deere zum «Händler des Jahres» ausgezeichnet worden.

Auch Lonrhos Ausblick ist bescheiden geworden: Man wolle die Geschäftseinheiten im 2017 «cash neutral» betreiben, heisst es im Jahresbericht. Geplant war jedoch einst ein Milliardenkonzern, der gemäss Bankunterlagen ab 2015 mit dem Aufschwung in Afrika profitabel und nachhaltig wachsen sollte.

Afrika-Unternehmer Frey selbst wollte sich trotz mehrmaliger Anfrage zum hochdefizitären Lonrho-Business nicht äussern. Allerdings offenbart der «Annual Report» den Umfang des Gesundschrumpfens beim Subsahara-Konzern, der Mitte 2013 für umgerechnet 270 Millionen Franken in Schweizer Hände überging.

Atuabo eingedampft

Ein gewichtiges Beispiel für den Krebsgang ist der Freihafen Atuabo im westafrikanischen Ghana. 600 Millionen Dollar wollte Lonrho ins gigantische Hafenprojekt, über den Öl und Gas hätten exportiert werden sollen, investieren. Im Gegenzug für das ambitiöse Projekt gewährte die ghanaische Regierung dem Afrika-Konzern mit Sitz in London die exklusiven Betriebsrechte für 25 Jahre und einen Steuererlass. Doch das Vorhaben, das politisch umstritten war, kam nicht vom Fleck. Nun hat die Lonrho-Führung das Hafenprojekt sangund klanglos begraben, was in einem Abschreiber über 23 Millionen resultiert. Der Verwaltungsrat habe einen «klugen» («prudent») Entscheid getroffen, heisst es im Jahresbericht.

Eine bittere Erfahrung für die hochkarätige Investorentruppe um Rainer-Marc Frey. Im Geschäftsbericht 2014 gab man sich noch ungleich zuversichtlicher: «Atuabo schaffte signifikante Erfolge.» Auch in Ghana, dem einstigen Vorzeigeland Westafrikas, wachsen die Bäume nicht mehr in den Himmel. Notorische Misswirtschaft und die wachsende Abhängigkeit von Rohstoffexporten haben das Wachstum beim Pro-Kopf-Einkommen verlangsamt. Es ist auf den tiefsten Stand des vergangenen Jahrzehnts gefallen.

Noch heute bewirtschaftet Lonrho ein buntes Portfolio rund um den Globus. Im Geschäftsbericht sind hundert Beteiligungen ausgewiesen. Doch man ist im Eiltempo daran, Unrentables abzustossen. Von der Airline hat man sich längst getrennt, auch von einer Hotelkette. Grosse Hoffnungen setzt Lonrho auf die Division Market Expansion Services (MES), die Markenprodukte wie die genannten John-Deere-Traktoren an Afrikas Landwirte verkaufen will. Doch das Umfeld ist kein Free Lunch: Im Südsudan brach das Geschäft wegen Unruhen zusammen, in Mosambik wurde das Geschäft wegen Unruhen «hart» getroffen. 2017 werde, heisst es im Jahresbericht 2016, ein «herausforderndes Jahr» für MES.

Compliance-Problem in Angola

Zum schwierigen sozioökonomischen Umfeld und den tiefen Rohstoff- und Ölpreisen gesellen sich im ablaufenden Geschäftsjahr auch noch Compliance-Probleme, und zwar in Angola. Das westafrikanische Land führte strikte Kapitalkontrollen ein, um die Flucht aus der Landeswährung Kwanza zu verhindern. Der Markt für harte Dollars trocknete aus. Die dortige Tochter, Lon Agro, soll im Jahresverlauf einen lokalen Berater engagiert haben, um den Devisenverkehr bei der Bank of Angola zu beschleunigen. Dazu zahlte ihm Lon Agro eine Kommissionsgebühr von 375 000 Dollar.

Nach dem Devisendeal kamen den Lonrho-Verantwortlichen Zweifel, ob der externe Consultant sauber gearbeitet habe. Im Zuge dessen startete der Afrika-Konzern eine gross angelegte interne Untersuchung, die von einem unabhängigen Risikoprüfer und einer internationalen Anwaltskanzlei durchgeführt wurde. Detaillierte Dokumentationen wurden erstellt, es gab Face-to-face-Interviews mit den Verantwortlichen und vieles mehr. Die Untersuchung kam zwar zum Schluss, dass es keine Hinweise auf Unregelmässigkeiten gebe. Dennoch schliesst die Lonrho-Führung nicht ganz aus, dass es zu «inappropriate actions» gekommen sei.

Wie auch immer. Der Afrika-Konzern bleibt auch im Jahr vier nach der Übernahme für RMF und Co. eine Grossbaustelle, an der sich nun Ex-Panalpina-Chef und Ex-DKSH-COO Bruno Sidler versucht. Der Schweizer Spitzenmanager ist seit November Lonrho Group Chief Operations Officer. Er füllt nun teilweise jene Lücke, die der Ex-Nestlé-Manager Roland Decorvet hinterlassen hat. Decorvet war von Herbst 2015 bis Frühjahr 2016 Lonrho-CEO – seither gibt es keinen Chef mehr beim Afrika-Vehikel. Decorvet kassierte für seinen Kürzesteinsatz satte 1,3 Millionen Dollar – davon 600 000 Dollar als Kompensation für seinen Rauswurf.

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