Der Preis ist heiss

Klimawandel In den Konzernbilanzen und Portfolios der Pensionskassen schlummern ungeahnte Klimarisiken. Nun wird der Ruf nach mehr finanzieller Transparenz laut.

Bilder der Zerstörung im französischen St. Martin. Land unter in Havanna. Autos, die durch die Luft fliegen in Miami. Millionen von Haushalten ohne Strom, Dutzende von Toten: Hurrikan Irma und ihr Vorgänger Harvey haben in den letzten Tagen eine Spur der Verwüstung über die Karibik und die südlichen Staaten der USA gezogen. Voraussichtlicher Schaden: 100 Milliarden Dollar.

Die direkten Folgen der verhehrenden Unwetter lassen sich auf Punkt und Komma beziffern. Doch die langfristigen Folgen für Wachstum und Wohlstand der Welt bleiben eine Blackbox. Denn der Klimawandel ist an den Kapitalmärkten nicht angemessen eingepreist. Die unmittelbaren Unwetterschäden sind dabei nur die Spitze des Eisberges. Fehlende Preissignale für die schleichenden Folgen des Klimawandels könnten die Anleger teuer zu stehen kommen.

Das zeigen nur schon grobe Überschlagsrechnungen. Die Wertverluste werden gravierend sein – selbst wenn es gelingen sollte, die Klimaerwärmung bis 2010 unter 2 Grad Celsius zu halten, wie das im Rahmen des Pariser Klimaabkommens von 2015 stipuliert wurde. Dem moderaten Anstiegsszenario folgend, schätzt das Beratungsunternehmen Vivid Economics – mit einer Eintrittswahrscheinlichkeit von 50 Prozent – das Verlustrisiko an den Finanzmärkten auf 4,2 Billionen Dollar.

Der Betrag entspricht dem Wert sämtlicher kotierter Öl- und Gasgesellschaften oder dem BIP Japans. Bei einem Temperaturanstieg um sogar 5 Grad würde sich der Verlust auf 7,2 Billionen Dollar fast verdoppeln. Die happige Klimarechnung von Vivid Economics kalkuliert mit allen handelbaren Vermögenswerten in der Höhe von 143 Billionen Dollar.

Schweizer Pensionskassen im Klima-Check
Was an Klimarisiken in den Unternehmensbilanzen schlummert, treibt auch institutionelle Anleger in der Schweiz um: Ende Oktober treffen sich die wichtigsten Versicherer und Pensionskassen in Zürich, um einen Blick in die eigene Blackbox zu wagen. Dann nämlich stellt das Bundesamt für Umwelt (Bafu) zusammen mit der Finanz-Nichtregierungsorganisation (NGO) 2° Investing Initiative die Resultate eines Klimaverträglichkeits-Pilottests vor.

Rund achtzig Pensionskassen und Versicherer haben ihre Portfolios von der Finanz-NGO checken lassen. Sie vereinen zwei Drittel aller Schweizer Vorsorgevermögen. Geprüft wurde, wie klimafreundlich ihr Portfolio ist. Motto: Halten die Firmen, in die investiert wurde, mit ihren CO2Emissionen das 2-Grad-Ziel ein? „Das Übereinkommen von Paris verlangt, dass die Finanzflüsse künftig klimaverträglich ausgestaltet werden“, sagt Bafu-Projektleiterin Silvia Ruprecht. Beim Test gehe es darum, die Pensionskassen und Versicherer für die Thematik zu sensibilisieren und als Behörde einen anonymisierten Überblick über die Investitionen zu erhalten. Der Bund appelliert vorerst also an den guten Willen institutioneller Anleger.

Das Finanzchecking der 2° Investing Initiative hat jedoch Grenzen: Die finanziellen Risiken werden nicht quantifiziert, geprüft wird lediglich die Verträglichkeit des Portfolios mit den Pariser Klimazielen. Auch umfasst die Analyse nur kotierte Aktien und Obligationen. Staatsanleihen und Immobilien sind ausgeschlossen. Zudem konzentriert sich die Finanz-NGO einzig auf direkt klimarelevante Sektoren wie Öl, Gas, Kohle beziehungsweise energieintensive Industrien und Mobilitätsanbieter. Immerhin werden auf diese Weise 70 bis 90 Prozent der CO2-Emissionen erfasst.

Ein besonderes Augenmerk legt die Initiative auf „forward-looking data“. Also Informationen, wie ein Unternehmen sich aufstellen will, wo es Investitionen tätigen wird und auf welche Technologie es setzt. Dieser prospektive Ansatz ist zentral. Denn der Klima-Killer von heute kann das grüne Vorzeigeunternehmen von morgen sein. Die Analysten greifen dazu auf eine Industrie-Datenbank zurück, die den aktiven wie projektierten Produktionspark weltweit umfasst.

Allerdings ist die 2° Investing Initiative nur ein mögliches Modell von vielen, um die (Anpassungs-) Risiken des Klimawandels offenzulegen. So schätzt die Non-Profit-Organisation Climate Disclosure Standards Board, dass es weltweit über 400 freiwillige Standards gibt, um den Klimawandel abzubilden.

Financial Stability Board fordert mehr Transparenz
Dieser Wildwuchs des Wohlwollens, der die Klimavergleichbarkeit von Unternehmen und Industrien für Investoren verunmöglicht, wird nun international bekämpft. Und zwar auf höchster Ebene: Das Financial Stability Board (FSB) ist aktiv, dieses von den G20 ins Leben gerufene Gremium zur Stabilisierung des Finanzsystems nach dem Beinahe-Crash 2008. So sieht das FSB im Klimawandel ein systemisches Risiko, das geeignet ist, das globale Finanzsystem zum Kollabieren zu bringen.

Ziel sei es, der „tragedy of horizon“ etwas entgegenzusetzen, sagte Mark Carney, Gouverneur der Bank of England und ehemaliger FSB-Vorsitzender der Londoner Finanzgemeinde. Die katastrophalen Konsequenzen des Klimawandels würden den üblichen Horizont der meisten Akteure übersteigen, die Kosten den kommenden Generationen aufgebürdet und die aktuellen Generationen hätten keinen Anreiz, „das Problem zu lösen“, sagte Notenbanker Carney am Pariser Klimagipfel im letzten Jahr.

Das FSB versucht nun, die finanzielle Transparenz zu verbessern. Dazu wurde eine Task-Force mit Wirtschaftsvertretern ins Leben gerufen, die Regeln zur Offenlegung klimabedingter Risiken erarbeitet. An Bord sind globale Industriegiganten wie Daimler, Dow Chemical und Tata Consultancy, aber auch Finanzriesen wie JP Morgan Chase oder die Industrial and Commercial Bank of China. Vollzählig vertreten sind auch die Big Four der Prüfungsgesellschaften sowie Blackrock als Branchenprimus der Assetmanager. „Ziel war es, Vertreter der wichtigsten Industrien an Bord zu haben“, sagt Andreas Spiegel, der als Head Group Sustainability Risk für den hiesigen Rückversicherer Swiss Re in der FSB-Task-Force sass.

Im Juni nun hat die Gruppe ihre Empfehlungen publiziert und den G20 am Gipfel in Hamburg vorgelegt: Statt die Schlüsselzahlen in einen kaum beachteten Nachhaltigkeitsbericht zu vergraben, sollen die Klimabilanzen der Konzerne im Rahmen de „mainstream annual financial filings“ offengelegt werden.

Unterschieden wird zudem zwischen den physischen Risiken des Klimawandels wie jenen in Herstellung und Lieferkette, die vergleichsweise einfach zu erfassen sind, und Transitionsrisiken, die schwieriger zu quantifizieren sind. Also den Risiken, die durch den Übergang zu einer kohlenstoffarmen Wirtschaft entstehen, wenn beispielweise etablierte Technologien wie der Verbrennungsmotor durch neue Antriebe abgelöst werden. Oder wenn sich Konsumgewohnheiten rasch und nachhaltig verändern, wenn ganze Märkte wegbrechen und Unternehmen in Schieflage kommen. „Uns geht es darum, den Businesscase resilienter zu machen“, sagt Spiegel.

Dass es sich dabei vorerst nur um freiwillige Empfehlungen handelt, hält der Swiss-Re-Manager nicht für einen Nachteil. „Ich bin überzeugt, dass das der richtige Weg ist.“ Es mache keinen Sinn, zum jetzigen Zeitpunkt verbindliche Regeln einzuführen: „Wir sind ja erst daran, die entsprechenden Rechnungen zu modellieren.“ Andreas Spiegel rechnet damit, dass eine Standardisierung und damit eine verbindliche Regulierung der Risiken des Klimawandels frühestens in zehn Jahren realistisch sein wird. Ganz abgesehen davon, dass auch freiwillige Reporting-Regeln eine Wirkung entfalten würden: „Wir gehen davon aus, dass allein schon das Abseitsstehen eines Unternehmens längerfristig zu Bewertungsnachteilen am Kapitalmarkt führt.“

Ähnlich sieht es Marc-Olivier Buffle. Er leitet die Environmental Strategies bei Pictet. Die Genfer Privatbank investiert seit 2000 nachhaltig, als Pictet einen ersten Wasser-Fonds auflegte. Für Buffle ist die Datenlage zu klimarelevanten Risiken ungenügend: „Wer klimafreundlich investieren will, steht vor dem Problem, dass spezifische Investments in kleinere und mittlere Unternehmen kaum möglich sind, da viele dieser Small und Mid Caps keine Kapazitäten haben, um CO2Emissionen mit vernünftigem Aufwand zu messen.“ Selbst Grosskonzerne hätten Mühe, die Emissionen ihrer Erzeugnisse über den gesamten Lebenszyklus sauber auszuweisen. „Der Messaufwand gerade für Multinationals mit Hunderten an Produktionsfazilitäten auf der ganzen Welt ist gigantisch“, sagt Buffle.

Doch auch die institutionellen Anleger befänden sich in einer Zwickmühle: Angesichts des Tiefzinsumfelds, der ausstehenden Rentenversprechen und der mangelhaften Datenlage zu CO2Risiken falle es Pensionskassen und Versicherungen schwer, ihre Policy gänzlich auf langfristige Effekte des Klimawandels auszurichten.

Schweizer Konzerne setzen auf neuen Standard

Doch es gibt durchaus grosse institutionelle Anleger, die vorangehen: Der norwegische Pensionsfonds etwa – mit einem Vermögen von 1000 Milliarden Dollar der grösste Staatsfonds der Welt – betreibt einen Umweltfonds mit Einlagen von umgerechnet rund 6 Milliarden Dollar. Das Geld fliesst in alternative Energien und Energieeffizienz. Auch Aviva, ein amerikanischer Versicherer, hat sich zum Ziel gesetzt, in den nächsten fünf Jahren jährlich 780 Millionen Dollar in kohlenstoffarme Infrastrukturprojekte zu investieren, während die deutsche Allianz auf mittlere Sicht mit 5 Milliarden Euro in erneuerbare Energien investiert.

Einen wichtigen Schub dürften solche Investments Anfang nächsten Jahres erhalten. Dann werden die 32 Unternehmen der FSB-Task-Force erstmals ihre Klimarisiken offenlegen. Swiss Re ist derzeit an den nötigen Vorarbeiten für den „financial disclosure“. Auch die UBS sass in der FSB-Task-Force. Die Grossbank wird die Klima-Empfehlungen ebenfalls im eigenen Reporting umsetzen. Dazu hat sie zusammen mit sechs globalen Finanzhäusern eine Initiative gestartet, um das FSB-Framework abzubilden.

Zu den frühen Supportern gehört auch Glencore. Der Zuger Rohstoffhandelskonzern figuriert als einziges Schweizer Unternehmen nebst UBS und Swiss Re auf der Unterstützerliste der Task-Force. Der Agrokonzern Syngenta teilt mit, dass er die Initiative „uneingeschränkt“ unterstütze. Nach Angaben eines Sprechers sollen die Informationen verfügbar sein, sobald die Übernahme durch Chem China ganz abgeschlossen und das Unternehmen dekotiert ist. Pharmariese Novartis schreibt, dass es die Bemühungen der Task-Force in der Konsultationsphase unterstützt habe: „Unsere Einschätzung ist, dass die klimarelevante Offenlegung ein legtimes Instrument ist.“ Die Empfehlungen würden zurzeit geprüft.

Noch setzen die meisten Regierungen, wie auch die Schweiz auf freiwillige Klima-Efforts aus Industrie- und Finanzbranche. Allerdings zeichnet sich bereits ab, dass der Klimawandel zum Thema für die Regulatoren wird. In Frankreich beispielsweise sind die institutionellen Anleger bereits heute per Gesetz dazu verpflichtet, ihre Klimarisiken offenzulegen.

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