Die Beharrliche

Kathryn Shih Die Asien-Chefin ist ein UBS-Urgestein. Nun richtet sie die Bank voll auf Chinas Öffnung aus.

Golf braucht viel Geduld. Ein Sport wie geschaffen für Kathryn Shih, die Asien/Pazifik-Chefin der Grossbank UBS. Die bald sechzigjährige Britin mit Handicap 19 ist häufig in Hongkong, wo sie wohnt, auf dem Golfplatz. Auch abseits des Greens zeigt die Bankerin Stehvermögen. Seit über dreissig Jahren ist Shih der UBS beziehungsweise dem damaligen Bankverein treu. Seit zwei Jahren gehört Shih als Asien/Pazifik-Chefin der Konzernleitung an und managt – von Indien bis Australien – 13 Ländergesellschaften in siebeneinhalb Zeitzonen.

Die Industrieveteranin hat den Aufstieg Asiens zum Eldorado der Vermögensverwaltung hautnah miterlebt. Die Region steuert mit ihren mehr als 8000 Mitarbeitern beziehungsweise über 1000 Kundenberatern mittlerweile gut einen Fünftel zum Konzernergebnis der UBS bei. Tendenz steigend. Und nun schickt sich Shih an, ein neues Kapitel für die Bank zu schreiben. «Wir sind in einer sehr guten Position, wenn sich Chinas Finanzmärkte öffnen», sagt die studierte Chemikerin in sanftem Ton. Denn in der roten Volksrepublik, die jeden dritten Tag einen Milliardär hervorbringt, wartet möglicherweise der grosse Jackpot auf die Schweizer Grossbank. Es winken dereinst Abermilliarden an Assets vermögender Chinesen, die investiert sein wollen.

Bereits heute ist die UBS die Nummer eins im asiatischen Wealth Management mit 345 Milliarden Franken an verwalteten Vermögen. «Nimmt man Bankgesellschaft und Bankverein zusammen, haben sich die Assets under Management praktisch verhundertfacht, seit ich 1987 als Kundenberaterin eingestiegen bin», sagt Shih. Damals, Ende der achtziger Jahre, arbeitet sie in der Kreditabteilung der amerikanischen Citi und will wechseln. Ihr Vater, ein Unternehmer, unterhält bereits eine Geschäftsbeziehung zu den Schweizern. Ein Glücksfall, wie sich zeigt. Denn der Kontakt verhilft der gelernten Bankerin Shih schliesslich als Kundenkind zu einem Job beim Bankverein.

Die Endzwanzigerin ist damals eine der wenigen Relationship Manager in der Bankverein-Dependance in Hongkong, die bloss ein Dutzend Mitarbeiter hat. Heute zählt die UBS in der britischen Ex-Kolonie 2400 Angestellte. Bei Shihs Einstieg ins Vermögensgeschäft sind Dinge wie IT, Prozessautomatisierung oder Robo-Advising noch ferne Zukunftsmusik. Das Business läuft im wahrsten Sinne des Wortes hands-on ab. «Riefen uns Kunden an und wollten Optionen handeln, dann suchten wir einfach in der Börsenzeitung nach dem letztgehandelten Kurs», erinnert sie sich.

Knallharte Konkurrenz

Die frischgebackene Kundenberaterin enttäuscht ihre Schweizer Vorgesetzten nicht. Beharrlich erklimmt sie die Karriereleiter, leitet ab 2002 die regionale Vermögensverwaltungssparte für die UBS. Eine wichtige Zeit. Um die Jahrtausendwende sei nämlich auch am Zürcher Paradeplatz die Erkenntnis gereift, dass Asien verheissungsvolles Wachstum im Wealth Management verspricht. «Wir haben nach Ressourcen verlangt und haben sie erhalten», sagt Shih knapp.

Dieses Wachstum der Region generiert in den folgenden Jahren enorme Reichtümer. Asien habe sich so seinen «historischen Platz in der Welt» zurückerobert, meint Shih. Die Region zählt mittlerweile mehr Milliardäre als die USA. Bereits in vier Jahren werden diese Asian Billionaires mehr auf dem Konto haben als ihre amerikanischen Pendants.

Doch so verlockend der gigantische Kapitalstock, so knallhart ist mittlerweile die Konkurrenz im dortigen Wealth Management. «Unsere Margen sind deutlich tiefer als beispielsweise im Schweizer Geschäft», sagt die Asien/Pazifik-Chefin. Verdiente die UBS im letzten Jahr in Asien 72 Basispunkte auf die verwalteten Vermögen, waren es in der Schweiz 86 und in anderen Schwellenmärkten wie Russland oder Lateinamerika gar 96. Shih kennt den Margen- und Performancedruck ihrer anspruchsvollen Klientel und sagt diplomatisch: «Eine gesunde Beziehung zum Kunden gibt es nur, wenn er beim Investieren auch Geld verdient.»

Offshore-Vermögen der Chinesen

Weil mittlerweile aber viele Privatbanken im asiatisch-pazifischen Vermögenspool fischen, versucht Shih das Terrain nun um Festlandchina zu erweitern. Zwar stammt bereits heute rund ein Fünftel der von der UBS in Asien verwalteten 345 Milliarden Franken von vermögenden Chinesen. Doch handelt es sich praktisch ausschliesslich um Offshore-Vermögen.

Also jene Vermögen, die von chinesischen Unternehmern im Ausland erwirtschaftet und auch dort investiert und verwaltet werden. Sei es in Finanzportfolios, Industrieunternehmen oder Châteaux in Südfrankreich. «Die Offshore-Vermögen bilden jedoch nur die Spitze des Eisbergs und machen weniger als 10 Prozent der chinesischen Gesamtvermögen aus», sagt Shih, die seit 2016 von 600 auf über 1000 Mitarbeiter in Festlandchina aufgestockt hat.

Der wahre Reichtum verbleibt also vorerst im Reich der Mitte. Denn die Führung in Peking kontrolliert Kapitalverkehr und Wechselkurs. Chinesische Unternehmer, die zu Hause ihr Geld gemacht haben und nun ihren Reichtum im Ausland anlegen möchten, sind stark limitiert.

Jener Trumpf der globalen Vermögensdiversifikation, den Schweizer Banken, allen voran die UBS, jeweils zu spielen suchen, sticht also in China noch nicht. Geduld ist gefragt. Die Finanzmarktregulierung ist ein komplizierter Flickenteppich regionaler Prägung. Gleichzeitig liberalisiert die Parteinomenklatur den Kapitalmarkt nur zaghaft und scheibchenweise. Dennoch will die UBS am Buffet stehen, wenn die Party wirklich losgeht. «Wir bemühen uns um eine Retail-Banklizenz in Schanghai und streben eine Mehrheit an unserer Wertschriften-Tochter an», sagt Shih.

Diese UBS Securities gehört nur zu 24,99 Prozent der Grossbank. Ein weiterer, wichtiger Aktionär ist die Provinzregierung von Peking. Und bereits schmiedet die UBS neue, staatliche Allianzen: In einem Joint Venture mit der Provinz Qianhai, wo alle grossen Tech-Firmen sitzen, will die Grossbank eine nationale Plattform für digitale Fonds-Investments lancieren. Zielgruppe: Jene Millionen an chinesischen Millionären. Das Joint Venture starte bald, noch fehle die «Lizenz» für den Fondsvertrieb, gibt sich Shih zugeknöpft. Denn die UBS-Bankerin weiss: China braucht eine grosse Portion Geduld.

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