Die Milch machts

Remo Stoffel Der Turmbauer zu Vals investiert über 90 Millionen Dollar in Dean Foods. Er wird damit zum Ankeraktionär beim grössten Milchverarbeiter der USA.

Tu dir etwas Gutes, lautet der Slogan der Milchsorte «Swiss Premium». Eine von über fünfzig Molkereimarken, welche Dean Foods im Portfolio hat. Der börsenkotierte S&P-500-Konzern mit Sitz in Dallas, Texas, stellt vornehmlich Frischmilch her. Daneben Rahm, Glace und Kaltgetränke wie Iced Tea. Dean Foods ist so etwas wie die Emmi der USA und beherrscht im Land der unbegrenzten Möglichkeiten knapp einen Sechstel des Frischmilch-Marktes. Der mit Abstand grösste Milchverarbeiter der Vereinigten Staaten beschäftigt dazu gegen 16 000 Angestellte in etwa sechzig Fabriken und erzielte im Geschäftsjahr 2017 einen Umsatz von 7,8 Milliarden Dollar. Dean Foods ist seit 2006 am Aktienindex S&P-500 kotiert.

Nun hat «Swiss Premium»-Herstellerin Dean einen neuen Grossaktionär aus der Schweiz, der mittlerweile 10 Prozent hält. Es ist Remo Stoffel, der Bündner Immo-Unternehmer (Priora Gruppe) und Turmbauer zu Vals («7132 AG»). Er kaufte ab November sukzessive Dean-Aktien zu. Seither schiessen die Gerüchte auf US-Finanzblogs ins Kraut: Stoffel könnte mit relativ geringem Kapitaleinsatz beabsichtigen, eine Kontrollmehrheit beim Milchverarbeiter zu erlangen. Die Schwelle dafür liegt bei tiefen 35 Prozent. Möglicherweise fasse der Priora-Eigner auch ein Going Private ins Auge oder der «Swiss Activist» spekuliere auf eine Vollübernahme durch Dritte.

Mittlerweile ist der Valser Financier nämlich der mit Abstand grösste private Einzelaktionär – gleich hinter Beteiligungsriese Blackrock und vor zahlreichen anderen US-Institutionellen wie Vanguard, Fidelity und Charles Schwab. Stoffel hat in den letzten Monaten 9,1 Millionen Aktien an Dean Foods im Gegenwert von 90,5 Millionen Dollar erworben, und zwar über sein Beteiligungsvehikel VV Value Vals, mit dem der umtriebige Unternehmer auch signifikante Beteiligungen an in der Schweiz kotierten Unternehmen wie Galenica (10 Prozent), Vifor Pharma (12 Prozent) und Myriad Group (5 Prozent) hält. Daneben ist der 41-jährige ehemalige Bankgeselle mit etwas über 3 Prozent in den Darmstädter IT-Konzern «Software AG» investiert.

Ausserhalb der Öffentlichkeit

Sein Einstieg in die amerikanische Milchwirtschaft passt so gar nicht in Stoffels bisheriges Beteiligungs-Beuteschema aus Gesundheitswesen und Informationstechnologie. Wie also kam es zum Dean-Deal in Dallas – und was hat Stoffel in der US-Milchwirtschaft vor? Der Verwaltungsrat und Miteigner von Lenzerheide Bergbahnen gibt sich zugeknöpft: Als Unternehmer verfolge er verschiedene Projekte – «meist ausserhalb der Öffentlichkeit». Er entwickle seine unternehmerischen Aktivitäten mit Bedacht, Schritt um Schritt. Und freue sich an ihnen. «Mehr gibt es zurzeit nicht zu sagen», lässt er schriftlich ausrichten. Auch Dean Foods äussert sich nicht zum neuen Grossaktionär: Man habe nicht mehr zum Geschäftsbericht hinzuzufügen, sagt Dean-Sprecher Jamaison Schuler.

Etwas Einblick in die InvestmentÜberlegungen und Absichten des Remo Stoffel gibt allerdings dessen US-Börsenmeldung zum Einstieg bei Dean Foods. Dort heisst es, die Aktien seien aus Stoffels Sicht unterbewertet, stellten eine «attractive investment opportunity» dar. Und der Käufer beabsichtige das Gespräch mit Management und Verwaltungsrat zu suchen hinsichtlich «business, operations and strategic plans».

Die Meldung an die US-Börsenaufsicht SEC deckt sich mit jenen Äusserungen aus Stoffels Umfeld, wonach der Valser Financier den Einstieg in die texanische Milchwirtschaft als «strategisches Investment» betrachte, das «Teil eines grossen Ganzen» sei. Offenbar soll da noch mehr kommen. Die Rede ist etwa von «einigen Überraschungen», welche in den nächsten Monaten zu erwarten seien.

Fest steht, dass Stoffel sich mit seiner VV Value in einen texanischen Turnaround-Fall eingekauft hat. Der Aktienkurs von Dean Foods hat sich im letzten Jahr mehr als halbiert. Ein Spiegelbild des schwierigen Geschäfts mit dem natürlichen Muntermacher. Seit Jahren ist der Milchkonsum in den USA rückläufig. Dean-Foods-Chef Ralph Scozzafava sprach kürzlich von einem jährlichen Konsumrückgang zwischen 2 und 2,5 Prozent.

Soja- statt Kuhmilch

Die Amerikaner trinken nämlich vermehrt pflanzliche Alternativen wie Mandel- oder Sojamilch. Die Kuhmilch-Branche kämpft deshalb mit Überkapazitäten sowie sinkenden Margen. Bei Dean kommen steigende Schulden und ein kaum diversifiziertes Portfolio hinzu, das zu über zwei Dritteln auf Frischmilch-Absatz baut. Zwar hat das Management versucht, mittels Akquisitionen in «Ice Cream» und biologische Säfte zu diversifizieren. Aber diese neuen wachsenden Geschäfte sind noch verhältnismässig klein.

Entsprechend versuchen die Texaner nun ein weiteres Mal an der Kostenschraube zu drehen und gleichzeitig über «Private Label»-Milch die Absatzvolumen anzukurbeln. Ein Analyst der Grossbank Credit Suisse hat sich zu diesem Vorgehen kürzlich skeptisch geäussert und das Aktienpreis-Ziel auf 7,50 Dollar gesenkt. Dies liegt deutlich unter jener Preisspanne von 9 bis 11 Dollar, bei der Stoffel bislang zugekauft hat. Das Fazit des CS-Analysten lautet: Die operative Kosteneffizienz werde durch strukturelle Veränderung der Industrie gleich wieder wettgemacht, denn der Verdrängungswettbewerb dürfte sich weiter verschärfen. Nicht zuletzt, weil auch Detailhandels-Gigant Walmart in die Milchverarbeitung drängt.

Angesichts dieser operativen Herausforderungen und des schwächelnden Aktienkurses ist Dean Foods zum Übernahmeziel geworden. Bereits im Herbst 2016 gab es Gerüchte, wonach der chinesische Getränkehersteller Hangzhou Wahaha Group Interesse an einer Akquisition von Dean habe. Offenbar war die Investmentbank Goldman Sachs am Sondieren. Darauf reagierte die Dean-Aktie mit einem kurzzeitigen Kursfeuerwerk. Möglicherweise spekuliert Stoffel erneut auf solche Übernahmefantasien.

Während der Bündner Unternehmer die US-Milchwirtschaft als «Swiss Activist» aufmischt, laufen die Steuerverfahren gegen ihn hierzulande weiter. Im November 2016 hatte das kantonale Steueramt Zürich eine Strafanzeige wegen Steuerbetrugs eingereicht. Diese wurde vom leitenden Staatsanwalt für Wirtschaftsdelikte, Peter Pellegrini, gesichtet und einem Mitarbeiter zugeteilt. Die Ermittlungen laufen. Ein Strafverfahren gegen Stoffel wurde bislang nicht eröffnet.

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