Digitaler Brutkasten

Swiss Life Der grösste Schweizer Lebensversicherer lanciert ein externes Innovationslabor. Zwei wichtige Akteure aus der Startup-Szene leiten den Inkubator.

Nahe dem Zürcher Rathaus, im Herzen der Limmatstadt, wird an der digitalen Zukunft gearbeitet. „Wir denken Versicherungen neu“, lautet der Slogan des Swiss Life Lab. Mit dem Startup-Inkubator will der grösste Schweizer Lebensversicherer zukunftsträchtige Geschäftsmodelle zu Finanzen und Vorsorge entwickeln, die auf den neusten Technologien basieren. „Wie können wir Daten nutzen, um bessere Produkte anzubieten? Welche Versicherungen habe ich wirklich – und welche brauche ich?“ Es sind solche Grundsatzfragen, die sich Swiss Life stellt.

„Das neu gegründete Lab soll uns wichtige Impulse für den Einsatz neuer Technologien und die Ansprache junger Zielgruppen bringen“, sagt Ivo Furrer, Schweiz-Chef von Swiss Life, der das Lab präsidiert. Der börsenkotierte Lebensversicherer hat dazu jüngst eine Aktiengesellschaft gegründet. Der operative Betrieb startet in diesen Tagen.

„Das Lab wird eine wichtige Rolle als Intermediär zu der sich rasch entwickelnden lokalen Startup-Szene spielen“, sagt Furrer, der konzernintern als „digitalaffin“ gilt. Der Schweiz-Chef war schon im Silicon Valley auf Studienreise und ist Mitglied im Komitee „Digital Zurich 2025“, das aus dem Grossraum Zürich einen digitalen Cluster europäischen Zuschnitts machen will.

Auch sonst treiben der Schweiz-Chef und sein Geschäftsentwickler, Peter Moor, das Digitalthema mit Hochdruck voran. Erst jüngst hat der Schweizer Vertrieb ein Online-Portal namens „myWorld“ lanciert. Versicherte können ihre künftige Vorsorge simulieren und erfahren dann, wie gross allfällige Deckungslücken sind. Das aufwendige Analysetool dürfte allerdings erst der Auftakt sein.

Dass Swiss Life mit dem Innovationslab nun eine Organisation ausserhalb der Konzernstruktur schaffe, bringe nur Vorteile, ist Furrer überzeugt: Sowohl in Bezug auf Geschwindigkeit als auch auf Kosten könne man sehr effizient neue Ideen entwickeln. Diese Agilität tut not.

Resultate bis Ende Jahr

„Das Geschäft mit Lebensversicherungen ist im Grunde immer noch sehr statisch“, sagt Christina Kehl, Mitgründerin des digitalen Versicherungsmanagers Knip. Die Assekuranz müsse künftig die Kunden für Vorsorgethemen begeistern. Allerdings sei die Komplexität bei Lebensversicherungen höher als bei vergleichsweise simplen Produkten wie Auto- oder Hausratspolicen. Digitale Lösungen für Lebensversicherungen müssen deutlich intelligenter sein, um den bisher physischen Vertrieb über Aussendienstler und Broker ergänzen oder gar ersetzen zu können.

Um Versicherungen neu zu denken, setzt Schweiz-Chef Furrer auf bekannte Gesichter aus der Gründerszene. So amtet als Geschäftsleiter des Swiss Life Lab Adrian Bührer. Der 37-jährige Serienunternehmer (unter anderem students.ch und farmy.ch) will sich zu seiner neuen Inkubator-Aufgabe noch nicht äussern. Erst in ein bis zwei Monaten sei etwas spruchreif, erklärt er am Telefon.

Dennoch offenbart er, welche Prioritäten er künftig beim Swiss Life Lab setzten möchte: Es gehe darum, Ideen von Beginn schlank aufzugleisen und umzusetzen. „Nicht schöne Worte und dynamische Präsentationen, sondern anwendbare Produkte und Lösungen sollen entwickelt werden.“ Die Messlatte ist hoch angesetzt.

Clubbing mit dem Nestlé-Erben

Bis Ende Jahr erwartet Schweiz-Chef Ivo Furrer erste Resultate aus dem Lab. Dazu werden sich die Laboranten in den nächsten Monaten auf folgende Themenfelder fokussieren: Mobilität im Immobilienmarkt, durchgängig physische und digitale Beratung sowie die Zukunft der Vorsorge. Es stehen komplexe Fragen an wie „Welche Rolle spielt der Konsumverzicht bei Jungen auf die persönliche Vorsorge?“ oder „Wie können die Schweizer mittel- und langfristig dazu bewegt werden, mehr als eine Immobilie zu kaufen oder zu verkaufen?“.

Lab-Leiter Bührer wird je nach Projekt mit eigenen Mitarbeitern, externen Experten, Startup-Teams und Freelancern zusammenarbeiten. Dabei hilft dem Betriebsökonomen seine langjährige Erfahrung. Seit mehr als zehn Jahren tummelt sich Bührer in der Schweizer Gründerszene. 2007 verkaufte er die Akademiker-Community-Plattform Students.ch an das Medienunternehmen Axel Springer Schweiz, das auch die „Handelszeitung“ herausgibt. Zwischenzeitlich sass der Unternehmer im Verwaltungsrat der Luxus-Memberclub-Firma „The Worlds Finest Clubs“ des umstrittenen Nestlé-Erben Patrick Liotard-Vogt.

Zu Bührers Mitstreitern von damals gehört auch Geschenkidee.ch-Mitgründer Leandro Sanchez, der eng mit dem Medienkonzern Ringier verbandelt ist. Sanchez sitzt bei mehreren Firmen wie luckyseven oder der Gifts International Holding mit Bührer in den Führungsgremien. Zuletzt machte der designierte Swiss-Life-Lab-Chef Bührer mit dem Online-Biohofladen farmy.ch von sich reden, an dem er sich im letzten Winter beteiligt hat.

Nebst direkten Finanzinvestments ist er über seine Panaman Consulting im Beratungsgeschäft für traditionelle Firmen aktiv. Zu seinen Konzernkunden, die er digital fit macht, zählen Migros, Post und der französische Autobauer Renault.

Nebst Bührer ist bei Swiss Life Lab auch Michael „Myke“ Näf als stellvertretender Leiter am Start. Auch Näf ist in der Startup-Szene bekannt und vernetzt. Hat der 40-Jährige doch vor mehr als zehn Jahren das Terminfindungsprogramm Doodle mitentwickelt. Heute wird die Erfindung des Informatik-Ingenieurs weltweit von 20 Millionen Usern monatlich genutzt und funktioniert in zehn Sprachen. Im letzten Herbst hat das Medienunternehmen Tamedia den Doodle-Gründer vollständig ausgekauft. Daraufhin hat sich Näf schrittweise vom Zürcher Termindienst zurückgezogen. Nun also folgt das Engagement für den Versicherungskonzern.

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