Hungriger Panda

China Staatsnahe Firmen aus der Volksrepublik haben in den vergangenen Jahren Dutzende Schweizer Firmen geschluckt. Nun regt sich Widerstand gegen den Ausverkauf der Heimat.

Der rote Riese kommt auf leisen Sohlen daher. Das jüngste Beispiel ist China Unicom. Der halbstaatliche Konzern gehört zu den weltgrössten Telekomanbietern und hat vor wenigen Tagen eine Niederlassung in Zürich eröffnet. Dass sich der volkseigne Telekomgigant hier ansiedelt, ist kein Zufall. Verbindet China Unicom doch ausländische Töchter von Multis mit den Konzernzentralen.

Eine Standleitung ins Reich der Mitte? Dieses Geschäftsmodell des Riesen-Telco dürfte sich auch in der Schweiz lohnen. Chinas Unternehmen sind hierzulande nämlich auf Expansionskurs. Eine Auswertung des Wirtschaftsdienstes Bisnode D&B zeigt, dass mittlerweile über achtzig Firmen einen direkten chinesischen Eigentümer haben (siehe Link unten). Parallel zur Kauf-Tour steigt in Bundesbern das Unbehagen gegenüber den Staatskapitalisten. Denn ein gewichtiger Teil der China-Investments läuft nach industriepolitischem Drehbuch durch staatlich gelenkte Konzerne ab. «Es kann dem Schweizer Staat nicht gleichgültig sein, wenn auf seinem Gebiet ein anderer Staat geopolitische Interessen ausübt», sagt SVP-Nationalrat Hans-Ueli Vogt, der mehrere Interpellationen zur «Übernahme schweizerischer Firmen durch chinesische Staatsfirmen» eingereicht hat.

60 Milliarden Dollar in Schweizer Firmen
Vogts Anfragen gewinnen laufend an Brisanz. Zuletzt erhöhte im August das undurchsichtige Konglomerat HNA Group beim Basler Duty-Free-König Dufry auf gut 20 Prozent. Kostenpunkt: 1,4 Milliarden Dollar. Gemäss dem angelsächsischen «China Global Investment Tracker» pumpten rote Unternehmer seit 2005 gegen 60 Milliarden Dollar in Schweizer Firmen (siehe Grafiken). Die Transaktionssumme ist mit Vorsicht zu geniessen. Denn «getrackt» werden nur Übernahmen, bei denen gelistete Unternehmen im Spiel sind. Die grossen, kotierten Transaktionen wie Syngenta oder Gategroup seien nur die Spitze des Eisbergs, sagt Wirtschaftsanwalt Markus Vischer von der Kanzlei Walder Wyss. «Das Interesse an Schweizer Firmen, gerade auch an mittelständischen, ist sehr gross. Chinesische Interessenten sitzen mittlerweise bei praktisch allen Bieterverfahren mit am Tisch.»

Allerdings ernten die chinesischen Avancen nicht nur Beifall. «Die Euphorie ist gewichen», sagt ein Schweizer M&A-Berater, der einige China-Deals begleitet hat. Nebst erhöhten Transaktions-, Finanzierungs- und Compliance-Risiken sieht der Consultant vor allem die staatliche Einflussnahme kritisch: Die Frage, wo der Kaufinteressent in der Partei-Nomenklatur stehe, werde für die Verkäufer zusehends zentraler. Schliesslich entfielen im letzten Jahr weltweit fast die Hälfte aller Übernahmen mit chinesischer Beteiligung auf Staatsfirmen. Und auch die privaten Unternehmer stehen, zumindest ab einem gewissen Umfang, unter der Fuchtel der Partei. Denn die Grossakquisitionen im Westen haben stets einem Masterplan zu gehorchen.

Mit Industriepolitik zur Weltführerschaft
Sebastian Heilmann ist Sinologe und Gründer des Mercator Institute for China Studies in Berlin. Für Heilmann ist klar: «China verfolgt einen industriepolitischen Fahrplan, den der Westen kennen muss.» Das staatliche Programm «Made in China 2025» sehe beispielsweise vor, in Hightech-Industrien wie Robotik, künstliche Intelligenz, Med- und Biotech sowie Luft- und Raumfahrtindustrie vorzudringen. «China will aufholen und den Westen längerfrisitig überholen, um schliesslich an die Spitze der Wertschöpfungskette zu gelangen.» Denn die bisherige Arbeitsteilung der Weltwirtschaft mit dem Reich der Mitte als Werkbank und dem Westen als Denkplatz werde zusehends als «unfair» betrachtet.

China strebe klar die Technologie-Führerschaft in Schlüsseltechnologien der Zukunft an. Die ehrgeizigen «Made in China»-Ziele liessen sich aber nur durch Zukäufe im Westen realisieren, sagt Experte Heilmann. Viele europäische Firmen, auch in der Schweiz, seien bevorzugte Übernahmeobjekte, um gezielt an technologisches Know-how zu kommen. Der Einparteien-Staat fördere deshalb aktiv gewichtige Auslandsübernahmen wie jene des Schweizer Agrokonzerns Syngenta durch Chem China. «Dabei gewähren chinesische Staats- und Förderbanken bei solch strategischen Akquisen grosszügige Finanzierungen», sagt Heilmann.

Dieses industriepolitische Powerplay stosse der EU zusehends sauer auf, weil es an der Wechselseitigkeit mangle. Mit China gebe es derzeit kein Level Playing Field. «Wir Europäer spielen in der Volksrepublik stets bergauf», sagt Heilmann und betont, dass solche Megamerger wie Syngenta umgekehrt für europäische Unternehmen in China «undenkbar» wären. Freihandel und offene Märkte müssten deshalb auf dem politischem Parkett erkämpft werden, sagt Heilmann: «Die Europäer waren bislang zu weich und zu naiv.»

Nun aber ändert sich die Tonlage. Die EUHandelskammer in Peking hat jüngst 15 Branchen benannt, in denen es für europäische Firmen keinen gleichberechtigten Zugang gebe. Ein Beispiel: Künftig verlangt die chinesische Lebensmittelkontrolle für alle ausländischen Nahrungsmittel zusätzliche Inspektionen, und zwar auch auf vermeintlich sicheren, weil haltbaren Produkten. «Es scheint, als gehe es dabei mehr um den Schutz heimischer Produzenten als um Nahrungsmittelsicherheit», kritisierte der deutsche China-Botschafter Michael Clauss die Vorschrift. Auch die Schweizer Botschaft in Peking hat ihre Bedenken schriftlich mitgeteilt.

Wenig überraschend rangiert China auf Platz 59 von 62 Ländern in einer OECD-Liste, wenn es um «Offenheit» gegenüber ausländischen Direktinvestitionen geht. Auch Schweizer Unternehmern sind die Probleme in China bestens bekannt. Doch aus Angst vor Retorsionsmassnahmen will sich niemand exponieren. «Unsere Wirtschaft braucht Reziprozität», sagt FDP-Ständerätin Karin Keller-Sutter. Der Bundesrat müsse dafür sorgen, dass der chinesische Markt aufgehe. «Oder man signalisiert, dass man restriktiver wird, wenn die Gegenseitigkeit weiterhin nicht gewährt wird», ergänzt SVP-Nationalrat Vogt.

Schärfere Kontrollen
Ein Druckmittel gegenüber Peking sind verschärfte Übernahmekontrollen. Deutschland setzt seit diesem Sommer darauf, nachdem das Land sicherheitssensitive Take-overs wie die Übernahme des Industrie-Robotikers Kuka durch die südchinesische Haushaltsfirma Midea zu verdauen hatte. Die Verschärfung sieht vor, dass Investitionen aus Nicht-EU-Ländern meldepflichtig werden, wenn es um «kritische Infrastrukturen» geht wie Software für die Stromversorgung oder Cloud-Dienste für Banken. Den Begriff «Kritische Infrastruktur» fassen die Deutschen derweil sehr breit. Man sei zwar eine offene Volkswirtschaft, aber nicht naiv, betonte der zuständige Staatssekretär in der «Süddeutschen Zeitung».

Auch in der Schweiz ist die politische Debatte über die Kontrolle staatsnaher Investoren aus dem Ausland voll entbrannt. Die Vorschläge reichen von einer Ausweitung der Lex Koller auf die heimische Wasserkraft, um ausländisches Kapital fernzuhalten, über den Schutz von Schlüsseltechnologien bis hin zu einer Positivliste, auf der strategisch wichtige Firmen wie Bankdienstleister oder Telekomkonzerne stehen sollen.

Welche Konsequenzen eine Kontrolle ausländischer Investoren hat, zeigt sich in Deutschland. Dort sei die Verschärfung des Aussenwirtschaftsgesetzes deutlich zu spüren, sagt ein Berater, der kürzlich einen China-Deal begleitet hat. «Der Take-over eines Mittelständlers durch eine chinesische Familiengesellschaft wurde intensiv begleitet. Bis zum Closing dauerte es länger.» Nebst geplanten Technologietransfers seien auch die Financiers geprüft worden. Denn zuweilen bleiben die Geldgeber aus China bis zuletzt unbekannt, wie die Übernahme des Airline-Caterers Gategroup gezeigt hat, welche die südchinesische HNA Group Ende 2016 schluckte.

Im ursprünglichen Gategroup-Angebotsprospekt waren drei HNA-Mitgründer als Eigentümer nicht aufgeführt; in einer Publikation ein Jahr später aber schon. Die Schweizerische Übernahmekomission hat HNA deshalb ultimativ aufgefordert, Klarheit über die «Anbieterstruktur» zu schaffen. Das Verfahren läuft derzeit noch. M&A-Anwalt Vischer betont, dass undurchsichtige Eignerverhältnisse in Übernahmetransaktionen oftmals ein «Deal-Breaker» seien: «Intransparenz kann dazu führen, dass M&A-Transaktionen scheitern.»

Die HNA Group hat hierzulande auch wegen waghalsiger Finanzierungen zu reden gegeben. Ihre Tochter Swissport musste im Frühsommer einen technischen Zahlungsausfall vermelden, den die Gesellschaft offenbar gar nicht bemerkt hatte. Schliesslich schoss der Mutterkonzern über 700 Millionen Euro ein, um kurz darauf Swissport erneut als Bank zu brauchen. So gewährte Gategroup im Juni einen 100-Millionen-Euro- und im August einen 400-Millionen-Euro-Kredit an «nahestehende Parteien».

Solches Finanz-Engineering sei typisch für private Investoren aus China, sagt Heilmann: «Diese haben Mühe, ihr Kapital aus der Volksrepublik zu bringen, und setzen deshalb Auslandstöchter als Sicherheiten für weitere Deals ein.»

Käufer aus China sind beliebte Eigner
Derlei Geschäfte schaffen zwar kein Vertrauen, treiben aber die Preise in Bieterverfahren. Entsprechend rühren die Big-Four-Berater die Werbetrommel und laden aktiv chinesische Interessenten auf Brautschau in die Schweiz. Denn der «chinese mystery buyer» sei bei hiesigen Verkäufern gerne gesehen, sagt ein Investment Banker: «Die Chinesen zahlen nach klassischen Bewertungsmassstäben zu viel, weil sie eben nicht die bevorzugten Käufer sind.» Auch geltet die «China-Prämie» das erhöhte Risiko ab, dass es nicht zum Closing kommt oder sich der Verkauf hinzieht.

Kommen die Chinesen jedoch zum Handkuss, dann kann das Management aufatmen. So hat Juan Wu, die an der Universität Freiburg ihre Dissertation schreibt, 18 Firmen aus dem deutschsprachigen Raum mit chinesischen Besitzern befragt. Das Fazit Wus: «Chinesische Investoren verfolgen eine Langfriststrategie und lassen dem Management viele Freiheiten.»

Gerade bei KMU würden die Geldgeber aus China zudem Investitionen tätigen, welche die Mittelständler aus eigener Kraft nicht mehr stemmen könnten. Beispiele sind Sanierungsfälle wie die Uhrenmarke Eterna oder – möglicherweise – das Schuhlabel Bally. Beiden winkt zudem der Zugang zum chinesischen Binnenmarkt als «heimische Marke».

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