Mit Adlerblick auf Beutezug

Aktivistische Aktionäre Sie sind smart und wissen genau, wo der Schuh bei den Firmen drückt. Mit viel Know-how nehmen die Anleger die Teppichetage in die Pflicht.

Der Showdown findet vor schönster Kulisse statt. An den Gestaden des Vierwaldstättersees lädt der kotierte Kabelkonzern Komax Mitte Mai zur Generalversammlung. Doch im schicken Kultur- und Kongresszentrum Luzern mag keine Wohlfühlatmosphäre aufkommen. Komax hat einen neuen Grossaktionär, und der macht Druck auf Board und Management. So will die Beteiligungsgesellschaft Veraison mit gut 5 Prozent (siehe Interview rechts) ihre Gewährsmänner im Komax-VR platzieren.

Veraison-Mitgründer Gregor Greber agiert dazu an der GV des Luzerner Small Cap mit Zuckerbrot und Peitsche. Man erwarte von der Führung Ziele und einen Fahrplan. Die Aktie sei klar unterbewertet. Im Gegenzug wolle man bereit sein, nicht nur Verantwortung zu verlangen, sondern diese auch mitzutragen. Doch Komax-Präsident Beat Kälin lässt die Zürcher Aktiv-Eigner im Vorfeld kalt abtropfen. Veraisons VR-Kandidaten – gestandene Industrie-Kapitäne – werden nicht einmal zu Vorgesprächen geladen. Kein Bedarf, heisst es aus der Komax-Zentrale in Dierikon. Die Fundamentalopposition scheint zu fruchten. Veraison kann für ihre VR-Pläne nur einen Fünftel der Stimmen gewinnen, darunter jene der Mitaktivisten von Teleios Capital (siehe Box unten). Auch der Angriff auf einen Langzeit-VR von Komax scheitert.

Was wie eine herbe Niederlage scheint, ist in Wahrheit ein Etappensieg für Veraison. So erhöhte die GV die Stimmrechtsbeschränkung von 5 auf 15 Prozent. Veraison kann ihre Komax-Position also bei voller Stimmkraft weiter ausbauen. Grebers Votum – Wir sind überzeugt: Kommt Zeit, kommt Rat – wirkt deshalb wie eine Drohung. Zumal das nächste Schlachtfeld bereits bestellt ist. Diesen Monat präsentiert das Komax-Management seine neue Strategie.

Eine gewisse Amerikanisierung

Die Episode beim Kabelkonzern ist beispielhaft dafür, wie aktivistische Investoren in der Schweiz mit Biss auf Beutezug gehen. Sie treten an, mit wenig Kapital viel verändern zu wollen, und stützen sich meist auf gründliche Analysen ab. Das Management muss seine Komfortzone verlassen und sich diesen aktiven Eignern stellen.

Gerade im mittleren Segment seien aktivistische Investoren hierzulande vermehrt präsent, sagt Martin Blom, Finanzchef des Langenthaler Maschinenbauers Mikron, wo auch Veraison investiert ist. Die Aktivisten würden zum Teil forsch auftreten und wollten ihre Kapitalien vermehrt sehen. Bis zu einem gewissen Masse kann man also von einer Amerikanisierung sprechen, sagt der Mikron-Finanzchef und betont zugleich: Die Kontakte mit Veraison seien bisher von gegenseitigem Respekt geprägt. Bloms qualitativer Befund wird durch Zahlen unterfüttert. Ob RBR bei Gategroup, Teleios bei Vögele oder Cevian bei ABB – die Zahl der Aktivisten-Engagements in kotierten, hiesigen Unternehmen nimmt seit Jahren stetig zu (siehe Zahlenbox). Die Schweiz befindet sich damit in bester Gesellschaft. 2015 war das bislang bedeutendste Jahr für Shareholder Activism in Europa, sagt Josh Black vom britischen Branchendienst Activist Insight.

Dabei sind die öffentlichen Kampagnen aktiver Investoren nur die Spitze des Eisbergs. Die US-Investmentbank J. P. Morgan schätzt, dass die Hälfte aller aktivistischen Interventionen niemals publik wird. Die Zahl deckt sich mit den Aussagen eines Investmentbankers, welcher die Firmenführer berät, die ins Visier von active shareholders geraten. Auf dem alten Kontinent bringt stille Überzeugungsarbeit meist mehr, als das Management medienwirksam an den Pranger zu stellen, sagt der in London ansässige Banker. Gerade angelsächsische Pure blood-Aktivisten wie Elliott oder Laxey, die wenig zimperlich agieren, mussten hierzulande Lehrgeld bezahlen. Sie liefen mit ihren aggressiven, teilweise persönlichen Attacken gegen Actelion- beziehungsweise Implenia-Manager auf. Das Rest-Aktionariat verweigerte den Aktivisten die Gefolgschaft. Schliesslich zogen die Angelsachsen entnervt von dannen. Auch der jüngste Frontalangriff gegen die Gategroup-Führung um Präsident Andreas Schmid durch den hiesigen Hedgefonds RBR hat für viel Unmut gesorgt (siehe Box unten).

RBR-Chef Rudolf Bohli steht nach wie vor zur öffentlichen Kampagne: Ich würde die Gategroup-Führung wieder so scharf kritisieren. Er sei von Absicht und Vorgehensweise überzeugt. Zugleich sieht der Hedgefonds-Manager ein riesiges Potenzial für aktivistische Investoren in der Schweiz. Es gebe viele schlecht geführte Unternehmen. Der Aktionär und seine Interessen sind kaum repräsentiert. Der Verwaltungsrat verfolgt einzig und allein seine ureigenen Absichten. Dabei können Aktivisten für Konzerne durchaus kathartisch wirken: In der Schweiz steigt man nicht gerne ins kalte Wasser. Die Unternehmen sind zwar agil im Kleinen, aber nehmen sich Zeit für die grossen, strategischen Würfe, sagt Martin Blom. Aktivistische Investoren würden dies nutzen und auf Veränderungen pochen.

Kontinentaleuropäische Blaupause

Beispielhaft ist das Engagement von Cevian Capital bei ABB. Die kapitalstarken Aktivisten um die beiden Gründer Lars Förberg und Christer Gardell bewegten mit ihrem fundierten Input das ABB-Management zumindest dazu, die Architektur des weit verzweigten Industriekonglomerats zu überdenken. Das Resultat dieses Portfolio-Reviews steht allerdings noch aus.

Die strukturierte Vorgehensweise der Schweden bildet dennoch die Blaupause für den Aktivismus kontinentaleuropäischer Prägung. Bis Cevian investiert, vergehen Monate, wenn nicht Jahre der Analyse der Zielfirma: Zulieferer, Manager, Kunden – sie alle werden dutzendfach befragt. Keine Finanzkennzahl entgeht den sorgfältigen Schweden. Was am Ende als mehrhundertseitiger Strategiebericht vorliegt, hat eine Faktenschärfe, der sich in der Regel auch die Teppichetage nicht entziehen kann. Vielmehr färbt die Qualität ab. Sitzt Cevian im Board, sind auch die übrigen Verwaltungsräte besser vorbereitet, sagt ein Kenner der Schweden.

Typisch für die Aktivisten aus dem hohen Norden ist neben der Macht des Faktischen auch ihre Bündnispolitik: Cevian steigt niemals ohne Billigung der Gross- beziehungsweise Ankeraktionäre ein. Bei ABB ist dies die Familie Wallenberg, welche die frischen Ideen von Cevian mitträgt oder zumindest duldet. Es ist dieser Sukkurs von (institutionellen) Grossinvestoren und Fondshäusern, den sich kleinere Schweizer Aktivisten zuerst noch erarbeiten müssen, um den entsprechenden Kapital-Hebel zu entfalten. Wir wären grundsätzlich bereit gewesen, unsere Gruppe zu erweitern, aber die Institutionellen wollten sich nicht einbinden lassen, sagt Gategroup-Aktivist Bohli im Rückblick. Gerade im Tiefrendite-Umfeld steigt jedoch der Rechtfertigungsdruck für Fonds- und PK-Manager. Sie müssen Position beziehen, um ihre Verwaltungsgebühren zu rechtfertigen.

Allerdings ist es für Aktivisten in Europa nach wie vor schwer, an Kapital zu kommen. So stammen 75 Prozent der Cevian-Milliarden von US-Pensionskassen. Dort sei der Investmentstil des aktiven Investors eben besser verstanden, sagt Veraison-Mitgründer Valentin Chapero. An diesem Basiswissen hapere es in der Schweiz noch. Gerade Versicherungen und Pensionskassen, aber auch Family Offices, die ja einen langen Anlagehorizont verfolgen, sollten unseren Ansatz eigentlich lieben. Denn Veraisons Wertschöpfungs-Agenda in der Zielfirma ist auf mehrere Jahre ausgelegt. Oder wie Co-Gründer Greber zu sagen pflegt: Kommt Zeit, kommt Rat.

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