Ruag – Abruptes Wendemanöver

Bundesbetrieb Der Rüstungskonzern Ruag will den Flugzeugbau in Bayern abstossen. Vor vier Jahren galt das Geschäft noch als Herzstück der zivilen Sparte.

Der Versuch der Ruag, ihr Flugzeugwerk im bayrischen Oberpfaffenhofen abzustossen, macht gehörig Wind: Die deutsche Zeitung «Welt» titelte «Aushängeschild vor dem Ausverkauf» und spekulierte, die Endmontage der Dornier-Flugzeuge könnte gar an einen chinesischen Käufer fallen.

Fliegersparte der Ruag abstossen

Dass der Bundesbetrieb seine Fliegersparte abstossen will, hatte die «Handelszeitung» publik gemacht. Recherchen zeigen, dass dies ein abruptes Wendemanöver der Ruag ist. So liegt der «Handelszeitung» ein 22-seitiger interner «Business Case» zu den Geschäften im Werk Oberpfaffenhofen vor, datiert vom 11. August 2015. Darin legt der damalige Ruag-Aviation-Chef Philipp M. Berner – er verantwortet heute den Geschäftsbereich Mili­tary Aviation – vertieft dar, weshalb «an den beiden Geschäftsbereichen in Oberpfaffenhofen festgehalten werden soll».

Konkret geht es zum einen um die Wartung und Instandhaltung von zivilen Flugzeugen («Business Jets») und zum anderen um dem Bau des problembehafteten Ruag-Propellerfliegers («Do-228»). Das Geschäft mit Militärfliegern spielt in Bayern nur eine marginale Rolle.

Berner, einer der Spitzenmanager des Bundesbetriebs, kommt in seiner Analyse zum Schluss, dass «der Betrieb in Oberpfaffenhofen heute in der Ruag Aviation das Herz des zivilen Flugszeuggeschäftes» darstelle und somit «für die gewollte Kombination von zivilem und militärischem Geschäft» stehe. Sogar ein neuer Standort in «Middle East» solle mittelfristig evaluiert werden, schlägt er vor.

450 Vollzeitstellen in Oberpfaffenhofen betroffen

Alles Makulatur: Keine vier Jahre später zählt die Ruag-Spitze das Werk Oberpfaffenhofen und dessen Geschäft samt 450 Vollzeitstellen zu den «non-core activities» und sucht Interessenten für die ent­sprechende GmbH namens Aerospace ­Services. Die Rede ist von 25 Millionen Franken, welche der Bundesbetrieb für das Problemwerk noch haben möchte. Auf Anfrage gibt sich die Ruag zugeknöpft: «Über die Zukunft einzelner Geschäftsbereiche respektive zu den Devestitionen werden wir zu gegebener Zeit wieder informieren.»

Das «Business Case»-Papier von 2015 legt offen, wie eng die beiden Geschäftsbereiche in Oberpfaffenhofen mit den Schweizer Aktivitäten des Ruag-Konzerns verflochten sind: «Beide Geschäftsbereiche tragen massgeblich bei zur Auslastung der Komponenten-Werkstätten und Engineering- Kapazitäten in der Schweiz.» Explizit nennt das Papier die Ruag-Betriebe in Stans und Interlaken. So schreibt Berner von Synergien in den Bereichen Komponenten- und Triebwerksunterhalt sowie Engineering mit den bestehenden «Kapabilitäten» in der Schweiz.

Im Hinblick auf den bevorstehenden Verkauf stellt sich deshalb die Frage, welche Auswirkungen die angestrebte Devestition in Deutschland auf Arbeitsplätze hierzulande haben könnte. Ein Ruag-Vertreter schreibt, dass der Entscheid des Bundesrates zur Aufspaltung in einen Armee- und einen internationalen Teil «bewusst» Synergien ausschliesse.

Schliessung käme der Ruag teuer zu stehen

Die Teilprivatisierung dürfte auch für den Wartungsstandort Genf-Meyrin Konsequenzen haben: Der Business-Jet-Hub in der Romandie sollte bereits vor einigen Jahren veräussert werden, wie mehrere Quellen übereinstimmend berichten. Die Verkaufsbemühungen wurden damals gestoppt, «wegen der positiven Entwicklung unter dem neuen Management», wie es in Berners Papier heisst.

Jetzt also steht das Werk Oberpfaffenhofen zum Verkauf. Unklar bleibt, welche finanziellen Konzessionen die Ruag einem möglichen Interessenten für das Werk machen müsste. Denn eine Schliessung käme den Bundesbetrieb teuer zu stehen: Das interne Papier von 2015 geht von Gesamt­kosten von 85 Millionen Euro aus, davon alleine 35 Millionen Euro für Personalkosten. Angesichts der durchzogenen Geschäftsergebnisse seit 2015 dürften die Kosten für einen Stopp der Aktivitäten nochmals gestiegen sein.

Keine Auskunft über Details der Entflechtung

Auch hier bleibt Ruag konkrete Antworten schuldig: «Zu internen Arbeitspapieren oder zu Details im Zusammenhang mit der Entflechtung und Neuausrichtung geben wir keine Auskunft», so das Unternehmen.

Fakten zum Geschäftsgebaren der Ruag dürfte es bald geben. Wahrscheinlich noch diesen Monat wird die Eidgenössische Finanzkontrolle die Ergebnisse ihrer Prüfung präsentieren, ob Ruag ­Aviation bei Aufträgen für die Schweizer Luftwaffe möglicherweise überhöhte ­Gewinnmargen einstrich. Einkünfte aus staatlichen Aufträgen, mit denen zivile Abenteuer wie Oberpfaffenhofen quersubventioniert wurden.

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