Sunrise Grossaktionär geht aufs Ganze

Telekom Die Übernahme des Kabelnetzbetreibers UPC durch Sunrise steht auf der Kippe: Der grösste Aktionär, Freenet, sieht keine industrielle Logik mehr im Milliardendeal.

Die Zeit wird knapp. In wenigen Tagen entscheidet die Wettbewerbskommission (Weko), ob sie die Übernahme des Kabelnetzbetreibers UPC durch Sunrise genehmigen wird. Dann hat der Telekomkonzern dreissig Tage Zeit, um zur ausserordentlichen Generalversammlung zu laden, an der die Sunrise-Aktionäre über die Milliardentransaktion befinden werden.

Die geplante UPC-Übernahme ist bislang auf erbitterten und lautstarken Widerstand des grössten Einzelaktionärs gestossen. Die deutsche Freenet hält knapp einen Viertel aller Sunrise-Aktien. Deren Chef und Sunrise-Verwaltungsrat, Christoph Vilanek, kritisiert nicht nur den Übernahmepreis von 6,3 Milliarden Franken, sondern vor allem die bisherige Finanzierungsstruktur des Deals: eine massive Kapitalerhöhung in der Höhe von 4,1 Milliarden Franken. Würde diese doch bedeuten, dass Freenet mangels Finanzkraft nicht mitziehen kann und so in der Bedeutungslosigkeit versinken würde.

Der deutsche Telekom-Anbieter verlöre seinen Einfluss im Verwaltungsrat. Umgekehrt bekämen Sunrise-Präsident Peter Kurer und das Management um CEO Olaf Swantee vollen Zugriff auf die Geschicke der Gesellschaft ohne lästige Nebengeräusche. Dies dank einer möglicherweise atomisierten Eignerschaft, der ein industrieller Ankeraktionär fehlt.

Abgeänderte Kapitalstruktur durch Sunrise

Doch so weit ist es nicht. Der öffentliche Druck von Freenet und Co. zeigt Wirkung. Sunrise-Chef Olaf Swantee kündigte vor kurzem in der «Finanz und Wirtschaft» an, dass er nach Konsultation des Verwaltungsrates den Aktionären eine «abgeänderte Kapitalstruktur» vorschlagen werde: «Wir haben sondiert, wie viel mehr Schulden aufgenommen und wie stark die Kapitalerhöhung reduziert werden soll.» Gleichzeitig bekräftigte Swantee, dass «die bestehenden Aktionäre die industrielle Logik verstehen» und die Synergien sehen würden.

Zumindest Freenet kann Olaf Swantees Ansinnen auf einen nachgebesserten UPC-Deal nichts mehr abgewinnen. Christoph Vilanek sagt: «Wir sind enttäuscht über das zaghafte Vorgehen; das ist kein Bekenntnis zu einem fundamentalen Strategiewechsel, sondern bloss ein Feigenblatt. Das Vorgehen zeigt, wie nervös das Management im Hinblick auf die ausserordentliche Generalversammlung ist.»

Zwar entspreche ein höherer Verschuldungsgrad von bis zum vierfachen Ebitda der UPC-Sunrise, wie er unter institutionellen Investoren kolportiert werde, durchaus einer ursprünglichen Forderung von Freenet. Doch sei die Situation nicht mehr dieselbe wie beim formellen Verhandlungsabschluss Anfang Jahr, sagt Vilanek: «Die industrielle Logik für die UPC-Transaktion ist heute nicht mehr gegeben. 5G ist mittlerweile ein ernst zu nehmender Kabelnetzersatz.» Man habe damals schlicht das riesige Potenzial von schnellem Mobilfunk in der Indoor-Internetnutzung unterschätzt.

«Sunrise würde also bei einer Übernahme der UPC Schweiz in eine bereits veraltete Technologie investieren», ist Vilanek überzeugt. Insofern drohe bei einem Deal, dass zumindest ein Teil der bestehenden UPC-Festnetz-Kunden auf ein 5G-Mobilfunk-Abo wechseln würden. Damit reduziere sich die Payback-Zeit von geplanten zehn Jahren für das UPCNetz massiv. «Der Deal rentiert schlicht nicht mehr. Die Dissynergien sind enorm.»

Erst vor kurzem hat UPC Schweiz eine Bandbreitenoffensive angekündigt, mit welcher der Kabelnetzbetreiber die Leistungsfähigkeit seiner Infrastruktur unterstreicht. Bereits ab diesem Monat sollen Kunden flächendeckend mit Geschwindigkeiten von einem Gigabit versorgt werden können. Und mit einem Upgrade auf den neusten Kabelnetzstandard namens Docsis 3.1 soll der Internetspeed dereinst auf bis zu zehn Gigabit ansteigen.

Weko-Auflagen als Todesstoss für Sunrise UPC Deal

Doch den Sunrise-Grossaktionär Vilanek beeindruckt das wenig. Die Analyse der Entwicklung der Kabelnetze in Europa habe klar aufgezeigt, dass die Technologie ihren Zenit bereits überschritten habe, auch mit einem Upgrade auf Docsis 3.1. «Kabel ist Glasfaser klar unterlegen und spätestens im Haus ein Service, der von allen geteilt werden muss, was Bandbreite kostet.»

Trotz Widerstand des Grossaktionärs weibelt das Sunrise-Management auf Roadshows unermüdlich weiter für die UPC-Übernahme. Sekundiert wird der Telekomkonzern von diversen Investmentbanken wie CS, UBS und Deutsche Bank.

Für den Freenet-Chef ist klar, weshalb Sunrise an der UPC-Übernahme festhält: Die Führung des Telekomkonzerns könne sich öffentlich gar nicht mehr vom Deal distanzieren. «Ansonsten drohen Sunrise neben einer Break-up-Fee von 50 Millionen Franken auch mögliche Schadenersatzforderungen seitens der UPC-Mutter Liberty Global.» Das sei im Kaufvertrag so stipuliert worden; das Management müsse den Deal zu 100 Prozent unterstützen.

Technische Alternative für Kabelnetz

Abseits des öffentlichen Gezänks zwischen Befürwortern und Gegnern des Milliardendeals lastet auf der UPC-Übernahme das ausstehende Placet der Wettbewerbshüter, die spätestens bis zum 2. Oktober entscheiden müssen. Dann läuft nämlich die gesetzliche Frist für die vertiefte Übernahmeprüfung ab. Mindestens bezüglich Weko-Dossiers sind sich Sunrise-Chef Swantee und Freenet-CEO Vilanek einig: Beide beurteilen die Auflage der Wettbewebskommission als dealkritisch. «Sollte die Wettbewerbskommission die Öffnung des UPC-Netzes für Dritte erzwingen, wäre dies der endgültige Todesstoss für den Übernahmeversuch», sagt Vilanek. Die technischen und finanziellen Herausforderungen, das Kabelnetz für alternative Anbieter zu öffnen, seien gigantisch.

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