Verkauftes Tafelsilber

Remo Stoffel Der Unternehmer veräussert für 213 Millionen Franken Liegenschaften an Swiss Life. Verkäuferin ist Stoffels Priora Immobilien. Sie liegt im Clinch mit dem Steueramt.

Vis-à-vis vom Hauptsitz der Swiss Life liegt im Herzen Zürichs die Jenatschstrasse. Benannt nach dem berühmten Bündner Freiheitskämpfer Jörg Jenatsch. Hausnummer 1, eine Liegenschaft mit einem Verkehrswert von 15 Millionen Franken, gehörte bis vor kurzem einem anderen Bündner, dem Valser Immobilienunternehmer Remo Stoffel. Dem Mann, der in seinem Heimatdorf einen gigantischen Hotel-Turm bauen will.

Inzwischen ist die Jenatschstrasse 1 im Besitz der Nachbarin Swiss Life. Der Lebensversicherer hat Stoffel für 213 Millionen Franken ein Immobilienportfolio abgekauft: Knapp 300 Wohneinheiten, zum Teil auch kommerziell genutzt. „Drei Viertel der zwanzig Liegenschaften befinden sich in und um Zürich“, sagt Swiss-Life-Sprecher Florian Zingg und versichert, Immobilien seien eine „attraktive Anlageklasse“.

Peter Hartmeier, Sprecher von Remo Stoffel, begründet den Verkauf mit der Fokussierung auf „unser Kerngeschäft“. Will heissen: Gewerbeliegenschaften am Flughafen Zürich-Kloten und in den Tourismus-Destinationen Vals und Lenzerheide. Man habe deshalb „einen Grossteil der über die deutschsprachige Schweiz verteilten Wohnhäuser“ veräussert, so Hartmeier.

Überschuldete Priora-Töchter
Als Verkäuferin fungierte eine Gesellschaft namens Priora Immobilien mit Sitz in Chur, die vollständig im Besitz von Remo Stoffel ist. Dieser Gesellschaft gehören gemäss Wirtschaftsauskunftsdienst Teledata Stoffels Beteiligungen am Kurhaus Lenzerheide, an der Therme in Vals sowie eine Minderheit am Facility-Manager Farnek im Wüstenstaat Dubai.

In diesem Frühjahr sind zum Besitz der Priora Immobilien noch weitere Firmen von Remo Stoffel hinzugekommen. Der Valser Unternehmer liess nämlich vier weitere Gesellschaften in die Priora Immobilien fusionieren.
Im Fusionsvertrag, welcher der „Handelszeitung“ vorliegt, zeigt sich, dass drei der vier Gesellschaften zum Stichtag im Herbst 2016 einen Bilanzverlust auswiesen. So hatte beispielsweise die Priora Projekt ein negatives Eigenkapital von 35 Millionen Franken bei Verbindlichkeiten von knapp 200 Millionen Franken. Aber auch die übernehmende Gesellschaft, also die Priora Immobilien, wies im Herbst 2016 eine Unterdeckung von 10 Millionen Franken aus. Nur dank dem Rangrücktritt der Gesellschaftsgläubiger war eine Fusion der vier Firmen in die Priora Immobilien rechtlich überhaupt möglich.

Stoffel-Sprecher Peter Hartmeier nimmt auf Fragen zu den überschuldeten Gesellschaften und der Fusion in die Priora Immobilien nur summarisch Stellung. „Aufgrund der hohen Eigenkapitalquote und der sehr liquiden Bilanz sind unsere Firmen ausgezeichnet positioniert, um unsere Kernaktivitäten weiter auszubauen“, sagt Hartmeier.
Jene Priora Immobilien war im Herbst 2016 nicht nur überschuldet, sondern ist auch Gegenstand eines langwierigen Rechtsstreits zwischen Remo Stoffel und der Eidgenössischen Steuerverwaltung (ESTV). Vor wenigen Tagen fällte das Bundesverwaltungsgericht (BVG) dazu ein Urteil, nachdem Stoffel gegen die Verfügung der ESTV Einsprache erhob.

Die ESTV kam 2015 nach umfangreichen Ermittlungen zum Schluss, dass Stoffel Steuerhinterziehung begangen habe, „indem in den Jahren 2005 bis 2008 entrichtete geldwerte Leistungen nicht ordnungsgemäss deklariert und entsprechende Steuerbeträge nicht entrichtet worden seien“, wie es im BVG-Urteil heisst. Die ESTV forderte deshalb von der Priora Immobilien und ihrer Schwestergesellschaft Priora Airport Immobilien nachträglich Verrechnungssteuern in der Höhe von 65 Millionen Franken.

Stoffels Anwalt, der Steuerrechtler Urs Behnisch, erhob daraufhin vor Bundesverwaltungsgericht Einsprache und plädierte unter anderem auf Verjährung. Das BVG folgte der Argumentation Behnischs nur teilweise: Einzelne Steuerperioden seien verjährt, urteilten die Richter in St. Gallen. Wodurch Stoffel kumuliert gegen 7 Millionen Franken an von der ESTV eingeforderten Verrechnungssteuer nicht zahlen muss.

Doch blieb das BVG auf der Linie der ESTV, was jene Steuerperiode anbelangt, die im Zusammenhang mit dem umstrittenen Kauf der Swissair-Immobilien-Tochter Avireal steht. Hier geht es um Verrechnungssteuerforderungen auf „angeblich geldwerte Leistungen von 156 Millionen Franken.“ Sie seien noch nicht verjährt, halten die Richter fest. Stoffel-Sprecher Hartmeier betont, dass in den Priora-Abschlüssen latente Steuerforderungen als Passivum berücksichtigt seien – „wie bei jeder Firma“.

Überhaupt gilt der Avireal-Deal als „Pièce de résistance“ in den Ermittlungen gegen Remo Stoffel. 2005 hatte der Valser Unternehmer zusammen mit seinem damaligen Geschäftspartner Hannjörg Hereth, einem ehemaligen Metro-Manager, die Swissair-Immobilien-Tochter Avireal vom Swissair-Liquidator Karl Wüthrich für gut 200 Millionen Franken übernommen.

Die Abteilung Strafsachen und Untersuchungen der ESTV kommt in ihrem Ermittlungsbericht, der als Basis für sämtliche Verfahren gegen Stoffel gilt, zum Schluss: „Hannjörg Hereth und Remo Stoffel waren vor der Übernahme der Avireal nicht in der Lage, den Kaufpreis für die Avireal aufzubringen.“

„Simuliertes“ Darlehen
Erst nach dem Kauf der Avireal und der Ausgliederung ihres Immobilienbestandes in eine eigene Gesellschaft war das Geld für die Transaktion vorhanden, und zwar durch einen Hypothekarkredit der ZKB in der Höhe von 188 Millionen Franken auf den Avireal-Immobilien. Um diesen Umstand bilanztechnisch zu verschleiern, sei ein Aktionärsdarlehen in dieser Höhe „simuliert“ worden. Zu diesem Schluss kommen zumindest die Spezialermittler der ESTV in ihrem Schlussbericht.

Ganz anders sieht Stoffel selbst den Sachverhalt: „Das Einzige, was aus zehn Jahren Untersuchung übrig bleibt, ist die Behauptung, ich hätte eine Gewinnausschüttung als Darlehen deklariert – und in diesem Fall gehen die Meinungen wie gesagt auseinander“, sagte er jüngst in einem Interview mit der „Südostschweiz“.
Der Avireal-Deal beschäftigt inzwischen auch die Staatsanwälte. Wie die „Handelszeitung“ berichtete, hat das Zürcher Steueramt im November Strafanzeige gegen Remo Stoffel wegen Steuerbetrug eingereicht. Die Zürcher Staatsanwaltschaft hat bislang keine Untersuchung eröffnet: Es seien noch Abklärungen nötig, die abzuwarten sind, sagt Sprecherin Corinne Bouvard. „Der Fall ist komplex.“

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