Wenn Google den Gastroführer ersetzt

Reisen Digital Es schallt von jedem Diskussionspanel, es flimmert auf jedem Schirm, Studien dazu füllen ganze Datenbanken: Die Digitalisierung krempelt unser Leben derzeit gehörig um. Aber so richtig bewusst nimmt man den fundamentalen Wandel sämtlicher Lebensbereiche im hektischen Alltag kaum einmal wahr.

Im Urlaub am Strand liegend aber schlägt die Stunde der Kontemplation: Und ja, selbst die Ferien sind heutzutage komplett durchdigitalisiert. Kein Vergleich zum persönlichen Nutzerverhalten von vor nur zehn Jahren.

Bei unseren kulinarischen Streifzügen leitete uns diesmal die «Crowd»

Damals verbrachten wir die Sommerferien in Rumänien: Ein Aktivurlaub in den Karpaten und Siebenbürgen. Zur Vorbereitung kaufte ich mir einen Reiseführer biblischen Ausmasses in der Buchhandlung meines Vertrauens. Schliesslich gingen wir ins lokale Reisebüro, liessen uns nach persönlicher Massgabe eine entsprechende Tour zusammenstellen inklusive Flug und Mietwagen.

Da mitten in der Hochsaison, war auch das Vorausbuchen der meisten Unterkünfte angezeigt. Die beschränkte Auswahl gab der bunt bebilderte Reisekatalog vor. Und kurz vorm Abflug liess ich mir dann noch bei meiner Hausbank ein grosses Bündel rumänischer Lei am Schalter aushändigen. Los ging der Trip in den Wilden Osten, den wir damals noch im automobilen Tandem erkundeten: Der eine steuerte den rumpligen Kleinwagen, die andere versuchte mittels Strassenkarte die Route zu antizipieren. Navigation auf Sichtweite mit prekärem Informationsgehalt. Das sind Tempi passati.

Diesen Sommer stand Südfrankreich auf dem Familienferien-Programm und bereits die Vorbereitung wurde befeuert durch Tech und Fintech. Statt Bankschalter, Buchhandlung und Reisebüro zu frequentieren, griff ich zu heimischem Laptop und Smartphone. Vom Sofa aus buchte ich die Unterkünfte entlang der Reiseroute auf Airbnb und Booking.

Und statt Bargeld zu horten, munitionierte ich per E-Banking-Überweisung mein Revolut-Konto in Euro auf, sodass ich spesen- und kommissionsfrei die Grande Nation mittels Plastikgeld bereisen konnte. Und selbst den Reiseführer meines Vertrauens lud ich mir diesmal als E-Paper-Ausgabe aufs Smartphone. Wischen statt Blättern inklusive.

Die digitalen Reisehelfer sind vor allem eines: verdammt praktisch

Überhaupt erwies sich das Handy als wohl wichtigstes Reiseaccessoire nebst Badehose und Sonnencreme. Denn was früher Bauchgefühl, Reiseführer und Strassenkarte waren, erledigt heute Google Maps samt Echtzeit-Staumelder.

Und nicht nur das: Bei unseren kulinarischen Streifzügen à la française leiteten uns diesmal nicht der schiere Hunger oder der Augenschein vor Ort. Nein, wir gaben uns ganz der Weisheit der «Crowd» hin. Die Messlatte lautet: Je mehr positive Bewertungen, desto besser. Und auch dies klappte hervorragend: Mountain View schlug Michelin sozusagen.

Die Beispiele mögen anekdotischer Natur sein, aber sie zeigen, wie stark sich in wenigen Jahren die User Experience gewandelt hat. Ob die Entwicklung nun gut oder schlecht ist, sei den Kulturpessimisten und Bedenkenträgern überlassen. Aus Sicht eines einfachen Ferienreisenden sind die digitalen Reisehelfer vor allem eines: verdammt praktisch.

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