Zank um Zinsrisiken

Postfinance Die Staatsbank zofft sich mit der Finma: Wie stabil ist das Institut, wenn die Zinsen steigen? Der Streit mit dem Regulator lässt tief blicken.

Das 55-seitige Urteil des Bundesverwaltungsgerichts hat es in sich. Die Finanzmarktaufsicht (Finma) legt darin ihre regulatorische Contenance ab und redet Tacheles: Die Postfinance sei «ein auffälliges Institut», eine «Ausreisser-Bank» und stelle «in Bezug auf die Zinsrisiken einen Sonderfall» dar. Das Fazit der Finma, zusammengefasst von den BVG-Richtern, lautet: Die «Mindesteigenmittel und der Eigenmittelpuffer» der Postfinance würden zu den im Vergleich zu anderen Banken vermehrt eingegangenen Zinsrisiken «keine ausreichende Sicherheit mehr gewährleisten».

Die Finma hat deshalb vor knapp zwei Jahren gestützt auf die Basel-III-Regeln verfügt, die Postfinance müsse gegebenenfalls mehr Eigenmittel halten, wenn die Zinsen sich verändern. Es geht um einen potenziellen Kapitalzuschlag in der Grössenordnung eines halben oder gar eines ganzen Jahresgewinns.

Dagegen hat Postfinance Beschwerde vor dem Bundesverwaltungsgericht erhoben. Sie wurde vom BVG Ende März abgewiesen. Die Finma sieht sich in ihrer Aufsichtspraxis bestätigt. Dem gelben Staatsinstitut bleibt bis Anfang Mai der Gang vors Bundesgericht. Ob der Weiterzug angetreten werde, stehe zum jetzigen Zeitpunkt noch nicht fest, sagt Postfinance-Sprecher Johannes Möri.

Keine triviale Angelegenheit

Heute schon gewährt der Rechtsstreit einen intimen Einblick in das spannungsgeladene Verhältnis zwischen Finma und Postfinance. Zankapfel sind die Zinsrisiken der Staatsbank – beziehungsweise deren Bewertung durch die Aufsicht.

Der Finma dient als Massstab für den Kapitalzuschlag das Zinsänderungsrisiko: Wie viel Wert das Eigenkapital der Bank also tatsächlich hat, wenn sich die Marktzinsen um einen Prozentpunkt verändern. Je nach Sensitivität der Eigenmittel, also dem potenziellen Schwund der Kapitalbasis, müsste die Postfinance mehr oder weniger Geld einschiessen. Bei einer EK-Sensitivität von über 10 Prozent sind gemäss Finma-Verfügung 270 Millionen fällig, bei 15 und mehr wären es gar 540 Millionen Franken. Zum Vergleich: Postfinance selbst rechnet gemäss Geschäftsbericht 2017 bei gleichem Zinsschritt mit einer Minderung des Eigenkapitals um bloss 29 Millionen Franken.

Zentral für die Bemessung dieser Zinsrisiken ist die sogenannte Zinsbindungsdauer. Also jene Zeitspanne, in der die Zinsen (vertraglich) fixiert sind. Keine triviale Angelegenheit bei einer «halben Bank» wie der Postfinance, die auf der Aktivseite keine Kredite oder Hypotheken vergeben darf und gleichzeitig eine dominante Stellung im Zahlungsverkehr hat. Auf der Passivseite hält Postfinance nämlich deutlich mehr Sichtgelder als Sparbatzen. Die Sichtgelder können rasch abgezogen werden. Ihre Laufzeit ist unbestimmt, ihr Zinssatz variabel. Damit muss die Zinsbindungsdauer geschätzt werden.

Diese kalkulatorische Unschärfe beim verhältnismässig grossen Anteil an Sichtgeldern schürt den Glaubenskrieg zwischen Finma und Postfinance. Die zentrale Frage lautet: Wie treu sind Postkonto-Kunden mit ihren Einlagen, wenn dereinst die Marktzinsen (sprunghaft) steigen? Locken höhere Zinserträge ausserhalb der Bank und führen zu substanziellen Liquiditätsabflüssen? Oder sind die Kunden bereit, eine Prämie zu zahlen angesichts der hohen Verfügbarkeit der Postkonti?

Zinsbindungsdauer zentral

Konkret unterstellt die Finma der Postfinance pauschal eine Zinsbindungsdauer von zwei Jahren, was diese als «unverhältnismässig» und «unangemessen» erachtet. Zum Vergleich: Die durchschnittliche Zinsbindungsdauer aller Spargelder der Banken lag in den letzten zehn Jahren bei eineinhalb Jahren. Sie lag also noch unter der Finma-Frist für die Postfinance.

Dennoch geht das Staatsinstitut dem Vernehmen nach in der bankeigenen Zinsrisiko-Bewertung von einer substanziell längeren Zinsbindungsdauer aus und fordert empirische Evidenz für die von der Finma unterstellte kürzere Frist: Beweise bitte. Ansonsten resultiere ein höheres Risiko bei tieferen Erträgen. Das sei ökonomisch unsinnig.

Die Finma sieht sich bemüssigt, ihre zwei Jahre zu begründen, und liefert eine Einschätzung der Postfinance und ihres Geschäftsumfelds. Erstens geht die Aufsicht davon aus, dass die gelbe Bank bei einer «Normalisierung des Zinsumfeldes» Gelder verliert. Indem diese «zumindest teilweise ertragsreicheren Anlagezwecken» zugeführt würden. Zweitens rechnet die Finma damit, dass Kunden künftig schneller bereit seien, «zugunsten eines attraktiveren Angebots den Anbieter zu wechseln». Der Markt werde transparenter. Drittens führt die Harmonisierung des Zahlungsverkehrs von Postfinance und SIX dazu, dass sich «die Auswechselbarkeit der Anbieter im Zahlungsverkehr» erhöhe. Und viertens spreche für eine kürzere Kundenbindungsdauer, dass die Postfinance «als privatrechtliche und eigenständige Bank und nicht mehr als Teil des staatlichen Postbetriebs» wahrgenommen werde.

Milliarden als Sicherheit parkiert

Bei der gelben Bank sorgt das Aufsichtsargumentarium für Stirnrunzeln. Dort verweist man auf jene 36 Milliarden Franken an flüssigen Mitteln, die bei der SNB parkiert sind. Und Postfinance erinnert gerne an ihre Mindestliquiditätsquote von knapp 200 Prozent.

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