Schaulauf durch alle Instanzen

Swisscom Shakira trällert „Whenever, Wherever“. Bundesrätin Dreifuss tritt zurück. Die Schweiz wird 190. Uno-Mitglied. Knapp die Hälfte der Bevölkerung surft im Internet. Wir schreiben das Jahr 2002. Es ist das Jahr, in dem die Wettbewerbskommission Weko gegen den Ex-Monopolisten Swisscom antritt. Weil der bundesnahe Betrieb „mit grosser Wahrscheinlichkeit“ seine beherrschende Stellung missbrauche. Denn die „Bevorzugung“ hätte weitreichende Folgen im „jungen Markt für ADSL-Breitbanddienste“. Es sei deshalb besondere Dringlichkeit geboten.

Wir schreiben das Jahr 2015. Sido rappt sich zum „Astronaut“. Bundesrätin Widmer-Schlumpf bangt um die Wiederwahl. Die Schweiz ist weiter kein EU-Mitglied. Fast 90 Prozent der Schweizer surfen im Internet. Der „junge Breitbandmarkt“ ist inzwischen ein saturierter und die ADSL-Technologie längst veraltet. Aber das Verfahren gegen die Swisscom läuft noch. Das Urteil des Bundesverwaltungsgerichts, den staatsnahen Telekomkonzern wegen „wettbewerbswidrigen Verhaltens“ mit 186 Millionen Franken zu büssen, ist nämlich bloss für die Gallerie. Swisscom legt beim Bundesgericht Beschwerde ein. Der Telekomkonzern betreibt damit durch alle Instanzen einen juristischen Schaulauf, der die Verfahrensmängel im Wettbewerbsrecht schonungslos offenlegt. Die Sahnestücke im ADSL-Geschäft wurden vor Jahren verteilt. Da hilft es auch wenig, die Millionenbusse am damaligen Umsatz der Swisscom zu berechnen. Schlimmer noch ist, dass sich die Geschichte wiederholt. Auf der Glasfaser bahnt sich das nächste Marktversagen an.

Zwischen Hype und Hybris

Silicon Valley Im kalifornischen Technologietal schicken sich junge Wilde an, den Banken mit Finanztechnologie das Fürchten zu lehren. Ein Werkstattbericht.

Unten sind die Schalterhallen der vornehmen First Republic Bank. Oben im 31. Stock hat Coinbase die Büros. Und dazwischen liegen Welten beziehungsweise eine Liftfahrt in San Franciscos Finanzdistrikt. Denn der Kontrast zwischen klassischem Schaltergeschäft und Fintech könnte nicht grösser sein.

„Wir sind die weltgrösste Wechselstube, Börse und Bank für die Digitalwährung Bitcoin“, sagt Dan Romero zur Begrüssung. Romero treibt für Coinbase die internationale Expansion voran und führt den Besucher aus der Schweiz durchs Fintech. Vorbei an der Powerriegel-Ecke und dem Extra-Large-Kühlschrank mit frischen Smoothies geht es ins Siebzigerjahre-Grossraumbüro, in dem gut zwei Dutzend Programmierer mit grossen Kopfhörern vor noch grösseren Bildschirmen hocken. Während unten auf dem Trottoir die Grossstadt tobt, herrscht hier in luftiger Höhe klösterliche Stille. Leise summen die Server, zwischendurch ein dumpfer Klick.

Coinbase gibt es seit drei Jahren. Die Bitcoin-Bank ist bereits in 28 Ländern tätig. Das in Frisco gegründete Fintech hat für die Expansion namhafte Geldgeber wie die New York Stock Exchange an Bord geholt. Über 100 Millionen Dollar Risikokapital sind so bislang zusammengekommen. Schliesslich hat die Digitalwährung Bitcoin disruptives Potenzial, und Coinbase sieht sich dabei an vorderster Front. „Wir wollen Bitcoin als Zahlungsmittel, gerade auch im grenzüberschreitenden Verkehr, etablieren“, sagt Romero, während er durch die Glasfront auf Friscos Skyline blickt. In den Nebelschwaden ist die Transamerica Pyramid zu erahnen. Der Endzwanziger redet sich ins Feuer, er spricht von einem „500-Milliarden-Dollar-Markt“ im grenzüberschreitenden, SWIFT-basierten Finanzverkehr. Davon schöpften die Banken jährlich 50 Milliarden Dollar an Gebühren ab. „Mit Bitcoins würden die Transaktionskosten auf einen Bruchteil zusammenschmelzen“, sagt der Coinbase-Mann und schwört auf die Digitalwährung als Schlüsseltechnologie. Die verschlüsselten Bitcoins sollen Micropayment wie mobiles Bezahlen befeuern und gar den papiernen Pfandbrief ablösen. Die Welt des Zahlungsverkehrs könnte also bald eine andere sein, geht es nach Coinbase und Co.

Von Blackrock geschluckt

Nur einen Block weiter südlich dreht sich alles um die Zukunft der Geldanlage. Wer bei FutureAdvisor zu Besuch ist, fällt mit der Tür ins Haus. Denn ein Empfangsdesk sucht man beim „Roboadvisor“ vergebens. Dafür erklärt Manager Mitch St. Peter die Besonderheiten von FutureAdvisor. Automatisierte Online-Vermögensverwalter gibt es mittlerweile ja wie Sand am Meer, und zwar nicht nur jene aus dem Silicon Valley. „Wir sind anders“, verspricht er vollmundig und loggt sich auf seinem MacBook ein. Es erscheint die Future-Advisor-Oberfläche mit St. Peters privatem Kontostand. So offen sein Umgang mit dem eigenen Vermögen, so überzeugend ist die „Roboadvisor“-Applikation.

Denn FutureAdvisor schustert nicht einfach ein paar passive Börsenindices zu einem lieblosen Portfolio zusammen. Das Fintech verfolgt vielmehr einen holistischen Ansatz. So lassen sich mit dem Online-Vermögensverwalter, der 2010 von zwei ehemaligen Microsoft-Ingenieuren gegründet wurde, sämtliche Bankbeziehungen aggregieren. Dank all den Daten werden aus nackten Zahlen und Transaktionen wie von Geisterhand Antworten, destilliert auf dezentrale Finanzfragen wie: Reicht die jetzige Sparquote, dass mein Kind dereinst aufs College gehen kann? Wie hoch wird meine Rente sein? Oder: Lebe ich über meine Verhältnisse?

„Wir bilden die gesamte Anlegerperspektive ab, von der Wiege zur Bahre“, sagt St. Peter nonchalant und spricht von einem digitalen Family Office für die Mittelklasse, welche zwischen 100 000 und 1 Million Dollar auf der hohen Kante hat. Es ist just jene Zielgruppe der „mass affluents“, welche die traditionellen Banken bisher aus Kosten- und Komplexitätsgründen vernachlässigt haben. Dennoch nehmen sich die verwalteten Vermögen von FutureAdvisor mit rund 600 Millionen Dollar bescheiden aus. „Anstatt viel Geld für Marketing auszugeben, suchen wir lieber den Schulterschluss mit einem Partner“, meint der Finanzmanager vielsagend zum Abschied. St. Peter sollte recht behalten. Nur zwei Monate nach dem Firmenbesuch in San Francisco hat Blackrock den „Roboadvisor“ einverleibt. Der weltgrösste Vermögensverwalter soll FutureAdvisor bei der Übernahme Ende August mit 150 bis 200 Millionen Dollar bewertet haben. Eine stattliche Summe für etwas Softwarecode und viel Zukunftspotenzial.

Jünger als der Youngtimer

Prominente Eigner hat auch das privat gehaltene Fintech namens Robinhood. Zu den illustren Risikokapitalgebern des Online-Effektenhändlers gehören unter anderem die Hip-Hop-Superstars Snoop Dogg und Nas, die Rockband Linkin Park sowie Netscape-Gründer Marc Andreessen. Nicht minder abgefahren sind auch jene Leute, welche für Robinhood arbeiten: Das Treffen findet in einem kleinen Café in Palo Alto, nahe der Stanford-Universität, statt. Der Kommunikationschef von Robinhood fährt in einem schnittigen 1980er-Jahre BMW ein. Dem deutschen Youngtimer entsteigt ein bleichgesichtiger Millennial, am Handgelenk eine silberne Rolex, in den Händen ein grosses, weisses iPhone. Bei frischgebrühtem Filterkaffee erklärt mir Jack Randall, was es mit Robinhood auf sich hat. „Wir übertragen das Motto ‹Nehmt es von den Reichen und gebt es den Armen› auf den Börsenhandel“, sagt der ehemalige Apple-Praktikant ohne falsche Bescheidenheit.

Schliesslich hat die Finanz-App für Android und iOS das Potenzial, den Online-Börsenhandel zu revolutionieren. „Trades sind bei uns generell kostenlos“, sagt Randall spitzbübisch und gibt sogleich per Daumenschlag auf sein Display die kostenlose Kauforder für ein paar Apple-Stocks durch. Es gebe schliesslich keinen vernünftigen Grund mehr, dafür eine Gebühr zu verlangen, meint er anschliessend. Diese exorbitanten „Fees“ seien nämlich alte Zöpfe aus jener Zeit, als die Geschäfte noch von echten Händlern am Börsenring abgewickelt wurden. Randall macht ein Beispiel: „Wenn ein Kunde von uns 300 Trades pro Tag macht, dann zahlen wir weniger als 1 Dollar Gebühr an den Börsenplatz.“ Sagts und lädt zum Firmenbesuch ein.

Bloss eine Viertelstunde Fahrzeit vom Stanford Campus entfernt hat Robinhood Sitz genommen. Die Nähe zur Uni ist kein Zufall, schliesslich sind die beiden Gründer Absolventen der kalifornischen Eliteschmiede. Nach einem Abstecher als High-Frequency-Trader an der Wallstreet sind Vladimir Tenev and Baiju Bhatt zurückgekehrt an die Westküste. Jetzt steht Tenev – unrasiert, in Jeans und mit Sonnenbrille – in der Einfahrt einer etwas schäbigen Lagerhalle in Palo Alto, die Robinhood beherbergt. „Wir wollen die Finanzmärkte demokratisieren“, sagt der Gründer knapp und bittet zur Besichtigung. Das Motto ist klar definiert. Die Robinhood-Räumlichkeiten sind ganz dem Rächer der Enterbten aus Sheerwood Forest gewidmet. An den Wänden prangen Graffitis, die Szenen aus der spätmittelalterlichen Ballade zeigen. Das Sitzungszimmer ist dem grossen Robin-Hood-Mimen Sean Connery gewidmet. Und die knallgrüne Kunsttapete in der Kaffee-Ecke soll wie echtes Moos daherkommen. Die Kulisse ist stimmig. Doch wie will Robinhood überhaupt Geld verdienen, wenn nicht mit Transaktionsgebühren pro Trade? Gründer Tenev zuckt mit den Schultern: Man habe zwei Standbeine. Zum einen zahlen Kunden, wenn sie Margin-Handel betreiben, also Wertschriften gehebelt und auf Termin kaufen. Zum anderen zieht Robinhood Zinsen auf dem ungenutzten Kapital der Kunden ein. Beides soll Robinhood dereinst profitabel machen. Doch vorerst ist Expansion angesagt: Sowohl in neue Anlageklassen wie auch in weitere Märkte. Nebst den USA und Australien steuert Robinhood dabei auch Europa an. „Wir sehen dort grosses Potenzial“, sagt Kommunikationschef Randall.

Kois und eine Vertraulichkeitserklärung

Während Robinhood noch den naiven Charme eines Garagen-Startups versprüht, geht es bei Addepar deutlich zugeknöpfter zu Gange. Die Softwarefirma beschäftigt 130 Mitarbeiter und hat unter anderem den Starinvestor Peter Thiel als Kapitalgeber. Der Hauptsitz liegt am Zubringer zum Highway 101 in Mountain View. Es ist schon nach Büroschluss. Die Räume wirken verwaist. Im Eingangsbereich steht ein schwarzes Ledersofa, ein Aquarium mit japanischen Kois und ein iPad „for visitors“. Das Tablet ist allerdings nicht zum Zeitvertreib gedacht. Vielmehr muss jeder Besucher eine Vertraulichkeitserklärung unterzeichnen, dass er keine „nicht öffentlichen Informationen“ in die Welt hinausträgt – man arbeite bei Addepar hart daran, die technische Infrastruktur für Finanzen „neu zu erfinden“. So viel Anspruch will gerechtfertigt sein. Doch im Gespräch stapelt die deutsche Marketingchefin Barbara Holzapfel tief, Verschwiegenheit ist Trumpf. Schliesslich gehören die Endkunden zu den Ultra High Net Worth Individuals (UHNWI). So soll unter anderem das Family Office von Facebook-Gründer Mark Zuckerberg auf Addepar schwören. „Wir können selbst komplexe Finanzstrukturen ganzheitlich und in Echtzeit abbilden“, sagt Holzapfel. Das bedeutet: Selbst Trusts, Offshore-Vehikel oder illiquide Assets wie Immobilien oder Beteiligungsgesellschaften kann Addepar ins System integrieren. Ein Quantensprung, denn bislang tragen Family Offices häufig noch von Hand die Excel-Spreadsheets der Einzelinvestments zusammen und liefern den UHNWI alle paar Monate einen dicken Stapel Papier ab. Damit räumt Addepar auf, denn: „Je transparenter die Datenlage, desto besser ist der Anlageentscheid“, sagt die ehemalige SAP-Managerin, die nur noch zum Familienbesuch nach Europa fliegt.

Abgang des Unbequemen

Swissgrid Chef Pierre-Alain Graf wirft das Handtuch. Der Netzbetreiber droht an Bedeutung zu verlieren.

Die Kunde vom Ausscheiden des Swissgrid-Chefs erreichte die Strombosse an einer Wasserwirtschaftstagung in Aarau. Dort hätte auch Pierre-Alain Graf referieren sollen. Doch statt über“Marktopportunitäten für die Schweizer Wasserkraft“ zu sprechen, gab der 52-jährige Top-Manager fast zeitgleich seinen Rücktritt als Chef des nationalen Netzbetreibers bekannt. Nicht nur die Tagungsteilnehmer waren baff. Auch die Geschäftsleitungsmitglieder der Swissgrid wurden vom Chefwechsel in Laufenburg überrascht.

Grafs Abgang gibt in der Strombranche zu reden. Der ehemalige Cisco-Manager, der Swissgrid seit 2008 führte, polarisierte wie kein Zweiter. Als visionären Macher, fachlich beschlagen und kommunikativ souverän beschreiben ihn die einen. Als unnahbar und unnachgiebig charakterisieren ihn die anderen.

Fest steht, dass Graf in seiner Rolle als Swissgrid-Chef zusehends zwischen Stuhl und Bank agierte.“Der Druck auf Pierre-Alain nahm von allen Seiten zu“, sagt einer, der ihn gut kennt. Auch wenn Swissgrid betont, Grafs Rücktritt nach sieben Amtsjahren sei aus freien Stücken erfolgt. Die politische Gemengelage wurde schwieriger, die unternehmerischen Freiheiten für den agilen Manager enger.

So würdigt Urs Gasche, Präsident der gewichtigen Swissgrid-Aktionärin BKW, den abtretenden Swissgrid-Chef zwar als“sehr fähigen und unternehmerischen Mann“. Gasche betont zugleich aber auch, dass die Aktivitäten von Graf sich nicht in allen Punkten mit den Vorstellungen des Berner Stromkonzerns gedeckt hätten. Dem Swissgrid-Chef seien die Möglichkeiten, die der enge gesetzliche Rahmen für den nationalen Netzbetreiber vorsehe, zu restriktiv gewesen, meint Gasche:“Da hat man ein Rennross vor ein ‹Milchwägeli› gespannt. Das konnte nicht gut kommen.“ An einer Veranstaltung hat Gasche zudem den Eindruck gewonnen, dass Graf im gesamten Netz weitere koordinierende und regulierende Funktionen übernehmen wolle. Der zurückgetretene Swissgrid-Chef war für eine Stellungnahme nicht zu erreichen.

Markt gestalten oder verwalten

Ein Zankapfel war beispielsweise die Errichtung eines zentralen Big-Data-Hubs für Strom, der alle Markt-, Produktions- und Verbrauchsinformationen hätte bündeln sollen. Swissgrid verstand sich dabei als IT-Enabler und Cloud-Zudiener für alle Energieversorger gleichermassen. Der Umarmungsversuch stiess den Stromern jedoch sauer auf. Sie wollen ihre Big-Data-Ströme selber analysieren und monetarisieren.

Keine Freunde machte sich der Swissgrid-Chef auch mit seiner aktiven Rolle bei der künftigen Marktgestaltung. Dieses sogenannte Marketdesign soll unter anderem ein effizientes Netz gewährleisten, wenn dereinst Sonne und Wind im grossen Stil zur Stromversorgung beitragen. Doch die visionären Vorarbeiten stiessen bei den Aktionären des Netzbetreibers auf Ablehnung.

Swissgrid muss die Märkte abwickeln und sie nicht mitgestalten“, bringt ein Verbandsvertreter die Branchenhaltung auf den Punkt. Dabei schwingt auch der latente Frust darüber mit, dass sich die Überlandwerke mit der Gründung der Swissgrid und der Überführung des Hochspannungsnetzes in die nationale Netzgesellschaft enteignet und zu“Zwangsaktionären“ ohne Durchgriffsrechte rückgestuft sahen. Schliesslich sind die sogenannt“unabhängigen“ Verwaltungsräte bei der Swissgrid in der Mehrheit. BKW-Präsident Gasche spricht denn auch von einer“Fehlkonstruktion“:“Entweder hat die Stromwirtschaft die Verantwortung, das Sagen, die Kosten und Nutzen. Oder sonst übernimmt der Bund diese Aufgabe. Dann soll man uns auszahlen.“

Doch von solch einer“sauberen Lösung“ ist man meilenweit entfernt. Zwar wollte CEO Graf dezidiert das Swissgrid-Aktionariat öffnen und insitutionelle Investoren wie Pensionskassen als gewichtige Aktionäre hereinholen. Gar einen Börsengang hat Graf einst öffentlich andiskutiert.

Ein Reglementewall verhindert jedoch kategorisch eine Transformation der Eignerschaft. Das juristische Dickicht besteht aus einem nichtöffentlichen Aktionärsbindungsvertrag zwischen den Swissgrid-Gründern, der offenbar demnächst ausläuft, den Firmenstatuten sowie dem Stromversorgungsgesetz. Es ist ein schwammiges Gesetz, an dem seinerzeit Carlo Schmid mitarbeitete, der heute den Elektrizitäts-Regulator Elcom präsidiert.

Alle drei Dokumente widersprechen sich offenbar materiell oder bieten Spielraum zur Interpretation. Dies führt dazu, dass sich BKW und die Westschweizer Kantone juristisch in den Haaren liegen, wer denn nun das Swissgrid-Aktienpaket der Alpiq übernehmen darf. Der Einfluss der Branche auf den nationalen Netzbetreiber ist somit gleich mehrfach stipuliert.

Für einen marktorientierten CEO wie Graf bedeutete dies einen steten Kampf mit den eigenen Aktionären und einem trägen Regulator. So setzte der Swissgrid-Chef in seiner Amtszeit Hunderte Millionen Franken an Wohlfahrtsgewinnen frei, indem er einen Markt für den Unterhalt des Höchstspannungsnetzes schuf. Nachdem die Stromversorger Jahrzehnte Monopolrenten hatten abschöpfen können, mussten sie sich nun als Dienstleister bewähren. Dies sorgte verständlicherweise für wenig Begeisterung.

Sorge um Restanzen

Die Sorge in der Branche ging gar um, dass Swissgrid – wie umliegende europäische Netzbetreiber – den Einflussbereich auf tiefere Spannungsebenen ausdehen könnte.“Auf den unteren Netzebenen liegen ebenfalls Einsparungen im dreistelligen Millionenbereich drin“, sagt ein Kenner der Materie. Die Swissgrid-Antipathie der Branche ist deshalb auch die Angst vor dem Verlust weiterer Monopolrestanzen.

Mit dem überraschenden Rücktritt Grafs beginnt nun hinter den Kulissen der Richtungsstreit um die künftige Rolle der Swissgrid und ihres obersten Chefs. Der Verwaltungsrat wird in seiner nächsten Sitzung ein Stellenprofil für den neuen CEO erarbeiten.“Es droht die Rückstufung zum reinen Mastenverwalter“, sagt ein Insider. Mit der Ernennung von Yves Zumwald zum Interimschef scheint dieser Weg vorgezeichnet. Der Romand ist ausgewiesener Branchen- und Fachmann. Als studierter Elektroingenieur blickt er auf eine langjährige Karriere in der Schweizer Stromwirtschaft zurück. Zumwald soll das disparate Netz der Überlandwerke operativ in der Swissgrid konsolidieren.

Die staatliche Giesskanne

Energiestrategie 2050 Der Furor nach Fukushima ist verflogen, der Aufschrei nach dem atomaren Super-GAU verhallt. Die grosse energiewirtschaftliche Volte verkommt nun zur realpolitischen Verrenkung. Das vermeintliche“Jahrhundertprojekt“ – die Energiestrategie 2050 – mutiert dabei zur behördlich orchestrierten Mischung aus Plan- und Klientelwirtschaft. Der Kuhhandel feiert in Bundesbern Urständ. Ob Subventionierung der Wasserkraft, AKW-Laufzeitbeschränkung, KEV-Erhöhung oder Ausnahmen für energieintensive Industrien – kein Stromdeal scheint zu dreckig, um die Subventionspfründen der jeweiligen Branche zu sichern. Egal, ob es sich um Cleantech-Lobbyisten oder Stromkonzern-Vertreter handelt, vor den Futtertrögen der Bundesverwaltung sind alle gleich. Selbst liberale Kräfte streifen dann ihre Gesinnung mühelos ab und der alpine oder der mittelländische Herkunftskanton wird plötzlich wichtiger als das Parteibüchlein.

Die letzte Geige in der Kakofonie der Partikularinteressen

In diesem Politpoker gibt es nur einen Verlierer: Es ist der freie Markt. Und mit ihm der Endkonsument, der in der Berner Kakofonie der Partikularinteressen die letzte Geige spielt. Seit bald zwei Jahren müssten nämlich die privaten Haushalte ihren Stromanbieter frei wählen und dabei von tiefen Elektrizitätstarifen profitieren können. So sah es zumindest das Parlament 2007 vor, als es die zweistufige Marktöffnung verabschiedete. Doch statt konsequent auf Wettbewerbskräfte zu vertrauen, hält man den Endverbraucher im Monopol gefangen und tritt bei der Marktöffnung dermassen auf die Bremse, dass die Funken sprühen.

Aus Eignersicht verständlich, schliesslich ist die Stromwelt eine fundamental andere als 2007. Die disruptive Kraft der erneuerbaren Energien, welche zu null Grenzkosten Windoder Sonnenstrom produzieren, hat zu einem beispiellosen Preiszerfall geführt. Dieser Vorgang ist keine zyklische Episode, sondern ein struktureller Technologiebruch, der die Geschäftsmodelle der Stromkonzerne in öffentlicher Hand reihum kollabieren lässt. Die Abschreibungswelle auf klassischen Kraftwerken ist Ausdruck davon und hat Volksvermögen in Milliardenhöhe vernichtet. Angesichts der Dimensionen mutet die politische Problemlösung einfältig an: Das Giesskannenprinzip wird ausgeweitet. Der warme Subventionsregen geht nun auch über klassischen Stromerzeugungsarten nieder. Das ist nicht nur ordnungspolitisch falsch, sondern offenbart den Geburtsfehler der Energiestrategie.

Eigentümerschaft der öffentlichen Hand auf den Prüfstand stellen

Der Technologiewandel lässt sich eben nicht staatlich verordnen, ohne dass es zu Fehlallokationen kommt. Statt dirigistisch aufs Gesamtsystem einzuwirken, sollte die öffentliche Hand ihre Eigentümerschaft auf den Prüfstand stellen. In der neuen Stromwelt ist die staatliche Rolle nämlich eine andere – mehr die des Schiedsrichters denn des Marktakteurs. Doch an derlei Grundsätzliches wagt sich kein Politiker vor der Wahl. Es regiert die Hoffnung auf bald wieder sprudelnde Stromdividenden. In der Zwischenzeit schröpft man die Endkonsumenten.

Wind of Change am Rheinknie

J. Safra Sarasin Kultur ist wichtiger als Kommerz. Wer weiche Faktoren unterschätzt, zahlt in harten Franken die Zeche. Diese schmerzliche Erfahrung macht nun der Top-Banker Joseph Safra. Gut drei Jahre nach Übernahme der Traditionsbank Sarasin tun sich in Basel kulturelle Gräben auf, so tief wie die Rheinschlucht. Denn der im syrischen Aleppo geborene Safra foutiert sich um kontinentaleuropäische Befindlichkeiten. Der Sohn einer jüdischen Bankiersfamilie, die einst im osmanischen Reich Handelskaravanen finanzierte, geht bei Sarasin mit dem Zweihänder vor, wo die feine Klinge gefragt wäre.

Signale zur Kompromissbereitschaft sind für den erzkonservativen Multimilliardär Zeichen der Schwäche. Statt offen zu kommunizieren und ein Klima des Vertrauens zu schaffen, spielt der 75-jährige, erfolgreiche Investor lieber mit verdeckten Karten – gegenüber Mitarbeitern wie Kunden. Für eine Privatbank, deren Kapital Vertrauen ist, hat der Verschwiegenheitskult Folgen. Intern werden Führungslosigkeit und Wertezerfall moniert, die profilierte Leute aus dem Institut getrieben haben. Extern hat Safras harte Haltung so viel Geschirr zerschlagen, dass die Reputationsschäden aufs Geschäft der deutschen Tochter durchschlagen. Dabei ist festzuhalten, dass Sarasins Skandale nicht Safras Schuld sind.

Ob die Cum-Ex-Deals oder die Windreich-Anlagen, die Fälle liegen vor der Übernahme durch den brasilianischen Ultra High Individual. Safras Versagen liegt indes darin, wie der beschlagene Bankenpatron mit den Basler Altlasten umgegangen ist. Statt sie geräuschlos zu bereinigen, hat er daraus eine Hypothek für die Zukunft der Bank gemacht.

Nachhaltig rot

J. Safra Sarasin Die Reputationsschäden der Bank schlagen aufs Geschäft in Deutschland durch. 2014 verdoppelte sich der Verlust der deutschen Tochter.

Das „nachhaltige Schweizer Private Banking“ kommt in Deutschland auf keinen grünen Zweig. So weitet die deutsche Sarasin-Tochter seit Jahren ihre Verluste aus. Wie Recherchen der „Handelszeitung“ zeigen, schliesst die Banktochter mit Sitz in Frankfurt am Main auch das Jahr 2014 tiefrot ab. Es klafft ein Loch von 11 Millionen Euro (siehe Grafik) in der Kasse, wobei gut 8 Millionen aus dem operativen Ergebnis stammen. Ein Insider spricht von einem „dramatischen Verlust“ angesichts der Geschäftsgrösse.

Nun zeigt sich, dass die diversen Streitfälle – von der Pleite des Windparkbetreibers Windreich bis hin zum umstrittenen Dividendenstripping – die Reputation der Bank Sarasin in Deutschland angekratzt haben und aufs Business durchschlagen. Dabei kommt die kompromisslose Haltung der Besitzerfamilie Safra die Bank teuer zu stehen.

Oder wie es das Basler Institut in brasilianischem Besitz in ihrem Deutschland-Jahresbericht formuliert: „Insbesondere die Berichterstattung rund um die Durchsuchung der Geschäftsräume in der Schweiz und in Deutschland, vor dem Hintergrund der Cum-Ex-Untersuchungen und des darauf folgenden Rücktritts des stellvertretenden Gruppen-CEO, hat das Geschäft in Deutschland negativ beeinflusst.“ So betrug der Zuwachs an privaten Kundengeldern nur 1 Prozent, und dies in einem ansprechenden Börsenjahr 2014.

Besonders hart traf die Negativpresse die deutsche Sarasin im Geschäft mit institutionellen Anlegern, bei dem die Bank Mittelabflüsse in der Höhe von 160 Millionen Euro zu verzeichnen hatte und Ende Jahr noch 2,1 Milliarden Euro verwaltete.

Die Basler sind in Deutschland traditionell stark im Asset Management mit kirchlichen Investoren wie Diözesen oder Stiftungen, die auf die nachhaltigen und „grünen“ Sarasin-Produkte setzen. Diese kirchlichen Investoren hätten sich besorgt gezeigt über die Berichterstattung und wünschten „ausführliche und umfängliche Aufklärung“, schreibt die Bank in ihrem Jahresbericht.

Während das operative Geschäft also harzt, wachsen die Bilanzposten für Rückstellungen und Schadenersatzgarantien seitens der Basler Mutter. Allein im Geschäftsjahr 2014 hat die deutsche Sarasin für Rechtsanwaltskosten 2,7 Millionen Euro auf die Seite gelegt. Für Restrukturierungen wurden weitere 1,3 Millionen Euro gebildet. Zugleich erhöhten sich zuletzt im Frühjahr die Garantien der Schweizer Muttergesellschaft für Schadenersatzansprüche von 3,6 auf 5,6 Millionen Euro. All dies sind Auswüchse der diversen Rechtsstreitigkeiten in Deutschland, insbesondere rund um die Cum-Ex-Geschäfte.

Die schwierige Lage hat Konsequenzen: Im Berichtsjahr 2014 reduzierte sich die Zahl der Mitarbeiter markant, und auch künftig dürften die Privatbanker den Gürtel enger schnallen müssen. So kündigt die Bank im Ausblick fürs laufende Geschäftsjahr ein „striktes Kostenmanagement“ durch eine „deutliche Reduktion der Rechtsberatungs- und Personalkosten“ an: Shared Service Center oder Outsourcing als Strategien zur Effizienzsteigerung und Kostensenkung würden dabei ins Blickfeld rücken. Die Bank mit Volllizenz unterhält in Deutschland fünf Standorte in Frankfurt am Main, Hamburg, Hannover, München und Stuttgart. Sparen helfe aber nur bedingt, den „Break-even-Punkt“ zu drücken, sagt ein Insider. Gefragt seien radikalere Massnahmen, um das Deutschland-Geschäft aus der Verlustzone zu bekommen. Denn als Vollbank sei der Kostensockel, auch angesichts der steigenden regulatorischen Anforderungen, kaum zu drücken. Erschwerend komme hinzu, dass das Onshore-Margenniveau in Deutschland tendenziell tiefer sei als in der Schweiz.

Fehlende Skaleneffekte

In erster Linie aber fehlt Sarasin im nördlichen Nachbarland die kritische Masse an verwalteten Vermögen, um die nötigen Skaleneffekte hinzubekommen: „Ein europäischer Buchungsstandort ist unter 5 Milliarden Euro an verwalteten Vermögen längerfrisitig kaum profitabel zu betreiben.“ Davon seien die Basler im deutschen Onshore-Private-Banking gemäss Insider jedoch weit entfernt. Der Bankmanager bringt es auf die einfache Formel: „Double or die.“ Ohne substanzielles Wachstum an verwalteten Vermögen hat Sarasin in Deutschland ein Problem. Doch substanziell Neugeld in die Bank reinzuholen, ist einfacher gesagt als getan. Gute Kundenberater mit entsprechender Assetbasis sind teuer und – angesichts der Reputationsprobleme der Bank – nicht einfach zu rekrutieren. Aber auch anorganisch zu wachsen, gestaltet sich in Deutschland schwierig: Die Zahl übernahmewilliger Bankhäuser ist begrenzt und eine Integration ist komplex und kostenintensiv.

So bleibt den Baslern weiter nur der Griff zum Rotstift. Ein Radikalszenario mit Sparpotenzial wäre dabei ein sogenanntes Passport Banking, indem die Basler ihre deutsche Lizenz zurückgeben und von Luxemburg aus das Geschäft bestreiten würden. Doch vorderhand glaubt die Sarasin-Führung an bessere Zeiten und stellt für 2015 einen „Gewinn im niedrigen Millionenbereich“ in Aussicht. Dank Sondereffekten, Sparmassnahmen und einem „leichten Ertragswachstum im Kundengeschäft“.

Mehr ist besser, Herr Ermotti

Eigenkapital Die vom Staat gerettete UBS zündet ein Feuerwerk aus Nebelpetarden, um die Verschärfung der Eigenmittelvorschriften zu bekämpfen. Ein Londoner Professor präsentiert eine UBS-finanzierte Gefälligkeitsstudie. Grossbanken-Lobbyist Ruedi Noser wettert in der Presse gegen „Too big too fail“-Anpassungen. Sergio Ermotti schliesslich feuert eine öffentliche Breitseite gegen das „Swiss Finish“

Der UBS-Chor stimmt stets dasselbe Lied an: Mehr Eigenkapital verteuere das Geschäft, wodurch die Bank weniger Kredite vergebe. Das schade der Realwirtschaft. Dabei hat die Wissenschaft die Grossbanken-Mär längst widerlegt. Mehr Eigenkapital macht Banken sicherer, was die Volkswirtschaft stabilisiert und das BIP befeuert. Zudem: Je solider finanziert ein Schuldner ist, desto günstiger kommt er an Geld. Mit einer Ausnahme: Systemrelevante Banken wie die UBS tragen nicht das volle Risiko ihrer dünnen Eigenkapitaldecken. Hätte ein Industriekonzern eine Verschuldung wie eine Grossbank, er wäre schlicht nicht kapitalmarktfähig. Doch systemrelevante Banken sind eben „too big too fail“. Wir alle bürgen für UBS und Co.

Es ist deshalb purer Egoismus, wenn sich Ermotti gegen mehr Eigenmittel wehrt. Je grösser die Schulden der Bank nämlich sind, desto höher ist die Rendite auf dem eingesetzten Kapital. Und davon hängt Ermottis Bonus ab.

Gehörig verrannt

Fall Sarasin Die Kölner Staatsanwaltschaft krebst zurück. Das Verfahren gegen einen vermeintlichen Drahtzieher wird eingestellt. Eric Sarasin darf hoffen.

Die Kavallerie ritt im Morgengrauen aus. Anne Brorhilker hielt die Zügel fest in der Hand. Die Kölner Staatsanwältin orchestrierte das Einsatzkommando „Tax“ mit 250 Polizeikräften in 13 Ländern, darunter die Schweiz. Sie führt „gewerbsmässigen Betrug und Beihilfe zur Steuerhinterziehung“ gegen mehrere Sarasin-Top-Banker ins Feld. Ende Oktober letzten Jahres durchkämmten Schweizer Polizisten in deutschen Diensten zig Büros und Wohnungen in mehreren Kantonen und beschlagnahmten stapelweise Akten.

Auch am Schwyzer Wohnsitz von Christian Gmünder, ehemals Operativchef von Sarasin, fuhren die Ermittler ein. Der Banker wusste nicht, wie ihm geschah. Hatte er doch kurz zuvor einen neuen Job bei der Bank Vontobel angetreten. Nun sah sich Gmünder in der „SonntagsZeitung“ einem schweren Vorwurf ausgesetzt. Er sei „einer der mutmasslichen Drahtzieher der heiklen Geschäfte zur Steuerumgehung“, schrieb das Blatt und machte aus dem angesehenen Banker ein „Reputationsrisiko“. Der mediale Dolchstoss sass. Gmünders Karriere bei Vontobel war beendet. Er trat von sich aus zurück und kämpft seither um Ruf und Recht.

Verfahren eingestellt

Jetzt, fast ein Jahr nach dem deutschen Ermittlungsfeldzug auf Schweizer Boden, kann Gmünder aufatmen. Die Kölner Kavallerie, flankiert von der Sonntagspresse, hat sich nämlich gehörig verrannt. Trotz Hunderten Stunden Zeugeneinvernahmen und einem Aktenberg von über 13 000 Seiten gelang es Staatsanwältin Brorhilker nicht, Gmünder als Drahtzieher illegaler Dividendengeschäfte dingfest zu machen. Die „Beihilfe zur Steuerhinterziehung“ fiel ebenso unter den Tisch wie der „gewerbsmässige Betrug“.

Vielmehr stellt die Kölner Justiz das Strafverfahren gegen Christian Gmünder per sofort ein. Um das Verfahren abzukürzen, willigte der Ex-Sarasin-Mann ein, eine Geldauflage in der Höhe von 10 000 Euro zu leisten. Für Gmünder zahlt sich aus, dass er von Beginn weg mit der deutschen Justiz kooperierte. Er reiste unmittelbar nach der Hausdurchsuchung für eine Aussage nach Köln. Mit dem Entscheid der Kölner Untersuchungsbehörde ist auch die Schweizer Strafanzeige gegen Gmünder hinfällig, auf welche die Zürcher Staatsanwaltschaft bis dato gar nicht eingetreten ist.

Eingereicht hatte die Strafanzeige seinerzeit der Stuttgarter Steueranwalt des mutmasslich geschädigten Sarasin-Kunden und Milliardärs Erwin Müller (HZ vom 25.6.15). Die Anzeige richtete sich nebst Gemünder auch gegen den damaligen Sarasin-Chef und heutigen EFG-CEO Joe Strähle, Deutschland-Banker Kai Henke und Vizechef Eric Sarasin. Dessen Beschuldigteneinvernahme in Köln hat noch gar nicht stattgefunden. Sarasins Anwalt Gert Thoenen ist nach dem glimpflichen Ende für Gmünder allerdings guter Dinge für seinen prominenten Mandanten: „Auch das Verfahren gegen Herrn Sarasin sollte früher oder später eingestellt werden.“

Damit würde enden, was vor gut zehn Jahren einen vielversprechenden Anfang nahm. 2005 gewinnt die noble Basler Traditionsbank Sarasin den deutschen Drogeriekönig Erwin Müller als Kunden. „Herr Müller war uns als spekulationsfreudiger Kunde bekannt“, erinnert sich der ehemalige Sarasin-Operativchef Gmünder in seiner Einvernahme. Milliardär Müller kauft nämlich auf Kredit in Schweizer Franken Anleihen in türkischer Lira. Späterspekuliert er mit Aktienoptionen der Parfumeriekette Douglas. Die Betreuung des vermutlich grössten Privatkunden der Bank liegt bei Eric Sarasin höchstpersönlich. Der Basler Starverkäufer lädt Müller und seine Frau ein, man besucht zusammen die Zürcher Oper.

Riskante Geschäfte

2010 tritt die Bank mit einem neuen Produkt unter dem Titel „Dividendenarbitrage“ an den milliardenschweren deutschen Grosskunden heran. Es handelt sich um ein Kompensationsprodukt, konstruiert mit dem Ziel, vermögende und risikofreudige Privatkunden nach der Etablierung der Weissgeldstrategie bei der Stange zu halten. Die Bankmanager wähnen sich dabei juristisch auf der sicheren Seite. Ihnen liegt ein von der deutschen Allianz zunächst mit 100, dann mit 250 Millionen Euro abgesichertes Gutachten des deutschen Steueranwalts Hanno Berger vor, das die juristische Unbedenklichkeit der Produkte bezeugt. Wenn, dann wurde intern lediglich über mögliche Reputationsrisiken diskutiert.

Eine Einschätzung, die sich nun als richtig erweist. Aus der Kölner Einstellungsverfügung lässt sich schliessen, dass sich die Bankverantwortlichen strafrechtlich nichts zuschulden kommen liessen. Wenn es zu Gesetzesverstössen bei den Dividendengeschäften kam, dann müssen sich diese demnach ausserhalb der Bank zugetragen haben.

Auch zivilrechtlich hat die Bank mittlerweile gute Chancen. Nachdem sie mit dem deutschen Investor Carsten Maschmeyer einen Vergleich geschlossen hat, steht hier vor allem noch die 50-Millionen-Euro-Klage Müllers im Raum. Müller, dessen Anzeigen gegen die Basler Bankverantwortlichen am Anfang des Kölner Monsterverfahrens stehen, machte in der Zeugenvernehmung im Mai eine schlechte Figur. Seine Aussage ist durchsetzt von Erinnerungslücken.

Eine davon betrifft die zentrale Frage, ob ihm Sarasin im Frühling 2011 einen Fondsprospekt zukommen liess, um ihn über die Risiken des Geschäfts aufzuklären: „Wenn mir jetzt gesagt wird, dass ich mit Unterzeichnung des Zeichnungsscheines bestätigt habe, einen Fondsprospekt erhalten zu haben, dann habe ich diesen Umstand damals nicht zur Kenntnis genommen.“ Er unterschreibe pro Tag rund zehn Postmappen mit Unterlagen. Sollte die Bank die Zustellung des Prospekts beweisen können, so dürfte Müller mit seiner Klage scheitern. Selbst wenn er mit seinem Begehren durchkommt, er sei als Verbraucher und nicht als professioneller Anleger zu behandeln und sein Fall sei deshalb in Deutschland und nicht in Basel oder Zürich zu verhandeln.

„Kann zu einem Totalverlust führen“

In dem „Private Placement Prospect“ von März 2011, welcher der „Handelszeitung“ vorliegt, heisst es nämlich klipp und klar, es könne keine Zusicherung gegeben werden, dass die Arbitragestrategie erfolgreich umgesetzt werden könne. „Erstattungsrisiken“ könnten dazu führen, dass sich die Auszahlungen extrem verzögerten oder ausblieben. „Im Extremfall kann dies zu einem Totalverlust des (…) eingesetzten Kapitals führen.“ Die deutschen Steuerbehörden setzten die Rückerstattung der Verrechnungssteuern aus und brachten damit das Kartenhaus zum Einsturz. Das „Erstattungsrisiko“ war eingetreten.

Die Genfer Connection

1MDB Malaysias Staatsfonds soll Milliarden veruntreut haben. Mutmassliche Schlüsselfigur ist ein schweizerisch-saudischer Geschäftsmann.

Ein Skandal erschüttert Malaysia. Die Landeswährung taucht, das Wirtschaftswachstum bricht ein, die politische Eliten zittern. Und dies alles wegen eines klammen Staatsfonds namens 1Malaysia Development Berhard (1MDB). Aus dem einstigen Volksvermögen ist nämlich ein Schuldenloch von 11 Milliarden Dollar entstanden. Was ursprünglich als Finanzvehikel für ausländische Investitionen in Malaysia gedacht war, wurde gemäss Medienberichten zum Honigtopf für die Entourage um den amtierenden Regierungschef Najib Razak. So sind rund 1,8 Milliarden Dollar aus dem Staatsfonds verschwunden. Misswirtschaft und Korruption haben das Vertrauen in die malaysischen Institutionen schwer erschüttert. Der einstige Tigerstaat wankt und sendet Schockwellen bis in die Schweiz.

Den Fall ins Rollen brachte nämlich der Schweizer Informant Xavier Justo, der jüngst in Thailand wegen Erpressungsversuch zu drei Jahren Gefängnis verurteilt wurde. Justo arbeitete bis 2011 in Genf für ein Ölunternehmen namens PetroSaudi International. Bei seinem Abgang im Zwist nahm er Geschäftsdaten im Umfang mehrerer Gigabytes mit, die nun unter anderem dem britischen Enthüllungsportal „Sarawak Report“ vorliegen. Justos damaliger Chef bei PetroSaudi International war der schweizerisch-saudische Geschäftsmann Tarek Essam Ahmad Obaid, der ebenfalls in der Rhonestadt domiziliert ist und bis heute die Erdöl- und Erdgasfirma führt.

Der Genfer Obaid gilt als eine Hauptfigur im 1MDB-Fall. Der 39-jährige Absolvent einer US-Eliteuni ist ein reicher und mächtiger Mann. Ihm werden beste Beziehungen zum saudischen Königshaus nachgesagt. Besonders innig ist das Verhältnis offenbar zum saudischen Prinzen Turki, der jahrelang den Geheimdienst im ölreichen Königreich leitete.

Aber auch hierzulande ist der eingebürgerte Obaid aktiv: Er und seine Familie haben rund ums Genferseebecken zahlreiche (Immobilien-)Firmen sowie eine wohltätige Stiftung am Start, die Esam & Dalal Obaid Foundation. Prominente Genfer Anwälte und Treuhänder dienen dem Schweiz-Saudi fürs Business am Arc lémanique. Obaids Einflussversuche reichen dabei bis nach Bundesbern, wie aus E-Mails hervorgeht, welche der „Handelszeitung“ zugespielt wurden.

Auch bei den hiesigen Vermögensverwaltern taucht der Name Tarek Obaid auf – ob sie nun UBS, Credit Suisse, BSI oder Morgan Stanley Schweiz heissen. Obaids Bankbeziehungen zu Schweizer Instituten stehen nun nämlich in Zusammenhang mit dem 1MDB-Skandal in der malaysischen Öffentlichkeit. So flossen offenbar auch Staatsfonds-Gelder auf hiesige Konti.

Fremde Ölfelder

Seinen Anfang nahm der Fall des malaysischen Staatsfonds im Herbst 2009. Damals gingen PetroSaudi und 1MDB ein Joint Venture ein. Dazu stattete der malaysische Staatsfonds die gemeinsame Gesellschaft mit einem Startkapital in der Höhe von 1 Milliarde Dollar aus. Im Gegenzug hätte sich das Joint Venture an Ölfeldern in Turkmenistan und Argentinien beteiligen sollen. Doch der Partner PetroSaudi besass die Ölfelder offenbar gar nie und konnte sie dem zu Die folge auch gar nicht in das Joint Venture einbringen. Dies berichten Medien wie „The Edge Financial Daily“ und „Sarawak Report“ übereinstimmend

Vielmehr flossen von der einbezahlten 1MDB-Milliarde direkt 700 Millionen Dollar in ein Offshore-Vehikel namens Good Star Limited auf den Seychellen, dessen mutmasslich Endbegünstigter der amtierende malaysische Regierungschef Najib Razak war. Das Konto der Good Star führte die damalige RBS Coutts in Zürich, die inzwischen von der Genfer UBP übernommen wurde.

Die Basler Nichtregierungsorganisation Bruno Manser Fonds (BMF) hat Ende 2014 gegen diverse Personen und (Finanz-)Firmen bei der Bundesanwaltschaft (BA) Strafanzeige wegen Geldwäscherei eingereicht. Nachdem die Bundesanwaltschaft die Strafanzeige nicht anhandnahm, hat BMF die Anzeige ergänzt, auf weitere Personen ausgedehnt und Anfang Juli erneut bei der BA deponiert. Die Strafanzeige umfasst auch PetroSaudi-International-Chef Tarek Obaid. Ein PetroSaudi-Sprecher bezeichnet die Anzeige als politsch motiviert. Die Bundesanwaltschaft bestätigt deren Eingang. „Die Strafanzeige wird zurzeit sorgfältig geprüft“, sagt BA-Sprecherin Natalie Guth.

Almamlaka bei romandie.com

Nach der 700-Millionen-Dollar-Transaktion auf das Offshore-Konto bei der Zürcher RBS Coutts erhielt der Schweiz-Saudi von Good Star eine Maklergebühr in der Höhe von 85 Millionen Dollar (siehe Ausriss), „für zukünftige Investments aus dem Mittleren Osten, insbesondere Saudi-Arabien, nach Malaysia“. Der Deal mutet seltsam an und schürt einen „Kickback“-Verdacht, weil Obaid ja PetroSaudi-Manager ist. Weshalb sollte eine 100-Prozent-Tochter, die zum Konzern gehört, einem eigenen Manager eine Maklergebühr zahlen?

Ein Sprecher von PetroSaudi sagt, es handle sich um eine übliche IntraCompany-Transaktion, und betont: „Herr Obaid hat nie Geld von 1MDB erhalten. Sämtliche Anschuldigungen eines Fehlverhaltens im Rahmen des Joint Venture zwischen PetroSaudi und 1MDB sind falsch.“ Das von 1MDB investierte Kapital ins Joint Venture sei 2012 mit „Gewinn“ zurückbezahlt worden. Dies könne man in den geprüften Bilanzen der 1MDB nachlesen.

Die inzwischen von der Regierung verbotene malaysische Finanzzeitung „The Edge Financial Daily“ hat die Zahlungsströme im Detail nachgezeichnet und hernach die Ergebnisse den malaysischen Untersuchungsbehörden überstellt. So erhielt der Petro-Saudi-International-Chef insgesamt 240 Millionen Dollar aus dem 1MDB-Topf, schreibt „The Edge“. Geld, das auf verschiedene Konten und Köpfe verteilt wurde, darunter auch auf den saudischen Prinzen Turki. Obaid selbst hatte gemäss der malaysischen Wirtschaftszeitung Konten, die auf den eigenen Namen lauteten, bei Morgan Stanley Schweiz, UBS Genf und Credit Suisse Zürich.

Tobias Lux, Sprecher der Eidgenössischen Finanzmarktaufsicht Finma, macht keine Angaben zu involvierten Instituten. Man stehe aber in dieser Sache mit verschiedenen Schweizer Banken in Kontakt. „Wir klären im Rahmen unserer Aufsichtstätigkeit ab, ob und inwiefern die Banken involviert sind“, so der Finma-Sprecher. Millionen aus der 1MDB-Transaktion flossen gemäss „The Edge“ offenbar auch in eine Offshore-Gesellschaft namens Almamlaka Limited, die auf den British Virgin Islands domiziliert ist. Kontoführende Bank war das Tessiner Institut BSI.

Der Almamlaka Limited kommt eine besondere Rolle zu, insofern als dass die Offshore-Gesellschaft einen Einblick gewährt in die Schweiz-Geschäfte des Tarek Obaid. Denn sein Investmentvehikel auf den British Virgin Islands hält einen 6-Prozent-Anteil an der welschen Internetmedien- und Online-Vermarktungs-Gruppe Virtual Network SA. Einer Gesellschaft, an der auch der Zürcher Medienkonzern Tamedia beteiligt ist und welche die Newsplattform romandie.com betreibt.

Lobby-Arbeit in Bern

Der Co-Gründer von Virtual Network, Stéphane Pictet, bezeichnet Tarek Obaid als „guten Freund und Investor“. Die Männerfreundschaft zwischen Obaid und Pictet ging gemäss der „Handelszeitung“ vorliegenden E-Mail-Protokollen so weit, dass der welsche Internetunternehmer dem Schweiz-Saudi seinen Bruder als Kontakt vermittelte. Es handelt sich um Ivan Pictet, den Grandseigneur der Genfer Privatbankiers und ehemaligen Partner des gleichnamigen Vermögensverwalters.

Damals, Anfang 2011, schmolz nämlich das über Jahrzehnte gehütete Schweizer Bankgeheimnis dahin wie „Schoggi“ in der Sonne. Der Bundesrat drängte auf die rasche Durchsetzung der OECD-Standards und schickte das neue Steueramtshilfegesetz in die Vernehmlassung. Die sich abzeichnende Steuerregularisierung der Vermögen in der Schweiz schreckte die Saudis auf. Das Königreich sah seine Assets in Gefahr. Wie diversen E-Mails zu entnehmen ist, versuchte Obaid deswegen, in Bundesbern an geeigneter Stelle zu lobbyieren. Ein PetroSaudi-Sprecher sagt dazu, die Firma versuche stets aus Geschäftsinteressen, kompetente Personen zu kontaktieren. „Lobbying ist gängige Praxis für globale Unternehmen, besonders in der Schweiz.“

Im Zuge der Lobby-Offensive kam es zu einem elektronischen Schriftwechsel zwischen Obaid und Pictet, denn der Bankier war bereits in der Bankgeheimnis-Debatte engagiert. So war Pictet offenbar daran, dem Bundesrat einen geharnischten Brief in der Angelegenheit zu schreiben. Später regte Pictet gemäss E-Mail-Verkehr auch ein persönliches Treffen mit Obaid an. Ob es dazu kam, bleibt offen. Man beantworte keine Fragen zu „möglichen, bestehenden, zukünftigen oder früheren Kundenbeziehungen“, sagt ein Pictet-Sprecher.

Obaid suchte indes nicht nur im Genfer Privatbanken-Milieu politische Verbündete. Er klopfte auch bei der UBS an. Als Wealth-Management-Kunde konnte der Schweiz-Saudi dabei auf Hilfe aus höchster Stelle der Grossbank zählen. So schrieb ihm ein Bankberater per E-Mail, er habe die Angelegenheit mit dem damaligen UBS-Präsidenten Kaspar Villiger besprochen. Villiger werde rasch den Kontakt mit den Schweizer Behörden suchen und dieses Problem mit aller Kraft lösen. Schliesslich sei der UBS-Präsident zweimal Bundespräsident gewesen, acht Jahre Finanz- und sieben Jahre Verteidigungsminister und kenne die „Mühlen der Politik“. Die UBS äusserte sich bis Redaktionsschluss nicht zur Bankbeziehung mit Obaid.

Ex-Sunrise-Chef Steil macht in Kinderwagen

Oliver Steil Er führte mit Sunrise den zweitgrössten Telekomkonzern der Schweiz. Nun zieht der Top-Manager Oliver Steil einen anderen Karren – genauer gesagt einen «Doppelkinderwagen für outdoor». Der 43-jährige Ex-McKinsey-Mann betreibt nämlich zusammen mit seiner Frau Tanja Ripperger am Wohnsitz der Familie in der schwyzerischen Steueroase Wollerau ein junges Unternehmen namens YippieYo. Das Startup lässt sogenannte Crossbuggys in der Schweiz und in Deutschland nach ökologischen und sozialen Kriterien fertigen, mit denen Eltern ihre Kleinen auch abseits der asphaltierten Wege problemlos ziehen können.

Steils Crossbuggys – quasi die SUV unter den Kinderwagen – erinnern an eine aufgemotzte Variante eines Leiterwagens. Das YippieYo-Edelgefährt mit Fünfpunktgurt, Scheibenrädern und Bremshebel Marke Magura schlägt dabei mit mindestens 800 Franken zu Buche. Dafür wurde es von der Familie des Ex-Sunrise-Kadermanns höchstpersönlich entwickelt und getestet. Die Idee für das Kindertransport-SUV kam Steil übrigens beim Wandern mit seinen Söhnen Finn und Yannick. Die drei standen vor einem Berg und fragten sich: Wie kommen wir da rauf? Die Lösung: Mit einer selbst entwickelten Kinderkutsche. Steil trat Anfang 2013 bei Sunrise ab, nachdem das Telekomunternehmen die selbst gesteckten Ziele nicht erreicht hatte.