UBS und Co. riskieren ihren Ruf

Staatsfonds Nun hat es auch die UBS erwischt. Die grösste Schweizer Bank soll Milliarden Dollar dubioser 1MDB-Gelder verschoben haben. Es ist die jüngste Hiobsbotschaft im Korruptionssumpf rund um den malaysischen Staatsfond, dessen illustres Personal zahlreiche Schweizer Institute bereitwillig hofierten. Die Komplizenschaft des Swiss Banking im 1MDB-Skandal ist keine Petitesse, die Klientelwirtschaft in Kuala Lumpur kein Einzelfall. Vielmehr bergen die über 30 Staatsfonds, in denen zusammen mehr als 7 Billionen Dollar stecken, für Banken beträchtliche Sorgfaltrisiken.

Seit den Nullerjahren ist die Zahl an Sovereign Wealth Funds (SWF) stark angewachsen. Nährboden für die staatlichen Investment-Kollosse – zumeist in Asien, dem Mittleren Osten und Afrika angesiedelt – waren und sind die Rohstoff-Bonanza beziehungsweise die daraus resultierenden Exportüberschüsse der jeweiligen Volkswirtschaften.

Staatliches Finanzvehikel gegen den Rohstoff-Fluch

Die SWF sollen den Ländern als Puffer dienen, um die einseitig ausgerichteten Volkswirtschaften gegen Rohstoff-Fluch und Schweine-Zyklen auf dem Weltmarkt zu schützen. Nachfolgenden Generationen soll der aus den Überschüssen gespiesene Kapitalstock den Wohlstand sichern. Und mit Direktinvestments, zum Beispiel in die Infrastruktur, hat der SWF in vielen emerging markets eine zentrale Rolle, die eigene Wirtschaftsbasis zu verbreitern und zu diversifizieren.

Was also auf dem Papier durchaus Sinn ergibt, ist im Realitäts-Check notorisch anfällig für Korruption und Zweckentfremdung. Der Staatsfond als Honigtopf ist oft zu verlockend. Schliesslich sind in Kleptokratien die chinesischen Mauern zwischen Regierung und SWF marode. Ob Malaysia, Libyen oder China – in den letzten Jahren gab es zahlreiche Fälle von Vetternwirtschaft und Missmanagement bei SWF. Mittendrin waren stets internationale Banken, welche sich als Asset Manager und Dealmaker andienten. Schliesslich locken grosse Volumina und satte Gebühreneinnahmen. Dieses Milliardengeschäft lassen sich auch Schweizer Institute nicht entgehen: Wer weiss schon, dass die UBS für den Staatsfonds im fernen Aserbaidschan das milliardenschwere Aktienportfolio verwaltet? Oder dass in Zug der verschwiegene Asset Manager des angolanischen Staatsfonds sitzt?

Saubere Transaktionen von illegitimen Geldflüssen unterscheiden

Diese Finanzgeschäfte mit dem SWF mögen durchaus legitim sein, doch die Regimes in vielen Schwellenländern sind es definitiv nicht. Dem Klientelismus kann sich auch das Swiss Banking nicht entziehen, wie der 1MDB-Fall gezeigt hat: Saubere Transaktion von illegitimen Geldflüssen zu unterscheiden, wird zum Vabanque-Spiel.

Es ist deshalb mehr als Warnung denn als Hinweis zu verstehen, wenn Finma-Chef Mark Branson sagt, mit dem stark wachsenden Business in Schwellenländern hätten die Geldwäschereirisiken massiv zugenommen. UBS und Co. riskieren im Geschäft mit SWF ihren Ruf.

Am Scheideweg

Bankiervereinigung Auf Präsident Herbert Scheidt wartet eine Herkulesaufgabe. Er muss den Bankverband aus der Misere führen.

Die Erlebniswelt am Zürcher Paradeplatz, so der Slogan der Eventhalle Aura, wird für einen Nachmittag lang zum Epizentrum des Swiss Banking. Am 15. September wählt im Aura die Generalversammlung der Schweizerischen Bankiervereinigung SBVg ihren neuen Präsidenten. Dies, nachdem Amtsinhaber Patrick Odier im Frühjahr nach sieben Jahren seinen Rücktritt bekannt gegeben hat.

Die präsidiale Stabsübergabe am Bankiertag wird eine reine Formalie sein. Der Neue, Vontobel-Präsident Herbert Scheidt, ist nämlich bereits diese Woche vom Verwaltungsrat der SBVg als Nachfolger Odiers bestimmt worden. An einer eilends einberufenen Telefonkonferenz hat die dreiköpfige Findungskomission um Credit-Suisse-Präsident Urs Rohner, ZKB-Chef Martin Scholl und den Genfer Bankier Yves Mirabaud den amtierenden Vontobel-Präsidenten Scheidt als Einervorschlag portiert.

Der Wahl des deutsch-schweizerischen Doppelbürgers ging eine äusserst zähe Kandidatenkür voraus. So verstrich ein erster VR-Termin zur Präsidentenwahl Ende Juni ergebnislos. Spekulationen schossen hernach ins Kraut. Unzählige Kandidaten wurden in der Öffentlichkeit herumgeboten.

Nicht zuletzt, weil das Profil der Anforderung an den neuen Bankierpräsidenten einer Quadratur des Kreises gleich kommt. Zumindest, wenn man mit SBVg-Verwaltungsräten aus den verschiedenen Bankdisziplinen spricht.

Führungsstark müsse der Neue sein, international vernetzt, politisch versiert, in allen Finanzdisziplinen beschlagen, mit diplomatischem Fingerspitzengefühl und erst noch von allen Subbranchen mit ihren jeweiligen Partikulärinteressen akzeptiert. Und als wäre dieses Pflichtenheft nicht schon lang genug, muss sich der SBVg-Präsident gleichsam finanziell frugal wie zeitlich flexibel zeigen.

Präsident der Bankierveinigung zu sein, muss man sich leisten können, sagt ein involvierter Banker. Denn das Präsidium ist ein Pro-Bono-Ehrenamt, und dazu noch ein äusserst zeitintensives. Der bisherige Präsident Odier dürfte bis zu 70 Prozent seiner Zeit für die Vereinigung aufgewendet haben. Das ging nur, weil Odier schwerreich ist und die Bank Lombard Odier im Teilhaber-Modell geführt wird.

Internationales Netzwerk

Finanzielle Sorgen dürften auch den neuen Präsidenten Scheidt keine plagen. Als Spross traditionsreicher Textilfabrikanten ist Scheidt in Essen im deutschen Ruhrpott ein kleiner Immobilienkönig. Seine Familie besitzt grosse ehemalige Betriebsflächen an besten Lagen, die nun renditeträchtig umgenutzt werden.

Zugleich pflegt der begüterte Banker Kontakte zu höchsten bundesdeutschen Kreisen. Scheidt sitzt im Thinktank Gesellschaft für Auswärtige Politik (DGAP). Der ehemalige Uno-Ökonom ist somit stets auf Tuchfühlung mit den Reichen und Mächtigen der Berliner Republik. Kein Wunder, gilt der ehemalige Bundesbank-Präsident und amtierende UBS-Präsident Axel Weber als Fürsprecher Scheidts für das Bankieramt.

Das internationale Netzwerk des vielsprachigen Vontobel-Privatbankers dürfte aber auch hilfreich sein, wenn es um Fragen des grenzüberschreitenden Finanzgeschäfts geht. Schliesslich entzweit das Verhältnis zur EU die Bankiervereinigung. Auf der einen Seite stehen die inländischen Retailer, auf der anderen die exportorientierten Vermögensbanken. Es geht um den europäischen Marktzutritt: Was den Inländern ziemlich egal ist, wird für kleinere Vermögensbanken zusehends zur Überlebensfrage. Äquivalenz beziehungsweise ein angestrebtes Finanzdienstleistungsabkommen polarisiert massiv, sagt ein SBVg-Mitglied.

Es wird nun eine der Aufgaben Scheidts sein, die Wogen zu glätten und die Reihen im SBVg wieder zu schliessen. Auch, um an politischer Schlagkraft zu gewinnen. Wir brauchen einen Brückenbauer nach Bern und Brüssel. Das ist kein Amt für Honoratioren, sondern ein Knochenjob, sagt ein Exponent des Finanzplatzes. Scheidt müsse sich deshalb aktiv in die Debatten einmischen und zugleich das Spiel mit der Öffentlichkeit beherrschen.

Schliesslich ist das Rückzugsgefecht nach der Finanzkrise vorüber, das Timing für einen Neuanfang perfekt. Denn die Schwarzgeld-Sünden sind mehrheitlich abgegolten. Die Post-Bankgeheimnis-Ära ist regulatorisch aufgegleist, das neue Zins- und Währungsumfeld fast verdaut.

Der neue Präsident kann also ohne viele Altlasten den Blick nach vorn richten. Wichtig sei es nun, den regulatorischen Prozess zu antizipieren und zugleich eigene Projekte zu lancieren, sagt ein Politlobbyist: Die Bankiervereinigung muss dazu wieder mit geeinter Stimme auftreten.

Verbindende Klammer fehlt

Allerdings ist es fraglich, ob Scheidt das Rad zurückdrehen kann. Denn das Bankgeheimnis als branchenübergreifende Klammer ist Makulatur. Und im Nachgang zur Finanzkrise haben sich die gemeinsamen Interessen vaporisiert: Jeder kämpft gegen jeden. Gleichsam sinnbildlich hierfür sind die beiden Grossbanken, die UBS und die CS. Die Finanzkonzerne halten sich eigene, millionenschwere Interessenvertreter wie den Brüsseler Lobbyarm Swiss Finance Council. Die SBVg als Branchestimme ist für die Bankkolosse nur noch ein Nebenschauplatz.

Die Bankiervereinigung muss sich deshalb öffnen und eine neue Klientel erschliessen. Doch obScheidt – ein Privatbanker alter Schule – der richtige Präsident ist, um die aufblühende Fintech-Szene zu umgarnen, bleibt offen, zumal das SBVg-Präsidium nur ein Mandat für den gelernten Handelskaufmann von vielen ist. So sitzt Vontobel-Mann Scheidt auch im Verwaltungsrat des Nahrungsmittel-Herstellers Hero, beim Versicherer Helvetia und dem Finanzdienstleister SIX.

Angesichts dieses vollen Pensums wird entscheidend sein, wen Präsident Scheidt zum operativen Chef macht. Der bisherige, der welsche Jurist Claude-Alain Margelisch, ist seit sechs Jahren im Amt und gilt in weiten Kreisen als farb- und profillos.

Brexit oder das EU-Einfallstor schliesst sich

Brexit Alexis P. Lautenberg ist Cheflobbyist der Schweizer Grossbanken – UBS und Credit Suisse – bei der Europäischen Union und zugleich Präsident der britisch-schweizerischen Handelskammer. Der Ex-Diplomat kennt die Politmechanik in Brüssel und Britannien aus dem Effeff. Lautenberg glaubt nicht, dass der Finanzplatz London kurzfristig einen Exodus an Schweizer Banken erleben wird. Aber, so Lautenberg: Viele Institute nehmen den Brexit zum Anlass, ihre eigene Präsenz in Europa zu überdenken. Denn London als Einfallstor in die EU schliesst sich mit dem Brexit teilweise oder ganz. Die Banken wälzten seit geraumer Zeit Szenarien, sagt Günther Dobrauz, Experte für Finanzmarktregulierung bei PwC: Aufgewacht sind die Institute mit dem Referendum über den Austritt Schottlands aus Grossbritannien.

So hat beispielsweise die UK-Tochter der Credit Suisse, die in London gut 6000 Beschäftigte zählt, seit vergan genem Jahr eine Brexit Working Group eingerichtet. Diese versuche, die möglichen operationellen Auswirkungen für die CS-Geschäfte im Vereinigten Königreich und in der Europäischen Union abzumildern, schreibt die Grossbank in einer Stellungnahme. Auch für Konkurrentin UBS ist London mit gut 5500 Beschäftigten ein wichtiger Finanz-Hub. Über die Tochter UBS Limited steuert die Grossbank von der City aus ihren Investment-Banking-Arm unter Führung von IB-Chef Andrea Orcel. Im vergangenem Jahr generierte die UBS Limited ein operatives Ergebnis von 727 Millionen Pfund. Die britische Investment-Bank-Tochter dient dabei auch als Einfallstor in die Europäische Union mit eigenen Zweigstellen in Deutschland, Polen, Schweden und den Niederlanden. Erst Anfang dieses Jahres hat sich die UBS Limited auch die italienische Investment-Bank-Tochter einverleibt und in Mailand eine Filiale eröffnet.

Äquivalenz a gogo

Dieses EU-Filialnetz der britischen UBS Limited steht mit dem Brexit auf dem Prüfstand, denn das Vereinigte Königreich könnte den Zugang zum EU-Finanzmarkt verlieren und müsste fortan auf eine äquivalente Anerkennung seitens Brüssel hoffen. PwC-Experte Dobrauz sieht grosse Rechtsunsicherheiten aufziehen: Es gibt EU-Vorschriften, die im britischen Recht umgesetzt wurden. Andere Vorschriften wie die Mifid-Regulierung entstammen direkt dem Mitgliedschaftsvertrag: Wenn der gekündigt wird, fällt man regulatorisch in ein schwarzes Loch. Umgekehrt bietet der Brexit aber auch Chancen, indem die Schweiz mit Grossbritannien – ohne institutionellen Ballast – ein Finanzdienstleistungsabkommen aushandeln kann. Wir könnten uns so den Briten stärker als der EU annähern, sagt Brüssel-Lobbyist Lautenberg.

Ueli der Banker

Finanzplatz Für Peter Guy sind die Schweizer Banken faktisch am Ende. Der Kolumnist der renommierten South China Morning Post sieht im unrühmlichen Ende der Tessiner BSI die letzte Zuckung eines moribunden Finanzplatzes: BSI markiere das Ende der Geschichte für die Schweizer Bankenindustrie, keift der Finanzjournalist in Hongkongs grösster englischsprachiger Tageszeitung.

Guys tendenziöser Tiefschlag ist symptomatisch für das schlechte Image des Swiss Banking in der Welt: Der hiesige Finanzplatz gilt nicht erst seit dem BSI-Skandal als Hort für Steuergauner, Geldwäscher und Ganoven aller Art. Dies, obwohl sich die Schweiz längst als Musterschülerin im Umgang mit schmutzigen Geldern sieht.

Die klaffende Lücke zwischen Wahrnehmung und Realität wollen Bundesbern und die Bankbranche im Ausland nun mit vereinten Kräften schliessen. Finanzminister Ueli Maurer erklärt dabei die Imagepolitur des Swiss Banking in der weiten Welt zur Chefsache. Wir verfolgen das Ziel einer stärkeren Förderung des Finanzplatzes im Ausland, sagt Beat Werder vom Staatssekretariat für internationale Finanzfragen (SIF). Die Schweiz habe in den letzten Jahren grosse Anstrengungen unternommen, um die internationalen Standards in der Geldwäschereibekämpfung und der Steuerkonformität zu erfüllen. Wir möchten das in Zukunft vermehrt im Ausland thematisieren.

Wie Maurer und das SIF konkret die regulatorischen Meriten im Ausland nun besser vermarkten wollen, soll im Herbst feststehen, wenn der Bundesrat die neue Finanzmarktstrategie präsentiert. Vorgesehen ist, dass die Auftritte von Ueli Maurer im Ausland als Plattform für die Banken dienen sollen, um für die Standortvorteile des Schweizer Finanzplatzes zu werben. Zugleich bereitet die Schweizerische Bankiervereinigung (SBVg) ein eigenes Programm vor. Wir entwickeln zurzeit verschiedene Konzepte, wie wir den Finanzplatz im Ausland vermarkten wollen, sagt SBVg-Sprecher Thomas Sutter.

Die Bankiervereinigung hat kürzlich Deloitte damit beauftragt, die Verbandsmitglieder zu befragen, welche Promotionsbedürfnisse im Ausland überhaupt bestehen. Dabei ist klar, dass die exportorientierten Vermögensbanken stärker von der internationalen Imagepolitur profitieren würden als Retail- oder Regionalbanken. Wer wie viel an die Promotion zahlt, ist im Verwaltungsrat der SBVg derzeit noch umstritten. Es gelte, Trittbrettfahrer zu vermeiden, sagt ein Involvierter.

Aussenposten zur Kontaktpflege

Pierin Vincenz gilt als Favorit fürs Präsidentenamt bei der Bankiervereinigung. Und der Helvetia- und Leonteq-Präsident hat bereits konkrete Ideen, wie sich die Finanzbranche im Ausland besser vermarkten könnte. Wir brauchen Aussenposten fürs Swiss Banking, zum Beispiel in Konkurrenzmärkten wie Singapur oder London. Es gehe darum, die physische Präsenz in wichtigen Regionen zu erhöhen, so der frühere Raiffeisen-Chef.

Gerade im asiatischen Raum sei die Kontakt- und Imagepflege essenziell. Die Bankenbranche und die Politik müssen gegenüber dem Ausland stärker als Einheit auftreten. Der Spitzenbanker denkt an gemeinsame Reisen und Auftritte: Der Bundesrat sei bislang im Rahmen von Wirtschaftsdelegationen zusammen mit Industrievertretern in Zielmärkte gereist. Solchen Delegationen sollten künftig auch vermehrt Spitzenvertreter des Finanzplatzes angehören. Dabei müsse man auf traditionelle Schweizer Stärken wie Rechtssicherheit, politische Stabilität und Geschäfts-Know-how setzen.

Der Zeitpunkt für eine Werbeoffensive ist gut. Die Einführung des Automatischen Informationsaustausches (AIA) steht vor der Tür. Sie markiert für Banken wie Politik eine Zäsur – und die Gelegenheit, aus dem Abwehrmodus herauszufinden. In den letzten Jahren hat man sich unter massivem Druck schrittweise an internationale Standards angepasst – und möchte sich nun auch im Ausland als Vorreiterin im Kampf gegen Geldwäscherei und Steuerbetrug präsentieren.

Bund als Marketingklammer

Das ist neu: Liess seine Vorgängerin Eveline Widmer-Schlumpf keine Gelegenheit aus, um Distanz zum Finanzplatz zu markieren, weht nun ein anderer Wind durch den Bernerhof. Bundesrat Maurer will die Imagepolitur im Ausland Hand in Hand mit den Banken angehen. Eine zentrale Rolle kommt dem Staatssekretariat für internationale Finanzfragen zu. Jahrelang hatte die Behörde alle Hände voll damit zu tun, die Steuerkonflikte mit den USA und der EU zu lösen. Jetzt sind die drängendsten Brandherde gelöscht. Und das Amt sucht nach einer neuen Raison d’être. Die Planung der Vermarktungsaktiväten als zusätzliche Aufgabe kommt den SIF-Beamten da gerade gelegen.

Zu koordinieren gibt es viel. Denn auch Präsenz Schweiz, die Imageagentur des Bundes, soll künftig für den Finanzplatz die Werbetrommel rühren. Präsenz-Schweiz-Chef Nicolas Bideau möchte nach eigenen Angaben die Botschaft eines wettbewerbs fähigen, attraktiven und gleichzeitig transparenten Finanzplatzes vermitteln. Diese Botschaft soll in die neue Strategie Landeskommunikation 2016 – 2020 einfliessen.

Die Bankiervereinigung hat derweil bereits erste Gespräche mit der Förderagentur Switzerland Global Enterprise (S-GE) aufgenommen. Schliesslich winkt ein globales Netzwerk an Aussenstellen. Neben Biotech, MEM oder ICT wäre es möglich, auch den Finanzsektor als Schwerpunktbranche in unser Mandat aufzunehmen, erklärt S-GE-Chef Daniel Küng. Man sei jederzeit offen, gemeinsam mit Bund und Kantonen an der Entwicklung einer entsprechenden Strategie mitzuarbeiten.

Wie der Staat erfolgreich den Bankenplatz fördert, das machen ausländische Konkurrenten vor. In Luxemburg betreiben Regierung und Banken gemeinsam eine Promotionsagentur für den Finanzplatz. In Singapur sind Finanzministerium, Aufsicht und Nationalbank gar unter einem Dach – und alle Einheiten verstehen sich als Vermarkter des eigenen Finanzplatzes. Auch wenn sich das Modell nicht telquel auf unsere föderalen Strukturen übertragen lässt: Im Grundsatz ist diese Zusammenarbeit zwischen Banken und Politik vorbildlich, sagt dazu der frühere Raiffeisen-Chef Vincenz.

Auch CVP-Ständerat Pirmin Bischof, zugleich Präsident der parlamentarischen Gruppe der Inlandbanken, ist voll des Lobes für den südostasiatischen Stadtstaat: Wir können von Singapur lernen. Nicht zuletzt, weil von der Bankenbranche kein homogenes Auftreten im Ausland zu erwarten sei, sei es zu begrüssen, wenn der Bund als Marketingklammer des Finanzplatzes auftrete. Dass Finanzminister Maurer mit Bankenvertretern und Finma-Chef Mark Branson auf Roadshow im Ausland auftrete, könnte er sich durchaus vorstellen.

Die Schweiz im Krimi-Plot

Nicht überall teilt man diesen Enthusiasmus. Der Expertengruppe um Professor Aymo Brunetti würden solche Massnahmen zu weit gehen. Sie empfiehlt in ihrem Bericht zur künftigen Finanzmarktstrategie zwar eine stärkere, prominentere Vermarktung des Finanzplatzes im Ausland. Die Imagepflege soll jedoch in erster Linie durch die Industrie wahrgenommen werden. Es widerspricht dem Wesen der Schweiz, Industriepolitik zu betreiben, sagt ein hochrangiges Mitglied der Expertengruppe. Die Stossrichtung des Bundes müsse sich darauf beschränken, gute Rahmenbedingungen zu schaffen – und darüber objektiv zu informieren. Das Ziel müsse sein, dass die Schweizer Banken in zehn Jahren nicht automatisch in jedem Krimi vorkommen, bei dem es um Geldwäscherei und Steuerbetrug gehe. Dazu brauche es aber mehr als ein paar Kampagnen.

Jordan muss jetzt Luft ablassen

Immobilienblase Mark Carney gilt als einer der besten Notenbanker der Welt. Er führte Kanada ohne Blessuren durch die Finanzkrise. Nun leitet Carney als Gouverneur die Bank of England – der erste Ausländer in der 322-jährigen Geschichte. Kürzlich nahm sich BoE-Chef Carney die Geschäftsbanken zur Brust. Er forderte in einem Thesenpapier strengere Vergabekriterien für gewisse Kategorien von Hypotheken, um das zunehmende Risiko von exzessiven Kreditverlusten einzudämmen. Der Grund für Carneys regulatorischen Eifer sind die Bankkredite zum buy to let, also die Immobilienfinanzierung zur Vermietung (BTL).

Jeder Zinsschritt droht den gehebelten Landlords die Luft abzuschnüren

In Grossbritannien grassiert BTL. Die Tiefstzinsen befeuern die Kreditvergabe. Die Liegenschaftspreise schiessen in die Höhe. Auf der Suche nach Rendite verschulden sich einfache Bürger für Zweitund Drittwohnungen bis unter die Dachkante und werden so zu hochgehebelten Landlords, denen jede Zinserhöhung die Luft abzuschnüren droht. Mittlerweile haben die BTL-Kredite das Vor-Finanzkrisenvolumen erreicht und wachsen munter weiter.

Wer jetzt meint, der Mahnfinger des Superbankers Carneys müsse die Schweiz nicht kümmern und BTL sei bloss ein britisches Problem, der sieht sich getäuscht. Mit Betongold zu spekulieren ist nämlich auch in der Schweiz zum Volkssport mutiert. Obwohl die meisten Geschäftsbanken keine BTL-Zahlen veröffentlichen, gehen Schätzungen davon aus, dass hierzulande bereits jede fünfte Eigentumswohnung der Kapitalanlage dient. Besondes bedenklich: Gerade ältere Semester sehen in BTL ein probates Mittel, ihre Altersvorsorge abzusichern.

Es ist ein Tanz auf dem Vulkan. Denn entgegen den Beschwichtigungen aus der Bank- und Baubranche ist von einer sanften Landung auf dem Wohnungsmarkt wenig zu spüren. So steigt der Immobilienblasenindex der UBS kontinuierlich weiter und erreicht mittlerweile Werte, die letztmals Ende der 1980er-Jahre gemessen wurden. Auch das Verhältnis von Hypotheken zum Bruttoinlandprodukt entspricht den damaligen Indikatoren. Also kurz vor dem Immo-Crash, der die Schweiz für ein Jahrzehnt in die Wachtumsanämie riss. Es ist deshalb höchste Zeit, dass die SNB um Präsident Thomas Jordan ihr Arsenal an makroprudentiellen Massnahmen aufrüstet – um der Blase die Luft abzulassen.

Gefragt sind Eingriffe, die das Wohnungs-Monopoly einschränken

Jordans bisherige Waffe – der lächerlich tiefe, antizyklische Kapitalpuffer – hat nämlich bloss homöopathische Wirkung entfaltet. Gefragt sind Eingriffe, die dem brandgefährlichen Wohnungs-Monopoly den Riegel schieben. Singapur macht es vor. Dort sinkt die zulässige Belehnungsquote drastisch für Zweit- und Drittwohnungen. Zugleich erhebt der Stadtstaat Steuern auf Immobilien, die innert weniger Jahre wieder veräussert werden. Aber auch die Banken werden ausgebremst, indem ihre Bilanz nur zu 35 Prozent aus Hypo-Krediten bestehen darf. Diese regulatorischen Eingriffe mögen drastisch sein. Aber die Folgen eines Immo-Crashs sind es auch.

Bankgeheimnis unter Artenschutz

Matter-Initiative Ein Gegenentwurf will den Status quo erhalten. Er hat gute Karten im Parlament. Trotz Widerstand der Banken.

Die Vernehmlassung zum Gegenentwurf der Matter-Initiative startet in wenigen Tagen. Es ist jene Initiative, die eigentlich Ja zum Schutz der Privatsphäre heisst und das Bankgeheimnis in der Verfassung festschreiben möchte. Dabei verursacht der Initiativtext aus dem Jahre 2013 aber dermassen viele Kollateralschäden in in- und ausländischen Steuersachen, dass selbst hartgesottene Bankgeheimnis-Befürworter ihre liebe Mühe haben mit einem Ja zum Schutz der Privatsphäre.

Deshalb liegt nun der direkte Gegenentwurf vor, den die Wirtschaftskommission des Nationalrates (WAK-N) seit Anfang Jahr ausgearbeitet hat. Der geistige Vater des Gegenentwurfs heisst Leo Müller. Die Grundidee ist, den Status quo auf Verfassungsebene festzuschreiben, sagt der Luzerner CVP-Nationalrat. Dies garantiere einen höheren Schutzgrad der finanziellen Privatsphäre. Gleichzeitig nimmt Müllers Vorlage der Ursprungsinitiative die fiskalpolitischen Spitzen, indem die Kompatibilität mit internationalen Normen gegen Geldwäscherei und Terrorismusfinanzierung ebenso wie der Informationsfluss gegenüber der Steuerbehörde in begründeten Verdachtsfällen unangetastet bleiben.

Rückzug ist durchaus denkbar

Mit Müllers direktem Gegenentwurf kann auch Thomas Matter leben. Der SVP-Nationalrat und Co-Präsident des Initiativkomitees findet den Vorschlag vernünftig und stellt in Aussicht: Wenn der Gegenvorschlag durch die beiden Räte kommt, dann überlegen wir uns, ob wir mit einer oder zwei Vorlagen in die Abstimmung gehen. Mit anderen Worten: Ein Rückzug der Initiative ist fürs Initiativkomitee, dem auch FDP-Präsidentin Petra Gössi und CVP-Präsident Gerhard Pfister angehören, durchaus denkbar. Denn der Gegenentwurf hat im bürgerlich dominierten Parlament gute Karten. Er wird eine Mehrheit finden aus SVP, FDP und Teilen der CVP, ist der Zürcher FDP-Nationalrat Hans-Peter Portmann überzeugt und sieht in der WAK-Vorlage den Königsweg.

Mit seiner Haltung weicht Bankenvertreter Portmann von der Mainstream-Branchenlinie ab. So hat die Schweizerische Bankiervereinigung (SBVg) bereits im April, als die WAK-N noch über der finalen Fassung des Gegenentwurfs brütete, klargemacht, dass man nicht nur die Matter-Initiative, sondern auch den direkten Gegenvorschlag ablehnt. Die Banken lehnen alle Vorschläge ab, die die Strafrisiken für sie und ihre Mitarbeitenden erhöhen, zu neuen Konfliktfeldern mit dem Ausland führen könnten und zusätzliche Kosten verursachen würden, erklärte die SBVg unter anderem im damaligen Statement.

Allerdings geht der jetzige Gegenvorschlag gar nicht über den steuerrechtlichen Status quo hinaus. Die Bankiervereinigung müsse deshalb nun Farbe bekennen, findet Initiant Matter: Lehnt sie den Gegenvorschlag ab, dann muss sie mit offenen Karten gegen das Bankgeheimnis und für den inländischen Informationsaustausch antreten. Und Matters Genfer Co-Präsident Christian Lüscher findet die SBVg-Position gar hilfreich in einem möglichen Abstimmungskampf: Dass die Bankenlobbyisten auch den Gegenvorschlag ablehnen, dürfte dessen Chancen bei einem möglichen Entscheid des Stimmbürgers noch erhöhen. Das Volk sei eher bankenkritisch eingestellt.

Überhaupt legen die gewichtigen Finanzplatzvertreter wie Gross- und Kantonalbanken in der Bankgeheimnis-Diskussion kein Herzblut mehr an den Tag. Es sei mittlerweile ein offenes Geheimnis, sagt Branchenvertreter Hans-Peter Portmann, dass die Banken aus operationellen und Risiko-Überlegungen einen automatischen Informationsaustausch im Inland vorziehen. Zugleich rechnet der Vize-Präsident des Zürcher Bankenverbands aber nicht damit, dass sich Branchenvertreter aktiv in einer Volksabstimmung gegen den Schutz der finanziellen Privatsphäre engagieren werden.

Unmut unter den Vermögensbanken

Dennoch zieht sich ein tiefer Graben durch die hiesige Bankenlandschaft: Den Gegenvorschlag avant la lettre abzulehnen, sorgt unter kleineren Privat- und Vermögensbanken für Unmut. Zwar will sich niemand öffentlich exponieren, aber die Haltung der Vereinigung Schweizerischer Privatbanken (VSPB) spricht Bände. Während der SBVg sowohl Initiative wie den Gegenvorschlag ablehnt, dürfte sich der VSPB – aller Voraussicht nach – gegenüber beiden Vorlagen neutral verhalten: Die Banken werden sich an das vom Souverän gewählte System halten, heisst es diplomatisch im Jahresbericht.

Viele Privatbankiers würden den Gegenentwurf eigentlich unterstützen, sagt ein involvierter Vermögensbanker. Dieser sei letztlich auch im Interesse seiner inländischen Kundschaft. Die Gross- und Kantonalbanken würden dagegen einzig aus opportunistischen Gründen das Bankgeheimnis kippen und den Inland-AIA bevorzugen: Sie möchten aus dem Haftungsrisiko herauskommen und kostspielige Doppelspurigkeiten abbauen: Der AIA im Ausland lässt sich telquel übernehmen. Ganz anders tönt es auf der Gegenseite. Ein Vertreter der Inlandbanken spricht von einem blamablen Rückzugsgefecht: Es gehe Privatbankern und externen Vermögensverwaltern bloss darum, das bestehende Schwarzgeld ihrer Kunden noch ein paar Jahre über die Zeit zu retten. Er erwartet, dass diese Kreise sich in einem möglichen Abstimmungskampf auch finanziell für die Initiative oder den Gegenvorschlag engagieren werden.

 

Der Blaue Riese und die Grundversorgung

Swisscom Von allen bundesnahen Betrieben wäre die Swisscom bei einer Annahme der Pro-Service-public-Vorlage wohl am stärksten betroffen. Als börsenkotiertes Unternehmen ist die Swisscom auf eine stabile und verlässliche Regulierung angewiesen. Die parlamentarische Umsetzung der Initiative bis zur Gesetzesreife dürfte jedoch mehrere Jahre in Anspruch nehmen und zu einer veritablen Deutungsschlacht ausarten. Der Swisscom stehen bei einem Ja zur Initiative also Jahre der Unsicherheit bevor. Entsprechend volatil dürfte sich der Aktienkurs entwickeln, bis Bundesbern ein mehr oder weniger weitreichendes Pro-Servicepublic-Gesetz verabschiedet.

Denn nimmt man den Initiativtext beim Wort, ist der Interpretationsspielraum enorm: Der Bund solle keine fiskalischen Interessen verfolgen, heisst es da im ersten Paragrafen. Etwas Verständnishilfe liefert die Webseite der Initianten: Die Gewinne der Swisscom sollen im Unternehmen bleiben und nicht mehr in die Bundeskasse fliessen. Damit müsste der Bund auf die jährliche Swisscom-Dividende verzichten, die gemäss Initianten eine verdeckte Steuer darstellt. Es geht um einen Betrag in der Höhe von über einer halben Milliarde Franken. Hinzu kommen Gewinnsteuern von etwa 400 Millionen Franken, welche die Swisscom an die öffentliche Hand abliefert und die zu rund einem Drittel in die Bundeskasse fliessen. Die Dividendenfrage betrifft allerdings nicht nur die Eidgenossenschaft, sondern auch die Minderheitsaktionäre der Swisscom. Sie stellen 49 Prozent des Aktienkapitals. Darunter befinden sich zahlreiche Institutionelle wie Schweizer Pensionskassen, die Volksvermögen vertreten.

Sollte nun das Pro-Service-public-Gesetz tatsächlich die Gewinnausschüttungen verbieten, wäre der Telekomkonzern im bestehenden Setup wohl nicht mehr kapitalmarktfähig. Die Szenarien sind in diesem Fall zahlreich: Die Swisscom könnte vollständig privatisiert werden, um sich dem Diktat der Initiative zu entziehen. Mit der Folge, dass der Ex-Monopolist wohl rasch zu einem attraktiven Übernahmeziel für ausländische Investoren würde.

Umgekehrt wäre auch eine vollständige Verstaatlichung denkbar. In diesem Fall müsste die Eidgenossenschaft die Minderheitsaktionäre mittels Prämie auskaufen. Bei einem aktuellen Firmenwert von über 25 Milliarden Franken wäre dies ein kostspieliges Unterfangen für den strapazierten Bundeshaushalt. Ein drittes, mögliches Szenario wäre es, die Grundversorgungsleistungen aus dem Telekomkonzern herauszulösen und in eine eigene Gesellschaft überzuführen. Allerdings ist die Abgrenzung des Service public zu den marktlichen Leistungen der Swisscom kaum zu machen. Nicht zuletzt, weil die Basistechnologien für Internet, Telefonie und Digitalfernsehen längst konvergiert sind. Buchhalterische Abgrenzungsprobleme sind vorprogrammiert.

So bleiben die Grundversorgung und ihre Definition schlicht eine Blackbox – sowohl im Initiativtext wie auch beim blauen Riesen selbst. Die Swisscom ist nämlich bis Ende 2017 als Konzessionärin für die Grundversorgungsdienste in der Schweiz verantwortlich. Sie hat der Bevölkerung in allen Landesteilen ein Mindestangebot zu offerieren. Es umfasst Festnetztelefonie, langsames Breitband-Internet, Fax, öffentliche Telefonzellen, Notrufe sowie Dienste für Behinderte. Ein Leistungsangebot, das ohne exorbitante Initialkosten so nur die Swisscom in der Schweiz überhaupt zu leisten imstande ist. Im Gegenzug lockt ein Restmonopol, nämlich bei 10 Prozent aller Schweizer Haushaltungen, bei denen keine Kabeltechnologie als Alternative verfügbar ist.

Falls diese Grundversorgung nun ungedeckte Kosten verursacht, kann die Konzessionärin auf einen Fernmeldedienst-Finanzfonds zurückgreifen. Er wird gespeist von allen Telekomanbietern, und zwar abhängig nach Umsatzanteil. Doch die Swisscom hat bislang keine finanzielle Abgeltung in Anspruch genommen. Ein mögliches Indiz dafür, dass der blaue Riese in der Grundversorgung – entgegen öffentlichen Bekundungen – Gewinn erwirtschaftet, welcher von der Pro-Service-public-Initiative erfasst wäre. Würde die Swisscom nämlich den oben genannten Finanzfonds anzapfen, müsste sie dem Bundesamt für Kommunikation von Gesetzes wegen jährlich alle für die Kostenevaluation und -kontrolle benötigten Informationen offenlegen. Der Telekomkonzern müsste also jene Kostentransparenz in der Grundversorgung herstellen, wie sie die Pro-Servicepublic-Initiative einfordert.

Swiss Banking liefert die Blaupause

Die wohl profundeste Kennerin des Schweizer Finanzplatzes sitzt an der Pennsylvania Avenue 950 in Washington. Es ist US-Justizministerin Loretta Lynch. Denn was das Department of Jus tice seit den Indiskretionen von UBS-Whistleblower Bradley Birkenfeld über Schweizer Banken und ihre Geschäfte ermittelt hat, ist schlicht umfassend. Die US-Justiz verfügt mittlerweile über intimste Kenntnisse praktisch aller Schweizer Institute. Sowohl die Mechanik der Beihilfe zur Steuerhinterziehung als auch die exakte Spur des Geldes ist in Washington en détail bekannt. Dieser Vorgang, dass ein fremder Staat einen Industriezweig einer befreundeten Nation mit den Mitteln der Strafverfolgung filetiert, ist historisch einmalig und rechtsstaatlich fragwürdig.

Banker wie Mittelsmänner wurden festgesetzt und weichgekocht

Dabei haben Lynchs Leute ein extraterritoriales Powerplay aufgezogen, wie es nur eine Supermacht kann: Auf Bradley B. und die Grossbanken folgten Offshore-Bänkler und Mittelsmänner als Bauernopfer. Nachdem diese festgesetzt und weichgekocht worden waren, zielte Washington – institutionalisiert und grossflächig – im US Tax Program for Swiss Banks auf den Finanzplatz in corpore. Aufmunitioniert war das Programm mit 54 000 US-Bürgern, die dem eigenen Staat ihre Steuersünden beichteten und dabei die eidgenössischen Finanzhelfer ans Messer lieferten. Inzwischen ist die Datenbasis dermassen erdrückend, dass die Banken nur noch um die Bussenhöhe feilschen. Wer dabei einen Kotau macht, hat eindeutig die besseren Karten.

Hinter vorgehaltener Hand verfluchen Schweizer Chefbanker zwar Washingtons Wildwestmethoden. Doch bei Lichte betrachtet könnte dem Swiss Banking das fiskalische Fegefeuer zum Vorteil gereichen. Denn was Zürich und Genf durchlitten, steht Offshore-Hubs wie Singapur, Cayman Islands, BVI oder Hongkong noch bevor. Wir schauen weit über die Schweiz hinaus, sagte kürzlich die oberste DOJ-Steuerjägerin, Caroline Ciraolo, und liess den Worten sogleich Taten folgen. Vor wenigen Wochen verdonnerte die US-Justiz zwei Cayman-Islands-Banken zu happigen Bussen. Es handelt sich um die ersten Strafen wegen Beihilfe zur Steuerhinterziehung, die nicht in der Schweiz domizilierte Banken betreffen. Weitere dürften folgen. Denn in den knapp zehn Jahren, in denen die US-Justiz Schweizer Offshore-Praktiken verfolgte, hat sich ein immenses Wissen angesammelt. Oder wie ein Anwalt es ausdrückt: Sie haben die Tools. Was nun folgt, ist Copy & Paste. Das Swiss Banking liefert die Blaupause für die Steuer-Vendetta à l’américaine.

Nach dem selben Muster geht die US-Justiz nun in Singapur vor

Das nächste Schlachtfeld ist bereits abgesteckt: Singapur. Die US-Fiskalbehörde IRS versuchte jüngst auf dem Rechtsweg die UBS zu zwingen, die Singapur-Konten eines US-Bürgers offenzulegen – und zwar gegen den Willen des UBS-Kunden und in Widerspruch zur geltenden Gesetzgebung in Singapur. Die Begründung der IRS ist so lapidar wie entlarvend: Die Interessen der USA würden jene von Singapur überwiegen. Die Supermacht kanns.

Showdown an der Pennsylvania Avenue

Steuerstreit Kategorie-1-Banken wie ZKB, BKB, Pictet oder HSBC Schweiz suchen seit Jahren eine Einigung mit der US-Justiz. Nun kommt Bewegung in die Sache.

Die Annahme, es handle sich um ein Fliessbandprogramm, sei falsch, sagt ein US-Anwalt, der anonym bleiben will. Der Rechtsvertreter war beteiligt, als Julius Bär diesen Februar mit den Staatsanwälten des Southern District of New York verglich. Die Zürcher Vermögensbank zahlte wegen Beihilfe zur Steuerhinterziehung 547 Millionen Dollar.

Bär ist erst das dritte Institut von gut einem Dutzend Schweizer Banken der Kategorie 1 (siehe Box), das mit der US-Justiz eine Einigung erzielen konnte. Die verbleibenden Banken – darunter Staatsinstitute wie die Basler und die Zürcher Kantonalbank sowie grosse Vermögensverwalter wie Pictet oder HSBC Schweiz – stehen seit Jahren im Visier der amerikanischen Strafverfolger.

Institute sind schlecht beraten

Ein Zustand, der hätte abgewendet werden können, meint Teig Lawrence. Die Institute sind schlecht beraten, findet der Steueranwalt aus dem Sonnenstaat Florida. Die Rechtsvertreter der Banken feilschten mit dem Department of Justice (DOJ), als gehe es um einen gewöhnlichen Privatdisput. Doch, so Lawrence, gebe es einen kapitalen Unterschied zwischen Firmenstreit und einer Auseinandersetzung mit der Staatsgewalt: Die US-Justiz hat unlimitierte Ressourcen. Ein Zermürbungskrieg nützt da herzlich wenig.

Immerhin dürfte nun – nach Abschluss der Kategorie-2-Banken Anfang Jahr – Bewegung in die festgefahrene Angelegenheit kommen. Ich erwarte, dass die übrigen Deals in diesem und im kommenden Jahr abgeschlossen werden, sagt ein in den Julius-Bär-Deal involvierter Anwalt.

Analysten hatten bei der Zürcher Vermögensbank mit einer Strafe von bis zu 1 Milliarde Dollar gerechnet. Die US-Justiz liess Milde walten, weil die börsenkotierte Vermögensverwalterin eng mit den Behörden kooperierte. Der grösste Faktor bei der Strafbemessung für die verbleibenden Banken ist die Qualität ihrer Kooperation, sagt der Insider. Doch gebe es grosse Verhaltensunterschiede – die einen Bankhäuser gingen beinahe proaktiv mit dem Department of Justice um und initiierten umgehend Audits durch externe Wirtschaftsprüfungsgesellschaften. Andere Institute igelten sich ein und hofften, das ganze Ausmass ihres Vergehens vertuschen zu können. Je offener und schneller die Bank ihre Taten eingesteht und sich reumütig zeigt, desto milder fällt die Strafe aus, so der Beteiligte.

Diese Einschätzung teilt auch der in Miami beheimatete Steueranwalt Lawrence: Je länger die Banken mit einem Abschluss warten würden beziehungsweise je intensiver die Strafverfolger an einem case arbeiten müssten, desto teurer würde es für das Institut. Denn sicher sei, so Lawrence: An Evidenz mangelt es nicht. Die US-Justiz sitzt auf einem Berg an Daten. Es gehe nur noch darum, die Puzzleteile zu einem Ganzen zusammenzufügen.

Dass dies kein leeres Säbelrasseln aus Washington ist, hat Caroline Ciraolo – stellvertretende US-Justizministerin und Leiterin der Steuerabteilung – jüngst dargelegt: Über 54 000 steuersäumige US-Bürger haben seit 2009 im Rahmen des Offshore Voluntary Disclosure Program offengelegt. Die Zahl der ausländischen Bankkonten, die den amerikanischen Behörden bekannt sind, hat sich zwischen 2008 und 2015 verdreifacht auf über 1,1 Millionen Konti. Diese Daten, zusammen mit den Informationen der Kategorie-2-Banken, helfen nun den US-Strafverfolgern, die verbleibenden Schweizer Institute in die Zange zu nehmen.

Dabei bestimmt nicht nur die Schwere der Verfehlungen das Strafmass, sondern auch die ermittelnde Staatsanwaltschaft. So gilt der Eastern District of Virginia, der gegen die CS ermittelte, als strenge Staatsanwaltschaft und dem Department of Justice nahestehend. Der Eastern District soll sich gemäss Insidern aktuell um Dossiers der Basler Kantonalbank und der HSBC Schweiz kümmern. Der Southern District of New York, der einst die UBS ins Visier nahm, agiert dagegen tendenziell vom DOJ unabhängiger. Er soll dem Vernehmen nach die Genfer Pictet betreuen. Dabei gilt die Faustregel: Wurden bereits Bankmitarbeiter von einer Staatsanwaltschaft angeklagt, führt diese auch das Ermittlungsdossier gegen das betroffene Institut.

Im Fall der Zürcher Kantonalbank wäre dies ebenfalls der Southern District. Die dortige Staatsanwaltschaft hat nämlich 2012 drei ZKB-Angestellte wegen Beihilfe zur Steuerhinterziehung angeklagt. Es geht um Vermögenswerte in der Höhe von 423 Millionen Dollar. Die drei Banker – darunter zwei aktive ZKB-Direktionsmitglieder – haben sich bislang dem Zugriff der US-Justiz entzogen. Vielleicht ein Fehler, wie das Beispiel Julius Bär zeigt: Deren Ex-Mitarbeiter – Daniela Casadei und Fabio Frazetto – stellten sich im Zuge des Vergleichs und erklärten sich für schuldig. Sie müssen nun mit Haftstrafen in der Höhe von fünf Jahren rechnen. Ihr Urteil steht für Mitte August an. Die kotierte Vermögensverwalterin ist seit Anfang Februar ihre US-Steueraltlasten los. Darauf hoffen auch die verbleibenden Banken der Kategorie 1, die eine individuelle Strafbemessung vorsieht. Sie sorgt für zusätzliche Unsicherheit. Bei den Kategorie-2-Banken lag die Bussenhöhe letztlich im Schnitt bei 2,73 Prozent der verwalteten US-Vermögen – mit Ausreissern nach unten und oben.

Verjährung kann ausgesetzt werden

Dass im kommenden Halbjahr etliche Deals abgeschlossen werden könnten, damit rechnet auch der US-Anwalt Jeff Neiman: Das DOJ kommt zunehmend in Zeitprobleme, die es zu pragmatischeren Lösungen zwingen, glaubt er – denn die Verjährungsfrist für Delikte dieser Art beträgt in den USA sechs Jahre. Die meisten aktenkundigen Fälle sind vor fünf und mehr Jahren geschehen, sodass die Frist knapp wird. Die Banken können mit den Staatsanwälten allerdings auch vertraglich vereinbaren, für die Dauer der Verhandlung die Verjährung auszusetzen.

Man werde zu angemessener Zeit über die Untersuchungen gegen die verbleibenden Kategorie-1-Banken informieren, sagte Tax-Division-Chefin Ciraolo kürzlich, um im gleichen Atemzug steuersäumige US-Bürger zu warnen. Wer jetzt noch undeklarierte Konten bei Kategorie-1-Banken habe, solle offenlegen. Bei einem Abschluss verdoppele sich nämlich die Bussenhöhe.

Kurzes Gastspiel

Kaum ein halbes Jahr liegt zwischen den beiden Aussagen. Doch sie könnten gegenteiliger nicht sein. Mitte September lobt Lonrho-Präsident Christopher M. Chambers den antretenden ChefRoland Decorvet öffentlich über den grünen Klee: Seine breite Erfahrung, internationales Geschäft aufzubauen, sei ein grossartiger Gewinn für Lonrho. Wir sind entzückt, Roland in seiner neuen Rolle begrüssen zu dürfen, frohlockt der Brite Chambers, welcher in der Schweiz bestens vernetzt ist dank zig Mandaten – unter anderem bei Jelmoli, Cembra, Swiss Prime Site, der Bank Berenberg und beim deutschen Privatier Georg von Opel.

Mitte April – nur wenige Monate nach der Eloge auf Decorvet – verkündet Multi-VR Chambers dann den totalen Meinungsumschwung in einem dürren, internen Memo. Roland wird per sofort vom Amt als CEO zurücktreten, heisst es da. Der Grund: Unterschiedliche Auffassungen zwischen Verwaltungsrat und Management, wie der Mischkonzern zu führen sei.

Decorvets Abgang geschieht in aller Stille. Der Name des früheren Chefs von Nestlé China wird einfach von der Lonrho-Webseite getilgt. Das Zerwürfnis kam wohl für alle Beteiligten plötzlich. So stellte Lonrho-Miteigner und Financier Rainer-Marc Frey der Handelszeitung noch vor wenigen Monaten ein Gespräch mit Neo-Chef Decorvet im Frühjahr in Aussicht, sobald dieser eingearbeitet ist und wir die Strategie bestätigt haben. Dazu sollte es nicht mehr kommen. Der Subsahara-Mischkonzern, der einige Tausend Mitarbeiter vor Ort beschäftigt und 2014 gut 260 Millionen Dollar Umsatz erwirtschaftete, steht wieder ohne operativen Chef da. Lonrho wird vorerst durch die bestehende Geschäftsleitung geführt.

Wichtige Investoren

Zu seinem denkbar kurzen Lonrho-Gastspiel will sich der im Kongo aufgewachsene Missionarssohn Decorvet nicht äussern. Aber der Top-Manager mit christlichen Wertvorstellungen und madagassischer Ehefrau weiss bereits, was er als Nächstes tun wird: Er habe entschieden, mit seiner Familie in Südafrika zu bleiben, weil er an das Potenzial des Schwarzen Kontinents glaube. Ich werde meine eigene Beteiligungsfirma gründen mit einigen wichtigen Investoren, lässt er per E-Mail aus Äthiopien ausrichten. Ein Mix aus Nestlé und der Wohltätigkeitsorganisation Mercy Ships soll es sein. Decorvets Neugründung will nämlich in die nachhaltige Beschaffung und Herstellung von landwirtschaftlichen Basisgütern einsteigen.

Es ist just eines jener Geschäftsfelder, das Decorvet auch als Lonrho-Chef forcieren wollte. Wir schauen uns Fabriken an, um Lebensmittel zu verarbeiten, sowohl für den lokalen Markt wie auch für den Export, sagte er noch Anfang des Jahres einem lokalen Medium in Simbabwe. Man werde dazu in den nächsten Monaten klare Ansagen machen. Allerdings war der ehemalige Food-Manager zu diesem Zeitpunkt schon in Rücklage. Decorvet sah sich in seiner Rolle als Lonrho-Chef beschnitten, berichten Insider. Es ist die Rede von fehlenden Kompetenzen und einem Micro Management von ganz oben.

Indirekt bestätigt Lonrho den Sachverhalt, indem Investmentchef Reto Suter von unterschiedlichen Auffassungen über die Unternehmensführung zwischen dem VR und Decorvet spricht: Der Verwaltungsrat verfolgt ein eigentümerzentriertes Modell, mit einem starken und aktiven Verwaltungsrat als Vertreter der Eigentümer, wie es in Private-Equity-Situationen die Regel ist.

Allerdings lasten Insider dem unternehmerischen Verwaltungsrat mangelnde Kenntnisse über das operative Geschäft in Subsahara-Afrika an. Auch knapp drei Jahre nach der Übernahme von Lonrho durch den Baselbieter Financier und Ex-UBS-VR Rainer-Marc Frey und dem Holcim-Erben Thomas Schmidheiny kämpfe Lonrho mit Altlasten.

Von Krokodilen und Traktoren

Trotz umfangreicher Devestitionen (zum Beispiel Hotel, Gartenbau, Airline) hat der Konzern Züge eines Gemischtwarenladens. Vom Krokodiltransport per Luftlogistik nach Dänemark über den äquatorialguineischen Freihafen für die Ölindustrie bis hin zum John-Deere-Traktoren-Vertrieb in Mosambik tanzt Lonrho auf vielen Hochzeiten. Zu vielen, monieren Beobachter, während Konzernmann Suter betont, man strebe eine Diversifikation der Gruppe nach Ländern und Industrien an. So hat Lonrho mehrere Standbeine mit der Hafeninfrastruktur, den Geschäften entlang der Lebensmittel-Versorgungskette und den IT- und Investitionsgüter-Händlern.

Schwaches Wachstum in Afrika

Allerdings ist es mit der Risikostreuung nicht weit her, wenn praktisch alle Lonrho-Zielmärkte – von Ghana über Angola und Mosambik bis Südafrika – sich in einem konjunkturellen Abwärtsstrudel befinden. Der Internationale Währungsfonds IWF erklärte jüngst, das Wachstum in Subsahara-Afrika sei so schwach wie seit 15 Jahren nicht mehr. Es liegt in vielen Staaten bereits unter dem Bevölkerungswachstum. Insbesondere Ölförderländer wie Angola oder Basismetall-Exporteure wie Mosambik sind stark vom Abschwung betroffen. Nicht verwunderlich angesichts rekordtiefer Rohstoffpreise. Lonrho-Investmentchef Suter, der ein enger und langjähriger Weggefährte von Miteigner Rainer-Marc Frey ist, meint dazu knapp: Der aktuelle Ölpreis führt in der Tat zu Herausforderungen in einzelnen Ländern und Industrien.

Beispielsweise im westafrikanischen Ghana, wo Lonrho einen Freihandelshafen entwickelt, der nächstes Jahr in Betrieb gehen soll. Über den Atuabo Freeport soll künftig das Öl- und Gasgeschäft aus dem Golf von Guinea abgewickelt werden. Es geht um ein Investitionsvolumen in der Höhe von 600 Millionen Dollar. Die ghanaische Regierung unterstützt das Investitionsvorhaben nach Kräften und garantiert Lonrho 25 Jahre Exklusivität und Steuererlass. Doch auch im einstigen Vorzeigeland Westafrikas wachsen die Bäume nicht mehr in den Himmel. Notorische Misswirtschaft und die wachsende Abhängigkeit von Rohstoffexporten haben das Wachstum beim Pro-Kopf-Einkommen verlangsamt. Es ist auf den tiefsten Stand des vergangenen Jahrzehnts gefallen.

Diese und andere Schwierigkeiten Lonrhos in Subsahara-Afrika dürften nun auch vermehrt die reichste Frau Deutschlands kümmern. Über ihre Beteiligungsgesellschaft Skion hält die BMW-Erbin Susanne Klatten seit letztem Jahr rund 50 Millionen Lonrho-Aktien. Nun hat sie einen Vertreter – ihren Head of Family Office – in den Lonrho-VR entsandt. Mit der Zuwahl von Johannes Fritz sind nun die drei grössten Aktionärsgruppen im VR vertreten, erklärt Lonrho-Investmentchef Reto Suter den Neuzugang.