Schleichende Abwanderung

Privatbanken Hört man sich dieser Tage unter Privatbankern um, dann ist das Verhältnis zur EU das heisse Thema. Kein Wunder, denn unsere europäischen Nachbarn sind Stammkunden fürs Offshore-Banking. Ihre Vermögen bilden den Hauptharst der in der Schweiz verwalteten Assets von Ausländern. Doch das Kerngeschäft des Swiss Bankings ist in Gefahr. Zahlreiche Länder in der EU schieben Crossborder-Aktivitäten den Riegel vor. So ist das aktive Anwerben neuer EU-Kunden aus der Schweiz heraus unmöglich geworden. Auch das grenzüberschreitende Geschäft mit bestehenden Kunden gleicht einem Gang durchs juristische Minenfeld. Selbst in Deutschland, wo aktives Anwerben für Banker aus der Schweiz wieder möglich ist. Doch die Auflagen sind derart hoch, dass sich das Crossborder-Business nicht mehr rechnet. Rasch über die Grenze fahren, um den vermögenden Zahnarzt in Sindelfingen zum Anlagegespräch zu treffen – das war einmal.

Die exportorientierten Bankiers stimmen mit ihren Füssen ab

Weil dem so ist und weil sich aufgrund der politischen Grosswetterlage – Stichwort: Umsetzung der Masseneinwanderungsinitiative – kein Tauwetter mit der EU abzeichnet, stimmen die Banker nun mit den Füssen ab. Grosse, exportorientierte Vermögensverwalter stärken ihre physische Präsenz in der EU. Jüngste Beispiele? Pictet-Kunden können in Grossbritannien ihr Vermögen buchen. Vontobel tritt in den italienischen Markt ein. Julius Bär kauft eine Luxemburger Bank. Mirabaud liebäugelt mit einer Filiale in der Londoner City. Und UBP arbeitet an mehreren Euro-Dépandancen unter Luxemburger Lizenz. Es scheint einzutreten, was die Expertengruppe Brunetti vor zwei Jahren skizziert hat: Schwierigkeiten beim Marktzugang würden Investitionsentscheide zulasten der Schweiz beeinflussen, womit auch eine erhebliche Anzahl Arbeitsplätze im Finanzsektor und darüber hinaus auf dem Spiel stehen. Leider folgte auf Brunettis Mahnfinger gut schweizerische Pflästerli-Politik. So sucht der Bund weiter – nach dem deutschem Vorbild – zwischenstaatliche Lösungen mit Frankreich oder Italien. Doch der bilaterale Weg führt in eine Sackgasse. Brüssel pocht auf harmonisierten Marktzugang, der eine Gleichwertigkeit der Regulierung voraussetzt. Für Drittstaaten ist dieser Äquivalenzpfad aber steinig und verworren. Und er garantiert keine gleich langen Spiesse.

Ein Finanzdienstleistungsabkommen garantiert Rechtssicherheit

Der Königsweg zum Marktzugang wäre ein Finanzdienstleistungsabkommen (FDLA). Es würde den Banken grenzüberschreitend Rechtssicherheit bringen. Allerdings bedingt ein FDLA einen institutionellen Rahmen und eine dynamische Rechtsübernahme und ist somit ein innenpolitisches No-go, das selbst in der Branche keinen Anklang findet. Inlandorientierte Institute pfeifen nämlich auf den Marktzugang, während Grossbanken längst in Europa sind. So bleibt den Privatbanken nur der Gang in die EU. Dem Schweizer Finanzplatz droht eine schleichende Abwanderung von Arbeitsplätzen.

Magere Dienstleister

Stromkonzerne Was haben ein petrochemischer Generalunternehmer in den Karpaten, ein Bahntechniker nahe Mailand und ein Ingenieurbüro in der Steiermark gemeinsam? Es sind alles Unternehmen, die kürzlich von parastaatlichen Schweizer Stromkonzernen geschluckt worden sind. Die teilweise aggressiven Akquisitionen im In- und Ausland eint ein gemeinsamer strategischer Nenner: Weg von der Stromproduktion mit Kraftwerkspark hin zu Asset light mit einem bunten Strauss an Energiedienstleistern – etwa bei der Gebäudetechnik, der Photovoltaik oder bei Speicherlösungen.

Ein erstaunliches Wendemanöver im Puschlav

Die Energy Services sind das neue Mantra in den Teppichetagen von Alpiq & Co. Die frohe Kunde von der anbrechenden Dienstleistungsära ist selbst bis ins Puschlav gedrungen. Repower, welche bis vor kurzem noch auf dreckige Kohle in Italien und Gaskombis in Deutschland setzte, legte im Winter ein überraschendes Wendemanöver hin. Die Bündner machen nun voll auf New Tech und wollen sich als Energie-Dienstleisterin neu positionieren, um so die Abhängigkeit vom absoluten Strompreis schrittweise zu verringern

Doch in der Elektrowirtschaft ist es wie im richtigen Leben: Wenn die Party vorbei ist und alle gleichzeitig zum (Not-)Ausgang rennen, dann wird es brandgefährlich. Marktbeobachter mahnen schon seit einer Weile, dass bei den Energy Services die Bäume nicht in den Himmel wachsen. Denn auf die Strömler hat in ihren neuen Betätigungsfeldern niemand gewartet. Während die klassische, kapitalintensive Stromproduktion über Jahrzehnte eine geschützte Werkstatt war, herrscht bei den Energiedienstleistern ein scharfer Wettbewerb. Die Branche ist fragmentiert, die Eintrittshürden sind vergleichsweise tief. Die jüngsten Zahlen der Stromkonzerne unterstreichen diesen Befund. Bei Alpiq erzielte ein Energiedienstleister pro Kopf im letzten Jahr magere 10 000 Franken Betriebsgewinn. Nicht besser sieht es bei BKW aus. Sie erzielte mit Dienstleistungen eine Betriebsmarge von schlappen 4 Prozent. Zum Vergleich: Die Rendite in der Energie und den Netzen war viermal höher.

Profi-Investor Martin Ebner prophezeit Überkapazitäten

Dass Alpiq-Aktionär und Profi-Investor Martin Ebner nun den Mahnfinger hebt, sollte den Kantonseignern deshalb zu denken geben. Dienstleistung wird weniger Wert haben in einigen Jahren, weil es zu Überkapazitäten kommen wird, prophezeite der Financier in der Schweiz am Sonntag. Nach Fehlinvestitionen in fossile Kraftwerke vor der Finanzkrise droht den Stromkonzernen mit den Energy Services also die nächste Investitionsruine. Ganz zu schweigen vom ordnungspolitischen Sündenfall: Dass öffentliche Unternehmen sich x- beliebige Gewerbebetriebe einverleiben, ist ein crowding out wie aus dem VWL-Lehrbuch. Statt wie wild zu diversifizieren, sollten die Stromkonzerne vielmehr endlich ihr Kerngeschäft – die Elektrizitätsproduktion – auf die Zukunft ausrichten.

Sonne, Salz und Sorgenfalten

Telekom Es ist ein blamables Bild, das die sogenannten Challenger auf dem Schweizer Telekom-Markt dieser Tage abgeben. Da ist die Nummer 3 im Markt, Salt. Seit der französische Milliardär Xavier Niel das Ruder in Renens übernommen hat, herrscht Chaos. Der einst sorgsam gehegte ARPU (Umsatz pro Mobilfunk-Kunde) schmilzt dahin wie Glacé in der Sonne. Das teuere Rebranding von Orange zu Salt erweist sich als Positionierung im Nirgendwo (edelbillig?). Zum operativen Gebastel gesellt sich öffentliches Nachtreten. Das alte Orange-Management, das inzwischen fast in corpore Reissaus genommen hat, wird mehrfach verbal abgekanzelt – zuletzt beim miserablen Jahresresultat. Gleichzeitig lässt man langjährige Partner wie die Werbeagentur Publicis ohne Ansage abtropfen und lagert fleissig nach Frankreich aus. Die neue Nonchalance offenbart, dass Niels gallische Söldner wenig Ahnung vom Schweizer Telco-Markt haben.

Auch beim zweiten Challenger ist nicht alles zum Besten bestellt. Am Börsengang der Sunrise haben höchstens der ehemalige Eigner CVC und das Management Freude. Beide liessen sich beim IPO vergolden, während der Streubesitz mit Aktien lebt, die weit unter Ausgabepreis notieren. Kein Wunder, denn die Versprechungen der Sunrise-Manager vor dem Börsengang erweisen sich als Luftblasen. Schaut man sich die Rentabilität an (Ebitda), tritt die Nummer zwei seit Jahren an Ort. Wie üblich soll nun ein neuer Chef die Wende bringen. Doch dauernde Sesselwechsel machen aus Challengern noch keine ernsthaften Angreifer.

Sunset für Voncina

Bald tritt der Neue an. Am 9. Mai übergibt Libor Voncina die Leitung des Telecom-Unternehmens Sunrise an Nachfolger Olaf Swantee. Voncina führte Sunrise drei Jahre lang. Im vergangenen März kündigte die Firma seinen Rückzug an. Nun zeigen Recherchen: Voncinas Abgang ist nach dem missglückten Börsengang wohl nicht aus freien Stücken erfolgt. Ein Indiz dafür sind jene Boni in Millionenhöhe, die Voncina eigentlich beziehen sollte. Und wollte.

Der Sunrise-Chef besitzt nämlich ein grosses Aktienpaket, das aus einem Beteiligungsprogramm vor dem Börsengang stammt. Das Programm stand der Teppichetage nicht nur offen, die Partizipation daran war sogar Pflicht, wie ein Beteiligter erzählt. Wie viel die Telekom-Oberen damit genau verdient haben, ist unklar. Sunrise legt die Details rückwirkend nicht offen. Klar ist nur, was daraus resultierte: Die im Geschäftsbericht ausgewiesenen Aktien haben heute einen Wert von rund 8 Millionen Franken.

Die Papiere sind an eine Good-Leaver-Bad-Leaver-Bestimmung gekoppelt. Diese bestimmt, dass Ansprüche aus dem Bonusprogramm gekürzt werden können, wenn ein Manager von sich aus kündigt – etwa aufgrund eines Konkurrenzangebots – und damit zum bad leaver wird. Spricht hingegen der Arbeitgeber die Kündigung aus, ist er ein good leaver. Das war bei Voncina offenbar der Fall.

Pressesprecher Roger Schaller sagt zur Handelszeitung, Voncina könne die Ansprüche aus dem alten Beteiligungsprogramm in vollem Umfang beziehen: Er ist ein ‹good leaver›. Auf die Frage, ob das heisse, dass Voncina die Firma unfreiwillig verlassen werde, verstummt der Sprecher. Er verweist lediglich auf das offizielle Statement, wonach Voncina – wie angekündigt – im Mai zurücktreten werde.

3 Millionen investiert

Voncina dürfte vor dem Sunrise-Börsengang im vergangenen Februar kaum damit gerechnet haben, das Unternehmen bald zu verlassen. Dafür spricht ein weiteres Bonusprogramm, das im Geschäftsbericht offengelegt wird. Dieses ermöglicht dem Management, einen Teil seiner Cash-Bezüge in Aktien zu investieren.

Für jede gekaufte Aktie erhalten sie eine Option auf weitere Gratisaktien. Läuft das Geschäft gut, gibt es pro Aktie 1,5 weitere Titel. Läuft es schlecht, schrumpft der Aktienbonus theoretisch bis auf null. Ausgezahlt werden diese Performance Shares erst drei Jahre nach der Investition.

Beim Börsengang hatten die Manager die Möglichkeit, zusätzlich Geld in dieses Programm zu investieren. Und Firmenchef Voncina stieg im grossen Stil ein. Insgesamt beteiligte sich der Slowene für 3 Millionen Franken am Programm. Das hätte er kaum getan, wenn er zu diesem Zeitpunkt bereits mit dem Abgang gerechnet hätte. Denn interessant ist dieses Bonusvehikel nur aufgrund der Aussicht auf Performance Shares. Das eigentliche Investment geschieht nämlich zu Marktpreisen.

Wie lukrativ das Programm ist, zeigt der Geschäftsbericht. Diesem zufolge kam Voncina dank den Performance Shares 2015 auf eine Vergütung von 4,7 Millionen Franken. Ein stolzes Salär (siehe auch Tabelle) für eine Firma, die im vergangenen Jahr erneut einen Verlust in dreistelliger Millionenhöhe ausweisen musste und die im Herbst mit einem Federstrich 10 Prozent ihrer Belegschaft abbaute.

Doch nun zeigt sich: Der Geschäftsbericht war beim Zeitpunkt seines Drucks bereits veraltet. Wegen des Abgangs verliert Voncina seine Ansprüche aus dem Bonusprogramm, wie Pressesprecher Schaller erklärt. Die ausgewiesenen Lohnzahlungen reduzierten sich von 4,7 auf nunmehr 1,5 Millionen Franken.

Damit wurde das Bonusprogramm für Voncina zum Malusprogramm. Denn ohne die Option auf Gratisaktien wurde der Börsengang für ihn zum Verlustgeschäft. Der Aktienkurs hat seit dem Börsengang nämlich deutlich abgenommen. Nach dem ersten Handelstag waren die Sunrise-Titel noch fast ein Fünftel mehr wert, als sie es mittlerweile sind. Der Börsengang war aus Anlegersicht kein Erfolg.

Voncina hatte zu viel versprochen

Libor Voncinas Leistungsausweis für das vergangene Jahr ist alles andere als rosig. Zweimal musste er nach dem Börsengang die eigenen Versprechen korrigieren. Sunrise hatte den Anlegern zu viel versprochen. Oder wie es Vontobel-Analyst Panagiotis Spiliopoulos formuliert: Sie waren in ihren Forecasts viel zu bullish.

Sunrise hatte nicht mit den Preissenkungsrunden im Mobilfunk gerechnet, wie sie vergangenes Jahr stattfanden – etwa bei den Roaming-Tarifen. Vor allem aber habe Sunrise bei den Annahmen zur Zukunft keinerlei Sicherheitsmargen eingebaut, sagt Spiliopoulos. Erst nach den Korrekturen hätten die Zahlen wieder gestimmt. Doch da hatten viele Anleger ihre Aktien verkauft. Die Leute glaubten zeitweise nicht einmal mehr an das Dividenden-Versprechen, so der Analyst.

Insgesamt verlor das Unternehmen seit dem Börsengang stark an Wert. Nicht nur sank die Börsenbewertung aufgrund des sinkenden Aktienkurses von 3,4 Milliarden Franken nach dem ersten Handelstag auf 2,7 Milliarden per Ende Jahr. Gleichzeitig zahlte das Unternehmen auch die Hälfte der Schulden an seine Fremdkapitalgeber zurück. Vor dem Börsengang argumentierte die Sunrise-Geschäftsleitung, man müsse das damals fast 3 Milliarden umfassende Fremdkapital ebenfalls zur Bewertung des Unternehmens hinzuziehen. Tut man das jedoch, sank der so berechnete Unternehmenswert von Sunrise vom Börsengang bis Ende Jahr von 6, 3 auf 4,3 Milliarden Franken.

Am Ende hat sich Voncina also doppelt verspekuliert. Nicht nur hinsichtlich Bewertung des Unternehmens an der Börse, sondern auch beim Bonus-Poker um die eigene Karriere.

Die Schweiz sieht rot

China  Sulzer und ABB geschäften seit über 100 Jahren im Reich der Mitte. CS und UBS liessen sich in den 1980er- beziehungsweise frühen 1990er-Jahren in der Volksrepublik nieder. Die Liste an Schweizer Konzernen, die erfolgreich in China investiert sind, liesse sich beliebig fortführen.

Nun aber schwenkt der ost-westliche Kapitalstrom um. Die Werkbank der Welt sitzt auf einem Berg an Cash aus goldenen Exportjahrzehnten. Gleichzeitig schwinden die Opportunitäten im Riesenreich. Die gelenkte Transformation hin zur nachfrageorientierten Dienstleistungsgesellschaft drückt aufs Tempo. Die Wirtschaft kühlt ab. Die staatlichen Konjunkturspritzen wirken stumpf. Das Regime in Peking agiert zusehends dünnhäutig und repressiv. Der Volksrepublik steht ein langwieriger und schmerzhafter Anpassungsprozess bevor.

Derweil sorgen sich solvente Staatskapitalisten um die Abwertung des Yuan. Das Pulver droht feucht zu werden, bevor die Übernahme-Kanone geladen ist. Fiebrig gehen Chinas Riesen deshalb auf globale Shopping-Tour. Diversifikation lautet die Losung. Im Visier sind value assets, Vorzeigeindustrien. Es vergeht keine Woche, in der nicht Privatbanker, Hoteliers oder Industrieunternehmer von Sino-Investoren angegangen werden. Bereits befinden sich über 80 Schweizer Firmen in chinesischer Hand. Statt über den Ausverkauf der Heimat zu lamentieren und sich ins Ideologie-Reduit zu flüchten, sollten wir die fernöstlichen Avancen begrüssen. Globalisierung ist keine Einbahnstrasse. Vom offenen, gegenseitigen Austausch mit der künftigen Supermacht kann die Schweiz nur profitieren.

Der gute Mensch von Fuqing

Hon Kwok Lung Der Chinese kauft eine Bank der illiquiden Valartis und positioniert sie neu als Luxusmarke.

Die Chemie stimmt. Zwei Mal hat Andreas Insam, Chef und Minderheitsaktionär der Valartis Bank Liechtenstein, den schwerreichen Sino-Entrepreneur Hon Kwok Long getroffen. Und beide Male haben sich die Männer auf Anhieb verstanden. Ein guter Menschenkenner, der zu begeistern vermag, sagt Insam über den 61-jährigen Selfmade-Millionär. Bei den zwei Begegnungen dürfte es nicht bleiben. Der Chinese Hon übernimmt nämlich die Mehrheit an der Liechtensteiner Bankboutique. Verkäuferin ist die illiquide Schweizer Valartis-Gruppe (siehe Mittelspalte).

Der freundliche Takeover aus Fernost gibt im Ländle zu reden. Mister Hons Citychamp-Firmengruppe hat bislang nämlich nur wenige Berührungspunkte mit dem Banking (siehe Box), geschweige denn mit der internationalen Vermögensverwaltung. In der Schweiz machte der 800 Millionen Dollar schwere Immobilientycoon Hon vielmehr mit mehreren Luxusgüter-Investments von sich reden. Vor gut drei Jahren übernahm er die in La Chaux-de-Fonds ansässige Uhrenfirma Corum für umgerechnet 86 Millionen Franken. Doch dürfte der umtriebige Chinese bislang keine Freude an der Neuenburger Traditionsmarke haben. Der Umsatz sank 2015 um 15 Prozent. Corum schreibt rote Zahlen.

Aus Valartis Liechtenstein wird Corum

Nun aber steht eine Zeitenwende an, welche Hons Übersee-Investments neuen Schub verleihen soll. Das Zauberwort lautet Cross-Selling. Wir heissen bald nicht mehr Valartis, sondern Corum Bank, verrät Chef Andreas Insam. Schliesslich spreche man dieselbe vermögende Klientel an wie die Luxus-Zeitmesser aus La Chauxde-Fonds. Die Zusage für den Gebrauch der Marke erhielt der gebürtige Tiroler kürzlich von Corum-Chef Davide Traxler höchstpersönlich.

Kommende Woche reist ein Markenspezialist aus der Romandie nach Liechtenstein, um der Bank ein typähnliches Corum-Logo zu verpassen. Geplant sind bereits erste gemeinsame Marketingaktivitäten. So sollen beim Poloturnier im Tiroler Nobelort Kitzbühel Teams von Corum und Corum Bank gegeneinander antreten. Dies unter den aufmerksamen Blicken geladener Gäste und betuchter Kunden der beiden Citychamp-Firmen. Mit dem Verkauf geht für Andreas Insam und seine Liechtensteiner Bank eine schwierige Zeit zu Ende. Zuletzt hatte das Institut die Finanzmarktaufsicht im Nacken und kämpfte mit den Eigenkapitalvorschriften. Während sechs Wochen unterschritt sie gar ihr vorgeschriebenes Mindestkapital, wie Insam erklärt. Deswegen erwartet er nun eine Busse der Liechtensteiner Aufsicht.

Neue Vorschrift löst Existenzkrise aus

Die Schweizer Banken-Mutter Valartis Group hatte bei ihren zwei Töchtern Kredit aufgenommen – und das nicht zu knapp: Von ihrer Bank in Österreich borgte sie sich rund 60 Millionen Franken, von den Liechtensteinern 40 Millionen – obwohl zuletzt bereits absehbar war, dass diese Kredite die Banken in Schwierigkeiten bringen könnten. Denn im letzten Jahr trat eine Bestimmung in Kraft, wonach konzerninterne Darlehen unter Umständen vom regulatorischen Eigenkapital der Banken abgezogen werden müssen.

Für Valartis Liechtenstein war der neue Passus existenziell: Bei rund 60 Millionen Franken Eigenkapital halbierte sich dieses wegen der neuen Regel praktisch über Nacht. Es drohte Underdeckung. Doch im Ländle hatte man vorgesorgt. Der Kreditvertrag enthielt eine Klausel, wonach die Gruppe das Darlehen zurückzahlen musste, wenn es nicht mehr angerechnet werden konnte. Das geschah im Sommer. Wir stellten den Kredit fällig, sagt Bankchef Insam. Und schickten damit unsere eigene Mutter in die Nachlassstundung.

Die Konstellation war heikel. Die Vertreter der Schweizer Mutter sassen noch immer als Mehrheit im Verwaltungsrat. Ich ging also gegen meine eigenen Vorgesetzten vor, sagt Insam. Gerettet hat ihn schliesslich die Bankenaufsicht. Dies, indem sie dem Institut jegliche Ausschüttungen untersagte und die Verwaltungsräte der Schweizer Mutter durch Beistände ersetzte. Von da an war die Sache für die Schweizer faktisch gelaufen.

Dann – im Spätherbst – konnte Insam aufatmen. Die Mutter Valartis kündigte an, ihre ausländischen Banken zu verkaufen, nachdem sie bereits die Schweizer Tochter an die Banque Cramer abgestossen hatte. Die Liechtensteiner kamen mit einem blauen Auge davon. Wir verloren nur einen Kundenberater und kaum Kunden, sagt Liechtenstein-Chef Insam.

Wachstum dank den Chinesen

Nun setzt der Bankdirektor wieder auf Wachstum, vor allem aus Fernost. Bislang machen asiatische Vermögen nur etwa 5 Prozent aller verwalteten Gelder aus. Unser Mandarin-Desk soll bis in zehn Jahren von heute 3 auf 10 bis 15 Berater anwachsen, sagt Insam. Dabei ist die Umfirmierung zu Corum ein Treiber. Noch wichtiger ist aber der neue Mehrheitseigner: Ich erwarte viel vom Beziehungsnetz des Herrn Hon.

Der chinesische Multimillionär strickt derweil am hiesigen Firmengeflecht. So hat der Immobilienkonzern Citychamp Dartong jüngst in der Romandie den Wellness-Tempel Le Mirador für 45 Millionen Franken gekauft. Dabei soll es nicht bleiben. Wir werden weitere Akquisitionen in der Schweiz tätigen, sowohl mit Watch & Jewellery als auch mit Dartong, sagt Andy Liu, der die rechte Hand von Präsident Hon ist und dessen Übersee-Investments führt. Man wolle das Portfolio weiter diversifizieren, betont der Citychamp-Manager. Zugleich sieht Liu Synergien, weil die akquirierten Firmen auf eine vermögende Kundschaft abzielen würden.

Im Kleinen das grosse Ganze

UBS Switzerland Eigentlich ist die UBS Switzerland ein Auswuchs der Finanzkrise. Als Sollbruchstelle hat die neue Schweiz-Einheit im Krisenfall den Steuerzahler vor Kollateralschäden zu bewahren, indem der Fortbestand des hiesigen Kerngeschäfts gewahrt bleibt. Allerdings ist es mit der faktischen Unabhängigkeit gegenüber der Mutter nicht weit her. Es wird noch Jahre dauern, bevor die Abnabelung vollzogen ist.

Die UBS Switzerland liefert mit ihren systemrelevanten Geschäftsteilen allerdings ein treffendes Abbild des Swiss Bankings. Im Kleinen widerspiegelt sich sozusagen das grosse Ganze. Wie bei vielen anderen Retailbanken brummt nämlich das klassische Zinsdifferenzgeschäft. Trotz branchenweitem Gejammer über die Negativzinsen kann die Schweiz-Einheit ihre Zinsmargen ausweiten. Sie setzt dabei auf Schuldnerqualität statt Wachstumswahn und agiert für einmal vorausschauender als manche Staatsbank.

Umgekehrt verzeichnet die Schweiz-Einheit in ihren ersten neun Monaten in der Vermögensverwaltung einen Abfluss an Kundengeldern von 17 Milliarden Franken. Es handelt sich vornehmlich um Offshore-Kunden. Damit kristallisiert sich an der UBS Switzerland das aktuelle Grundproblem vieler Vermögensbanken. Nach dem Wegfall des Bankgeheimnisses hat der Finanzplatz an Strahlkraft verloren. Gefragt sind neue Alleinstellungsmerkmale.

Die Bank in der Bank

UBS Switzerland Die Schweiz-Tochter ist seit einem Jahr aktiv. Nun liegen die ersten Zahlen vor. Sie zeigen die Stärken und Schwächen des Swiss Banking.

Das Project White war selbst für die Grossbank UBS eine gröbere Übung. 2000 Mitarbeiter waren 18 Monate damit beschäftigt, eine Schweiz-Tochter namens UBS Switzerland AG aus dem Bankkonzern herauszuschälen. Der Gründungsakt verschlingt einen dreistelligen Millionenbetrag und bringt der Bank schliesslich eine neue Gesellschaft, in der alle für die Schweiz systemrelevanten Funktionen zusammengeführt sind. Für den Fall der Fälle, dass der Bankkonzern künftig erneut fallieren würde und abgewickelt werden müsste.

In dieser Sollbruchstelle Switzerland AG ist das hiesige Klein- und Firmenkunden-Geschäft enthalten sowie jener Teil der Vermögensverwaltung, der auf Schweizer Konten gebucht ist – ob dies nun in- oder ausländische Kunden sind. Hinzu kommt noch ein wenig Investment Banking. Nun – genau ein Jahr nach dem operativen Start – liegen die ersten Zahlen vor: Sie erlauben einen intimen Blick auf das systemrelevante Kerngeschäft der Grossbank und zeigen die aktuellen Stärken und Schwächen des Swiss Banking.

So erzielte die UBS Switzerland ab April 2015 in neun Monaten einen Reingewinn von 1,6 Milliarden Franken bei einem Betriebsertrag von 6,2 Milliarden. Davon stammen fast 40 Prozent aus klassichem Zinsgeschäft, dessen Marge die UBS in der Schweiz über die letzten drei Jahre kontinuierlich ausbauen konnte.

Business mit reichen Ausländern harzt

Das Geschäft mit Klein- und Firmenkunden läuft also wie geschmiert. Dafür harzt das Business mit reichen Ausländern, die ihr Geld hierzulande liegen haben. Die Switzerland AG weist nämlich einen Abfluss an Kundengeldern in der Höhe von 17 Milliarden Franken auf. Dies entspricht 3 Prozent der verwalteten Vermögen von gut einer halben Billion Franken. Grund dafür ist, dass sich die UBS offenbar von Kunden getrennt hat, welche die Bilanz mit hohen Cash-Beständen belastet haben. Zudem verweist Finanzchef Thomas Schulz auf die Abflüsse im grenzüberschreitenden Vermögensverwaltungsgeschäft, welche die Nettozuflüsse mit Schweizer Kunden überstiegen haben.

Die Schweiz-Tochter beschäftigt gut 11 000 Mitarbeiter und weist per Ende 2015 eine Bilanzsumme von 286 Milliarden Franken bei einem Eigenkapital von 10 Milliarden aus. Diese im Geschäftsbericht aufgeführten Zahlen basieren auf dem internationalen Rechnungslegungsstandard IFRS. Steuern muss die UBS Switzerland allerdings nach Schweizer Rechnungslegung zahlen, und zwar 222 Millionen Franken für die ersten neun Monate.

Die Bank profitiert in ihren ersten fünf Jahren noch von einem faktischen Steuerrabatt, wie aus dem Geschäftsbericht ebenfalls hervorgeht. Neben harten Vermögenswerten wie Krediten und Finanzinvestments wurde der neuen Bank nämlich auch Goodwill in der Höhe von 5,25 Milliarden Franken mitgegeben. Diesen Goodwill kann sie nun steuerrechtlich über die nächsten fünf Jahre abschreiben, was ihre Fiskallast um mehr als 200 Millionen Franken pro Jahr reduziert.

Die gut 5 Milliarden basieren auf einer externen Einschätzung über den Wert des Schweizer Geschäfts. Der Steueraufwand bleibe neutral, sagt Schulz. Weder der UBS noch dem Fiskus entsteht ein voroder Nachteil. Es war ein gut schweizerischer Kuhhandel: Die UBS bezahlt hierzulande wegen der neuen Tochtergesellschaft früher Steuern. Dafür werden diese über die Abschreibungen etwas gemildert.

Eigentlich hätte die UBS nämlich noch jahrelang von milliardenschweren Verlustvorträgen profitieren können – die letzten stammten aus dem Jahr 2012. Diese gelten jedoch nur für die UBS, weil sie von dieser verbucht wurden. Und dies vor allem im Ausland. Die UBS Switzerland kann diese nicht für sich geltend machen und zahlt daher wieder Steuern.

Im Geschäftsbericht der UBS-Gruppe, der nach den internationalen IFRS-Richtlinien verfasst wird, ist dieser Goodwill und dessen Abschreibung nirgends zu finden. Auch nicht in den entsprechenden Angaben zur UBS Switzerland, welche die UBS bei der US-Börsenaufsicht eingereicht hat. Entsprechend höher ist der Steueraufwand, den die UBS Switzerland gemäss IRFS verbucht: 489 Millionen Franken. Wegen der fehlenden Abschreibungen resultiert dennoch ein höherer Reingewinn: 1,6 statt nur 1,1 Milliarden Franken wie nach Schweizer Standard.

Sollbruchstellen gefordert

Diese buchhalterischen Finessen zeigen: Die Gründung der UBS Switzerland war ein juristischer wie IT-mässiger Hosenlupf. Eine autarke Informatik musste her und neue Verwaltungsgremien wurden geschaffen. Schliesslich pocht der Regulator im Nachgang zur Finanzkrise auf sogenannte Sollbruchstellen.

Denn die Pleite der US-Investmentbank Lehman Brothers 2008 lehrte die staatlichen Aufseher, dass ein Insitut auch zu komplex sein kann, als dass man es geordnet und ohne Kollateralschäden abwickeln könnte. Aus dieser traumatischen Erfahrung heraus erliess der Finanzstabilitätsrat wenige Jahre später Abwrack-Empfehlungen für international systemrelevante Institute wie die UBS. Nach diesen Blaupausen sind die Globalbanken daran, ihre rechtlichen Einheiten neu zu ordnen, um für den Ernstfall gewappnet zu sein.

Allerdings ist es mit der faktischen Abwicklungsfähigkeit auch acht Jahre nach Lehman nicht weit her. Die UBS und die UBS Switzerland haften weiterhin gegenseitig für Verbindlichkeiten. So musste die Schweiz-Tochter Ende Jahr noch für 136 Milliarden Franken geradestehen, was in etwa dem 13-fachen ihres Eigenkapitals entspricht. Finanzchef Schulz betont allerdings, dass sich dieses Haftungssubstrat seit dem Start bereits um fast 200 Milliarden verringert habe: Wir sind über Plan. Bis 2020 wird der Betrag nochmals erheblich reduziert sein. Der Abbau der Solidarhaftung ist schlicht nicht über Nacht machbar. Denn die Bank hat bestehende Verpflichtungen, welche die gesamte Finanzgruppe betreffen und die vorzeitig nur mit Zustimmung der Gegenpartei getilgt werden können. Hätte die UBS plötzlich ihre Schweiz-Tochter von dieser Verpflichtung ausgenommen, wäre sie gegenüber ihren Gläubigern leicht einklagbar gewesen. Bei Neugeschäften oder Anpassungen an bestehende Obligationen gilt jedoch stets die neue Haftungsstruktur.

Credit Suisse steht Umbau bevor

Der Rückblick auf die Entstehung der UBS Switzerland kommt einem Blick in die Zukunft der Credit Suisse gleich. Was die eine Bank mehrheitlich hinter sich hat, will die andere bis in einem Jahr umsetzen: Die Auslagerung des Schweizer Geschäfts in eine eigene Gesellschaft. Zwar wurde die Credit Suisse (Schweiz) AG bereits vergangenes Jahr gegründet. Noch ist sie aber eine leere Hülle. Die Banklizenz sei beantragt, aber noch nicht ausgestellt, heisst es im vergangene Woche publizierten Geschäftsbericht. In der zweiten Jahreshälfte solle das heute in der Division Swiss Universal Bank zusammengefasste Schweiz-Geschäft in die neue Tochtergesellschaft übertragen werden.

Allerdings hat sich die Credit Suisse deutlich mehr vorgenommen als ihre Konkurrentin von der Bahnhofstrasse. Bereits in einem Jahr will die CS ihre Tochter nämlich zusätzlich an der Börse kotieren lassen und 20 bis 30 Prozent der Aktien verkaufen. Bis dann muss das Geschäft tatsächlich voneinander getrennt sein. Und nicht nur auf dem Papier.

Mit harten Bandagen

Marc-Christian Riebe Der Konkurs seiner Location Group wirft Fragen auf. Nun nimmt der Immo-Vermittler erstmals Stellung.

Am 2. März ist das Schicksal der Zürcher Ladenflächen-Vermittlerin besiegelt. Das Bezirksgericht eröffnet über die Location Group des Immo-Brokers Marc-Christian Riebe den Konkurs. Riebe sagt: Sicher hätte ich einiges anders machen können, aber ich habe bis zuletzt alles getan, um die Location Group AG zu retten.

Beantragt hat den Konkurs die Immofinanz mit Sitz in Vaduz. Deren Rechtsvertreter, Matthias-John Gstöhl von der Kanzlei Nater Dallafior, will sich zum Fall nicht äussern. Die Immofinanz hat vor drei Jahren der Location Group mittels Bürgschaft Dritter ein Darlehen in der Höhe von 1 Million Franken gewährt – zu einem horrenden Zinssatz von 15 Prozent.

Mehrere Insider erzählen, dass sich die Location Group, die zu Spitzenzeiten rund 20 Mitarbeiter zählte, schon damals in finanzieller Schieflage befand. Seit 2013 habe sich der Engpass abgezeichnet. Löhne seien ab dann verspätet ausbezahlt worden. Trotz sehr guter Umsätze habe Location es versäumt, finanzielle Polster für magere Zeiten anzulegen.

Gründer Riebe hält dagegen, dass er bis Sommer 2015 sämtliche Saläre fristgerecht ausbezahlt habe und fügt an: Insgesamt habe ich zuletzt 1,5 Millionen Franken privat in die Firma gesteckt und mir über ein dreiviertel Jahr lang keinen Lohn ausbezahlt. Die Mitarbeiter hätten mehrheitlich im zweiten Halbjahr 2015 gekündigt. Alle sechs Mitarbeiter würden ihren gesamten Lohn noch erhalten, da ich 50 000 Franken nachschiessen werde, verspricht er.

Retailer in Schockstarre

Der Gründer einer führenden internationalen Retail Real Estate Boutique Agency (Eigenbeschrieb) macht für den Location-Konkurs das garstige wirtschaftliche Umfeld geltend. Nach der Aufhebung der Franken-Untergrenze im Januar 2015 seien viele Retailer in Schockstarre verfallen und hätten fast alle Expansionspläne eingefroren, so Riebe: Im ganzen letzten Halbjahr 2015 haben wir keinen einzigen Abschluss gemacht, sodass sich der Umsatz gegenüber 2014 fast halbiert hat.

Allerdings datiert nicht nur die Millionenhilfe der Liechtensteiner Immofinanz aus dem Jahre 2013. Auch der Darlehensvertrag mit der Boutiquen-Impresaria Trudie Götz, den die Handelszeitung einsehen konnte, wurde bereits im Herbst 2014 – auf Drängen Riebes hin – vereinbart.

So gewährte Götz‘ Luxusladenkette Trois Pommes der Location Group einen zinslosen Kredit über 250 000 Franken. Rückzahlbar bis Ende 2014. Doch Riebe zahlte den Betrag nicht fristgemäss zurück, sondern vertröstete Gläubigerin Götz mehrfach. Im letzten Sommer schliesslich schaltete die Grande Dame der Mode ihren Anwalt ein. Trois Pommes verrechnete schliesslich das Darlehen mit einer ausstehenden agency fee gegenüber Riebe.

Seither betreibt die Modekette die Location Group auf 100 000 Franken, wie Götz kürzlich im Blick kundtat. «Was Trudie Götz in der Zeitung erzählt hat, stimmt einfach nicht», sagt Riebe. «Dass ich Trudie Götz ein Darlehen in der Höhe von 100 000 Franken schulde ist falsch, denn wir hatten eine Vereinbarung, wonach der Betrag mit einer Forderung gegen sie aus einem Deal an der Storchengasse bereits verrechnet wurde.»

Nicht nur beim zinslosen Darlehen sieht sich Riebe im Recht. Auch im Falle der Ausstände in Höhe von 150 000 Franken gegenüber der Tennisveranstaltung Swiss Open. Location Group war nämlich Turniersponsor im Berner Oberland und als solcher mit dem Dargebotenen nicht zufrieden, wie Riebe sagt: Jean-François Collet vom Swiss Open Gstaad liess uns nicht aus dem dreijährigen Vertrag ziehen, obwohl Roger Federer und Stan Wawrinka nicht – wie vereinbart – regelmässig be ziehungsweise gar nicht beim Turnier spielten. Co-Sponsor Crédit Agricole und andere seien dagegen vorzeitig aus dem Vertrag entlassen worden. Mitunter ein Grund, weshalb Stan nicht angetreten sei, war gemäss Riebe, dass der Tennisstar sein Antrittsgeld nicht erhalten habe.

Leistungen kürzen

Vor Gericht ist Riebe allerdings durch alle Instanzen abgeblitzt. So wandte die Location Group vor Zürcher Bezirksgericht im Sommer 2015 ein, sie sei berechtigt, den geschuldeten Sponsoringbetrag zu reduzieren, weil Stan Wawrinka der Veranstaltung ferngeblieben sei und dessen Fernbleiben zu einem Popularitätsverlust geführt habe. Das Gericht wies die Argumentation zurück, weil der Sponsoringvertrag keine Regelung vorsehe, welche zu einer Kürzung der vereinbarten Leistung berechtige. Das Urteil ist rechtskräftig.

Swiss-Open-Anwalt Marc Häsler prüft zudem eine Strafklage wegen unlauteren Wettbewerbs. Denn: Kurz vor dem Konkurs der Location Group liess Riebe die Gesellschaft in Retail Hunting umbenennen. Praktisch zeitgleich firmierte er seine Location Luxury in The Location Group Ltd um. Das sei klar irreführend, sagt Häsler, und verschleiere den Konkurs.

Für Riebe ist dies dagegen gängige Praxis: Aus Bernie’s wurde New Bernie’s, aus Companys Schweiz die Companys Retail und aus der Wegelin Bank die Notenstein Bank.

Überhaupt blickt der Immobilienvermittler lieber in die Zukunft: Er schaue nach vorne, um im Jahr 2022 gewappnet zu sein. Jetzt, wo viele Häuser leer stehen und Flächen frei sind, werden wir das Geschäft wieder ankurbeln und vermehrt Liegenschaften profitabel für die Eigentümer verkaufen.

Übereifrige Musterschüler

Steueramtshilfe Das Trauma sitzt tief im Finanzdepartment. Nach dem Bankenkollaps 2008 setzte die Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung – auf Druck der grossen und klammen Industrienationen – die Schweiz auf ihre sogenannte Graue Liste. Die Pariser Bürokraten warfen unser Land damit in den gleichen Topf mit Fiskaloasen wie Samoa oder Nauru. Keine Finanzplätze, mit denen das stolze Swiss Banking in einem Atemzug genannt werden möchte. Das OECD-Verdikt als Steuerparadies verfehlte seine Wirkung nicht und schreckte den Berner Amtsschimmel auf.

Symbolischen Schlusspunkt bildete der automatische Informationsaustausch

Fortan war mit der Schweiz zwischenstaatlich verhandelbar, was kurz zuvor noch als unverhandelbar proklamiert wurde, nämlich das Bankgeheimnis. Es folgten Jahre der eidgenössischen Scheinund Rückzugsgefechte, mit dem einzigen Ziel, fiskalisch geläutert in den warmen Schoss der internationalen Staatengemeinschaft zurückzukehren. Den symbolischen Schlusspunkt bildete die Einführung des automatischen Informationsaustauschs, der ab 2018 in Kraft tritt. Zumindest auf dem Papier soll der AIA weltumspannend letzte Schwarzgeld-Schlupflöcher schliessen, wenngleich die Amerikaner – ganz Supermacht – sich um den Steuerpopanz der OECD schlichtweg foutieren.

Die neue Steuertransparenz ist grundsätzlich zu begrüssen. Die Art und Weise, wie die Schweiz sich fiskalisch läutert, ist dagegen stossend. So hat sich unser Land in wenigen Jahren vom flegelhaften tax evasion-Zögling zum übereifrigen Musterschüler gewandelt, der in vorauseilendem Gehorsam offenlegt und liefert, wie ihm die ausländischen Steuerbehörden geheissen. Mit dem drohenden Mahnfinger der OECD im Nacken lässt sich die Steuerverwaltung gar dazu hinreissen, offenbar ohne Rechtsgrundlage Gruppenanfragen durchzuwinken. So geschehen ist dies zum zweiten Mal mit dem Königreich Niederlande, das auf diese Weise an die Bankdaten der steuersäumigen Offshore-Kunden bei der UBS und Credit Suisse gelangt. Was die Steuervögte mit dem Tulpenstaat durchexerzieren, ist geradewegs eine Einladung ans Ausland, das Bankgeheimnis rückwirkend nach Belieben zu durchlöchern und die eigenen Bürger im Nachhinein zu kriminalisieren. Das ist weder fair noch transparent.

Weissgeld-Übereifer droht zum Bumerang zu werden

Dieser AIA avant la lettre hat auch für die Schweiz einen hohen Preis, indem er das Image des Finanzplatzes ramponiert. Zwar nickt die Bankiervereinigung als Branchenverband die Praxis der ESTV ab. Und die Finanzinstitute kommen ohne Murren ihrer Nachforschungspflicht nach. Doch der Kollateralschaden fürs Swiss Banking ist in der Zieldestination – in diesem Fall Holland – beträchtlich. Im Tulpenstaat, der wohl stellvertretend für weitere europäische Länder steht, greift die Erkenntnis um sich, dass in der Schweiz die Rechtssicherheit für Bankkunden nichts mehr wert ist. Der Weissgeld-Übereifer der Berner Behörden droht in wichtigen Onshore-Märkten zum Bumerang zu werden.