Angola will Bastos absetzen

Jean-Claude Bastos Angolas Staatsfonds plant, der Zuger Quantum das Private-Equity-Mandat über 3 Milliarden Dollar zu entziehen.

Man habe «grosse Bedenken» hinsichtlich der Vorgehensweise von Quantum Global bei der Anlage der Gelder des Staatsfonds. QuantumsVorgehensweise stimme nicht mit den Grundsätzen des Staatsfonds überein, schreibt FSDEA in einem kürzlich veröffentlichten Statement: «Als Konsequenz aus den Untersuchungen durch international führende Consultants unternimmt FSDEA nun Schritte, um Quantum als Vermögensverwalter zu entfernen».

Auf Mauritius verwaltet

Das nun angekündigte Ende der Geschäftsbeziehungen bezieht sich auf jene drei Milliarden Dollar an Private-Equity-Beteiligungsfonds, die Jean-Claude Bastos und seine Quantum Global auf der Insel Mauritius verwaltet haben. Bereits Anfang Monat hat die «Handelszeitung» darüber berichtet, dass der Staatsfonds FSDEA die Vermögensverwaltung mit der Zuger Tochter Quantum Global beendet hatte. Es ging damals um 1,7 Milliarden Dollar an klassische Anlageportfolios.

Rochade an der Spitze des Staatsfonds

Der Kündigung der Milliardenmandate ging ein Führungswechsel beim angolanischen Staatsfonds FSDEA voraus. Anfang Jahr wurde der Sohn des angolanischen Ex-Präsidenten Dos Santos – ein Jugendfreund von Bastos – an der Spitze des mit 5 Milliarden Dollar dotierten Staatsfonds abgelöst. Der Rochade war eine Untersuchung einer internationalen Consultingfirma beim Staatsfonds vorausgegangen. Sie führte unter anderem zu Tage, dass es seinerzeit bei der Vergabe der Verwaltungsmandate an die Quantum Gruppe an Transparenz mangelte. Gleichzeitig fehle es an Risikostreuung, weil Quantum den Grossteil der FSDEA-Mandate auf sich vereinte.

Dutzende Bankkonten des angolanischen Staatsfonds wurden kürzlich in Mauritius wegen des Verdachts der Unterschlagung von Geldern während der Amtszeit seines früheren FSDEA-Präsidenten, Filomeno «Zenu» dos Santos, gesperrt. Konkret hat der maurizische Fondsregulator FSC auch alle von Quantum gemanagten Investmentvehikel des angolanischen Staatsfonds gesperrt. Die sieben Vehikel decken Bereiche wie Gesundheitswesen, Holzwirtschaft, Minen oder Hotellerie ab. In den jeweiligen Verwaltungsräten sass stets der damalige Präsidentensohn Zenu, ein enger Freund Bastos’. Das Nettovermögen der sieben Mauritius-Fonds betrug gemäss Staatsfonds-Bericht per Ende 2015 rund 2,7 Milliarden Dollar.

Bastos hofft auf einvernehmliche Lösung

In einer ersten Stellungnahme hat Quantum Global die «Einschüchterungstaktik» ihres angolanischen Auftraggebers FSDEA verurteilt. Die Gruppe wiederholte gleichzeitig ihre Forderung nach einem fairen Verfahren. Die Absicht des FSDEA, Quantum Global aus dem Management der in Mauritius ansässigen Private-Equity-Fonds zu entfernen, würde «langfristig vertragliche Vereinbarungen» verletzen. Jede übereilte Entscheidung, die FSDEA-Mittel einzufrieren oder abzubauen, würde zu einem erheblichen Wertverlust des bestehenden Portfolios führen, da sich viele dieser Projekte in der frühen Entwicklungsphase befinden. Weiter hofft Quantum Global im Statement darauf, die Sache mit FSDEA auf «einvernehmliche Weise» zu lösen.

Britisches Gericht friert Gelder ein

Jean-Claude Bastos Auf Antrag Angolas hat der High Court weltweit Vermögen der Zuger Quantum eingefroren.

Der Rechtsstreit zwischen dem Staatsfonds Angolas FSDEA und ihrem Assetmanager, der Zuger Quantum Global um den Unternehmer Jean-Claude Bastos, eskaliert. Der FSDEA hat jüngst vor dem High Court of Justice in London eine weltweite Kontensperre für jene 3 Milliarden Dollar Private-Equity-Vermögen erwirkt, die das Verwaltungsmandat von 2013 mit der Zuger Gesellschaft Quantum Global Investment Management (QGIM) umfassen. Der Gerichtserlass liegt der «Handelszeitung» vor (siehe unten) und kann frühestens Mitte Mai angefochten werden. Im Verwaltungsrat der Zuger Bastos-Firma QGIM sitzen die beiden Wirtschaftsanwälte Thomas Ladner und Martin Neese. Letzterer gehört unter anderem der Kontaktgruppe Geldwäschereibekämpfung des Bundes an.

Tiefseehafen-Projekt

Die Kontensperre umfasst die Private-Equity-Fondsvehikel von Quantum. Sie decken Bereiche wie Gesundheitswesen, Holzwirtschaft, Minen und Hotellerie ab. Unter den aufgeführten Gesellschaften befindet sich die Capoinvest Limited auf den Britischen Jungferninseln. Es handelt sich um jene Offshore-Gesellschaft, für welche SBB-Präsidentin und Sika-Verwaltungsrätin Monika Ribar bis 2016 im Verwaltungsrat sass, wie die «Handelszeitung» im letzten Herbst berichtete. Capoinvest ist indirekt Eignerin eines Tiefseehafen-Projekts namens Caioporto vor der Küste der angolanischen Provinz Cabinda.

Quantum Global hat Kenntnis vom Gerichtserlass, teilte aber vor wenigen Tagen mit, man habe die Dokumente noch nicht erhalten. Jean-Claude Bastos war für eine Stellungnahme nicht zu erreichen.

Konsequenz aus Untersuchung

Der angolanische Staatsfonds FSDEA hat zudem angekündigt, Quantum das Private-Equity-Mandat über 3 Milliarden Dollar zu entziehen. Man habe «grosse Bedenken» hinsichtlich der Vorgehensweise von Quantum Global bei der Anlage der Gelder des Staatsfonds. Quantums Vorgehensweise stimme nicht mit den Grundsätzen des Staatsfonds überein, schreibt FSDEA in einem jüngst veröffentlichten Statement: «Als Konsequenz aus den Untersuchungen durch international führende Consultants unternimmt FSDEA nun Schritte, um Quantum als Vermögensverwalter zu entfernen.» Quantum selbst spricht von einer «Einschüchterungstaktik» seitens ihres Kunden FSDEA.

In der Nachspielzeit

Bernhard Burgener Dem Medienunternehmer droht eine Schadenersatzklage in Millionenhöhe.

Dieser Tage erhielt das Landgericht München I dicke Post. Es ist ein 76-seitiger Antrag auf Klagezulassung. Eingereicht von Bernhard Burgeners schärfstem Widersacher Dieter Hahn. Der ehemalige Grossaktionär und Aufsichtsratsvorsitzende von Constantin Medien fordert darin, dass der Unterhaltungskonzern Schadenersatzansprüche geltend machen soll gegenüber Burgener als ehemaligem Constantin-Chef beziehungsweise gegenüber dem jetzigen Vorstandsvorsitzenden Olaf Schröder. Rund 4 Millionen Euro soll Burgener an Constantin zahlen, Schröder deren 32 Millionen.

Der Vorwurf: Unredlichkeiten und grobe Pflichtverletzungen. Der Hintergrund: Burgener soll – noch als Constantin-Chef – aktiv darauf hingewirkt haben, dass der Medienkonzern die Stimmrechte an der eigenen Tochter, Highlight Communications, nicht ausüben konnte. Auf diese Weise war das Projekt «Casablanca» des Aufsichtsrats, nämlich das Konglomerat einzudampfen und die Filmsparte zu verkaufen, blockiert. Der Baselbieter Unternehmer behielt fortan die Kontrolle über die Mediengruppe, «und zwar unabhängig davon, ob er Constantin Medien kontrollierte oder bei ihr Organfunktion ausübte», wie es im Klageantrag heisst.

Bernhard Burgener wollte zum Klageantrag keine Stellung nehmen. In seinem Umfeld spricht man von einer «Retourkutsche», nachdem Constantin Medien in diesem Frühjahr Klage gegen Dieter Hahn erhoben hatte wegen möglicher Pflichtverletzungen bei Hauptversammlungen der Gesellschaft. Constantin macht vor Gericht Schadenersatzansprüche geltend.

Play it again, Sam

Dass der Rechtsstreit zwischen Hahn und Burgener erneut aufflammt, ist erstaunlich. Im letzten Sommer trat Dieter Hahn als Aufsichtsratsvorsitzender von Constantin ab und reduzierte in der Folge seinen Anteil am Medienkonzern auf unter 3 Prozent. Der Kampf um die Kontrolle bei Constantin war zugunsten Burgeners entschieden.

Mit dem Klageantrag vor dem Landgericht München geht der Disput in die Verlängerung. Burgener und Co. droht ein teures Nachspiel für jenen harten Abwehrkampf, der im Sommer 2015 seinen Anfang nahm, als die «Casablanca»-Pläne des Aufsichtsrats Burgeners Vormachtstellung innerhalb der Mediengruppe zu gefährden drohten.

Damals ergänzte Burgener – noch in seiner Funktion als Constantin-Chef – mit seinem Vertrauten Martin Hellstern die Konditionen eines bestehenden Firmenkredits. Hellsterns Firma Stella Finanz hatte nämlich gegenüber Constantin Medien Darlehen in der Höhe von 26 Millionen Franken und 12,5 Millionen Euro ausstehend. Als Sicherheiten verpfändete Constantin Medien mehr als die Hälfte aller ausstehenden Aktien ihrer wertvollsten Firmentochter, Highlight Communications, an Stella Finanz.

Zum Zeitpunkt der Ergänzungsvereinbarung waren die Stella-Darlehen gemessen am damaligen Marktwert der Highlight-Aktien fast dreifach übersichert. Burgener verlängerte den Rückzahlungstermin für das Darlehen um ein Jahr, wobei sämtliche Highlight-Aktien verpfändet bleiben sollten, selbst wenn Constantin vorzeitig einen Grossteil der Kredite tilgen würde. Weiter gab der heutige FC-Basel-Präsident gemäss Klageantrag bei der Wirtschaftskanzlei Meyerlustenberger Lachenal ein «Memorandum» in Auftrag, das sinngemäss besagte, Stella habe nicht bloss Pfandrecht an den Highlight-Papieren, sondern sei «Vollrechtsinhaberin und Aktionärin».

Rückabwicklung annulliert

Dieser Rechtsauffassung folgend hatte Constantin auch die Stimmrechte der verpfändeten Highlight-Aktien für die Darlehensdauer an Stella abgetreten. Doch Burgener habe dies weder vor Abschluss des Vertrages noch danach «seinen Vorstandskollegen und dem Aufsichtsrat von Constantin Medien» zur Kenntnis gebracht. Hahns Anwälte sind der Auffassung, Burgener habe damit die «Pflichten zur ordnungsgemässen Vermögensfürsorge, Treue, Loyalität und Interessenwahrung gröblichst verletzt».

Burgener gab auf Ende 2015 seinen Rückzug als Constantin-Chef bekannt. Und die Spitze des Medienkonzerns um den Aufsichtsratsvorsitzenden Dieter Hahn kündigte bald danach den Darlehensvertrag mit Stella auf. Constantin versuchte so, der eigenen Highlight-Aktien beziehungsweise ihrer Stimmrechte habhaft zu werden. Doch Stella liess die Rückabwicklung im Sommer 2016 annullieren. Dazu steht im Klageantrag: «Offenkundig war Stella nicht bereit, sich vertrags- und rechtskonform zu verhalten, weil sonst der Dreh- und Angelpunkt der unlauteren Pläne des Herrn Burgener und des Herrn Hellstern weggefallen und diese umgehend gescheitert wären.»

Fehdehandschuh geworfen

An der Generalversammlung von Highlight Communications Ende 2016 war Stella jedenfalls die grösste stimmberechtigte Aktionärin und konnte so die Ausschüttung der Dividende von knapp 5 Millionen Franken an die klamme Constantin-Mutter blockieren, nicht zuletzt weil Burgener als Highlight-Präsident kurz vor der GV weitere Aktien aus dem Gesellschaftsbestand an Stella veräusserte. Gemäss letztem Highlight-Geschäftsbericht ist ein Grossteil des Kaufpreises von 26,4 Millionen Euro bis dato ausstehend.

Mit dem Klageantrag hat Hahn den Fehdehandschuh geworfen. Ob die Richter in München ihn aufnehmen beziehungsweise Constantin den eigenen Grossaktionär Burgener auf Schadenersatz einklagen muss, dürfte sich in den nächsten Monaten entscheiden.

Der Assistent

Marcel Zoller Er war zehn Jahre lang Finanzchef von Raiffeisen. Nun tritt Zoller vorzeitig ab. Ein Porträt eines Managers, der seinen Chefs treu ergeben diente.

Marcel Zoller zögert am Telefon: Ob ein abtretender Finanzchef wirklich ein Porträt wert sei? Er überlege es sich. Keine zwei Stunden später ruft der Raiffeisen-Manager wieder an. Die Kommunikationsstelle der Bank habe ihm «unter den gegebenen Umständen» davon abgeraten, sich mit dem Journalisten zu treffen.

Warum ist klar. Die Ermittlungen gegen seinen langjährigen Chef, Pierin Vincenz, überschatten Zollers Abschied. Bereits die Ankündigung seiner Frühpensionierung im Spätherbst kommt zum dümmsten Zeitpunkt. Just einen Tag nachdem das Finma-Verfahren gegen den Ex-Raiffeisen-Boss öffentlich wird, gibt die Bank Zollers «vorzeitigen Ruhestand» auf Ende April bekannt. Danach wird Raiffeisen-Chef Patrik Gisel nicht müde zu betonen, der Exit seines Finanzchefs sei «von langer Hand geplant» und habe nichts mit dem laufenden Finma-Enforcement zu tun.

Hiobsbotschaft nach Herzinfakt

Das Aufsichtsverfahren gegen Bank und Ex-Chef hinterlässt dennoch Spuren beim Sechzigjährigen. Anfang Jahr erleidet Zoller einen Herzinfarkt, von dem er sich gut erholt habe, wie Vertraute erzählen. Kaum genesen, folgt die nächste Hiobsbotschaft. Die Zürcher Staatsanwaltschaft eröffnet gegen seinen ehemaligen Vorgesetzten Pierin Vincenz ein Strafverfahren wegen «ungetreuer Geschäftsbesorgung». Zoller wird daraufhin gemäss Finanzblog «Inside Paradeplatz» stundenlang als Auskunftsperson einvernommen.

Dass sich die Strafermittler für Zoller interessieren, erstaunt nicht. Seit 2008 stand der Ostschweizer seinem omnipotenten Bündner Chef treu zur Seite. Schliesslich wechselte ihn Vincenz damals von der Lokalkonkurrenz ein. Bei der St. Galler Kantonalbank kümmerte sich Zoller als Leiter Service Center um operative Prozesse. Vincenz machte ihn zum Finanzchef.

Zoller sei kein Zahlenmensch im klassischen Sinne, kein typischer Buchhalter, sagt ein Wegbegleiter. Er habe stets versucht, die Kennziffern in einen Zusammenhang zu stellen. Bodenständig und nahbar sei er. Ein etwas biederer Schaffer, was gerade bei den Genossenschaftern draussen im Land gut angekommen sei.

Weniger charmant formuliert es ein anderer Mitstreiter aus Raiffeisen-Tagen: «Zoller war von seinem Werdegang her schlicht kein Finanzfachmann.» Inhaltliche Diskussionen seien nicht seine Sache gewesen. Die habe er seinen Untergebenen delegiert wie dem inzwischen ebenfalls pensionierten Stellvertreter Paolo Arnoffi, dem damaligen Rechnungswesen-Leiter Markus Lüthi oder Nachfolger Christian Poerschke, der unter Zoller zwischenzeitlich das Controlling leitete.

Besondere Aufgaben

Der Finanzchef selber habe straff durch Prozesse geführt: gewissenhaft, genau und stets loyal zum Alphabanker an der Spitze des Raiffeisen-Reichs, dessen Strafverfahren das Verhältnis zu Zoller nun massiv belastet. «Er war stets Pierins Gefolgsmann», heisst es aus mehreren Quellen. Entsprechend bedachte ihn der Raiffeisen-Chef, zu dem Zoller ein Vertrauensverhältnis hatte, mit besonderen Aufgaben.

Zoller sass, unter anderem mit Rechtschefin und Vincenz-Lebensgefährtin Nadja Ceregato, im M&A-Board der Bank. Jenem Gremium, das die Beteiligungsnahmen der Raiffeisen zu prüfen hatte – sage und schreibe deren hundert seit 2005.

Zoller war es auch, der zusammen mit Vincenz die Investnet Holding für Raiffeisen Schweiz gründete, an der sich der abtretende Chef später offiziell beteiligte. Vincenz und sein Geschäftsfreund Beat Stocker sollen aber möglicherweise bereits zuvor – verdeckt – an der Raiffeisen-Tochter Investnet über einen Treuhandvertrag investiert gewesen sein. Das KMU-Vehikel ist Gegenstand der Strafuntersuchung gegen Vincenz und Stocker.

Der Ceams-Kauf war Chefsache

Andere Zukäufe von Raiffeisen unter der Ägide des Bündner Starbankers stehen bisher nicht im Fokus des Zürcher Staatsanwalts Marc Jean-Richard-dit-Bressel. So zum Beispiel die Zolliker Anlageboutique Dynapartners, die Finanzchef Marcel Zoller schliesslich wieder zu veräussern hatte. Dynapartners-Gründer Beat Wittmann selbst wollte sich auf Anfrage zu «früheren geschäftlichen Beziehungen» nicht äussern. Dokumente zeigen, dass Raiffeisen Schweiz praktisch seit der Gründung von Dynapartners Mitte 2009 am Asset Manager beteiligt war und in der Folge mehrfach Aktien zeichnete. Also lange bevor Chef Vincenz der Bauernbank seine Asset-Management-Strategie verpasste. Erst im Frühjahr 2013, also knapp vier Jahre später, gründete die Raiffeisen-Tochter Notenstein die Asset-Management-Dachgesellschaft TCMG, deren operativer Chef der Dynapartners-Gründer Beat Wittmann wurde.

In die TCMG brachte Raiffeisen zum einen Dynapartners ein, die damals bereits mehrheitlich der Bank gehörte. Und zum anderen die ehemalige Wegelin-Tochter 1741 Group. Mit der Gründung der TCMG als Dachgesellschaft stand – ähnlich wie später bei der Investnet Holding – die Bewertungsfrage der einzelnen Assets im Zentrum. Gemäss mehreren Quellen soll Vincenz’ Gefährte Beat Stocker damals eine Bewertung von Dynapartners angefertigt haben, die von den Notenstein-Managern als «abstrus hoch» zurückgewiesen wurde. Sie setzten sich schliesslich durch.

Anders bei einem weiteren Assetmanager, den Raiffeisen unter das TCMG-Dach akquirierte. Es war dies die Competitive Edge Asset Management, kurz Ceams, der beiden Ex-Grossbanker Philipp Weckherlin und Markus Hepp. Weckherlin und Vincenz dissertierten im selben Jahr beim selben Doktorvater an der Hochschule St. Gallen. Man kannte sich.

Raiffeisen zeichnet im Herbst 2014 an Ceams zunächst einen 70-Prozent-Anteil für 24,5 Millionen Franken, wie Dokumente zeigen. Mehrere mit dem Dossier vertraute Quellen bezeichnen den Kaufpreis übereinstimmend als «sehr hoch». Das Ceams-Dossier war jedoch Chefsache. Vincenz beziehungsweise Zoller sollen die Verträge ausgehandelt haben. Die geplante Vollübernahme ist an Business-Ziele geknüpft, die Ceams zunächst nicht erreicht. Die restlichen Aktien übernimmt Raiffeisen trotzdem, um nur kurz darauf die eigene «Multi-Boutique-Strategie» zu Grabe zu tragen. Als Liquidator der Dachgesellschaft TCMG amtet Finanzchef Marcel Zoller.

Der liquidiert nicht nur Firmen, sondern auch Wildtiere. Zoller ist nämlich passionierter Jäger mit einem Pachtrevier in Vorarlberg. Dort nimmt er auch Platzhirsche aufs Korn.

Jürg Buchers Zinswette

Postfinance Er war der unangefochtene Star des gelben Riesen: Jürg Bucher, Chef der Postfinance und später gar Konzernleiter. In seinen langen Jahren beim Berner Finanzdienstleister schossen die Kundengelder durch die Decke, von 25 auf über 90 Milliarden Franken. Der Boost an Publikumseinlagen erfolgte ohne Banklizenz, dank gesetzlicher Ausnahmeregelung. Ende 2011 schied Bucher als gefeierter Postmanager aus. Er hatte die Finanztochter in seiner Regentschaft zur Ertragsperle gemacht. Was kurz darauf folgte, war die Umwandlung der Postfinance zu einer privatrechtlichen Aktiengesellschaft samt Bewilligung der Finanzaufsicht Finma als Bank und Effektenhändlerin.

Goldene Ära

Seither geht es mit der Postfinance bergab. Das Betriebsergebnis sinkt, die Kosten steigen, das Geschäftsmodell ist unter Druck. Von Hansruedi «Housi» Köngs propagierten «Digital Powerhouse»-Zielen ist man weit entfernt. Gerne erinnert man sich da an die goldene Ära der Postfinance.

Doch nun zeigt die Einschätzung der Finanzmarktaufsicht, dass der Erfolg in der Prä-Banken-Zeit teuer erkauft war beim Staatsinstitut. Postfinance ging nämlich in den Jahren zuvor Zinsrisiken in einem Ausmass ein, «das die Finma bei einem von ihr überwachten Institut nicht akzeptieren kann». Die goldene Ära von Jürg Bucher erscheint plötzlich in einem neuen Licht.

Zank um Zinsrisiken

Postfinance Die Staatsbank zofft sich mit der Finma: Wie stabil ist das Institut, wenn die Zinsen steigen? Der Streit mit dem Regulator lässt tief blicken.

Das 55-seitige Urteil des Bundesverwaltungsgerichts hat es in sich. Die Finanzmarktaufsicht (Finma) legt darin ihre regulatorische Contenance ab und redet Tacheles: Die Postfinance sei «ein auffälliges Institut», eine «Ausreisser-Bank» und stelle «in Bezug auf die Zinsrisiken einen Sonderfall» dar. Das Fazit der Finma, zusammengefasst von den BVG-Richtern, lautet: Die «Mindesteigenmittel und der Eigenmittelpuffer» der Postfinance würden zu den im Vergleich zu anderen Banken vermehrt eingegangenen Zinsrisiken «keine ausreichende Sicherheit mehr gewährleisten».

Die Finma hat deshalb vor knapp zwei Jahren gestützt auf die Basel-III-Regeln verfügt, die Postfinance müsse gegebenenfalls mehr Eigenmittel halten, wenn die Zinsen sich verändern. Es geht um einen potenziellen Kapitalzuschlag in der Grössenordnung eines halben oder gar eines ganzen Jahresgewinns.

Dagegen hat Postfinance Beschwerde vor dem Bundesverwaltungsgericht erhoben. Sie wurde vom BVG Ende März abgewiesen. Die Finma sieht sich in ihrer Aufsichtspraxis bestätigt. Dem gelben Staatsinstitut bleibt bis Anfang Mai der Gang vors Bundesgericht. Ob der Weiterzug angetreten werde, stehe zum jetzigen Zeitpunkt noch nicht fest, sagt Postfinance-Sprecher Johannes Möri.

Keine triviale Angelegenheit

Heute schon gewährt der Rechtsstreit einen intimen Einblick in das spannungsgeladene Verhältnis zwischen Finma und Postfinance. Zankapfel sind die Zinsrisiken der Staatsbank – beziehungsweise deren Bewertung durch die Aufsicht.

Der Finma dient als Massstab für den Kapitalzuschlag das Zinsänderungsrisiko: Wie viel Wert das Eigenkapital der Bank also tatsächlich hat, wenn sich die Marktzinsen um einen Prozentpunkt verändern. Je nach Sensitivität der Eigenmittel, also dem potenziellen Schwund der Kapitalbasis, müsste die Postfinance mehr oder weniger Geld einschiessen. Bei einer EK-Sensitivität von über 10 Prozent sind gemäss Finma-Verfügung 270 Millionen fällig, bei 15 und mehr wären es gar 540 Millionen Franken. Zum Vergleich: Postfinance selbst rechnet gemäss Geschäftsbericht 2017 bei gleichem Zinsschritt mit einer Minderung des Eigenkapitals um bloss 29 Millionen Franken.

Zentral für die Bemessung dieser Zinsrisiken ist die sogenannte Zinsbindungsdauer. Also jene Zeitspanne, in der die Zinsen (vertraglich) fixiert sind. Keine triviale Angelegenheit bei einer «halben Bank» wie der Postfinance, die auf der Aktivseite keine Kredite oder Hypotheken vergeben darf und gleichzeitig eine dominante Stellung im Zahlungsverkehr hat. Auf der Passivseite hält Postfinance nämlich deutlich mehr Sichtgelder als Sparbatzen. Die Sichtgelder können rasch abgezogen werden. Ihre Laufzeit ist unbestimmt, ihr Zinssatz variabel. Damit muss die Zinsbindungsdauer geschätzt werden.

Diese kalkulatorische Unschärfe beim verhältnismässig grossen Anteil an Sichtgeldern schürt den Glaubenskrieg zwischen Finma und Postfinance. Die zentrale Frage lautet: Wie treu sind Postkonto-Kunden mit ihren Einlagen, wenn dereinst die Marktzinsen (sprunghaft) steigen? Locken höhere Zinserträge ausserhalb der Bank und führen zu substanziellen Liquiditätsabflüssen? Oder sind die Kunden bereit, eine Prämie zu zahlen angesichts der hohen Verfügbarkeit der Postkonti?

Zinsbindungsdauer zentral

Konkret unterstellt die Finma der Postfinance pauschal eine Zinsbindungsdauer von zwei Jahren, was diese als «unverhältnismässig» und «unangemessen» erachtet. Zum Vergleich: Die durchschnittliche Zinsbindungsdauer aller Spargelder der Banken lag in den letzten zehn Jahren bei eineinhalb Jahren. Sie lag also noch unter der Finma-Frist für die Postfinance.

Dennoch geht das Staatsinstitut dem Vernehmen nach in der bankeigenen Zinsrisiko-Bewertung von einer substanziell längeren Zinsbindungsdauer aus und fordert empirische Evidenz für die von der Finma unterstellte kürzere Frist: Beweise bitte. Ansonsten resultiere ein höheres Risiko bei tieferen Erträgen. Das sei ökonomisch unsinnig.

Die Finma sieht sich bemüssigt, ihre zwei Jahre zu begründen, und liefert eine Einschätzung der Postfinance und ihres Geschäftsumfelds. Erstens geht die Aufsicht davon aus, dass die gelbe Bank bei einer «Normalisierung des Zinsumfeldes» Gelder verliert. Indem diese «zumindest teilweise ertragsreicheren Anlagezwecken» zugeführt würden. Zweitens rechnet die Finma damit, dass Kunden künftig schneller bereit seien, «zugunsten eines attraktiveren Angebots den Anbieter zu wechseln». Der Markt werde transparenter. Drittens führt die Harmonisierung des Zahlungsverkehrs von Postfinance und SIX dazu, dass sich «die Auswechselbarkeit der Anbieter im Zahlungsverkehr» erhöhe. Und viertens spreche für eine kürzere Kundenbindungsdauer, dass die Postfinance «als privatrechtliche und eigenständige Bank und nicht mehr als Teil des staatlichen Postbetriebs» wahrgenommen werde.

Milliarden als Sicherheit parkiert

Bei der gelben Bank sorgt das Aufsichtsargumentarium für Stirnrunzeln. Dort verweist man auf jene 36 Milliarden Franken an flüssigen Mitteln, die bei der SNB parkiert sind. Und Postfinance erinnert gerne an ihre Mindestliquiditätsquote von knapp 200 Prozent.

Russisches Roulette

Julius Bär Es war das Amuse-Bouche für die Generalversammlung der Julius Bär. Doch es war eines, das den Aktionären der Privatbank im Halse stecken blieb. Die Rede ist vom knappen Artikel, den die NZZ wenige Tage vor der GV über das Enforcement der Finanzmarktaufsicht bei der Bank Bär veröffentlichte. Im Visier der Aufsicht: Compliance-Schlampereien mit Geldern aus dem Umfeld des Fussballverbands Fifa und des staatlichen Ölkonzerns von Venezuela. Als wären die genannten Fälle nicht gravierend genug, soll die Bär-Spitze von den Rüstungs-Deals ihres suspendierten Moskau-Leiters W. M. nicht nur gewusst haben. Ein Konzernleitungsmitglied der Julius Bär habe W. M. gar die «Nebenbeschäftigung» als Waffenschieber bewilligt – trotz starken Bedenken der internen Compliance.

Hodler als Notnagel

Ein Entscheid, der russischem Roulette mit der Reputation der Bank gleichkommt. Die Episode deutet jedoch exemplarisch auf die Geisteshaltung in der langen Ära Collardi: Wachstum über alles, wen kümmern die Kollateralschäden. Doch Collardis Nachfolger, Bernhard Hodler, ist nicht die Lösung, sondern vielmehr Teil des Sorgfalts-Problems. Der ehemalige Compliance-Chef und oberste Risiko-Mann hätte ja eigentlich bald in den Verwaltungsrat wechseln sollen. Doch Präsident Sauter wurde vom Exit Collardis derart überrascht, dass Hodler als Notnagel herhalten musste. Kaum eine Wahl mit langer Zukunft.

Mehr als ein Quantum Ärger

Jean-Claude Bastos Angola geht gegen seinen Staatsfondsverwalter vor. Bankkonten und Fonds wurden blockiert, Vermögensmandate gekündigt.

Die Luft wird dünner für Jean-Claude Bastos. Es ist jener Schweizer Unternehmer, der bis dato die Milliarden des angolanischen Staatsfonds FSDEA mit seiner Quantum-Gruppe verwalten durfte. Und es ist jener schillernde Afrika-Investor, der bis zu den Enthüllungen der «Handelszeitung» Anfang November 2017 von der Schweizer Wirtschaftsprominenz hofiert wurde.

Ob alt Bundesrätin Ruth Metzler, Monika Ribar, Marcel Rohner oder Ex-Deza-Chef Walter Fust – sie alle und noch viele andere Manager, Consultants und Anwälte hierzulande liessen sich für Bastos’ Zwecke einspannen: Sei es mit einem Offshore-Mandat für einen Tiefsee-Hafen im Norden Angolas (Ribar), sei es als Schweizer «Governance-Verantwortliche» für Quantum (Metzler) oder als Berater von Prime-Immobilien-Deals für Angolas Nationalbank (Rohner).

Nun aber scheint Bastos’ Stern zumindest in Angola im Sinken begriffen. Der neue Präsident des Landes, João Lourenço, geht konsequent gegen Familie und Entourage seines Vorgängers José Eduardo dos Santos vor. So wurde beispielsweise dos Santos’ Sohn Zenu – ein Jugendfreund von Bastos – Anfang Jahr als Präsident des Staatsfonds FSDEA entfernt. Zeitgleich löste der Fundo Soberano mit der Firma Quantum Global Investment in Zug das Verwaltungsmandat für Vermögen in Höhe von 1,7 Milliarden Dollar auf, wie die «Handelszeitung» erfuhr.

«Veruntreute Gelder aufspüren»

Und nun, keine drei Monate nach der Rochade an der Staatsfonds-Spitze, hat Präsident Lourenço einen Vertreter nach Mauritius entsandt, um die dortigen Ermittlungen im Zuge der «Paradise Papers» zu befördern. Die Untersuchung der «Affaire Bastos» laufe, sagte Sudhir Sesungkur, Mauritius Minister für Finanzdienstleistungen und Good Governance, jüngst in der Lokalpresse: Die Massnahmen stünden in Zusammenhang mit Angolas Absicht, «veruntreute Gelder des Landes aufzuspüren».

Konkret hat der maurizische Fondsregulator FSC alle Investmentvehikel des angolanischen Staatsfonds gesperrt. Die Private Equity Investments wurden auf der Insel durch Bastos’ Quantum-Gruppe verwaltet. Die sieben Vehikel decken Bereiche wie Gesundheitswesen, Holzwirtschaft, Minen oder Hotellerie ab. In den jeweiligen Verwaltungsräten sass stets der damalige Präsidentensohn Zenu, ein enger Freund Bastos’. Das Nettovermögen der sieben Mauritius-Fonds betrug gemäss Staatsfonds-Bericht per Ende 2015 rund 2,7 Milliarden Dollar.

Gegen 300 Millionen Dollar gesperrt

Mit der Sperrung der Finanzvehikel hat das oberste Gericht des Inselstaats auf Antrag der Staatsanwältin (siehe Dokument) und der Finanzaufsicht FIU annähernd sechzig Konten von Bastos und Quantum Global einfrieren lassen. Es handelt sich vorwiegend um Konten bei lokalen Banken, auf denen sich umgerechnet gegen 300 Millionen Dollar befinden sollen.

Quantum betont, man habe alle Kundengelder in Übereinstimmung mit den genehmigten Anlagerichtlinien und den Gesetzen der Länder verwaltet, in denen die Gruppe tätig ist. «Wir sind zuversichtlich, dass wir unsere Investitionstätigkeiten wie geplant durchführen können», erklärt ein Quantum-Sprecher weiter.

Jean-Claude Bastos selbst stand für eine Stellungnahme nicht zur Verfügung. Doch bereits letzten Herbst war der Afrika-Investor wenig angetan von seiner Mauritius-Dépendance, die damals nach eigenen Angaben rund 35 Quantum-Mitarbeiter beschäftigte. «Mauritius war keine gute Entscheidung gewesen», sagte er zur «Handelszeitung». Gleichzeitig kündigte er an, die Anzahl Mitarbeiter dort massiv zu reduzieren und Dubai zum neuen Investment-Hub aufbauen zu wollen. Kaum ein Jahr nachdem er mit Quantum «eine entscheidende Rolle beim Aufbau eines Finanzökosystems auf Mauritius» spielen wollte.

Bastos-Anwalt widerspricht

Bereits bei der Gründung der maurizischen Fondsgesellschaften soll es gemäss «Tages-Anzeiger» zu Ungereimtheiten gekommen sein: Bastos habe gegenüber den Behörden auf Mauritius «unvollständige oder gar irreführende Angaben» zu seiner Verurteilung von 2011 gemacht. Er war damals vom Zuger Strafgericht schuldig gesprochen worden wegen «mehrfacher qualifizierter ungetreuer Geschäftsbesorgung» bei der Liquidation der Firma ProKMU Invest. Das Urteil liegt der «Handelszeitung» vor.

Dem Gesuch für die Mauritius-Firmen lag eine Zusammenfassung des Urteils durch Martin Neese bei. Der Bastos-Rechtsvertreter im Fall ProKMU betont auf Anfrage, dass er korrekt festgehalten habe, «dass und weswegen mein damaliger Mandant zu einer Busse verurteilt wurde». Angesprochen auf die bedingte Geldstrafe von 175 000 Franken, die in Neeses Zusammenfassung fehlt, hält er fest, dass die Strafe mit Ablauf der Probezeit erlischt. «Das ist ja gerade der Sinn des bedingten Strafvollzugs.»

Neese hat Bastos nicht nur im Fall ProKMU vertreten, er amtet seit Jahren als Verwaltungsrat in Schweizer Quantum- und Bastos-Gesellschaften. Gleichzeitig sitzt der Zuger Wirtschaftsanwalt in gewichtigen Bundesgremien wie der Kontaktgruppe Geldwäschereibekämpfung oder dem Internationalen Standardsetting Finanzmarktintegrität (ISFIN). Auch ist er Präsident der Selbstregulierungsorganisation VQF, welche die Quantum Global Investment Management als Finanzintermediär beaufsichtigt. Neese sagt dazu: Die Quantum-Aufsicht würde durch eine unabhängige Kommission wahrgenommen.

Auf den «Asset Freeze» im Inselstaat angesprochen, hält er fest: «Ich war und bin in die Vorgänge auf Mauritius nicht involviert.» Allerdings strahlen die Aktionen von Präsident Lourenço bis in die Schweiz aus. Der Staatsfonds hat auf Anfang Jahr sämtliche Vermögensverwaltungsmandate gekündigt. Auch jene mit der Zuger Quantum Global Investment Management, welche für den FSDEA klassische Anlagen betreute und dafür gemäss Geschäftsbericht 2014 rund 20 Millionen Dollar einstrich. Nun schreibt Angola die Aufträge neu aus. «Ich gehe davon aus, dass wir uns erneut bewerben», sagt Quantum-VR Neese.

Die Kunst der Auslassung

Ruag Der Rüstungskonzern vertrieb seine Munition in Russland über die Privatfirma des Moskau-Chefs der Bank Julius Bär. Nun fordern Politiker volle Aufklärung.

Eigentlich sollte Ruag-Chef Urs Breitmeier die Jahreszahlen des Rüstungskonzerns rapportieren. Doch nachdem die «Handelszeitung» die privaten Russland-Deals eines Ruag-Managers enthüllt hatte, übte sich Breitmeier an der Bilanzmedienkonferenz in Krisenkommunikation. Er tat dies mit viel Emotion («Ich war schockiert») und wenig Erhellendem («Ruag hat in der Zeit vor dem Embargo Munition nach Russland an die Präsidentengarde geliefert»).

Das war die hohe Kunst der Auslassung. Was Breitmeier zu den eigenen Russland-Deals vor dem Embargo nicht sagte, war: Wer die Munition für den Schweizer Rüstungsbetrieb in Russland vertrieben hatte. Die Patronen für Putins Präsidentengarde wurden nämlich ganz offiziell über die Firma des Bankers W. M. (Name der Redaktion bekannt) vertrieben. Es ist jener Mann, der mit dem Ruag-Manager und einem Zuger Waffenhändler nebenher noch private Rüstungsdeals machte und deswegen von der russischen Anti-Korruptions-Behörde befragt und vom Arbeitgeber – der Bank Julius Bär – suspendiert wurde.

W. M. war also in doppelter Mission unterwegs: Er machte hinter dem Rücken der Privatbank nicht nur Rüstungsdeals, bei denen mutmasslich Schmiergeld an Staatsbedienstete geflossen sein sollen. Der Banker vertrieb in Russland über die eigene Firmen-Gruppe die Ruag-Munition – und das bis 2014. Bis heute schmückt sich die Gesellschaft von W. M. auf ihrer Firmen-Website mit dem Titel als «Distributor» für Ruag, samt Logo des bundeseigenen Rüstungskonzerns.

Die Firma von W. M. hat ihren Ursprung in Kingstown, der Hauptstadt des Karibikstaats St. Vincent und der Grenadinen. Auf dem tropischen Eiland ist die Firma International Maritime Shipping Corporation, kurz IMSC, im sogenannten Trust House registriert. Das ist eine beliebte Adresse für Briefkastenfirmen, die zu Hunderten in den Paradise Papers auftauchen. Dort, an der Bonadie Street 112 in Kingstown, wurde 2005 die IMSC gegründet (siehe Ausriss). Aktienkapital: 1 Million Euro, einbezahlt von W. M.

Erst Öl, dann Waffen

IMSC ist die private Offshore-Gesellschaft jenes Mannes, der zuerst für die Liechtensteiner VP Bank und später für die Bank Julius Bär das Representative Office in Moskau leiten sollte. Und die IMSC ist jene Gesellschaft, mit der Ruag Ammotec – also die Munitionsdivision des Bundesbetriebs – später eine Vertriebskooperation für Russland und wohl auch für weitere GUS-Staaten hatte.

Zunächst war die IMSC aber kein Rüstungsvertrieb für Ex-Sowjetstaaten, sondern fungierte offenbar tatsächlich als maritimer Logistiker, wie der Firmenname suggeriert. Man sei in Zürich basiert, habe eine technische Abteilung in Sankt Petersburg und über Partner eine Öltankerflotte, hiess es nämlich zunächst auf der Firmen-Website namens imsc.ru.

Einige Jahre später lautete der Claim des Webauftritts plötzlich: «Investment in Russia – participate: save and successful.» Die Frachtlogistik war da nur noch ein Nebenzweig von Banker W. M. Seine Firma vertrieb nun Rüstungsgüter. In jene Zeit fällt auch die Gründung einer gleichnamigen Gesellschaft in Zug, die später zur 100-Prozent-Tochter der karibischen IMSC werden sollte. Deren Firmenzweck offenbart, was der damalige VP-Banker W. M. und seine Partner nun vorhatten, nämlich Handel, «insbesondere mit Gütern und Systemen der Rüstung und Sicherheit».

Zu den IMSC-Kunden gehört auch Ruag. Der Bundesbetrieb bestätigt auf Anfrage, dass «die Firma IMSC mit Sitz in Zug Kunde von Ruag war und die Lieferungen an den Endkunden abgewickelt hat». Ruag-Sprecherin Kirsten Hammerich sagt dazu: «Wir haben von 2010 bis zum Inkrafttreten des Embargos im Jahr 2014 Kleinkalibermunition für insgesamt rund 1 Million Franken nach Russland geliefert.»

Im Vorfeld der Geschäftsbeziehung zwischen Ruag und der IMSC soll es auch zu einer Sicherheitsüberprüfung von W. M. gekommen sein. Der Bericht soll für den Banker nicht sehr vorteilhaft gewesen sein, verlautet es aus einer Quelle. Passiert ist nichts. Ruag sagt dazu, man habe keine Kenntnis von einem Sicherheitscheck durch die Bundespolizei.

Zweifel an Einzelfall-Version

Die Affäre rund um die staatliche Ruag hat längst die Politik aufgeschreckt. Nächsten Montag werden mögliche Verstösse gegen Sorgfaltspflichten und Richtlinien Thema der Sicherheitspolitischen Kommission des Nationalrats (SiK) sein. «Ich habe den Verteidigungsminister aufgefordert, detailliert Auskunft über die Fälle zu geben», sagt SVP-Nationalrat und SiK-Präsident Werner Salzmann. Ob man danach auch die Ruag-Führung aufbieten wolle, werde man im Anschluss an die Anhörung entscheiden.

Derweil hegen Parlamentarier Zweifel an der Aussage der Ruag-Spitze, dass es sich um einen Einzelfall handle. «Dass dies nicht stimmt, hat die ‹Handelszeitung› bereits aufgedeckt», sagt der grüne Nationalrat Balthasar Glättli. Kollege Beat Flach von den Grünliberalen fordert eine lückenlose Aufklärung. «Es darf nicht sein, dass Führungspersonen von Ruag gleichzeitig privat Geschäfte betreiben dürfen. Verteidigungsminister Parmelin muss in der Anhörung in der Sicherheitskommission klarmachen, dass solche Aktivitäten unterbunden werden.» Er erwarte, dass Ruag mehr Handlungswillen an den Tag legt, was die Verbesserung der Compliance betreffe.

Ins gleiche Horn bläst FDP-Nationalrätin Corina Eichenberger-Walther. «Ruag bewegt sich in einem sehr exponierten Geschäft. Es ist deshalb wichtig, dass das Unternehmen seine Compliance intensiviert», sagt sie. Die Kritik der EFK an den Compliance-Standards vor zwei Jahren habe bereits zu einer Verbesserung der Situation geführt. Die jüngsten Skandalfälle zeigten, dass man den Finger weiter draufhalten müsse.

Ruag liefert Munition

Rüstung Der Russland-Deal ist kein Einzelfall. In der Munitionsdivision gab es mehrere Compliance-Fälle. Im Herbst musste der Divisionschef gehen.

Es ist das Stelldichein der globalen Rüstungsbranche, die Waffenmesse Idex im Wüstenstaat Abu Dhabi. Sie findet alle zwei Jahre statt, jüngst Mitte Februar 2017. An der Idex war auch Ruag vertreten. Am Stand des Rüstungsbetriebs war auffällig oft der Moskau-Leiter der Bank Julius Bär anzutreffen. Warum, ist erst jetzt klar, nachdem die «Handelszeitung» vergangene Woche dessen Rüstungsgeschäfte aufgedeckt hat (siehe Ausriss).

An der Idex wandte sich auch ein Zuger Waffenhändler erstmals an den Rüstungsbetrieb. Er lieferte Hinweise zu mutmasslich verdeckten Russland-Deals eines Ruag-Managers. Dieser Kadermann der Munitionsdivision Ammotec wurde inzwischen freigestellt. Die Bundesanwaltschaft durchsuchte letzte Woche sein Büro am Ammotec-Sitz in Thun.

Nicht informiert

Mit den brisanten Infos zum Ruag-Manager wandte sich der Whistleblower in Abu Dhabi direkt an den damaligen Leiter der Munitionsdivision, Ammotec-Chef Cyril Kubelka. Die Folgen: keine. «Dass Herr Kubelka bereits früher über diese Angelegenheit informiert worden sein soll, ist uns nicht bekannt», sagt eine Ruag-Sprecherin. Man habe Kenntnis vom Vorfall, seitdem sich ein Whistleblower Anfang 2018 an die Compliance der Firma wandte. Ruag eröffnete daraufhin eine interne Untersuchung.

Zum Zeitpunkt der Untersuchung ist Cyril Kubelka, den der Whistleblower als Ersten informierte, bereits nicht mehr Leiter der Munitionsdivision. Der Ammotec-Chef – seit 2004 im Amt – verliess Ruag Ende September. Man wünsche ihm für die Zukunft nur das Beste, liess sich Ruag-Chef: Urs Breitmeier im Communiqué zitieren. Doch Kubelkas Abgang war nicht freiwillig erfolgt. Gegenüber der «Handelszeitung» räumt Ruag ein, dass es «aufgrund unterschiedlicher Auffassungen», unter anderem zur Governance, zum «Austritt des Divisionsleiters» kam. Konkret stolperte Kubelka, wie mehrere Quellen bezeugen, über gravierende Compliance-Mängel in der Ruag-Munitionsproduktion im ungarischen Sirok. Das Werk stammt noch aus Sowjetzeiten.

Die Ammotec-Fabrik im Nordosten Ungarns taucht nämlich – anonymisiert – im Bericht «Prüfung des Compliance Management System – Ruag» auf, den die Eidgenössische Finanzkontrolle (EFK) im Oktober 2016 verfasste. Darin machen die Kontrolleure des Bundes schwere Versäumnisse im Werk aus. Die von der EFK besuchte Fabrik sei auch acht Jahre nach der Übernahme durch Ruag «faktisch nicht integriert».

Nicht visiert

Die EFK listet alle Compliance-Mängel Punkt für Punkt auf: «Ein formelles internes Kontrollsystem ist nicht implementiert. Weisungen liegen kaum vor. Belege für abgerechnete Spesen konnten nicht vorgelegt werden. (…) Wer welche Kompetenzen in Bezug auf finanzrelevante Vorgänge hat, ist im Einzelnen nicht formell geregelt. Genehmigungsinstanzen beim Einkauf sind nicht nachweisbar. Rechnungen sind nicht visiert.» Und so weiter und so fort.

Nebst all diesen prozessualen Mängeln weisen die Kontrolleure auch auf praktische Missstände hin wie eine Bauvergabe, bei der aussergewöhnlich hohe Anzahlungen flossen. Oder ein IT-System, dessen Kunden- und Lieferantendaten nicht geschützt sind.

Der Passus zur Ammotec-Fabrik gipfelt darin, dass die EFK im Sommer 2016 der Ruag-Führung um Chef:°° Urs Breitmeier die in Sirok gesammelten Fakten präsentiert, worauf die Topmanager einer «möglichst kurzfristig anzusetzenden Nachprüfung» zusagen.

Doch stattdessen informieren Breitmeier und Co. die Hauptakteure bei Ammotec umgehend über die EFK-Befunde. Die Kontrolleure konstatieren: «Somit besteht Verdunkelungsgefahr, was den Nutzen der Abklärung infrage stellt.» Auf die Verhältnisse in Sirok angesprochen, betont Ruag heute, dass «keine relevanten strafrechtlichen Verstösse» festgestellt wurden. Man habe Massnahmen eingeleitet und sich vom Standortleiter getrennt.

Fall in Florida

Nicht nur im Osten lag einiges im Argen bei Ammotec. Unter der Ägide des damaligen Divisionsleiters Kubelka gab es einen weiteren Fall. Die Munitionssparte übernahm 2009 die in Tampa, Florida, domizilierte Precision Ammunition LLC. Der Betrieb stellt Spezialmunition her.

Gründer der Munitionsfabrik im Sonnenstaat ist ein Mann namens Daniel L. Powers. Der Patron wurde nach der Übernahme durch die Schweizer zum «CEO Ruag Ammotec USA» gekürt. Allerdings ist es zu Beginn um den Zukauf durch die Schweizer nicht zum Besten bestellt, geschäftlich wie personell. Die amerikanische Ammotec schreibt im Jahr der Übernahme rote Zahlen, wie ein Bericht der deutschen Zwischenholding dokumentiert.

Der Absatz harzt, die Fertigung stockt. Doch schlimmer als die geschäftlichen Probleme wiegt, dass bei Ammotec USA offenbar getrickst wurde. So kam es 2011 zu verschiedenen widerrechtlichen Handlungen. Konkret: zu fiktiven Munitionsentsorgungsgeschäften und privaten Waffenverkäufen. Der damalige Ammotec-USA-Chef soll aus diesen Aktivitäten unrechtmässige Profite im hohen sechsstelligen Bereich erzielt haben.

Nie belangt

Auch dieser Compliance-Fall war Chef Kubelka gemeldet worden. Aber Powers wurde sowohl straf- wie zivilrechtlich nie von Ruag belangt.

Zu den Machenschaften in Florida schreibt der Rüstungsbetrieb: Der Vorfall in Tampa sei intern von Ruag Ammotec selbst aufgedeckt worden. «Es wurden Massnahmen eingeleitet und das Arbeitsverhältnis mit dem betroffenen Mitarbeiter wurde gekündigt», sagt die Sprecherin. Die Konzernspitze sei über den Vorfall im Bild gewesen.

Dass das Compliance-«Issue» nach einer Akquisition passierte, ist kein Zufall. So spricht die Eidgenössische Finanzkontrolle in ihrem Prüfbericht explizit Übernahmen an, wie jene der Precision Ammunition. Die Bundeskontrolleure bemängeln, dass bei Ruag eine «dezidierte Compliance Due Dilligence» bei Akquisitionen bisher «nicht systematisch» stattgefunden habe. Fast schon prophetisch mutet deshalb das EFK-Fazit an: «Es könnten damit unbewusst Risiken miteingekauft worden sein.»