Die Kunst der Auslassung

Ruag Der Rüstungskonzern vertrieb seine Munition in Russland über die Privatfirma des Moskau-Chefs der Bank Julius Bär. Nun fordern Politiker volle Aufklärung.

Eigentlich sollte Ruag-Chef Urs Breitmeier die Jahreszahlen des Rüstungskonzerns rapportieren. Doch nachdem die «Handelszeitung» die privaten Russland-Deals eines Ruag-Managers enthüllt hatte, übte sich Breitmeier an der Bilanzmedienkonferenz in Krisenkommunikation. Er tat dies mit viel Emotion («Ich war schockiert») und wenig Erhellendem («Ruag hat in der Zeit vor dem Embargo Munition nach Russland an die Präsidentengarde geliefert»).

Das war die hohe Kunst der Auslassung. Was Breitmeier zu den eigenen Russland-Deals vor dem Embargo nicht sagte, war: Wer die Munition für den Schweizer Rüstungsbetrieb in Russland vertrieben hatte. Die Patronen für Putins Präsidentengarde wurden nämlich ganz offiziell über die Firma des Bankers W. M. (Name der Redaktion bekannt) vertrieben. Es ist jener Mann, der mit dem Ruag-Manager und einem Zuger Waffenhändler nebenher noch private Rüstungsdeals machte und deswegen von der russischen Anti-Korruptions-Behörde befragt und vom Arbeitgeber – der Bank Julius Bär – suspendiert wurde.

W. M. war also in doppelter Mission unterwegs: Er machte hinter dem Rücken der Privatbank nicht nur Rüstungsdeals, bei denen mutmasslich Schmiergeld an Staatsbedienstete geflossen sein sollen. Der Banker vertrieb in Russland über die eigene Firmen-Gruppe die Ruag-Munition – und das bis 2014. Bis heute schmückt sich die Gesellschaft von W. M. auf ihrer Firmen-Website mit dem Titel als «Distributor» für Ruag, samt Logo des bundeseigenen Rüstungskonzerns.

Die Firma von W. M. hat ihren Ursprung in Kingstown, der Hauptstadt des Karibikstaats St. Vincent und der Grenadinen. Auf dem tropischen Eiland ist die Firma International Maritime Shipping Corporation, kurz IMSC, im sogenannten Trust House registriert. Das ist eine beliebte Adresse für Briefkastenfirmen, die zu Hunderten in den Paradise Papers auftauchen. Dort, an der Bonadie Street 112 in Kingstown, wurde 2005 die IMSC gegründet (siehe Ausriss). Aktienkapital: 1 Million Euro, einbezahlt von W. M.

Erst Öl, dann Waffen

IMSC ist die private Offshore-Gesellschaft jenes Mannes, der zuerst für die Liechtensteiner VP Bank und später für die Bank Julius Bär das Representative Office in Moskau leiten sollte. Und die IMSC ist jene Gesellschaft, mit der Ruag Ammotec – also die Munitionsdivision des Bundesbetriebs – später eine Vertriebskooperation für Russland und wohl auch für weitere GUS-Staaten hatte.

Zunächst war die IMSC aber kein Rüstungsvertrieb für Ex-Sowjetstaaten, sondern fungierte offenbar tatsächlich als maritimer Logistiker, wie der Firmenname suggeriert. Man sei in Zürich basiert, habe eine technische Abteilung in Sankt Petersburg und über Partner eine Öltankerflotte, hiess es nämlich zunächst auf der Firmen-Website namens imsc.ru.

Einige Jahre später lautete der Claim des Webauftritts plötzlich: «Investment in Russia – participate: save and successful.» Die Frachtlogistik war da nur noch ein Nebenzweig von Banker W. M. Seine Firma vertrieb nun Rüstungsgüter. In jene Zeit fällt auch die Gründung einer gleichnamigen Gesellschaft in Zug, die später zur 100-Prozent-Tochter der karibischen IMSC werden sollte. Deren Firmenzweck offenbart, was der damalige VP-Banker W. M. und seine Partner nun vorhatten, nämlich Handel, «insbesondere mit Gütern und Systemen der Rüstung und Sicherheit».

Zu den IMSC-Kunden gehört auch Ruag. Der Bundesbetrieb bestätigt auf Anfrage, dass «die Firma IMSC mit Sitz in Zug Kunde von Ruag war und die Lieferungen an den Endkunden abgewickelt hat». Ruag-Sprecherin Kirsten Hammerich sagt dazu: «Wir haben von 2010 bis zum Inkrafttreten des Embargos im Jahr 2014 Kleinkalibermunition für insgesamt rund 1 Million Franken nach Russland geliefert.»

Im Vorfeld der Geschäftsbeziehung zwischen Ruag und der IMSC soll es auch zu einer Sicherheitsüberprüfung von W. M. gekommen sein. Der Bericht soll für den Banker nicht sehr vorteilhaft gewesen sein, verlautet es aus einer Quelle. Passiert ist nichts. Ruag sagt dazu, man habe keine Kenntnis von einem Sicherheitscheck durch die Bundespolizei.

Zweifel an Einzelfall-Version

Die Affäre rund um die staatliche Ruag hat längst die Politik aufgeschreckt. Nächsten Montag werden mögliche Verstösse gegen Sorgfaltspflichten und Richtlinien Thema der Sicherheitspolitischen Kommission des Nationalrats (SiK) sein. «Ich habe den Verteidigungsminister aufgefordert, detailliert Auskunft über die Fälle zu geben», sagt SVP-Nationalrat und SiK-Präsident Werner Salzmann. Ob man danach auch die Ruag-Führung aufbieten wolle, werde man im Anschluss an die Anhörung entscheiden.

Derweil hegen Parlamentarier Zweifel an der Aussage der Ruag-Spitze, dass es sich um einen Einzelfall handle. «Dass dies nicht stimmt, hat die ‹Handelszeitung› bereits aufgedeckt», sagt der grüne Nationalrat Balthasar Glättli. Kollege Beat Flach von den Grünliberalen fordert eine lückenlose Aufklärung. «Es darf nicht sein, dass Führungspersonen von Ruag gleichzeitig privat Geschäfte betreiben dürfen. Verteidigungsminister Parmelin muss in der Anhörung in der Sicherheitskommission klarmachen, dass solche Aktivitäten unterbunden werden.» Er erwarte, dass Ruag mehr Handlungswillen an den Tag legt, was die Verbesserung der Compliance betreffe.

Ins gleiche Horn bläst FDP-Nationalrätin Corina Eichenberger-Walther. «Ruag bewegt sich in einem sehr exponierten Geschäft. Es ist deshalb wichtig, dass das Unternehmen seine Compliance intensiviert», sagt sie. Die Kritik der EFK an den Compliance-Standards vor zwei Jahren habe bereits zu einer Verbesserung der Situation geführt. Die jüngsten Skandalfälle zeigten, dass man den Finger weiter draufhalten müsse.

Ruag liefert Munition

Rüstung Der Russland-Deal ist kein Einzelfall. In der Munitionsdivision gab es mehrere Compliance-Fälle. Im Herbst musste der Divisionschef gehen.

Es ist das Stelldichein der globalen Rüstungsbranche, die Waffenmesse Idex im Wüstenstaat Abu Dhabi. Sie findet alle zwei Jahre statt, jüngst Mitte Februar 2017. An der Idex war auch Ruag vertreten. Am Stand des Rüstungsbetriebs war auffällig oft der Moskau-Leiter der Bank Julius Bär anzutreffen. Warum, ist erst jetzt klar, nachdem die «Handelszeitung» vergangene Woche dessen Rüstungsgeschäfte aufgedeckt hat (siehe Ausriss).

An der Idex wandte sich auch ein Zuger Waffenhändler erstmals an den Rüstungsbetrieb. Er lieferte Hinweise zu mutmasslich verdeckten Russland-Deals eines Ruag-Managers. Dieser Kadermann der Munitionsdivision Ammotec wurde inzwischen freigestellt. Die Bundesanwaltschaft durchsuchte letzte Woche sein Büro am Ammotec-Sitz in Thun.

Nicht informiert

Mit den brisanten Infos zum Ruag-Manager wandte sich der Whistleblower in Abu Dhabi direkt an den damaligen Leiter der Munitionsdivision, Ammotec-Chef Cyril Kubelka. Die Folgen: keine. «Dass Herr Kubelka bereits früher über diese Angelegenheit informiert worden sein soll, ist uns nicht bekannt», sagt eine Ruag-Sprecherin. Man habe Kenntnis vom Vorfall, seitdem sich ein Whistleblower Anfang 2018 an die Compliance der Firma wandte. Ruag eröffnete daraufhin eine interne Untersuchung.

Zum Zeitpunkt der Untersuchung ist Cyril Kubelka, den der Whistleblower als Ersten informierte, bereits nicht mehr Leiter der Munitionsdivision. Der Ammotec-Chef – seit 2004 im Amt – verliess Ruag Ende September. Man wünsche ihm für die Zukunft nur das Beste, liess sich Ruag-Chef: Urs Breitmeier im Communiqué zitieren. Doch Kubelkas Abgang war nicht freiwillig erfolgt. Gegenüber der «Handelszeitung» räumt Ruag ein, dass es «aufgrund unterschiedlicher Auffassungen», unter anderem zur Governance, zum «Austritt des Divisionsleiters» kam. Konkret stolperte Kubelka, wie mehrere Quellen bezeugen, über gravierende Compliance-Mängel in der Ruag-Munitionsproduktion im ungarischen Sirok. Das Werk stammt noch aus Sowjetzeiten.

Die Ammotec-Fabrik im Nordosten Ungarns taucht nämlich – anonymisiert – im Bericht «Prüfung des Compliance Management System – Ruag» auf, den die Eidgenössische Finanzkontrolle (EFK) im Oktober 2016 verfasste. Darin machen die Kontrolleure des Bundes schwere Versäumnisse im Werk aus. Die von der EFK besuchte Fabrik sei auch acht Jahre nach der Übernahme durch Ruag «faktisch nicht integriert».

Nicht visiert

Die EFK listet alle Compliance-Mängel Punkt für Punkt auf: «Ein formelles internes Kontrollsystem ist nicht implementiert. Weisungen liegen kaum vor. Belege für abgerechnete Spesen konnten nicht vorgelegt werden. (…) Wer welche Kompetenzen in Bezug auf finanzrelevante Vorgänge hat, ist im Einzelnen nicht formell geregelt. Genehmigungsinstanzen beim Einkauf sind nicht nachweisbar. Rechnungen sind nicht visiert.» Und so weiter und so fort.

Nebst all diesen prozessualen Mängeln weisen die Kontrolleure auch auf praktische Missstände hin wie eine Bauvergabe, bei der aussergewöhnlich hohe Anzahlungen flossen. Oder ein IT-System, dessen Kunden- und Lieferantendaten nicht geschützt sind.

Der Passus zur Ammotec-Fabrik gipfelt darin, dass die EFK im Sommer 2016 der Ruag-Führung um Chef:°° Urs Breitmeier die in Sirok gesammelten Fakten präsentiert, worauf die Topmanager einer «möglichst kurzfristig anzusetzenden Nachprüfung» zusagen.

Doch stattdessen informieren Breitmeier und Co. die Hauptakteure bei Ammotec umgehend über die EFK-Befunde. Die Kontrolleure konstatieren: «Somit besteht Verdunkelungsgefahr, was den Nutzen der Abklärung infrage stellt.» Auf die Verhältnisse in Sirok angesprochen, betont Ruag heute, dass «keine relevanten strafrechtlichen Verstösse» festgestellt wurden. Man habe Massnahmen eingeleitet und sich vom Standortleiter getrennt.

Fall in Florida

Nicht nur im Osten lag einiges im Argen bei Ammotec. Unter der Ägide des damaligen Divisionsleiters Kubelka gab es einen weiteren Fall. Die Munitionssparte übernahm 2009 die in Tampa, Florida, domizilierte Precision Ammunition LLC. Der Betrieb stellt Spezialmunition her.

Gründer der Munitionsfabrik im Sonnenstaat ist ein Mann namens Daniel L. Powers. Der Patron wurde nach der Übernahme durch die Schweizer zum «CEO Ruag Ammotec USA» gekürt. Allerdings ist es zu Beginn um den Zukauf durch die Schweizer nicht zum Besten bestellt, geschäftlich wie personell. Die amerikanische Ammotec schreibt im Jahr der Übernahme rote Zahlen, wie ein Bericht der deutschen Zwischenholding dokumentiert.

Der Absatz harzt, die Fertigung stockt. Doch schlimmer als die geschäftlichen Probleme wiegt, dass bei Ammotec USA offenbar getrickst wurde. So kam es 2011 zu verschiedenen widerrechtlichen Handlungen. Konkret: zu fiktiven Munitionsentsorgungsgeschäften und privaten Waffenverkäufen. Der damalige Ammotec-USA-Chef soll aus diesen Aktivitäten unrechtmässige Profite im hohen sechsstelligen Bereich erzielt haben.

Nie belangt

Auch dieser Compliance-Fall war Chef Kubelka gemeldet worden. Aber Powers wurde sowohl straf- wie zivilrechtlich nie von Ruag belangt.

Zu den Machenschaften in Florida schreibt der Rüstungsbetrieb: Der Vorfall in Tampa sei intern von Ruag Ammotec selbst aufgedeckt worden. «Es wurden Massnahmen eingeleitet und das Arbeitsverhältnis mit dem betroffenen Mitarbeiter wurde gekündigt», sagt die Sprecherin. Die Konzernspitze sei über den Vorfall im Bild gewesen.

Dass das Compliance-«Issue» nach einer Akquisition passierte, ist kein Zufall. So spricht die Eidgenössische Finanzkontrolle in ihrem Prüfbericht explizit Übernahmen an, wie jene der Precision Ammunition. Die Bundeskontrolleure bemängeln, dass bei Ruag eine «dezidierte Compliance Due Dilligence» bei Akquisitionen bisher «nicht systematisch» stattgefunden habe. Fast schon prophetisch mutet deshalb das EFK-Fazit an: «Es könnten damit unbewusst Risiken miteingekauft worden sein.»

(Un)heimliche Geschäfte

Rüstungsdeal Ein Ruag-Mann und der Russland-Chef von Julius Bär staffieren Putins Leibgarde aus. Nun ermittelt die Bundesanwaltschaft.

Nach getaner Arbeit im Kreml nimmt der russische Präsident Wladimir Putin gerne einen Helikopter zu seiner Residenz am Stadtrand Moskaus. Dazu stehen mehrere MIL- und Agusta-Westland-Helikopter des Typs AW- 139 bereit, zum Teil in VIP-Ausführung. Die Heli-Flotte gehört zum Bestand des Sicherheitsdienstes FSO zum Schutz des russischen Präsidenten und der Regierung.

Die präsidentiellen Fluggeräte wurden unter tatkräftiger Schweizer Mithilfe aufgerüstet. Für 15 Millionen Dollar liess der FSO von 2011 bis 2015 die Flotte mit Beobachtungskugeln ausstatten, die jedes Bodenziel bei Tag und Nacht identifizieren können. Nun ermitteln die Bundesanwaltschaft und die russische Antikorruptionsbehörde. Es geht um mutmasslich verdeckte Deals und mögliche Schmiergeldzahlungen.

Beschafft hat die Kugeln eine illustre Truppe von Schweizer Geschäftsleuten, deren vertraulicher Zusammenarbeitsvertrag der «Handelszeitung» vorliegt. Die Männer lieferten auch Sig-Sauer-Handfeuerwaffen und Scharfschützen-Gewehre für mehrere Millionen Dollar an Putins Personenschützer.

Unter den Vertragspartnern befinden sich der heutige Bürochef der Zürcher Privatbank Julius Bär in Moskau – zu Vertragsbeginn noch im Dienste der Liechtensteiner VP Bank – sowie ein Geschäftsleitungsmitglied der Ruag Ammotec, also der Munitionsdivision des bundeseigenen Rüstungsbetriebs. Zwar waren die Lieferungen an sich legal und von allen beteiligten Regierungsstellen abgesegnet. Aber: Allem Anschein nach haben beide Männer – der Julius-Bär-Manager wie der Ruag-Kader – die Waffendeals auf private Rechnung und hinter dem Rücken ihrer Schweizer Arbeitgeber abgewickelt und Kommissonen in Millionenhöhe kassiert.

Mutmassliche Schmiergeldzahlungen

Mehr noch: Im Zuge des Helikopter-Deals sollen Schmiergelder an Mitarbeiter eines russischen Staatsbetriebs geflossen sein, der zum Rosatom-Konzern gehört, sowie möglicherweise auch an Führungspersonal der Leibgarde FSO, obwohl der Zusammenarbeitsvertrag ausdrücklich «Zahlungen an Dritte» ausschloss.

Die Schmiergeldvorwürfe haben inzwischen auch die russischen Behörden aufgeschreckt. Die Antikorruptionsabteilung des Innenministeriums nahm im Winter Ermittlungen auf. Mitte Februar wurde der Bär-Banker in Moskau erstmals befragt. Ein Sprecher der Bank Julius Bär sagt: «Wir haben die Vorwürfe zur Kenntnis genommen und sind daran, diese zu untersuchen.»

Auch die Compliance des bundeseigenen Rüstungsbetriebs – unter Beizug des Wirtschaftsstrafrechtlers Mark Livschitz – wurde aktiv. «Nachdem Ruag durch einen Whistleblower von Vorwürfen Kenntnis erlangt hatte, hat Ruag sogleich interne Untersuchungen eingeleitet und umgehend bei der Bundesanwaltschaft Strafanzeige gestellt», sagt eine Sprecherin. Man kooperiere vollumfänglich mit der Behörde. Bei Ruag wie in Russland war der Whistleblower ein Zuger Waffenhändler, Vertragspartner der beiden inkriminierten Männer.

Kommission fürs Nichtstun

Nukleus der (un)heimlichen Beschaffungsaffäre bildet ein Vertrag von 2010 zwischen vier Parteien: Dem seit Jahrzehnten in Russland wohnhaften Schweizer Banker, seiner russischen (Schein-) Firma, dem Ruag-Manager und dem Zuger Waffenhändler. Das Gespann will gezielt staatliche «Special Forces» wie Antiterroreinheiten oder Leibgarden mit diversem Rüstungsmaterial beliefern. Von Maschinenpistolen über Schutzwesten bis hin zu Beobachtungsgeräten und Mikrodrohnen. Die Zielmärkte sind Russland, die ehemaligen GUS-Staaten und Mexiko. Es geht um viel Geld: Allein in Russland sollen zwischen 50 und 150 Millionen Dollar Geschäftsvolumen drin liegen, schätzt ein Vertragspartner später.

Dazu listen sie zwei Dutzend mögliche Rüstungslieferanten auf. Von Agusta Westland bis zu Zeiss Optronics, das heute Teil der Hensoldt-Gruppe ist. Pikanterweise finden sich auf der Liste auch die Ruag-Töchter Aerospace und Electronics, womit der Verdacht interner Kickbacks an den Ruag-Mann besteht.

Der im Vertrag stipulierte Provisionsschlüssel sieht folgendermassen aus: Auf die Rüstungsgüter schlagen die Geschäftspartner eine Zielmarge von 40 Prozent, wovon der Bär-Mann 20 Prozent erhalten soll und die beiden anderen Involvierten je 10 Prozent.

Kassenwart für Kollaboration

Die Rollen sind klar verteilt: Der Zuger Waffenhändler übernimmt bei Bedarf die Beschaffung und Koordination mit den Produzenten, während der Bär-Banker seine Kundenkontakte, insbesondere in Russland, spielen lassen soll, um an staatliche Aufträge zu kommen. Gleichzeitig soll er mit den Endkunden verhandeln und Kassenwart für die Kollaboration sein. Seltsam mutet die Rolle des Ruag-Manns an. Im Vertrag steht: Aufgrund seines Beschäftigungsverhältnisses habe er weder «die Zeit noch juristisch oder moralisch das Recht», solche Rüstungsgüter zu verkaufen, «aber er hat einen Anspruch auf eine Kommission».

Geld ohne Gegenleistung? E-Mails, die der «Handelszeitung» vorliegen, zeigen, dass der Ruag-Mann der privaten Rüstungspartnerschaft mit seinem beruflichen Netzwerk aktiv zudiente. Der Manager nutzte beispielsweise seine Reisen für Ruag, um private Geschäftskontakte zu knüpfen. In einem E-Mail schildert der Mann einen Besuch der Einkaufsstelle für Polizei und Armee in Mexiko («Dabei sprachen wir auch über andere Bedürfnisse») und gibt hernach Kontaktdaten und mögliche Lieferanten an seine privaten Partner weiter.

8 Millionen Dollar Cash

Zunächst scheint die Zusammenarbeit zu fruchten, vor allem in Russland, wo bald schon der Helikopter-Deal winkt. Die Schweizer treffen sich mit Vertretern des FSO sowie der staatlichen russischen Beschaffungsorganisation Techsnabexport. Oft im «Representative Office» der Bank Julius Bär in Moskau.

Doch als es an den Profitsplit des Helikopter-Deals geht, ist die Partnerschaft dahin. Der Bär-Mann will die vertraglich zugesicherte Zahlung an den Zuger Waffenhändler nicht leisten. Telefongespräche, welche der «Handelszeitung» vorliegen, liefern Hinweise, weshalb plötzlich das Geld fehlt. Möglicherweise haben es Dritte erhalten. Der Bankleiter sagt am Telefon: «Es ist logisch, dass es ein warmer Regen über die ganze Abteilung dort ist, da kriegt jeder etwas…» Gemeint ist Techsnabexport. Er spricht von einer Cash-Zahlung in ungenannter Höhe an den Beschaffungschef. Kein Problem für den Julius-Bär-Mann: «Ich habe 8 Kisten Cash bei mir jetzt gerade… Hier geht alles Cash. Aber das willst du ja nicht schriftlich haben, oder? Sonst bin ich erledigt.»

Befreiungsschlag in Freetown

Diethelm Keller Die Schweizer Unternehmensgruppe will nach Bürgerkrieg und Ebola-Epidemie in Sierra Leone durchstarten.

Leidgeprüft ist die Bevölkerung Sierra Leones. Nach blutigem Bürgerkrieg in den 1990er Jahren grassierte ab 2014 Ebola im westafrikanischen Land und forderte über 4000 Todesopfer. Nun will Sierra Leone die Schreckensjahre hinter sich lassen, sowohl politisch wie wirtschaftlich. Kürzlich wählte das rohstoffreiche Land Parlament und Präsident neu. Die Wahl wurde technisch unterstützt von einem Waadtländer Blockchain-Startup namens Agora.

Nicht das einzige Schweizer Unternehmen, das auf Sierra Leone setzt. «Das Land erholt sich», sagt Angelo van Tol, der sich selbst als Afrika-Liebhaber bezeichnet, und Chef der Diethelm Keller Holding (DKH) ist. Das weitverzweigte Firmenkonglomerat mit so klingenden Marken wie Koenig, Zyliss, Globetrotter oder dem Reinigungskonzern Wetrok hat für die Afrikapläne eigens eine neue Gesellschaft namens DK Africa mit Sitz in Zürich und einem Aktienkapital von einer halben Million Franken gegründet. In DK Africa bringt Diethelm Keller die in Sierra Leone verbliebenen Assets ein. Neue Vermögenswerte sollen bald dazukommen.

Eigentlich ist DKH bereits seit Mitte der 1950er Jahre in der ehemaligen britischen Kolonie präsent. Damals über eine Gesellschaft namens Freetown Cold Storage Company. Ein Gemischtwaren-betrieb, der Eis produzierte, einen Supermarkt samt Metzgerei führte und die Coca-Cola-Franchise für Sierra Leone besass. Mit der firmeneigenen Abfüllanlage versorgte die Diethelm-Keller-Gruppe den westafrikanischen Kleinstaat mit der braunen Zuckerbrause aus Amerika bis Mitte der neunziger Jahre. «Vor dem Bürgerkrieg verkauften wir die Fabrik an den Lizenzgeber», sagt Holding-Chef van Tol.

So besitzt die Diethelm-Keller-Gruppe bis heute einen Strassenzug in der Hauptstadt Freetown samt Kino, Supermarkt und Läden sowie eine Wohnanlage mit 18 Häusern für Expats. Auf diesem Immobilienportfolio will van Tol mit DK Africa nun aufbauen: «Wir wollen auf dem Kontinent Schritt für Schritt wieder Tritt fassen. Erst einmal klein, aber profitabel wirtschaften.» Man sei deshalb daran, die Wohnsiedlung zu renovieren. Denn Mieten und Grundstückpreise in Sierra Leone seien «extrem hoch». Dies gilt übrigens auch für Dienstleistungen. «Wir fliegen eigens einen Zürcher Architekten ein, um die Kosten vor Ort im Griff zu halten», sagt van Tol, der nebst dem Immobilien-Portfolio auch wieder ins Geschäft mit Getränken einsteigen möchte.

Recycling in Ghana

Im Moment läuft die Sorgfaltsprüfung für die Akquisition einer lokalen Abfüllanlage. Über ein Joint Venture will DKH erneut lokale Softdrinks herstellen. Über die lokale Getränkeproduktion soll ein afrikaerprobter deutscher Brauerei-Manager wachen, der zuvor in Ruanda, Togo und Äthiopien in der Branche tätig war und nun das «Business Development Africa» für DKH leitet.

Nebst Abfüllfabrik und Expat-Siedlung plant van Tol den nächsten Expansionsschritt in Ghana, wo DKH in einen Kunststoff-Recycler investieren möchte, der aus Plastikflaschen neue Basismaterialien – unter anderem für die Automobilindustrie – herstellt.

Aktiv involviert in die neuen Afrika-Pläne ist George Keller, auch ein Mitglied der Eignerfamilie Keller. Deren Diethelm Keller Holding ist übrigens auch am Subsahara-Afrika-Konzern Lonhro um Financier Rainer-Marc Frey und Zementkönig Thomas Schmidheiny beteiligt. Das sei im Moment eine «stille Beteiligung», so van Tol.

Die Milch machts

Remo Stoffel Der Turmbauer zu Vals investiert über 90 Millionen Dollar in Dean Foods. Er wird damit zum Ankeraktionär beim grössten Milchverarbeiter der USA.

Tu dir etwas Gutes, lautet der Slogan der Milchsorte «Swiss Premium». Eine von über fünfzig Molkereimarken, welche Dean Foods im Portfolio hat. Der börsenkotierte S&P-500-Konzern mit Sitz in Dallas, Texas, stellt vornehmlich Frischmilch her. Daneben Rahm, Glace und Kaltgetränke wie Iced Tea. Dean Foods ist so etwas wie die Emmi der USA und beherrscht im Land der unbegrenzten Möglichkeiten knapp einen Sechstel des Frischmilch-Marktes. Der mit Abstand grösste Milchverarbeiter der Vereinigten Staaten beschäftigt dazu gegen 16 000 Angestellte in etwa sechzig Fabriken und erzielte im Geschäftsjahr 2017 einen Umsatz von 7,8 Milliarden Dollar. Dean Foods ist seit 2006 am Aktienindex S&P-500 kotiert.

Nun hat «Swiss Premium»-Herstellerin Dean einen neuen Grossaktionär aus der Schweiz, der mittlerweile 10 Prozent hält. Es ist Remo Stoffel, der Bündner Immo-Unternehmer (Priora Gruppe) und Turmbauer zu Vals («7132 AG»). Er kaufte ab November sukzessive Dean-Aktien zu. Seither schiessen die Gerüchte auf US-Finanzblogs ins Kraut: Stoffel könnte mit relativ geringem Kapitaleinsatz beabsichtigen, eine Kontrollmehrheit beim Milchverarbeiter zu erlangen. Die Schwelle dafür liegt bei tiefen 35 Prozent. Möglicherweise fasse der Priora-Eigner auch ein Going Private ins Auge oder der «Swiss Activist» spekuliere auf eine Vollübernahme durch Dritte.

Mittlerweile ist der Valser Financier nämlich der mit Abstand grösste private Einzelaktionär – gleich hinter Beteiligungsriese Blackrock und vor zahlreichen anderen US-Institutionellen wie Vanguard, Fidelity und Charles Schwab. Stoffel hat in den letzten Monaten 9,1 Millionen Aktien an Dean Foods im Gegenwert von 90,5 Millionen Dollar erworben, und zwar über sein Beteiligungsvehikel VV Value Vals, mit dem der umtriebige Unternehmer auch signifikante Beteiligungen an in der Schweiz kotierten Unternehmen wie Galenica (10 Prozent), Vifor Pharma (12 Prozent) und Myriad Group (5 Prozent) hält. Daneben ist der 41-jährige ehemalige Bankgeselle mit etwas über 3 Prozent in den Darmstädter IT-Konzern «Software AG» investiert.

Ausserhalb der Öffentlichkeit

Sein Einstieg in die amerikanische Milchwirtschaft passt so gar nicht in Stoffels bisheriges Beteiligungs-Beuteschema aus Gesundheitswesen und Informationstechnologie. Wie also kam es zum Dean-Deal in Dallas – und was hat Stoffel in der US-Milchwirtschaft vor? Der Verwaltungsrat und Miteigner von Lenzerheide Bergbahnen gibt sich zugeknöpft: Als Unternehmer verfolge er verschiedene Projekte – «meist ausserhalb der Öffentlichkeit». Er entwickle seine unternehmerischen Aktivitäten mit Bedacht, Schritt um Schritt. Und freue sich an ihnen. «Mehr gibt es zurzeit nicht zu sagen», lässt er schriftlich ausrichten. Auch Dean Foods äussert sich nicht zum neuen Grossaktionär: Man habe nicht mehr zum Geschäftsbericht hinzuzufügen, sagt Dean-Sprecher Jamaison Schuler.

Etwas Einblick in die InvestmentÜberlegungen und Absichten des Remo Stoffel gibt allerdings dessen US-Börsenmeldung zum Einstieg bei Dean Foods. Dort heisst es, die Aktien seien aus Stoffels Sicht unterbewertet, stellten eine «attractive investment opportunity» dar. Und der Käufer beabsichtige das Gespräch mit Management und Verwaltungsrat zu suchen hinsichtlich «business, operations and strategic plans».

Die Meldung an die US-Börsenaufsicht SEC deckt sich mit jenen Äusserungen aus Stoffels Umfeld, wonach der Valser Financier den Einstieg in die texanische Milchwirtschaft als «strategisches Investment» betrachte, das «Teil eines grossen Ganzen» sei. Offenbar soll da noch mehr kommen. Die Rede ist etwa von «einigen Überraschungen», welche in den nächsten Monaten zu erwarten seien.

Fest steht, dass Stoffel sich mit seiner VV Value in einen texanischen Turnaround-Fall eingekauft hat. Der Aktienkurs von Dean Foods hat sich im letzten Jahr mehr als halbiert. Ein Spiegelbild des schwierigen Geschäfts mit dem natürlichen Muntermacher. Seit Jahren ist der Milchkonsum in den USA rückläufig. Dean-Foods-Chef Ralph Scozzafava sprach kürzlich von einem jährlichen Konsumrückgang zwischen 2 und 2,5 Prozent.

Soja- statt Kuhmilch

Die Amerikaner trinken nämlich vermehrt pflanzliche Alternativen wie Mandel- oder Sojamilch. Die Kuhmilch-Branche kämpft deshalb mit Überkapazitäten sowie sinkenden Margen. Bei Dean kommen steigende Schulden und ein kaum diversifiziertes Portfolio hinzu, das zu über zwei Dritteln auf Frischmilch-Absatz baut. Zwar hat das Management versucht, mittels Akquisitionen in «Ice Cream» und biologische Säfte zu diversifizieren. Aber diese neuen wachsenden Geschäfte sind noch verhältnismässig klein.

Entsprechend versuchen die Texaner nun ein weiteres Mal an der Kostenschraube zu drehen und gleichzeitig über «Private Label»-Milch die Absatzvolumen anzukurbeln. Ein Analyst der Grossbank Credit Suisse hat sich zu diesem Vorgehen kürzlich skeptisch geäussert und das Aktienpreis-Ziel auf 7,50 Dollar gesenkt. Dies liegt deutlich unter jener Preisspanne von 9 bis 11 Dollar, bei der Stoffel bislang zugekauft hat. Das Fazit des CS-Analysten lautet: Die operative Kosteneffizienz werde durch strukturelle Veränderung der Industrie gleich wieder wettgemacht, denn der Verdrängungswettbewerb dürfte sich weiter verschärfen. Nicht zuletzt, weil auch Detailhandels-Gigant Walmart in die Milchverarbeitung drängt.

Angesichts dieser operativen Herausforderungen und des schwächelnden Aktienkurses ist Dean Foods zum Übernahmeziel geworden. Bereits im Herbst 2016 gab es Gerüchte, wonach der chinesische Getränkehersteller Hangzhou Wahaha Group Interesse an einer Akquisition von Dean habe. Offenbar war die Investmentbank Goldman Sachs am Sondieren. Darauf reagierte die Dean-Aktie mit einem kurzzeitigen Kursfeuerwerk. Möglicherweise spekuliert Stoffel erneut auf solche Übernahmefantasien.

Während der Bündner Unternehmer die US-Milchwirtschaft als «Swiss Activist» aufmischt, laufen die Steuerverfahren gegen ihn hierzulande weiter. Im November 2016 hatte das kantonale Steueramt Zürich eine Strafanzeige wegen Steuerbetrugs eingereicht. Diese wurde vom leitenden Staatsanwalt für Wirtschaftsdelikte, Peter Pellegrini, gesichtet und einem Mitarbeiter zugeteilt. Die Ermittlungen laufen. Ein Strafverfahren gegen Stoffel wurde bislang nicht eröffnet.

Kredit verspielt

Postfinance Die Staatsbank ist neu alleiniger Eigner des Online-Kreditvermittlers Lendico. Rocket Internet ist ausgestiegen. Kommuniziert wurde der Exit nicht.

Die Versprechungen waren vollmundig, als vor gut eineinhalb Jahren die Kreditvermittlungs-Plattform Lendico an den Start ging. «Unser Anspruch an diese Kooperation ist es, Crowdlending in der Schweiz aus dem Nischenstatus in den Massenmarkt zu heben», sagte Postfinance-Chef Hansruedi Köng damals.

Die Kooperation: Das waren das Berner Staatsinstitut und das 2013 gegründete Berliner Finanz-Start-Up Lendico, das nun der niederländischen Bank ING Diba gehört und bis vor kurzem Teil der börsenkotierten Rocket Internet war. Es ist der Beteiligungs-Konzern der Samwer-Brüder, jener Seriengründern der deutschen Digitalwirtschaft, die hinter Online-Powerhäusern wie Zalando, Home24 oder DeliveryHero stecken.

«PF» als «einziger Aktionär»

Inzwischen gehört Lendico Schweiz ganz dem Postfinance-Konzern, wie Recherchen der «Handelszeitung» zeigen. Still und leise hat Rocket Internet beim Schweizer Kredit-Vermittler das Handtuch geworfen. Anfang Dezember wird in einem Sitzungsprotokoll «PF» bereits als «einziger Aktionär der Gesellschaft» aufgeführt. Allerdings hat es das Staatsinstitut nicht für nötig befunden, die Öffentlichkeit und Lendico-Kunden über die «geänderte Aktionärsstruktur» zu informieren, wie es im Protokoll heisst.

Sowohl auf der Website der KMU-Kreditplattform wie auch auf Postfinance.ch ist weiter die Rede von einem «Joint-Venture mit der Lendico-Gruppe». Auf Anfrage erklärt Postfinance, dass im Geschäftsbericht 2017, der Anfang März erscheine, die «Lendico Schweiz AG bereits als 100 Prozent Beteiligung aufgeführt sein» werde.

Zu den Trennungsgründen, sagt Sprecher Johannes Möri, ohne auf finanzielle Details einzugehen: «Bei der Lendico Gruppe Deutschland stand der Markt Schweiz nicht im Vordergrund.» Zudem seien im «Shared Services Modell» die Abhängigkeiten von der Gruppe zu gross. Lendico müsse jedoch «agil auf dem Heimmarkt sein», so Möri. Das ist auch dringend nötig, denn die «digitale und schnelle Alternative zu Banken», wie es im Selbstbeschrieb heisst, hat bislang keine Stricke verrissen.

Von Köngs hehrem Anspruch, Crowdlending in der Schweizer aus dem Nischenstatus in den Massenmarkt zu heben, ist Lendico meilenweit entfernt. Dies, obwohl das Finanz-Startup – im Gegensatz zur privaten Crowd-Konkurrenz – mit dem Qualitätssiegel «Postfinance» startete. Doch vielmehr droht Lendico, eineinhalb Jahre nach Lancierung, gegenüber anderen KMU-Crowdlendern wie CreditGate24 oder Swisspeers den Anschluss zu verlieren.

Seit dem Start im Dezember 2016 hat der Zürcher Crowdlender lediglich fünf Kreditprojekte im Gesamtvolumen von gut 300 000 Franken vermittelt. Zum Vergleich: Konkurrent Creditgate24 konnte in den drei Jahren seit Gründung gut 36 Millionen Franken an KMU-Krediten vermitteln. Wenn auch mit deutlich mehr personellen Mitteln als die Postfinance-Tochter. Bei Lendico lahmt also die Pipeline an Kreditprojekten. Denn die Berner Mutter hält ihr Zürcher Finanz-Startuup auf Distanz. «Die meisten KMU-Kunden erfahren von ihrem Postfinance-Berater gar nicht, dass sie ihren Kreditbedarf über Lendico finanzieren könnten», sagt ein Insider. Der gelbe Riese vermittle schlicht keine «Leads» aus dem Geschäftskunden-Bereich.

Geschäftsbanken übten Kritik

Die Distanz zum eigenen Crowdlender hat Gründe: Bereits bei der Lendico-Lancierung im Sommer 2016 gingen nämlich die politischen Wogen hoch. Das Staatsinstitut umgehe mit dem ausländischen Crowdlending-Joint-Venture das im Postorganisationsgesetz stipulierte Verbot von Kreditvergaben, monierten Kritiker. Allen voran die konkurrierten Geschäftsbanken witterten Verrat am Verbot. Der Walliser SP-Nationalrat Mathias Reynard schrieb daraufhin eine umfängliche Interpellation an den Bundesrat betreffend «Folgen und Risiken» der «neuen Tätigkeiten der Postfinance».

Und die stets nüchterne «NZZ» sah die Postfinance gar, sich mit ihrem Lendico-Joint-Venture in den «Dunkelgraubereich» zu bewegen. Sprecher Möri findet die Kritik «unzutreffend» und stellt klar: «PostFinance vergibt über die Lendico Schweiz AG keine Kredite.» Sie vermittelt auch praktisch keine, möchte man anfügen.

Die Vincenz-Hypothek

Raiffeisen Chef Patrik Gisel war lange Jahre die rechte Hand von Pierin Vincenz. Nun holt ihn seine Vergangenheit ein.

Es war eine Partnerschaft ganz nach dem Geschmack des damaligen Bankpatrons Pierin Vincenz. Seine Raiffeisen sollte dick ins Geschäft mit Finanzierungen für kleinere und mittlere Unternehmen einsteigen. Zu diesem Zweck beschloss man eine Kreuzbeteiligung an Investnet, einem KMU-Investmenthaus mit Sitz in Herisau. Als Abgesandten in den Investnet-VR schickte Pierin Vincenz – es war 2012 – seine rechte Hand, den Leiter des Departements Markt, Patrik Gisel. Der heutige Raiffeisen-Chef Gisel präsidierte fortan die Investnet AG bis Mitte 2015 und hatte damit die Oberaufsicht über alle Vorgänge und Investments des Herisauer KMU-Vehikels.

Ein präsidiales Mandat, das Gisel nun in Bedrängnis bringen könnte. Der Raiffeisen-Chef ergreift deshalb – kurz vor der Präsentation der Jahreszahlen – die Flucht nach vorn. In einem wohl einmaligen Vorgang in der jüngeren Schweizer Wirtschaftsgeschichte hat der Raiffeisen-Verwaltungsrat beschlossen, eine Strafanzeige gegen den früheren Chef Pierin Vincenz einzureichen. «Auf Antrag der Geschäftsleitung», wie es im Communiqué jener Bank heisst, gegen die ja weiterhin ein Enforcement-Verfahren der Finanzmarktaufsicht Finma läuft.

Ahnungsloser Präsident

Nicht nur zeigt Raiffeisen ihren Ex-Chef an wegen «Verdachts auf ungetreue Geschäftsbesorgung». Die Bank tritt auch als «Privatklägerin» im Strafverfahren der Staatsanwaltschaft Zürich III gegen Pierin Vincenz auf. Der Vorwurf lautet hier auf «ungetreue Geschäftsbesorgung im Aduno- und Investnet-Umfeld». Also just in jenem Umfeld der Herisauer KMU-Firma, die Patrik Gisel während dreier Jahre als Raiffeisen-Vertreter präsidierte.

Doch was Gisel in seiner präsidialen Investnet-Zeit wohl nicht wusste (zumindest beteuert dies sein Umfeld innig): dass sein damaliger Chef Pierin Vincenz längst verdeckt, auf eigene Rechnung und mit Wissen der beiden Investnet-Gründer am KMU-Vehikel beteiligt war. Also Jahre bevor Pierin Vincenz dann – ganz offiziell – 2015 als scheidender Raiffeisen-Chef mit einem 15-Prozent-Anteil an Investnet von Raiffeisen bedacht wurde. Dies dank dem Placet von VR-Präsident Johannes Rüegg-Stürm. Nicht ahnend, dass sein patronaler Chef wohl bereits an Investnet mitverdiente. So zumindest lautet der Tatverdacht, dem die Staatsanwaltschaft nun auf Basis neuer Erkenntnisse nachgeht.

Das Strafverfahren samt Hausdurchsuchungen, dieser neuen Eskalation im Raiffeisen-Skandal, muss die Führung um Gisel und Präsident Rüegg-Stürm überrumpelt haben. So brachte die Kreditkartenfirma Aduno das Verfahren mit einer Strafanzeige vor Weihnachten ins Rollen.

Jene Aduno, an der Raiffeisen mit 26 Prozent beteiligt ist und die bis 2017 von Pierin Vincenz präsidiert wurde. Denn als letzten November bekannt wurde, dass die Finma gegen Vincenz und Raiffeisen ermittelte, beschloss der Aduno-Verwaltungsrat, das Anwaltsbüro Baumgartner Mächler mit einer eigenen Untersuchung zu beauftragen. Aber: Von diesem Zeitpunkt an trat Raiffeisen-Vertreter Michael Auer in den Ausstand, auch wegen des laufenden Finma-Enforcements. Das Ergebnis der Aduno-Untersuchung: Ein starker Verdacht, dass es bei der Übernahme der Firma Commtrain Card Solutions zu Unregelmässigkeiten kam und Vincenz – ohne Wissen des Aduno-Verwaltungsrats – auf beiden Seiten des Verhandlungstisches sass, weil er bereits persönlich an Commtrain beteiligt war. Scheinbar dasselbe Muster also wie bei der Raiffeisen-Tochter Investnet.

Raiffeisen tappt im Dunkeln

Der Aduno-Verwaltungsrat gibt darauf den Anwälten den Auftrag, gegen seinen früheren Präsidenten und eine weitere Person – mutmasslich Ex-Aduno-Chef Beat Stocker – Strafanzeige einzureichen. Dies geschieht, kurz vor Weihnachten, am 21. Dezember 2017. Die Raiffeisen-Spitze tappt weiter im Dunkeln, da ihr Vertreter in der Kreditkartenfirma im Ausstand ist. Von der Anzeige erfuhr man bei Raiffeisen offenbar erst, als die Staatsanwaltschaft zuschlug.

Es ist diese Aduno-Strafanzeige, welche schliesslich zum Zürcher Strafverfahren führt, das offenbar neue Erkenntnisse ans Licht bringt. Erkenntnisse, welche über den Commtrain-Komplex hinausführen und auf Investnet zielen. Denn die Zürcher Strafverfolger weiteten das Verfahren aus und ermittelten fortan nicht nur gegen die zwei von Aduno angezeigten Personen, sondern gegen drei weitere Leute aus dem Raiffeisen-Umfeld.

Während also Aduno in die Offensive ging, zögerte Raiffeisen-Chef Patrik Gisel noch immer mit eigenen, öffentlichen Beschuldigungen an die Adresse seines Vorgängers Pierin Vincenz. Er stützte sich dabei nicht zuletzt darauf, dass eine achtmonatige interne Untersuchung rund um Investnet, die er Ende 2016 in Auftrag gegeben hatte, keine Erkenntnisse zu Vincenz’ versteckter Beteiligung am KMU-Vehikel zutage förderte.

Gisel haderte weiter mit dem Vatermord. Noch letzten Monat diktierte er der «Sonntagszeitung» zur Zukunft von Vincenz bei Investnet: «Wir planen keine Veränderungen. Wir können so die Erfahrungen und das Beziehungsnetz von Vincenz nutzen, der 17 Jahre lang einen Superjob für die Bank gemacht hat.»

Gisels Meinung hatte solange Bestand, bis die Staatsanwaltschaft diese Woche zur Razzia ansetzte, Wohnungen und Büros durchsuchte und die Beschuldigten zur Vernehmung aufbot. Erst jetzt schliesst sich auch Raiffeisen den Klägern an. Als Nebenklägerin im Strafverfahren und – in allerletzter Minute – mit einer eigenen Strafanzeige, um sich im Finale auf die Seite der Aktiven zu schlagen.

Was nach Thiams Turnaround kommt

Credit Suisse Tidjane Thiam liefert. Im Jahr drei nach Amtsantritt zeigt sich, dass die Restrukturierungspläne des viel geprügelten Credit-Suisse-Chefs auch tatsächlich greifen. Die meisten Unternehmenseinheiten haben sich im letzten Jahr positiv entwickelt. Das Rezept: Fixkosten runter, Umsatz rauf. Am Ende bleibt strukturell mehr im «Kässeli» der Kreditanstalt übrig. Und damit resultiert der erste Vorsteuergewinn für die arg gebeutelte Bank seit 2014.

Ein Achtungserfolg für den ehemaligen Assekuranzmanager, dessen CS natürlich auch von einem positiven Umfeld profitieren konnte. Die globale Wirtschaft wächst synchron, die Börsen boomen weiter, trotz Hickups. Und die Aussichten für die Finanzindustrie sind so gut wie schon lange nicht mehr: An den Märkten sorgt Volatilität für mehr Transaktionsvolumen und Handelsopportunitäten. Gleichzeitig lassen die steigenden Zinsen die Einkünfte der Banken sprudeln. Ein Anstieg der Marktzinsen um 1 Prozent würde beispielsweise bei der Credit Suisse die Zinseinnahmen um eine halbe Milliarde Franken erhöhen.

Diesen makroökonomischen Rückenwind kann die CS-Führung gut gebrauchen. Denn Thiams Turnaround ist ongoing. Noch kann der Bankchef den Rotstift nicht aus der Hand legen. Eine weitere Milliarde Franken muss die Credit Suisse im laufenden Jahr einsparen – möglichst ohne die Ertragssubstanz der Bank zu beschneiden. Gleichzeitig schleppt das Institut weiter multimilliardenschwere Altlasten mit sich herum, die auch 2017 über 900 Millionen Franken an operativen Ausgaben verschlangen. Diese Legacy ist weiter zu reduzieren, so dass die CS bald frei von Altlasten wird.

Bislang hat sich erst Aktivist Bohli der Frage zur Zukunft der CS gestellt

So weit, so gut. Die Restrukturierung greift. Die Resultate sind ansprechend. Die Aussichten auch. Doch die grosse Frage nach den langen roten Jahren lautet: Quo vadis, CS? Was Turnaround-Manager Thiam und vor allem sein Präsident, Urs Rohner, bislang der Öffentlichkeit schuldig blieben, ist ein strategisches Setup für die längerfristige Zukunft der Bank. Einzig der laute, aber kapitalschwache Shareholder-Aktivist Rudolf Bohli hat sich in dieser existenziellen Frage exponiert und eine mehrfache Aufspaltung des «Bankenkonglomerats» gefordert.

Tatsächlich stellt sich die Frage, ob die Summe der einzelnen, heterogenen Teile Mehrwert schafft oder ob eine fokussiertere CS nicht längerfristig zu besseren Resultaten führen würde. Jetzt, mit dem absehbaren Ende der Restrukturierungsphase, muss die CS unter Führung Rohners Position beziehen. Die jetzige divisionale Struktur wirkt jedenfalls reichlich beliebig. In der Sparte «Internationale Vermögensverwaltung» (ohne Asien!) wohlgemerkt, findet sich der synergiearme Fremdkörper «Asset Management». Zu gross für die Nische und zu klein, um mit Blackrock und Co. mitzuspielen. Auch die Hoffnungsregion Asien-Pazifik kommt als seltsames Amalgam aus solider Vermögensverwaltung und volatilem Kapitalmarktgeschäft daher, welches auch Externe besorgen könnten.

Fazit: Nach dem Turnaround muss bei der Credit Suisse die Portfolio-Debatte beginnen.

Clash an der Côte d’Azur

Geldwäscherei Bernhard Burgeners Financier sitzt in Frankreich in U-Haft. Sein Anwalt bezeichnet ihn als Justizopfer.

Bloss ein geschmolzener Klumpen Metall. Das blieb vom schwarzen Ferrari Enzo übrig, nachdem der russische Oligarch Suleiman Kerimov die Herrschaft über den Sportwagen verloren hatte und an der Strandpromenade von Nizza in einen Baum gekracht war. Kerimov erlitt schwerste Verbrennungen. Der Multimilliardär aus Dagestan wurde mit der belgischen Luftwaffe in eine dortige Spezialklinik geflogen. Knapp 6000 Euro hat Kerimovs Krankentransport gekostet. Beglichen hat die Rechnung wenige Tage nach dem Unfall eine Luzerner Firma namens Swiru Holding, wie Dokumente zeigen. Das war 2006.

Zwölf Jahre später rückt jene Swiru Holding wieder in den Fokus. Erstens bei der Übernahme von Constantin Medien – einem deutschen Unterhaltungskonzern, um dessen Kontrolle der FC-Basel-Präsident Bernhard Burgener seit Jahren mit Haken und Ösen kämpft. Zweitens bei millionenschweren Villen-Deals an der Côte d’Azur, die ins Visier der französischen Justiz geraten sind wegen des Verdachts auf Steuerbetrug und Geldwäscherei im ganz grossen Stil. Es soll um bis zu 500 Millionen Euro gehen, behaupten die französischen Strafverfolger. Oligarch Kerimov kam deswegen kurzzeitig in Gewahrsam. Sein Luzerner Geschäftspartner, der Unternehmer Alexander Studhalter, sitzt seit Wochen in Südfrankreich in U-Haft.

Darlehen über 117 Millionen Franken

Studhalter ist in der Innerschweiz eine feste Grösse. Seine Familie gehört zu den Hilti-Erben, sein Bruder ist FC-Luzern-Präsident. Er hat die Übernahme von Constantin Medien durch Bernhard Burgener erst möglich gemacht. Die beiden Geschäftsleute kontrollieren seit wenigen Tagen die Mehrheit am Münchner Medienkonzern. Der Kontrollübernahme ist ein öffentliches Angebot vorausgegangen, in der wiederum die Swiru Holding eine Schlüsselrolle spielt.

Die Luzerner Holding hat nämlich zwei Darlehen über 117 Millionen Euro ausstehend. Es sind Darlehen, um sich an Burgeners Highlight-Imperium zu beteiligen beziehungsweise Constantin-Aktien zu erwerben. Praktisch zeitgleich mit Burgener und Studhalters Ankündigung eines Übernahmeangebots für Constantin verhaftet die Polizei Ende November am Flughafen in Nizza Suleiman Kerimov. Ohne Pass und gegen eine 40-Millionen-Euro-Kaution kommt der russische Oligarch und Senator Dagestans zwar wieder auf freien Fuss. Aber Anfang Jahr verhaften die Franzosen seinen Geschäftspartner Alexander Studhalter.

Eigentümer verschleiern

Es müsse garantiert werden, dass sich «Monsieur Studhalter» der französischen Justiz bereithalte, begründet Jean-Michel Prêtre, Staatsanwalt der Republik Nizza, die Zwangsmassnahme, um hernach summarisch auf die Gründe für Studhalters Verhaftung einzugehen. Im Zentrum steht abermals die Swiru Holding. Staatsanwalt Prêtre sagt: «Es gibt zahlreiche und übereinstimmende Fakten verschiedener Art, die beweisen, dass es sich um eine Gesellschaft handelt mit Zweck, den echten Eigentümer zu verschleiern und im Verborgenen zu halten.» Mit anderen Worten: Hinter der Swiru Holding steht gar nicht Studhalter, sondern sein Geschäftspartner Kerimov. Die französische Justiz sieht im Luzerner einen «homme de paille», einen Strohmann des Oligarchen.

Unbestritten ist: Die Swiru Holding besitzt mehrere Luxusvillen an der französischen Riviera. Studhalters Umfeld spricht von einer «Parahotellerie», die Kerimov als Mieter in Anspruch genommen habe. Die Strafverfolger dagegen sind überzeugt, Studhalter habe für Kerimov die Villen erstanden. Beispielsweise die palmengesäumte «Hier» am Cap d’Antibes. Offizieller Kaufpreis der Liegenschaft: 35 Millionen Euro. Doch unter dem Tisch sollen schwarz weitere 92 Millionen Euro geflossen sein, womit «Hier» insgesamt 127 Millionen Euro gekostet haben soll.

Ausgewiesener Verkaufspreis

Auf solche Weise und mit Unterhaltszahlungen für die Villen habe der russische Multimilliardär mehr als 500 Millionen Euro «gewaschen», sagte Staatsanwalt Prêtre kürzlich in der Online-Zeitschrift «Mediapart», gestützt auf «zahlreiche und bedeutsame Dokumente». Allerdings gibt es Zweifel an dieser Version. So gibt es zur Villa «Hier» eine offizielle Schätzung eines Appellationsgerichts in Aix-en-Provence, die den Wert der Liegenschaft kurz vor dem Verkauf an die Luzerner auf 31 Millionen beziffert. Also nahe dem ausgewiesenen Verkaufspreis und weit entfernt von der behaupteten Schwarzgeld-Summe.
Offizielle Steuerbestätigung

Nebst dieser gerichtlich angeordneten Schätzung konnte die «Handelszeitung» ein weiteres Dokumente einsehen, welches die These von Alexander Studhalter als Kerimovs Strohmann zu entkräften hilft. So haben die Steuerbehörden seiner Wohngemeinde Horw LU am 17. März 2017 eine Bestätigung ausgestellt, wonach Alexander Studhalter alleiniger Eigentümer und wirtschaftlich Berechtigter der Swiru Holding ist, und zwar seit deren Gründung 1996.

Kerimovs Cousin sass in SWIRU

Damals hiess die Gesellschaft noch Swiru Trustee. Ein möglicher Hinweis auf eine treuhänderische Funktion von Studhalters Firma, in der ab 2001 für vier Jahre auch der Obwaldner Politiker und Anwalt Hans Hess sass. Wie Recherchen zeigen, führte seinerzeit ein Mann namens Nariman Gadzhiev das Protokoll an den VR-Sitzungen der Swiru. Gadzhiev ist Kerimovs Neffe. Er soll Informationsminister Dagestans und für Kerimovs Nafta-Konzern aktiv gewesen sein. Es handelt sich um jene russische Ölhandelsfirma, die Oligarch Kerimov zur Jahrtausendwende schluckte und die auch in der Swiru Holding ihre Spuren hinterliess. So hiess eine Luxemburger Swiru-Tochter bis 2006 «Nafta Investments» und hielt eine Beteiligung an einem dortigen Nafta-Trader.

Wie auch immer. Studhalters Rechtsanwalt, Stefan Wehrenberg, sieht in seinem Mandanten «ein Opfer der französischen Justiz» und betont: «Der Zahlungsfluss von den Konti von Herrn Studhalter zu den Verkäufern der Villa ‹Hier› lassen sich lückenlos nachverfolgen.» Es habe keine zusätzlichen Zahlungen «unter dem Tisch» gegeben. Diese Tatsachen seien dem Gericht bekannt, sagt er und fügt hinzu, dass Studhalters steuerliche Situation «einwandfrei» sei: «Über zwanzig steuerliche Kontrollen wurden in Frankreich ohne Beanstandungen durchlaufen.» Er kämpft um den Ruf seines Mandanten und habe «rechtliche Mittel gegen die Art der Verfahrensführung beziehungsweise die laufend wiederholten falschen Anschuldigungen des französischen Untersuchungsrichters» ergriffen. Die Rekurse sollten im März behandelt werden.

Hodler, der Holzfäller

Julius Bär Es herrscht Bullenstimmung bei den Bären. Die Zürcher Vermögensbank Julius Bär schnaubt vor Selbstvertrauen. Rekordgewinn, Kapitalpolster gestärkt und ein markantes Plus bei Neugeld wie verwalteten Vermögen. Der glänzende Zahlenkranz ist das Verdienst von Boris Collardi – bis Ende November Bär-Chef. In seiner langen Regentschaft hat Collardi den Wealth Manager voll auf Wachstum getrimmt. Alleine seit 2012 haben sich die Assets under Management mehr als verdoppelt.

Nun zieht Karriere-Turbo Collardi weiter zu Konkurrent Pictet. Zurück bleibt Bernhard Hodler. Der langjährige Risk Officer kam nach Collardis Coup zum Chefsessel wie die Jungfrau zum Kinde.
Ein Job, um den der Endfünfziger wahrlich nicht zu beneiden ist. Denn: Die Löhne und Personalkosten gehen durch die Decke. Die adjustierte Cost-Income-Ratio spiegelt dies nur ungenügend wider. In der IT steht der Bank, zusammen mit Provider Temenos, das Megaprojekt einer global einheitlichen Buchungsplattform bevor.

Und auf der Compliance-Seite läuft das Projekt Atlas, mit dem Bär versucht, den Risikoprozess international zu vereinheitlichen. Nachdem die Bank in jüngster Vergangenheit zahlreiche Finanzskandale touchierte – von Fifa bis Petrobras. Hodler wird zum Holzfäller werden müssen, um den Wildwuchs beim Wealth Manager zu stoppen.