Lombard Odier – Zoff in der Partnerschaft

Nachfolge Der Doyen der Bank Lombard Odier, Patrick Odier, erreicht die Altersgrenze. Auf ihn müsste als Senior Partner Hubert Keller folgen. Doch der ist umstritten.

Zwei berufliche Dinge trieben ihn um, sagte Patrick Odier vor einigen Monaten an einer Veranstaltung der Bank: Vermögen für Familien und Unternehmer schützend zu verwalten sowie die Nachfolge bei Lombard Odier zu planen, «über meine Zeit hinaus». Die zweite Aufgabe drängt. Der Doyen der Genfer Privatbank feiert im nächsten Jahr seinen 65. Geburtstag. Aufs Pensionsalter fällt die Altersguillotine für geschäftsführende Teilhaber. Die Neuwahl eines Senior Partner – des Primus inter Pares – stünde damit eigentlich diesen Herbst an.

Doch Odiers ordentliches Ausscheiden bei Lombard Odier ist eine delikate Angelegenheit. Die noble Genfer Privatbank verliert nämlich ihren letzten namensführenden Partner. Dies nachdem Thierry Lombard Ende 2014 altershalber ausschied und sich die Partner gegen seinen Sohn Alexis als neuen Teilhaber stellten. Und nun, mit der anstehenden Pensionierung des honorigen Senior Partner, ist Lombard Odier ihre Galionsfigur los. Die Bank steht vor einer Zäsur.

Laufender Prozess bei Lombard Odier

Patrick Odier weibelt seit der Finanzkrise unermüdlich für seine Bank im Speziellen und den hiesigen Finanzplatz im Allgemeinen, zwischenzeitlich auch in der Rolle als Präsident der Bankiervereinigung. Odier hat sich dabei als versierter Kommunikator erwiesen: Der Geldverwalter mit privatem Milliardenvermögen vertritt seine Anliegen eloquent in der Sache und charmant im Auftritt. Ein Sympathieträger.

Eigenschaften, die man seinem potenziellen Nachfolger nicht auf Anhieb attribuieren würde. Es ist dies Hubert Keller. Sein Name fiel in allen Gesprächen mit einem halben Dutzend Wegbegleiter der Bank. «Rein mathematisch» müsste Keller eigentlich neuer Senior Partner werden, meint einer. Nach dem Anciennitätsprinzip hat er die besten Karten für den Topjob. Hinter Odier und Christophe Hentsch ist Keller der amtsälteste Partner. Und da Hentsch die Sechzig bereits überschritten hat, bleibt eigentlich nur Hubert Keller als neuer Senior Partner übrig. Die anderen Teilhaber sind entweder zu jung (Frédéric Rochat) oder zu wenig lang als Partner bei Lombard Odier (Denis Pittet, Annika Falkengren, Alexandre Zeller). Die Bank hält sich zur Personalaffiche bedeckt: Die Nachfolgeplanung sei ein «laufender Prozess», heisst es.

Durchzogene Bilanz

Die Wahl muss unter den geschäftsführenden Teilhabern einstimmig erfolgen. Gegenüber dem 52-Jährigen formiert sich intern jedoch Widerstand. «Er ist nicht in der Lage, die Bank nach aussen zu repräsentieren», sagt ein Weggefährte. Keller fehle es an Empathie, er sei forsch im Umgang und erratisch im Management. Auf die Defizite angesprochen betont die Bank, man kommentiere keine «unbegründeten und einseitigen Behauptungen».

«Keller ist halt ein typischer Investment Banker», sagt einer, der mit ihm zusammenarbeitete. Der Wahlbrite leitete vor seiner Lombard-Zeit das Kapitalmarkt-Geschäft der Deutschen Bank im Range eines Managing Director und fiel dann einem Machtkampf im Grossinstitut zum Opfer.

Kellers Vater: Graue Eminenz

Kurz darauf machte man den Kapitalmarkt-Experten 2006 zum Partner bei Lombard Odier. Ganz im Sinne der Familientradition. Denn bereits sein Vater Pierre war lange Jahre aktiver Teilhaber. Der hochbetagte Bankier gilt bis heute als graue Eminenz auf dem Genfer Finanzplatz mit besten Kontakten zu Konkurrenten wie Pictet.

Und auch Kellers Bruder Jean ist in der Rhonestadt verwurzelt, nachdem er Lombard Mitte der Nullerjahre überraschend verliess und heute die Privatbank als unabhängiger Fondsmanager konkurrenziert. Just jene Finanzdisziplin, in der sich seit gut zehn Jahren sein Bruder, der Investment Banker Hubert Keller, übt. Er leitet nämlich für Lombard Odier das Assetmanagement.

Keine klare Strategie im Asset Management

Kellers «Dealmaker»-Naturell laufe dem Wesen des institutionellen Anlagegeschäfts, das auf Langfristigkeit und Stabilität ausgerichtet sei, zuwider, sagen mehrere Quellen übereinstimmend. In seiner Führung sei kein taktischer Fokus, keine klare strategische Perspektive zu erkennen, moniert einer: «Er hangelt sich von Deal zu Deal.» Lombard Odier Investment Managers trete dabei gegen Schwergewichte wie J.P. Morgan, UBS oder Pimco an, anstatt das Heil in der Nische zu suchen.

Dabei habe Lombard durchaus attraktive Anlageboutiquen zu Themen wie Schweizer Festverzinsliche, Wandelanleihen oder Golden Age. Auch sei es Keller gelungen, profitablere Geschäfte hereinzuholen und die Rentabilität zu steigern. Offiziell legt die Bank das Aufwand-Ertrags-Verhältnis im Asset Management nicht offen. Die Rede ist von einem Wert um 75.

In Ungnade gefallen

Unter dem Strich bleibt Kellers Bilanz als Leiter von Lombard Odier Investment Managers durchzogen: «Ein fast zehnjähriger Bullenmarkt, eine wachsende Assetmanager-Industrie – und wir stagnieren», fasst es einer zusammen. In der IPE-Liste der 400 grössten Assetmanager rutschte Lombard Odier in den letzten vier Jahren von Platz 201 auf 218 ab. Die Bank weist die Vermögen der Assetmanagementsparte seit zwei Jahren auch nicht mehr gesondert im Geschäftsbericht aus: 2016 lagen sie bei 45 Milliarden Franken. Auf Anfrage rückt die Bank die Zahl per Ende 2018 heraus: 45 Milliarden Franken. Bezeichnenderweise lautet Kellers interner Übername «Mister 50 Billion».

Trotzdem leistet sich die Genfer Bank weiterhin zwei Produkte-Fabriken, eine fürs Assetmanagement und eine fürs Private Banking. Die beiden Kulturen gelten nämlich als unvereinbar bis hin zur Personalpolitik. Beispielhaft ist die Karriere von Stéphane Monier. Der heutige Anlagechef der Privatbank arbeitete bis 2013 fürs Assetmanagement. Bis Monier bei Chef Keller in Ungnade fiel und zur Genfer Privatbank übertrat.

Genf ist Lombard Odier Partner zu langweilig

Überhaupt ist der Senior Partner in spe in der Calvinstadt nur gelegentlich Gast, reist jeweils für die Teilhaber-Treffen an. Seine Assetmanager dirigiert Keller von London aus. Im noblen Stadtteil Mayfair residieren die Lombard Odier Investment Managers. Keller, ein passionierter Reiter und Pferdenarr, schätze den Lifestyle: Genf sei ihm zu langweilig.

Angesichts dieser verzwickten Ausgangslage munkelt man in Genf, Odier bleibe über die Pension hinaus Senior Partner. Mindestens bis 2021. Dann soll der neue Banksitz von den Stararchitekten Herzog & de Meuron am Genfer Bellevue bezugsbereit sein. Odiers gläsernes Vermächtnis.

Aufsicht für Finma – Big Four auf dem Prüfstand

Finma Die Aufsicht lässt Banken und Versicherer von Auditkonzernen kontrollieren. Die Praxis ist unergiebig und birgt Interessenkonflikte. Nun wird Kritik laut.

Es war kein Aprilscherz, als der Internationale Währungsfonds (IWF) am Ersten des Monats seinen Schweiz-Bericht publizierte. Darin macht der IWF «gewichtige Mängel» bei der Finanzmarktaufsicht aus: «Die Finma sollte direkt Prüfgesellschaften mandatieren und zahlen können, um potenzielle Interessenkonflikte auszuräumen.» Der IWF mahnt im Bericht die Schweiz zur «Stärkung des Governance-Rahmens der Finma».

90 Prozent fliesst an Deloitte, EY, KPMG und PwC

Die Mahnung aus Washington zielt auf den verlängerten Arm der Finma ab, die privaten Wirtschaftsprüfer. Sie verdienen jährlich über 110 Millionen Franken mit regulären Aufsichtsprüfungen bei Finanzinstituten, vornehmlich Banken. Davon fliessen über 90 Prozent an die Big-Four-Konzerne Deloitte, EY, KPMG und PwC. Gleichzeitig bildet die Kontrolle dieser privaten Auditkonzerne die Arbeitsgrundlage der Finma für Sonderprüfungen und Enforcements.

Nun gerät die reguläre Aufsichtsprüfung unter Beschuss. Paul Mathieu hat für den IWF den Schweizer Finanzsektor begutachtet und spricht von einem «sehr ungewöhnlichen Modell»: «Die Good Practice verlangt, dass die Aufseher für alle Aufsichtstätigkeiten voll verantwortlich sind.» Die Banking- und Audit-Welt sei konzentriert auf wenige gewichtige Akteure. Zwar dürften jene Firmen, die aufsichtsrechtlich prüften, nicht gleichzeitig die jeweilige Bank beraten. Und die Prüfgesellschaft müsse regelmässig rotieren. «Aber mit dem Rotationsprinzip erbringen die Auditkonzerne im Laufe der Zeit sämtliche Dienstleistungen für dieselben Banken, sodass sie voneinander abhängig sind», kritisiert IWF-Mann Mathieu.

Anschein von Einflussnahme bei Aufsichtsprüfungen der Finma

Das Schweizer Aufsichtsmodell verschärft dieses Systemproblem noch, indem nicht die Finma selbst die Prüfgesellschaften mandatiert und bezahlt, sondern die Banken und Versicherer. Dabei schnüren die Finanzinstitute in der Regel ein Mandatspäckli mit der Revisionsgesellschaft: Jene Auditfirma, die den Geschäftsabschluss der Bank auf ihre Richtigkeit prüft, liefert im Nachgang auch die regulatorische Aufsichtsprüfung mit.

Für Compliance-Experte und Rechtsanwalt Michael Kunz macht dies durchaus Sinn: «Der leitende Auditor ist bereits mit den Eigenheiten der buchgeprüften Firma vertraut.» Bei kleineren Beaufsichtigten ist häufig derselbe leitende Prüfer am Werk. Bei systemrelevanten Banken ist es zumindest dieselbe Prüfgesellschaft. «Man kann den Anschein von Einflussnahme auf Audits und Interessenkonflikte erkennen», warnt IWF-Mann Mathieu und empfiehlt deshalb ein Direktmandat der privaten Prüfgesellschaften durch die Finma, um solche Vorbehalte auszuräumen.

Auch die Eidgenössische Finanzmarktaufsicht selbst hält den IWF-Vorschlag für «sinnvoll»: «Dies würde aber die Anpassung des gesetzlichen Rahmens bedingen und die nötige politische Unterstützung voraussetzen.» Will die Finma nämlich die Verquickung von aufsichtsund gesellschaftsrechtlicher Revision heute unterbinden, muss sich der Regulator rechtfertigen. «Dies kam auch vor», betont ein Finma-Sprecher.

Für die Aufsichtstätigkeit der Finma kommt erschwerend hinzu, dass es kaum Auswahl gibt bei anspruchsvollen Mandaten. Geht es beispielsweise um komplexe, internationale Konkursliquidationen, kommen praktisch nur die Big-Four-Konzerne in Frage: Entsprechend lukrativ sind die Sondermandate, für welche Finma-Beauftragte seit 2014 mit 165 Millionen Franken entschädigt wurden.

Potenzielle Interessenkonflikte bei Prüfgesellschaften

Peter V. Kunz, Wirtschaftsrechtler an der Uni Bern, betont: «Das Angebot von möglichen Prüfgesellschaften, aus denen die Finma für Mandate auswählen kann, ist relativ beschränkt.» Dies führe zu «potenziellen Interessenkonflikten». Allerdings hätten die Prüfgesellschaften in der Praxis – nicht zuletzt aus Angst vor Haftungsklagen – «gewisse Chinese Walls» hochgezogen. Kunz spricht sich deshalb für die bestehende duale Aufsicht mit prüfbeauftragten Privaten aus: «Dies verhindert eine aufgeblähte, kostspielige Bürokratie, was aus liberaler Sicht zu begrüssen ist.»

Allerdings gibt es nicht nur Governance-Bedenken, wenn private Prüfkonzerne die Arbeit des Finanzregulators machen. Die Finma-Spitze selbst zweifelt mittlerweile die Wirksamkeit ihrer privatwirtschaftlichen Mitarbeitenden an: In der Vergangenheit seien viele Themen eher flächendeckend geprüft worden, «ohne dass wir daraus relevante Erkenntnisse gewinnen konnten», monierte Finma-Präsident Thomas Bauer jüngst vor den Medien: «Wir sind zum Schluss gelangt, dass uns das bisherige System schlicht zu wenig Hinweise auf Probleme bei Beaufsichtigten gegeben hat.»

Prüfgesellschaften tauchen nur selten als Hinweisgeberin bei Finma-Enforcements auf

Dabei hatte die Finanzmarktaufsicht erst 2013 das Rundschreiben zum Prüfwesen revidiert. «Doch die erhoffte Steigerung des Nutzens für eine wirksame Aufsicht über den Schweizer Finanzplatz konnte nicht erreicht werden», schreibt die Finma im Revisionsbericht. Das grösste Potenzial liege bei der «Anpassung der Basisprüfung» durch private Auditfirmen. Just dort, wo auch der IWF Handlungsbedarf sieht. Unter anderem analysierte die Finma dazu die Quellen und Hinweise für ihre Enforcement-Abklärungen oder -Verfahren. «Die Prüfgesellschaften tauchten hier nur selten als Hinweisgeberin auf», schreibt die Finma auf Anfrage der «Handelszeitung». Mit anderen Worten: Der reguläre Aufsichtscheck durch private Prüfer war bislang ein teurer Papiertiger.

Nun hat die Finanzmarktaufsicht allerdings Gegensteuer gegeben: Man wolle die Vorgaben dabei noch stärker nach der «Risikosituation der Beaufsichtigten» abstufen und so das «Kosten-Nutzen-Verhältnis des Prüfwesens» erhöhen.

Im Retailgeschäft mangelt es Banken an Wettbewerb

Retailgeschäft Das Open-Banking-Beispiel ist symptomatisch: Während sich europäische Geschäftsbanken seit Jahren mit offenen Kontodaten beschäftigen und daraus neue Businessmodelle und Ökosysteme entwickeln, tun die meisten Schweizer Banken nur das Nötigste.

Wer in der EU geschäftet, öffnet zwangsweise die Schnittstellen. Die Inlandbanken kaprizieren sich derweil auf den Sonderfall. Schliesslich sind seit Jahrzehnten die Claims abgesteckt und die Pfründen gutschweizerisch verteilt. Selbst die Nadelstiche der Negativzinsen wurden durch höhere Gebühren bestens kuriert.

Gefährliche Entwickung im Retailgeschäft

Harter Wettbewerb? Fehlanzeige. Was sich daran zeigt, dass nirgends in Europa die Margen im Retailgeschäft so hoch sind wie in der Schweiz. In solch einem festgefahrenen Umfeld gilt Innovation als Ultima Ratio. Weshalb sollte sich eine Bank abmühen und am Ende gar kannibalisieren, wenn das Geschäft im Autopiloten läuft. Doch für den Finanzplatz ist dies eine gefährliche Entwicklung.

Denn das Retail Banking gilt gemeinhin als Innovationstreiber, dessen avancierte Anwendungen schliesslich auch in die noblere Vermögensverwaltung diffundieren. Genau dieser Transmissionsriemen fehlt dem Swiss Banking. Die Inlandsinstitute arbeiten in einem abgeschotteten Umfeld. Während es den beiden Grossbanken an einem ausländischen Retailgeschäft mangelt, das als konzerninterner Impulsgeber fungieren könnte.

Ein Strukturproblem, das sich mit der rasant fortschreitenden Digitalisierung rächen könnte. Die geschützte Werkstatt droht abgehängt zu werden.

Open Banking – Schweizer Kunden werden diskriminiert

PSD2 UBS, CS & Co öffnen in der EU den Zugriff auf Kontodaten. Doch Schweizer Privatkunden können davon nicht profitieren.

Das Foto zeigt eine Fluggastbrücke. Auf der Seite prangt das Logo der UBS. Die Bildsprache suggeriert: Bei uns lässt sich prima andocken. Die Aufnahme stammt von einem Entwicklerportal der Schweizer Grossbank. Es stellt alle nötigen Informationen dazu bereit, wie Drittanbieter in der EU auf Kontoinformationen europäischer UBS- Kunden zugreifen können.

Vorausgesetzt natürlich, die Bankkunden erlauben dies. Denkbar sind damit Services wie Finanzcockpits, mit denen Kunden auf einen Blick alle Konti bei verschiedenen Instituten in Echtzeit überwachen können. Auch automatisierte Zahlungs­vorgänge im Kundenauftrag sind dann möglich.

Alle Banken sind verpflichtet

Solche Open-Banking-Dienste können Drittanbieter wie Fintechs nur bieten, wenn sie offene, standardisierte Schnittstellen zu kontoführenden Banken haben. Im Rahmen der zweiten Zahlungsdienstrichtlinie (PSD2) sind ab September alle in der EU tätigen Banken verpflichtet, solche Schnittstellen diskriminierungsfrei anzubieten. Mit dabei sind zahlreiche Schweizer Banken mit Geschäft in der Europäischen Union wie UBS, Credit Suisse oder Julius Bär. Aufgrund der zwingenden EU-Regulierung sind die Schweizer Institute in Europa fit fürs Open Banking. Auf dem Heimmarkt ist von der neuen Offenheit, zumindest für Privatkunden, jedoch wenig zu spüren: «Ein regulatorischer Zwang wäre ein un­nötiger Eingriff in den funktionierenden Markt und würde zu einer Wett­be­werbs­verzerrung zu Ungunsten der Banken führen», lautet die Haltung der Bankiervereinigung.

Bei der Credit Suisse betont man, dass im Firmenkunden-Bereich die Schnitt­stellen geöffnet seien, die Bank Partnerschaften mit Fintechs laufend ausbaue und dass man ein «Corporate Ecosystem» anstrebe. «Im Bereich Privatkunden sammeln wir derzeit erste Erfahrungen im europäischen Raum und evaluieren Anwendungsmöglichkeiten für unsere Kunden in der Schweiz», so die CS.

Zugriff nur auf Geschäftskonti

Auch Konkurrentin UBS fokussiert in der Schweiz bisher ausschliesslich auf Geschäftskunden: Man biete bereits heute sichere Schnittstellen, dort wo Kundenbedürfnisse bestünden. «Einen klaren Kundennutzen stiften dabei auch mo­derne Softwarelösungen für KMU- und Unternehmenskunden», so die UBS. Des Weiteren gebe man externen Vermögensverwaltern schon heute Zugriff auf die Konti der jeweiligen Privatbank-Kunden. Da prüfe man einen weiteren Ausbau des Angebots.

Das Daten-Reduit der Banken hierzulande hat Konsequenzen: Fintechs wie Qontis und Contovista mussten ihr Ge­schäfts­modell umbauen. Denn die Voraussetzungen für Finanzcockpits für Privatkunden, sogenannte Personal ­Finance Manager, sind nicht gegeben. So fehlen Standards wie in der EU, was die Anbindung einzelner Finanzinstitute zur kostspieligen Sisyphusarbeit macht.

Zumal einzelne Institute beim Anbindungsversuch mit Klagen drohten. «Die grosse Angst war, dass mit einem Finanz­cockpit dereinst auch ein Performance-Check in der Vermögensverwaltung möglich würde», erinnert sich ein Involvierter. Solche Transparenz scheuen gewisse Geldverwalter bis heute: Die «Handelszeitung» kennt ein Schweizer Fintech, das bei der UBS für offene Schnittstellen anklopfte, welche die Grossbank nun europäischen Drittanbietern gewähren muss. Die UBS blieb dem Startup eine Antwort schuldig.

Zeit zum Experimentieren im Open Banking

Noch herrsche gerade bei den grösseren Banken die Vorstellung, dass die Kunden alles bei einem Institut zu tätigen hätten, sagt Richard Dratva vom Banking-Entwickler Crealogix: «Open Banking ist aber keine Einbahnstrasse. Statt alles selber machen zu wollen, könnten Banken aktiv dieses Ökosystem orchestrieren und da­raus neue Geschäftsmodelle entwickeln.» Gerade für die Schweizer Banken böten sich jetzt gute Chancen, so Dratva: «Weil die hiesigen Player nicht PSD2-reguliert sind, besteht noch kein unmittelbarer Anpassungsdruck und somit Zeit zum Experimentieren und Positionieren.»

Als nächster Meilenstein hierzulande gilt die vom Infrastrukturbetreiber SIX Group angeführte Corporate API, die auf Initiative von Credit Suisse, Raiffeisen, UBS, Valiant und ZKB zustande kam. Es handelt sich dabei um eine zentrale Schnittstellen-Infrastruktur, die Banken, Drittanbieter und Geschäftskunden kurzschliessen soll. Der Start des Schweizer Schnittstellen-­Hubs soll demnächst erfolgen.

VW – Das Auto ist kaputt

Volkswagen Der Slogan war pures Selbstbewusstsein: «Volkswagen. Das Auto.» In der Ära von Chef Martin Winterkorn verstand sich VW als automobiles Nonplusultra. Die Hybris der Wolfsburger gipfelte in kapitalem Betrug. Statt «Vorsprung durch Technik» zu erzielen, wie es Tochter Audi für sich in Anspruch nimmt, manipulierte der weltgrösste Autobauer an seiner Software herum, um schärferen Dieselnormen zu genügen.

Keine Tat isolierter Ingenieure, wie die Staatsanwaltschaft Braunschweig nun auf 692 Seiten ausführt, sondern von der damaligen VW-Spitze stillschweigend gebilligt. Die Anklage gegen Winterkorn und Co. lautet auf schweren Betrug. Auch der jetzige VW-Chef, Herbert Diess, soll früh von den Machenschaften gewusst haben.

Volkswagen vom Wandel überholt

Der Dieselskandal stellt für das einstige deutsche Vorzeigeunternehmen eine existenzielle Hypothek dar. Der Abgasbetrug in der Vergangenheit hat Volkswagen die Sicht auf die automobile Zukunft vernebelt. VW erinnert frappant an den finnischen Handy-Primus Nokia, als Apple 2007 sein erstes Smartphone veröffentlichte.

Während sich der Ingenieursstolz in Wolfsburg weiter an Pferdestärken und Hubraum bemisst, entwickeln die Konkurrenten in Shenzhen oder Palo Alto fahrende Tablets – autonom, vernetzt und elektrifiziert. Die ganze Dramatik hat jüngst der «Spiegel» recherchiert. So fehlen Volkswagen schlicht die Entwickler, um die Software des Massenmodells Golf und des ersten Elektromobils I. D. auf die Erfolgsstrasse zu bringen. Die digitalen Pendenzen türmen sich beim Autobauer. Volkswagen wird vom Wandel überholt.

Credit Suisse – Bundesanwalt hilft Mosambik

Tuna Bonds Die Schweizer Strafverfolger leisten Rechtshilfe im Verfahren um Milliardenkredite der Credit Suisse.

Anfang März hat Mosambik die Schweizer Grossbank Credit Suisse in London vor dem High Court verklagt. Es geht um Darlehen und Staatsgarantien in der Höhe von 1,2 Milliarden Dollar für Militärboote, Werften und eine Thunfischflotte. Jene Kredite waren hinter dem Rücken des Internationalen Währungsfonds (IWF) geschnürt worden und wurden zweckentfremdet, worauf der IWF dem ostafrikanischen Land den Geldhahn zudrehte. Zudem sollen drei ehemalige Banker der Credit Suisse und weitere Involvierte gemäss Anklage der US-Justiz rund 200 Millionen Dollar für sich abgezweigt haben.

Kreditvergabe lief über London

Das Verfahren um die Milliardenkredite in Mosambik treibt auch die Schweizer Behörden um. «Die Bundesanwaltschaft steht in Kontakt mit den zuständigen Behörden aus Mosambik, welche die BA im Januar 2018 um Rechtshilfe ersucht haben. Dieses Rechtshilfeersuchen wird gegenwärtig durch die BA vollzogen», sagt eine Sprecherin der Bundesanwaltschaft und fügt an, dass sich aus dem Rechtshilfeersuchen aus Mosambik gegenwärtig kein hinreichender Tatverdacht ergebe. «Die BA führt zurzeit kein nationales Strafverfahren.» Allerdings sind nicht nur die Ermittler des Bundes im Mosambik-Fall der Credit Suisse aktiv. Auch die Eidgenössische Finanzmarktaufsicht (Finma) unterstützt ihre britischen Kollegen von der Financial Conduct Authority in den Ermittlungen. Denn die Kreditvergabe lief über die Londoner Investmentbank der CS. Man begleite den Fall, sagte Finma-Chef Mark Branson jüngst vor den Medien. Die Finma sehe sich an, ob auf Gruppenebene der Credit Suisse «alles richtig gemacht» worden sei.

Derweil setzt sich der involvierte Schiffsbauer Privinvest vor einem Schweizer Schiedsgericht gegen die staatlichen mosambikanischen Auftraggeber zur Wehr. Privinvest fordert mindestens 200 Millionen Dollar Schadenersatz wegen Vertragsbruch. Zuvor hatte die US-Justiz einen Privinvest-Verkäufer in New York in Untersuchungshaft genommen.

Der Squeeze-out-Plan bei Alpiq

Stromkonzern Financier Martin Ebner fordert mehr Geld für die Publikumsaktionäre der Alpiq. Doch der zwangsweise Ausschluss der Minderheitseigner ist schon ausgeheckt.

Hoch über dem Zürichsee thront Martin Ebners BZ Bank. Doch der Financier und seine Fondskunden mussten in den vergangenen Jahren untendurch. Ihre Aktienwette auf Alpiq entpuppte sich als Verlustgeschäft. Im Berichtsjahr 2010 bestand der BZ Infra Fund zu über einem Viertel aus Papieren des Lausanner Stromkonzerns. Damaliger Jahresendkurs: 360 Franken. Heute wird das Papier für gut einen Fünftel des Werts gehandelt.

Zu wenig für einen Erfolgsinvestor wie Ebner. Sein 3-Prozent-Paket an Alpiq, das er seit 2015 besass, hat der Financier bereits im letzten Frühjahr abgebaut und so die privaten Verluste begrenzt. Aber Ebner kämpft weiter für seine Kunden und Investoren. In der «Sonntagszeitung» liess er verlauten: «Ein Kurs von 140 Franken wäre eigentlich dem Wert entsprechend und damit auch eine Entschädigung der Aktionäre in derselben Höhe angemessen.»

Über den Tisch gezogen

Ebners Preisforderung ist dem Exit der EDF geschuldet. Der französische Stromriese hat jüngst für 70 Franken pro Aktie seinen Alpiq-Anteil verkauft. Ein Preis, der für Minderheitsvertreter Ebner nicht infrage kommt: «Wenn es tatsächlich so ist, dass man den Publikumsaktionären nur 70 Franken zahlen will, dann werden die über den Tisch gezogen.» Was Ebner moniert, genügte dem französischen Ankeraktionär: Die EDF veräusserte ihren 25-Prozent-Anteil für 500 Millionen Franken an den Infrastrukturfonds der Credit Suisse, der mit Schweizer Pensionskassengeldern geäufnet ist. Der CS-Fonds kontrolliert nun zusammen mit einer West- und einer Deutschschweizer Konsortialgruppe den Stromkonzern zu 88 Prozent. Die restlichen 12 Prozent werden frei gehandelt. Doch mit der neuen Eigentümerstruktur soll Alpiq auch von der Börse genommen werden.

Die Dekotierungspläne dürften Ebner und Co. gar nicht goutieren. Denn der Stromkonzern hat in seinen Statuten ein Opting-out stipuliert. Die Mehrheitseigner sind demnach nicht zu einem öffentlichen Kaufangebot verpflichtet. Es gilt auch keine Mindestpreisregel. Mit anderen Worten: Die neuen Herrscher über den Hydrokonzern könnten Alpiq von der Börse nehmen und so weitermachen wie bisher. Die Publikumsaktionäre hätten fortan illiquide, nichtkotierte Titel im Portfolio. Oder aber die neuen Eigner werden ihre Publikumsaktionäre über einen Squeeze-out ganz los. Und das ist genau der Plan, wie die «Handelszeitung» erfahren hat.

Das Drehbuch zu einem solchen zwangsweisen Ausschluss steht. Die Schlüsselrolle kommt dabei einer Hybridanleihe über 367 Millionen Franken zu, welche die Deutsch- und Westschweizer Ankeraktionäre der Alpiq 2013 zeichneten, nachdem eine Kapitalerhöhung am Widerstand der EDF gescheitert war.

Hybridanleihe der Alpiq mit Schlüsselrolle

Nun soll jene Hybridanleihe an die Ankeraktionäre nicht bar zurückbezahlt werden, sondern in Form neuer Aktien. Der dazu nötige Entscheid des Alpiq-Verwaltungsrats gilt als Formsache. Indem die Mehrheitseigner frische Alpiq-Titel erhalten, erhöht sich deren Anteil am Stromkonzern entsprechend. Nimmt man den Verkaufspreis von 70 Franken pro Aktie als Massstab, kämen die Konsortialaktionäre – bestehend aus der Westschweizer EOS, dem CS-Anlagefonds und der Deutschschweizer Gruppe um Primeo Energie – nach Wandlung der Hybridanleihe auf einen Anteil von 89,8 Prozent.

Das ist knapp unter der magischen Schwelle von 90 Prozent. Denn ab diesem Anteilswert ist ein fusionsrechtlicher Squeeze-out möglich. Die Konsortialaktionäre könnten dann die verbleibenden Minderheitseigner zwangsweise aus der Gesellschaft ausschliessen. Den Publikumsaktionären bliebe eine Barabfindung, wahrscheinlich in der Höhe des von der EDF erzielten Verkaufspreises von 70 Franken. Dominik Bollier, Managing Partner beim CS-Infrastrukturfonds, betont: «Wir wollen die Publikumsaktionäre fair behandeln.» Was nichts anderes bedeutet als gleich wie die EDF. Einen Aufschlag wird es nicht geben.

Kriegskasse der Pensionskassen

Nun sind 89,8 Prozent keine 90 Prozent. Aber die Wahrscheinlichkeit, dass die Konsortialaktionäre die Squeeze-out-Schwelle erreichen, ist hoch. Denn im Streuaktionariat befinden sich zahlreiche ausländische Assetmanager wie Vanguard, Odey oder Charles Schwab. Solche Institutionellen dürfen gemäss ihren Anlagekriterien häufig keine nichtkotierten Titel halten. Geht Alpiq von der Börse, müssen sie verkaufen. Und das spielt den Konsortialaktionären in die Hände. Noch diskutieren EOS, Primeo und der CS-Energie-Fonds, wer den Squeeze-out letztlich finanziert. Der Wert des Free Float entspricht beim aktuellen Kurs etwa 240 Millionen Franken. Der CS- Fonds könnte den Betrag locker aus Finanzzusagen seiner 135 Pensionskassen stemmen. Nach dem Kauf des EDF-Pakets sind noch 250 Millionen Franken in der Kriegskasse übrig.

Raiffeisen und der Fall Investnet

Rechtsstreit Raiffeisen könnte Ex-Chef Pierin Vincenz noch einen zweistelligen Millionenbetrag schulden – sollte die Bank den Streit ums KMU-Vehikel verlieren.

Es ist bloss eine Fussnote im jüngsten Finanzbericht der Raiffeisen Gruppe. Aber eine mit Sprengkraft. Auf zehn Zeilen Kleingedrucktem beschreibt die Genossenschaftsbank den Zivilrechtsstreit um das KMU-Vehikel Investnet, an dem sich Raiffeisen 2012 unter Führung ihres damaligen Chefs Pierin Vincenz mit 60 Prozent beteiligt hatte.

Wie Recherchen der «Handelszeitung» zeigen, dürfte der Streitwert für Raiffeisen hier gegen 150 Millionen Franken betragen. Zu den potenziellen Geldbezügern, denen möglicherweise noch ein zweistelliger Millionenbetrag zusteht, gehört auch Ex-Chef Pierin Vincenz. Er war ab 2015 als Privatmann an der Holding des KMU-Vehikels beteiligt.

Raiffeisen unterzeichnete 2017 eine Schuldanerkennung

Die Streitwert-Schätzung basiert unter anderem auf dem Raiffeisen-Finanzbericht 2018. Erstmals legt die Bank darin offen, wie viel sie das Ende von Investnet noch kosten würde, sollte sie die laufenden Zivilrechtsverfahren gegen die Minderheitsaktionäre verlieren. Raiffeisen spricht von «Verpflichtungen von 30 Millionen Franken sowie Eventualverpflichtungen im Umfang von 30 Millionen Franken».

Allerdings betreffen diese 60 Millionen Franken nur die erste Geschäftsphase des KMU-Vehikels von 2012 bis 2015. Für 30 Millionen davon liegt überdies eine Schuldanerkennung von Raiffeisen vor. Die Bank hat sie 2017 ausgestellt, in der Ära von Chef Patrik Gisel. Die Schuldanerkennung wurde von Raiffeisen-Topmanagern unterzeichnet. Heute ficht die Bank auch dieses Dokument rechtlich an.

Nebst diesen bis zu 60 Millionen Franken aus der ersten Phase streitet Raiffeisen über eine weitere, grössere Summe: gegen 100 Millionen Franken oder mehr. Die Grundlage hierfür wurde im Aktionärsbindungsvertrag von 2015 geschaffen. Damals baute man eine Holding-Struktur für das KMU-Vehikel. Raiffeisen verpflichtete sich, zusätzlich zu den bisherigen 100 Millionen weitere 250 Millionen an Eigenkapital einzuschiessen. Man hegte hochtrabende Pläne, wollte gemeinsam einen Börsengang bis 2022 in der Grössenordnung von einer Milliarde Franken.

Damals verpflichtete sich Raiffeisen Schweiz, dass die Minderheitseigner der Investnet Holding ihre Anteile «nach einer vertraglich vereinbarten Bewertungsmethodik» der Bank andienen können. Und zwar frühestens ab Juli 2020, also in gut einem Jahr.

Raiffeisen Schweiz geht jedoch davon aus, dass es in diesem Zusammenhang zu keinen Zahlungen mehr kommt. Dies weil die Bank die Verträge «aus wichtigem Grund» gekündigt hat und nun anfechtet. Dazu rüstet sich Raiffeisen auch finanziell, wie die jüngste Jahresbilanz zeigt: «Insbesondere die Unwägbarkeiten in den rechtlichen Auseinandersetzungen im Kontext Investnet» führten dort zu einem Anstieg der Rückstellungen um 25 Millionen Franken.

Investnet-Portfolio ist geschätzte 300 Millionen wert

Jene Put-Optionen der Investnet Holding, die im nächsten Sommer fällig werden, gehören Ex-Raiffeisen-Chef Pierin Vincenz und den beiden Mitgründern des KMU-Vehikels, Peter Wüst und Andreas Etter. Sie sind die Minderheitsaktionäre jener Holding, die heute als KMU Capital Holding firmiert. Vincenz und Wüst halten je 15 Prozent. Etter hat 10 Prozent.

Ein Indiz, wie viel Raiffeisen den Minderheitseignern noch schulden könnte, liefert ein bankeigenes Gutachten. Im Mai 2018 gab es der Beratungskonzern EY in der St. Galler Genossenschaftszentrale ab. Die Berater ermitteln darin den Marktwert der 18 grössten KMU-Beteiligungen aus dem Investnet-Portfolio. Sie kommen zum Schluss, dass der Marktwert etwa 60 Prozent über Einstands- beziehungsweise Mindestwert liegt. Ein deutlicher Hinweis darauf, wie operativ erfolgreich Investnet in den letzten Jahren arbeitete.

Gemäss EY-Gutachten liegt der Wert per 2017 bei rund 300 Millionen Franken. Nimmt man die Beteiligungsverhältnisse der Investnet Holding zum Massstab, wären schätzungsweise gut 100 Millionen Franken an die drei Minderheitseigner im nächsten Juli fällig. Mit anderen Worten: Raiffeisen müsste alleine ihrem Ex-Chef Pierin Vincenz nochmals über 35 Millionen Franken schütten, sollte die Bank im Zivilrechtsstreit unterliegen.

Allerdings hat sich die Situation seit der Schätzung von EY stark verändert: Im Februar 2018 schien die Entflechtung zwischen Raiffeisen Schweiz und den Investnet-Minderheitsaktionären um Vincenz und Co. gütlich geglückt zu sein. Die Bank veröffentlichte kurz vor dem Jahresergebnis ein Communiqué mit dem Titel «Raiffeisen ordnet Beteiligungsverhältnisse neu». Darin heisst es, die «finanziellen Verflechtungen» würden «aufgehoben». Konkret war vorgesehen, die Kapitalgeberfunktion und das KMU-Management eigentumsrechtlich wieder sauber zu trennen: Die Bank hätte fortan in einer separaten Firma Eigenkapital für KMU-Nachfolgelösungen bereitgestellt. Investnet hätte diese Beteiligungen dann eigenständig betreut.

Investnet-Einigung kommuniziert, bevor Verträge unterschrieben waren

Nur, was Raiffeisen als Entscheid gemeldet hatte, war gar noch nicht vollzogen worden. Die Trennungspapiere waren zum Zeitpunkt des Communiqués nicht unterschrieben. Der Trennung in Minne kam die Strafuntersuchung gegen Vincenz, Etter und Wüst dazwischen.

Im Zuge diverser Ermittlungen wurde klar, dass in der ersten Investnet-Geschäftsphase bis 2015 der externe Raiffeisen-Berater und Vincenz-Vertraute Beat Stocker verdeckt 13,3 Prozent am KMU-Vehikel hielt. Dies war den Raiffeisen-Oberen – mit Ausnahme von Vincenz – nicht bekannt. In der zweiten, der Investnet-Holding-Phase ab 2015, beteiligte sich Vincenz privat mit 15 Prozent. Noch als operativer Bankchef legte Vincenz seine Beteiligungsabsichten nicht angemessen offen und trat nicht in Ausstand. Ein Governance-Versagen von Raiffeisen, das die Finanzmarktaufsicht nicht alleine Vincenz anlastete: «Der Verwaltungsrat unterliess es, den naheliegenden potenziellen Interessenkonflikten nachzugehen, und überwachte den Verkaufsprozess nur mangelhaft.»

Nichtsdestotrotz geht die neue Führung um Präsident Guy Lachappelle auf Konfrontation und macht «Willensmängel» geltend: Die Bank kappte die gültigen Verträge mit Investnet. Der Portfoliomanager musste schliessen und zwanzig Angestellte entlassen. Gleichzeitig beansprucht Raiffeisen 100 Prozent der Investnet Holding und schreibt auf dem Portfolio kräftig ab: 150 Millionen Franken an Wertberichtigungen und Rückstellungen. Schliesslich sind im Juli 2020 die Put-Optionen für Vincenz und Co. fällig.

Die Schweizer Steine der Lego-Erben

Lego Die Erben des Spielzeugherstellers bauen auf Renditeobjekte in der Deutschschweiz. Seit Jahren investiert die dänische Milliardärsfamilie hierzulande.

Das Viersternehaus «Valbella Inn» lässt der Spielfreude seiner kleinen Gäste freien Lauf. Der dedizierte Kinderbereich namens Kids Inn wartet auf 450 Quadratmetern mit dem vollen Lego-Sortiment auf: von den klobigen Duplos für Kleinkinder bis hin zu den sophistizierten Technic-Bausätzen für halbwüchsige Bastler.

Zweig der Spielzeugdynastie Lego

Dass Freunde der dänischen Plastikklötze in der Lenzerheide voll auf ihre Kosten kommen, ist kein Zufall: Das «Valbella Inn» samt Seminarvilla «Chesa Rustica» gehört nämlich einer Firmengruppe namens Kirkbi. Hinter der Wortschöpfung verbirgt sich das 16-Milliarden-Dollar schwere Family Office der Lego-Erben. Genauer gesagt eines Zweigs der Spielzeugdynastie um Kjeld Kirk Kristiansen. Der Multimilliardär ist der Enkel des Lego-Erfinders Ole Kirk Kristiansen, leitete bis 2004 operativ den Spielwarenkonzern und präsidiert heute den familieneigenen Vermögensverwalter Kirkbi, der 75 Prozent am Lego-Konzern hält.

Das dänische Family Office der Spielwarenerben betreibt nicht nur das Familienresort «Valbella Inn» in den Bündner Bergen. Kirkbi hat sich in den letzten Jahren still und leise ein stattliches Immobilienportfolio in der Schweiz zusammengekauft: Die Dänen verfügen hierzulande mittlerweile über Geschäftsflächen im Umfang von über 25 Fussballfeldern (siehe Tabelle). Erst im letzten Jahr haben sich die Lego-Erben an zentraler Lage im aargauischen Baden für einen zweistelligen Millionenbetrag eine Geschäftsliegenschaft gekauft, in der früher Grosstransformatoren montiert wurden.

Ehemalige Fabrikhallen der Lego

Insgesamt besitzt Kirkbi ein Immobilienportfolio mit zehn Standorten, die meisten davon in Baar. Dafür gibt es historische Gründe: Lego hatte von den späten sechziger Jahren bis zur Jahrtausendwende in der Zuger Gemeinde eine eigene Produktionsstätte, die zeitweise bis zu 30 Prozent der Weltproduktion an bunten Plastikteilen beisteuerte.

Als Lego die Produktion in der Schweiz aus Kostengründen stoppte, verblieb ein Teil der Immobilien im Besitz der Dänen und wurde von Fabrikstätten in Renditeliegenschaften umgewandelt. Dieses Portfolio bildet den Nukleus der heutigen Liegenschaftsverwalterin Kirkbi Real Estate mit Sitz in Baar. Auch das Family Office selbst hat dort eine Niederlassung, die sich unter anderem um langfristige Aktienbeteiligungen kümmert.

Es gebe eine historische Verbundenheit zur Schweiz, betont ein Kirkbi-Vertreter in Dänemark: «Unser Immobilienbestand reflektiert dies, aber es ist auch ein attraktives und sehr stabiles Portfolio.» Das zeigt sich auch bei einem Blick in den jüngsten Geschäftsbericht. So rechnen die Dänen am Standort in Baar mit einer Durchschnittsrendite von 4,25 bis 5 Prozent.

Zukünftige Liegenschaftinvestements

Insgesamt hält Kirkbi 25 Immobilien zum Marktwert von umgerechnet rund 1,1 Milliarden Franken. Die Deutschschweiz zählt dabei neben Kopenhagen, London, München und Hamburg zu den fünf «strategic locations», an denen die Lego-Erben zukünftige Liegenschafteninvestments, vornehmlich für Geschäfts- und Bürohäuser, tätigen wollen.

Nebst dem Bewirtschaften eigener Immobilien ist Kirkbi in der Schweiz an ein börsenkotiertes Unternehmen investiert: Die Lego-Erben halten rund 15 Prozent am Energielösungskonzern Landis + Gyr. Das Family Office hat die Beteiligung über das letzte Jahr sukzessiv aufgebaut. Der Wert der Kirkbi-Beteiligung beträgt aktuell rund 280 Millionen Franken an Landis + Gyr. Der Zuger Energiemanagementspezialist passt dabei perfekt ins Beuteschema der Dänen, was langfristige Aktienbeteiligungen angeht. Neben guter Governance, finanzieller Disziplin und langfristiger Strategie setzen die Dänen vor allem auf Nachhaltigkeit. Landis + Gyr sei ein zentraler Player in der weltweiten Transformation hin zu einer grünen Wirtschaft, sagt der Kirkbi-Vertreter. «Wir sind davon überzeugt, dass die Firma ein gutes Beispiel dafür ist, dass verantwortliches Investieren und finanzielle Erträge Hand in Hand gehen.»

Aufspaltung in der Finanzkrise

Diesen Fokus auf nachhaltige, «grüne» Investments hatte Kirkbi nicht immer. Im Herbst 2008, mitten in der Finanzkrise, kam es in der Schweiz zur Aufspaltung der bisherigen Lego-Finanzaktivitäten im Umfang von rund 1,5 Milliarden Franken, wie Dokumente zeigen. Nebst einem Cash-Anteil von 500 Millionen Franken ist das Wertschriftenverzeichnis mit Obligationen, Aktien und kleineren Hedge-Fund-Positionen breit diversifiziert. Darunter befinden sich auch Titel von Rohstofffirmen wie International Minerals Corp oder Ölkonzernen wie Shell, BP oder OMV.

Die Aufspaltung der Finanzvermögen ging jedenfalls wie folgt vonstatten: Gut die Hälfte der 1,5 Milliarden Franken erhielt damals der Familienstrang um Lego-Enkel Kjeld Kirk Kristiansen, der die Finanz-Assets ins eigene Family Office Kirkbi einbrachte. Dessen Schwester Gunhild Kirk Johanson bekam den anderen Teil. Ihre Familie führte die Aktivitäten unter dem Label Kirk Kapital weiter. Auch in diesem Familienzweig gibt es übrigens nach wie vor Bezüge zur Schweiz. Johansons Sohn, also ein Vertreter der vierten Lego-Generation, ist Präsident von Kirk Kapital und zugleich an der Genfer Finanzgruppe Syz um den bekannten Banker Eric Syz beteiligt, wo er auch im Verwaltungsrat sitzt.

Auch bei den Kristiansens bahnt sich ein Generationenwechsel an. So tritt der 71-jährige Kjeld Kirk Kristiansen als Präsident des Spielwarenkonzerns Lego ab und wird damit einen Teil der Verantwortung an seine drei Kinder Agnete, Sofie und Thomas abtreten. Alle drei haben gemäss Bloomberg ein Vermögen von je 4,7 Milliarden Dollar.

Berner Betriebsamkeit im Fall Bastos

Jean-Claude Bastos Angolas Vorwürfe gegen den Staatsfondsverwalter erweisen sich als haltlos. Doch bis zuletzt leisteten Schweizer Behörden Schützenhilfe.

Das Handy-Foto zeigt Jean-Claude Bastos: abgemagert, aber zufrieden. In der Hand der angolanische und der Schweizer Pass. An der Wand ein Porträt des Präsidenten João Lourenço. Entstanden ist das Handy-Foto am Tag von Bastos Freilassung in Luanda. Nach einem halben Jahr in U-Haft.

Statt der Anklage wegen Verschwörung und Veruntreuung hat Angola verglichen und sämtliche Verwürfe fallengelassen. Mehr noch: Bastos erhielt eine Entschädigung zugesprochen. Im Gegenzug verzichtete der Schweiz-Angolaner auf vertragliche Forderungen. Die Wende in Angola wirft allerdings ein schiefes Licht auf die Schweizer Behörden: Bis zuletzt leistet Bundesbern Schützenhilfe bei Angolas Powerplay gegen Doppelbürger Bastos.

Doch der Reihe nach. Letzten April war das Geschirr zerschlagen. Der Staatsfonds FSDEA teilte öffentlich mit, Angola wolle die «finanzielle Kontrolle» über das Milliardenvehikel, das Jean-Claude Bastos seit 2013 verwaltet hatte. Zuvor hatten der Schweizer Financier und Angolas neuer Präsident João Lourenço erfolglos um die Auflösung der Verträge gerungen.

Jean-Claude Bastos erhält Gebühr in dreistelliger Millionenhöhe

Bastos hatte mit der Verwaltung des 5 Milliarden schweren Staatsfonds über 500 Millionen Dollar an Gebühren und Services verdient. Ein Gutachten, das Angolas neue Regierung bei Berater EY bestellt hatte, bescheinigte «hohe Gebühren angesichts der Portfoliogrösse». Gemeint war der liquide Teil der Staatsfondsgelder. Für jene 1,7 Milliarden Dollar konnte Angola kurzfristig das Mandat mit Bastos Zuger Firma namens Quantum Global aufkündigen. Die übrigen 3 Milliarden Dollar waren für Direktanlagen reserviert: vom Hotelturm in Luanda bis zum Hochseehafen-Projekt in Cabinda, an dem auch SBB-Frau Monika Ribar mitwirkte. Ein Grossteil der Gelder lag auf Konten in London. Nur etwa eine halbe Milliarde Dollar war in sieben sektoriellen Fondsvehikel auf Mauritius investiert.

Doch Bastos und seine Quantum hatten für die Verwaltung dieses Private-Equity-Portfolios gültige Verträge mit langen Laufzeiten. Die Rede ist von bis zu zehn Jahren. Die jährlichen Gebühren summierten sich bis 2018 auf rund 300 Millionen Dollar. Eine Fortführung hätte für Bastos und Co. also goldene Jahre mit Multimillionen-Fees bedeutet.

Bundesanwaltschaft eröffnet Strafverfahren gegen unbekannt

Was ein gewöhnlicher Disput unter Geschäftspartnern ist, nämlich die vorzeitige Vertragsauflösung, eskalierte zwischen Bastos und Angola. Mitte April stieg die neue Staatsfondsführung in den Flieger nach Mauritius. Die Mission: den Schweizer abzusetzen und der Private-Equity-Milliarden habhaft zu werden. Die Gerichte im Inselstaat folgten zunächst den Angolanern. Dutzende Quantum-Konten wurden eingefroren – ohne Bastos die Beweggründe offenzulegen. Mauritius war der Auftakt für eine weltweite Sperre seiner Vermögenswerte. Auch in der Schweiz.

Inzwischen waren nämlich die Behörden in Bern aktiv geworden. Mitte Mai rückte das Fedpol aus und durchsuchte diverse Büros von Bastos Firmen. Bundesanwalt Michael Lauber hatte zuvor ein Strafverfahren gegen unbekannt eröffnet wegen Geldwäschereiverdachts, unter anderem «gegen das Vermögen des angolanischen Staatsfonds». Sein Bruder Emanuel Lauber, der oberste Steuerfahnder des Bundes, nahm praktisch zeitgleich die Ermittlungen gegen Bastos und Co. auf – unter anderem wegen des «Verdachts des Steuerbetrugs und der Hinterziehung».

Laubers Fiskalfahnder gingen forsch vor: Sie liessen mittels Spezialfirma einen Tresor bei Bastos Exfrau im Tessin knacken und verarrestierten Bankkonti aus seinem erweiterten Firmenumfeld. «Die jüngsten Äusserungen in der Presse sind zu berücksichtigen, die weitere Bedenken bei den Behörden erwecken», verteidigten die Bundesvertreter später ihre akribischen Arrestaktionen. Ein Kantonsgericht rügte danach, dass sich «aus den von den Klägern eingereichten Beilagen weder ein Rechtsmissbrauch noch ein Steuervergehen» ableiten lasse. Die Steuerstrafuntersuchung gegen Bastos ist hängig.

Staatssekretärin Pascale Baeriswyl trifft Angolas Justiziar

Während Steuerfahnder Lauber die Offshore-Konstrukte durchleuchtete, lud Bundesanwalt Lauber sein angolanisches Pendant im Juli zum Arbeitstreffen nach Bern. Generalstaatsanwalt Pitta Gróz hoffte danach im «Tages-Anzeiger», schon «in dreissig bis vierzig Tagen» genügend Beweise gesammelt zu haben, um Bastos vor Gericht zu stellen. Doch weder stellte Angola je ein Rechtshilfegesuch an die Schweiz, noch klagte Pitta Gróz den Ex-Staatsfondsverwalter an. Vielmehr erging Mitte August ein Urteil am britischen High Court, das den Kontensperren die Legitimation weitgehend entzog. Keinen Monat später setzte Angola Jean-Claude Bastos in U-Haft. Dies obwohl man ihm bereits die Pässe abgeknöpft hatte und er sich regelmässig bei den Behörden melden musste. Der Haftantrag basierte auf einem möglichen Interessenkonflikt bei einem 150-Millionen-Dollar Hotelprojekt aus dem Jahre 2015. Ein Projekt, das von Behördenvertretern abgesegnet worden war.

Trotz zweifelhaften Zwangsmassnahmen weibelte Bundesbern weiter. Im November reiste Staatssekretärin Pascale Baeriswyl nach Luanda, um über Justizfragen zu sprechen. Kurz vor Weihnachten traf sie Angolas Generalstaatsanwalt und den Justizminister in Bern. «Ein fruchtbarer Austausch über gegenseitige Rechtshilfe», twittere Baeriswyl nach dem Treffen.