Verkauftes Tafelsilber

Remo Stoffel Der Unternehmer veräussert für 213 Millionen Franken Liegenschaften an Swiss Life. Verkäuferin ist Stoffels Priora Immobilien. Sie liegt im Clinch mit dem Steueramt.

Vis-à-vis vom Hauptsitz der Swiss Life liegt im Herzen Zürichs die Jenatschstrasse. Benannt nach dem berühmten Bündner Freiheitskämpfer Jörg Jenatsch. Hausnummer 1, eine Liegenschaft mit einem Verkehrswert von 15 Millionen Franken, gehörte bis vor kurzem einem anderen Bündner, dem Valser Immobilienunternehmer Remo Stoffel. Dem Mann, der in seinem Heimatdorf einen gigantischen Hotel-Turm bauen will.

Inzwischen ist die Jenatschstrasse 1 im Besitz der Nachbarin Swiss Life. Der Lebensversicherer hat Stoffel für 213 Millionen Franken ein Immobilienportfolio abgekauft: Knapp 300 Wohneinheiten, zum Teil auch kommerziell genutzt. „Drei Viertel der zwanzig Liegenschaften befinden sich in und um Zürich“, sagt Swiss-Life-Sprecher Florian Zingg und versichert, Immobilien seien eine „attraktive Anlageklasse“.

Peter Hartmeier, Sprecher von Remo Stoffel, begründet den Verkauf mit der Fokussierung auf „unser Kerngeschäft“. Will heissen: Gewerbeliegenschaften am Flughafen Zürich-Kloten und in den Tourismus-Destinationen Vals und Lenzerheide. Man habe deshalb „einen Grossteil der über die deutschsprachige Schweiz verteilten Wohnhäuser“ veräussert, so Hartmeier.

Überschuldete Priora-Töchter
Als Verkäuferin fungierte eine Gesellschaft namens Priora Immobilien mit Sitz in Chur, die vollständig im Besitz von Remo Stoffel ist. Dieser Gesellschaft gehören gemäss Wirtschaftsauskunftsdienst Teledata Stoffels Beteiligungen am Kurhaus Lenzerheide, an der Therme in Vals sowie eine Minderheit am Facility-Manager Farnek im Wüstenstaat Dubai.

In diesem Frühjahr sind zum Besitz der Priora Immobilien noch weitere Firmen von Remo Stoffel hinzugekommen. Der Valser Unternehmer liess nämlich vier weitere Gesellschaften in die Priora Immobilien fusionieren.
Im Fusionsvertrag, welcher der „Handelszeitung“ vorliegt, zeigt sich, dass drei der vier Gesellschaften zum Stichtag im Herbst 2016 einen Bilanzverlust auswiesen. So hatte beispielsweise die Priora Projekt ein negatives Eigenkapital von 35 Millionen Franken bei Verbindlichkeiten von knapp 200 Millionen Franken. Aber auch die übernehmende Gesellschaft, also die Priora Immobilien, wies im Herbst 2016 eine Unterdeckung von 10 Millionen Franken aus. Nur dank dem Rangrücktritt der Gesellschaftsgläubiger war eine Fusion der vier Firmen in die Priora Immobilien rechtlich überhaupt möglich.

Stoffel-Sprecher Peter Hartmeier nimmt auf Fragen zu den überschuldeten Gesellschaften und der Fusion in die Priora Immobilien nur summarisch Stellung. „Aufgrund der hohen Eigenkapitalquote und der sehr liquiden Bilanz sind unsere Firmen ausgezeichnet positioniert, um unsere Kernaktivitäten weiter auszubauen“, sagt Hartmeier.
Jene Priora Immobilien war im Herbst 2016 nicht nur überschuldet, sondern ist auch Gegenstand eines langwierigen Rechtsstreits zwischen Remo Stoffel und der Eidgenössischen Steuerverwaltung (ESTV). Vor wenigen Tagen fällte das Bundesverwaltungsgericht (BVG) dazu ein Urteil, nachdem Stoffel gegen die Verfügung der ESTV Einsprache erhob.

Die ESTV kam 2015 nach umfangreichen Ermittlungen zum Schluss, dass Stoffel Steuerhinterziehung begangen habe, „indem in den Jahren 2005 bis 2008 entrichtete geldwerte Leistungen nicht ordnungsgemäss deklariert und entsprechende Steuerbeträge nicht entrichtet worden seien“, wie es im BVG-Urteil heisst. Die ESTV forderte deshalb von der Priora Immobilien und ihrer Schwestergesellschaft Priora Airport Immobilien nachträglich Verrechnungssteuern in der Höhe von 65 Millionen Franken.

Stoffels Anwalt, der Steuerrechtler Urs Behnisch, erhob daraufhin vor Bundesverwaltungsgericht Einsprache und plädierte unter anderem auf Verjährung. Das BVG folgte der Argumentation Behnischs nur teilweise: Einzelne Steuerperioden seien verjährt, urteilten die Richter in St. Gallen. Wodurch Stoffel kumuliert gegen 7 Millionen Franken an von der ESTV eingeforderten Verrechnungssteuer nicht zahlen muss.

Doch blieb das BVG auf der Linie der ESTV, was jene Steuerperiode anbelangt, die im Zusammenhang mit dem umstrittenen Kauf der Swissair-Immobilien-Tochter Avireal steht. Hier geht es um Verrechnungssteuerforderungen auf „angeblich geldwerte Leistungen von 156 Millionen Franken.“ Sie seien noch nicht verjährt, halten die Richter fest. Stoffel-Sprecher Hartmeier betont, dass in den Priora-Abschlüssen latente Steuerforderungen als Passivum berücksichtigt seien – „wie bei jeder Firma“.

Überhaupt gilt der Avireal-Deal als „Pièce de résistance“ in den Ermittlungen gegen Remo Stoffel. 2005 hatte der Valser Unternehmer zusammen mit seinem damaligen Geschäftspartner Hannjörg Hereth, einem ehemaligen Metro-Manager, die Swissair-Immobilien-Tochter Avireal vom Swissair-Liquidator Karl Wüthrich für gut 200 Millionen Franken übernommen.

Die Abteilung Strafsachen und Untersuchungen der ESTV kommt in ihrem Ermittlungsbericht, der als Basis für sämtliche Verfahren gegen Stoffel gilt, zum Schluss: „Hannjörg Hereth und Remo Stoffel waren vor der Übernahme der Avireal nicht in der Lage, den Kaufpreis für die Avireal aufzubringen.“

„Simuliertes“ Darlehen
Erst nach dem Kauf der Avireal und der Ausgliederung ihres Immobilienbestandes in eine eigene Gesellschaft war das Geld für die Transaktion vorhanden, und zwar durch einen Hypothekarkredit der ZKB in der Höhe von 188 Millionen Franken auf den Avireal-Immobilien. Um diesen Umstand bilanztechnisch zu verschleiern, sei ein Aktionärsdarlehen in dieser Höhe „simuliert“ worden. Zu diesem Schluss kommen zumindest die Spezialermittler der ESTV in ihrem Schlussbericht.

Ganz anders sieht Stoffel selbst den Sachverhalt: „Das Einzige, was aus zehn Jahren Untersuchung übrig bleibt, ist die Behauptung, ich hätte eine Gewinnausschüttung als Darlehen deklariert – und in diesem Fall gehen die Meinungen wie gesagt auseinander“, sagte er jüngst in einem Interview mit der „Südostschweiz“.
Der Avireal-Deal beschäftigt inzwischen auch die Staatsanwälte. Wie die „Handelszeitung“ berichtete, hat das Zürcher Steueramt im November Strafanzeige gegen Remo Stoffel wegen Steuerbetrug eingereicht. Die Zürcher Staatsanwaltschaft hat bislang keine Untersuchung eröffnet: Es seien noch Abklärungen nötig, die abzuwarten sind, sagt Sprecherin Corinne Bouvard. „Der Fall ist komplex.“

Lackmustest für Lauber

Bundesanwaltschaft Der Fall Hans Ziegler wird zur Nagelprobe für Insiderdelikte. Jüngst blitzte die BA in einem ähnlichen Verfahren ab.

Der Sanierer der Nation hat sich verspekuliert. Jahrelang ging der Industriemanager Hans Ziegler Kurswetten auf Firmen ein, in denen er im Verwaltungsrat sass. Nebst seinem Wissen als Primärinsider vergoldete er an der Börse Zufallswissen, das er in seinem Netzwerk aufschnappte. Aufsichtsrechtlich ist die Causa Ziegler abgeschlossen. Die Finma zog 1,4 Millionen Franken an unrechtmässigen Gewinnen ein. Und deren Chef Mark Branson geisselte Zieglers Trades öffentlich als „eklatanten Missbrauch“.

Nun liegt der Insiderfall bei Bundesanwalt Michael Lauber und seinen Strafverfolgern. Und im Strafrecht ist die Messlatte zur Verurteilung von Börseninsidern deutlich höher. Im Finma-Verwaltungsverfahren habe der Unterstellte eine „Mitwirkungspflicht“, sagt Rechtsanwalt Arno Thürig: „Doch diese Erkenntnisse können nur eingeschränkt ins Strafverfahren übertragen werden.“ Ansonsten werde das Aussageverweigerungsrecht des Beschuldigten unterlaufen.

Thürig weiss, wovon er spricht. Jüngst hat der Strafrechtler einen Mandaten in einem Insiderverfahren am Bundesstrafgericht verteidigt. Das Verfahren endete Anfang Juni in Bellinzona mit einem Freispruch. Dazu heisst es bei der BA: Man warte das schriftliche Urteil ab und prüfe danach „das weitere Vorgehen“. Die BA könnte den Fall vor Bundesgericht ziehen.

Tipps per Whatsapp
Thürigs Mandant, ein Informatikspezialist, hatte gemeinsam mit einem Banker-Kollegen auf die Titel des Baselbieter Biopharmaunternehmens Santhera gewettet und mit Aktiendeals einen kumulierten Vermögensvorteil von rund 450 000 Franken erzielt. Der IT-Spezialist hatte als externer Dienstleister bei Santhera Zugang zu nichtöffentlichen Informationen, direkt oder über Dritte. So auch im Frühjahr 2014, als das Unternehmen vor der Veröffentlichung eines positiven Studienresultates stand. Das Resultat führte mit zeitlichen Verzögerungen zu enormen Kurszuwächsen. Die Santhera-Aktie zog innert weniger Wochen von rund 3,60 Franken auf über 30 Franken an.

Als sich ein positives Studienergebnis abzeichnete, schrieb der IT-Mann seinem Kollegen, damals Kundenberater bei einer Privatbank, per Whatsapp-Messenger: „Santhera geit mit 95 Prozent Sicherheit über di nechste 1,5 Jahr steil“ und „Nöischti Ergebnis vor Forschig si akzeptiert“. Allerdings hatte Santhera zum Zeitpunkt der Handynachricht die Datenbank mit den Studienergebnissen selbst noch gar nicht „entblindet“, also gelüftet.

Später teilte der Informatiker dem Banker mit, dass „in den nächsten Tagen das positive Studienresultat öffentlich bekannt gegeben werde“, so die Anklageschrift. Der Finanzmann platzierte schliesslich mehrere Kaufaufträge auf die Santhera-Titel, einen kleinen Teil davon auch für seinen IT-Kollegen, den er während einer Ausbildung kennengelernt hatte.

Der Privatbanker selbst ging mit den Biopharma-Trades dermassen ins persönliche Risiko, dass er sein firmeninternes Kontokorrentkonto überzog und vom institutseigenen Monitoring aufgefordert wurde, sofort die Finanzlücke zu stopfen. Was er unter anderem mit Geld seiner Frau und seiner Mutter tat. Nach dem steilen Kursanstieg von Santhera veräusserte er gestaffelt die Titel und überwies seinem IT-Kollegen 40 000 Franken. Der Betrag überstieg den Wert der Aktien zum Verkaufszeitpunkt deutlich.

Die Überweisung trug die Vermerke „Santhera an (Name der Redaktion bekannt)“ und „You are my hero!“ Die Freude währte allerdings nicht lange: Die Aktien-Deals blieben im Monitoring der Börsenbetreiberin SIX hängen, worauf sich die Finma einschaltete und die BA eine Strafanzeige einreichte gegen den IT-Mann als Primär- und den Banker als Sekundärinsider.

Der nun erfolgte Freispruch mag Laien erstaunen. Doch Anwalt Thürig sagt: „Der Nachweis der potenziellen Tippübergabe von einem Primärinsider auf einen Sekundärinsider als Tippnehmer ist in der Praxis nicht leicht zu erstellen.“ Auch Christian Leuenberger, Partner bei der Wirtschaftskanzlei Pestalozzi, kennt die Problematik: Bei Marktmissbrauchsverfahren sei die Beweisführung oft die Schwierigkeit. Da in der Schweiz eine Kronzeugen-Regelung fehle, sei man weitgehend auf die Unbedarftheit der Beteiligten angewiesen – seien dies SMS, E-Mails oder schriftliche Notizen, die das Ausnutzen von Insiderwissen dokumentieren.

Schärfere Waffen
Allerdings ist der Insiderexperte zuversichtlich: Die Rechtsgrundlage sei inzwischen „griffig“. Seit 2013 werden auch Sekundär- und Zufallsinsider vom Gesetz erfasst und Vermögensvorteile über 1 Millionen Franken mit bis zu fünf Jahren Freiheitsstrafe verschärft geahndet. Zudem kümmern sich um Insiderdelikte inzwischen Finma (Aufsicht) wie Bundesanwaltschaft (Strafrecht). „Beide beschäftigen Spezialisten mit viel Know-how in der Marktüberwachung und Analyse“, sagt Leuenberger und fügt an: „Ich erwarte künftig mehr Verfahren und mehr Verurteilungen.“

Was nun noch fehle, sei eine Gerichtspraxis, die den Interpretationsspielraum im Gesetz konkretisiere.

Eine Wette auf die Richter

Insiderhandel Seit bald dreissig Jahren werden Insider-Börsendelikte strafrechtlich geahndet. Doch die ersten 25 Jahre, bis 2013, kann man getrost ad acta legen. Schlappe 16 Strafen wurden in dieser Zeit gegen Schweizer Frontrunner ausgesprochen. Kein Zufall: Das ursprüngliche Insiderhandelsverbot war zahm und zahnlos, sodass sich ruchlose „old boys“ praktisch gefahrlos darüber hinwegsetzen konnten. Mehr noch: Das Ausnutzen vertraulicher Informationen galt als Kavaliersdelikt.

Tempi passati. Inzwischen sind nebst ethischen Bedenken auch die ökonomischen Folgekosten des Marktversagens bewiesen. Parallel dazu hat die Revision von 2013 die Wende gebracht: Täterkreis wie Tathandlungen wurden ausgedehnt. Aber noch wichtiger ist die neue Aufgabenverteilung. Waren zuvor kantonale Staatsanwälte für Insiderfälle zuständig, liegt die Kompetenz nun beim Bund.

Finanzmarktaufsicht wie Bundesanwaltschaft haben mittlerweile Börsenspezialisten an Bord, die jede Zuckung an den Märkten registrieren. Flankiert von cleveren Informatiksystemen. Die Datenspur, um Insider dingfest zu machen, wird immer feiner.
Allerdings bleibt die Beweisführung – vom Trade zur Tat – schwierig. Kausalität und Absicht herzuleiten, bedeutet Knochenarbeit für die Strafermittler.

Im Kampf um einen sauberen Börsenplatz wird es nun an den Richtern liegen, das revidierte Insiderverbot in der Praxis zu etablieren.

Ein Ende mit Schrecken

UBS Die Statistik lässt aufhorchen. Im letzten Jahr musste die Eidgenössische Steuerverwaltung über 66 000 Amtshilfegesuche aus dem Ausland bearbeiten. Ein Plus von 2500 Prozent. In Bern stapeln sich die Gesuche aus EU-Staaten wie Frankreich, Polen und Österreich. Viele weitere Länder wie Tschechien oder Dänemark dürften folgen.

All die Steuervögte eint: Sie haben Blut geleckt, nachdem ihnen der Finanzminister Nordrhein-Westfalens, Norbert Walter-Borjans, den Köder ausgelegt hatte. Im April 2016 schickte Borjans an mehr als zwanzig Staaten die Kontodaten von UBS-Kunden der jeweiligen Nationalität. Es geht um Vermögen von insgesamt 100 Milliarden Franken. Die Daten stammen aus einer Hausdurchsuchung vier Jahre zuvor am UBS-Sitz in Frankfurt am Main. Dort lagerte die Grossbank Kundendaten aus mehr als zwanzig Nationen.

Die Praxis der grenzüberschreitenden Datenhaltung könnte sich für die UBS bitter rächen. Zwar zielen all die Amtshilfegesuche aus dem EU-Raum ausschliesslich auf Kunden der Grossbank, die möglicherweise Steuern hinterzogen haben. Nimmt man aber das Drehbuch im US-Steuerstreit als Vorlage, dann droht der UBS ein paneuropäisches Ende mit Schrecken.

Mit der Amtshilfe aus Bern werden die EU-Länder zunächst ihre steuerflüchtigen Bürger zur Ader lassen, um hernach die UBS aufs Korn zu nehmen. Der NRW-Säckelmeister Borjans hat genau dieses Szenario im Sinn, wenn er verlauten lässt: Seine europäischen Kollegen könnten bei ihm „Vertriebsinformationen einer Grossbank“ abrufen, die ihnen „Hinweise auf eine mögliche Beihilfe zur Steuerhinterziehung“ geben sollen.

Schaumkrone im Zugerland

AB In-Bev Der weltgrösste Bierkonzern verlagert seinen globalen Einkauf in den steuermilden Kanton Zug. Die Ansiedlung bringt zusätzliche Jobs.

Nur entfernt erinnern die 4-Towers im zugerischen Steinhausen an überdimensionierte Bierfässer. Im Innern der modernen Bürotürme – direkt an der Autobahn A4 gelegen – dreht sich dagegen alles um den edlen Gerstensaft. Hier residiert seit kurzem eine GmbH namens Anheuser-Busch In-Bev Procurement mit einem stolzen Stammkapital von 30 Millionen Franken. „Der weltgrösse Bierbrauer siedelt seinen globalen Einkauf in Steinhausen an“, sagt eine mit der Angelegenheit vertraute Person.

Derzeit zählt AB In-Bev in Steinhausen etwas mehr als 100 Personen, die von der Übernahme des Braukonkurrenten SAB-Miller herrühren. Wie viele der insgesamt 700 Personen der globalen AB-Procurement-Sparte schliesslich nach Steinhausen ziehen werden, ist noch offen. Der Stellenaufbau erfolge in Etappen, so der Insider: „Ein erster Verlagerungsschritt geschieht nach dem Sommer. Danach entscheidet das Management über weitere Schritte bis Ende Jahr.“

Weitere Entscheide stehen aus
Offiziell heisst es bei AB In-Bev, man setze die Analyse für einen „optimalen Standort des globalen Einkaufs“ fort. Dabei berücksichtige man unter anderem die globalen Rahmenbedingungen. Allerdings räumt Peter Dercon, Mediensprecher des Bierkonzerns, ein, dass der Grossteil des Topmanagements, das für den globalen Einkauf zuständig ist, seit April in Zug stationiert sei. Weitere Entscheide betreffend Einkaufsstandort seien „zu diesem Zeitpunkt“ jedoch noch nicht gefallen. Zugleich betont Dercon aber, dass man gewillt sei, den globalen Einkauf an einem Ort zentral zu führen.

Es hat eine steuerliche Bewandtnis, dass sich der Bierkonzern über die Wahl seines Einkaufsstandorts dermassen windet: Die Verlagerungsabsichten der AB Inbev sind konzernintern heikel. Bis heute koordiniert der Biermulti mit so klingenden Getränkemarken wie Budweiser, Corona oder Stella Artois die Beschaffung seiner Rohstoffe, Verpackungsmaterialien und Brauutensilien am Hauptsitz im belgischen Leuven. Doch das Steuerklima am Stammsitz ist frostig geworden. Der belgische Staat ist wegen seinen aggressiven Steuerpraktiken ins Visier der Europäischen Kommission geraten.
Das Königreich sah ab 2005 für internationale Konzerne eine Only-in Belgium-Steuerregel auf Überschüssen vor, dank der AB In-Bev den Gewinnsteuersatz in einzelnen Geschäftsjahren auf bis zu 1 Prozent drücken konnte. Anfang letzten Jahres aber schob die EU-Kommission den belgischen Steuerprivilegien den Riegel, stufte die Praktik als versteckte, staatliche Beihilfe ein und forderte von 35 ansässigen multinationalen Unternehmen 700 Millionen Euro zurück. Zu diesen Konzernen gehörte auch AB In-Bev.

Das verschärfte Fiskalregime in der EU dürfte die Procurement-Verlagerung in den steuermilden Kanton Zug wohl begünstigt haben. „Massgebend bei der Ansiedlung war der Steuersatz“, sagt der Insider. Aber auch Soft-Faktoren sollen eine Rolle gespielt haben. Offenbar möchte der belgische Bierriese, dass seine Mitarbeiter in Steinhausen das eigene Braugut vor Ort geniessen können. „Ein Pub mit In-Bev-Biersorten aus dem Zapfhahn steht zur Diskussion“, heisst es.

Wichtiger dürfte hingegen die Übernahme des britisch-südafrikanischen Konkurrenten SAB-Miller sein, der im Herbst 2016 für umgerechnet rund 105 Milliarden Franken übernommen wurde. Der Mega-Merger hat die Karten bei AB In-Bev neu gemischt. Das Credo seither lautet: Kräftig sparen und Synergien aus dem Zusammenschluss mit SAB-Miller schöpfen.
Schliesslich drücken die AB-Grossinvestoren um den brasilianischen Multimilliardär Jorge Paulo Lemann, der nur 40 Minuten Fahrzeit von Steinhausen in einer Villa am Zürichsee residiert, aufs Fusionstempo.

Das AB-Management mit Chef Carlos Brito an der Spitze ist entsprechend unter Druck. Die Zahlen im Geschäftsjahr 2016 waren deshalb eine bitterherbe Enttäuschung: In den beiden In-Bev-Hauptmärkten Brasilien und USA läuft das Geschäft nur schleppend. In Brasilien sorgt die schwere Rezession für trockene Kehlen. In den Vereinigten Staaten stempelte die lokal verankerte Craft-Beer-Bewegung AB-Megamarken wie Budweiser zum uninspirierten Braugut ab. Ob dieser lauwarmen Gesamt-Performance strich der Verwaltungsrat die variablen Boni des Topmanagements fürs 2016 gleich ganz.

Doch noch sind Hopfen und Malz nicht verloren für den belgischen Getränkehersteller, der jedes vierte Bier auf der Welt verkauft. Die Hoffnungen von AB In-Bev ruhen auf dem Wachstumsmarkt Afrika. Mit der Übernahme der britisch-südafrikanischen SAB-Miller ist der Bierkonzern nun praktisch in allen wichtigen Ländern auf dem Schwarzen Kontinent mit eigenen, gut etablierten Marken vertreten. Just jene SAB-Miller bildet auch das Bindeglied zur AB-In-Bev-Ansiedlung in der Schweiz. Denn die hiesige Einkaufsgesellschaft fungierte bereits zuvor als Procurement-Vehikel für den britischsüdafrikanischen Bierkonzern. SAB-Miller deckte sich vom Zugersee aus jährlich im Umfang von mehreren Milliarden Dollar mit Rohwaren ein. Auch den Europa-Hauptsitz administrierte SAB-Miller seit 2007 aus dem Kanton Zug heraus und steuerte überdies den Vertrieb auf dem Alten Kontinent für Bier und Softdrinks.

Euro-Biere an Japaner

Bei der Ankündigung der Fusion im Winter 2015 war noch nicht klar, ob die AB-In-Bev-Führung überhaupt an den Schweizer Standorten der SAB-Miller festhalten würde. Inzwischen ist klar, dass das Europa-Geschäft aus Zug weitergeführt wird. Aber nicht von AB, sondern von Konkurrent Asahi. Der japanische Bierkonzern kaufte Anheuser-Busch in einem Bieterverfahren in zwei Tranchen für kumuliert rund 10 Milliarden Franken etablierte europäische Biermarken wie Pilsner Urquell, Grolsch, Tyskie oder Peroni ab. Es handelte sich um den grössten Zukauf eines japanischen Brauers in Übersee überhaupt. Der Teilverkauf in Europa war zugleich eine Auflage europäischer Wettbewerbshüter, um AB In-Bev den Mega-Merger mit SAB-Miller zu erlauben. Auch die Japaner sind übrigens mit ihrem Europa-Office im Zuger Bier-Hub, Steinhausen, zuhause. 10 Minutern Fussweg vom belgischen Grosskonkurrenten entfernt.

Saures Fallobst

Apple Zugegeben. Ich schreibe diese Zeilen auf einem i Mac von Apple. Doch Freude kommt mit der Apfel-Kiste keine mehr auf. Das waren noch Zeiten: Das erste iPhone, das erste i Pad, der erste Download auf i Tunes. Jene Aura, die Hard- und Software aus Kalifornien umgab, war magisch. Wenn Apple-Prophet Steve Jobs aufs „one more thing“ einschwörte, bliesen Techno-Nerds wie Design-Fetischisten zum Halali. Sie bekamen einmalige Produkte – ästhetisch wie funktional.

Inzwischen sind Apple-Präsentationen so unterhaltsam wie ein Parteikongress in Pjöngjang. Da tritt eine Truppe saturierter Althippies um Konzernlenker Tim Cook in Überlänge auf. Die Einladung verspricht grosses Kino, geboten wird Laientheater. Statt Innovation offeriert Apple überteuerte Duplikation. Jüngstes Beispiel ist der Homepod, ein mässig intelligenter Streaming-Lautsprecher. Ähnliche Produkte hat die Konkurrenz, von Amazon bis Sonos, längst im Sortiment. Dennoch verspricht die Apfel-Truppe vollmundig die Neuerfindung des Lautsprechers.

In Tat und Wahrheit variiert Cooks Küche in Cupertino seit Jahren jene Rezepte, die der geniale Steve Jobs hinterliess. Die Technologieführerschaft hat Apple längst verloren. Der teuerste Konzern der Welt kocht Einheitsbrei. Und das mit einer Selbstgefälligkeit, die an die schlimmsten Zeiten von Microsoft erinnert. Wie sagte schon der weise Salomon: Hochmut kommt vor dem Fall.

Revolution der Robocars

Mobilität Selbstfahrende Autos erobern bald die Städte. In der Schweiz schlummert im autonomen Fahren ein Milliardenpotenzial, sagt ETH-Professor Emilio Frazzoli.

Eigentlich sollten im Hangar 3 in Dübendorf bereits die ersten Roboterautos herumkurven. Stattdessen ist die alte Militärhalle immer noch eine Baustelle. Denn in den denkmalgeschützten Gebäuden fand man Asbest. Die Sanierung dauert noch eine Weile.

Wo einst Militärjets gewartet wurden, werden schon bald selbstfahrende Gokarts ihre Testrunden drehen. Herr über die Robocars ist der 47-jährige Emilio Frazzoli. Die ETH Zürich konnte die Koryphäe für autonomes Fahren vom Massachusetts Institute of Technology in Boston abwerben. Nicht zuletzt, weil man ihm den alten Hangar auf dem Flugplatz Dübendorf für seine selbstfahrenden Autos versprochen hatte. Sein Forschungslabor für autonomes Fahren soll das Herzstück des neuen Innovationsparks der ETH werden, der künftig zwei Dutzend Firmen beheimaten wird.
Technologie Robo-Autos sind bald schon Realität

Frazzoli ist nicht nur Forscher, er ist auch Unternehmer. So amtet er als Mitgründer und Technikchef für das Mobilitäts-Startup Nutonomy. Bereits im kommenden Jahr will das amerikanische Startup eine selbstfahrende Taxiflotte auf Singapurs Strassen bringen. Mittels einer Handy-App können sich die Bewohner des Stadtstaates ein selbstfahrendes Nutonomy-Auto rufen und vom Robo-Vehikel an den gewünschten Ort chauffieren lassen. Solche autonome Flotten kombinieren die Vorzüge des Individualverkehrs wie Privatsphäre mit der Nutzungsintensität des öffentlichen Transports. Studien zeigen, dass private PKW zu 95 Prozent der Zeit ungenutzt herumstehen. Die Nutonomy-Flotte ist dagegen ständig unterwegs.

Allerdings sei der kommerzielle Service vorerst auf einzelne Stadtteile beschränkt, sagt Frazzoli. Doch der ETH-Professor ist überzeugt: „In 15 bis 20 Jahren wird jedermann selbstfahrende Autos nutzen.“ Bis dahin bleibt Singapur ein ideales Testfeld für die Mobilität der Zukunft. Im Stadtstaat stösst das öffentliche Transportnetz an seine Grenzen. Gleichzeitig dürfte die Bevölkerung in den nächsten zwanzig Jahren um bis zu 30 Prozent anwachsen.

Um eine künftige Verkehrsüberlastung zu verhindern, begegnen die Behörden bislang mit drakonischen Massnahmen: Die Zahl an PKW-Neuzulassungen ist stark beschränkt. Auf den Autoimport bestehen prohibitiv hohe Einfuhrzölle. Und wer ins Stadtzentrum fahren möchte, zahlt eine City-Maut. Zugleich ist die Metropole architektonisch stark verdichtet. Die rund sechs Millionen Einwohner leben auf einer Fläche so gross wie der Kanton Glarus.

Beste Voraussetzung für seine elektrische Robocar-Flotte findet Frazzoli, da die Reichweite keine Rolle spielt. Der ETH-Professor hat errechnet, dass in Singapur 300 000 selbstfahrende Autos den Individualverkehr ersetzen könnten, und dies bei einer Wartezeit von maximal 15 Minuten auf einen Robocar. Der Wagenpark des Stadtstaats liesse sich so um 60 Prozent reduzieren. Derzeit wälzt sich eine Blechlawine von gut einer Million PKW durch Singapurs Strassen.

Jenes Know-how, das Frazzoli in Südostasien gesammelt hat, fliesst nun auch in Verkehrssimulationen für Schweizer Städte ein. Erste Resultate in Zürich zeigen, dass 1000 autonome Taxis auf der Kurzstrecke die Mobilitätsbedürfnisse von rund 15 000 Bewohnern in der Limmatstadt decken könnten. Dies bei einer Wartezeit von lediglich vier Minuten.

Allerdings betont der gebürtige Römer, dass in der Schweiz der öffentliche Verkehr so gut sei, dass es weniger ergänzende Angebote brauche. Potenzial für Robocars sieht Frazzoli zu Randzeiten, wenn der öffentliche Nahverkehr kaum frequentiert wird, sowie an wenig erschlossenen, peripheren Orte. Entsprechend steht der ÖV mit den autonomen Autos nicht in Konkurrenz: „Für die erste und letzte Meile der Robocar, für die Langstrecke die Bahn“, lautet seine Losung. Denn Frazzoli ist von der Vorstellung des fahrenden Büros wenig begeistert: „Pendeln mit dem Auto bleibt eine Plage. Wer verbringt schon gerne seine Zeit in einer Metallbox.“

Wirtschaft Autonome Mobilität lohnt sich

Robocars vernichten Arbeitsplätze, weil sie Taxifahrer überflüssig machen. Jene Standardkritik am autonomen Fahren entkräftet Frazzoli nur zu gerne mit einem Beispiel: Würde die Weltbevölkerung ausschliesslich Taxidienste wie Uber nutzen, dann müsste jeder siebte Erdenbürger (vom Baby bis zum Greis) als Taxifahrer arbeiten – was schlicht nicht zu realisieren wäre. Übernehmen aber Robocars das Steuer, setzt dies Ressourcen frei für produktivere Tätigkeiten. Indem die Menschen ihre Zeit nicht am Steuer verbringen, sondern die Fahrt anderweitig nutzen.

Alleine für die Schweiz schätzt Frazzoli den Produktivitätsgewinn auf 37,6 Milliarden Franken jährlich (siehe Grafik unten). Demgegenüber stehen die Lohneinbussen im Taxigewerbe von etwa 150 Millionen Franken. Aber nicht nur die Arbeitswelt wird das autonome Fahren verändern, auch die Autoindustrie selbst. „Es wird weniger Fahrzeuge brauchen, aber diese Fahrzeuge werden viel mehr Kilometer zurücklegen als die heutigen PKW, welche die meiste Zeit in der Garage stehen“, sagt Frazzoli.

Unter dem Strich dürfte die Entwicklung für die hiesige Autozulieferindustrie jedoch negativ ausfallen: Die Umsatzverluste „sich nicht anpassender Automobilzulieferer“ dürften jährlich rund 6 Milliarden Franken betragen. Zwar dürfte sich also die zurückgelegte Strecke von Robocars erhöhen. Gleichzeitig reduzieren autonome Carsharing-Flotten aber den Flächenverbrauch des Individualverkehrs: Heute kommen auf jedes Auto zwei bis drei Parkplätze. Unter dem Strich überwiegen die positiven ökonomischen Effekte einer autonomen Mobilität auf die hiesige Volkswirtschaft. Die möglichen jährlichen Wertsteigerungen beziffert Frazzoli auf rund 60 Milliarden Franken.

Sicherheit Der Mensch ist das Problem

Zum Sicherheitsrisiko werden die selbstfahrenden Autos dann, wenn auch Menschen unterwegs sind. Dabei ist es paradoxerweise die Übervorsichtigkeit der autonomen Fahrzeuge,welche die meisten Unfälle provoziert. Erkennt der Roboterwagen am Strassenrand einen Fussgänger, so ist dieser ein potenzieller Gefahrenherd – der Robocar bremst abrupt ab. Für die nachfolgenden Fahrzeuge kommen die Stopps überraschend – und das endet häufig mit Blechschäden: Bei fast allen Unfällen, in denen etwa die selbstfahrenden Autos von Google involviert sind, handelt es sich um Auffahrunfälle.

Die Computerautos so zu programmieren, dass sie sich im Verkehr wie Menschen verhalten, hält Frazzoli allerdings für eine „dreiste Idee“: „Der Mensch ist alles andere als ein perfekter Autofahrer: Er rast, übertritt Gesetze – und reagiert in vielen Situationen irrational.“ Autonome Autos müssen darum verlässlicher sein als der Mensch – und ihr Verhalten auf der Strasse zu 100 Prozent vorhersehbar: „Unsere Fahrzeuge müssen sich bewegen wie Personenlifte, nur dass sie die Menschen auf der Horizontalen von A nach B bringen.“ Es ist also der Mensch, der sich der Fahrweise der Computerautos anpassen muss, und nicht umgekehrt. Entsprechend wichtig ist es laut Frazzoli, autonome Fahrzeuge möglichst früh im Verkehr zu etablieren: „Nur so lernen die Menschen das Verhalten der autonomen Fahrzeuge kennen.“

In die falsche Richtung bewege sich die Autoindustrie mit ihren immer ausgefeilteren Fahrassistenzsystemen, die teilweise autonomes Fahren erlaubten. „Tesla und andere Autobauer investieren zu viel Zeit und Aufwand in diese Assistenten. Das ist gefährlich“, so Frazzoli. Wenn ein Fahrzeug einen Grossteil der Fahrzeit autonom fahre, werde der Fahrer nachlässig. Auch in der Luftfahrt sei nach Einführung des Autopiloten die Zahl der Flugunfälle angestiegen, weil die Piloten im entscheidenden Moment versagten. Der Professor warnt generell vor einer übersteigerten Technologiegläubigkeit: Robocars könnten die Gesetze der Physik nicht aushebeln. Auch sie unterliegen der Trägheit der Masse.

Gesellschaft Das Recht von Algorithmen
Mit Robotern als künftigen Verkehrsteilnehmern stellen sich ganz neue rechtliche wie ethische Fragen. Eine Grundregel im Schweizer Strassenverkehrsgesetz: Jedermann soll sich im Verkehr so verhalten, dass er andere in der ordnungsgemässen Benutzung der Strasse weder behindert noch gefährdet. Die Maxime könnte laut Frazzoli vom Fahr-Algorithmus missverstanden werden: „Was bedeutet die Grundregel für Verkehrsteilnehmer, die sich nicht ans Strassenverkehrsgesetz halten? Werden die plötzlich zu Freiwild?“

Das Beispiel zeigt: Das Gesetz ist von und für Menschen geschrieben. Zahlreiche zentrale Aspekte sind unausgesprochen und intuitiv geregelt. Genau diese menschlichen Unschärfen widersprechen der Rigidität von Algorithmen. Frazzoli fordert deshalb ein explizites, legales Regelwerk für Robocars. Denn bislang gilt auf internationaler Ebene weiterhin das Wiener Abkommen von 1968. Es schreibt vor, dass der Mensch in jedem Fahrzeug die Kontrolle übernehmen können muss. Jetzt wackelt diese Maxime: In Deutschland hat der Bundestag nun im Frühjahr ein Gesetz verabschiedet, das es Fahrzeuglenkern erlaubt, sich für „eine bestimmte Zeit vom Verkehrsgeschehen und der Fahrzeugsteuerung“ abzuwenden. Und auch in der Schweiz will das Bundesamt für Strassen noch in diesem Jahr ein Gesetz in die Vernehmlassung schicken, das neue Leitplanken zum autonomen Fahren setzen will. Frazzoli will den Behörden mit seiner Arbeit Grundlagen für den Gesetzgebungsprozess liefern.

Hauptsächlich ist der Robocar-Missionar aber mit Aufklärung beschäftigt. Er sei kein Autohasser, betont der Italiener. Für Alltagsverrichtungen wie Einkaufen oder zur Arbeit pendeln seien autonome Fahrzeuge aber einfach prädestiniert. Die Freude am Fahren werde nicht mit Robocars verschwinden. „Schliesslich sind die Pferde mit der Erfindung des Autos auch nicht ausgestorben.“

Der Regenmacher wittert Morgenluft

Er dürfte tief durchgeatmet haben, als der CS-Verwaltungsrat jüngst den Teil-Börsengang seiner Schweiz-Bank abgeblasen hat. Die Rede ist von Thomas Gottstein, der seit zwei Jahren die wichtigste CS-Sparte leitet. Mehr als die Hälfte des Vorsteuergewinns der globalen Grossbank stammt mittlerweile aus seinem Schweiz-Geschäft. Die Cash-Cow mit Minderheitsaktionären teilen zu müssen, bleibt Gottstein erspart.

Statt einem Teil-IPO werden die CS-Aktionäre an einer ausserordentlichen Generalversammlung über eine Kapitalerhöhung zu befinden haben. Die angepeilten 4 Milliarden Franken sind am oberen Ende dessen, was einst ein Teil-Börsengang der Schweiz-Tochter hätte einspielen sollen. Die Geldspritze über Bezugsrechte verbessert nicht nur das Eigenkapitalpolster der CS, sondern erhöht auch deren strategische Flexibilität. Gerade im so wichtigen Schweiz-Geschäft.

Die CS Schweiz ist ohne Minderheitsaktionäre flexibler bei Übernahmen

Denn was in der allgemeinen Empörung über sesselklebende Präsidenten, überrissene Boni und Milliardenverluste der Konzernmutter beinahe vergessen ging: Der Teil-IPO war von CS-Chef Tidjane Thiam auch dazu gedacht, an flüssige Mittel zu kommen, um hiesige Vermögensverwalter aufsaugen zu können. Man wolle die Konsolidierung der Schweizer Privatbankszene aktiv mitgestalten, sagte der Ex-Mc-Kinsey-Mann Thiam im Herbst 2015 bei der Präsentation seiner Bankstrategie.

Doch der Teufel liegt im Detail, wie man CS-intern feststellen musste. Das komplexe Setup mit einer teilkotierten Schweiz-Tochter wäre nämlich kaum in der Lage gewesen, hiesige Vermögensinstitute zu schlucken. Geschweige denn mit vernünftigem Aufwand zu verdauen. Denn die meisten Privatbanken hierzulande verwalten auch ausländische Assets, welche die Schweiz-Tochter an die Konzernmutter hätte weiterreichen müssen. Gottstein & Co. drohten bei Übernahmen hitzige Diskussionen mit Minderheitseignern über den Wert der eingekauften Assets. Diese Zwänge sind nun vom Tisch.

Der Ex-Investment-Banker Gottstein, der einst den Börsenggang von Glencore stemmte, wittert deshalb M&A-Morgenluft. Nicht zuletzt, weil die Vorgaben für seine Schweizer Einheit sehr sportlich sind. Im nächsten Jahr soll der Vorsteuergewinn 2,3 Milliarden Franken betragen. Rund einen Drittel mehr als 2016. Ohne eingekauftes Wachstum dürften die Ziele kaum zu erreichen sein.

Statt eines transformativen Deals winkt eine Staubsaugerstrategie
Für einen transformativen Deal à la Julius Bär oder Vontobel fehlt der CS auf dem Heimmarkt sowohl ein Verkäufer wie das nötige Kleingeld, trotz Kapitalschnitt. Machbar hingegen ist eine Staubsaugerstrategie. Hierzulande tummeln sich immer noch über 200 Privatbanken mit weniger als 15 Milliarden Franken an verwalteten Vermögen. Sie kämpfen mit dem Strukturwandel. Die Margen schrumpfen, die Kosten gehen durch die Decke. Hier will die CS ansetzen: entweder als Dienstleister für Kleine oder als deren Käufer.

Schneller als der Staat

Energiestrategie Am 21. Mai findet die Abstimmung über das Energiegesetz statt. Während sich Politiker um Subventionen zanken, gehen innovative Firmen voran.

Begeisterungsstürme löst die Monstervorlage zur Energiezukunft nirgendwo aus: Aus dem einst visionären Projekt von Bundesrätin Doris Leuthard ist ein gut-eidgenössisches Kompromisswerk geworden. Die parlamentarischen Hürden hat es überstanden dank warmem Subventionsregen für alle Beteiligten. Das gilt in erster Linie für die Strombranche: Sie erhält nun auch für die darbende Grosswasserkraft staatliches Manna. Doch auch die Hausbesitzer, die Industrie, die Cleantech-Lobby und das Gewerbe haben sich ihren Anteil an den Energiewende-Milliarden gesichert.

Das Nachsehen hat der Endkonsument: Die Gelder, welche die Politik so grosszügig verteilt, werden letztlich von ihm berappt. Mit der Energiestrategie 2050 will Leuthard die Schweiz in eine ökologische, effiziente und sichere Energiezukunft führen. Die Atomenergie fällt weg. Auch ohne fixes Abschaltdatum sind die Tage der Schweizer AKW gezählt. Ersatz schaffen sollen die Erneuerbaren. Fast ein Fünftel der Stromproduktion soll bis ins Jahr 2035 aus Sonne, Wind, Biomasse und Geothermie stammen. Zugleich müssen wir alle Strom sparen und unseren Pro-Kopf-Konsum um nicht weniger als 13 Prozent senken.

In der Politik sind die Meinungen längst gemacht. Unverrückbar verharren Gegner und Befürworter nach jahrelangem Seilziehen in ihren ideologischen Schützengräben und kaprizieren sich auf jeweils passendes Statistikmaterial. In der Privatwirtschaft jedoch ist die Energiewende längst ein unumstösslicher Fakt. Die Beispiele sind vielfältig: Autarke Wohnsiedlungen sind im Bau, so etwa auf dem Basler Areal Erlenmatt Ost, die mit eigener Photovoltaik-Anlage auf dem Dach günstiger Strom produzieren, als der lokale Versorger offeriert. Auch in den eigenen vier Wänden arbeiten Unternehmen wie Digitalstrom an vernetzten und intelligenten Systemen, die zugleich den (Wohn-)Komfort und die Energieeffizienz erhöhen. Und schliesslich entwickeln Stromkonzerne wie Alpiq Lösungen, um Herr zu werden über den viel gescholtenen „Flatterstrom“ der Erneuerbaren. Diese Beispiele zeigen: Die Energiewende ist längst Realität.

SIEDLUNG ERLENMATT OST

Eigener Solarstrom ist günstiger: Wenn im Basler Norden diesen Monat das erste von 13 Gebäuden auf dem Areal Erlenmatt Ost eingeweiht wird, startet damit eines der grössten Selbstversorger-Experimente der Schweiz. Die Grundeigentümerin, die Stiftung Habitat, versorgt das Areal mit Solarstrom über ein eigenes Netz. Nur eine Verbindung gibt es zum Monopolanbieter Industrielle Werke Basel (IWB), um Strom zu beziehen oder Überschüsse zu verkaufen. Die Eigenversorgung soll sich rechnen. „Sie wird günstiger als der Strom von den IWB“, sagt Bernhard Schmocker vom Energieversorger ADEV, der das Netz managt. „Und das ohne Subventionen.“

Das Beispiel zeigt: Strom aus Photovoltaikanlagen ist heute marktfähig, wenn die Kosten mit dem vollen Preis des Stroms aus dem Netz verglichen werden. Denn dieser enthält nebst dem Anteil für die Energie auch Gebühren für den Netzanschluss und staatliche Abgaben. In Basel zum Beispiel eine Lenkungsabgabe. 26,6 Rappen bezahlen Basler für eine Kilowattstunde Strom im Haushalttarif H4. Die Gestehungskosten von Solarstrom hingegen liegen mittlerweile unter 20 Rappen. Damit die Eigenversorgung funktioniert, braucht es eine ausgeklügelte Steuerung. Und möglichst viele Abnehmer, die Verbrauchsschwankungen gegenseitig ausgleichen. Etwa 200 Haushalte mit 500 Bewohnenden würden in einer ersten Phase bis 2019 an das Netz angeschlossen, sagt Urs Buomberger von Habitat.
Die Teilnahme am Solarstrom-Netz ist obligatorisch für alle, die auf dem Areal eine Wohnung mieten oder selber bauen wollen. ADEV-Manager Schmocker rechnet damit, dass 45 bis 50 Prozent des auf dem Areal benötigten Stroms aus den eigenen Solar-Panels stammen werden.

Als Speicher für überschüssigen Strom aus Sonnenstunden dient die Heizung. Sie wird über drei elektrische Wärmepumpen betrieben, die dem Grundwasser Wärmeenergie entziehen. Auch hier denkt man vernetzt: ADEV nutzt Grundwasser, das der Pharmakonzern Roche hier für die Kühlung seiner Gebäude fördert. Und so sollen die Wärmepumpen dann laufen, wenn die Sonne scheint, und stillstehen, wenn das Areal im Schatten liegt. Damit das möglichst gut funktioniert, stehen in der Energiezentrale fünf Warmwasserspeicher. Man habe sich überlegt, zusätzlich Batteriespeicher einzubauen, sagt Schmocker. Der Raum dafür stehe bereit. „Vorerst haben wir aber darauf verzichtet.“ Die Mieter bezahlen für den Strom die effektiven Kosten. Diese enthalten nebst Betrieb und Amortisation der eigenen Anlagen den Aufwand für den von den IWB zugekauften Strom. „Wir garantieren aber, dass die Abnehmer bei uns nie mehr bezahlen müssen als im Haushalttarif H4 der IWB“, sagt Schmocker.

POWER-TO-HEAT

Überdimensionierte Kochtöpfe: Ein riesiger Heizstab verwandelt Strom in heisse Luft. Nach diesem Prinzip arbeitet die Power-to-Heat-Anlage, die der Stromkonzern Alpiq gerade in Niedergösgen in Betrieb genommen hat. Die beiden Kessel schalten sich ein, wenn zu viel Strom im Netz ist – und erzeugen Dampf für die nahe gelegene Papierfabrik. Dessen Nutzung ist allerdings bloss ein willkommenes Nebenprodukt: In erster Linie soll die Anlage dafür sorgen, dass die Energiewende gelingt. Denn Solar- und Windkraftanlagen liefern nicht dann Strom, wenn man ihn braucht, sondern wenn es die Witterung zulässt. Das kann dazu führen, dass die Stromeinspeisung plötzlich viel höher ist als die entnommene Leistung – und damit die Netzwerkstabilität gefährdet wird.

Vordringliche Aufgabe der beiden überdimensionierten Kochtöpfe ist es darum, möglichst rasch eine grosse Menge Strom zu vernichten – mit einer Leistung von 10 Megawatt vertilgt denn auch jeder der beiden Boiler in einer Stunde gleich viel Strom wie ein Einfamilienhaus in einem Jahr. Alpiq wird für diese sogenannte negative Regelenergie von der Netzbetreiberin Swissgrid entschädigt. Dabei dürfte die Vernichtung überschüssiger Energie auch für Industriebetriebe interessanter werden. Schon heute bieten Kühlhäuser und Betreiber grosser Elektroheizungen negative Regelenergie an. Steigt der Anteil an Solarund Windstrom, wächst auch die Nachfrage, das zwischenzeitliche Überangebot möglichst rasch loszuwerden.

DIGITALSTROM UND ELECTRON

Komfortable Effizienz: Balz Halter, Hauptaktionär von Digitalstrom, drückt auf den Touchscreen des Tablets und fragt: „Kann ich waschen?“ „Warte doch noch etwas“, antwortet der Digital Bot, denn die Solaranlage auf dem Hausdach deckt den Strombedarf der Waschmaschine aus Eigenproduktion derzeit nicht. Die intelligente Vernetzung eines Haushaltsgeräts mit der PV-Anlage ist nur ein Beispiel der Anwendungspalette von Digitalstrom. „Wir verstehen uns als Plattform“, sagt Halter im Showroom in der Zürcher Vorortsgmeinde Schlieren, der vom Teekocher bis zur Zutrittskamera eine Vielzahl an vernetzten Geräten beherbergt. Sie alle eint deren intelligente und damit effiziente Vernetzung. Oder wie es auf Neudeutsch heisst: Smart Home.

Die Klammer bildet bei Digitalstrom eine Klemme, die entfernt an einen bunten Lego-Klotz erinnert. Diese Klemme haucht auch bestehenden Elektrogeräten wie Tischleuchten oder Rollläden etwas vernetzte Intelligenz ein, indem deren Grundverhalten über ein Heimnetzwerk ferngesteuert werden kann. In Kombination mit cloudbasierten Diensten auf der Digitalstrom-Plattform sind so ganz neue Anwendungen denkbar. Beispielsweise Jalousien, die sich bei einem aufziehenden Hagelsturm wie von Geisterhand automatisch schliessen, indem ein Digital Bot den ortsbasierten Meteobericht checkt und bei Wetterkapriolen die Rollläden ansteuert. Für solche Services arbeitet das Digitalstrom-Team mit rund sechzig Mitarbeitenden an zwei Standorten stetig daran, das eigene Ökosystem zu erweitern. „Von der Gebäudetechnik über Haushaltsgeräte bis hin zu Assistenzsystemen wie Amazon Echo suchen wir stets den Schulterschluss mit Partnern“, sagt Halter, der mit Marken wie Dormakaba, Kartell oder Sonos kooperiert. Denn je mehr Geräte und Services miteinander kommunizieren, desto vielseitiger die Lösungen. Komfort und Effizienzgedanke müssen sich dabei nicht ausschliessen.

Ein Beispiel: Erkennt die Zutrittskamera den Hausherren, schaltet die Hifi-Anlage die Lieblingsmusik ein und die Räume werden wunschgemäss temperiert. Umgekehrt schalten sich beim Verlassen die Geräte automatisch ab und die Heizung wird gedrosselt. Auch draussen hält die Digitalisierung Einzug: Städte testen die intelligente Strassenbeleuchtung, so etwa Zürich oder St. Gallen. Dabei wird die Beleuchtung dem Verkehrsaufkommen angepasst – ohne dass bei der Sicherheit Abstriche nötig sind. Möglich machen dies Sensoren, die das effektive Verkehrsaufkommen messen. Sind wenige Fahrzeuge unterwegs, dimmt eine ausgeklügelte Steuerung automatisch das Licht. Die Beleuchtungsintensität verändert sich dabei fliessend, ohne dass die meisten Verkehrsteilnehmer davon etwas bemerken. „Mit dieser Technologie lassen sich 30 Prozent Strom einsparen“, sagt Enrico Baumann, Chef des Tech-Unternehmens Elektron. Das Zürcher KMU werkelt bereits an der nächsten Leuchten-Revolution: Im Wädenswiler Stadtzentrum steht bald ein Leuchtmast, der auch Umweltdaten aufzeichnet und als Ladestation für Elektromobile sowie als WLAN-Hotspot dient.

POWER-TO-GAS

Mehr Brennstoff aus Klärschlamm, weniger CO 2: An Zürichs Stadtrand steht das Klärwerk Werdhölzli, das die Abwässer der Region reinigt und anschliessend der Limmat zuführt. Aus dem faulenden Klärschlamm entsteht als Nebenprodukt Gas, mit dem das Werk den eigenen Stromund Wärmebedarf mehr als deckt. Kürzlich wurde im Werdhölzli eine Power-to-Gas-Pilotanlage (PTG) getestet. Die Anlage produziert aus der gleichen Menge Klärschlamm 60 Prozent mehr Biogas. Statt Methan mit einem Energiegehalt von 65 Gigawattstunden (GWh) lägen jährlich 105 G-Wh drin, wofür Investitionen in der Höhe von 5 Millionen Franken nötig wären. Zugleich reduziert die PTG-Anlage die Kohlendioxid-Emissionen, indem das CO 2-haltige Rohgas durch Zugabe von Wasserstoff methanisiert wird. Dieses Verfahren bindet das Kohlendioxid, statt es auszuwaschen, und ergibt dann ökonomisch Sinn, wenn der benötigte Wasserstoff hierfür aus überschüssigem erneuerbarem Strom erzeugt wird. „Der Ökostrom darf nicht mehr als 3 bis 4 Rappen pro Kilowattstunde kosten“, sagt Peter Dietiker von der Zürcher Energiefirma Energie 360°. In Ländern wie Deutschland oder Dänemark mit ihrem hohen Anteil an Photovoltaik- und Windanlagen im Produktionsmix seien die Voraussetzungen dazu gegeben. In der Schweiz werde dagegen überschüssiger Strom zumeist in die Speicherseen hochgepumpt. Gleichzeitig betont Dietiker, dass neue Verfahren wie Power-to-Gas die Anwendungsmöglichkeiten von erneuerbaren Energiequellen erweiterten, da zu Gas umgewandelter Strom besser speicherbar sei.

Der Hahnenkampf

Constantin Dieter Hahn und Bernhard Burgener kämpfen um die Macht beim Unterhaltungskonzern. Nun erhält der neue FCB-Präsident Burgener Schützenhilfe von Victorinox.

In den Räumen der Wirtschaftskammer Baselland treffen zwei Alphatiere aufeinander: Bernhard Burgener, Chef der Prattler Unterhaltungs-Firma Highlight Communications sowie neuer Besitzer des FC Basel. Und der deutsche Dieter Hahn, Präsident von Highlights Hauptaktionärin Constantin Medien.
Burgener und Hahn kämpfen verbissen um die Vorherrschaft bei der Constantin-Gruppe, zu der die beiden Gesellschaften gehören. Dabei geht es um Macht, Einfluss und viel Geld. Eine halbe Milliarde Franken setzte die Gruppe im letzten Jahr mit Film- und Sportrechten um. Zum Portfolio gehören Blockbuster wie „Fack ju Göhte“ und die Rechte an der „UEFA Champions League“.

Anlass für das Rencontre in Liestal ist die ausserordentliche Generalversammlung der Highlight Event & Entertainment (HLEE) – einer börsenkotierten Firma, über die Burgener seine Anteile an Constantin Medien hält. Traktandiert ist eine Kapitalerhöhung. Darüber bringen Burgeners Geschäftspartner ihre eigenen Aktien an Constantin Medien in die HLEE ein.
Die Bedingungen für die Aktientransfers sind bereits geregelt, wie aus einer Börsenmeldung hervorgeht. Mit der Kapitalerhöhung nimmt Burgener in Kauf, die Mehrheit an der HLEE zu verlieren. Sein Anteil sinke von 52 auf 26 bis 27 Prozent, sagt er.
Neuer grösster Teilhaber hinter Burgener wird die Schwyzer Messerschmiede Victorinox von Carl Elsener. Sie ist Burgener einst in der Abwehrschlacht gegen Hahn mit einem zweistelligen Millionenkredit zu Hilfe geeilt. Der Kredit wird nun zur Hälfte in HLEE-Aktien gewandelt. Victorinox kommt so zu einem Anteil von rund 15 Prozent. Die restlichen Aktionäre sind langjährige Burgener-Partner wie Martin Hellstern, die mit ihm verbandelte Stella Finanz und die Miralco-Holding der Baselbieter Familie Kunz.
Mit der Kapitalerhöhung bündelt Burgener die Kräfte: In der HLEE sind nun alle Constantin-Aktien vereint, die der Baselbieter aufbieten kann. Sein Ziel ist klar: Im Unterhaltungskonzern wieder die Kontrolle übernehmen, die er verloren hat.

An der vergangenen Constantin-Generalversammlung im November hatten die Aktionäre um Burgener nämlich nichts zu melden. Aufsichtsrats-Vorstand Hahn verweigerte Burgener und seinen Vertrauten das Stimmrecht, weil diese angeblich Gruppeninteressen nicht korrekt gemeldet hatten. Die Folge: Burgener unterlag an der GV, die zu einer zweitägigen Schlammschlacht zwischen den beiden Lagern ausartete. Das soll mit den gebündelten Stimmen nicht mehr passieren. „Wir geben nicht auf“, sagt Burgener. „Trotz unrechtmässigem Ausschluss unserer Stimmen ist Hahn noch nicht einmal als Aufsichtsrat entlastet worden.“ Er sieht die Kleinaktionäre auf seiner Seite.

Übernahmeangebot für Constantin
Doch Burgeners Drehbuch sieht schon den nächsten Akt vor. Wie die „Handelszeitung“ aus guter Quelle weiss, will er für die restlichen Constantin-Aktien ein Übernahmeangebot machen, sobald nach der Kapitalerhöhung die entsprechende Finanzierung steht. Eigenmittel aus dem Kreis der Kernaktionäre sowie Fremdkapital sollen die Basis legen. Burgener sagt dazu: „Kein Kommentar.“
Der Streit zwischen Burgener und Hahn ist episch und emotional, denn es geht um nicht weniger als Burgeners persönliches Vermächtnis: das Filmgeschäft. Gegründet hat der Baselbieter Filmfan seine Highlight als Videothek. Das vergilbte Geschäftskonzept liegt – symbolisch geschickt platziert – noch immer im Sitzungszimmer auf. Mit einem Börsengang reich geworden, stieg Burgeners Firma später beim Filmstudio Constantin ein. Sie kaufte nicht nur die schlingernden EMTV von Leo Kirch aus, sondern auch Bernd Eichinger, den kreativen Kopf beim Studio.
Heute ist das Filmstudio eine Tochter von Highlight Communications. Diese gehört zu 61 Prozent der Münchner Constantin Medien, und dort sind noch immer viele Aktionäre aus Kirchs Umfeld versammelt. Zu ihnen gehört auch Hahn.

Doch Hahn will vom Kinobusiness nichts mehr wissen. Vergangenes Jahr kündigte er an, dass sich Constantin Medien vom Film trennen und auf Sport konzentrieren wolle. Das Communiqué war eine Order ins Baselbiet. Doch Burgener verweigert sich. Von nostalgischen Motiven will er nichts wissen, er will das Risiko streuen: Die Filmsparte besitze eigene Rechte, sagt Burgener. Im Sport- und Event-Segment hingegen vermarkte man als Agentur Exklusivrechte über eine bestimmte Frist. Jahr für Jahr sei man gefordert, Erfolge zu erzielen. „Solange uns das gelingt, sind wir sicher“, sagt er. „Aber es besteht immer die Möglichkeit, dass sich Dinge nach Ablauf eines Vertrags verändern.“

Burgener hält den Auftrag aus München für nicht rechtens. „Zusammen mit der Mehrheit der anwesenden Aktionäre hätten wir an der Hauptversammlung die Mehrheit gehabt.“ Und so bekämpft er den Willen Hahns so lange über eine Blockade, bis er in der Mutter das Sagen hat.
Derzeit ist der Durchgriff nicht möglich, denn die Holding hat Aktien zur Sicherung eines Darlehens verpfändet. Die Hälfte aller Highlight-Aktien liegen bei Stella Finanz von Burgener-Freund Hellstern. Das Darlehen wurde abgeschlossen, als Burgener noch CEO von Constantin Medien war. Hahn wirft ihm heute vor, damit den Interessen der Constantin-Aktionäre geschadet zu haben. Burgener behauptet exakt das Gegenteil.

Futter für die Richter
Der Streit um Stella Finanz beschäftigt seit Monaten die Gerichte. Sollte Burgener diesen verlieren, hat er bereits einen Plan B. Im März hat er die Kapitalstruktur der Highlight-Töchter angepasst, wie der Blick ins Handelsregister zeigt. Das Ziel: Im Notfall die Stimmenmehrheit mit wenig Kapitalaufwand an zwei Stiftungen verkaufen zu können, die unter seiner Kontrolle stehen. Selbstverständlich wird auch dieser grenzwertige Plan gerichtlich bekämpft, seit ihn Burgener publik gemacht hat. Hahn lässt über seinen Sprecher ausrichten, man halte sich „alle Massnahmen offen“, um sicherzustellen, dass die Rechte gewahrt bleiben.
Und so ist der Streit um Constantin und Highlight auch ein Schaulaufen der Wirtschaftskanzleien. Burgener lässt sich von Bär & Karrer beraten, für Hahn ist in der Schweiz offenbar Lenz & Staehelin am Drücker. Dass die GV der HLEE in Liestal stattfindet, hat mit einem weiteren Anwalt zu tun: Martin Wagner. Er ist nicht nur Chefjurist der Wirtschaftskammer Baselland, sondern auch Burgeners treuester Begleiter. Über sein Pult laufen die heissen Fussball-Deals. Auch den Vertrag zum Kauf des FCB hat er ausgehandelt.