Schwacher Stürm

Raiffeisen Man stelle sich vor: Sergio Ermotti kündigt dem UBS-VR seinen Rücktritt an, der über ein Jahr später erfolgen soll. Gleichzeitig kürt ihn der Verwaltungsrat zum Präsidenten einer zu gründenden Investment-Tochter. Der abtretende UBS-Chef darf die finanziellen Details der Transaktion aushandeln. Und zum finalen Abgang übernimmt Ermotti auch noch privat von der UBS ein 15-Prozent-Aktienpaket an der Bank-Tochter. Unmöglich?

Doch. Genau so geschehen bei der Raiffeisen-Bank, ihrem allmächtigen Langzeit-Chef Pierin Vincenz und der KMU-Tochter Investnet Holding.
Der geschilderte Deal hat die Finma auf den Plan gerufen. Die Aufsicht klärt mögliche Interessenskonflikte und Governance-Verstösse ab.

Egal, wie die Verfahren gegen Vincenz und die Genossenschaftsbank am Ende ausgehen, klar ist schon jetzt: Der zwölfköpfige Verwaltungsrat der Raiffeisen-Gruppe um Uniprofessor Johannes Rüegg-Stürm gab zum Ende der Ära Vincenz eine schwache Figur ab. Statt sämtliche Bande zum Alpha-Manager konsequent zu kappen, um Vincenz-Zögling Patrik Gisel einen unbelasteten Neustart als Chef zu ermöglichen, liess man den Bündner seine Raiffeisen-Connection weiter bewirtschaften: Mandate bei Aduno, Leonteq, Helvetia, Investnet – und obendrein die Frau in der erweiterten Raiffeisen-GL.

Heikler Deal

Pierin Vincenz Als abtretender Raiffeisen-Chef gründet er für die Bank eine Tochter, wird Präsident und beteiligt sich privat. Nun ermittelt die Finma.

Es war eine strube Woche für den Bündner Banker. Zuerst beteuert Pierin Vincenz gegenüber der «Sonntagszeitung», das Enforcement-Verfahren der Finanzmarktaufsicht Finma richte sich nicht gegen ihn, sondern gegen seinen langjährigen Arbeitgeber, die Raiffeisen Schweiz. Nur drei Tage später flattert dem Ex-Raiffeisen-Chef ein Brief der Aufsicht ins Haus. Die Finma zeigt Vincenz darin ebenfalls ein Enforcement-Verfahren an, «wegen möglicher Interessenkonflikte während seiner Zeit bei der Raiffeisen».

Dem Verfahren seien «diverse Abklärungen» vorausgegangen, heisst es im Finma-Brief. Konkret schaute sich die Aufsicht «Transaktionen bei der Investnet Holding sowie die Beurteilung von Investitions- und Kreditvergaben bei der Raiffeisen Schweiz» an. Im Finma-Fokus steht damit eine praktisch unbekannte Firma namens Investnet, an der Raiffeisen Schweiz 60 Prozent hält. Sie verwaltet KMU-Beteiligungen und hat einen weiteren, prominenten Aktionär: Ex-Raiffeisen-Chef Pierin Vincenz hält 15 Prozent. Dies zeigen Dokumente, die der «Handelszeitung» vorliegen.

In nur zehn Jahren baute Vincenz die Bauernbank Raiffeisen zum Hypothekar-Riesen aus, doch nun könnte er über die kleine Investnet stolpern. Denn bei der KMU-Boutique kreuzen sich so manche Linien, die sich im Lichte einer guten Unternehmensführung als heikel erweisen könnten: Aktionärsinteressen, Aufsichtspflichten, Bekanntschaften und Rollenwechsel.

Im Sommer 2015 gründet Vincenz, mit dem Plazet des Raiffeisen-Verwaltungsrates und zusammen mit Finanzchef Marcel Zoller, eine KMU-Beteiligungsgesellschaft namens Investnet Holding. Stammkapital: 10 Millionen Franken. Obwohl Vincenz seinen Rücktritt als Chef schon kommuniziert hatte, übernimmt er an Stelle des designierten Nachfolgers Patrik Gisel das Präsidium der Investnet-Gruppe. Ein damaliger Mitstreiter spricht von einem «unlogischen Schritt» und einer «falschen Konstellation».


Mit dem Segen des Verwaltungsrats

Besonders brisant: Der Raiffeisen-VR hatte Vincenz auch eingeräumt, sich privat mit 15 Prozent an der Investnet Holding zu beteiligen. Die Finanzdetails der Holding-Konstruktion wurden ausführlich geregelt, als er noch Raiffeisen-Chef war. Dabei ging es auch um eine «Neubewertung» gewisser Aktiven. Vincenz’ Aktienkauf wird schliesslich zum Amtsantritt von Patrik Gisel als Raiffeisen-CEO Anfang Oktober vollzogen.

Pierin Vincenz, Investnet und Raiffeisen Schweiz wollen zum Finma-Verfahren keine Stellung nehmen.
Die Anfänge von Investnet reichen bis in die Jahre 2011 und 2012 zurück. Damals war Investnet eine AG noch ohne Kontakte zur Raiffeisen. Die Gründer suchten nach Wegen, ihr Geschäft weiterzuentwickeln. Denn stets fehlte das nötige Geld für die nächsten Investitionen.

Dann gelangten die Investnet-Gründer an Pierin Vincenz und Raiffeisen. Vincenz hatte seit je ein Faible für KMU-Investitionen und bald war allen Beteiligten klar: Das ist eine Win-in-Situation. Investnet erhielt von Raiffeisen flüssige Mittel für Investitionen, Raiffeisen die Möglichkeit, sich als Experte für KMU-Nachfolgelösungen zu profilieren.

Beide Parteien beschlossen, die Zusammenarbeit mit einem Aktientausch zu besiegeln. Raiffeisen erhielt 60 Prozent an der Investnet AG. Und deren Gründer bekamen Anteile am Raiffeisen-Vehikel KMU Capital. Vincenz schickte seine damalige Nummer zwei, Patrik Gisel, in den Verwaltungsrat der Investnet AG. Manchmal waren Investitionen erfolgreich, manchmal gab es Verluste. Und die Jahre zogen vorbei.

Dann kam das Jahr 2015. Im Februar kündigte Vincenz seinen Rücktritt bei Raiffeisen an. Er nutzte die verbleibende Zeit – auch für eine Neuordnung der Dinge bei der Investnet AG. Die bisherigen Geschäfte und Beteiligungen und damit auch die bisherige Investnet AG und die KMU Capital wurden in der neuen Investnet Holding gebündelt. Sie wurde am 15. Juni 2015 in Herisau gegründet. In einem ersten Schritt zeichnete Raiffeisen alle Aktien, wie Akten des Handelsregisteramts zeigen.

Vincenz wurde VR-Präsident der Investnet Holding. Damals sagte er der «Schweiz am Sonntag», er solle dort für einen «Interessenausgleich» zwischen den Partnern und Raiffeisen sorgen. Gisel, der bald Raiffeisen-Chef werden sollte, trat daraufhin bei der Tochter Investnet AG ab – ganze fünf Minuten dauerte die GV dafür. Doch die entscheidenden Vorgänge spielten sich an der Zahlenfront und im Aktionariat ab.

Vertragliche Goodwill-Erhöhung

Zunächst zu den Zahlen. «Es kam zu einer Neubewertung der Firma», sagt einer, der die Verhältnisse kennt. Sie soll aufgewertet worden sein. Im Geschäftsbericht 2016 von Raiffeisen auf Seite 17 ist nachzulesen: «Aufgrund vertraglicher Abmachungen erhöhte sich der Goodwill für die Investnet Holding AG.» Mehr Informationen zu diesen Verträgen gibt es nicht. Allerdings ist die Investnet Holding nach der Neubewertung möglicherweise mehr wert als die Einzelteile vor der Reorganisation waren.

Das alles tangierte natürlich auch die Investnet-Gründer um Ex-Valora-Chef Peter Wüst, die auch an der Investnet Holding beteiligt wurden. Sie hielten schliesslich immer noch substanzielle Anteile an der ursprünglichen Firma. Und offenbar auch Optionen, die es ihnen erlaubten, ihre Aktien an Raiffeisen zu verkaufen. Dies verlautet aus informierten Kreisen. Es sei immer der Plan gewesen, dass die Gründer nach fünf Jahren aussteigen könnten. Deshalb einigte man sich schon 2012 auf diese Optionen-Konstruktion.

Der erstmögliche Verkauf ihrer Anteile war auf Ende 2017 vorgesehen. Je höher die Bewertung der Firma, desto besser für die Gründer.
Und Vincenz? Seine private Beteiligung von 15 Prozent geht aus einem Protokoll vom Juni 2016 hervor. Demnach war Vincenz zu diesem Zeitpunkt hinter Raiffeisen zweitgrösster Aktionär. Zu welchen Konditionen Vincenz die Aktien von Raiffeisen übernahm, ist nicht bekannt.

Licht ins Dunkel muss nun das Finma-Verfahren bringen, das gegen Vincenz und Raiffeisen Schweiz läuft. Basis hierfür ist eine achtmonatige interne Untersuchung, die Raiffeisen-Chef Patrik Gisel Ende 2016 angeordnet hat: «Der wesentliche Inhalt dieser internen Untersuchung war die Governance im Umgang mit der Tochtergesellschaft Investnet», sagt Gisel. Acht Monate lang durchleuchtete eine externe Kanzlei die Prozesse beim Vincenz-nahen Vehikel.

Die Swiss-Angola-Connection

Jean-Claude Bastos Der Schweizer Investor will das westafrikanische Angola entwickeln. Mit eigenen Megaprojekten, Staatsmilliarden und prominentem Netzwerk.

Das Herz Angolas schlägt über einer Migros-Filiale im Zürcher Kreis 1. Im ersten Stock sitzt an einem Holztisch der schweizerisch- angolanische Investor und Unternehmer Jean-Claude Bastos in weissem Hemd und schwarzer Hose. Er mustert sein Gegenüber kurz durch die Hornbrille, schwingt sich lässig in die Stuhllehne und sagt in breitem Freiburger Dialekt: «Natürlich bin ich ein Klumpenrisiko.»

Die Aussage ist eine blanke Untertreibung. Denn «Jay-Cee», wie er sich im Gespräch nennt, ist überall und nirgends. Ein hyperaktiver Netzwerker für die Sache des Schwarzen Kontinents, im Besonderen für Angolas Wirtschaft. 20 Prozent weilt er in der Schweiz, 30 Prozent in Westafrika und 50 Prozent jettet er sonstwo auf der Welt umher. Heute Dubai, morgen Durban, übermorgen Dubrovnik. Und dazwischen wirbelt er aus seinem Zürcher Office über der Migros-Filiale.
Afrikas Bevölkerungsexplosion treibt Bastos um.

Mit Unternehmertum will er Jobchancen für Junge schaffen. Private Equity als Alternative zur westlichen Entwicklungshilfe, die wenig nachhaltig sei. Sein «Africa for Africa»-Credo trägt der schwerreiche Serienunternehmer mit gemeinnützigen Initiativen in die Welt hinaus: Vom African Innovation Fund mit Ex-Deza-Chef Walter Fust als Präsidenten bis zum Londoner Think-Tank Omfif, der über die Zentralbanken-Landschaft sinniert.

Gleichzeitig managt der rastlose Bastos den mit 5 Milliarden Dollar dotierten Staatsfonds Angolas und baut an einem 800 Millionen Dollar teuren Tiefseehafen vor der Küste Cabindas. Sein «Bébé», wie er das logistische Megaprojekt nennt.

Auf seiner Mission hat der Charismatiker mit Heimatort Welschenrohr im Kanton Solothurn auch das Schweizer Wirtschaftsestablishment in seinen Bann gezogen: Ob SBB-Verwaltungsrätin Monika Ribar, alt Bundesrätin Ruth Metzler, Starwerber Frank Bodin oder der ehemalige UBS-Chef Marcel Rohner. Sie alle haben Jean-Claude Bastos in seinen Firmen als Verwaltungsräte oder Beiräte zur Seite gestanden.

Unterstützung von alt Bundesrätin Metzler

Die hiesigen Topmanager wollen das Engagement für den umtriebigen Schweiz-Angolaner allerdings nicht an die grosse Glocke hängen. Keine Zeile findet sich im CV von Ruth Metzler zum langjährigen Beiratsmandat bei Bastos’ Zuger Finanzgruppe Quantum Global. Auf Anfrage erklärt die alt Bundesrätin schriftlich, bei Quantum im Advisory Board für «regulatorische Fragen und Governance-Themen mit Schweiz-Bezug» zuständig zu sein.

Auch SBB-Frau Monika Ribar weist 2015 ihr VR-Mandat für Capoinvest – Bastos’ Hafengesellschaft auf den Britischen Jungferninseln – ohne den Offshore-Firmensitz aus. «Eine bestimmte Absicht war nicht damit verbunden», sagt ein SBB-Sprecher. Klar ist: Die Marke Angola hat in der Welt einen zweifelhaften Ruf. Und persönliche Bande zur Politelite in der westafrikanischen Republik sind sehr eng, wenn man, wie er, die Ölmilliarden des Fundo Soberano zu investieren hat.

Das Staatsfonds-Mandat lässt die Honorare in Multimillionenhöhe sprudeln. Man arbeite zu «Industriekonditionen», sagt Bastos, der mittlerweile über 600 Angestellte beschäftigt. Sein Company-Geflecht reicht um den Globus: Von den Britischen Jungferninseln über Zug und Zypern bis nach Mauritius und den Seychellen (siehe Link). Bastos’ steuermilde Konstruktionen wurden auch von Appleby aufgesetzt. Die auf Offshore-Firmen spezialisierte Anwaltsfirma hatte ein Datenleak, das eine Gruppe internationaler Investigativjournalisten ausgewertet hat. Erwartet wird ein zweites Panama Paper.

Auf sein weit verzweigtes Firmengeflecht angesprochen, antwortet Bastos: «Ich liebe Komplexität» und rattert wie zum Beweis die Kennzahlen einzelner Beteiligungen herunter. Angereichert mit dem Finanzslang eines Investmentbankers: von Built-Operate-Transfer bis Residualwert.

Ähnlich fluid wie sein sich ständig häutendes Finanz- und Firmenkonglomerat ist auch Bastos’ Gesprächsführung. Ein Gedankenblitz jagt den nächsten. In einem Moment erklärt er der Quantentheorie seine grosse Liebe, um hernach über eine animistische Geisterbeschwörung mit viel Whisky an Cabindas Küste zu schwärmen. Der Austausch gleicht einem intellektuellen Parforceritt: anregend, aber anstrengend.

Zumal die Afrika-Philanthropie nur eine Facette ist. «Im Geschäft bin ich tough», sagt der Sohn einer Schweizer Fabrikantentochter und eines angolanischen Freiheitskämpfers trocken. Wer nicht performt im schwierigen afrikanischen Umfeld, hat keinen Platz in seiner Vision für ein neues Angola. Die Personalfluktuation im Firmenimperium ist hoch, die Zahl seiner Gegner stattlich, sowohl in Angola wie in der Schweiz.

Als «Bottleneck», als Flaschenhals, in dem sich alle Entscheide aufstauten, bezeichnen ihn Ex-Mitarbeiter. Die Rede ist von Misstrauen und Intransparenz in der Firma. Man kommentiere «interne Vorgänge» nicht, sagt Quantum Global, aber ja: «Das Umfeld in Afrika ist herausfordernd und kann nicht mit Bedingungen in Europa verglichen werden.»

Bastos macht klar: Statt aus vollklimatisierten Sitzungszimmern auf Dealjagd zu gehen, müssten seine Private-Equity-Experten und Investmentbanker die sündhaft teuren Business-Hotels der Hauptstadt Luanda verlassen und raus in den Subsahara-Busch. Dort, wo es keine Strassen gibt, die Mücken stechen und Treibstoff ein begehrtes Diebesgut ist. Bastos’ Projekte werden sprichwörtlich auf der grünen Wiese geboren.

Zuger Quantum Global und Angolas Staatsfonds
Stets aufs Neue sind die Ventures des Schweiz-Angolaners ein Drahtseilakt. Zumindest, wenn man westliche Massstäbe anlegt. «In Afrika gilt eine andere Realität», sagt der Hobbymusiker, der in seinen wilden Jugendjahren als Bassist zahlreiche Schweizer Open-Air-Bühnen bespielte.

Auf das heikle Umfeld angesprochen, redet sich Bastos ins Feuer und spricht von einer «angolanischen Norm»: Man dürfe sich der Korruption niemals anpassen, aber einer anderen «Marktrealität» sehr wohl. «Die Volatilität dort ist Wahnsinn.» Projekte, die etablierten westlichen Kapitalgebern schlicht zu heikel oder mühselig wären, zieht Bastos mit lokalem Geschäftssinn durch.

Die Spannbreite seines Portfolios ist riesig: Vom Porto de Caio, dem Tiefseehafen-Projekt in seiner Heimatprovinz Cabinda, über Goldminen bis zu Holzplantagen. Von einer E-Payment-Lösung namens B’weza bis hin zur «Seifenfabrik», einem Kleinstunternehmer-Projekt im grössten Slum der Hauptstadt Luanda. Ex-Mitstreiter monieren: Was bei Bastos «Business» und was «benevol» sei, bleibe unscharf. Auch aus welchen Töpfen die Finanzmittel für die zahlreichen Projekte genau stammten.

Sein schärfster Kritiker in Angola ist der oppositionelle Politaktivist und Journalist Rafael Marques, der von internationalen Medien gerne zitiert wird und Bastos mehrfach in seinem Blog MakaAngola als «Schwindler» bezichtigt hat, der mit seinen Projekten und dem Segen des Dos-Santos-Regimes das Land plündere.

Marques betreibe politische Propaganda ohne jegliche Faktenbasis, entgegnet Bastos und betont: «Ich habe bei jedem Projekt meine Investition gegenüber dem angolanischen Staatsfonds wie auch gegenüber allen anderen Stakeholdern immer offengelegt.» Man schliesse alle Vereinbarungen nach dem «arms length»-Prinzip ab.

Fest steht, die Ventures haben stets seinem persönlichen Credo zu folgen: Wo gibt es Momentum? Bereits als sich der studierte Betriebswissenschafter mit Schweizer KMU-Deals die Sporen abverdiente und als Management-Consultant arbeitete, liess er sich davon leiten. Bastos’ Enthusiasmus hat etwas Einnehmendes. Der Fünfzigjährige – Vater von fünf Kindern aus drei Beziehungen – wirkt zehn, vielleicht 15 Jahre jünger.

Bastos’ gefühltes Alter entspricht dem tatsächlichen seines wohl wichtigsten Weggefährten: José Filomeno dos Santos. Man kennt sich seit Jugendjahren. Schliesslich war Bastos’ Onkel angolanischer Botschafter in London. Und «Zénu» der Sohn des angolanischen Präsidenten. Nach drei Dekaden räumte Vater Dos Santos im Sommer seinen präsidialen Posten. Er hinterlässt Angola als marode Staatswirtschaft, fest in der Macht einer kleinen Polit-Clique. So leben trotz enormem Rohstoffreichtum 70 Prozent der Angolaner unter der Armutsgrenze. Die Lebenserwartung beträgt im Schnitt 52 Jahre.

Gemäss Transparency International gehört Angola zu den korruptesten Ländern der Welt. In diesem Umfeld kürte Vater Dos Santos seinen Filius José Filomeno 2012 zum Präsidenten des neu etablierten Staatsfonds FSDEA. Das «Wall Street Journal» sprach damals von einer «family affair». Der Fonds speist sich aus den Öleinnahmen, ist 5 Milliarden Dollar schwer und verfolgt hehre Ziele: Er soll das Volksvermögen langfristig sichern und mit gezielten Investitionen das westafrikanische Land zum Besseren entwickeln. «Ich war es, der den Businessplan für den FSDEA geschrieben hat», sagt Bastos und wischt im gleichen Atemzug die Vorwürfe der Vetternwirtschaft vom Tisch: «Ich arbeite mit José Filomeno zusammen, nicht weil er der Sohn des Präsidenten war, sondern weil er eine gute Person ist.»

Bastos hat nicht nur den Bauplan für den milliardenschweren Fundo verfasst, dessen bevorzugtes Finanzinstitut für die Cash-Haltung die Zürcher Falcon Private Bank ist. Mit seiner in Zug domizilierten Quantum-Global-Gruppe ist er auch der Investment-Manager des Fundo, dessen Private-Equity-Beteiligungsvehikel das Finanzkonglomerat von der Trauminsel Mauritius aus steuert.

Mehr noch: Ein Jahresabschluss des Fundo zeigt, welch dominante Stellung Bastos beim Staatsfonds innehat. So gab der FSDEA im 2014 rund 121 Millionen Dollar für Beratungsmandate aus, wovon 96 Prozent an Firmen aus dem Bastos-Umfeld gingen. Neben der Quantum-Gruppe flossen auch Fees an den Managementberater Stampa, die HR-Firma Uniqua oder seinen Engineering-Planer Tomé International, in dessen Verwaltungsrat Armin Meier sitzt.

Hafen Porto de Caio für 800 Millionen Dollar

Der ehemalige Kuoni-Chef mit Afrika-Affinität sieht keinen Anlass, daran zu zweifeln, dass bei Tomé die Regeln eingehalten werden. Und angesprochen auf die Konzentration an Mandaten beim Fundo verweist Bastos auf das fehlende wirtschaftliche Ökosystem im Land. Nicht vergleichbar mit einem Markt in einer westlichen Industrienation. «Das schafft Zusatzkomplexität. Im Vorfeld eines Projekts müssen wir viel Vor- und Aufbauarbeit leisten.»

Solch eine lange Vorgeschichte hat auch das Herzensprojekt von Jean-Claude Bastos, der 630 Meter lange Tiefseehafen (samt Lagern, Freihandelszone, Kraftwerk und Schiffsreparatur) vor der Küste seiner Heimatprovinz Cabinda. Das Gesamtkunstwerk Porto de Caio soll die Frachtkapazität in der Region massiv erhöhen, bei reduzierten Logistikkosten. Die Güterpreise sollen darob um die Hälfte sinken und so gemäss Caio-Angaben bis zu 30 000 neue Jobs indirekt schaffen.

Finanziert wird der Bau durch einen 600-Millionen-Dollar-Kredit der chinesischen Exim-Bank, den Bastos mit seinem exzellenten Sino-Netzwerk eingefädelt hat. 180 Millionen Dollar steckt der angolanische Staatsfonds ins Projekt über seinen Infrastrukturfonds, den ebenfalls die Zuger Quantum-Global-Gruppe managt.

Und Bastos wird es auch sein, der den Hafen mit seiner BVI-Gesellschaft Capoinvest, in der Monika Ribar bis Mitte 2016 im Verwaltungsrat sass, für die nächsten dreissig Jahre per präsidentiellem Dekret betreibt. Bastos’ Ämterkumulation beim Porto de Caio stiess dem Oppositionsjournalisten Marques sauer auf: Vor den Wahlen im Sommer schrieb er über den Porto de Caio als jüngstes Beispiel für die «präsidentielle Kleptokratie».

Für Bastos dagegen ist die exklusive Hafenkonzession der gerechte Lohn für seine persönlichen und finanziellen Risiken. 73 Millionen Dollar an eigenem Geldern habe er bisher in das Hafenprojekt gesteckt: «Als ich vor zehn Jahren raus nach Cabinda fuhr, gab es an der Stelle nichts als Dschungel.» Bastos trommelte hernach aus aller Herren Ländern die Hafenspezialisten herbei. Darunter auch Ex-Panalpina-Chefin Ribar, welche die Verhältnisse in Angola und speziell im Hafen von Luanda sehr gut kennt. Dieser kann Schiffe mit 2000 Containern löschen. 8000 sind es im neuen Porto.

Womit der Hafenbetreiber in spe nicht gerechnet hatte, war der Widerstand aus Angolas etablierter Offshore-Ölclique: Plötzlich wurden 150 Container samt Schiff auf Meeresgrund vor seinem Hafen versenkt. Und plötzlich lagen zwei Pipelines in zehn Metern Wassertiefe, die in der Ursprungssondierung mit Sonar noch nicht existiert hatten. Die Behörden samt Transportminister waren ahnungslos. Schliesslich regelte man die Angelegenheit «the angolan way»; der Schweizer Investor darf seinen Hafen mit dem präsidentiellen Segen bauen. Einfach offshore, zwei Kilometer vom Festland entfernt. Anfang 2019 soll Bastos’ «Bébé» das Licht der Welt erblicken.

JEAN-CLAUDE BASTOS DE MORAIS

Der Fünfzigjährige wuchs in der Schweiz auf, studierte in Freiburg BWL und stieg später ins Consulting ein. Nach dem Krieg baute er in Angola, der Heimat seines Vaters, die erste Investmentbank des Landes auf, die Banco Kwanza Invest – zusammen mit dem damaligen Präsidentensohn. Es folgten Mandate für Zentralbank und Staatsfonds.

MONIKA RIBAR
Die heutige SBB-Präsidentin sass bis Mitte 2016 als Verwaltungsrätin einer Gesellschaft namens Capoinvest auf den Britischen Jungferninseln. Die Firma gehört Jean-Claude Bastos, entwickelt den Tiefseehafen Porto de Caio und soll ihn dereinst betreiben.

RUTH METZLER

Die Ex-Bundesrätin sitzt seit einigen Jahren im Advisory-Beirat der Zuger Finanzgruppe Quantum Global, die zu 95 Prozent Jean-Claude Bastos gehört. Die übrigen 5 Prozent gehören dem Zürcher Wirtschaftsanwalt Thomas Ladner und einer weiteren Person.

ARMIN MEIER
Der Ex-Kuoni-Chef und heutige Boyden-Headhunter fährt gerne privat mit seinem Landcruiser durch Subsahara-Afrika. Nebenher sitzt er als VR in Bastos Family Office Turtle Management und in seiner Engineering-Gesellschaft namens Tomé International.

ANDRÉ SCHNEIDER
Der Ex-WEF-Geschäftsführer und heutige Chef des Flughafens Genf sitzt im Beirat der Zuger Quantum-Gruppe. Daneben ist der ehemalige Berufsmusiker Präsident der Gesellschaft B’weza International, die eine E-Payment-Plattform in Angola aufbaut.

MARCEL ROHNER
Der Ex-UBS-Chef sass u. a.in einer Firma namens Plaza Global Real Estate Partners auf Jersey, einem Joint Venture von Jones Lang LaSalle und Bastos. Mit Kapital der angolanischen Zentralbank kaufte man Prime-Objekte in New York, Paris, London und München.

BASTOS’ PROJEKTE

Infrastruktur
Tiefseehafen Porto de Caio, Cabinda
Megaprojekt Für 800 Millionen Dollar entsteht vor der Küste Cabindas ein Tiefseehafen. Möglich machen die Bastos-Idee ein Kredit aus China und Kapital aus dem Staatsfonds Angolas.

Immobilien
Savile Row, Mayfair, London
Toplagen Mit dem US-Immoriesen Jones Lang LaSalle hat Quantum Global ein Luxusportfolio in New York, London, Paris und München für 650 Millionen Euro gekauft. Kapitalgeber: Angolas Zentralbank.

Landwirtschaft
Estrela da Floresta
Plantage In der Region Benguela, im Südwesten Angolas, soll auf über 30 000 Hektaren ein Forstwirtschaft-Cluster entstehen. Das dort produzierte Papierholz soll in den Export gehen.


Hotellerie

Mövenpick Ambassador Hotel Accra, Ghana
Investments Angolas Staatsfonds verfügt über ein Hotellerie-Vehikel, das gezielt in diesen Sektor investiert. Nebst dem Mövenpick-Hotel in Accra gehört auch das «Intercontinental» in Lusaka zum Portfolio.

Rohstoffe
Goldmine in Angola
Edelmetall Über die zypriotische Novecia Holding ist Bastos im Goldminenprojekt Mpopo in Angolas Provinz Huíla engagiert – zusammen mit den staatlichen Commodity-Firmen Ferrangol und Somepa.

High Noon auf Hainan

UBS Die Grossbank ist dick im Geschäft mit der chinesischen HNA Group. Doch das Konglomerat gilt als intransparent und ist hoch verschuldet. Während sich Wall-Street-Banken bei HNA zurückziehen, vertieft die UBS ihre Beziehungen.

Es ist eine Stippvisite mit Symbolcharakter. Anfang August treffen sich Adam Tan, Chef des chinesischen Mega-Konglomerats HNA Group, und UBS-Chef Sergio Ermotti zu einem persönlichen Gespräch in Italien. Es gehe um eine «systematische Vertiefung der strategischen Partnerschaft» mit der Schweizer Grossbank, lässt HNA mehr als einen Monat später über den Kurznachrichten-Dienst Twitter verbreiten.

Das Timing von Tan und Ermottis Treffen hat es in sich. Seit einigen Monaten brauen sich nämlich dunkle Wolken über dem HNA-Imperium mit Sitz auf der chinesischen Insel Hainan zusammen. Die globale Shoppingtour mit so prominenten Akquisitionen wie Gategroup oder einem Anteil an der Hilton-Hotelkette lastet inzwischen schwer auf der Bilanz: Ende 2016 hat HNA 73 Milliarden Dollar an ausstehenden Verbindlichkeiten.

Dieser Schuldenberg macht den Regulator in der Volksrepublik nervös. Er lässt im Sommer die HNA-Gruppe auf Offshore-Kredite durchleuchten. Auch die undurchsichtige Eigentümerschaft sorgt für Misstrauen. Mitte September platzt der Schweizer Übernahmekommission der Kragen. Sie setzt HNA ein Ultimatum, endlich Klarheit über ihre Eigentümer zu schaffen. Hintergrund ist der Kauf der Ex-Swissair-Tochter Gategroup durch HNA. Bei der 1,5-Milliarden-Dollar-Transaktion fungiert die UBS als «financial advisor» der Südchinesen.

Chips vom Spieltisch genommen

Hoch gehebelt und intransparent. Diese Mischung der HNA Group macht die Wall-Street-Banken vorsichtig. Wenige Tage bevor UBS-Ermotti und HNA-Tan ihre strategische Partnerschaft bekräftigen, zieht die Bank of America Merrill Lynch die Reissleine: Man stemme keine Transaktionen mehr mit der HNA-Gruppe. Auch Citigroup und Morgan Stanley sollen sich mittlerweile in Zurückhaltung üben. Und jüngst hat nun auch die prestigeträchtige Investmentbank Goldman Sachs ihre Chips vom Spieltisch genommen. Eine geplante Finanzierungsrunde mit einer HNA-Tochter wurde abgeblasen. Die Einheit des chinesischen Riesen habe die «Due Diligence»-Standards der «Goldies» nicht erfüllt.

Während die Angelsachsen ihre Schäfchen ins Trockene bringen, gibt die UBS Gas. Erst im Frühjahr dieses Jahres hat die Grossbank mitgeholfen, dass die HNA Group einen 9,9-Prozent-Anteil an der Deutschen Bank finanzieren konnte. Der Deal lief über den österreichischen Asset-Manager C-Quadrat, zu dem übrigens auch die Genfer BCM & Partners gehört. Der Aktienanteil an der Deutschen Bank kostete die Chinesen 3,3 Milliarden Euro, wovon 2,6 Milliarden fremd- beziehungsweise mit Derivaten finanziert wurden. Die UBS gewährte zusammen mit der Staatsbank ICBC fast eine halbe Milliarde Kredit.

Die restlichen 2,1 Milliarden gewährte die UBS alleine. Die gigantische Summe ist allerdings über eine derivative «collar transaction» abgesichert. Das Optionen-Geschäft schützt HNA, sollte die Deutsche-Bank-Aktie unter einen gewissen Preis sinken, und lässt die UBS am Gewinn partizipieren, wenn der Finanztitel über eine gewisse Schwelle steigt. Im Moment liegt der Basiswert unter dem Put-Preis von 15 Euro. Die Optionen werden ab nächstem Februar fällig.

Der Deutsche-Bank-Deal ist nur eine von vielen Transaktionen, welche die UBS mit HNA in den letzten Jahren gestemmt hat. Die Grossbank habe seit 2015 die HNA-Gruppe bei Akquisitionen in der Höhe von 15 Milliarden Dollar beraten, schätzt Bloomberg.
Darunter sind mehrere Deals im Airline-Geschäft wie die Übernahme der Leasing-Gesellschaft Avolon oder der Kauf von Anteilen an der brasilianischen Airline Azul oder an Virgin Australia.

Ebenfalls mit dabei war die UBS, als HNA sich 2015 bei der Hotelgruppe NH Hotel einkaufte. Auf Anfrage äussert sich die UBS nicht «zu einzelnen Kundenbeziehungen». In einem Interview mit Bloomberg gibt sich Chef Sergio Ermotti, angesprochen auf HNA, tiefenentspannt: Man habe breite Erfahrung in Asien und «checks and balances», wann und wie gerechtfertigte Geschäfte gemacht würden. Falls etwas nicht stimme, würde man sofort Schadensbegrenzung betreiben.

Nur keine Schnappatmung

China Es ist ein Fakt: China kauft sich die Welt – und damit auch die Schweiz mit ihren attraktiven Unternehmen. Und ja, die Volksrepublik ist keine Marktwirtschaft nach westlichem Vorbild, sondern verfolgt einen Staatskapitalismus mit planwirtschaftlichen Methoden.

Dass die Führung in Peking mit harter Industriepolitik auf Shopping-Tour ins Ausland geht, mag ordoliberale Geister bis ins Mark erschüttern. Umgekehrt ist auch die Schweiz keine Musterschülerin: Ob Banken, Telekom oder Stromwirtschaft, weite Teile der Wirtschaft werden vom Staat kontrolliert. Und wer nicht in den Händen von Bund und Kantonen liegt, hat ausländische Staaten wie Katar oder Singapur als Ankeraktionär. Ja, selbst der grösste Bürokomplex der CS gehört Norwegen.

Die Politiker in Bundesbern sollten sich also mit protektionistischen Parolen vor der «roten Gefahr» zurückhalten. Billiger Nationalismus ist schlicht fehl am Platz. Die Schweiz muss als Kleinstaat weiterhin einen gesunden Opportunismus pflegen. Mag die Bürokratie in Brüssel ihre Sträusse mit der Partei in Peking ausfechten. Unser Land darf seinen liberalen Kompass nicht verlieren.

Will heissen: Offene Märkte, freier Kapitalfluss und kein verschärftes Regime für ausländische Investoren. Denn die Früchte dieser freiheitlichen Politik kann die Schweiz mit China bereits ernten: Das Freihandelsabkommen ist ein aussenwirtschaftlicher Trumpf.

Hungriger Panda

China Staatsnahe Firmen aus der Volksrepublik haben in den vergangenen Jahren Dutzende Schweizer Firmen geschluckt. Nun regt sich Widerstand gegen den Ausverkauf der Heimat.

Der rote Riese kommt auf leisen Sohlen daher. Das jüngste Beispiel ist China Unicom. Der halbstaatliche Konzern gehört zu den weltgrössten Telekomanbietern und hat vor wenigen Tagen eine Niederlassung in Zürich eröffnet. Dass sich der volkseigne Telekomgigant hier ansiedelt, ist kein Zufall. Verbindet China Unicom doch ausländische Töchter von Multis mit den Konzernzentralen.

Eine Standleitung ins Reich der Mitte? Dieses Geschäftsmodell des Riesen-Telco dürfte sich auch in der Schweiz lohnen. Chinas Unternehmen sind hierzulande nämlich auf Expansionskurs. Eine Auswertung des Wirtschaftsdienstes Bisnode D&B zeigt, dass mittlerweile über achtzig Firmen einen direkten chinesischen Eigentümer haben (siehe Link unten). Parallel zur Kauf-Tour steigt in Bundesbern das Unbehagen gegenüber den Staatskapitalisten. Denn ein gewichtiger Teil der China-Investments läuft nach industriepolitischem Drehbuch durch staatlich gelenkte Konzerne ab. «Es kann dem Schweizer Staat nicht gleichgültig sein, wenn auf seinem Gebiet ein anderer Staat geopolitische Interessen ausübt», sagt SVP-Nationalrat Hans-Ueli Vogt, der mehrere Interpellationen zur «Übernahme schweizerischer Firmen durch chinesische Staatsfirmen» eingereicht hat.

60 Milliarden Dollar in Schweizer Firmen
Vogts Anfragen gewinnen laufend an Brisanz. Zuletzt erhöhte im August das undurchsichtige Konglomerat HNA Group beim Basler Duty-Free-König Dufry auf gut 20 Prozent. Kostenpunkt: 1,4 Milliarden Dollar. Gemäss dem angelsächsischen «China Global Investment Tracker» pumpten rote Unternehmer seit 2005 gegen 60 Milliarden Dollar in Schweizer Firmen (siehe Grafiken). Die Transaktionssumme ist mit Vorsicht zu geniessen. Denn «getrackt» werden nur Übernahmen, bei denen gelistete Unternehmen im Spiel sind. Die grossen, kotierten Transaktionen wie Syngenta oder Gategroup seien nur die Spitze des Eisbergs, sagt Wirtschaftsanwalt Markus Vischer von der Kanzlei Walder Wyss. «Das Interesse an Schweizer Firmen, gerade auch an mittelständischen, ist sehr gross. Chinesische Interessenten sitzen mittlerweise bei praktisch allen Bieterverfahren mit am Tisch.»

Allerdings ernten die chinesischen Avancen nicht nur Beifall. «Die Euphorie ist gewichen», sagt ein Schweizer M&A-Berater, der einige China-Deals begleitet hat. Nebst erhöhten Transaktions-, Finanzierungs- und Compliance-Risiken sieht der Consultant vor allem die staatliche Einflussnahme kritisch: Die Frage, wo der Kaufinteressent in der Partei-Nomenklatur stehe, werde für die Verkäufer zusehends zentraler. Schliesslich entfielen im letzten Jahr weltweit fast die Hälfte aller Übernahmen mit chinesischer Beteiligung auf Staatsfirmen. Und auch die privaten Unternehmer stehen, zumindest ab einem gewissen Umfang, unter der Fuchtel der Partei. Denn die Grossakquisitionen im Westen haben stets einem Masterplan zu gehorchen.

Mit Industriepolitik zur Weltführerschaft
Sebastian Heilmann ist Sinologe und Gründer des Mercator Institute for China Studies in Berlin. Für Heilmann ist klar: «China verfolgt einen industriepolitischen Fahrplan, den der Westen kennen muss.» Das staatliche Programm «Made in China 2025» sehe beispielsweise vor, in Hightech-Industrien wie Robotik, künstliche Intelligenz, Med- und Biotech sowie Luft- und Raumfahrtindustrie vorzudringen. «China will aufholen und den Westen längerfrisitig überholen, um schliesslich an die Spitze der Wertschöpfungskette zu gelangen.» Denn die bisherige Arbeitsteilung der Weltwirtschaft mit dem Reich der Mitte als Werkbank und dem Westen als Denkplatz werde zusehends als «unfair» betrachtet.

China strebe klar die Technologie-Führerschaft in Schlüsseltechnologien der Zukunft an. Die ehrgeizigen «Made in China»-Ziele liessen sich aber nur durch Zukäufe im Westen realisieren, sagt Experte Heilmann. Viele europäische Firmen, auch in der Schweiz, seien bevorzugte Übernahmeobjekte, um gezielt an technologisches Know-how zu kommen. Der Einparteien-Staat fördere deshalb aktiv gewichtige Auslandsübernahmen wie jene des Schweizer Agrokonzerns Syngenta durch Chem China. «Dabei gewähren chinesische Staats- und Förderbanken bei solch strategischen Akquisen grosszügige Finanzierungen», sagt Heilmann.

Dieses industriepolitische Powerplay stosse der EU zusehends sauer auf, weil es an der Wechselseitigkeit mangle. Mit China gebe es derzeit kein Level Playing Field. «Wir Europäer spielen in der Volksrepublik stets bergauf», sagt Heilmann und betont, dass solche Megamerger wie Syngenta umgekehrt für europäische Unternehmen in China «undenkbar» wären. Freihandel und offene Märkte müssten deshalb auf dem politischem Parkett erkämpft werden, sagt Heilmann: «Die Europäer waren bislang zu weich und zu naiv.»

Nun aber ändert sich die Tonlage. Die EUHandelskammer in Peking hat jüngst 15 Branchen benannt, in denen es für europäische Firmen keinen gleichberechtigten Zugang gebe. Ein Beispiel: Künftig verlangt die chinesische Lebensmittelkontrolle für alle ausländischen Nahrungsmittel zusätzliche Inspektionen, und zwar auch auf vermeintlich sicheren, weil haltbaren Produkten. «Es scheint, als gehe es dabei mehr um den Schutz heimischer Produzenten als um Nahrungsmittelsicherheit», kritisierte der deutsche China-Botschafter Michael Clauss die Vorschrift. Auch die Schweizer Botschaft in Peking hat ihre Bedenken schriftlich mitgeteilt.

Wenig überraschend rangiert China auf Platz 59 von 62 Ländern in einer OECD-Liste, wenn es um «Offenheit» gegenüber ausländischen Direktinvestitionen geht. Auch Schweizer Unternehmern sind die Probleme in China bestens bekannt. Doch aus Angst vor Retorsionsmassnahmen will sich niemand exponieren. «Unsere Wirtschaft braucht Reziprozität», sagt FDP-Ständerätin Karin Keller-Sutter. Der Bundesrat müsse dafür sorgen, dass der chinesische Markt aufgehe. «Oder man signalisiert, dass man restriktiver wird, wenn die Gegenseitigkeit weiterhin nicht gewährt wird», ergänzt SVP-Nationalrat Vogt.

Schärfere Kontrollen
Ein Druckmittel gegenüber Peking sind verschärfte Übernahmekontrollen. Deutschland setzt seit diesem Sommer darauf, nachdem das Land sicherheitssensitive Take-overs wie die Übernahme des Industrie-Robotikers Kuka durch die südchinesische Haushaltsfirma Midea zu verdauen hatte. Die Verschärfung sieht vor, dass Investitionen aus Nicht-EU-Ländern meldepflichtig werden, wenn es um «kritische Infrastrukturen» geht wie Software für die Stromversorgung oder Cloud-Dienste für Banken. Den Begriff «Kritische Infrastruktur» fassen die Deutschen derweil sehr breit. Man sei zwar eine offene Volkswirtschaft, aber nicht naiv, betonte der zuständige Staatssekretär in der «Süddeutschen Zeitung».

Auch in der Schweiz ist die politische Debatte über die Kontrolle staatsnaher Investoren aus dem Ausland voll entbrannt. Die Vorschläge reichen von einer Ausweitung der Lex Koller auf die heimische Wasserkraft, um ausländisches Kapital fernzuhalten, über den Schutz von Schlüsseltechnologien bis hin zu einer Positivliste, auf der strategisch wichtige Firmen wie Bankdienstleister oder Telekomkonzerne stehen sollen.

Welche Konsequenzen eine Kontrolle ausländischer Investoren hat, zeigt sich in Deutschland. Dort sei die Verschärfung des Aussenwirtschaftsgesetzes deutlich zu spüren, sagt ein Berater, der kürzlich einen China-Deal begleitet hat. «Der Take-over eines Mittelständlers durch eine chinesische Familiengesellschaft wurde intensiv begleitet. Bis zum Closing dauerte es länger.» Nebst geplanten Technologietransfers seien auch die Financiers geprüft worden. Denn zuweilen bleiben die Geldgeber aus China bis zuletzt unbekannt, wie die Übernahme des Airline-Caterers Gategroup gezeigt hat, welche die südchinesische HNA Group Ende 2016 schluckte.

Im ursprünglichen Gategroup-Angebotsprospekt waren drei HNA-Mitgründer als Eigentümer nicht aufgeführt; in einer Publikation ein Jahr später aber schon. Die Schweizerische Übernahmekomission hat HNA deshalb ultimativ aufgefordert, Klarheit über die «Anbieterstruktur» zu schaffen. Das Verfahren läuft derzeit noch. M&A-Anwalt Vischer betont, dass undurchsichtige Eignerverhältnisse in Übernahmetransaktionen oftmals ein «Deal-Breaker» seien: «Intransparenz kann dazu führen, dass M&A-Transaktionen scheitern.»

Die HNA Group hat hierzulande auch wegen waghalsiger Finanzierungen zu reden gegeben. Ihre Tochter Swissport musste im Frühsommer einen technischen Zahlungsausfall vermelden, den die Gesellschaft offenbar gar nicht bemerkt hatte. Schliesslich schoss der Mutterkonzern über 700 Millionen Euro ein, um kurz darauf Swissport erneut als Bank zu brauchen. So gewährte Gategroup im Juni einen 100-Millionen-Euro- und im August einen 400-Millionen-Euro-Kredit an «nahestehende Parteien».

Solches Finanz-Engineering sei typisch für private Investoren aus China, sagt Heilmann: «Diese haben Mühe, ihr Kapital aus der Volksrepublik zu bringen, und setzen deshalb Auslandstöchter als Sicherheiten für weitere Deals ein.»

Käufer aus China sind beliebte Eigner
Derlei Geschäfte schaffen zwar kein Vertrauen, treiben aber die Preise in Bieterverfahren. Entsprechend rühren die Big-Four-Berater die Werbetrommel und laden aktiv chinesische Interessenten auf Brautschau in die Schweiz. Denn der «chinese mystery buyer» sei bei hiesigen Verkäufern gerne gesehen, sagt ein Investment Banker: «Die Chinesen zahlen nach klassischen Bewertungsmassstäben zu viel, weil sie eben nicht die bevorzugten Käufer sind.» Auch geltet die «China-Prämie» das erhöhte Risiko ab, dass es nicht zum Closing kommt oder sich der Verkauf hinzieht.

Kommen die Chinesen jedoch zum Handkuss, dann kann das Management aufatmen. So hat Juan Wu, die an der Universität Freiburg ihre Dissertation schreibt, 18 Firmen aus dem deutschsprachigen Raum mit chinesischen Besitzern befragt. Das Fazit Wus: «Chinesische Investoren verfolgen eine Langfriststrategie und lassen dem Management viele Freiheiten.»

Gerade bei KMU würden die Geldgeber aus China zudem Investitionen tätigen, welche die Mittelständler aus eigener Kraft nicht mehr stemmen könnten. Beispiele sind Sanierungsfälle wie die Uhrenmarke Eterna oder – möglicherweise – das Schuhlabel Bally. Beiden winkt zudem der Zugang zum chinesischen Binnenmarkt als «heimische Marke».

Raus aus dem Reduit

Bankgeheimnis Jahrzehntelang hat der Schweizer Finanzplatz dank dem Bankgeheimnis gut gelebt. Die Prämie für unversteuerte Vermögen im In- und Ausland bedeuteten Sonderertrag ohne Extraeffort. Doch nach dem Dammbruch im Offshore-Geschäft heisst es auch für das Bankgeheimnis im Inland: alles oder nichts.

Die Initiative von SVP-Nationalrat Thomas Matter will das steuerliche Bankgeheimnis in der Verfassung zementieren und damit die Restanzen des alten Geschäftsmodells in der Schweiz retten. Bei einem Nein wird der Ruf nach Steuertransparenz laut, die über kurz oder lang in einem automatischen Informationsaustausch für Inländer münden dürfte. Schliesslich schlummern in den Schubladen der Bundesverwaltung fertige Vorlagen zur Verschärfung des Steuerstrafrechts beziehungsweise zu einer Reform der Verrechnungssteuer, die auch automatische Meldungen an den Fiskus beinhalten könnte.

Während in Bundesbern derzeit über die Gestalt des zukünftigen Schweizer Finanzplatzes hitzig debattiert wird, üben sich Spitzenbanker – allen voran Bankierpräsident Herbert Scheidt – in wohlfeilem Schulterzucken: Die Matter-Initiative sei eine „Angelegenheit der Politik“, so Scheidt.

Doch statt sich ins staatspolitische Rhetorik-Reduit zu flüchten, sollten die Banken dem Volk endlich erklären, weshalb die Branche die Matter-Initiative will oder mehr Steuertransparenz bevorzugt. Die Passivität der Finanzbranche führt direkt ins Verderben. Das unsägliche Rückzugsgefecht um das Ausland-Bankgeheimnis hat dies exemplarisch gezeigt. Wer nicht agiert, wird regiert.

Unheilige Kuh

Bankgeheimnis Die Matter-Initiative spaltet die Banken. Es droht der Schulterschluss mit der Linken.

Letzte Woche im Nationalrat, diese Woche im Ständerat. Das Bankgeheimnis ist das grosse Thema unter der Bundeshauskuppel. Die Finanzbranche steht vor der Schicksalsfrage: Wird das Bankgeheimnis als Bollwerk verankert? Oder kommt die heilige Kuh vielleicht bald auf die Schlachtbank? Es geht um die Initiative von Thomas Matter. Der SVP-Nationalrat will das Bankgeheimnis in die Verfassung schreiben.

Die Volksabstimmung wird zum Richtungsentscheid, der Status quo hat ausgedient: Mit einem Ja zu „Matter“ wird das Bankgeheimnis zementiert, Gesetzesreformen werden erschwert bis verunmöglicht. Bei einem Nein wird der Ruf nach mehr Steuertransparenz laut. Es gehe um alles oder nichts, sagt Matter. „Wir haben die Initiative damals ja nur lanciert, weil wir sahen, dass der Bundesrat den Status quo abschaffen wollte.“

Was für rote Köpfe in den Räten sorgt, lässt die Bankoberen offenbar kalt. Am Bankiertag vor einer Woche, dem traditionellen Jahrestreffen, war die Initiative gar kein Thema. Die Topbanker scheuen sie wie der Teufel das Weihwasser. Denn hinter der Mauer des Schweigens tut sich ein tiefer Graben auf. Er spaltet die Bankenlandschaft, geht mitten durchs Parlament und führt zu unheiligen Allianzen.

Die Privatbanken, allen voran die Genfer Banquiers, sind für die Bankgeheimnis-Initiative, wollen aber nicht offen Stellung beziehen. Der Burgfrieden soll gewahrt bleiben. „Wir verhalten uns aktiv neutral“, sagt ein Vertreter. Was das heisst, machte Privatbanken-Präsident Yves Mirabaud in der NZZ klar, als er Matters Initiative zum Plebiszit „für oder gegen den automatischen Informationsaustausch in der Schweiz“ auserkor. Ein solcher Inland-AIA ist das Schreckensszenario all jener, die am alten Geschäftsmodell hängen, das unversteuerte Gelder – auch von Schweizern – in Kauf nimmt.

Über Kreuz mit Economiesuisse
Sukkurs erhält die Initiative auch vom Gewerbeverband, dessen Präsident Hans-Ulrich Bigler im Initiativkomitee sitzt. Traditionsreiche Deutschschweizer Bankiers wie Rahn+Bodmer Co. oder Reichmuth & Co. sind Verbandsmitglieder. Die kampagnenerprobte Organisation wird sich in einem Abstimmungskampf denn auch für das Bankgeheimnis ins Zeug legen. Damit lägen Gewerbe wie Privatbankiers über Kreuz mit dem Wirtschaftsdachverband Economiesuisse und der Bankiervereinigung (SB-Vg), welche die Initiative offen ablehnen.

Auch im Nein zur Initiative finden sich Nuancen. Die Inlandsbanken, allen vor die Kantonalbanken, pochen auf Steuerehrlichkeit. Kein Wunder, denn die Kantone haben Blut geleckt. Die kleine Steueramnestie seit 2010 brachte ihnen 36 Milliarden Franken an Fiskalsubstrat ein. Entsprechend hat der von Kantonsvertretern geprägte Ständerat Initiative und Gegenvorschlag bereits abgeschmettert.

Auch die Grossbanken lehnen die Bankgeheimnis-Initiative ab. Doch sie haben andere Gründe. „Die wollen ihren operativen Aufwand gering halten und keine Rechtsrisiken mehr tragen“, sagt ein banknaher Vertreter im Parlament. Das Bankgeheimnis stört dabei nur.

AIA statt Verrechnungssteuer
Besonderes Augenmerk der Grossbanken gilt der Verrechnungssteuer. Das bisherige Modell des Steuerabzugs auf Dividenden und Zinsen ist nicht mehr „state of the art“ und führt dazu, dass Anleihen von Schweizer Unternehmen fast immer im Ausland aufgelegt werden. Will man die Verrechnungssteuer abschaffen und keine neuen Steuerschlupflöcher schaffen, braucht es eine inländische Zahlstellensteuer. Oder einen Informationsaustausch mit den Behörden.

Der Bundesrat schlug vor, dass Bankkunden zwischen Steuer und Offenlegung wählen können. Doch ein solches Wahlrecht war den Banken zu aufwendig. Die Bankiervereinigung schlug 2015 deshalb vor, die Verrechnungssteuer ganz durch eine automatische Meldung an die Steuerbehörden zu ersetzen. Der Branchenverband forderte nichts weniger als den AIA im Inland.
Matters Initiative soll solche automatischen Meldungen verhindern. Bis über die Initiative entschieden ist, liegt die Verrechnungssteuerreform deshalb auf Eis. Der Nationalrat selbst will sich aber nicht als Verhinderer einer Steuerreform sehen. Er kündigt einen Reformvorschlag an, der die Verrechnungssteuer durch eine neue Zahlstellensteuer ersetze.

Anders als heute wurde noch vor wenigen Jahren offen das Bankgeheimnis debattiert. 2012 plädierte UBS-Chef Sergio Ermotti für dessen Aufweichung: „Wir können nicht sagen: Der Standard, den wir für die ganze Welt anwenden, gilt für Schweizer nicht. Ein Doppelstandard in der Bankgeheimnisfrage? Das wäre ein Witz.“ Auch der damalige Raiffeisen-Chef Pierin Vincenz sprach Klartext: Das „Bankgeheimnis zum Schutz der Steuerhinterziehung“ sei in der Schweiz nicht zu halten.

Keine fünf Jahre später sind die Finanzmanager verstummt. Die Banken wollen sich nicht mehr exponieren, denn sie haben gemerkt, mit wem sie sich ins Bett legen. „Die Banker fürchten sich vor der Vorstellung, sie müssten in einer Arena-Sendung neben SP- Nationalrätin Susanne Leutenegger Oberholzer gegen bürgerliche Parteien und das Bankgeheimnis antreten“, sagt ein Branchenberater. Umso mehr, als dass die Parteipräsidenten Petra Gössi (FDP) und Gerhard Pfister (CVP) im Initiativkomitee sitzen.

Exemplarisch für diesen Spagat steht eine Person: SB-Vg- und Vontobel-Präsident Herbert Scheidt. Seit einem Jahr führt er den Verband an, der sich klar gegen Initiative und Gegenvorschlag geäussert hat. Doch von Scheidt selbst hört man kein klares Wort mehr. „Mit ihm hat sich die Bankiervereinigung von ihrer deutlichen Ablehnung distanziert“, sagt ein Insider. Und das hat einen einfachen Grund: Scheidt liebäugelt selber mit der Initiative, wie drei unabhängige Quellen bestätigen. Die Bank Vontobel gehöre zur Gruppe der Privatbanken, die sich innerhalb der SB-Vg für eine „positiv neutrale Haltung“ gegenüber der Initiative ausgesprochen hätten. Und diese praktiziert Scheidt nun, auch wenn er sich eigentlich gegen die Initiative einsetzen müsste.

Der Preis ist heiss

Klimawandel In den Konzernbilanzen und Portfolios der Pensionskassen schlummern ungeahnte Klimarisiken. Nun wird der Ruf nach mehr finanzieller Transparenz laut.

Bilder der Zerstörung im französischen St. Martin. Land unter in Havanna. Autos, die durch die Luft fliegen in Miami. Millionen von Haushalten ohne Strom, Dutzende von Toten: Hurrikan Irma und ihr Vorgänger Harvey haben in den letzten Tagen eine Spur der Verwüstung über die Karibik und die südlichen Staaten der USA gezogen. Voraussichtlicher Schaden: 100 Milliarden Dollar.

Die direkten Folgen der verhehrenden Unwetter lassen sich auf Punkt und Komma beziffern. Doch die langfristigen Folgen für Wachstum und Wohlstand der Welt bleiben eine Blackbox. Denn der Klimawandel ist an den Kapitalmärkten nicht angemessen eingepreist. Die unmittelbaren Unwetterschäden sind dabei nur die Spitze des Eisberges. Fehlende Preissignale für die schleichenden Folgen des Klimawandels könnten die Anleger teuer zu stehen kommen.

Das zeigen nur schon grobe Überschlagsrechnungen. Die Wertverluste werden gravierend sein – selbst wenn es gelingen sollte, die Klimaerwärmung bis 2010 unter 2 Grad Celsius zu halten, wie das im Rahmen des Pariser Klimaabkommens von 2015 stipuliert wurde. Dem moderaten Anstiegsszenario folgend, schätzt das Beratungsunternehmen Vivid Economics – mit einer Eintrittswahrscheinlichkeit von 50 Prozent – das Verlustrisiko an den Finanzmärkten auf 4,2 Billionen Dollar.

Der Betrag entspricht dem Wert sämtlicher kotierter Öl- und Gasgesellschaften oder dem BIP Japans. Bei einem Temperaturanstieg um sogar 5 Grad würde sich der Verlust auf 7,2 Billionen Dollar fast verdoppeln. Die happige Klimarechnung von Vivid Economics kalkuliert mit allen handelbaren Vermögenswerten in der Höhe von 143 Billionen Dollar.

Schweizer Pensionskassen im Klima-Check
Was an Klimarisiken in den Unternehmensbilanzen schlummert, treibt auch institutionelle Anleger in der Schweiz um: Ende Oktober treffen sich die wichtigsten Versicherer und Pensionskassen in Zürich, um einen Blick in die eigene Blackbox zu wagen. Dann nämlich stellt das Bundesamt für Umwelt (Bafu) zusammen mit der Finanz-Nichtregierungsorganisation (NGO) 2° Investing Initiative die Resultate eines Klimaverträglichkeits-Pilottests vor.

Rund achtzig Pensionskassen und Versicherer haben ihre Portfolios von der Finanz-NGO checken lassen. Sie vereinen zwei Drittel aller Schweizer Vorsorgevermögen. Geprüft wurde, wie klimafreundlich ihr Portfolio ist. Motto: Halten die Firmen, in die investiert wurde, mit ihren CO2Emissionen das 2-Grad-Ziel ein? „Das Übereinkommen von Paris verlangt, dass die Finanzflüsse künftig klimaverträglich ausgestaltet werden“, sagt Bafu-Projektleiterin Silvia Ruprecht. Beim Test gehe es darum, die Pensionskassen und Versicherer für die Thematik zu sensibilisieren und als Behörde einen anonymisierten Überblick über die Investitionen zu erhalten. Der Bund appelliert vorerst also an den guten Willen institutioneller Anleger.

Das Finanzchecking der 2° Investing Initiative hat jedoch Grenzen: Die finanziellen Risiken werden nicht quantifiziert, geprüft wird lediglich die Verträglichkeit des Portfolios mit den Pariser Klimazielen. Auch umfasst die Analyse nur kotierte Aktien und Obligationen. Staatsanleihen und Immobilien sind ausgeschlossen. Zudem konzentriert sich die Finanz-NGO einzig auf direkt klimarelevante Sektoren wie Öl, Gas, Kohle beziehungsweise energieintensive Industrien und Mobilitätsanbieter. Immerhin werden auf diese Weise 70 bis 90 Prozent der CO2-Emissionen erfasst.

Ein besonderes Augenmerk legt die Initiative auf „forward-looking data“. Also Informationen, wie ein Unternehmen sich aufstellen will, wo es Investitionen tätigen wird und auf welche Technologie es setzt. Dieser prospektive Ansatz ist zentral. Denn der Klima-Killer von heute kann das grüne Vorzeigeunternehmen von morgen sein. Die Analysten greifen dazu auf eine Industrie-Datenbank zurück, die den aktiven wie projektierten Produktionspark weltweit umfasst.

Allerdings ist die 2° Investing Initiative nur ein mögliches Modell von vielen, um die (Anpassungs-) Risiken des Klimawandels offenzulegen. So schätzt die Non-Profit-Organisation Climate Disclosure Standards Board, dass es weltweit über 400 freiwillige Standards gibt, um den Klimawandel abzubilden.

Financial Stability Board fordert mehr Transparenz
Dieser Wildwuchs des Wohlwollens, der die Klimavergleichbarkeit von Unternehmen und Industrien für Investoren verunmöglicht, wird nun international bekämpft. Und zwar auf höchster Ebene: Das Financial Stability Board (FSB) ist aktiv, dieses von den G20 ins Leben gerufene Gremium zur Stabilisierung des Finanzsystems nach dem Beinahe-Crash 2008. So sieht das FSB im Klimawandel ein systemisches Risiko, das geeignet ist, das globale Finanzsystem zum Kollabieren zu bringen.

Ziel sei es, der „tragedy of horizon“ etwas entgegenzusetzen, sagte Mark Carney, Gouverneur der Bank of England und ehemaliger FSB-Vorsitzender der Londoner Finanzgemeinde. Die katastrophalen Konsequenzen des Klimawandels würden den üblichen Horizont der meisten Akteure übersteigen, die Kosten den kommenden Generationen aufgebürdet und die aktuellen Generationen hätten keinen Anreiz, „das Problem zu lösen“, sagte Notenbanker Carney am Pariser Klimagipfel im letzten Jahr.

Das FSB versucht nun, die finanzielle Transparenz zu verbessern. Dazu wurde eine Task-Force mit Wirtschaftsvertretern ins Leben gerufen, die Regeln zur Offenlegung klimabedingter Risiken erarbeitet. An Bord sind globale Industriegiganten wie Daimler, Dow Chemical und Tata Consultancy, aber auch Finanzriesen wie JP Morgan Chase oder die Industrial and Commercial Bank of China. Vollzählig vertreten sind auch die Big Four der Prüfungsgesellschaften sowie Blackrock als Branchenprimus der Assetmanager. „Ziel war es, Vertreter der wichtigsten Industrien an Bord zu haben“, sagt Andreas Spiegel, der als Head Group Sustainability Risk für den hiesigen Rückversicherer Swiss Re in der FSB-Task-Force sass.

Im Juni nun hat die Gruppe ihre Empfehlungen publiziert und den G20 am Gipfel in Hamburg vorgelegt: Statt die Schlüsselzahlen in einen kaum beachteten Nachhaltigkeitsbericht zu vergraben, sollen die Klimabilanzen der Konzerne im Rahmen de „mainstream annual financial filings“ offengelegt werden.

Unterschieden wird zudem zwischen den physischen Risiken des Klimawandels wie jenen in Herstellung und Lieferkette, die vergleichsweise einfach zu erfassen sind, und Transitionsrisiken, die schwieriger zu quantifizieren sind. Also den Risiken, die durch den Übergang zu einer kohlenstoffarmen Wirtschaft entstehen, wenn beispielweise etablierte Technologien wie der Verbrennungsmotor durch neue Antriebe abgelöst werden. Oder wenn sich Konsumgewohnheiten rasch und nachhaltig verändern, wenn ganze Märkte wegbrechen und Unternehmen in Schieflage kommen. „Uns geht es darum, den Businesscase resilienter zu machen“, sagt Spiegel.

Dass es sich dabei vorerst nur um freiwillige Empfehlungen handelt, hält der Swiss-Re-Manager nicht für einen Nachteil. „Ich bin überzeugt, dass das der richtige Weg ist.“ Es mache keinen Sinn, zum jetzigen Zeitpunkt verbindliche Regeln einzuführen: „Wir sind ja erst daran, die entsprechenden Rechnungen zu modellieren.“ Andreas Spiegel rechnet damit, dass eine Standardisierung und damit eine verbindliche Regulierung der Risiken des Klimawandels frühestens in zehn Jahren realistisch sein wird. Ganz abgesehen davon, dass auch freiwillige Reporting-Regeln eine Wirkung entfalten würden: „Wir gehen davon aus, dass allein schon das Abseitsstehen eines Unternehmens längerfristig zu Bewertungsnachteilen am Kapitalmarkt führt.“

Ähnlich sieht es Marc-Olivier Buffle. Er leitet die Environmental Strategies bei Pictet. Die Genfer Privatbank investiert seit 2000 nachhaltig, als Pictet einen ersten Wasser-Fonds auflegte. Für Buffle ist die Datenlage zu klimarelevanten Risiken ungenügend: „Wer klimafreundlich investieren will, steht vor dem Problem, dass spezifische Investments in kleinere und mittlere Unternehmen kaum möglich sind, da viele dieser Small und Mid Caps keine Kapazitäten haben, um CO2Emissionen mit vernünftigem Aufwand zu messen.“ Selbst Grosskonzerne hätten Mühe, die Emissionen ihrer Erzeugnisse über den gesamten Lebenszyklus sauber auszuweisen. „Der Messaufwand gerade für Multinationals mit Hunderten an Produktionsfazilitäten auf der ganzen Welt ist gigantisch“, sagt Buffle.

Doch auch die institutionellen Anleger befänden sich in einer Zwickmühle: Angesichts des Tiefzinsumfelds, der ausstehenden Rentenversprechen und der mangelhaften Datenlage zu CO2Risiken falle es Pensionskassen und Versicherungen schwer, ihre Policy gänzlich auf langfristige Effekte des Klimawandels auszurichten.

Schweizer Konzerne setzen auf neuen Standard

Doch es gibt durchaus grosse institutionelle Anleger, die vorangehen: Der norwegische Pensionsfonds etwa – mit einem Vermögen von 1000 Milliarden Dollar der grösste Staatsfonds der Welt – betreibt einen Umweltfonds mit Einlagen von umgerechnet rund 6 Milliarden Dollar. Das Geld fliesst in alternative Energien und Energieeffizienz. Auch Aviva, ein amerikanischer Versicherer, hat sich zum Ziel gesetzt, in den nächsten fünf Jahren jährlich 780 Millionen Dollar in kohlenstoffarme Infrastrukturprojekte zu investieren, während die deutsche Allianz auf mittlere Sicht mit 5 Milliarden Euro in erneuerbare Energien investiert.

Einen wichtigen Schub dürften solche Investments Anfang nächsten Jahres erhalten. Dann werden die 32 Unternehmen der FSB-Task-Force erstmals ihre Klimarisiken offenlegen. Swiss Re ist derzeit an den nötigen Vorarbeiten für den „financial disclosure“. Auch die UBS sass in der FSB-Task-Force. Die Grossbank wird die Klima-Empfehlungen ebenfalls im eigenen Reporting umsetzen. Dazu hat sie zusammen mit sechs globalen Finanzhäusern eine Initiative gestartet, um das FSB-Framework abzubilden.

Zu den frühen Supportern gehört auch Glencore. Der Zuger Rohstoffhandelskonzern figuriert als einziges Schweizer Unternehmen nebst UBS und Swiss Re auf der Unterstützerliste der Task-Force. Der Agrokonzern Syngenta teilt mit, dass er die Initiative „uneingeschränkt“ unterstütze. Nach Angaben eines Sprechers sollen die Informationen verfügbar sein, sobald die Übernahme durch Chem China ganz abgeschlossen und das Unternehmen dekotiert ist. Pharmariese Novartis schreibt, dass es die Bemühungen der Task-Force in der Konsultationsphase unterstützt habe: „Unsere Einschätzung ist, dass die klimarelevante Offenlegung ein legtimes Instrument ist.“ Die Empfehlungen würden zurzeit geprüft.

Noch setzen die meisten Regierungen, wie auch die Schweiz auf freiwillige Klima-Efforts aus Industrie- und Finanzbranche. Allerdings zeichnet sich bereits ab, dass der Klimawandel zum Thema für die Regulatoren wird. In Frankreich beispielsweise sind die institutionellen Anleger bereits heute per Gesetz dazu verpflichtet, ihre Klimarisiken offenzulegen.

Der passive Riese erwacht

Larry Fink hat es nicht erfunden. Aber der Blackrock-Mitgründer und Chef des weltgrössten Assetmanagers hat es perfektioniert, das passive Investieren. Die Idee ist so simpel wie genial: Statt hochbezahlte Fondsmanager auf die Jagd nach Renditeperlen zu schicken, um hernach trotzdem keine Überperformance einzufahren, bilden passive Anlagen den jeweiligen (Börsen-)Index ab. Mit solch passiven Vehikeln „schlägt“ man zwar nicht den Markt, aber wenigstens fressen einem die relativ tiefen Gebühren passiver Investments die möglicherweise magere Kapitalmarkt-Performance nicht vollends auf.

Auch grosse institutionelle Anleger wie Pensionskassen und Lebensversicherer haben die Vorzüge indexbasierter Investments entdeckt. Ihre Vorsorgegelder, also unser Vermögen, befeuerten Blackrock über die letzten Jahre, machten das Unternehmen zum Assetmanager-Primus mit einem verwalteten Vermögen von mehr als 5,5 Billionen Dollar.

Der Verwaltungsrat wird auf Herz und Nieren geprüft

Die Sache mit dem passiven Investieren hat allerdings einen Haken. Bis vor wenigen Jahren verstand sich Blackrock – wie übrigens seine Branchen-Peers Vanguard, State Street & Co. ebenfalls – nicht nur als passiv im Anlageprozess, sondern auch in der Ausübung seiner treuhänderisch verwalteten Stimmrechte an den Generalversammlungen. Mit der Folge, dass sich Konzernlenker so sicher sein konnten, wiedergewählt zu werden, wie Kim Jong-un am Parteikongress in Pjöngjang.

Das ist zum Glück vorbei. Blackrock, der passive Riese, ist erwacht und übt sich auch hierzulande in Aktionärsdemokratie: Statt der Teppichetage Jahr für Jahr den Blankocheck auszustellen, wird der Verwaltungsrat nun auf Herz und Nieren geprüft: Passt die Mischung der Mitglieder in puncto Alter, Erfahrung und Geschlecht? Ergänzen sich die Talente und Fähigkeiten der einzelnen Mitglieder? Stimmt Governance und Nachfolgeregelung im Konzern? Diese nüchterne, kriterienbasierte Einschätzung ist richtig und wichtig. Und führt dazu, dass sich Blackrock nicht scheut, auch bekannten Schweizer Wirtschaftsgrössen – von den Hayeks bis zum Lift-Patron Alfred Schindler – an der Generalversammlung die rote Karte zu zeigen.

Gerade im Bereich der Managersaläre zeigt sich das Geldhaus aus den USA unerbittlich und stimmt ziemlich konsequent gegen den Vergütungsbericht und die Mitglieder des Kompensations-Komitees im Verwaltungsrat. Dabei bemängelt Blackrock insbesondere die fehlende Transparenz jener Kriterien, an denen der längerfristige Bonus-Segen der Manager hängt.

Blackrock muss sein Stimmverhalten noch genauer begründen
Doch wer bei den Konzernen schonungslos Transparenz einfordert, der sollte sich selbst daran messen lassen. Dass Blackrock informiert abstimmt, ist löblich. Doch deren Investoren haben ein Recht, zu erfahren, worauf dieses Votum auf Stufe Einzelunternehmen basiert. Da reicht es nicht, „im Interesse der Investoren“ abzustimmen. Dafür ist Blackrock schlicht ein zu wichtiger Player.