Der Squeeze-out-Plan bei Alpiq

Stromkonzern Financier Martin Ebner fordert mehr Geld für die Publikumsaktionäre der Alpiq. Doch der zwangsweise Ausschluss der Minderheitseigner ist schon ausgeheckt.

Hoch über dem Zürichsee thront Martin Ebners BZ Bank. Doch der Financier und seine Fondskunden mussten in den vergangenen Jahren untendurch. Ihre Aktienwette auf Alpiq entpuppte sich als Verlustgeschäft. Im Berichtsjahr 2010 bestand der BZ Infra Fund zu über einem Viertel aus Papieren des Lausanner Stromkonzerns. Damaliger Jahresendkurs: 360 Franken. Heute wird das Papier für gut einen Fünftel des Werts gehandelt.

Zu wenig für einen Erfolgsinvestor wie Ebner. Sein 3-Prozent-Paket an Alpiq, das er seit 2015 besass, hat der Financier bereits im letzten Frühjahr abgebaut und so die privaten Verluste begrenzt. Aber Ebner kämpft weiter für seine Kunden und Investoren. In der «Sonntagszeitung» liess er verlauten: «Ein Kurs von 140 Franken wäre eigentlich dem Wert entsprechend und damit auch eine Entschädigung der Aktionäre in derselben Höhe angemessen.»

Über den Tisch gezogen

Ebners Preisforderung ist dem Exit der EDF geschuldet. Der französische Stromriese hat jüngst für 70 Franken pro Aktie seinen Alpiq-Anteil verkauft. Ein Preis, der für Minderheitsvertreter Ebner nicht infrage kommt: «Wenn es tatsächlich so ist, dass man den Publikumsaktionären nur 70 Franken zahlen will, dann werden die über den Tisch gezogen.» Was Ebner moniert, genügte dem französischen Ankeraktionär: Die EDF veräusserte ihren 25-Prozent-Anteil für 500 Millionen Franken an den Infrastrukturfonds der Credit Suisse, der mit Schweizer Pensionskassengeldern geäufnet ist. Der CS-Fonds kontrolliert nun zusammen mit einer West- und einer Deutschschweizer Konsortialgruppe den Stromkonzern zu 88 Prozent. Die restlichen 12 Prozent werden frei gehandelt. Doch mit der neuen Eigentümerstruktur soll Alpiq auch von der Börse genommen werden.

Die Dekotierungspläne dürften Ebner und Co. gar nicht goutieren. Denn der Stromkonzern hat in seinen Statuten ein Opting-out stipuliert. Die Mehrheitseigner sind demnach nicht zu einem öffentlichen Kaufangebot verpflichtet. Es gilt auch keine Mindestpreisregel. Mit anderen Worten: Die neuen Herrscher über den Hydrokonzern könnten Alpiq von der Börse nehmen und so weitermachen wie bisher. Die Publikumsaktionäre hätten fortan illiquide, nichtkotierte Titel im Portfolio. Oder aber die neuen Eigner werden ihre Publikumsaktionäre über einen Squeeze-out ganz los. Und das ist genau der Plan, wie die «Handelszeitung» erfahren hat.

Das Drehbuch zu einem solchen zwangsweisen Ausschluss steht. Die Schlüsselrolle kommt dabei einer Hybridanleihe über 367 Millionen Franken zu, welche die Deutsch- und Westschweizer Ankeraktionäre der Alpiq 2013 zeichneten, nachdem eine Kapitalerhöhung am Widerstand der EDF gescheitert war.

Hybridanleihe der Alpiq mit Schlüsselrolle

Nun soll jene Hybridanleihe an die Ankeraktionäre nicht bar zurückbezahlt werden, sondern in Form neuer Aktien. Der dazu nötige Entscheid des Alpiq-Verwaltungsrats gilt als Formsache. Indem die Mehrheitseigner frische Alpiq-Titel erhalten, erhöht sich deren Anteil am Stromkonzern entsprechend. Nimmt man den Verkaufspreis von 70 Franken pro Aktie als Massstab, kämen die Konsortialaktionäre – bestehend aus der Westschweizer EOS, dem CS-Anlagefonds und der Deutschschweizer Gruppe um Primeo Energie – nach Wandlung der Hybridanleihe auf einen Anteil von 89,8 Prozent.

Das ist knapp unter der magischen Schwelle von 90 Prozent. Denn ab diesem Anteilswert ist ein fusionsrechtlicher Squeeze-out möglich. Die Konsortialaktionäre könnten dann die verbleibenden Minderheitseigner zwangsweise aus der Gesellschaft ausschliessen. Den Publikumsaktionären bliebe eine Barabfindung, wahrscheinlich in der Höhe des von der EDF erzielten Verkaufspreises von 70 Franken. Dominik Bollier, Managing Partner beim CS-Infrastrukturfonds, betont: «Wir wollen die Publikumsaktionäre fair behandeln.» Was nichts anderes bedeutet als gleich wie die EDF. Einen Aufschlag wird es nicht geben.

Kriegskasse der Pensionskassen

Nun sind 89,8 Prozent keine 90 Prozent. Aber die Wahrscheinlichkeit, dass die Konsortialaktionäre die Squeeze-out-Schwelle erreichen, ist hoch. Denn im Streuaktionariat befinden sich zahlreiche ausländische Assetmanager wie Vanguard, Odey oder Charles Schwab. Solche Institutionellen dürfen gemäss ihren Anlagekriterien häufig keine nichtkotierten Titel halten. Geht Alpiq von der Börse, müssen sie verkaufen. Und das spielt den Konsortialaktionären in die Hände. Noch diskutieren EOS, Primeo und der CS-Energie-Fonds, wer den Squeeze-out letztlich finanziert. Der Wert des Free Float entspricht beim aktuellen Kurs etwa 240 Millionen Franken. Der CS- Fonds könnte den Betrag locker aus Finanzzusagen seiner 135 Pensionskassen stemmen. Nach dem Kauf des EDF-Pakets sind noch 250 Millionen Franken in der Kriegskasse übrig.

Alpiq vs. Bouygues – Feilschen à la française

Alpiq Der Stromriese streitet mit Bouygues um den Preis einer Tochterfirma. Die Franzosen haben schlechte Karten.

Ende März letzten Jahres schien Jasmin Staiblin am Ziel: «Wir haben es gepackt!», sagte die damalige Alpiq-Chefin in der «Bilanz». Staiblins «Befreiungsschlag aus der Krise» bedeutete, dass der Stromkonzern sein Engineering-Geschäft – bestehend aus der Schweizer Intec und der deutschen Kraftanlagen Gruppe – verkauft und sich so ein Liquiditätspolster schafft, um mit defizitärem Kraftwerkspark die Strompreis-Baisse aussitzen zu können. Dazu sollten gut 7500 Alpiq-Mitarbeitende für 850 Millionen Franken zum französischen Baukonglomerat Bouygues wechseln.

Alpiq fordert gut 13 Millionen Franken mehr

Jetzt, kein Jahr später, erscheint dieser Mega-Deal der «Turnaround-Managerin» Staiblin in einem anderen Licht: Käuferin Bouygues fordert nämlich vor einem Schiedsgericht in Genf einen Preisnachlass von 205 Millionen Franken. Dies entspricht einem Viertel des Kaufpreises. Gemäss mehreren Quellen führt Bouygues einen Strauss von Gründen für den happigen Preisabschlag ins Feld. Die Engineering-Sparte soll die in der Due Diligence projizierten Geschäftsziele verfehlt haben, wodurch die Franzosen die Assets neu bewertet sehen. Nicht zuletzt, weil Bouygues auch Probleme bei Grossprojekten ausmacht. Namentlich bei der deutschen Kraftanlagen Gruppe.

Im Gegenzug fordert Alpiq gut 13 Millionen Franken. Ein Aufschlag, der auf den Zahlen der Schlussbilanz basiert. Sie wurde von Bouygues-Mitarbeitern im Oktober, also drei Monate nach dem Closing, erstellt. Konzernchefin Staiblin muss dieses juristische Tauziehen nicht mehr kümmern. Sie hat Alpiq auf Ende Jahr verlassen, da ihr eine substanzielle Lohnreduktion drohte. Derzeit ist Staiblin für Managementaufgaben bei Firmen in Deutschland im Gespräch.

Bouygues hat viel Goodwill auf der Bilanz

«Wir hätten Alpiq ES nicht gekauft, wenn wir nicht an die Zukunft des Geschäfts glaubten», sagt Multimilliardär und Patron Martin Bouygues jüngst gegenüber Analysten. Überdies will Bouygues sich zum Schiedsgerichtsverfahren nicht äussern. Fest steht, dass sich der Pariser Konzern mit dem Alpiq-Deal viel Goodwill aufgeladen hat. Eine halbe Milliarde bei der Construction-Tochter und 80 Millionen Franken beim Tiefbauer Colas.

Goodwill, der sich als werthaltig erweisen muss. Ein schwieriges Unterfangen, denn die Franzosen haben jene Businesspläne, die ihnen Alpiq in der Due Diligence vorlegte, für bare Münze genommen und sehen sich nun mit schlechteren Resultaten konfrontiert. Kein Wunder, denn die Businesspläne basierten auf Prognosen von Mitte 2017, und zwar aus der heiteren Sicht der Verkäuferin Alpiq. In Paris schlug man also den Rechtsgrundsatz «Caveat emptor», wonach der Käufer das Rechtsrisiko trägt, einfach in den Wind.

Zwar gibt es im Vertrag einen Preisanpassungsmechanismus. Aber als Stichtag für den «finalen Anpassungsbetrag» gilt das Closing Ende Juli 2018. Der Betrag wird beeinflusst von harten Faktoren wie Liquiditätsstand der verkauften Gesellschaften, buchhalterischen Einflüssen, Abschluss- und Prüfprozessen sowie der Bewertung von Pensionskassenverpflichtungen und Projekten. Und da gilt vor allem die deutsche Kraftanlagen Gruppe als Sorgenkind. Die Alpiq-Tochter schrieb gemäss Dokumenten 2016 einen Verlust von knapp 40 Millionen Euro bei einem Eigenkapital von 45 Millionen Euro. Beispielsweise soll es auf Grossprojekten wie einem 290-Millionen-Euro-Gasheizkraftwerk in Kiel zu massiven Verzögerungen gekommen sein. Die lokale Presse schrieb gar von einem «Baustellen-Chaos». Die Kraftanlagen Gruppe amtet in Norddeutschland als Generalunternehmerin.

Bieterrunde für Alpiq ES im Advent

Der jetzige Rechtsstreit hat indes eine lange Vorgeschichte. Das Alpiq-Führungsduo Konzernchefin Staiblin und Finanzchef Thomas Bucher setzte bis im Frühherbst 2017 alle Hoffnung auf die Wasserkraft. Ein Verkauf eines Minderheitsanteils von 49 Prozent am Hydropark hätte dem Stromkonzern die Schuldenlast erleichtern sollen. Doch bei Staiblin und Co. reifte die Einsicht, dass kein Interessent bereit war, die regulatorischen Risiken der Wasserkraft als Juniorpartner zu tragen. Zumindest nicht zu einem Preis, der keine weiteren Abschreiber verursacht hätte.

Und so setzte das Alpiq-Management zum Wendemanöver an: Statt dem Wasserschloss sollte nun das Engineering verkauft werden. Ein transformativer Deal, der aus einem internationalen Energiekonzern ein börsenkotiertes Elektrizitäts-KMU machen sollte. Assistiert von Goldman Sachs lancierte Alpiq – rund drei Monate nach dem Hydro-Stopp – vor Weihnachten 2017 eine erste Bieterrunde. In einem geschützten Dokumentenraum gab Alpiq Kaufinteressenten Zugriff auf 100 000 hochvertrauliche Geschäftsdokumente, darunter auch auf die Businesspläne. Bouygues prüfte gemäss einem Insider die Bücher der Alpiq ES allerdings nicht selbst, sondern setzte einen externen Dienstleister dafür ein.

Bouygues präsentiert Alpiq die Rechnung

Schliesslich befanden sich in der Endausmarchung noch zwei französische Industriegiganten: Bouygues und Engie, die ehemalige GDF Suez. Erstere bot mehr und erhielt schliesslich den Zuschlag. 850 Millionen Franken, davon 800 Millionen in bar. Ein stolzer Preis, den Alpiq-Chefin Staiblin Ende März ankündigen konnte: «Mit Bouygues Construction als neuer Eigentümerin von Intec und Kraftanlagen Gruppe wurde eine Winwin-Situation geschaffen.»

Doch bald schon rumorte es zwischen Paris und Lausanne: Während Alpiq im Closing den rechtlichen Abschluss der Transaktion sah, war dies für Bouygues der Auftakt zu den eigentlichen Preisverhandlungen. Die Franzosen brachen mit der bisherigen Rechnungslegungspraxis und operierten mit Worst-Case-Szenarien und happigen Rückstellungen. Kurz vor Jahresende präsentierten die Pariser dann Alpiq ihre Version des Kaufpreises. Affaire à suivre.

Jens Alder – Strategiespagat im Doppelmandat

Jens Alder Der Alpiq-Präsident gibt den Chef. Denn der Stromkonzern steht vor einer Zerreissprobe. Alder muss den Exit des zweitgrössten Aktionärs meistern.

Für einmal hatten Alpiq und Axpo dieselbe Idee. Zeitgleich klopften die zwei Stromkonzerne einst bei Jens Alder an, um anzufragen, ob er am Job des Verwaltungsratspräsidenten interessiert sei. Alder verhandelte mit beiden und entschied sich dann für den Alpiq-Posten. Das war vor gut drei Jahren.

Bald ist Alder nicht mehr nur Präsident, sondern auch operativer Chef des Stromkonzerns. «Meine neue Doppelrolle ist das Beste für die Alpiq», liess der 61-jährige Manager die «NZZ am Sonntag» wissen, nachdem die bisherige CEO Jasmin Staiblin ihren Abgang angekündigt hatte.

Alders Statement lässt aufhorchen: Spätestens seit der Ära von Daniel Vasella bei Novartis sind Doppelmandate in der Schweiz verpönt und werden höchstens noch vorübergehend toleriert. Umso überraschender ist deshalb, dass Alder beabsichtigt, die Alpiq auf längere Zeit im Doppelmandat zu leiten.

Aus purer Not

Nun zeigen Recherchen der «Handelszeitung», warum das so ist. Alders Allmacht ist nämlich aus der puren Not geboren. Aus jener, gar keinen Chef einsetzen zu können. Die Alpiq steht vor einer strategischen Zerreissprobe. Nicht ein CEO kann sie meistern, sondern nur der Verwaltungsrat: 2020 läuft der Aktionärsbindungsvertrag aus, der seit der Gründung im Jahr 2009 mehr als 80 Prozent des Aktienkapitals aneinanderkettet (siehe Grafik).

Schon jetzt ist klar, dass es zu grossen Bewegungen im Aktionariat kommen wird. Denn die französische Électricité de France (EDF) hat den Austritt gegeben. EDF hält einen Viertel der Aktien, die sie einst für rund 1 Milliarde Franken erworben hat. Dass die Franzosen diese abstossen wollen, ist aktenkundig. Im letzten Halbjahresbericht hat die Alpiq die Kündigung kommuniziert. «Wie die Alpiq in zwei Jahren aussieht, weiss heute niemand», sagt ein Involvierter. Es sei deshalb müssig, nun einen neuen CEO zu rekrutieren. Vielmehr müsse Doppelmandant-Alder rasch die Eignerfrage beantworten. Sprich: Das 25-Prozent-Paket der Franzosen rückabwickeln. Offiziell gibt sich ein Alpiq-Sprecher gelassen: Die Kündigung habe keine Auswirkungen auf die heutige Aktionärsstruktur.

Das eleganteste Szenario wäre wohl, die EDF-Anteile an einem neuen Ankeraktionär zu verkaufen. Beim aktuellen Börsenkurs kosten die Aktien eine halbe Milliarde Euro, was den Franzosen einen Verlust von rund 200 Millionen auf ihren Einstandspreis bescheren würde. Doch der Marktpreis ist für die EDF kein relevanter Massstab, wie sie im jüngsten Geschäftsbericht festhält: «Der Konzern ist der Ansicht, dass dieser Marktwert insbesondere aufgrund des geringen Streubesitzes nicht repräsentativ für den Unternehmenswert ist.» Sprich: Die Franzosen wollen deutlich mehr.

Die Hypothek der Atomenergie

In Alpiq-Kreisen wird bezweifelt, dass solche Preise für das EDF-Paket bezahlt würden. «Mit Atommeilern und fossilen Kraftwerken im Portfolio ist man auf dem Kapitalmarkt praktisch unvermittelbar geworden», sagt ein Kenner der Materie. Ein anderer spricht von der «Hypothek» Atomenergie. Keiner weiss, was die grossen Kraftwerksbeteiligungen wert sind. Und wie hoch die Kosten sind, welche die Entsorgung dereinst noch verursachen wird. Die politischen Rahmenbedingungen des Atom-Rückbaus sind in der Schweiz schliesslich noch lange nicht geklärt.

Und so kursiert ein zweites Szenario, das wahrscheinlicher ist: Die EDF könnte mit Alpiq-eigenen Anlagen ausgekauft werden. Bereits heute betreibt der Schweizer Stromkonzern im Joint Venture mit den Franzosen mehrere Kraftwerke in den Walliser Alpen. Bezugsrechte am Kraftwerk Emosson brachte die EDF einst als Realwert in die Alpiq mit ein. Liesse sich die Alpiq mit solchen Anteilen auskaufen? Oder mit Beteiligungen an fossilen Kraftwerken, welche die Alpiq noch immer im Ausland hält?

Nur ein Haken

Für den Schweizer Konzern und seine Aktionäre wäre das die einfachste und günstigste Variante. Unter Umständen würden daraus gar Buchgewinne resultieren. Die Sache hat nur einen Haken, wie ein Insider festhält: «Die EDF hätte am liebsten Cash.»

Es bleiben die bestehenden Aktionäre als Investoren: Sind sie bereit – und fähig –, das Geld auf den Tisch zu legen, das es brauchte, um der EDF die Aktien abzukaufen? In der Vergangenheit waren die Altaktionäre jeweils nur gegen Widerstand und mit Misstönen bereit, frisches Kapital zu zeichnen.

Zwar sitzen einzelne industrielle Alpiq-Eigner auf Reserven aus den guten Strommonopol-Zeiten. Doch andere haben den Notgroschen in den Krisenjahren verbraucht. Zudem sind die Aktionäre unterschiedlich organisiert: Genossenschaftliche Regionalversorger im Baselbiet, Kantone und parastaatliche Stromkonzerne wie die Westschweizer EOS-Holding machen einen Interessenkonsens schwierig.

Vor allem der EOS werden in Investorenkreisen Gelüste am EDF-Stake nachgesagt. Könnte Präsident Guy Mustaki den Moment nutzen, um die auf der Sprachgrenze geschaffene Alpiq vollends unter welsche Kontrolle zu bringen? Rückblickend waren die EOS-Aktionäre die Gewinner der Alpiq-Gründung. Anders als die Deutschschweizer, die mit Alpiq-Aktien abgegolten wurden, liess sich die EOS ihre eingebrachten Kraftwerke grossteils in bar abgelten. Just bevor die Strompreise kollabierten.

Grundsätzliche Sinnfrage

Alder hat bis Vertragsende maximal 18 Monate Zeit, um eine Lösung für den einen Viertel der Alpiq zu finden. Und gleichzeitig die grundsätzliche Sinnfrage zu klären: Vor zehn Jahren ambitioniert als künftige Nummer drei auf dem europäischen Strommarkt lanciert, ist die Alpiq heute nur noch ein Schatten ihrer selbst. Von den zwischenzeitlich mehr als 10 000 Mitarbeitenden sind etwa 1500 übrig geblieben.

Intern macht bereits das Wort vom «Partnerwerk» die Runde. Wie ein gemeinsames Kraftwerk soll die Alpiq ihre Aktionäre vor allem zu Gestehungskosten mit Strom versorgen. Ohne Konzern-Overhead und Geschäftsleitung mit Millionensalär. Das ergebe unternehmerisch keinen Sinn, sagt dagegen ein Alpiq-Sprecher, und betont: «Es widerspricht der vom VR erst vor kurzem bestätigten Strategie.»

Doch genau diese Strategie steht mit dem Aktionärswechsel zur Disposition. Möglicherweise schreibt Alder alleine fort, was Staiblin begonnen hat: den Rückbau des Stromkonzerns Alpiq. Oder wie es ein Aktionär formuliert: «Fürs Abwracken ist Alder der Richtige. Mit Doppelmandat.»

Alpiqs Austernzüchter

Bastian Gerhard Der Ex-Zalando-Mann züchtet für den Stromkonzern im Oyster Lab neue Geschäftsperlen.

Vom E-Commerce-Olymp in die Untiefen der eidgenössischen Stromwirtschaft. Bastian Gerhard sucht stets die «grössten Challenges», egal ob in Tokio, Berlin oder Zürich. Zuletzt war der Wirtschaftsinformatiker Innovationschef beim deutschen Digital-Fashion-Giganten Zalando. «Als ich dort 2013 anfing, waren wir wenige hundert Mitarbeiter. Heute sind es mehr als 13 000», sagt Bastian Gerhard, dem Zalando mit der Zeit «zu konzernig» wurde.

Nun züchtet der Digital Native, der mehrere Jahre in Japan gearbeitet hat, für Alpiq neue Geschäftsperlen. Als ein Headhunter mit dem Schweizer Strom-Search anklopft, zündet bei Konzernmanager Gerhard wieder der Startup-Funke: «Wir geniessen Narrenfreiheit und haben die nötigen finanziellen Ressourcen. Was kann einem Besseres passieren.»

Schliesslich leistet sich der angeschlagene Schweizer Stromkonzern seit wenigen Monaten einen Cleantech-Brutkasten namens Oyster Lab auf dem Hürlimann-Areal in Zürich, einen Steinwurf von Google Schweiz entfernt. In den Büros, wo bis vor kurzem Jan Schoch und Leonteq ihre Finanz-Strukis zimmerten, herrscht nun elektrisierende Startup-Atmosphäre: Zwischen Fixie Bikes, bunten Zettelwänden und mit Codes übersäten Grossbildschirmen arbeiten Oyster-Lab-Chef Gerhard und sein bald 15-köpfiges Team daran, aus der Welt einen «greener place» zu machen.

Durchfinanzierter Brutkasten

So lautet zumindest das Mission Statement des Alpiq-Inkubators. Der ist direkt beim Digital & Commerce-Chef von Alpiq, Markus Brokhof, angehängt. Brokhof finanziert den Brutkasten auch komplett aus seinen Handelserträgen, hält sich ansonsten aber möglichst raus. Die Oyster-Leute seien frei zu machen, was sie wollen, sagt das GL-Mitglied des Stromkonzerns. «Wir wollten das Lab möglichst fernhalten von den Konzernstrukturen bei Alpiq, wo alles im Detail geprüft wird. Ausserdem haben wir Leute ausgesucht, die ganz bewusst nicht aus der Stromwirtschaft kommen.» Elektro-Know-how habe man schliesslich genug im Konzern.

Was der ehemaligen Monopolbranche mit ihrer starren Infrastrukturdenke fehlt, sind schlanke und schnelle Entwicklungsprozesse aus dem Tech-Umfeld. «Build, measure, learn, repeat», lautet Gerhards agiles Mantra. Von der ersten Idee bis zum fertigen Produkt sollen denn auch nicht mehr als sechs Monate verstreichen. In jedem Quartal will das Oyster Lab ein neues Geschäftsmodell entwickeln. «Mit unseren Methoden können wir eine Auster knacken», ist der Ex-Zalando-Mann überzeugt. Ob eine Perlmuttkugel darin stecke, sei allerdings schwierig vorherzusagen. Dazu gehöre auch eine Portion Glück.

Was Gerhard und seiner Truppe bei ihrer Austernzucht hilft, sind zwei eiserne Regeln. Regel eins: Was nicht gemessen werden kann, existiert nicht. Regel zwei: Versetze dich stets in die Lage des Kunden. Diese Bottom-up-Kundenempirie exerziert das interdisziplinäre Oyster-Team an ihrem ersten Projekt rigoros durch. Statt eine Technologie zu entwickeln und diese hernach mit viel Marketing-Brimborium kommerzialisieren zu wollen, setzt das Team im Alpiq-Inkubator auf die knochenharte Grassroots-Methode.

«Wir sind in Süddeutschland von Haus zu Haus gezogen und haben bestimmt mit fünfzig Familien Kaffee getrunken und intensiv diskutiert», erklärt der Lab-Chef. Im Fokus: Einfamilienhausbesitzer mit eigener Photovoltaikanlage auf dem Dach. Die Ausgangsfrage: Wie lässt sich der Eigenverbauch ihrer Anlage erhöhen?

Rasch kristalisiert sich im Gespräch mit den Häusle-Besitzern für Gerhards Mannschaft ein «grosser Verbraucher» heraus, der «emotional und sexy» zugleich ist: ein Elektroauto für die schwäbische Mittelstandsfamilie. Allerdings klagen die Schwaben, dass ein eigenes elektrisches Gefährt teuer sei und kaum erprobt. Das Oyster Lab hat sodann seine erste Auster zu knacken: Wie lässt sich Elektromobilität für halbwegs ökobewusste Familien alltagstauglich und bezahlbar machen?

Spotify für Elektromobilität von Alpiq

Der Ansatz der Alpiq-Tochter ist so einfach wie bestechend: Ein Abomodell für E-Mobilität. Als Vorbild dienen Netflix, Uber, Spotify und Konsorten mit ihren monatlich abgerechneten Digital-Flat-Services. Wer also bei Oyster ein Elektroabo abschliesst, bekommt ein umfassendes Mobilitätspaket frei Haus: «Wir liefern das E-Mobil, die Ladestation, eine Tankkarte für die öffentliche Ladeinfrastruktur sowie eine Strom-Flatrate für 12 bis 15 000 Kilometer pro Jahr», sagt Gerhard.

Das E-Auto-Abo ist bereits prototypisch gebaut und wird nun im Feldtest geprüft. Man stehe in täglichem Kontakt mit mehreren Familien in Süddeutschland, welche das Mobilitätspaket erhalten haben. «Basierend auf ihrem Feedback optimieren wir unser Produkt kontinuierlich», erklärt der Tech-Manager, der höchstpersönlich alle möglichen E-Autos getestet und dabei auch die derzeitigen Limiten kennengelernt hat: Sechs Zapfsäulen habe er in Zürich angefahren, und sechs davon waren private Garagen.

Bereits im ersten Quartal nächsten Jahres soll das Elektroabo auf den Markt kommen. Wiederum in einem limitierten Roll-out mit einer eigenen Website für 50 bis 100 zahlende Kunden, die von Alpiq ein Onboarding erhalten. So tastet sich das Oyster Lab langsam mit stetem Kunden-Feedback ans Optimum heran.

Ob und wie aus dem Elektroabo ein lukratives Geschäft für den Stromkonzern werden soll, steht in den Sternen. Der Oyster-Mann spricht von einem «Mittel zum Zweck», um den Mobilitätsmarkt zu explorieren. Potenzielle künftige Ertragsquellen könnten der Stromabverkauf sein, aber auch das Management von Energieflexibität. Fest steht, die gebeutelte Alpiq will sich aus der Grosshandelsfessel befreien und den Privatverbraucher ins Visier nehmen. Für Gerhard gilt die Maxime: «Wir wollen den Zugang zum Haus, zum Endkunden, beyond the meter.»

Kurzschluss im Zigerschlitz

Axpo Es ist ein Milliardengrab mit Ansage, das die Axpo mit dem Pumpspeicherwerk Limmern in die Glarner Alpen betonierte. Der jüngste Abschreiber über 540 Millionen Franken löst da nur noch Schulterzucken aus. Zugleich ist Limmern ein Mahnmal für selbstgefällige Manager und ahnungslose Politiker. Vor über zehn Jahren wanderte der damalige Axpo-Chef und heutige Economiesuisse-Präsident Heinz Karrer zur Muttseehütte und beschwor die „Stromlücke“. Ein Ersatz-AKW und ein Pumpspeicher sollten die „Engpässe 2020 in der Stromversorgung“ beheben. Doch Karrer produzierte im Zigerschlitz einen argumentativen Kurzschluss: Weder kann es in einem funktionierenden Markt eine Lücke geben, noch kann ein Pumpspeicherwerk die Versorgung länger als ein paar Minuten sichern. Vielmehr wollten die Nordostschweizer Stromer ihre an der Nachfrage vorbeiproduzierenden AKW mit den Glarner Turbinen vergolden. Billiger Bandstrom sollte zu teurem Spitzenstrom werden. Der Pumpspeicher war für Arbitrage-Gewinne im unvollkommenen Strommarkt gedacht. Doch die Axpo-Männer wurden jäh aus ihren Grosskraftwerks-Phantasien gerissen: Im liberalisierten EU-Strommarkt schmilzt die Differenz zwischen Spitzen- und Bandstrom dahin. Gleichzeitig steuern intelligente Netze zusehends die Nachfrage. Das sind schlechte Aussichten für das „Jahrhundertwerk“ der Axpo.

Magere Dienstleister

Stromkonzerne Was haben ein petrochemischer Generalunternehmer in den Karpaten, ein Bahntechniker nahe Mailand und ein Ingenieurbüro in der Steiermark gemeinsam? Es sind alles Unternehmen, die kürzlich von parastaatlichen Schweizer Stromkonzernen geschluckt worden sind. Die teilweise aggressiven Akquisitionen im In- und Ausland eint ein gemeinsamer strategischer Nenner: Weg von der Stromproduktion mit Kraftwerkspark hin zu Asset light mit einem bunten Strauss an Energiedienstleistern – etwa bei der Gebäudetechnik, der Photovoltaik oder bei Speicherlösungen.

Ein erstaunliches Wendemanöver im Puschlav

Die Energy Services sind das neue Mantra in den Teppichetagen von Alpiq & Co. Die frohe Kunde von der anbrechenden Dienstleistungsära ist selbst bis ins Puschlav gedrungen. Repower, welche bis vor kurzem noch auf dreckige Kohle in Italien und Gaskombis in Deutschland setzte, legte im Winter ein überraschendes Wendemanöver hin. Die Bündner machen nun voll auf New Tech und wollen sich als Energie-Dienstleisterin neu positionieren, um so die Abhängigkeit vom absoluten Strompreis schrittweise zu verringern

Doch in der Elektrowirtschaft ist es wie im richtigen Leben: Wenn die Party vorbei ist und alle gleichzeitig zum (Not-)Ausgang rennen, dann wird es brandgefährlich. Marktbeobachter mahnen schon seit einer Weile, dass bei den Energy Services die Bäume nicht in den Himmel wachsen. Denn auf die Strömler hat in ihren neuen Betätigungsfeldern niemand gewartet. Während die klassische, kapitalintensive Stromproduktion über Jahrzehnte eine geschützte Werkstatt war, herrscht bei den Energiedienstleistern ein scharfer Wettbewerb. Die Branche ist fragmentiert, die Eintrittshürden sind vergleichsweise tief. Die jüngsten Zahlen der Stromkonzerne unterstreichen diesen Befund. Bei Alpiq erzielte ein Energiedienstleister pro Kopf im letzten Jahr magere 10 000 Franken Betriebsgewinn. Nicht besser sieht es bei BKW aus. Sie erzielte mit Dienstleistungen eine Betriebsmarge von schlappen 4 Prozent. Zum Vergleich: Die Rendite in der Energie und den Netzen war viermal höher.

Profi-Investor Martin Ebner prophezeit Überkapazitäten

Dass Alpiq-Aktionär und Profi-Investor Martin Ebner nun den Mahnfinger hebt, sollte den Kantonseignern deshalb zu denken geben. Dienstleistung wird weniger Wert haben in einigen Jahren, weil es zu Überkapazitäten kommen wird, prophezeite der Financier in der Schweiz am Sonntag. Nach Fehlinvestitionen in fossile Kraftwerke vor der Finanzkrise droht den Stromkonzernen mit den Energy Services also die nächste Investitionsruine. Ganz zu schweigen vom ordnungspolitischen Sündenfall: Dass öffentliche Unternehmen sich x- beliebige Gewerbebetriebe einverleiben, ist ein crowding out wie aus dem VWL-Lehrbuch. Statt wie wild zu diversifizieren, sollten die Stromkonzerne vielmehr endlich ihr Kerngeschäft – die Elektrizitätsproduktion – auf die Zukunft ausrichten.