Lombard Odier – Topbankerin tritt ab

Sesselwechsel Die Genfer Privatbank Lombard Odier verliert mit Carolina Minio-Paluello eine wichtige Führungskraft im Asset Management.

Die Genfer Privatbank Lombard Odier (LO) erlebt turbulente Zeiten. Erst vor wenigen Wochen haben die sieben Teilhaber den Nachfolger von Senior Managing Partner Patrick Odier bestimmt, der im nächsten Jahr das Pensionsalter erreicht. Doch statt Odiers Nachfolger Hubert Keller sofort zum Primus inter Pares zu machen, wird Odier erst Ende 2022 das Zepter übergeben. Zu umstritten ist Keller bankintern, als dass die Partner dem Ex-Investment-Banker unverzüglich die Geschicke der ältesten Genfer Privatbank in die Hände legen möchten.

Aus London heraus geleitet

Kellers Ernennung wirft im Topmanagement indes bereits Schatten voraus. Wie Recherchen zeigen, hat LO-Spitzenfrau Carolina Minio-Paluello per Ende Juli die Vermögensbank verlassen. Sie war sechs Jahre für die Genfer tätig. Der Abgang der ehemaligen Goldman-Sachs-Frau stellt für Lombard Odier Investment Managers (LOIM) – das institutionelle Anlagegeschäft der Bank – einen Paukenschlag dar. Galt Minio-Paluello doch als «Schatten-CEO» bei LOIM, das der designierte Senior Managing Partner Hubert Keller seit einigen Jahren aus London heraus leitet.

Steine aus dem Weg räumen

Offiziell trug die Italo-Bankerin, die in Brüssel und London studierte, den Titel Global Head of Sales and Solutions und war zuständig für den Verkauf und Vertrieb der Finanzprodukte. Allerdings war Minio-Paluello, die ein Multimillionen-Salär erhielt, mehr als das: Sie galt lange Zeit als enge Vertraute und rechte Hand von Hubert Keller, die sich um praktisch alle operationellen Belange des Asset-Management-Arms zu kümmern hatte. «Carolina räumte Keller die Steine aus dem Weg und entwickelte das Geschäft weiter», sagt ein Weggefährte.

Minio-Paluello engagierte sich beispielsweise stark im Bereich nachhaltige Anlagen, der als strategischer Eckpfeiler der Genfer Bank gilt. Im Netz finden sich zahlreiche Interviews und Auftritte, bei denen Minio-Paluello die «sustainability revolution» proklamiert und Lombard Odier als grünen Leader positioniert: Nachhaltiges Investieren sei eine Realität, die niemand mehr ignorieren könne, liess Minio-Paluello die «Finanz und Wirtschaft» kürzlich wissen.

Die Spitzenbankerin, die zuvor über zehn Jahre für Goldman Sachs gearbeitet hatte, war es auch, die für LOIM die passiven ETF-Produkte massgeblich mitaufbaute und das Asien-Geschäft weiterentwickelte. Zusammen mit dem damaligen Head of Asia, Vincent Duhamel.

Job wird bei Lombard Odier nicht ersetzt

Die Bank bestätigt den Rücktritt von Carolina Minio-Paluello: «Wir danken Carolina für ihren Beitrag für die Gruppe und wünschen ihr viel Erfolg für die Zukunft», schreibt Lombard Odier.

Offenbar nimmt Minio-Paluello eine neue Herausforderung bei einem anderen Finanzdienstleister an. Sie soll dort die Quant-Strategien leiten. Der Rücktritt stehe nicht in Zusammenhang mit Kellers Ernennung als Senior Managing Partner, heisst es aus dem Umfeld der Bank.

Die Funktion als Global Head of Sales and Solutions wird es bei Lombard Odier Investment Managers so nicht mehr geben. «Frau Minio-Paluello wird nicht ersetzt. Der Vertrieb wird weiterhin von Jonathan Clenshaw als Leiter Institutional Sales und Martin Thommen als Leiter Third Party Distribution geführt», schreibt die Bank.

Lombard Odier – Zoff in der Partnerschaft

Nachfolge Der Doyen der Bank Lombard Odier, Patrick Odier, erreicht die Altersgrenze. Auf ihn müsste als Senior Partner Hubert Keller folgen. Doch der ist umstritten.

Zwei berufliche Dinge trieben ihn um, sagte Patrick Odier vor einigen Monaten an einer Veranstaltung der Bank: Vermögen für Familien und Unternehmer schützend zu verwalten sowie die Nachfolge bei Lombard Odier zu planen, «über meine Zeit hinaus». Die zweite Aufgabe drängt. Der Doyen der Genfer Privatbank feiert im nächsten Jahr seinen 65. Geburtstag. Aufs Pensionsalter fällt die Altersguillotine für geschäftsführende Teilhaber. Die Neuwahl eines Senior Partner – des Primus inter Pares – stünde damit eigentlich diesen Herbst an.

Doch Odiers ordentliches Ausscheiden bei Lombard Odier ist eine delikate Angelegenheit. Die noble Genfer Privatbank verliert nämlich ihren letzten namensführenden Partner. Dies nachdem Thierry Lombard Ende 2014 altershalber ausschied und sich die Partner gegen seinen Sohn Alexis als neuen Teilhaber stellten. Und nun, mit der anstehenden Pensionierung des honorigen Senior Partner, ist Lombard Odier ihre Galionsfigur los. Die Bank steht vor einer Zäsur.

Laufender Prozess bei Lombard Odier

Patrick Odier weibelt seit der Finanzkrise unermüdlich für seine Bank im Speziellen und den hiesigen Finanzplatz im Allgemeinen, zwischenzeitlich auch in der Rolle als Präsident der Bankiervereinigung. Odier hat sich dabei als versierter Kommunikator erwiesen: Der Geldverwalter mit privatem Milliardenvermögen vertritt seine Anliegen eloquent in der Sache und charmant im Auftritt. Ein Sympathieträger.

Eigenschaften, die man seinem potenziellen Nachfolger nicht auf Anhieb attribuieren würde. Es ist dies Hubert Keller. Sein Name fiel in allen Gesprächen mit einem halben Dutzend Wegbegleiter der Bank. «Rein mathematisch» müsste Keller eigentlich neuer Senior Partner werden, meint einer. Nach dem Anciennitätsprinzip hat er die besten Karten für den Topjob. Hinter Odier und Christophe Hentsch ist Keller der amtsälteste Partner. Und da Hentsch die Sechzig bereits überschritten hat, bleibt eigentlich nur Hubert Keller als neuer Senior Partner übrig. Die anderen Teilhaber sind entweder zu jung (Frédéric Rochat) oder zu wenig lang als Partner bei Lombard Odier (Denis Pittet, Annika Falkengren, Alexandre Zeller). Die Bank hält sich zur Personalaffiche bedeckt: Die Nachfolgeplanung sei ein «laufender Prozess», heisst es.

Durchzogene Bilanz

Die Wahl muss unter den geschäftsführenden Teilhabern einstimmig erfolgen. Gegenüber dem 52-Jährigen formiert sich intern jedoch Widerstand. «Er ist nicht in der Lage, die Bank nach aussen zu repräsentieren», sagt ein Weggefährte. Keller fehle es an Empathie, er sei forsch im Umgang und erratisch im Management. Auf die Defizite angesprochen betont die Bank, man kommentiere keine «unbegründeten und einseitigen Behauptungen».

«Keller ist halt ein typischer Investment Banker», sagt einer, der mit ihm zusammenarbeitete. Der Wahlbrite leitete vor seiner Lombard-Zeit das Kapitalmarkt-Geschäft der Deutschen Bank im Range eines Managing Director und fiel dann einem Machtkampf im Grossinstitut zum Opfer.

Kellers Vater: Graue Eminenz

Kurz darauf machte man den Kapitalmarkt-Experten 2006 zum Partner bei Lombard Odier. Ganz im Sinne der Familientradition. Denn bereits sein Vater Pierre war lange Jahre aktiver Teilhaber. Der hochbetagte Bankier gilt bis heute als graue Eminenz auf dem Genfer Finanzplatz mit besten Kontakten zu Konkurrenten wie Pictet.

Und auch Kellers Bruder Jean ist in der Rhonestadt verwurzelt, nachdem er Lombard Mitte der Nullerjahre überraschend verliess und heute die Privatbank als unabhängiger Fondsmanager konkurrenziert. Just jene Finanzdisziplin, in der sich seit gut zehn Jahren sein Bruder, der Investment Banker Hubert Keller, übt. Er leitet nämlich für Lombard Odier das Assetmanagement.

Keine klare Strategie im Asset Management

Kellers «Dealmaker»-Naturell laufe dem Wesen des institutionellen Anlagegeschäfts, das auf Langfristigkeit und Stabilität ausgerichtet sei, zuwider, sagen mehrere Quellen übereinstimmend. In seiner Führung sei kein taktischer Fokus, keine klare strategische Perspektive zu erkennen, moniert einer: «Er hangelt sich von Deal zu Deal.» Lombard Odier Investment Managers trete dabei gegen Schwergewichte wie J.P. Morgan, UBS oder Pimco an, anstatt das Heil in der Nische zu suchen.

Dabei habe Lombard durchaus attraktive Anlageboutiquen zu Themen wie Schweizer Festverzinsliche, Wandelanleihen oder Golden Age. Auch sei es Keller gelungen, profitablere Geschäfte hereinzuholen und die Rentabilität zu steigern. Offiziell legt die Bank das Aufwand-Ertrags-Verhältnis im Asset Management nicht offen. Die Rede ist von einem Wert um 75.

In Ungnade gefallen

Unter dem Strich bleibt Kellers Bilanz als Leiter von Lombard Odier Investment Managers durchzogen: «Ein fast zehnjähriger Bullenmarkt, eine wachsende Assetmanager-Industrie – und wir stagnieren», fasst es einer zusammen. In der IPE-Liste der 400 grössten Assetmanager rutschte Lombard Odier in den letzten vier Jahren von Platz 201 auf 218 ab. Die Bank weist die Vermögen der Assetmanagementsparte seit zwei Jahren auch nicht mehr gesondert im Geschäftsbericht aus: 2016 lagen sie bei 45 Milliarden Franken. Auf Anfrage rückt die Bank die Zahl per Ende 2018 heraus: 45 Milliarden Franken. Bezeichnenderweise lautet Kellers interner Übername «Mister 50 Billion».

Trotzdem leistet sich die Genfer Bank weiterhin zwei Produkte-Fabriken, eine fürs Assetmanagement und eine fürs Private Banking. Die beiden Kulturen gelten nämlich als unvereinbar bis hin zur Personalpolitik. Beispielhaft ist die Karriere von Stéphane Monier. Der heutige Anlagechef der Privatbank arbeitete bis 2013 fürs Assetmanagement. Bis Monier bei Chef Keller in Ungnade fiel und zur Genfer Privatbank übertrat.

Genf ist Lombard Odier Partner zu langweilig

Überhaupt ist der Senior Partner in spe in der Calvinstadt nur gelegentlich Gast, reist jeweils für die Teilhaber-Treffen an. Seine Assetmanager dirigiert Keller von London aus. Im noblen Stadtteil Mayfair residieren die Lombard Odier Investment Managers. Keller, ein passionierter Reiter und Pferdenarr, schätze den Lifestyle: Genf sei ihm zu langweilig.

Angesichts dieser verzwickten Ausgangslage munkelt man in Genf, Odier bleibe über die Pension hinaus Senior Partner. Mindestens bis 2021. Dann soll der neue Banksitz von den Stararchitekten Herzog & de Meuron am Genfer Bellevue bezugsbereit sein. Odiers gläsernes Vermächtnis.

Fauler Kompromiss

Fidleg Das neue Finanzdienstleistungsgesetz soll gleichwertig mit EU-Recht sein und Anleger besser schützen. Beides erfüllt die Vorlage nur bedingt.

Der Berg gebiert eine Maus. Und Bundesbern das Fidleg, möchte man anfügen. Die Rede ist vom Finanzdienstleistungsgesetz, das im Parlament in der Schlussberatung ist. Die Monstervorlage (48 Seiten Bundesgesetz, 192 Seiten Botschaft) stellt die Beziehung zwischen Kunden und Finanzanbietern auf ein neues rechtliches Fundament. Statt heterogener Regulierungssilos soll das neue Querschnittsgesetz den Anleger von der Wiege bis zur Bahre begleiten.

Eigentlich ist das Fidleg ein Kind der Finanzkrise. Seit der Lehman-Pleite spüren Schweizer Investoren den lückenhaften Anlegerschutz schmerzlich. «Das geltende Recht gewährleistet keinen angemessenen Kundenschutz», schreibt die Finanzmarktaufsicht 2010 und empfiehlt zwei Jahre später, ein «Finanzdienstleistungsgesetz» zu schaffen, das die Branche in die Pflicht nehmen soll, «sektorübergreifend und lückenlos». Es geht um Kenntnisse und Verhaltensweisen der Banker und Vermögensverwalter. Es geht um deren Finanzprodukte, ihre Angemessenheit für Kunden und die Information darüber. Und letztlich es geht um die Aufsichtsfrage: Wer kontrolliert die Akteure und wie eng?

Zwar sorgte der Regulierungswust zunächst für Stirnrunzeln in der Branche. Aber immerhin sollte das Fidleg den Banken und Verwaltern potenziell einen besseren Zugang zum EU-Markt verschaffen. Das Schlüsselwort lautet Äquivalenz. «Die Fidleg-Regeln orientieren sich in materieller Hinsicht an der EU-Regulierung», schrieb das Finanzdepartement vor drei Jahren im Vernehmlassungsbericht.

Dieses Bemühen um Gleichwertigkeit ist kein bundesrätlicher Kotau vor Brüssel. Die Äquivalenz könnte der Finanzbranche vielmehr handfeste ökonomische Vorteile bringen. Vorausgesetzt, die EU-Kommission als finale Instanz erteilt dem Schweizer Fidleg dereinst ihren Segen. Damit erhielten die CH-Finanzdienstleister einen sogenannten «EU Passport» und könnten in der gesamten Union ohne Zweigniederlassung mit ihrer Profi-Klientel geschäften, also mit institutionellen Anlegern wie Versicherungen und Pensionskassen. «Das würde einen Riesenschub geben», meint Markus Fuchs vom Schweizer Fonds- und Asset-Management-Verband Sfama. Gerade im stark wachsenden Vorsorgegeschäft sieht Fuchs «grosse Chancen bei unseren europäischen Nachbarn».

Neue Kategorien, grosse Lücken

Doch die Chancen, das Plazet aus Brüssel zu erhalten, sind gesunken. «Der Vernehmlassungsentwurf war Mifid-II-konform, die parlamentarische Schlussfassung ist es nicht mehr», sagt Finanzmarktrechtler Rolf Sethe von der Universität Zürich. Das Fidleg kennt beispielsweise eine «transaktionsbezogene Anlageberatung». Fällt ein Kunde in diese Fidleg-Kategorie, muss der Anbieter keine Eignungsprüfung für Finanzgeschäfte machen. «Mifid-II dagegen unterscheidet nicht zwischen Anlage- und Vermögensverwaltung», sagt Bankenrechtlerin Susan Emmenegger von der Uni Bern. Die Eignungsprüfung sei in jedem Fall obligatorisch. Eine andere Abweichung: Mifid-II kennt in der Vermögensverwaltung ein generelles Verbot von Retrozessionen. Also Kickbacks für Finanzprodukte, die ein Vermögensverwalter seinen Kunden ins Portfolio legt. Das Fidleg sieht von einem harten Retro-Verbot ab und verlangt einzig, dass der Vermögensverwalter die Annahme von Vertriebsentschädigungen dem Kunden transparent macht und – falls deren Höhe vorgängig nicht feststellbar ist – im Nachhinein offenlegt.

Rolf Sethe kritisiert dies: «Die Transparenz bleibt oft folgenlos. Die Aufklärung kommt für viele Vermögensverwaltungskunden zu spät. Der Produkteentscheid wurde ja bereits vom Vermögensverwalter gefällt und ausgeführt; der Kunde kann im Nachhinein nicht mehr herausfinden, ob es vergleichbare Produkte gab, die weniger Retrozessionen enthalten hätten.» Nebst Informationsasymmetrie sieht Susan Emmenegger im fehlenden Retro-Verbot einen «gewichtigen Unterschied» zu Mifid-II: «Die EU führte einen langen und harten Kampf, um die wettbewerbsverzerrenden Vertriebsentschädigungen abzuschaffen.» Gleichzeitig gibt die Bankenprofessorin zu bedenken, dass sich die Schweizer Vorlage von den EU-Regeln nicht bloss unterscheidet. «Ganze Mifid-II-Teilgebiete wie Product Governance oder Verlustberichte finden sich im Fidleg gar nicht.» Ein Beispiel: In der EU muss ein Vermögenskunde innerhalb von 24 Stunden informiert werden, wenn sein Portfolio 10 Prozent an Wert verliert. Das Fidleg kennt dies nicht.

Zuversicht und Irrelevanz

Trotz allen Leerstellen und Abweichungen zum EU-Recht gibt man sich bei der Bankiervereinigung zuversichtlich. «Wir sind überzeugt, dass das Fidleg auf technischer Ebene äquivalent ist. Aber es handelt sich letztlich um einen politischen Entscheid in Brüssel», sagt Andreas Barfuss, Leiter Finanzmarktrecht. So weit die offizielle Haltung des Dachverbands. Allerdings haben sich die Gross- und Inlandbanken selber für die Fidleg-Äquivalenz im Parlament kaum ins Zeug gelegt. UBS und CS geschäften nämlich längst mifidkonform, während binnenorientierte Institute möglichst wenige EU-Vorschriften adaptieren möchten. Gleichzeitig sind die grösseren Vermögensbanken, zumindest im Privatkundengeschäft, mit Filialen in Europa präsent. «Für sie ist die Äquivalenz nicht mehr relevant», sagt eine Branchenkennerin. Der Verlust an Wertschöpfung habe bereits stattgefunden. Mit anderen Worten: Die Banken haben sich mit dem Status quo längst arrangiert.

Die Monstervorlage hat einzig die 2500 unabhängigen Vermögensverwalter umgetrieben. Sie werden mit dem Fidleg neu der Aufsicht unterstellt, allerdings nicht jener der Finma direkt. Ihr Lobbying mit Schützenhilfe des Gewerbeverbandes hat in Bern gefruchtet. Über die Vermögensverwalter wacht künftig eine brancheneigene Selbstregulierungsorganisation. Stossend findet dies der Anlegerschützer Stephan Pöhner: «Gerade unter den unabhängigen Vermögensverwaltern finden sich viele schwarze Schafe.» Da sei Selbstregulierung völlig fehl am Platz.

Der Vorbanker

Eric Syz Der Patron setzte früh auf Leistung statt Bankgeheimnis. Nun baut er auf Afrika und Lego-Kapital.

Der Name Syz prangt in grossen, blauen Lettern auf der Visitenkarte des 59-Jährigen. Es sind drei Buchstaben, die für Schweizer Industriegeschichte stehen. Die Familie Syz begründete im 19. Jahrhundert die Schweizerische Kreditanstalt und die Zürich-Versicherung mit. Auch Eric Syz packte früh der Unternehmergeist, als er vor zwanzig Jahren den Kaderjob bei Lombard Odier quittierte und in Genf seine eigene Banque startete. Mit den Partnern Alfredo Piacentini und Paolo Luban bewies der ehemalige Internatsschüler Geschäftssinn.
Während die meisten Finanzhäuser damals das Bankgeheimnis verkauften, antizipierte Syz das baldige Ende der Staatshilfe und setzte stattdessen auf Portfolioperformance und alternative Anlagevehikel wie Hedgefonds. Auch das Onshore-Banking entdeckte der Offizier a. D. vor vielen anderen Schweizer Finanzmanagern. Schon im Jahr 2000 beantragte Syz eine Banklizenz in Italien.

Der alte Kontinent schwächelt
Nun schlägt der Finanzvisionär die nächste Volte, indem er auf Frontier Markets wie Subsahara-Afrika setzt. Denn die Geschäfte auf dem alten Kontinent laufen nicht mehr rund. Die wirtschaftliche Misere schlägt voll auf die Vermögensverwaltung durch. Die italienische Banca Albertini Syz beispielsweise machte im Geschäftsjahr 2015 einen mageren Gewinn von 3 Millionen Euro. Auch die Bäume der übrigen Europa-Töchter wachsen nicht mehr in den Himmel. „Auf dem alten Kontinent ist das Vermögenswachstum gering. Es herrscht ein Verdrängungswettbewerb, der meist über den Preis entschieden wird“, sagt Syz. Der Finanzunternehmer suchte deshalb den Befreiungsschlag und fand ihn im Kauf der Schweiz-Tochter der Royal Bank of Canada (ROC), deren technische Integration Mitte 2016 abgeschlossen wurde. Mit der Übernahme verdoppelte sich das verwaltete Vermögen der Banque Syz auf gut 40 Milliarden Franken. Wichtiger noch als die schiere Asset-Grösse sind jedoch die neuen Zielmärkte, die der Deal der Schweizer Bank erschliesst.
„Heute wird Vermögen vor allem in den Schwellenländern geschaffen. Dank der Übernahme der Royal Bank of Canada sind wir nun in Afrika und Lateinamerika stark präsent“, sagt der Bankchef. So stammt inzwischen ein Viertel der Assets in der Vermögensverwaltung aus Lateinamerika, deren Kunden von Miami aus betreut werden, und rund 15 Prozent aus Subsahara-Afrika, wo Syz mit einer eigenen Dependance in Johannesburg präsent ist.
Während das Gros der Schweizer Privatbanken ihr Heil in Asien sucht, setzt Syz auf anspruchsvolle Vermögensmärkte wie Kenya oder Brasilien. Gerade in Ländern mit einer schwachen Governance oder einem instabilen Finanzsystem gebe es für Vermögende ein grosses Bedürfnis, Vermögen im Ausland zu halten. Offshore-Konten würden deshalb nicht aus Gründen der Steuerflucht, sondern aus Sicherheitsüberlegungen gehalten. „Die Schweiz mit ihrem intakten Rechtssystem und ihrer politischen Stabilität kann da als ‹safe haven› punkten.“ Als wenig hilfreich empfindet Syz in diesem Zusammenhang aber den „vorauseilenden Gehorsam der Schweiz“. Dass der Bundesrat den automatischen Informationsaustausch (AIA) bald schon auf Länder wie Mexiko und Argentinien ausdehnen möchte, sei fahrlässig. „Daten mit einem unzuverlässigen Staatsapparat zu tauschen, bereitet das Terrain für Erpressungen und Entführungen.“ Der AIA sei für Vermögende dann unter Umständen „lebensgefährlich“.
Umgekehrt bergen Vermögenswerte aus heiklen Schwellenländern Reputationsrisiken fürs eigene Institut. So war die Schweiz-Tochter der Royal Bank of Canada vom Petrobras-Skandal in Brasilien tangiert. Die Angelegenheit sei inzwischen in Zusammenarbeit mit den Behörden behandelt worden, sagt Syz und betont, dass die internen Compliance-Vorgaben dieselben seien, ob das Geld nun aus Mombasa oder München stamme.
Der 59-Jährige räumt jedoch ein, dass man die Märkte in der südlichen Hemisphäre à fond kennen müsse, um wirklich nachhaltig zu wirtschaften. „Ich bereise Afrika seit über vierzig Jahren und habe Verwandte in Brasilien.“ Dieses Savoir-Faire helfe nun, sagt der alleinige Bankchef Syz. Vor zwei Jahren schieden nämlich seine beiden Gründungspartner Piacentini und Luban aus; Eric Syz hält seither die Mehrheit an der Zuger Dachholding Financière Syz. Daneben ist das Bankmanagement beteiligt und seit 2015 auch eine Baarer Firma namens Kirk Kapital, die gemäss Geschäftsbericht 10 Prozent des Aktienkapitals an der Holding hält.

„Club Deals“ für globale Kunden
Dahinter verbirgt sich ein Familienzweig des dänischen Lego-Gründers Ole Kirk Christiansen. Die Beteiligung des Family Office wird im Syz-Verwaltungsrat durch den dänischen Financier und Geschäftsmann Casper Kirk Johansen repräsentiert, ebenfalls ein Lego-Spross. Bankier Syz will sich zum Verwaltungsrat und neuen Miteigner aus Dänemark nicht äussern. Lieber spricht der Patron über „Club Deals“, die er seiner globalen Kundschaft anbieten kann. So investiert der Banker mit Kunden in privat gehaltene Unternehmen. Im Sommer 2016 wurden rund 50 Millionen Franken – gemeinsam mit Apple – in Didi co-investiert, der chinesischen Variante der Taxi-Plattform Uber.
Um an solch heisse Beteiligungsdeals zu kommen, hilft es, dass sein älterer Sohn Marc Syz als Managing Director in Hongkong für die Private-Equity-Firma ACE & Company arbeitet, mit der die Bank kooperiert. Der jüngere Sohn, Nicolas Syz, steht in der Schweiz als Aktienanalyst im Sold der UBS. Die Nachfolge der Familienbank ist damit zumindest fachlich geregelt. Wer von den beiden in die Fussstapfen des Vaters tritt, lässt Eric Syz offen. Auch in der Nachfolgeregelung gilt für ihn das Leistungsprimat: „Zuerst müssen sich die beiden innerhalb der Bank beweisen. Der Fähigste soll schliesslich an die Spitze kommen.“ Bis dahin hält der Patron die Zügel fest in der Hand.

Nummer 41

Pictet Laurent Ramsey ist der jüngste Partner beim Genfer Geldinsitut. Als oberster Asset Manager lenkt Ramsey die grosse, unbekannte Sparte der Bank.

Schaut Laurent Ramsey aus seinem mit Holz getäferten Büro im vierten Stock, dann sieht er weder imposante Hochhäuser noch ausladende Boulevards. Der Genfer Bankier blickt vielmehr der Vorstadt-Tristesse mitten ins Auge. Der wuchtige Pictet-Hauptsitz nach Minergie-Standard liegt an einer stark befahrenen Ausfallstrasse der Rhonestadt – zwischen Gebrauchtwagenhändlern, Harddiscountern und Ethnoläden.

Dass eine der Top-Adressen im grenzüberschreitenden Vermögensgeschäft in den wenig glamourösen Vorort Carouge disloziert, mag erstaunen, hat praktische Gründe. „Die internationale Kundschaft schätzt es, wenn sie vom Flughafen Cointrin in einer Viertelstunde bei uns ist“, sagt Ramsey, der selber von der Airport-Nähe profitiert. Schliesslich pendelt der Mittvierziger jede Woche zwischen Genf und London, wo er im noblen Stadtteil Kensington wohnt und seine beiden Buben in die Privatschule gehen.

Der Londoner Lebensmittelpunkt des gebürtigen Romands ist Pictets Anlagegeschäft geschuldet. In der britischen Finanzmetropole arbeiten nämlich über 250 Bankangestellte für Pensionskassen, Staatsfonds und andere Profianleger. Sie und 380 weitere Mitarbeitende in Genf gehören zur Asset-Management-Sparte, die Laurent Ramsey leitet. Zunächst als Vizechef – seit Anfang Jahr gehört Ramsey zum erlauchten Kreis der sechs teilhabenden Pictet-Partner. Seine Wahl sei höher zu bewerten „als jeder Sechser im Lotto“, schrieb die NZZ bei Ramseys Ernennung. Schliesslich kommt der passionierte Hobbytaucher nicht aus einer der drei Stammfamilien Pictet, de Saussure und Demole, sondern hat sich vom einfachen Bankangestellten in 23 Berufsjahren zum teilhabenden Bankier hochgearbeitet.

Die Konsequenzen zu tragen

Seine Berufung kommt auch finanziell einer Karrierekrönung gleich, wenn man bedenkt, dass die teilhabergeführte Pictet-Gruppe im letzten Jahr einen Reingewinn von rund 450 Millionen Franken erwirtschaftete. Bei solchen Beträgen muten selbst die üppigen CEO-Saläre börsenkotierter Finanzhäuser geradezu bescheiden an.

Angesichts dieses Millionensegens mag es Neo-Entrepreneur Ramsey auch verschmerzen, dass er sich für den Einkauf in die Partnerschaft verschulden musste. Den Startkredit zahlt er nun über die Zeit aus den Erträgen der Bank ab. „Man kauft sich zu Buchwert ein und steigt zu Buchwert wieder aus“, erklärt Ramsey das altbewährte Partnerprinzip der Edelbank.

Der smarte Selfmademan mit den nach hinten gekämmten Haaren ist erst der 41. Partner seit der Gründung des Genfer Vermögensinstitutes im Jahre 1805. Im Schnitt bleibt ein Teilhaber mehr als 20 Jahre der Bank treu. Kein Wunder betont Ramsey die Kontinuität als Erfolgsprinzip von Pictet. „Wir müssen die Konsequenzen aller Entscheidungen, die wir heute treffen, selber tragen.“

Diese Last jahrzehntelanger Verantwortung lässt die Teilhaber in der Regel mit Bedacht und in Eintracht agieren. Es falle ihm erst jetzt als Insider auf, so Ramsey, wie eng die Bande unter den Partnern seien. „Wir treffen uns jede Woche viermal für zwei Stunden im Salon nebenan.“ Kein Verwaltungsrat einer Bank weist eine solch hohe Sitzungskadenz auf. Sie schafft Nähe und Vertrautheit.

Neben formellen Treffen, die gewöhnlichen Geschäftsleitungsmeetings ähneln, ist viel Raum für Gedanken- und Ideenaustausch. Die ganze Gruppe gelte es dabei als Partner stets im Auge zu haben, betont der neueste Pictet-Eigner, dessen Wahl in den „inner circle“ auch einem Ritterschlag fürs institutionelle Anlagegeschäft innerhalb der Gruppe gleichkommt. Denn Pictet ist von der Historie her eine Privatbank par excellence. Während die Vermögensverwaltung seit über 200 Jahren das Kerngeschäft bildet, betreibt Pictet ihren Asset-Management-Arm erst seit Anfang der 1980er-Jahre. Zunächst integriert in die Privatbank.

Mit 160 Milliarden Franken an Anlagevermögen ist das Geschäft mit institutionellen Investoren und Investmentfonds aber mittlerweile praktisch so gross und profitabel wie das angestammte Private Banking. Die Ernennung von Laurent Ramsey steht deshalb auch für die Emanzipation des Asset Management, dessen Anlagevermögen etwa zur Hälfte von Institutionellen wie Pensionskassen oder Staatsfonds stammt. Der Rest kommt aus dem Fondsvertrieb und von Drittbanken beziehungsweise externen Verwaltern. Wobei für Pictet die Schweiz, Italien und Japan die wichtigsten Märkte sind.

Das Land der aufgehenden Sonne sticht dabei besonders heraus, in dem die Genfer einer der drei grössten Fondsanbieter mit gegen 20 Milliarden Dollar Assets under Management sind. Der Erfolg in Nippon brauchte jedoch einen langen Atem. Seit 1982 ist Pictet im ostasiatischen Land präsent. 2002 schrieb die Bank erstmals schwarze Zahlen. „Als nicht börsenkotiertes Unternehmen leisten wir uns den Luxus des Sich-Zeit-Lassens“, meint Ramsey lapidar. Gerade in Japan lasse sich Vertrauen eben nur langsam aufbauen. „Doch nur Vertrauen führt zu Loyalität.“ Eine Treue, die sich im Inselstaat in einem engmaschigen Vertriebsnetz zu über 100 Wertpapierhäusern, Banken und Online-Plattformen manifestiert.

Als Glückstreffer hat sich dabei in den Nullerjahren der Pictet Global Income Stock Fonds erwiesen, der damals als erstes Finanzprodukt in Japan überhaupt stabile monatliche Ausschüttungen garantierte. „In einem Land mit vielen Pensionierten, die von ihrem Ersparten leben müssen, war Global Income ein Gamechanger“, erinnert sich Ramsey

Tiefgreifender Strukturwandel

Inzwischen hat sich der Wettbewerbsdruck jedoch massiv verschärft. In Japan und anderswo. Seit 2007 flossen weltweit 6 Billionen Dollar in passive Investments, die kostengünstig gängige (Börsen-)Indizes abbilden, statt aktiv den Finanzmarkt schlagen zu wollen. Das spüren aktive Fondsmanager wie Pictet insbesondere beim Umsatzwachstum, während die Profitabilität trotz Strukturwandel seit Jahren bei durchschnittlich 50 Basispunkten liegt.

„Der Boom bei den indexierten Anlagen ist für die Branche heilsam, weil es die Spreu vom Weizen trennt“, meint Ramsey. Es zwinge die Fondsmanager, auch tatsächlich aktiv und mit Überzeugung zu investieren. „Denn für Mittelmass ist der Kunde nicht mehr bereit, einen Aufpreis zu zahlen.“ So hat Pictet vor einigen Jahren ein grossangelegtes „Product-Trimming“ durchexerziert, bei der die Zahl an Investmentstrategien um über 10 Prozent auf gegenwärtig 70 reduziert wurde. Gleichzeitig geht Pictet in Nischen und setzt auf thematische Anlagen wie Wasser, Holz oder Robotics.

Es sind dies Reaktionen auf ein Anlagegeschäft, das sich stark wandelt. Zum einen sind seit der Finanzkrise die regulatorischen Auflagen und Kosten massiv gestiegen. Zum anderen führt das Tiefzinsumfeld zu kostenaffineren Kunden, welche die Verwaltungsgebühren aktiv gemanagter Fonds stärker hinterfragen. Insofern hofft auch Ramsey auf eine Zeitenwende: „Wenn die Zinsen steigen, würde dies der Industrie sicher helfen“, sagt er, der die Kurzfristigkeit des Geschäfts bemängelt. „Aktive Investmentstrategien werden nicht in zwei, drei Jahren zum Erfolg gebracht, sondern über einen ganzen Konjunkturzyklus.“ Der Fokus auf kurzfristige Gewinne zwinge die Fondsmanager aber leider dazu, Verlust früh einzudämmen und sich am Index zu orientieren. „Eine Fehlentwicklung, die wir bekämpfen müssen.“

Doch ist Ramsey zuversichtlich, dass die Marktentwicklung den aktiven Fondsmanagern wieder in die Hände spielen wird. „Ob in Bond- oder Aktienmärkte, in den letzten Jahren war der Trend der beste Freund“, blickt der Bankier zurück und prophezeit, dass diese Phase der „Windfall“-Gewinne auslaufen wird. „Die Renditen sinken, die Volatilität wird zunehmen, das Umfeld wird anspruchsvoller“, so Ramsey. Mit der sich abzeichnenden Normalisierung der Geldpolitik müssen sich die Anleger – wohl oder übel – auf magerere Zeiten einstellen.