Jammern gehört zum Geschäft

Banken Was die Bauern seit Jahrzehnten in Bundesbern praktizieren, hat die Finanzbranche seit der Krise von 2008 perfektioniert. Seither stimmen die Banker nämlich unentwegt einen Schwanengesang an, während die vermeintlichen «bad news» nicht abreissen wollen.

Zuerst wird das margenträchtige Bankgeheimnis vom Ausland geschleift. Dann bricht eine Flut an Finanzmarktregulierungen über die Institute herein. Vom Kundenschutz bis hin zur Eigenmittelausstattung strafft die Politik das large Regulierungsregime der Vor-Krisen-Ära merklich. Was zu ausufernder Bürokratie und kostspieligen Compliance-Abteilungen führt, deren Krisenfestigkeit sich erst noch wird weisen müssen.

Die Halbjahreszahlen zeigen, wie gut das Geschäft floriert
Und schliesslich versetzen die Währungshüter um Nationalbank-Präsident Thomas Jordan mit der Aufhebung des Franken-Mindestkurses und der Einführung von Negativzinsen den Geschäftsbankern einen Schlag in die Magengrube. Manch ein Vermögensverwalter oder Retailbanker sieht seine Kommissions- und Zinserträge wegschmelzen wie ein Glace an der Sommersonne. All dies geschieht zu einer Zeit, in der das Geschäft ohnehin schon strukturell leidet. Stichwort: Fintech und andere bankfremde Wettbewerber wie Pensionskassen oder Versicherer, die ebenfalls Teile der Wertschöpfung für sich beanspruchen.

Entsprechend verdutzt reibt sich die Augen, wer die jüngsten Halbjahreszahlen der Geldinstitute sieht: Die Neugelder sprudeln, die Erträge über alle Geschäftsbereich spriessen. Kurzum, das Bankgeschäft brummt. Alleine bei den beiden Finanzriesen UBS und CS legt der Reingewinn zweistellig zu.

Aber nicht nur die Global Player glänzen. Auch Inlandsbanken, die sich aufs klassische Zinsdifferenzgeschäft verstehen, sind in Champagnerlaune. Ob diverse Kantonalbanken, vom Waadtland bis nach St. Gallen, oder die Raiffeisen Gruppe: Sie alle verzeichnen Gewinnsprünge und heben zum Teil ihre Prognosen fürs Gesamtjahr an. Es scheint: La crise n’existe pas.

Die starke Regulierung erweist sich als ideale Eintrittshürde

Denn dem Wehklagen zum Trotz ist es den Bankchefs gelungen, den Spiess elegant umzudrehen. Die ausufernde Regulierung im Nachgang zur Finanzkrise erweist sich als ideale Eintrittshürde für branchenfremde Wettbewerber. Gleichzeitig haben sich die Banker perfekt auf die Tief- und Negativzins-Welt eingestellt. Manche bewirtschaften den zugeteilten Freibetrag dermassen geschickt, dass gar ein kleiner Gewinn resultiert.

Zwar hat noch kein Institut es gewagt, sein Passivgeschäft aufzubessern, indem die Negativzinsen – expressis verbis – den Kleinsparern weitergereicht werden. Aber implizit ist dies längst geschehen, indem die Banken ihr Kommissionsgeschäft ausgeweitet und ihre Gebühren erhöht haben. Davon kann der Bankenombudsmann ein Lied singen: Die Zahl seiner «Gebührenfälle» ist zweistellig gewachsen.

Lieber Dodd als Donald

Banken Der neue US-Präsident Donald Trump vergreift sich. Dieses Mal an der unter Obama implementierten Bankengesetzgebung. Der Dodd-Frank-Act nahm im Nachgang zur Subprime-Krise die Banken an die kurze Leine, um eine erneute Kernschmelze des Finanzsystems zu verhindern. Nun dekretiert Trump, man möge die Verordnung „zerlegen“. Der neue US-Präsident will das Rad der Zeit zurückdrehen. Er beschwört die Geister eines deregulierten Finanzbooms herauf, dessen Kollateralschäden die Volkswirtschaften bis heute zu beseitigen haben.

Trumps Politik ist brandgefährlich. Zwar mag der Dodd-Frank-Act lücken- und fehlerhaft sein. Aber die Verordnung hatte globale Signalwirkung und zog Brandschutzmauern hoch, die Bestand haben müssen, will die Welt nicht einen zweiten Lehman-Kollaps. Doch Trump scheint willens, graue Geschäftsbanken zurück an den Spieltisch des Investment Banking zu bringen, damit sie auf eigene Rechnung zocken. Ebenso beabsichtigt der Präsident die Eigenmittelvorschriften zu kassieren, auf dass Banken ihre Kapitalrenditen hochschrauben können. Angesichts der Geschenke für die Wall Street ist es schlicht zynisch, wenn Trump behauptet, der Dodd-Frank-Act habe die Kredite für die kleinen Leute verteuert. Denn was für Donald teuer ist, ist für Dodd risikoadäquat. Dazwischen liegt die schwerste Finanzkrise seit der Grossen Depression

Totgesagte leben länger

Steuern Liechtenstein lehnt den automatischen Informationsaustausch mit der Schweiz ab. Stattdessen holt das Fürstentum die Abgeltungssteuer aus der Mottenkiste.

Noch im Frühsommer war nicht die Frage ob, sondern wann die Schweiz mit Liechtenstein den automatischen Informationsaustausch (AIA) einführt. „Wir gehen davon aus, dass wir zu einem Abkommen gelangen, das dann 2019 den ersten Austausch ermöglicht“, sagte Finanzminister Ueli Maurer in einer Parlamentsdebatte und fügte an, es seien aber noch einige „Spezialitäten“ mit Liechtenstein zu regeln.

Aus diesen „Besonderheiten“ ist mittlerweile ein Sonderweg für das Ländle geworden. Statt dem automatischen Datenaustausch mit der Eidgenossenschaft holt das Fürstentum die Abgeltungssteuer aus der Mottenkiste. So würden Steuern fliessen, aber die Bankkunden blieben anonym. Ein Modell, mit dem die Schweiz noch vor ein paar Jahren vergeblich das Bankgeheimnis zu retten suchte.

„Wir möchten mit der Schweiz eine Lösung prüfen, die den steuerlichen Bedürfnissen der beiden Partnerstaaten einfacher und direkter Rechnung trägt“, sagt Katja Gey. Die Juristin leitet die Stabsstelle für internationale Finanzplatzagenden bei der Liechtensteiner Regierung. Sie geht davon aus, dass es in den nächsten Wochen „zu einer grundsätzlichen Entscheidung kommen wird“, wie die Schweiz und Liechtenstein die internationalen Standards umsetzen werden. Das federführende Staatssekretariat für internationale Finanzfragen in Bern macht dazu keine Angaben.

Die Meinung im Fürstentum ist indes längst gemacht. Man bekenne sich zwar klar zur Einhaltung internationaler Standards, so Gey. „Aber der AIA-Standard der OECD ist naturgemäss eine Regelung, welche das enge, binnenmarktähnliche Verhältnis zwischen der Schweiz und Liechtenstein nicht ausreichend berücksichtigen kann.“

Blaupause für Schweizer Lösung

Der AIA-Standard führe nämlich zu einem hohen Verwaltungsaufwand, moniert das Behördenmitglied: „Statt dass möglichst viele Daten fliessen, wollen wir uns auf jene Daten beschränken, die eine Besteuerung sicherstellen. Wenn der eine Staat für den anderen direkt die Steuern einbehält, ist es noch besser.“

Als Blaupause für eine mögliche Schweizer Lösung dient dem Fürstentum dabei ein Abkommen mit seinem Nachbarland im Osten. „Wir haben mit Österreich eine spezifische Regelung vereinbart, die die Steuerkonformität in besonderer Weise sicherstellt und den Austausch von AIA-Daten in Teilen ersetzt.“ So erheben die Liechtensteiner für die Alpenrepublik die geschuldete Steuer auf österreichische Vermögen im Ländle und überweisen diese nach Wien. „Eine ähnliche Regelung könnten wir uns auch mit der Schweiz vorstellen“, sagt Gey. Das Abgeltungssteuerabkommen mit Österreich umfasst dabei alle Vermögensstrukturen, die in Liechtenstein verwaltet werden. Konkret bedeutet dies: Das Abkommen würde nicht nur Bankkonten, sondern auch Stiftungsvermögen erfassen, das durch Liechtensteiner Treuhänder gemanagt wird.

Stiftungen sind jene Konstrukte, die seit der Finanzkrise massiv unter Druck stehen. Das internationale Bemühen um mehr Steuertransparenz führte zwischen 2011 und 2015 zu einer Halbierung der „nicht eingetragenen Stiftungen“ im Fürstentum – von 32 000 auf rund 16 000. Das nun vorgeschlagene Abgeltungssteuermodell stellt deshalb auch den Versuch dar, den Abfluss von Assets aus dem Ländle zu stoppen.

Unerwartete Wiederauferstehung

Allerdings stellt sich die Frage, ob ein solches Steuermodell international kompatibel sei. „Ich gehe nicht davon aus, dass die OECD ein Problem damit hat, wenn bilateral gleichwertige Regelungen vereinbart werden, die von beiden Staaten als adäquat angesehen werden“, sagt Gey.

Das Abgeltungssteuermodell schien bisher ein Auslaufmodell zu sein: Der früheren Finanzministerin Eveline Widmer-Schlumpf gelang es 2012 zwar, Grossbritannien, Österreich und den deutschen Finanzminister von der Idee zu überzeugen, Geld ohne Kundendaten zu liefern – und so die Privatsphäre des Bankkunden zu gewährleisten. Doch das Abkommen scheiterte im deutschen Bundesrat. Das Schicksal der Abgeltungssteuer schien damit besiegelt zu sein.

Jetzt könnte das Modell eine unerwartete Wiederauferstehung erfahren – für bürgerliche Politiker ist das eine durchaus erfreuliche Nachricht: „Ich war stets ein grosser Promotor der Abgeltungssteuer. Daran hat sich bis heute nichts geändert“, sagt FDP-Nationalrat Hans-Peter Portmann, zugleich Direktor beim Schweizer Ableger der liechtensteinischen LGT Bank.

Auch für CVP-Ständerat Pirmin Bischof spricht nichts dagegen, wenn die Vermögen von Schweizer Kunden in Liechtenstein mit einer Abgeltungssteuer erfasst werden: „Es handelt sich bei der Abgeltungssteuer um ein höchst effizientes Instrument.“ Entscheidend sei allerdings die Aussenwirkung des Abkommens. Die Schweiz dürfe nicht riskieren, international erneut unter Druck zu geraten.

Kritik kommt von der SP: „Wir haben die Abgeltungssteuer als Ersatz für den AIA bereits bei Deutschland abgelehnt“, stellt Nationalrätin Susanne Leutenegger Oberholzer klar. Das Modell sei auch nicht im Sinne des Finanzplatzes: „Damit will das Fürstentum doch nur ver- hindern, dass Kunden in die Schweiz abwandern.“

Ein Brief sorgt für Beef

Finanzplatz Es braucht schon den unangefochtenen Status einer Supermacht, um nicht in den Verdacht schierer Verblendung zu geraten. Da treibt die US-Justiz bei den Schweizer Banken praktisch ein Jahrzehnt lang den Schwarzgeld-Beelzebub aus. Kocht die fett und impotent gewordenen Geldhäuser mit Millionenbussen und Strafandrohungen weich. Verhört prominente Finanzmanager am Flughafen oder zieht sie vor Gericht. Und vaporisiert schliesslich das Ausland-Bankgeheimnis durch einen unilateralen wie unidirektionalen Datenstaubsauger namens FATCA, ohne sich im Geringsten um internationale Standards oder die nationalstaatliche Souveränität zu scheren. Und als der amerikanische Tax-Exorzismus beinahe vollzogen scheint und zahlreiche Schweizer Banken amerikanische Kunden meiden wie der Teufel das Weihwasser – da tritt US-Botschafterin Suzan G. LeVine an und beklagt, dass ihre Landsleute in der Schweiz Mühe hätten, Konti zu eröffnen oder eine Bankbeziehung aufrechtzuerhalten.

Mit keiner Zeile erwähnt Diplomatin LeVine in ihrem Schreiben die Steuervergangenheit, mit der sich die Risiko-Aversität der Geldhäuser nachvollziehen lässt. Vielmehr verschickt sie ihr Botschaftsmemo als Massenmailing an den halben Finanzplatz und erntet hierfür Unverständnis aus der Branche. Hätte LeVine die Bankbranche ernsthaft gegoogelt, wüsste sie: Sowohl in der Vermögensverwaltung wie im Zahlungsverkehr gibt es genügend Schweizer Institute, die sauberem „american money“ eine Heimstätte bieten.

LeVines Leviten

Finanzplatz US-Botschafterin Suzan LeVine beschwert sich, dass Schweizer Banken amerikanische Kunden abservieren. Die Branche zeigt sich irritiert.

Tags zuvor war US-Botschafterin Suzan LeVine noch im lieblichen Mostindien auf Stippvisite unterwegs und liess sich vom versammelten Thurgauer Regierungsrat in Frauenfeld und auf Twitter feiern. Dann, am 28. September, greift die ehemalige Microsoft-Direktorin in die Tasten und nimmt das Swiss Banking in die Pflicht. Der Brief aus der Berner Botschaft ist ein Rundschreiben. Die offiziellen Zeilen gehen an zahlreiche Finanzinstitute, darunter Retailer wie die Migros Bank und mindestens ein Geldhaus, das noch auf einen millionenschweren Bussenentscheid aus Washington im Steuerstreit wartet.

LeVines Leviten haben es in sich: Es sei eine ihrer „vordringlichsten Prioritäten“, auf die Bedenken von in der Schweiz wohnhaften US-Bürgern zu reagieren, schreibt die Botschafterin einleitend und erklärt anschliessend: „Viele US-Bürger haben mir gegenüber ihre Sorgen ausgedrückt, dass ihnen der Zugang zu Bankdienstleistungen in der Schweiz fehle.“

Die Botschafterin führt im Brief, welcher der „Handelszeitung“ vorliegt ( siehe Ausriss), konkrete Beispiele an. So seien Amerikaner, die in der Schweiz lebten und seit Jahrzehnten einer Bank die Treue hielten, einfach vor die Tür gesetzt worden. Auch Schweizer Bürger hätten ihre Konten auflösen müssen, nur wegen ihrer Beziehung zu US-Amerikanern. Die Botschafterin würde deshalb gerne mit den angeschriebenen Banken ins Gespräch kommen, um den Zugang von US-Bürgern zu Schweizer Finanzdienstleistungen zu erleichtern. Der Brief schliesst damit, dass LeVine ein Treffen vorschlägt, um „das Regelwerk und die Prozesse der Bank“ im Umgang mit US-Kunden zu diskutieren.

In der Finanzbranche sorgt der US-Botschaftsbrief aus Bern für Kopfschütteln. Von einem „naiven Statement“ ist die Rede und von „Geschichtsvergessenheit“. „LeVine blendet den langjährigen und weiter andauernden Steuerstreit gänzlich aus“, enerviert sich der Chef einer Privatbank und fügt an, dass die US-Repräsentantin Äpfel mit Birnen vergleiche. Die Situation im Retailgeschäft sei nämlich eine völlig andere als in der Vermögensverwaltung. „Im Wealth Management besteht überhaupt kein Problem“, sagt der Bank-CEO dezidiert. Dort gebe es eine Reihe von Banken wie Pictet und Vontobel, welche durch die amerikanische Börsenaufsicht SEC reguliert seien und die sich deshalb explizit auf das komplexe Geschäft mit US-Bürgern verstünden. „Es gibt eine Auswahl, es gibt ein Angebot. Der Markt spielt“, lautet sein knappes Fazit.

Ab mehreren Milliarden profitabel

Aber auch jene Vermögensbanken, die nicht direkt von der US-Börsenaufsicht reguliert sind, bieten Assets von in der Schweiz domizilierten Amerikanern eine Heimstätte an. Entweder über externe Vermögensverwalter, die SEC-reguliert sind, oder indem sie nur eine kleine Zahl an Kunden mit begrenzter Vermögenssumme betreuen. Ein solches US-Geschäft auf Sparflamme ergibt allerdings in den meisten Fällen ökonomisch wenig Sinn, sodass viele Privatbanken sich über die letzten Jahre von ihren historisch bedingten US-Restanzen verabschiedet haben. Gerade jene Institute, die im Affluent-Bereich bis 1 Million Franken pro Kunde tätig sind, suchen das Weite.

Nicht aus bösem Willen, wie ein Banker betont, sondern weil der „Kosten-Nutzen-Ertrag in keinem Verhältnis“ stehe. Denn Skaleneffekte sind im Wealth Management matchentscheidend. Was in Bezug auf eine SEC-Regulierung bedeutet, dass sie erst ab mehreren Milliarden an US-Vermögen kostendeckend ist. Ansonsten rechnen sich die Investitionen in die länderspezifische Compliance und IT-Massnahmen nicht.

Schlicht zu teuer

Beim Branchenverband, der Schweizerischen Bankierveinigung SBVg, kennt man die Problematik bestens: US-Personen unterlägen einer aufwendigen und komplizierten Gesetzgebung. „Es ist daher für einige Banken schlicht zu risikoreich und zu teuer, US-Kunden zu bedienen“, sagt Sprecherin Sindy Schmiegel. Jede Bank müsse diesen Geschäftsentscheid für sich selbst fällen. „Wir haben in der Schweiz Wirtschaftsfreiheit.“ Gleichzeitig betont Schmiegel aber, dass der Exit aus dem Geschäft mit Amerikanern kein „flächendeckendes Phänomen“ sei: „Auch US-Kunden finden eine Schweizer Bank.“

Dies gilt nicht nur fürs eigene Anlageportfolio, sondern auch für Zahlungs-, Lohn- oder Mietzinsdepot-Konti. Man habe LeVines Brief auch erhalten, heisst es beispielsweise bei der Migros Bank lapidar. Das Retail-Institut betont: „USBürger können bei uns Konten eröffnen.“ Diesbezüglich herrsche also „kein Handlungsbedarf“ seitens der Bank.

Auch bei der Postfinance verursacht der besorgte Aufruf des offiziellen Amerikas nur Schulterzucken: Ihr gesetzlich festgelegter Grundversorgungsauftrag besage, dass alle in der Schweiz wohnhaften Personen unabhängig von ihrer Nationalität bei Postfinance ein Konto eröffnen können – „auch US-Bürger“, sagt Sprecher Johannes Möri.

20 000 US-Bürger in der Schweiz

Auf Anfrage präzisiert die US-Botschafterin Suzi LeVine ihren Brief in einem schriftlichen Statement: Es gebe natürlich Banken wie UBS, Credit Suisse oder Cornèr Bank, die nach einem Unterbruch wieder US-Bürger bedienten, und solche Institute wie Vontobel, die stets Amerikaner unterstützten.

Man habe einfach mal andere Banken anfragen wollen, ob sie bereit wären, ihr Business auszuweiten. Schliesslich lebten in der Schweiz rund 20 000 Amerikaner, die „arbeiten, einkaufen und ihre Steuern zahlen“. Deshalb habe sie einen Brief an viele andere Schweizer Institute geschickt, um die Herausforderungen zu schildern, die Amerikaner hätten, wenn sie in der Schweiz „ein Bankkonto eröffnen oder behalten möchten“. Sie habe den Bankchefs deshalb angeboten, sich mit ihr zu treffen, um Lösungen zu finden. „Viele haben das Angebot angenommen“, sagt LeVine. Sie freue sich nun darauf, die Banker bald zu treffen.

Perestroika im Portfolio

Banking Drittanbieter dürfen in der EU bald auf Konten zugreifen und Zahlungen auslösen. Die Banken könnten die Schnittstelle zum Kunden verlieren – auch in der Schweiz.

Brüssel hat im Banking Grosses vor. Es geht um nichts weniger als die Entbündelung des Bankgeschäfts zum Endkunden. Dazu wird die Wertschöpfungkette der Finanzinstitute filetiert. Das passiert, indem eine neue EU-Richtlinie namens „Payment Service Directive 2“ (PSD2) den Banken vorschreibt, gewisse digitale Schnittstellen für Drittanbieter kostenlos zu öffnen.

Sind diese sogenannten API offen, lassen sich ganz neue Geschäftsmodelle denken. Zum Beispiel: Alle Bankbeziehungen auf einen Blick oder echte Performance-Vergleiche über alle Vermögensbanken hinweg. Die kombinatorische Blaupause bilden Tech-Plattformen wie Amazon, der Taxidienst Uber oder die Buchungsoberfläche Airbnb, deren Services nur dank dem offenem API-Zugriff auf Drittunternehmen wie Google überhaupt erst möglich wurden.

PSD2 erzwingt diese offene Architektur nun auch im Banking. Die Direktive gilt ab 2018 im gesamten EU-Raum und könnte das Bankgeschäft in den nächsten Jahren fundamental umwälzen. Auch Schweizer Banken werden sich der Gravitation von PSD2 nicht entziehen können – trotz fehlender Rechtskraft.

Konkret soll PSD2 Drittanbietern kostenlos den Zugriff auf Kontoinformationen sowie die Auslösung von Zahlungen gewähren. Vorausgesetzt natürlich, der Bankkunde gibt zum Zugriff sein Einverständnis. Brüssel erhofft sich durch den regulatorischen Nadelstich mehr Wettbewerb und Innovation. „Mit der Öffnung der API könnte ein veritabler Innovations-Tsunami ausgelöst werden“, prophezeit ein Vertreter des Infrastrukturbetreibers SIX. Entscheidend sei jetzt, wie die technische Schnittstelle ausgestaltet werde. „Je offener die Ausgestaltung, desto rascher die Ausbreitung.“

Ein Wolf im Schafspelz

Für Teile der Finanzindustrie kommt die europäische Direktive einem unerlaubten Griff in den Tresor gleich. „Klassische Banken haben grosse Mühe beim Gedanken, gegenüber einem Fintech ihre sensitiven Schnittstellen öffnen zu müssen“, sagt Daniel Diemers, Digitalexperte und Partner bei PwC Strategy&. Migros-Bank-Sprecher Urs Aeberli spricht von „Herausforderungen auf verschiedenen Ebenen“: Zum einen könnten bestehende Zahlungsdienstleistungen vermehrt durch neue Angebote ersetzt werden, was die Kreditkartenerträge schmälert. Zum anderen sei noch nicht absehbar, inwieweit die neuen Zahlungsdienstleister „mittel- und längerfristig ihre Geschäftsfelder über den angestammten Bereich erweitern werden“.

Denn die Brüsseler Direktive mag zwar vorderhand auf den Zahlungsverkehr fokussieren. Aber PSD2 ist ein Wolf im Schafspelz. Indem sich Drittanbieter zwischen Bank und Kunde schieben, droht das einzelne Finanzinstitut zum reinen Kontoverwalter degradiert zu werden, und zwar auch im Anlageund Vermögensgeschäft.

So ergab eine Umfrage von PwC bei 30 Euro-Banken, dass zwei Drittel sich davor fürchten, mit PSD2 die Kundenschnittstelle zu verlieren. Denn bereits heute existieren Personal-Finance-Firmen wie eWise oder die Zürcher Qontis, die Bankbeziehungen aggregieren, um über eine singuläre Oberfläche einen holistischen Blick auf die persönlichen Finanzen des Kunden zu gewähren. Diesen Fintechs fehlte bislang bloss der rechtliche Durchgriff auf die Kundendaten. Mit PSD2 wird nun diese Basis geschaffen, wodurch neue Angebote wie transparente Anlage-Performance-Vergleiche oder einfache Anbieter-Wechsel möglich werden. PwC-Stratege Diemers ist überzeugt, dass hier der eigentliche Hebel von PSD2 liegt: „Die Disruption wird in komplexen Bankgeschäften ansetzen, wo die Schnittstellen bislang geschlossen waren und der Markt fragmentiert beziehungsweise abgeschottet war.“

Dass Banken dieser Kannibalisierung nicht tatenlos gegenüberstehen, zeigt das Beispiel von BBVA. Die spanische Grossbank hat ihre einfachen Kontound Zahlungsschnittstellen bereits für Dritte geöffnet. Die Idee dahinter ist, einen Marktplatz zu schaffen, auf dem die Bank künftig mit kostenpflichtigen Premium-Schnittstellen für Drittanbieter Geld verdienen will. BBVA vollzieht damit den Schritt vom sequenziellen Vollanbieter zu einer Banking-Plattform, an der auf beliebige Weise angedockt werden kann.

Von solch progressiven Ansätzen ist das Swiss Banking noch weit entfernt. Nicht zuletzt, weil sich keine Schweizer Bank im rauen, europäischen Retailgeschäft behaupten muss. Vielmehr kaprizieren sich die Platzhirsche auf den juristischen Heimatschutz. Man verfolge die Entwicklungen „nicht zuletzt auch im Interesse der Kunden“, lässt die Schweizerische Bankiervereinigung stellvertretend für die Branche ausrichten und betont zugleich: „Bei der PSD2 handelt es sich um eine europäische Direktive, die keine direkte Anwendung in der Schweiz entfaltet.“

Doch selbst dieser rechtliche Sonderstatus ist in der hiesigen Bankbranche umstritten: Die Schweiz sei zwar kein EU-Mitglied, sagt Migros-Bank-Sprecher Urs Aeberli: „Aber für eine fortgesetzte Teilnahme am Euro-Zahlungsverkehrsraum SEPA müssen wohl der Gesetzgeber beziehungsweise die Schweizer Finanzinstitute aufzeigen, dass im schweizerischen Recht gleichwertige Bestimmungen oder eine gleichwertige Praxis vorhanden sind.“

Innovationsdruck auf die Schweiz

Ob dieser Äquivalenz-Beweis gegenüber der EU tatsächlich erbracht werden muss, ist unter Fachjuristen höchst umstritten, aber letztlich wohl zweitrangig. Denn die Macht des Faktischen wird an den Landesgrenzen nicht haltmachen. „Die Einführung von PSD2 wird auch auf die Schweiz einen Innovationsdruck ausüben“, meint ein Vertreter des Infrastrukturbetreibers SIX lapidar.

Schwerer wiegt aus Perspektive des Finanzplatzes, dass die von PSD2 erfassten Drittparteien in der Schweiz nicht explizit reguliert sind. „Auch auf Druck der Banken“, weiss ein Fachjurist. Entsprechend unterschiedlich ist die Handhabe der Banken gegenüber den Third-Party-Providern wie dem Zahlungsauslösedienst Sofort. Die Finanzinstitute müssten sich zusammenraufen und endlich eine gemeinsame Regelung finden, „ohne dass sich der Gesetzgeber einschalten muss“, sagt der Anwalt. Die Finanzmarktaufsicht Finma spielt den Ball derweil den Parlamentariern zu: „Ob eine analoge Regelung in der Schweiz geschaffen werden wird, ist ein politischer Entscheid.“

Das Nachsehen am unregulierten Zustand haben indes jene Schweizer Fintechs, die in Europa nach PSD2 Zahlungs- und Kontodienste anbieten wollen. Ihnen bleibt nur der Auszug aus der Heimat in die EU.

Billige Alternative

Negativzins Banken machen aus der SNB-Politik ein Geschäft. Sie offerieren anderen Anlegern tiefere Strafzinsen als die Nationalbank.

Geschäftsbanken drohen gern damit, die seit Dezember 2014 geltenden Negativzinsen der Nationalbank auf Privatkunden abzuwälzen. Kleinere Institute wie der Börsenbroker Swissquote und die Alternative Bank tun dies bereits. Inzwischen rütteln aber auch gewichtige Finanzplayer am Tabu. Migros-Bank-Chef Harald Nedwed denkt laut über die Weitergabe der Negativzinsen nach. UBS-Chef Sergio Ermotti nimmt seine vermögende Kundschaft ins Visier. Und in Deutschland knöpft eine Raiffeisenbank ihren solventen Sparern bereits Strafzinsen ab.

Im branchenweiten Wehklagen über die schädliche SNB-Politik geht gerne vergessen, dass die Negativzinsen für zahlreiche Schweizer Banken auch ein gutes Geschäft sein können. Denn längst nicht alle Institute stossen mit ihren Geldern an die Freibetragsgrenze. Ab dieser Grenze müssen die Banken der Nationalbank Strafzinsen von 0,75 Prozent bezahlen.

So sagte Roland Ledergerber – Chef der St. Galler Kantonalbank – jüngst öffentlich, man benötige nur rund 2,7 der 3,4 Milliarden Franken Freibetrag selbst. Dieser Spielraum wird im ordentlichen Geschäft benötigt, aber auch gegen Gebühr Dritten zur Verfügung gestellt. Zur Bewirtschaftung der Freigrenze nimmt die SGKB beispielsweise kurzfristige Geldanlagen von ausländischen Investoren entgegen, sagt Sprecher Simon Netzle. Dabei ist auch klar, dass der Zinssatz tiefer sein muss als jene 0,75 Prozent, welche die Nationalbank ihren Girokonto-Inhabern verrechnet. Die aktive Bewirtschaftung der Freigrenze ist profitabel: Anlässlich des Halbjahres-ergebnisses sprach SGKB-Chef Ledergerber von einem Ertrag im tiefen, einstelligen Millionenbereich.

Überschüssiges Geld

Nicht nur die St. Galler betreiben die Negativzins-Arbitrage. Die Regionalbanken-Gruppe Clientis kommt auf eine Freigrenze von 1 Milliarde Franken, die sie im ersten Halbjahr nahezu ausgeschöpft hat. Zur Ausschöpfung der Freigrenze bei der SNB haben andere Finanzdienstleister und institutionelle Anleger überschüssige Gelder bei uns angelegt und dafür einen geringeren Negativzins als bei der SNB bezahlt, sagt Sprecher Stefan Kaspar. Clientis konnte so den Zinserfolg im ersten Halbjahr um 350 000 Franken verbessern.

Auch die Berner Valiant konnte in der gleichen Periode fünf Basispunkte Ertrag aus dem Umfeld der Negativzinsen erwirtschaften, wie die Bank mitteilt. Dies bei einer Freibetragsgrenze von 2,8 Milliarden Franken. Allerdings reiche die aktive Bewirtschaftung bei Valiant nicht aus, um wegfallende Erträge wegen der Negativzinsen zu kompensieren.

Dass zahlreiche Retail- und Staatsbanken überhaupt an den Negativzinsen verdienen können, liegt im Meccano der Freigrenze begründet. Die Freigrenze entspricht nämlich dem 20-Fachen der Mindestreserve, die eine Bank bei der SNB halten muss. Die Mindestreserve bemisst sich prozentual an den kurzfristigen Verbindlichkeiten der Bank gegenüber Sparkunden und anderen Instituten. Kantonal- und Retailbanken haben naturgemäss mit ihrem Zinsdifferenzgeschäft grosse Spareinlagen und müssen eine entsprechend hohe Mindestreserve bei der SNB halten – was wiederum zu einer relativ hohen Freigrenze führt. Ganz im Gegensatz zu Privatbanken, deren Vermögensverwaltungsgeschäft kleine Mindestreserven verlangt. Entsprechend tiefer sind die Freibetragsgrenzen, sodass Vermögensbanken ihre überschüssige Liquidität bei anderen Geschäftsbanken parkieren müssen, wollen sie nicht der SNB direkt die vollen 0,75 Prozent abliefern.

Die Währungshüter bleiben indes gelassen. Schon bei der Einführung der Negativzinsen habe man mit dieser Freibetrags-Praxis gerechnet, heisst es aus SNB-Kreisen. Beunruhigt sei man deswegen nicht, vielmehr sei es eine natürliche Folge davon, dass einige Institute durch die Negativzinsen stärker zur Kasse gebeten würden als andere.

Bereits kurz nach Einführung der Negativzinsen hatte der damalige SNB-Vize Jean-Pierre Danthine der Handelszeitung gesagt: Vermutlich wird man noch eine gewisse Umschichtung der Gelder zwischen den einzelnen Banken beobachten. Diese Umschichtung manifestiert sich jetzt in den Bilanzen (siehe Grafik). Doch darüber sprechen wollen viele Banken lieber nicht.

So schnellte bei der Schwyzer Kantonalbank der Bilanzposten Verpflichtungen gegenüber Banken von Ende 2014 auf 2015 von 50 auf 800 Millionen Franken, was einer Verfünfzehnfachung entspricht. Man betreibe ein aktives Liquiditätsmanagement, heisst es dazu lapidar bei der SZKB. Bei der Zuger KB verzehnfachte sich der Wert, wenngleich auf bescheidenem Niveau, von 2 auf 23 Millionen Franken. Details zum Bilanzmanagement kommuniziere man im Hinblick auf die Wettbewerbssituation im Markt nicht, so die Zuger KB.

Insgesamt stiegen von 2014 auf 2015 bei allen 26 Kantonalbanken die Verpflichtungen gegenüber Banken um 11 Milliarden Franken oder gut 22 Prozent. Ein Indiz, dass andere Institute die Kantonalbanken als preiswerte Negativzins-Alternative zur SNB nutzen.

Brexit oder das EU-Einfallstor schliesst sich

Brexit Alexis P. Lautenberg ist Cheflobbyist der Schweizer Grossbanken – UBS und Credit Suisse – bei der Europäischen Union und zugleich Präsident der britisch-schweizerischen Handelskammer. Der Ex-Diplomat kennt die Politmechanik in Brüssel und Britannien aus dem Effeff. Lautenberg glaubt nicht, dass der Finanzplatz London kurzfristig einen Exodus an Schweizer Banken erleben wird. Aber, so Lautenberg: Viele Institute nehmen den Brexit zum Anlass, ihre eigene Präsenz in Europa zu überdenken. Denn London als Einfallstor in die EU schliesst sich mit dem Brexit teilweise oder ganz. Die Banken wälzten seit geraumer Zeit Szenarien, sagt Günther Dobrauz, Experte für Finanzmarktregulierung bei PwC: Aufgewacht sind die Institute mit dem Referendum über den Austritt Schottlands aus Grossbritannien.

So hat beispielsweise die UK-Tochter der Credit Suisse, die in London gut 6000 Beschäftigte zählt, seit vergan genem Jahr eine Brexit Working Group eingerichtet. Diese versuche, die möglichen operationellen Auswirkungen für die CS-Geschäfte im Vereinigten Königreich und in der Europäischen Union abzumildern, schreibt die Grossbank in einer Stellungnahme. Auch für Konkurrentin UBS ist London mit gut 5500 Beschäftigten ein wichtiger Finanz-Hub. Über die Tochter UBS Limited steuert die Grossbank von der City aus ihren Investment-Banking-Arm unter Führung von IB-Chef Andrea Orcel. Im vergangenem Jahr generierte die UBS Limited ein operatives Ergebnis von 727 Millionen Pfund. Die britische Investment-Bank-Tochter dient dabei auch als Einfallstor in die Europäische Union mit eigenen Zweigstellen in Deutschland, Polen, Schweden und den Niederlanden. Erst Anfang dieses Jahres hat sich die UBS Limited auch die italienische Investment-Bank-Tochter einverleibt und in Mailand eine Filiale eröffnet.

Äquivalenz a gogo

Dieses EU-Filialnetz der britischen UBS Limited steht mit dem Brexit auf dem Prüfstand, denn das Vereinigte Königreich könnte den Zugang zum EU-Finanzmarkt verlieren und müsste fortan auf eine äquivalente Anerkennung seitens Brüssel hoffen. PwC-Experte Dobrauz sieht grosse Rechtsunsicherheiten aufziehen: Es gibt EU-Vorschriften, die im britischen Recht umgesetzt wurden. Andere Vorschriften wie die Mifid-Regulierung entstammen direkt dem Mitgliedschaftsvertrag: Wenn der gekündigt wird, fällt man regulatorisch in ein schwarzes Loch. Umgekehrt bietet der Brexit aber auch Chancen, indem die Schweiz mit Grossbritannien – ohne institutionellen Ballast – ein Finanzdienstleistungsabkommen aushandeln kann. Wir könnten uns so den Briten stärker als der EU annähern, sagt Brüssel-Lobbyist Lautenberg.