Novartis – Tatort Maulbeerstrasse

Industriespionage Ein chinesischer Forscher soll bei Novartis in Basel Geschäftsgeheimnisse gestohlen haben. Der Pharmariese blieb untätig. Die Hintergründe.

Freitag, 31. Oktober 2014. Ein Kurier des Logistikers Fedex fährt beim Friedrich Miescher Institute (FMI) in Basel vor. Sein Auftrag: ein Paket abholen. Die Destination lautet Nanjing.

Der Absender: ein chinesischer Forscher, der am FMI arbeitet. Ein Institut für molekularbiologische Grundlagenforschung, das zu Novartis gehört.

Der Empfänger: eine chinesische Biotech-Firma namens Renopharma. Die Firma wurde von der Schwester des Absenders mitgegründet, die in den USA forscht; sie gilt als Schlüsselfigur im Industriespionage-Fall beim britischen Pharmakonzern GSK. Der Schaden soll dort 550 Millionen Dollar betragen. Mitfinanziert wurde Renopharma vom chinesischen Staat, der das vielversprechende Startup aus Nanjing 2014 und 2015 mehrmals mit Beträgen von mehreren zehntausend bis hin zu einer Million Yuan ausstaffierte.

«Gerade angefangen, noch nicht fertig. Es dauert ein paar Tage, die Konzentration muss noch optimiert werden», hatte der Absender Tian Wang (Name von der Redaktion geändert) ein paar Tage zuvor an seine Schwester in den USA geschrieben.

Doch nun war das Päckchen mit den Krebs-Antikörpern, die er – entgegen den Regeln des Novartis-Instituts – für Renopharma getestet hatte, bereit für den Versand nach China.

Dokumentiert ist der Fall in einer Anklageschrift der Staatsanwaltschaft des Eastern District of Pennsylvania. Die amerikanischen Strafverfolger sehen in Wang einen Mitverschwörer im Industriespionage-Fall GSK und fordern nun von der Schweiz dessen Auslieferung.

Damit wird erstmals öffentlich, wie ein chinesischer Wissenschafter in der Schweiz mutmasslich Geschäftsgeheimnisse an ein Unternehmen in seiner Heimat verriet. Und wie ein Konzern wie Novartis mit dem Verweis darauf, die Verluste seien «vernachlässigbar», auf eine strafrechtliche Verfolgung eines mutmasslichen Wissenschaftsspions verzichtete. Tian Wang – ein Fall um Brain, Biotech und Big Business im Dreieck Schweiz–China–USA.

Ein vielversprechender Start

Dabei sah zunächst alles nach einer erfolgreichen Wissenschaftskarriere aus, wie sie für das aufstrebende China der beiden letzten Jahrzehnte des 20. Jahrhunderts typisch war: Tian Wang, 1969 in Peking geboren, studierte von 1988 bis 1992 Biochemie und Molekularbiologie an der Universität von Zhengzhou, einer Stadt in der zentralchinesischen Provinz Henan. 1995 machte er an der Chinese Academy of Medical Sciences (CAMS), der einzigen nationalen Hochschule für Medizin in China, seinen Master mit einer Arbeit zum Thema HIV-Impfung.

Der Sprung auf die internationale Bühne gelang ihm 1997. Tian Wang kommt als Unesco-Stipendiat nach Prag, wo er zur Signalübertragung in Proteinen forscht. Seinen Doktor macht er schliesslich 1997 an der mathematisch-naturwissenschaftlichen Fakultät der Universität Zürich, wiederum zum Thema HIV.

Die Wissenschaftsdatenbank Google Scholar verzeichnet 771 Publikationen unter seinem Namen; die am meisten zitierte – eine Arbeit wiederum über die Signalübertragung in Proteinen – wurde 221 Mal aufgenommen. Zahlen, wie sie jeder wissenschaftlichen Karriere gut anstehen.

Ständige Angst vor Entdeckung im Novartis-Labor

Doch dann kommt die Wende. Von 2010 bis 2014 soll der Basler Wissenschafter Geschäftsgeheimnisse an seine bei GSK in den USA tätige Schwester weitergegeben und dafür im Gegenzug vertrauliche GSK-Unterlagen von ihr erhalten haben.

Die amerikanischen Gerichtsunterlagen zeichnen das Bild eines Mannes, der sich sehr wohl bewusst war, dass er den Regeln zuwiderhandelte und alles daransetzte, nicht aufzufliegen. So schrieb er am 9. November 2010, fast vier Jahre vor dem Fedex-Päckli nach China, per E-Mail an seine Schwester; sie forschte damals für GSK in den USA: «Beiliegend drei Files, (…), die dir helfen könnten. Die ersten beiden sind hochgradig vertraulich, du solltest sie NICHT jemandem anderen zeigen.» Weiter heisst es im Mail von Wang: «Wir müssen einen Vorwand oder einen Grund finden, mit ihnen (den Dokumenten) weiterzuarbeiten oder öffentlich über sie zu sprechen, OHNE das Institut oder Labor ZU NENNEN.» Und dann weist er seine Schwester an: «Du tätest besser daran, diese Nachricht an deine persönliche E-Mail-Adresse weiterzuleiten und sie zu löschen.»

Gleichentags forderte Wang sie in einem Mail auf, ihn nicht im Novartis-Institut anzurufen: «Hier gibt es nun einige chinesische Studenten.» Sie könne ihn zu Hause anrufen; er lebte bescheiden in einem Wohnblock in einer Basler Vorortsgemeinde.

«Bitte vertraulich behandeln»

Doch die Angst, entdeckt zu werden, hinderte den chinesischen Postdoc nicht daran, weiterzumachen: Am 7. Dezember 2010 liess er seiner Schwester ein E-Mail mit Informationen über die Rolle und die Mechanismen von MerTK zukommen. MerTK ist ein Molekül, das bei einigen Krebsarten übermässig ausgeprägt ist; mit ihm verbindet die Wissenschaft Hoffnung auf neuartige Krebstherapien. Knapp drei Wochen später doppelte er mit weiteren Informationen zu MerTK nach.

Gut drei Monate später, am 5. März 2011, bekam seine Schwester in den USA erneut ein E-Mail aus Basel. Diesmal ging es um «wissenschaftliche Informationen zu Krebsmedikamenten», wie es in den US-Gerichtsunterlagen heisst.

Nochmals gut einen Monat später setzte sich der heikle innerfamiliäre Wissenstransfer fort: «Heute habe ich noch eindrücklichere Resultate bekommen»; es sei ihm gelungen, Hautkrebszellen zum Absterben zu bringen, schrieb Wang am 11. April 2013 seiner Schwester; inklusive der Aufforderung: «Bitte vertraulich behandeln!»

Und ein gutes Jahr später, nämlich am 10. September 2014, teilte er ihr mit: Der PDL2, also der entsprechende Hemmer für das Molekül MerTK, habe bereits «eine kristalline Struktur»; er frage sich, ob die Interaktion zwischen dem beiden Molekülen auf dem Computer simuliert werden könne.

Wenig später begannen die Vorbereitungen für die Labortests. Wang forderte seine Schwester in den USA auf, ihm je 5 Milliliter PDL1- und PDL2-Antikörper zu schicken. Dies, obwohl sich Wang bei seiner Anstellung Ende 2007 gegenüber dem FMI verpflichtet hatte, «keine Aufträge von Dritten anzunehmen oder ein eigenes Geschäft zu betreiben».

Dazu muss man wissen: Bei PDL1 und PDL2 handelt es sich um Inhibitoren. Sie hebeln die Abwehrreaktionen des Krebses gegen Therapien aus. Die Immunonkologie war in den vergangenen Jahren das heisseste Feld der Krebsforschung.

Spin-Off aus dem Novartis-Labor

Mit dem Versand des Fedex-Päcklis endete Wangs Zeit am FMI. Nicht aber in Basel. Mitte 2015 gründete der Krebsforscher zusammen mit zwei Schweizer FMI-Kollegen eine eigene Biotech-Firma, die er seither auch präsidiert. Gemäss Handelsregister bezweckt sie «die Herstellung, die Verwertung, den Erwerb und den Vertrieb von pharmazeutischen Produkten». Grösster Einzelinvestor bei der Gründung war ein lokaler Logistikunternehmer; er steckte rund 1 Million Franken in die Unternehmung. Der Investor kommentierte die Angelegenheit auf Anfrage nicht; ebenso wenig der Basler Immobilienunternehmer, der als Delegierter des Verwaltungsrates amtet.

Das Unternehmen ist im Basler Technologiepark Stücki angesiedelt und forscht gemäss Eigenbeschrieb an «neuartigen Antikörper-Therapien» im Krebsbereich. Investoren attestieren der von Tian Wang mitgegründeten Firma offenbar Zukunftspotenzial: Der Ausgabebetrag der Aktien stieg von 357.50 Franken bei der Gründung auf 1250 Franken im letzten Jahr, als die Gesellschaft eine ordentliche Kapitalerhöhung beschloss. 2016 konnte das Unternehmen eine Lizenzvereinbarung mit einem an der Nasdaq kotierten Unternehmen abschliessen. Das US-Unternehmen reagierte nicht auf eine Anfrage.

Unterstützung von der Schweiz

Ob es eine Verbindung zwischen den möglicherweise strafbaren Machenschaften Wangs am FMI und der Forschung im Startup gibt, ist offen. Fest steht, dass Wangs Firma von hiesigen Förderprogrammen profitierte. Das Biotech ist im Core-Coaching-Programm von Innosuisse, der Agentur für Innovationsförderung des Bundes. Dabei finanziert Innosuisse einen oder mehrere Businesscoaches, «welche das Startup bei der Gründung und Weiterentwicklung des Unternehmens begleiten und unterstützen», wie eine Innosuisse-Sprecherin erklärt. Zudem kam das Startup 2018 in den Genuss einer Unterstützung von 10 000 Franken von Baselaunch, um seine Pipeline weiterzuentwickeln. Baselaunch ist ein Programm der Wirtschaftsförderung Basel Area, bei dem unter anderem auch Novartis Partner ist.

Friedrich Miescher Institute (FMI) wie Novartis beantworteten keine Fragen zu Tian Wang und seiner mutmasslichen Spionagetätigkeit. Das FMI schreibt nur, man habe mit der Staatsanwaltschaft von Pennsylvania bei den Ermittlungen zusammengearbeitet, «konkret haben wir Fragen zu Tian Wang beantwortet». Weitere Auskünfte seien nicht möglich, da es sich um eine laufende Untersuchung handle. Die Uni Basel, der das FMI ebenfalls angegliedert ist, schreibt, sie habe keine Kenntnis von dem Fall und gehe «nach einer ersten Abklärung» davon aus, dass kein Schaden für sie entstanden sei.

Den Gerichtsunterlagen zufolge stellte sich Novartis auf den Standpunkt, die Weitergabe von Dokumenten sei nicht als «Diebstahl» zu werten. Die Amerikaner sehen den Fall anders. Sollte Wang ausgeliefert werden, droht ihm eine Gefängnisstrafe von bis zu zwanzig Jahren.

Nur keine Schnappatmung

China Es ist ein Fakt: China kauft sich die Welt – und damit auch die Schweiz mit ihren attraktiven Unternehmen. Und ja, die Volksrepublik ist keine Marktwirtschaft nach westlichem Vorbild, sondern verfolgt einen Staatskapitalismus mit planwirtschaftlichen Methoden.

Dass die Führung in Peking mit harter Industriepolitik auf Shopping-Tour ins Ausland geht, mag ordoliberale Geister bis ins Mark erschüttern. Umgekehrt ist auch die Schweiz keine Musterschülerin: Ob Banken, Telekom oder Stromwirtschaft, weite Teile der Wirtschaft werden vom Staat kontrolliert. Und wer nicht in den Händen von Bund und Kantonen liegt, hat ausländische Staaten wie Katar oder Singapur als Ankeraktionär. Ja, selbst der grösste Bürokomplex der CS gehört Norwegen.

Die Politiker in Bundesbern sollten sich also mit protektionistischen Parolen vor der «roten Gefahr» zurückhalten. Billiger Nationalismus ist schlicht fehl am Platz. Die Schweiz muss als Kleinstaat weiterhin einen gesunden Opportunismus pflegen. Mag die Bürokratie in Brüssel ihre Sträusse mit der Partei in Peking ausfechten. Unser Land darf seinen liberalen Kompass nicht verlieren.

Will heissen: Offene Märkte, freier Kapitalfluss und kein verschärftes Regime für ausländische Investoren. Denn die Früchte dieser freiheitlichen Politik kann die Schweiz mit China bereits ernten: Das Freihandelsabkommen ist ein aussenwirtschaftlicher Trumpf.

Hungriger Panda

China Staatsnahe Firmen aus der Volksrepublik haben in den vergangenen Jahren Dutzende Schweizer Firmen geschluckt. Nun regt sich Widerstand gegen den Ausverkauf der Heimat.

Der rote Riese kommt auf leisen Sohlen daher. Das jüngste Beispiel ist China Unicom. Der halbstaatliche Konzern gehört zu den weltgrössten Telekomanbietern und hat vor wenigen Tagen eine Niederlassung in Zürich eröffnet. Dass sich der volkseigne Telekomgigant hier ansiedelt, ist kein Zufall. Verbindet China Unicom doch ausländische Töchter von Multis mit den Konzernzentralen.

Eine Standleitung ins Reich der Mitte? Dieses Geschäftsmodell des Riesen-Telco dürfte sich auch in der Schweiz lohnen. Chinas Unternehmen sind hierzulande nämlich auf Expansionskurs. Eine Auswertung des Wirtschaftsdienstes Bisnode D&B zeigt, dass mittlerweile über achtzig Firmen einen direkten chinesischen Eigentümer haben (siehe Link unten). Parallel zur Kauf-Tour steigt in Bundesbern das Unbehagen gegenüber den Staatskapitalisten. Denn ein gewichtiger Teil der China-Investments läuft nach industriepolitischem Drehbuch durch staatlich gelenkte Konzerne ab. «Es kann dem Schweizer Staat nicht gleichgültig sein, wenn auf seinem Gebiet ein anderer Staat geopolitische Interessen ausübt», sagt SVP-Nationalrat Hans-Ueli Vogt, der mehrere Interpellationen zur «Übernahme schweizerischer Firmen durch chinesische Staatsfirmen» eingereicht hat.

60 Milliarden Dollar in Schweizer Firmen
Vogts Anfragen gewinnen laufend an Brisanz. Zuletzt erhöhte im August das undurchsichtige Konglomerat HNA Group beim Basler Duty-Free-König Dufry auf gut 20 Prozent. Kostenpunkt: 1,4 Milliarden Dollar. Gemäss dem angelsächsischen «China Global Investment Tracker» pumpten rote Unternehmer seit 2005 gegen 60 Milliarden Dollar in Schweizer Firmen (siehe Grafiken). Die Transaktionssumme ist mit Vorsicht zu geniessen. Denn «getrackt» werden nur Übernahmen, bei denen gelistete Unternehmen im Spiel sind. Die grossen, kotierten Transaktionen wie Syngenta oder Gategroup seien nur die Spitze des Eisbergs, sagt Wirtschaftsanwalt Markus Vischer von der Kanzlei Walder Wyss. «Das Interesse an Schweizer Firmen, gerade auch an mittelständischen, ist sehr gross. Chinesische Interessenten sitzen mittlerweise bei praktisch allen Bieterverfahren mit am Tisch.»

Allerdings ernten die chinesischen Avancen nicht nur Beifall. «Die Euphorie ist gewichen», sagt ein Schweizer M&A-Berater, der einige China-Deals begleitet hat. Nebst erhöhten Transaktions-, Finanzierungs- und Compliance-Risiken sieht der Consultant vor allem die staatliche Einflussnahme kritisch: Die Frage, wo der Kaufinteressent in der Partei-Nomenklatur stehe, werde für die Verkäufer zusehends zentraler. Schliesslich entfielen im letzten Jahr weltweit fast die Hälfte aller Übernahmen mit chinesischer Beteiligung auf Staatsfirmen. Und auch die privaten Unternehmer stehen, zumindest ab einem gewissen Umfang, unter der Fuchtel der Partei. Denn die Grossakquisitionen im Westen haben stets einem Masterplan zu gehorchen.

Mit Industriepolitik zur Weltführerschaft
Sebastian Heilmann ist Sinologe und Gründer des Mercator Institute for China Studies in Berlin. Für Heilmann ist klar: «China verfolgt einen industriepolitischen Fahrplan, den der Westen kennen muss.» Das staatliche Programm «Made in China 2025» sehe beispielsweise vor, in Hightech-Industrien wie Robotik, künstliche Intelligenz, Med- und Biotech sowie Luft- und Raumfahrtindustrie vorzudringen. «China will aufholen und den Westen längerfrisitig überholen, um schliesslich an die Spitze der Wertschöpfungskette zu gelangen.» Denn die bisherige Arbeitsteilung der Weltwirtschaft mit dem Reich der Mitte als Werkbank und dem Westen als Denkplatz werde zusehends als «unfair» betrachtet.

China strebe klar die Technologie-Führerschaft in Schlüsseltechnologien der Zukunft an. Die ehrgeizigen «Made in China»-Ziele liessen sich aber nur durch Zukäufe im Westen realisieren, sagt Experte Heilmann. Viele europäische Firmen, auch in der Schweiz, seien bevorzugte Übernahmeobjekte, um gezielt an technologisches Know-how zu kommen. Der Einparteien-Staat fördere deshalb aktiv gewichtige Auslandsübernahmen wie jene des Schweizer Agrokonzerns Syngenta durch Chem China. «Dabei gewähren chinesische Staats- und Förderbanken bei solch strategischen Akquisen grosszügige Finanzierungen», sagt Heilmann.

Dieses industriepolitische Powerplay stosse der EU zusehends sauer auf, weil es an der Wechselseitigkeit mangle. Mit China gebe es derzeit kein Level Playing Field. «Wir Europäer spielen in der Volksrepublik stets bergauf», sagt Heilmann und betont, dass solche Megamerger wie Syngenta umgekehrt für europäische Unternehmen in China «undenkbar» wären. Freihandel und offene Märkte müssten deshalb auf dem politischem Parkett erkämpft werden, sagt Heilmann: «Die Europäer waren bislang zu weich und zu naiv.»

Nun aber ändert sich die Tonlage. Die EUHandelskammer in Peking hat jüngst 15 Branchen benannt, in denen es für europäische Firmen keinen gleichberechtigten Zugang gebe. Ein Beispiel: Künftig verlangt die chinesische Lebensmittelkontrolle für alle ausländischen Nahrungsmittel zusätzliche Inspektionen, und zwar auch auf vermeintlich sicheren, weil haltbaren Produkten. «Es scheint, als gehe es dabei mehr um den Schutz heimischer Produzenten als um Nahrungsmittelsicherheit», kritisierte der deutsche China-Botschafter Michael Clauss die Vorschrift. Auch die Schweizer Botschaft in Peking hat ihre Bedenken schriftlich mitgeteilt.

Wenig überraschend rangiert China auf Platz 59 von 62 Ländern in einer OECD-Liste, wenn es um «Offenheit» gegenüber ausländischen Direktinvestitionen geht. Auch Schweizer Unternehmern sind die Probleme in China bestens bekannt. Doch aus Angst vor Retorsionsmassnahmen will sich niemand exponieren. «Unsere Wirtschaft braucht Reziprozität», sagt FDP-Ständerätin Karin Keller-Sutter. Der Bundesrat müsse dafür sorgen, dass der chinesische Markt aufgehe. «Oder man signalisiert, dass man restriktiver wird, wenn die Gegenseitigkeit weiterhin nicht gewährt wird», ergänzt SVP-Nationalrat Vogt.

Schärfere Kontrollen
Ein Druckmittel gegenüber Peking sind verschärfte Übernahmekontrollen. Deutschland setzt seit diesem Sommer darauf, nachdem das Land sicherheitssensitive Take-overs wie die Übernahme des Industrie-Robotikers Kuka durch die südchinesische Haushaltsfirma Midea zu verdauen hatte. Die Verschärfung sieht vor, dass Investitionen aus Nicht-EU-Ländern meldepflichtig werden, wenn es um «kritische Infrastrukturen» geht wie Software für die Stromversorgung oder Cloud-Dienste für Banken. Den Begriff «Kritische Infrastruktur» fassen die Deutschen derweil sehr breit. Man sei zwar eine offene Volkswirtschaft, aber nicht naiv, betonte der zuständige Staatssekretär in der «Süddeutschen Zeitung».

Auch in der Schweiz ist die politische Debatte über die Kontrolle staatsnaher Investoren aus dem Ausland voll entbrannt. Die Vorschläge reichen von einer Ausweitung der Lex Koller auf die heimische Wasserkraft, um ausländisches Kapital fernzuhalten, über den Schutz von Schlüsseltechnologien bis hin zu einer Positivliste, auf der strategisch wichtige Firmen wie Bankdienstleister oder Telekomkonzerne stehen sollen.

Welche Konsequenzen eine Kontrolle ausländischer Investoren hat, zeigt sich in Deutschland. Dort sei die Verschärfung des Aussenwirtschaftsgesetzes deutlich zu spüren, sagt ein Berater, der kürzlich einen China-Deal begleitet hat. «Der Take-over eines Mittelständlers durch eine chinesische Familiengesellschaft wurde intensiv begleitet. Bis zum Closing dauerte es länger.» Nebst geplanten Technologietransfers seien auch die Financiers geprüft worden. Denn zuweilen bleiben die Geldgeber aus China bis zuletzt unbekannt, wie die Übernahme des Airline-Caterers Gategroup gezeigt hat, welche die südchinesische HNA Group Ende 2016 schluckte.

Im ursprünglichen Gategroup-Angebotsprospekt waren drei HNA-Mitgründer als Eigentümer nicht aufgeführt; in einer Publikation ein Jahr später aber schon. Die Schweizerische Übernahmekomission hat HNA deshalb ultimativ aufgefordert, Klarheit über die «Anbieterstruktur» zu schaffen. Das Verfahren läuft derzeit noch. M&A-Anwalt Vischer betont, dass undurchsichtige Eignerverhältnisse in Übernahmetransaktionen oftmals ein «Deal-Breaker» seien: «Intransparenz kann dazu führen, dass M&A-Transaktionen scheitern.»

Die HNA Group hat hierzulande auch wegen waghalsiger Finanzierungen zu reden gegeben. Ihre Tochter Swissport musste im Frühsommer einen technischen Zahlungsausfall vermelden, den die Gesellschaft offenbar gar nicht bemerkt hatte. Schliesslich schoss der Mutterkonzern über 700 Millionen Euro ein, um kurz darauf Swissport erneut als Bank zu brauchen. So gewährte Gategroup im Juni einen 100-Millionen-Euro- und im August einen 400-Millionen-Euro-Kredit an «nahestehende Parteien».

Solches Finanz-Engineering sei typisch für private Investoren aus China, sagt Heilmann: «Diese haben Mühe, ihr Kapital aus der Volksrepublik zu bringen, und setzen deshalb Auslandstöchter als Sicherheiten für weitere Deals ein.»

Käufer aus China sind beliebte Eigner
Derlei Geschäfte schaffen zwar kein Vertrauen, treiben aber die Preise in Bieterverfahren. Entsprechend rühren die Big-Four-Berater die Werbetrommel und laden aktiv chinesische Interessenten auf Brautschau in die Schweiz. Denn der «chinese mystery buyer» sei bei hiesigen Verkäufern gerne gesehen, sagt ein Investment Banker: «Die Chinesen zahlen nach klassischen Bewertungsmassstäben zu viel, weil sie eben nicht die bevorzugten Käufer sind.» Auch geltet die «China-Prämie» das erhöhte Risiko ab, dass es nicht zum Closing kommt oder sich der Verkauf hinzieht.

Kommen die Chinesen jedoch zum Handkuss, dann kann das Management aufatmen. So hat Juan Wu, die an der Universität Freiburg ihre Dissertation schreibt, 18 Firmen aus dem deutschsprachigen Raum mit chinesischen Besitzern befragt. Das Fazit Wus: «Chinesische Investoren verfolgen eine Langfriststrategie und lassen dem Management viele Freiheiten.»

Gerade bei KMU würden die Geldgeber aus China zudem Investitionen tätigen, welche die Mittelständler aus eigener Kraft nicht mehr stemmen könnten. Beispiele sind Sanierungsfälle wie die Uhrenmarke Eterna oder – möglicherweise – das Schuhlabel Bally. Beiden winkt zudem der Zugang zum chinesischen Binnenmarkt als «heimische Marke».

Der rote Paradeplatz

Finanz Seit einem Jahr ist die China Construction Bank in Zürich aktiv. Bald siedelt mit der ICBC das nächste chinesische Grossinstitut an.

Die Schweiz steht im Reich der Mitte hoch im Kurs. Präsident Xi Jinping kommt in wenigen Tagen auf Staatsbesuch. Im Schlepptau hat er rote Wirtschaftsmagnaten wie Alibaba-Gründer Jack Ma und Wanda-Chef Wang Jianlin. Der höchste Chinese trifft sich auch mit Schweizer Bossen. Denn längst sind hiesige Konzerne wie Syngenta und Gategroup eine beliebte Beute für Sino-Kapitalisten. Zudem sind bereits über achtzig China-Firmen hierzulande ansässig.

Mit den intensiven Wirtschaftsbeziehungen zwischen der Schweiz und China steigt auch der Bedarf an grenzüberschreitenden Finanzdienstleistungen. Vor genau einem Jahr hat mit der China Construction Bank (CCB) das erste Institut aus dem Reich der Mitte eine Zürcher Zweigstelle eröffnet. Gemessen an der Marktkapitalisierung ist CCB das viertgrösste Institut weltweit. Zürich-Leiter Weiyun Gong zeigt sich mit dem ersten Geschäftsjahr zufrieden: „Wir haben gute Beziehungen zu Schweizer Corporates, vor allem Unternehmen mit mehr als 250 Millionen Franken Umsatz, aufgebaut.“

Rund dreissig Mitarbeiter zählt CCB bis heute in der Limmatstadt, viele davon mit Grossbanken- oder Auslandserfahrung. Das Team betreut unter anderem den Renminbi-Hub. CCB hat dazu von der Zentralbank die exklusive Lizenz für die Schweiz erhalten. Der Hub soll den Aufstieg des China-Gelds zur Weltwährung befördern und Devisengeschäfte zwischen dem Reich der Mitte und der Schweiz vereinfachen. Und zwar, indem Franken in Renminbi direkt gewechselt werden können, ohne Umweg über den Dollar oder andere ferne Hubs wie Hongkong. Das reduziert die Transaktionskosten und spart Zeit.

Mit Rohstoffhändlern im Gespräch

Dabei fokussiert CCB in Zürich gezielt auf lokale Eigenheiten: Die Schweiz sei ein globales Zentrum fürs Wealth Management, für den Rohstoffhandel und das Rückversicherungsgeschäft, erklärt Gong. „Mit dem Renminbi-Hub können wir insbesondere für Unternehmen aus diesen Branchen attraktive Lösungen anbieten.“

Beispielsweise müssen Schweizer Rückversicherer mit China-Arm im Rahmen ihres Bilanzmanagements einen Teil ihrer Anlagen in Renminbi halten. Aber auch Schweizer Exporteure mit China-Geschäft benötigen Lokalwährung: Diesen bietet die Zürcher Kantonalbank seit Herbst ein Renminbi-Clearing mit CCB als Partnerbank an. Und auch mit dem Finanzdienstleister Six kooperiert die Construction Bank, beispielsweise bei Renminbi-Bond-Emissionen.

Daneben interessieren sich die Chinesen aber auch für die zahlreich ansässigen Rohstoffhändler. Traditionell wickelt die Branche ihre Trades nämlich in Dollar ab, wenngleich China der grösste Abnehmer für Kupfer, Gold und Co. weltweit ist. In diesem Bereich gibt es also durchaus Opportunitäten für den Renminbi als Handelswährung. So führte CCB diesen Herbst erste Sondierungsgespräche in Genf mit Rohstoffvertretern und ist bereits in Swap-Geschäfte für Gold aktiv, wie Marktteilnehmer berichten.

Auf längere Sicht dürfte auch die Vermögensverwaltung für wohlhabende Chinesen aus der Schweiz heraus interessant werden. Ein erster Versuch der Bank of China (BOC) in Genf scheiterte zwar kläglich. Aber offenbar gibt es erneute Pläne der BOC, sich in der Schweiz niederzulassen – diesmal wohl aber in Zürich.

Langfristige Aufbauarbeit

Allerdings ist der Markteintritt in die Schweiz kein leichter. So verlief die (kulturelle) Adaption der CCB zunächst harzig, wie mehrere Marktteilnehmer berichten. Der permanente Einbezug der Compliance in den Geschäftsalltag sei für die Sino-Banker ungewohnt, das strikte regulatorische Umfeld für das staatsnahe Institut fremd. Die designierte Compliance-Chefin, welche zuvor bei namhaften Instituten wie der UBS und der Bank für Internationalen Zahlungsverkehr gearbeitet hatte, verliess das chinesische Bankhaus jedenfalls noch vor dem offiziellen Start. Auf Anfrage lehnte sie eine Stellungnahme ab.

Nichtsdestotrotz sieht Felix Sutter, Präsident der Swiss-Chinese Chamber of Commerce, den Renminbi-Hub auf Kurs: Es sei der Bank gelungen, das Bewusstsein für die Angebotspalette zu schärfen. „Die CCB als privilegierte Clearing Bank leistet gute Aufbauarbeit und geht dabei sehr langfristig vor.“

Lange dürfte CCB nicht mehr die einzige China-Bank mit Schweiz-Ableger sein. So laufen seit Anfang letzten Jahres die Vorbereitungen für die Ansiedlung der Industrial and Commercial Bank of China (ICBC) in Zürich. ICBC ist die grösste Bank der Welt, gemessen an den Anlagen und an der Marktkapitalisierung, und zählt über 350 000 Mitarbeiter. Die Bank hat den Ruf, marktorientierter zu sein als andere staatsnahe Institute. Gemäss einer mit dem Dossier vertrauten Person bereitet ICBC derzeit den Antrag gegenüber Finanzmarktaufsicht für eine Banklizenz vor. Eine spezialisierte Wirtschaftskanzlei sei mit der Ausarbeitung betraut worden. Daneben sind verschiedene, grosse Beratungsunternehmen am Werk. Zusätzlich hat ICBC eigens ein „Preparatory Team for Zurich Branch“ eingesetzt, das von Zeit zu Zeit aus Peking an die Limmatstadt kommt und den Ansiedlungs-prozess begleitet. So sucht die chinesische Grossbank offenbar Büros im Zürcher Finanzviertel. „ICBC will Mitte Jahr in Zürich starten“, heisst es aus dem Umfeld der Bank. Der endgültige Entscheid soll noch in diesem Monat im Bank-Verwaltungsrat in Peking gefällt werden. Dann wird das Lizenzgesuch bei der Finma eingereicht. Die Bearbeitung dauert erfahrungsgemäss zwischen vier und sechs Monaten. Dann dürfte ICBC hierzulande starten.

Die Bande der ICBC in die Schweizer Finanzbranche sind allerdings bereits jetzt eng. So war Credit Suisse vor gut zehn Jahren federführend beim Börsengang der ICBC. Gleichzeitig unterhält die CS mit der chinesischen Grossbank ein Joint Venture namens ICBC Credit Suisse Asset Management Company Limited, wobei die Schweizer 20 Prozent der Aktien halten. Der Investmentspezialist mit Sitz in Hongkong zählt 400 Mitarbeiter und ist im Asset Managent aktiv, zum Beispiel bei der Emission von China-ETF.

Momentan allerdings steht der Renminbi unter starkem Abwertungsdruck. Die steigenden Zinsen in den USA entfalten eine Sogwirkung. Die Kapitalflucht aus dem Reich der Mitte hält trotz schärferer Ausfuhrkontrollen an. Gleichzeitig schmelzen die staatlichen Devisenreserven, weil die Zentralbank den Renminbi stützen muss. Es sind turbulente Zeiten.

 

 

Die Schweiz sieht rot

China  Sulzer und ABB geschäften seit über 100 Jahren im Reich der Mitte. CS und UBS liessen sich in den 1980er- beziehungsweise frühen 1990er-Jahren in der Volksrepublik nieder. Die Liste an Schweizer Konzernen, die erfolgreich in China investiert sind, liesse sich beliebig fortführen.

Nun aber schwenkt der ost-westliche Kapitalstrom um. Die Werkbank der Welt sitzt auf einem Berg an Cash aus goldenen Exportjahrzehnten. Gleichzeitig schwinden die Opportunitäten im Riesenreich. Die gelenkte Transformation hin zur nachfrageorientierten Dienstleistungsgesellschaft drückt aufs Tempo. Die Wirtschaft kühlt ab. Die staatlichen Konjunkturspritzen wirken stumpf. Das Regime in Peking agiert zusehends dünnhäutig und repressiv. Der Volksrepublik steht ein langwieriger und schmerzhafter Anpassungsprozess bevor.

Derweil sorgen sich solvente Staatskapitalisten um die Abwertung des Yuan. Das Pulver droht feucht zu werden, bevor die Übernahme-Kanone geladen ist. Fiebrig gehen Chinas Riesen deshalb auf globale Shopping-Tour. Diversifikation lautet die Losung. Im Visier sind value assets, Vorzeigeindustrien. Es vergeht keine Woche, in der nicht Privatbanker, Hoteliers oder Industrieunternehmer von Sino-Investoren angegangen werden. Bereits befinden sich über 80 Schweizer Firmen in chinesischer Hand. Statt über den Ausverkauf der Heimat zu lamentieren und sich ins Ideologie-Reduit zu flüchten, sollten wir die fernöstlichen Avancen begrüssen. Globalisierung ist keine Einbahnstrasse. Vom offenen, gegenseitigen Austausch mit der künftigen Supermacht kann die Schweiz nur profitieren.