Lorenz Erni – Der Consigliere

Lorenz Erni Der Verteidiger von Pierin Vincenz beriet ihn schon vor zehn Jahren, als Zweifel an einem Privatdeal aufkamen. Heute ermittelt die Staatsanwaltschaft.

Der Zürcher Strafverteidiger Lorenz Erni gilt als Mann für die Wirtschaftsfälle mit hohem Promi-Faktor: Fifa-Präsident Blatter, Swissair-Chef Bruggisser oder Bundesanwalt Lauber. Erni wird mandatiert, wenn die Fallhöhe besonders hoch ist.

So auch bei Pierin Vincenz. Gegen den Banker läuft seit Februar 2018 ein Verfahren wegen ungetreuer Geschäftsbesorgung. Die Zürcher Staatsanwaltschaft eröffnete es, gestützt auf eine Strafanzeige der Aduno. Beim Finanzdienstleister amtete der Ex-Raiffeisen-Chef bis im Sommer 2017 als Präsident. Nach seinem Rücktritt gab der Aduno-VR eine Untersuchung in Auftrag, die unter anderem Vinzenz’ Rolle beim Kauf der Commtrain Card Solutions (CCS) durchleuchtete. Die Verdachtsmomente führten zur Strafanzeige.

Pierin Vincenz wandte sich an Lorenz Erni

Aduno hatte 2007 für 7 Millionen Franken den Ostschweizer Zahlungsdienstleister CCS gekauft. Gut zwei Jahre später wandte sich ein Journalist an die Raiffeisen-Pressestelle und wollte mehr zur Rolle des damaligen Bankchefs Pierin Vincenz beim Kauf wissen. Schliesslich war Vincenz vorab verdeckt über ein Treuhandvehikel an der CCS beteiligt gewesen und hatte beim Verkauf seiner Anteile an Aduno 1,7 Millionen Franken verdient, ohne dass der Verwaltungsrat des Finanzdienstleisters davon Kenntnis hatte. Jedenfalls sorgte die Presseanfrage für emsiges Treiben hinter den Kulissen.

Gemäss zweier unabhängigen Quellen soll sich Raiffeisen-Chef Vincenz damals an seinen späteren Strafverteidiger Lorenz Erni gewandt haben. «Erni half mit bei der Auswahl der Experten für die Gutachten zur Commtrain-Übernahme», sagt ein Beteiligter. So liess Vincenz zwei Jahre nach dem Closing der CCS-Transaktion – mit dem Segen des damaligen Raiffeisen-Präsidenten Franz Marty – drei Privatgutachten zur Übernahme des Ostschweizer Zahlungsdienstleisters anfertigen.

Zu beweisen ist der finanzielle Schaden

Die Gutachten, welche die «Handelszeitung» einsehen konnte, sind hoch relevant fürs Strafverfahren, sanktionieren sie doch die Rechtmässigkeit der CCS-Transaktion und legitimieren damit Vincenz’ damaliges Handeln. Sie sind die professorale Antithese zum Hauptvorwurf der ungetreuen Geschäftsbesorgung. Ein Vorwurf, der vor Gericht nur standhalten wird, wenn es Staatsanwalt Marc Jean-Richard- dit-Bressel gelingt, zu beweisen, dass Aduno aus dem CCS-Deal tatsächlich ein finanzieller Schaden entstanden ist.

Demgegenüber stehen drei Gutachten, die Strafverteidiger Lorenz Erni mitzuorchestrieren half. Ein Beteiligter spricht von einer «wohl portionierten Gutachter-Kaskade» mit einem «clever gewähltem Untersuchungsfokus»: Finanzprofessor Claudio Loderer von der Universität Bern klärte für Raiffeisen beziehungsweise ihren Chef ab, ob der Kaufpreis angemessen war. Er war es, und zwar «am unteren Ende der Bandbreite», wie Loderer im Frühjahr 2009 schreibt. Jenen Preis, den Vincenz zwei Jahre zuvor für seine verdeckte Privatbeteiligung bezahlt hatte, berücksichtigt das Gutachten nicht.

Peter Forstmoser prüfte Übernahme der Commtrain durch Aduno

Die Beratungsfirma Helbling wiederum schaute sich die Struktur und das Setup der Übernahmetransaktion an. Sie kommt zum Schluss, dass der Akquisitionsprozess «professionell» und der Kaufvertrag «inhaltlich angemessen» war.

Auf den beiden Gutachten aufbauend beugte sich im Herbst 2009 Professor Peter Forstmoser über die CCS-Transaktion. Und zwar, «um das Verhalten von Herrn Dr. Pierin Vincenz im Hinblick auf einen potenziellen Interessenkonflikt rechtlich zu überprüfen». Der renommierte Aktienrechtler kommt zum Schluss, dass «Herr Vincenz seine Interessenwahrungspflichten nicht verletzt hat». Und dass die Interessen der Aduno und der Raiffeisen Schweiz «durch die (indirekte) Investition von Herrn Vincenz in keiner Weise beeinträchtigt» wurden.

Bezahlt hat die Gutachten wie auch die Beratung Ernis übrigens Raiffeisen. Jene Raiffeisen, die heute als Nebenklägerin im Strafverfahren gegen Ex-Chef Pierin Vincenz und seinen Verteidiger antritt. Die Bank will sich zum Sachverhalt nicht äussern. Auch Anwalt Erni nicht: «Es gibt keinen Kommentar», schreibt er.

Der Unberechenbare

Pierin Vincenz Er könnte auf freien Fuss kommen, wenn seine Raiffeisen den Neuanfang probt.

Das Timing ist wohl purer Zufall, aber an Dramatik kaum zu überbieten. Am Samstag, dem 16. Juni, trifft sich die Raiffeisen-Spitze zur Delegiertenversammlung im Kultur- und Kongresszentrum LAC an den Gestaden des Luganersees. Just zu jener Zeit könnte Ex-Chef Vincenz aus der Untersuchungshaft in Zürich entlassen werden. Denn die Fristerstreckung für seine U-Haft läuft spätestens am 17. Juni aus, wie Recherchen der «Handelszeitung» zeigen.

Die zeitliche Koinzidenz ist brisant. Denn die Delegiertenversammlung in Lugano soll so etwas wie den Neuanfang der Nummer drei im Schweizer Markt markieren. Schliesslich hat das Strafverfahren gegen Übervater Vincenz, das Finma-Enforcement gegen die St. Galler Zentrale und der forcierte Um- und Rückbau der Bauernbank die stolze Genossenschaftsbasis im Kern erschüttert. Das öffentliche Interesse an der «DV» im Tessin ist entsprechend riesig. Raiffeisen wird eigens eine Medienkonferenz im Anschluss an den nicht-öffentlichen Event in Lugano veranstalten.

Geheime Traktandenliste

Gegen innen wie aussen möchte die Bankführung um Patrik Gisel also um jeden Preis Aufbruch signalisieren. So treten die 164 Raiffeisen-Delegierten im mondänen LAC an, um frische, unverbrauchte Kräfte in die Bankaufsicht zu wählen. Zwar ist die Traktandenliste geheim; aber bereits wurde kommuniziert, dass die beiden Raiffeisen-Verwaltungsräte Edgar Wohlhauser und Werner Zollinger «aufgrund der statutarischen Amtszeitbeschränkung» zurücktreten und durch EY-Partner Rolf Walker und Unternehmer Thomas Rauber ersetzt werden sollen. Wohlhauser wie Zollinger sassen je zwölf Jahre im Raiffeisen-VR. Beide sind also eng mit der Ära von Pierin Vincenz verbunden, der bis Herbst 2015 das Zepter in der Bankengruppe schwang.

Eine Ära, die Nachfolger Patrik Gisel wohl nur allzu gern vergessen machen würde. Doch sein ehemaliger Vorgesetzter könnte dem geplanten Raiffeisen-Relaunch im Tessin einen dicken Strich durch die Rechnung machen. Denn das Zwangsmassnahmengericht hat die Frist der U-Haft nur bis am 17. Juni erstreckt. Ohne erneuten Antrag der Strafermittler vor dem Zwangsmassnahmengericht um Verlängerung würden der Bündner Banker und sein Geschäftspartner Beat Stocker also bald auf freien Fuss gesetzt. Für die Raiffeisen-Spitze um Patrik Gisel könnte Vincenz damit zum grossen Unbekannten werden. Zu einem mit gewaltigem Störfaktor: Packt der Ex-Raiffeisen-Boss öffentlich aus und zieht seine ehemaligen Weggefährten vom Roten Platz mit in die Affäre? Oder macht Vincenz den Ospel und wird wie der ehemalige UBS-Chef zum ewig schweigsamen Privatier?

23-stündiges Schweigen

Fest steht, dass mit dem möglichen Haftende ein hartes Regime für Pierin Vincenz endet. Seit Ende Februar sitzen der Alpha-Banker und sein Compagnon Stocker im Bezirksgefängnis und sind zum Schweigen verdammt. Jeweils 23 Stunden allein, in einer 10 Quadratmeter grossen Zelle in der Zürcher City. Auslöser für die rigide Zwangsmassnahme war Mitte Dezember eine Strafanzeige der Kreditkartenfirma Aduno Holding, die Vincenz bis im letzten Sommer präsidiert hatte. Die Zürcher Staatsanwaltschaft III für Wirtschaftsdelikte eröffnete daraufhin ein Strafverfahren gegen Vincenz und Stocker sowie gegen drei weitere Personen wegen «ungetreuer Geschäftsbesorgung».

Zum Mittel der Strafanzeige griffen Vincenz’ ehemalige Aduno-VR-Kollegen, weil zumindest ein Fall zivilrechtlich bereits verjährt war. Es handelt sich um die Übernahme der Commtrain Card Solutions 2007. Als mutmasslich geschädigte Partei hofft die Kreditkartenfirma nun, über das Strafverfahren ihre Schadenersatzansprüche im Commtrain-Fall noch geltend machen zu können. Als Privatklägerin im Strafverfahren gegen Pierin Vincenz tritt auch seine ehemalige Arbeitgeberin, die Raiffeisen Schweiz, auf. Hier geht es um das bankeigene KMU-Investitionsvehikel namens Investnet, an dem Vincenz beziehungsweise Stocker möglicherweise verdeckt beteiligt waren.

Nebst der Aduno-Tochter Commtrain und dem Raiffeisen-Vehikel Investnet ermittelt Staatsanwalt Marc Jean-Richarddit-Bressel noch in einem weiteren Verfahrenskomplex. Dabei geht es um eine weitere Aduno-Tochter namens Eurokaution, welche die Kreditkartenfirma 2014 für 5,6 Millionen Franken erwarb, obwohl die Firma gemäss Handelsregister-Dokumenten eine Unterbilanz aufwies und nur schon für den Kauf eine Kapitalerhöhung nötig war. Im Rahmen der Eurokaution-Ermittlungen hat die Staatsanwaltschaft das Verfahren auf zwei weitere Personen ausgedehnt.