Raiffeisen – Viererbande vom Risikoausschuss

Raiffeisen Stück für Stück werden die Verhältnisse im Raiffeisen-Reich strafrechtlich ausgeleuchtet. Nun nimmt sich Staatsanwalt Marc Jean-Richard-dit-Bressel der ehemaligen Rechts- und Compliance-Chefin Nadja Ceregato an. Die Untersuchung gegen die Ehefrau von Pierin Vincenz lautet auf Verletzung des Geschäftsgeheimnisses. Es gilt die Unschuldsvermutung.

Rote Linien überschritten bei Raiffeisen

Ungeachtet der laufenden Strafuntersuchung lässt sich jedoch sagen: Die Head Legal & Compliance darf nicht mit dem Bankchef liiert sein. Zu gross sind die potenziellen Interessenkonflikte. Insbesondere dann, wenn sich der Bankchef im fraglichen Zeitraum auch noch als Privatperson an Tochterfirmen der Bank beteiligen möchte. Die rote Linie überschritten hat jedoch Nachfolger Patrik Gisel, als der neue Bankchef die Privat-Investments seines Vorgängers untersuchen liess, während Vincenz’ Ehefrau im Büro nebenan als Compliance- und Rechtschefin waltete, als wäre nichts gewesen.

Keine marktüblichen Standards

Die Schuld dafür tragen jedoch weder Ceregato noch Gisel, sondern der damalige Raiffeisen-Verwaltungsrat – insbesondere die Herren vom Prüfund Risikoausschuss, die sich um die Einhaltung «marktüblicher Standards und Standesregeln» hätten kümmern sollen. Es waren gestandene Persönlichkeiten wie Wirtschaftsrechtler Franco Taisch, Finanzunternehmer Olivier Roussy, BDO-Partner Edgar Wohlhauser und der Raiffeisen-Regionalpräsident Werner Zollinger. Wie der Viererbande ein solch offensichtlicher Compliance-Lapsus durchrutschen konnte, bleibt schleierhaft.

Badrans schlechtes Gefühl

Crowdhouse Die SP-Nationalrätin Jacqueline Badran schiesst in einer Interpellation scharf gegen den Internet-Immobilienmakler. Allerdings missversteht die Mieterverbandsvertreterin das Crowd-Geschäft.

Vor wenigen Tagen hat die Zürcher SP-Nationalrätin eine Interpellation eingereicht. Die parlamentarische Anfrage von Jacqueline Badran trägt den brisanten Titel: «Gesetzeskonformität von Crowdhouse?». Gemeint ist das Geschäft des Zürcher Internet-Immomaklers. Das achtzigköpfige Startup konnte in den drei Jahren seit seiner Gründung Mehrfamilienhäuser im Wert von über 560 Millionen Franken platzieren. Die Crowd-Plattform vermittelt dabei Renditeliegenschaften im Miteigentum für Anlagesummen ab etwa 100 000 Franken samt Grundbucheintrag für die Investoren.

Ein Geschäftsmodell, das der SP-Nationalrätin, die auch im Vorstand des Schweizerischen Mieterinnen- und Mieterverbands sitzt, offenbar sauer aufstösst. Nur so lassen sich die fünf Fragen an den Bundesrat erklären, die allesamt auf einen bunten Reigen an Gesetzen und Vorschriften referenzieren: Kollektivanlagengesetz KAG, bundesgesetzkonforme Grundbucheinträge, Bundesgesetz über die Bekämpfung der Geldwäscherei und der Terrorismusfinanzierung.

Kein Fondsmanager

Allerdings offenbart Badran in einem Grossteil der Fragen ein grundsätzliches Missverständnis über das Plattform-Geschäftsmodell des Zürcher Startups. Denn wie Uber kein Taxibetreiber ist, so ist Crowdhouse kein klassischer Immobilienfonds. Mit anderen Worten: Es werden keine Investitionsgelder, Publikumsanlagen oder sonstiges Kapital entgegengenommen. Insofern sind Badrans Fragen an den Bundesrat nach der KAG- oder Geldwäschereigesetz-Konformität von Crowdhouse schlicht hinfällig.

«Wir sind weder Anlageberater noch Fondsmanager, sondern Betreiber einer Online-Plattform», betont denn auch Co-Gründer Ardian Gjeloshi: Die Rolle seiner Firma beschränke sich vielmehr darauf, Angebot und Nachfrage im Immobilienmarkt «auf zeitgemässe Art» zusammenzuführen. Die Hypofinanzierung der Renditeliegenschaft erfolgt schliesslich über Geschäftsbanken, welche die üblichen Compliance-Checks machen.

Apropos Rendite: Auch daran stört sich die Zürcher Sozialdemokratin bei Crowdhouse. So wiesen die über die Immo-Plattform vermittelten Mehrfamilienhäuser 2017 eine durchschnittliche Eigenkapitalrendite von 6,62 Prozent aus.

Urteil des Bundesgerichts

Dazu merkt Badran in ihrer Interpellation an: «Auf dem Eigenkapital darf eine Rendite erzielt werden, die den Referenzzinssatz um nicht mehr als ein halbes Prozent übersteigt. Dies wäre zurzeit eine Nettorendite von 2 Prozent. Die bei Crowdhouse ausgewiesene Rendite wäre also nicht rechtskonform», folgert die SP-Immobilienexpertin und bezieht sich dabei auf die «bundesgerichtliche Rechtssprechung» zum «übersetzten Ertrag aus der Mietsache».

Bolzt das junge Zürcher Immotech also Überrendite auf dem Buckel der Mieter? Co-Gründer Gjeloshi winkt ab. Nicht nur die Nettorendite von 2 Prozent sei bei der Beurteilung der Frage massgeblich, ob Mietzinswucher betrieben wird. Es gehe vielmehr um eine «gesamtheitliche Betrachtung». Also auch, was die ortsund quartierüblichen Mietzinse oder bei Neubauten die kostendeckenden Bruttorenditen sind. Und zwar im konkreten Fall auf die einzelne Mietwohnung gerechnet. Und da sieht sich Crowdhouse im Rahmen der Vorgaben. «Wir legen Wert darauf, dass die Mieten in den Immobilien eher tiefer sind als der Markt, damit die Vermietungsquote hoch ist», erklärt Co-Gründer Gjeloshi, dessen erklärtes Ziel es ist, «den Wohnungsmarkt für Mieter und Miteigentümer zu demokratisieren». Dazu stehe man auch im regelmässigen Austausch mit der Finanzmarktaufsicht Finma.

Nicht zu erreichen

Interpellantin Badran selbst war für ein mündliches Gespräch trotz mehrmaliger Kontaktaufnahme nicht zu erreichen. Im E-Mail-Wechsel mit der «Handelszeitung» erklärt die SP-Frau, dass der Crowdhouse-Anfrage kein konkreter Anhaltspunkt zugrunde liege, nur ein schlechtes Gefühl, wenn jemand so aggressiv illegale Renditen anbiete: «Man macht mit dem Lebensraum der Menschen kein Geld.»

Verhaltensauffällige Banker

Credit Suisse Die Bank nutzt Big Data, um interne Trickser zu entlarven. Daraus soll ein Geschäft werden.

Mitarbeiter sind das grösste Kapital einer Bank. Der „human factor“ birgt aber auch das grösste Schadenspotenzial in sich. Denn Banken haben schon immer Kriminelle angezogen. Schliesslich lockt das schnelle und grosse Geld. Doch seit die Aufsicht im Zuge der Finanzkrise die Zügel angezogen hat, reisst der Reigen an Betrugsskandalen mit happiger Bussenfolge nicht ab. Alleine im Geschäftsjahr 2016 musste die CS für Rechtsfälle 2,4 Milliarden Franken aufwenden. Mehr als die Bank im selben Zeitraum im Kernmarkt Schweiz verdient hat.
Internes Fehlverhalten ist mittlerweile also ein zentraler Geschäftsfaktor. Lara Warner, Compliance- und Regulierungschefin bei der Credit Suisse, betont deshalb: Das ultimative Ziel müsse es sein, „misconduct“ weitestgehend zu verunmöglichen. „Damit schätzt der Regulator unser Geschäft als weniger riskant ein.“ Mit anderen Worten: Je besser die CS das Verhalten ihrer Mitarbeiter im Griff hat, desto mehr unternehmerischen Spielraum gewährt die staatliche Aufsicht. Es winken Kapitalerleichterungen.

Joint Venture mit Palantir
Um diesem Ziel näherzukommen hat die Credit Suisse im letzten Frühjahr eine Firma namens Signac gegründet. Es handelt sich um ein 50/50-Joint-Venture mit dem privat gehaltenen Silicon-Valley-Einhorn namens Palantir. Die von Peter Thiel mitbegründete Firma ist spezialisiert auf Big Data und zählt CIA wie FBI zu ihren Kunden.
Der Name Signac geht übrigens auf den französischen Pointillisten Paul Signac zurück, dessen Gemälde aus vielen einzelnen Farbpunkten bestehen. Die perfekte Analogie für das Big-Data-Business. „Um aus einzelnen Informationen ein ganzheitliches Bild herzustellen – dazu haben wir Signac ins Leben gerufen“, sagt Lara Warner.
Die ehemalige Investment-Bankerin setzt den Software-Hebel zunächst im Trading an, dessen Selbstverständnis von den Adoboli- und Kerviel-Betrugsfällen erschüttert wurde. Entsprechend personalintensiv ist mittlerweile die Kontrolle. Bei der CS stehen 1000 Händlern 300 interne Aufseher gegenüber. Diese Supervisor müssen jeden Tag einen Berg an Handelsgeschäften und Reports durchforsten, um verdächtige Transaktionen herauszufiltern. Nun aber will Signac den Fokus der Ermittlungen neu justieren. „Die Software soll der Compliance helfen, allfälliges internes Fehlverhalten zu finden, indem wir uns nicht auf die Transaktionen konzentrieren, sondern auf die Trader selbst.“ So wie die Bank bisher ihre quantitativen Kredit- und Bilanzrisiken überwacht, so soll Signac künftig qualitative Reputations- und Verhaltensgefahren frühzeitig adressieren.
Dabei aggregiert und filtert die Big-Data-Software einen Berg an unstrukturierten Informationen. Signac bedient sich dazu zahlreicher Datentöpfe, die Hinweise für Fehlverhalten liefern. Um die Problemfelder überhaupt auszumachen, besteht das Signac-Team – nebst den Datenwissenschaftern von Palantir – aus Ex-Intelligence-Mitarbeitern und Tradern. Sie kennen die Tricks ihrer Kollegen aus dem Effeff.
Konkret können Händler beispielsweise Buchungen manipulieren. Also hält Signac ein Auge darauf: Werden Trades häufig korrigiert oder gelöscht? Bucht der Händler plötzlich Geschäfte auf interne, inaktive Bücher, um etwas zu verschleiern? Aber auch die persönliche Verhaltensweise fliesst in die Softwareanalyse mit ein: Ändert sich die Sprache im internen Messaging oder E- Mail-Verkehr? Benutzt der Trader mehr Schimpfwörter, was auf psychischen Stress schliessen lässt? Oder verwendet er kryptische Bezeichungen und Codewörter? Ebenso checkt das System die Varianz im Arbeitsrhythmus, indem der Zugang abgefragt wird: Arbeitet der Trader plötzlich am Wochenende oder bis tief in die Nacht hinein?
Erst das Verknüpfen all dieser Daten ergibt ein musterhaftes Sittengemälde, das mutmassliche Betrüger entlarven kann. Signac speichert diese Evidenz, falls später Aufsicht und Strafverfolger den Fall in die Hand nehmen. Die Bank erhält mit Signac rechtliches Geleit.
Erste Erfahrungen sind positiv: Nachdem die CS im letzten Jahr Signac auf oberstem Supervisor-Level ausgerollt hat, wird nun die Aufseher-Basis im Trading Floor technologisch aufgerüstet.
Doch Oberaufseherin Warner will künftig mit Signac auch das Wealth Management – also das Kerngeschäft der CS – ins Visier nehmen: „Nachdem wir in einem ersten Schritt die Handelsrisiken adressiert haben, wollen wir Signac nun auch in der Vermögensverwaltung ausrollen.“ Dazu hat das rund vierzigköpfige Signac-Team in London und New York alte Fälle von Fehlverhalten durch Kundenberater studiert und Warnhinweise ausgemacht, anhand derer die schwarzen Schafe frühzeitig identifiziert werden können. Nun arbeitet man am passenden Risiko-Dashboard.
Ein Problemfeld bildet die Ausführung. Hat ein Kunde tatsächlich einen Auftrag gegeben oder agiert der Berater eigenmächtig und schiebt Gelder zwischen Konten hin und her? Signac misst auch die Anlageperformance zwischen den Relationship Manager, die ähnliche Kunden betreuen: Wer über längere Zeit eine deutlich bessere Performance als seine Peers erzielt, gilt als auffällig. Gerade im Segment mit sehr vermögenden Klienten versucht die Bank zudem, die Klumpenrisiken zu minimieren, indem sich ganze Teams um die Kunden kümmern statt einzelne Starberater.

Grenzen der Technologie
Allerdings gibt es gerade bei den Relationship Manager Grenzen – sowohl was den Datenschutz anbelangt als auch die Erfassbarkeit ihrer Aktionen. Zwar verlangt die CS – wie die meisten Grossbanken – von ihren Kundenberatern, dass sie ihre privaten Kontobeziehungen über die Credit Suisse laufen lassen. Doch gibt es keine Gewissheit, dass sich die Mitarbeiter an die Direktive halten. „Die grösste Herausforderung liegt darin, das bankinterne Wissen mit dem zu verknüpfen, was ausserhalb des Instituts passiert“, sagt Warner. Häufig bringt erst eine externe Strafuntersuchung das ganze Ausmass des Betrugs ans Licht. Insofern geht es – trotz technologischen Hilfsmitteln – auch weiterhin darum, die Mitarbeiter wachsam zu halten.
Mit Signac haben deshalb auch „Livehacks“ Einzug gehalten. Im Handel bespielsweise werden regelmässig „fake trades“ ins System eingeschleust, um die Abwehrmassnahmen zu checken. „Indem wir seit zweieinhalb Jahren die Anfälligkeit für Fehlverhalten immer wieder testen, ist das Risikobewusstsein unter Mitarbeitern markant gestiegen“, sagt Warner. Angesichts der Milliardenbussen seit der Finanzkrise scheint dieser Aufwand zur Risikominimierung gerechtfertigt. Und Grossbanken wie die Credit Suisse können die komplexe Aufgabe durchaus durchhalten.
Kleine Banken im Visier
Doch gerade für kleinere und mittlere Institute stellen die wachsenden Regulierungs- und Compliance-Aufgaben einen gewaltige Kostenblock dar. Insofern sieht Warner einen Markt für eine Softwarelösung wie Signac: „Ab Ende Jahr wollen wir Signac auch für Drittkunden öffnen und weitere Banken als Kunden gewinnen.“ Ein Markt, der sich unter dem Stichwort „Compliance 2.0“ enorm rasch entwickelt. So hat jüngst das Londoner Startup Behavox eine weitere Finanzierungsrunde abgeschlossen. Wie Signac beschäftigt sich auch Behavox mit der Risikoanalyse und Prognose von „verhaltensauffälligen“ Bankern.