Jammern gehört zum Geschäft

Banken Was die Bauern seit Jahrzehnten in Bundesbern praktizieren, hat die Finanzbranche seit der Krise von 2008 perfektioniert. Seither stimmen die Banker nämlich unentwegt einen Schwanengesang an, während die vermeintlichen «bad news» nicht abreissen wollen.

Zuerst wird das margenträchtige Bankgeheimnis vom Ausland geschleift. Dann bricht eine Flut an Finanzmarktregulierungen über die Institute herein. Vom Kundenschutz bis hin zur Eigenmittelausstattung strafft die Politik das large Regulierungsregime der Vor-Krisen-Ära merklich. Was zu ausufernder Bürokratie und kostspieligen Compliance-Abteilungen führt, deren Krisenfestigkeit sich erst noch wird weisen müssen.

Die Halbjahreszahlen zeigen, wie gut das Geschäft floriert
Und schliesslich versetzen die Währungshüter um Nationalbank-Präsident Thomas Jordan mit der Aufhebung des Franken-Mindestkurses und der Einführung von Negativzinsen den Geschäftsbankern einen Schlag in die Magengrube. Manch ein Vermögensverwalter oder Retailbanker sieht seine Kommissions- und Zinserträge wegschmelzen wie ein Glace an der Sommersonne. All dies geschieht zu einer Zeit, in der das Geschäft ohnehin schon strukturell leidet. Stichwort: Fintech und andere bankfremde Wettbewerber wie Pensionskassen oder Versicherer, die ebenfalls Teile der Wertschöpfung für sich beanspruchen.

Entsprechend verdutzt reibt sich die Augen, wer die jüngsten Halbjahreszahlen der Geldinstitute sieht: Die Neugelder sprudeln, die Erträge über alle Geschäftsbereich spriessen. Kurzum, das Bankgeschäft brummt. Alleine bei den beiden Finanzriesen UBS und CS legt der Reingewinn zweistellig zu.

Aber nicht nur die Global Player glänzen. Auch Inlandsbanken, die sich aufs klassische Zinsdifferenzgeschäft verstehen, sind in Champagnerlaune. Ob diverse Kantonalbanken, vom Waadtland bis nach St. Gallen, oder die Raiffeisen Gruppe: Sie alle verzeichnen Gewinnsprünge und heben zum Teil ihre Prognosen fürs Gesamtjahr an. Es scheint: La crise n’existe pas.

Die starke Regulierung erweist sich als ideale Eintrittshürde

Denn dem Wehklagen zum Trotz ist es den Bankchefs gelungen, den Spiess elegant umzudrehen. Die ausufernde Regulierung im Nachgang zur Finanzkrise erweist sich als ideale Eintrittshürde für branchenfremde Wettbewerber. Gleichzeitig haben sich die Banker perfekt auf die Tief- und Negativzins-Welt eingestellt. Manche bewirtschaften den zugeteilten Freibetrag dermassen geschickt, dass gar ein kleiner Gewinn resultiert.

Zwar hat noch kein Institut es gewagt, sein Passivgeschäft aufzubessern, indem die Negativzinsen – expressis verbis – den Kleinsparern weitergereicht werden. Aber implizit ist dies längst geschehen, indem die Banken ihr Kommissionsgeschäft ausgeweitet und ihre Gebühren erhöht haben. Davon kann der Bankenombudsmann ein Lied singen: Die Zahl seiner «Gebührenfälle» ist zweistellig gewachsen.

Silicon Kreditanstalt

Credit Suisse Die Bank baut in Kalifornien am eigenen Fintech. Nun steht der Chef für die „CS Labs“ fest.

Als „nerd extraordinaire“ bezeichnete sich Jacob Sisk einst in einem Sachbuch über Technologie-Geeks, welche die Finanzmärkte an der Wall Street mit ihren Datenanalysen aufmischen. Das war 2009, kurz nach dem Börsentaumel. Inzwischen ist Sisk in den Teppichetagen der Finanzwelt angelangt. Zuletzt arbeitete der studierte Mathematiker als Vizepräsident beim US-Kreditriesen Capital One. Dort kümmerte sich Datenchef Sisk um die Sicherheit von Kreditkarten und um reibungslose Zahlungsabläufe mit dem Plastikgeld. Davor war der zweifache Vater unter anderem für grosse Medien- und Internetkonzerne wie Yahoo, Walt Disney oder Thomson Reuters tätig.

Grosse Menschheitsträume
Seit kurzem ist Sisk der Chef von „Credit Suisse Labs“ im Silicon Valley. Das bankeigene Fintech-Lab wurde bereits im letzten Jahr ins Leben gerufen, als Sebastian Thrun nach zwei Jahren den Verwaltungsrat der Schweizer Grossbank verliess. Thruns Abgang war ein herber Rückschlag für die Fintech-Ambitionen der Credit Suisse. Schliesslich galt der deutsche Robotikforscher als Innovationsguru, hatte er doch beim Suchmaschinen-Riesen Google lange Jahre das X-Projekt geleitet.

Dort nahm Thrun mit seinen Mitstreitern die richtig grossen Menschheitsträume in Angriff. Der Doktor der Philosophie werkelte an einer Fabrik für Mondflüge, versuchte das menschliche Gehirn nachzubilden oder experimentierte mit der berühmt-berüchtigten Google-Brille. Um solch eine Tech-Koryphäe wie Thrun nicht gänzlich zu verlieren, engagierte die CS ihn nach dessen VR-Exit unter anderem als Senior Advisor für die noch zu gründenden Credit Suisse Labs im Silicon Valley.

Dort gehe es darum, den Innovationsgedanken zu stärken und neue Geschäftsmodelle zu entwickeln, liess Thrun in einem bankeigenen Interview im 2016 verlauten: „Die Credit Suisse war schon immer eine progressive Bank. Sie möchte mit den Labs sicherstellen, dass sie bei der technologischen Entwicklung führend bleibt.“ Dabei will Tech-Pionier Thrun in den Labs vor allem gewichtige Themen anpacken wie Cyber-Sicherheit, mobiles Banking, neue Kreditmodelle und neue Datenbanken für Finanztransaktionen wie Blockchain, wie er seinerzeit im „Bulletin“ der CS ausführte.

Wenig Konkretes vom Lab
Doch seit Thruns hehren Visionen im letzten Jahr war aus den kalifornischen Labs der ehemaligen Kreditanstalt nicht mehr viel zu hören. Im April trat Sisk seinen Job als CEO von Credit Suisse Labs an. Der ausgewiesene Datenspezialist hätte bald darauf seine erste Auslegeordnung zuhanden des CS-Managements abliefern sollen. Doch Sisk sah sich gemäss Insidern zu diesem Zeitpunkt ausserstande, seine Vorstellungen den Bankspitzen zu präsentieren. Das „Fintech Venture“ um den IT-Experten Sisk sei vor allem an inkrementellen Lösungen interessiert und kümmere sich um technische Finessen: Ein disruptives Greenfield-Projekt sehe definitiv anders aus, heisst es bankintern kritisch.

Entsprechend schmallippig gibt sich die Pressestelle der Credit Suisse bei Fragen zum neuen Labs-Chef und seinen Visionen: „Wir stehen noch am Anfang mit den Labs und hoffen, zu einem späteren Zeitpunkt weitere Informationen liefern zu können.“ Nur so viel: Jacob Sisk sei verantworlich, „skalierbare Lösungen für aktuelle und zukünftige technologische Herausforderungen der Bank“ zu erarbeiten. Dabei kombinierten die Labs die „Silicon-Valley-Innovationskultur mit der globalen Finanzexpertise der Credit Suisse“.

Im Rückstand
Was hier in blumige Worte gehüllt wird, bedeutet indes viel Aufholarbeit, auch für Sisk und seine Labs. Denn im Vergleich zur schärfsten Schweizer Konkurrentin UBS hinkt die CS in Sachen Finanztechnologie und Digitalisierung noch immer hinterher. Während die CS in ihren Labs im Silicon Valley nun über der Blockchain-Technologie brütet, hatte sich die UBS bereits 2015 im Londoner Tech-Tower Level 39 einquartiert, um mit einem Krypto-Team erste Erfahrungen mit Blockchain zu sammeln.

Nebst solchen Grundlagenarbeiten rollte die grösste Schweizer Bank in jüngster Zeit eine Reihe von digitalen Innovationen aus, sowohl im heimischen Retailgeschäft wie in der internationalen Vermögensverwaltung. In England beispielsweise lancierte die UBS einen Robo-Advisor namens Smart Wealth. Auch beim volldigitalen Onboarden neuer Kunden war die UBS über ein Jahr früher dran als die Credit Suisse.

Der Regenmacher wittert Morgenluft

Er dürfte tief durchgeatmet haben, als der CS-Verwaltungsrat jüngst den Teil-Börsengang seiner Schweiz-Bank abgeblasen hat. Die Rede ist von Thomas Gottstein, der seit zwei Jahren die wichtigste CS-Sparte leitet. Mehr als die Hälfte des Vorsteuergewinns der globalen Grossbank stammt mittlerweile aus seinem Schweiz-Geschäft. Die Cash-Cow mit Minderheitsaktionären teilen zu müssen, bleibt Gottstein erspart.

Statt einem Teil-IPO werden die CS-Aktionäre an einer ausserordentlichen Generalversammlung über eine Kapitalerhöhung zu befinden haben. Die angepeilten 4 Milliarden Franken sind am oberen Ende dessen, was einst ein Teil-Börsengang der Schweiz-Tochter hätte einspielen sollen. Die Geldspritze über Bezugsrechte verbessert nicht nur das Eigenkapitalpolster der CS, sondern erhöht auch deren strategische Flexibilität. Gerade im so wichtigen Schweiz-Geschäft.

Die CS Schweiz ist ohne Minderheitsaktionäre flexibler bei Übernahmen

Denn was in der allgemeinen Empörung über sesselklebende Präsidenten, überrissene Boni und Milliardenverluste der Konzernmutter beinahe vergessen ging: Der Teil-IPO war von CS-Chef Tidjane Thiam auch dazu gedacht, an flüssige Mittel zu kommen, um hiesige Vermögensverwalter aufsaugen zu können. Man wolle die Konsolidierung der Schweizer Privatbankszene aktiv mitgestalten, sagte der Ex-Mc-Kinsey-Mann Thiam im Herbst 2015 bei der Präsentation seiner Bankstrategie.

Doch der Teufel liegt im Detail, wie man CS-intern feststellen musste. Das komplexe Setup mit einer teilkotierten Schweiz-Tochter wäre nämlich kaum in der Lage gewesen, hiesige Vermögensinstitute zu schlucken. Geschweige denn mit vernünftigem Aufwand zu verdauen. Denn die meisten Privatbanken hierzulande verwalten auch ausländische Assets, welche die Schweiz-Tochter an die Konzernmutter hätte weiterreichen müssen. Gottstein & Co. drohten bei Übernahmen hitzige Diskussionen mit Minderheitseignern über den Wert der eingekauften Assets. Diese Zwänge sind nun vom Tisch.

Der Ex-Investment-Banker Gottstein, der einst den Börsenggang von Glencore stemmte, wittert deshalb M&A-Morgenluft. Nicht zuletzt, weil die Vorgaben für seine Schweizer Einheit sehr sportlich sind. Im nächsten Jahr soll der Vorsteuergewinn 2,3 Milliarden Franken betragen. Rund einen Drittel mehr als 2016. Ohne eingekauftes Wachstum dürften die Ziele kaum zu erreichen sein.

Statt eines transformativen Deals winkt eine Staubsaugerstrategie
Für einen transformativen Deal à la Julius Bär oder Vontobel fehlt der CS auf dem Heimmarkt sowohl ein Verkäufer wie das nötige Kleingeld, trotz Kapitalschnitt. Machbar hingegen ist eine Staubsaugerstrategie. Hierzulande tummeln sich immer noch über 200 Privatbanken mit weniger als 15 Milliarden Franken an verwalteten Vermögen. Sie kämpfen mit dem Strukturwandel. Die Margen schrumpfen, die Kosten gehen durch die Decke. Hier will die CS ansetzen: entweder als Dienstleister für Kleine oder als deren Käufer.

Der Präsident ist in der Pflicht

Credit Suisse Seit der Finanzkrise kommt die Credit Suisse nicht zur Ruhe. Der damalige Chef Brady Dougan liess die Händler der Kreditanstalt munter im Wall-Street-Casino zocken. Doch die CS verlor das Vabanquespiel. Die Schummeleien mit Schrotthypotheken kosteten kürzlich 5,3 Milliarden Dollar an Bussgeld und Entschädigung. Auch die US-Steuerbusse fiel 2011 im Branchenvergleich mit 2,6 Milliarden Dollar happig aus. Brady Dougans Nachfolger, Tidjane Thiam, blieb die Rolle des Troubleshooters angesichts einer dünnen Kapitaldecke.

Doch der Ex-McKinsey-Mann enttäuscht bislang in seiner Paradedisziplin, der Strategie. Statt stringente Ziele zu kommunizieren und anzusteuern, fährt der CS-Kapitän stets auf Sicht. Thiams Kurs verunsichert Anleger wie Mitarbeiter gleichermassen. Überrissene Gewinnziele wurden in kurzer Zeit eingedampft, der Sparkurs mehrfach verschärft und der angekündigte Börsengang der Schweiz-Tochter ist angeblich nur mehr eine „Option“. Zu verantworten haben diese strategischen Wendungen aber nicht die operativen CS-Chefs Dougan und Thiam.

Es wäre vielmehr die Aufgabe des Verwaltungsrates, angeführt von Langzeit-Präsident Urs Rohner, das Grossinstitut mit sicherer Hand und klarem Kurs durch die diversen Finanzstürme zu lenken. Doch der ehemalige CS-Chefjurist Rohner ist diesen Beweis als Präsident bislang noch schuldig geblieben.

Verhaltensauffällige Banker

Credit Suisse Die Bank nutzt Big Data, um interne Trickser zu entlarven. Daraus soll ein Geschäft werden.

Mitarbeiter sind das grösste Kapital einer Bank. Der „human factor“ birgt aber auch das grösste Schadenspotenzial in sich. Denn Banken haben schon immer Kriminelle angezogen. Schliesslich lockt das schnelle und grosse Geld. Doch seit die Aufsicht im Zuge der Finanzkrise die Zügel angezogen hat, reisst der Reigen an Betrugsskandalen mit happiger Bussenfolge nicht ab. Alleine im Geschäftsjahr 2016 musste die CS für Rechtsfälle 2,4 Milliarden Franken aufwenden. Mehr als die Bank im selben Zeitraum im Kernmarkt Schweiz verdient hat.
Internes Fehlverhalten ist mittlerweile also ein zentraler Geschäftsfaktor. Lara Warner, Compliance- und Regulierungschefin bei der Credit Suisse, betont deshalb: Das ultimative Ziel müsse es sein, „misconduct“ weitestgehend zu verunmöglichen. „Damit schätzt der Regulator unser Geschäft als weniger riskant ein.“ Mit anderen Worten: Je besser die CS das Verhalten ihrer Mitarbeiter im Griff hat, desto mehr unternehmerischen Spielraum gewährt die staatliche Aufsicht. Es winken Kapitalerleichterungen.

Joint Venture mit Palantir
Um diesem Ziel näherzukommen hat die Credit Suisse im letzten Frühjahr eine Firma namens Signac gegründet. Es handelt sich um ein 50/50-Joint-Venture mit dem privat gehaltenen Silicon-Valley-Einhorn namens Palantir. Die von Peter Thiel mitbegründete Firma ist spezialisiert auf Big Data und zählt CIA wie FBI zu ihren Kunden.
Der Name Signac geht übrigens auf den französischen Pointillisten Paul Signac zurück, dessen Gemälde aus vielen einzelnen Farbpunkten bestehen. Die perfekte Analogie für das Big-Data-Business. „Um aus einzelnen Informationen ein ganzheitliches Bild herzustellen – dazu haben wir Signac ins Leben gerufen“, sagt Lara Warner.
Die ehemalige Investment-Bankerin setzt den Software-Hebel zunächst im Trading an, dessen Selbstverständnis von den Adoboli- und Kerviel-Betrugsfällen erschüttert wurde. Entsprechend personalintensiv ist mittlerweile die Kontrolle. Bei der CS stehen 1000 Händlern 300 interne Aufseher gegenüber. Diese Supervisor müssen jeden Tag einen Berg an Handelsgeschäften und Reports durchforsten, um verdächtige Transaktionen herauszufiltern. Nun aber will Signac den Fokus der Ermittlungen neu justieren. „Die Software soll der Compliance helfen, allfälliges internes Fehlverhalten zu finden, indem wir uns nicht auf die Transaktionen konzentrieren, sondern auf die Trader selbst.“ So wie die Bank bisher ihre quantitativen Kredit- und Bilanzrisiken überwacht, so soll Signac künftig qualitative Reputations- und Verhaltensgefahren frühzeitig adressieren.
Dabei aggregiert und filtert die Big-Data-Software einen Berg an unstrukturierten Informationen. Signac bedient sich dazu zahlreicher Datentöpfe, die Hinweise für Fehlverhalten liefern. Um die Problemfelder überhaupt auszumachen, besteht das Signac-Team – nebst den Datenwissenschaftern von Palantir – aus Ex-Intelligence-Mitarbeitern und Tradern. Sie kennen die Tricks ihrer Kollegen aus dem Effeff.
Konkret können Händler beispielsweise Buchungen manipulieren. Also hält Signac ein Auge darauf: Werden Trades häufig korrigiert oder gelöscht? Bucht der Händler plötzlich Geschäfte auf interne, inaktive Bücher, um etwas zu verschleiern? Aber auch die persönliche Verhaltensweise fliesst in die Softwareanalyse mit ein: Ändert sich die Sprache im internen Messaging oder E- Mail-Verkehr? Benutzt der Trader mehr Schimpfwörter, was auf psychischen Stress schliessen lässt? Oder verwendet er kryptische Bezeichungen und Codewörter? Ebenso checkt das System die Varianz im Arbeitsrhythmus, indem der Zugang abgefragt wird: Arbeitet der Trader plötzlich am Wochenende oder bis tief in die Nacht hinein?
Erst das Verknüpfen all dieser Daten ergibt ein musterhaftes Sittengemälde, das mutmassliche Betrüger entlarven kann. Signac speichert diese Evidenz, falls später Aufsicht und Strafverfolger den Fall in die Hand nehmen. Die Bank erhält mit Signac rechtliches Geleit.
Erste Erfahrungen sind positiv: Nachdem die CS im letzten Jahr Signac auf oberstem Supervisor-Level ausgerollt hat, wird nun die Aufseher-Basis im Trading Floor technologisch aufgerüstet.
Doch Oberaufseherin Warner will künftig mit Signac auch das Wealth Management – also das Kerngeschäft der CS – ins Visier nehmen: „Nachdem wir in einem ersten Schritt die Handelsrisiken adressiert haben, wollen wir Signac nun auch in der Vermögensverwaltung ausrollen.“ Dazu hat das rund vierzigköpfige Signac-Team in London und New York alte Fälle von Fehlverhalten durch Kundenberater studiert und Warnhinweise ausgemacht, anhand derer die schwarzen Schafe frühzeitig identifiziert werden können. Nun arbeitet man am passenden Risiko-Dashboard.
Ein Problemfeld bildet die Ausführung. Hat ein Kunde tatsächlich einen Auftrag gegeben oder agiert der Berater eigenmächtig und schiebt Gelder zwischen Konten hin und her? Signac misst auch die Anlageperformance zwischen den Relationship Manager, die ähnliche Kunden betreuen: Wer über längere Zeit eine deutlich bessere Performance als seine Peers erzielt, gilt als auffällig. Gerade im Segment mit sehr vermögenden Klienten versucht die Bank zudem, die Klumpenrisiken zu minimieren, indem sich ganze Teams um die Kunden kümmern statt einzelne Starberater.

Grenzen der Technologie
Allerdings gibt es gerade bei den Relationship Manager Grenzen – sowohl was den Datenschutz anbelangt als auch die Erfassbarkeit ihrer Aktionen. Zwar verlangt die CS – wie die meisten Grossbanken – von ihren Kundenberatern, dass sie ihre privaten Kontobeziehungen über die Credit Suisse laufen lassen. Doch gibt es keine Gewissheit, dass sich die Mitarbeiter an die Direktive halten. „Die grösste Herausforderung liegt darin, das bankinterne Wissen mit dem zu verknüpfen, was ausserhalb des Instituts passiert“, sagt Warner. Häufig bringt erst eine externe Strafuntersuchung das ganze Ausmass des Betrugs ans Licht. Insofern geht es – trotz technologischen Hilfsmitteln – auch weiterhin darum, die Mitarbeiter wachsam zu halten.
Mit Signac haben deshalb auch „Livehacks“ Einzug gehalten. Im Handel bespielsweise werden regelmässig „fake trades“ ins System eingeschleust, um die Abwehrmassnahmen zu checken. „Indem wir seit zweieinhalb Jahren die Anfälligkeit für Fehlverhalten immer wieder testen, ist das Risikobewusstsein unter Mitarbeitern markant gestiegen“, sagt Warner. Angesichts der Milliardenbussen seit der Finanzkrise scheint dieser Aufwand zur Risikominimierung gerechtfertigt. Und Grossbanken wie die Credit Suisse können die komplexe Aufgabe durchaus durchhalten.
Kleine Banken im Visier
Doch gerade für kleinere und mittlere Institute stellen die wachsenden Regulierungs- und Compliance-Aufgaben einen gewaltige Kostenblock dar. Insofern sieht Warner einen Markt für eine Softwarelösung wie Signac: „Ab Ende Jahr wollen wir Signac auch für Drittkunden öffnen und weitere Banken als Kunden gewinnen.“ Ein Markt, der sich unter dem Stichwort „Compliance 2.0“ enorm rasch entwickelt. So hat jüngst das Londoner Startup Behavox eine weitere Finanzierungsrunde abgeschlossen. Wie Signac beschäftigt sich auch Behavox mit der Risikoanalyse und Prognose von „verhaltensauffälligen“ Bankern.

Kantonaler Klüngel

Postfinance Die Schamesröte müsste es den sogenannt liberalen Ständeräten ins Gesicht treiben, dass sich mit Roberto Zanetti ausgerechnet ein Sozi für eine „Deregulierung des Finanzplatzes“ ins Zeug legt. Der Solothurner fordert gleich lange Spiesse für die Postfinance gegenüber den Inlandsbanken. Der gelbe Riese soll hierzulande endlich auch Hypotheken und Kredite vergeben können, anstatt wie bisher mit Schweizer Kundengeldern ausländische Banken und Unternehmen zu finanzieren. Ein Umstand, der die systemrelevante Staatsbank zusehends aus dem Gleichgewicht bringt und die Erträge erodieren lässt. Mit Einführung der Negativzinsen hat sich dieser Geburtsfehler der Postfinance noch akzentuiert. Die einstige „Cashcow“ droht zum mageren Schlachtvieh zu verkommen.

Doch Zanettis freiheitliche Motion zugunsten eines fairen Wettbewerbs fiel bei der bürgerlichen Kommissionsmehrheit im Ständerat glatt durch. Erneut entpuppt sich deren liberale Gesinnung als Feigenblatt. Es dominieren die Partikularinteressen. Und was läge da näher, als das fette Hypo-Geschäft der eigenen Kantonalbanken vor dem gelben Riesen zu schützen? Sekundiert wird dieser fatal-förderale Protektionismus von den Grossbanken und der Raiffeisen-Gruppe, die mittlerweile die fünftgrösste Parlamentsfraktion stellt. Diese unheilige Allianz foutiert sich um einen fairen Wettbewerb.

UBS und Co. riskieren ihren Ruf

Staatsfonds Nun hat es auch die UBS erwischt. Die grösste Schweizer Bank soll Milliarden Dollar dubioser 1MDB-Gelder verschoben haben. Es ist die jüngste Hiobsbotschaft im Korruptionssumpf rund um den malaysischen Staatsfond, dessen illustres Personal zahlreiche Schweizer Institute bereitwillig hofierten. Die Komplizenschaft des Swiss Banking im 1MDB-Skandal ist keine Petitesse, die Klientelwirtschaft in Kuala Lumpur kein Einzelfall. Vielmehr bergen die über 30 Staatsfonds, in denen zusammen mehr als 7 Billionen Dollar stecken, für Banken beträchtliche Sorgfaltrisiken.

Seit den Nullerjahren ist die Zahl an Sovereign Wealth Funds (SWF) stark angewachsen. Nährboden für die staatlichen Investment-Kollosse – zumeist in Asien, dem Mittleren Osten und Afrika angesiedelt – waren und sind die Rohstoff-Bonanza beziehungsweise die daraus resultierenden Exportüberschüsse der jeweiligen Volkswirtschaften.

Staatliches Finanzvehikel gegen den Rohstoff-Fluch

Die SWF sollen den Ländern als Puffer dienen, um die einseitig ausgerichteten Volkswirtschaften gegen Rohstoff-Fluch und Schweine-Zyklen auf dem Weltmarkt zu schützen. Nachfolgenden Generationen soll der aus den Überschüssen gespiesene Kapitalstock den Wohlstand sichern. Und mit Direktinvestments, zum Beispiel in die Infrastruktur, hat der SWF in vielen emerging markets eine zentrale Rolle, die eigene Wirtschaftsbasis zu verbreitern und zu diversifizieren.

Was also auf dem Papier durchaus Sinn ergibt, ist im Realitäts-Check notorisch anfällig für Korruption und Zweckentfremdung. Der Staatsfond als Honigtopf ist oft zu verlockend. Schliesslich sind in Kleptokratien die chinesischen Mauern zwischen Regierung und SWF marode. Ob Malaysia, Libyen oder China – in den letzten Jahren gab es zahlreiche Fälle von Vetternwirtschaft und Missmanagement bei SWF. Mittendrin waren stets internationale Banken, welche sich als Asset Manager und Dealmaker andienten. Schliesslich locken grosse Volumina und satte Gebühreneinnahmen. Dieses Milliardengeschäft lassen sich auch Schweizer Institute nicht entgehen: Wer weiss schon, dass die UBS für den Staatsfonds im fernen Aserbaidschan das milliardenschwere Aktienportfolio verwaltet? Oder dass in Zug der verschwiegene Asset Manager des angolanischen Staatsfonds sitzt?

Saubere Transaktionen von illegitimen Geldflüssen unterscheiden

Diese Finanzgeschäfte mit dem SWF mögen durchaus legitim sein, doch die Regimes in vielen Schwellenländern sind es definitiv nicht. Dem Klientelismus kann sich auch das Swiss Banking nicht entziehen, wie der 1MDB-Fall gezeigt hat: Saubere Transaktion von illegitimen Geldflüssen zu unterscheiden, wird zum Vabanque-Spiel.

Es ist deshalb mehr als Warnung denn als Hinweis zu verstehen, wenn Finma-Chef Mark Branson sagt, mit dem stark wachsenden Business in Schwellenländern hätten die Geldwäschereirisiken massiv zugenommen. UBS und Co. riskieren im Geschäft mit SWF ihren Ruf.

Brexit oder das EU-Einfallstor schliesst sich

Brexit Alexis P. Lautenberg ist Cheflobbyist der Schweizer Grossbanken – UBS und Credit Suisse – bei der Europäischen Union und zugleich Präsident der britisch-schweizerischen Handelskammer. Der Ex-Diplomat kennt die Politmechanik in Brüssel und Britannien aus dem Effeff. Lautenberg glaubt nicht, dass der Finanzplatz London kurzfristig einen Exodus an Schweizer Banken erleben wird. Aber, so Lautenberg: Viele Institute nehmen den Brexit zum Anlass, ihre eigene Präsenz in Europa zu überdenken. Denn London als Einfallstor in die EU schliesst sich mit dem Brexit teilweise oder ganz. Die Banken wälzten seit geraumer Zeit Szenarien, sagt Günther Dobrauz, Experte für Finanzmarktregulierung bei PwC: Aufgewacht sind die Institute mit dem Referendum über den Austritt Schottlands aus Grossbritannien.

So hat beispielsweise die UK-Tochter der Credit Suisse, die in London gut 6000 Beschäftigte zählt, seit vergan genem Jahr eine Brexit Working Group eingerichtet. Diese versuche, die möglichen operationellen Auswirkungen für die CS-Geschäfte im Vereinigten Königreich und in der Europäischen Union abzumildern, schreibt die Grossbank in einer Stellungnahme. Auch für Konkurrentin UBS ist London mit gut 5500 Beschäftigten ein wichtiger Finanz-Hub. Über die Tochter UBS Limited steuert die Grossbank von der City aus ihren Investment-Banking-Arm unter Führung von IB-Chef Andrea Orcel. Im vergangenem Jahr generierte die UBS Limited ein operatives Ergebnis von 727 Millionen Pfund. Die britische Investment-Bank-Tochter dient dabei auch als Einfallstor in die Europäische Union mit eigenen Zweigstellen in Deutschland, Polen, Schweden und den Niederlanden. Erst Anfang dieses Jahres hat sich die UBS Limited auch die italienische Investment-Bank-Tochter einverleibt und in Mailand eine Filiale eröffnet.

Äquivalenz a gogo

Dieses EU-Filialnetz der britischen UBS Limited steht mit dem Brexit auf dem Prüfstand, denn das Vereinigte Königreich könnte den Zugang zum EU-Finanzmarkt verlieren und müsste fortan auf eine äquivalente Anerkennung seitens Brüssel hoffen. PwC-Experte Dobrauz sieht grosse Rechtsunsicherheiten aufziehen: Es gibt EU-Vorschriften, die im britischen Recht umgesetzt wurden. Andere Vorschriften wie die Mifid-Regulierung entstammen direkt dem Mitgliedschaftsvertrag: Wenn der gekündigt wird, fällt man regulatorisch in ein schwarzes Loch. Umgekehrt bietet der Brexit aber auch Chancen, indem die Schweiz mit Grossbritannien – ohne institutionellen Ballast – ein Finanzdienstleistungsabkommen aushandeln kann. Wir könnten uns so den Briten stärker als der EU annähern, sagt Brüssel-Lobbyist Lautenberg.

Ueli der Banker

Finanzplatz Für Peter Guy sind die Schweizer Banken faktisch am Ende. Der Kolumnist der renommierten South China Morning Post sieht im unrühmlichen Ende der Tessiner BSI die letzte Zuckung eines moribunden Finanzplatzes: BSI markiere das Ende der Geschichte für die Schweizer Bankenindustrie, keift der Finanzjournalist in Hongkongs grösster englischsprachiger Tageszeitung.

Guys tendenziöser Tiefschlag ist symptomatisch für das schlechte Image des Swiss Banking in der Welt: Der hiesige Finanzplatz gilt nicht erst seit dem BSI-Skandal als Hort für Steuergauner, Geldwäscher und Ganoven aller Art. Dies, obwohl sich die Schweiz längst als Musterschülerin im Umgang mit schmutzigen Geldern sieht.

Die klaffende Lücke zwischen Wahrnehmung und Realität wollen Bundesbern und die Bankbranche im Ausland nun mit vereinten Kräften schliessen. Finanzminister Ueli Maurer erklärt dabei die Imagepolitur des Swiss Banking in der weiten Welt zur Chefsache. Wir verfolgen das Ziel einer stärkeren Förderung des Finanzplatzes im Ausland, sagt Beat Werder vom Staatssekretariat für internationale Finanzfragen (SIF). Die Schweiz habe in den letzten Jahren grosse Anstrengungen unternommen, um die internationalen Standards in der Geldwäschereibekämpfung und der Steuerkonformität zu erfüllen. Wir möchten das in Zukunft vermehrt im Ausland thematisieren.

Wie Maurer und das SIF konkret die regulatorischen Meriten im Ausland nun besser vermarkten wollen, soll im Herbst feststehen, wenn der Bundesrat die neue Finanzmarktstrategie präsentiert. Vorgesehen ist, dass die Auftritte von Ueli Maurer im Ausland als Plattform für die Banken dienen sollen, um für die Standortvorteile des Schweizer Finanzplatzes zu werben. Zugleich bereitet die Schweizerische Bankiervereinigung (SBVg) ein eigenes Programm vor. Wir entwickeln zurzeit verschiedene Konzepte, wie wir den Finanzplatz im Ausland vermarkten wollen, sagt SBVg-Sprecher Thomas Sutter.

Die Bankiervereinigung hat kürzlich Deloitte damit beauftragt, die Verbandsmitglieder zu befragen, welche Promotionsbedürfnisse im Ausland überhaupt bestehen. Dabei ist klar, dass die exportorientierten Vermögensbanken stärker von der internationalen Imagepolitur profitieren würden als Retail- oder Regionalbanken. Wer wie viel an die Promotion zahlt, ist im Verwaltungsrat der SBVg derzeit noch umstritten. Es gelte, Trittbrettfahrer zu vermeiden, sagt ein Involvierter.

Aussenposten zur Kontaktpflege

Pierin Vincenz gilt als Favorit fürs Präsidentenamt bei der Bankiervereinigung. Und der Helvetia- und Leonteq-Präsident hat bereits konkrete Ideen, wie sich die Finanzbranche im Ausland besser vermarkten könnte. Wir brauchen Aussenposten fürs Swiss Banking, zum Beispiel in Konkurrenzmärkten wie Singapur oder London. Es gehe darum, die physische Präsenz in wichtigen Regionen zu erhöhen, so der frühere Raiffeisen-Chef.

Gerade im asiatischen Raum sei die Kontakt- und Imagepflege essenziell. Die Bankenbranche und die Politik müssen gegenüber dem Ausland stärker als Einheit auftreten. Der Spitzenbanker denkt an gemeinsame Reisen und Auftritte: Der Bundesrat sei bislang im Rahmen von Wirtschaftsdelegationen zusammen mit Industrievertretern in Zielmärkte gereist. Solchen Delegationen sollten künftig auch vermehrt Spitzenvertreter des Finanzplatzes angehören. Dabei müsse man auf traditionelle Schweizer Stärken wie Rechtssicherheit, politische Stabilität und Geschäfts-Know-how setzen.

Der Zeitpunkt für eine Werbeoffensive ist gut. Die Einführung des Automatischen Informationsaustausches (AIA) steht vor der Tür. Sie markiert für Banken wie Politik eine Zäsur – und die Gelegenheit, aus dem Abwehrmodus herauszufinden. In den letzten Jahren hat man sich unter massivem Druck schrittweise an internationale Standards angepasst – und möchte sich nun auch im Ausland als Vorreiterin im Kampf gegen Geldwäscherei und Steuerbetrug präsentieren.

Bund als Marketingklammer

Das ist neu: Liess seine Vorgängerin Eveline Widmer-Schlumpf keine Gelegenheit aus, um Distanz zum Finanzplatz zu markieren, weht nun ein anderer Wind durch den Bernerhof. Bundesrat Maurer will die Imagepolitur im Ausland Hand in Hand mit den Banken angehen. Eine zentrale Rolle kommt dem Staatssekretariat für internationale Finanzfragen zu. Jahrelang hatte die Behörde alle Hände voll damit zu tun, die Steuerkonflikte mit den USA und der EU zu lösen. Jetzt sind die drängendsten Brandherde gelöscht. Und das Amt sucht nach einer neuen Raison d’être. Die Planung der Vermarktungsaktiväten als zusätzliche Aufgabe kommt den SIF-Beamten da gerade gelegen.

Zu koordinieren gibt es viel. Denn auch Präsenz Schweiz, die Imageagentur des Bundes, soll künftig für den Finanzplatz die Werbetrommel rühren. Präsenz-Schweiz-Chef Nicolas Bideau möchte nach eigenen Angaben die Botschaft eines wettbewerbs fähigen, attraktiven und gleichzeitig transparenten Finanzplatzes vermitteln. Diese Botschaft soll in die neue Strategie Landeskommunikation 2016 – 2020 einfliessen.

Die Bankiervereinigung hat derweil bereits erste Gespräche mit der Förderagentur Switzerland Global Enterprise (S-GE) aufgenommen. Schliesslich winkt ein globales Netzwerk an Aussenstellen. Neben Biotech, MEM oder ICT wäre es möglich, auch den Finanzsektor als Schwerpunktbranche in unser Mandat aufzunehmen, erklärt S-GE-Chef Daniel Küng. Man sei jederzeit offen, gemeinsam mit Bund und Kantonen an der Entwicklung einer entsprechenden Strategie mitzuarbeiten.

Wie der Staat erfolgreich den Bankenplatz fördert, das machen ausländische Konkurrenten vor. In Luxemburg betreiben Regierung und Banken gemeinsam eine Promotionsagentur für den Finanzplatz. In Singapur sind Finanzministerium, Aufsicht und Nationalbank gar unter einem Dach – und alle Einheiten verstehen sich als Vermarkter des eigenen Finanzplatzes. Auch wenn sich das Modell nicht telquel auf unsere föderalen Strukturen übertragen lässt: Im Grundsatz ist diese Zusammenarbeit zwischen Banken und Politik vorbildlich, sagt dazu der frühere Raiffeisen-Chef Vincenz.

Auch CVP-Ständerat Pirmin Bischof, zugleich Präsident der parlamentarischen Gruppe der Inlandbanken, ist voll des Lobes für den südostasiatischen Stadtstaat: Wir können von Singapur lernen. Nicht zuletzt, weil von der Bankenbranche kein homogenes Auftreten im Ausland zu erwarten sei, sei es zu begrüssen, wenn der Bund als Marketingklammer des Finanzplatzes auftrete. Dass Finanzminister Maurer mit Bankenvertretern und Finma-Chef Mark Branson auf Roadshow im Ausland auftrete, könnte er sich durchaus vorstellen.

Die Schweiz im Krimi-Plot

Nicht überall teilt man diesen Enthusiasmus. Der Expertengruppe um Professor Aymo Brunetti würden solche Massnahmen zu weit gehen. Sie empfiehlt in ihrem Bericht zur künftigen Finanzmarktstrategie zwar eine stärkere, prominentere Vermarktung des Finanzplatzes im Ausland. Die Imagepflege soll jedoch in erster Linie durch die Industrie wahrgenommen werden. Es widerspricht dem Wesen der Schweiz, Industriepolitik zu betreiben, sagt ein hochrangiges Mitglied der Expertengruppe. Die Stossrichtung des Bundes müsse sich darauf beschränken, gute Rahmenbedingungen zu schaffen – und darüber objektiv zu informieren. Das Ziel müsse sein, dass die Schweizer Banken in zehn Jahren nicht automatisch in jedem Krimi vorkommen, bei dem es um Geldwäscherei und Steuerbetrug gehe. Dazu brauche es aber mehr als ein paar Kampagnen.

Die Schweiz sieht rot

China  Sulzer und ABB geschäften seit über 100 Jahren im Reich der Mitte. CS und UBS liessen sich in den 1980er- beziehungsweise frühen 1990er-Jahren in der Volksrepublik nieder. Die Liste an Schweizer Konzernen, die erfolgreich in China investiert sind, liesse sich beliebig fortführen.

Nun aber schwenkt der ost-westliche Kapitalstrom um. Die Werkbank der Welt sitzt auf einem Berg an Cash aus goldenen Exportjahrzehnten. Gleichzeitig schwinden die Opportunitäten im Riesenreich. Die gelenkte Transformation hin zur nachfrageorientierten Dienstleistungsgesellschaft drückt aufs Tempo. Die Wirtschaft kühlt ab. Die staatlichen Konjunkturspritzen wirken stumpf. Das Regime in Peking agiert zusehends dünnhäutig und repressiv. Der Volksrepublik steht ein langwieriger und schmerzhafter Anpassungsprozess bevor.

Derweil sorgen sich solvente Staatskapitalisten um die Abwertung des Yuan. Das Pulver droht feucht zu werden, bevor die Übernahme-Kanone geladen ist. Fiebrig gehen Chinas Riesen deshalb auf globale Shopping-Tour. Diversifikation lautet die Losung. Im Visier sind value assets, Vorzeigeindustrien. Es vergeht keine Woche, in der nicht Privatbanker, Hoteliers oder Industrieunternehmer von Sino-Investoren angegangen werden. Bereits befinden sich über 80 Schweizer Firmen in chinesischer Hand. Statt über den Ausverkauf der Heimat zu lamentieren und sich ins Ideologie-Reduit zu flüchten, sollten wir die fernöstlichen Avancen begrüssen. Globalisierung ist keine Einbahnstrasse. Vom offenen, gegenseitigen Austausch mit der künftigen Supermacht kann die Schweiz nur profitieren.