Aufsicht für Finma – Big Four auf dem Prüfstand

Finma Die Aufsicht lässt Banken und Versicherer von Auditkonzernen kontrollieren. Die Praxis ist unergiebig und birgt Interessenkonflikte. Nun wird Kritik laut.

Es war kein Aprilscherz, als der Internationale Währungsfonds (IWF) am Ersten des Monats seinen Schweiz-Bericht publizierte. Darin macht der IWF «gewichtige Mängel» bei der Finanzmarktaufsicht aus: «Die Finma sollte direkt Prüfgesellschaften mandatieren und zahlen können, um potenzielle Interessenkonflikte auszuräumen.» Der IWF mahnt im Bericht die Schweiz zur «Stärkung des Governance-Rahmens der Finma».

90 Prozent fliesst an Deloitte, EY, KPMG und PwC

Die Mahnung aus Washington zielt auf den verlängerten Arm der Finma ab, die privaten Wirtschaftsprüfer. Sie verdienen jährlich über 110 Millionen Franken mit regulären Aufsichtsprüfungen bei Finanzinstituten, vornehmlich Banken. Davon fliessen über 90 Prozent an die Big-Four-Konzerne Deloitte, EY, KPMG und PwC. Gleichzeitig bildet die Kontrolle dieser privaten Auditkonzerne die Arbeitsgrundlage der Finma für Sonderprüfungen und Enforcements.

Nun gerät die reguläre Aufsichtsprüfung unter Beschuss. Paul Mathieu hat für den IWF den Schweizer Finanzsektor begutachtet und spricht von einem «sehr ungewöhnlichen Modell»: «Die Good Practice verlangt, dass die Aufseher für alle Aufsichtstätigkeiten voll verantwortlich sind.» Die Banking- und Audit-Welt sei konzentriert auf wenige gewichtige Akteure. Zwar dürften jene Firmen, die aufsichtsrechtlich prüften, nicht gleichzeitig die jeweilige Bank beraten. Und die Prüfgesellschaft müsse regelmässig rotieren. «Aber mit dem Rotationsprinzip erbringen die Auditkonzerne im Laufe der Zeit sämtliche Dienstleistungen für dieselben Banken, sodass sie voneinander abhängig sind», kritisiert IWF-Mann Mathieu.

Anschein von Einflussnahme bei Aufsichtsprüfungen der Finma

Das Schweizer Aufsichtsmodell verschärft dieses Systemproblem noch, indem nicht die Finma selbst die Prüfgesellschaften mandatiert und bezahlt, sondern die Banken und Versicherer. Dabei schnüren die Finanzinstitute in der Regel ein Mandatspäckli mit der Revisionsgesellschaft: Jene Auditfirma, die den Geschäftsabschluss der Bank auf ihre Richtigkeit prüft, liefert im Nachgang auch die regulatorische Aufsichtsprüfung mit.

Für Compliance-Experte und Rechtsanwalt Michael Kunz macht dies durchaus Sinn: «Der leitende Auditor ist bereits mit den Eigenheiten der buchgeprüften Firma vertraut.» Bei kleineren Beaufsichtigten ist häufig derselbe leitende Prüfer am Werk. Bei systemrelevanten Banken ist es zumindest dieselbe Prüfgesellschaft. «Man kann den Anschein von Einflussnahme auf Audits und Interessenkonflikte erkennen», warnt IWF-Mann Mathieu und empfiehlt deshalb ein Direktmandat der privaten Prüfgesellschaften durch die Finma, um solche Vorbehalte auszuräumen.

Auch die Eidgenössische Finanzmarktaufsicht selbst hält den IWF-Vorschlag für «sinnvoll»: «Dies würde aber die Anpassung des gesetzlichen Rahmens bedingen und die nötige politische Unterstützung voraussetzen.» Will die Finma nämlich die Verquickung von aufsichtsund gesellschaftsrechtlicher Revision heute unterbinden, muss sich der Regulator rechtfertigen. «Dies kam auch vor», betont ein Finma-Sprecher.

Für die Aufsichtstätigkeit der Finma kommt erschwerend hinzu, dass es kaum Auswahl gibt bei anspruchsvollen Mandaten. Geht es beispielsweise um komplexe, internationale Konkursliquidationen, kommen praktisch nur die Big-Four-Konzerne in Frage: Entsprechend lukrativ sind die Sondermandate, für welche Finma-Beauftragte seit 2014 mit 165 Millionen Franken entschädigt wurden.

Potenzielle Interessenkonflikte bei Prüfgesellschaften

Peter V. Kunz, Wirtschaftsrechtler an der Uni Bern, betont: «Das Angebot von möglichen Prüfgesellschaften, aus denen die Finma für Mandate auswählen kann, ist relativ beschränkt.» Dies führe zu «potenziellen Interessenkonflikten». Allerdings hätten die Prüfgesellschaften in der Praxis – nicht zuletzt aus Angst vor Haftungsklagen – «gewisse Chinese Walls» hochgezogen. Kunz spricht sich deshalb für die bestehende duale Aufsicht mit prüfbeauftragten Privaten aus: «Dies verhindert eine aufgeblähte, kostspielige Bürokratie, was aus liberaler Sicht zu begrüssen ist.»

Allerdings gibt es nicht nur Governance-Bedenken, wenn private Prüfkonzerne die Arbeit des Finanzregulators machen. Die Finma-Spitze selbst zweifelt mittlerweile die Wirksamkeit ihrer privatwirtschaftlichen Mitarbeitenden an: In der Vergangenheit seien viele Themen eher flächendeckend geprüft worden, «ohne dass wir daraus relevante Erkenntnisse gewinnen konnten», monierte Finma-Präsident Thomas Bauer jüngst vor den Medien: «Wir sind zum Schluss gelangt, dass uns das bisherige System schlicht zu wenig Hinweise auf Probleme bei Beaufsichtigten gegeben hat.»

Prüfgesellschaften tauchen nur selten als Hinweisgeberin bei Finma-Enforcements auf

Dabei hatte die Finanzmarktaufsicht erst 2013 das Rundschreiben zum Prüfwesen revidiert. «Doch die erhoffte Steigerung des Nutzens für eine wirksame Aufsicht über den Schweizer Finanzplatz konnte nicht erreicht werden», schreibt die Finma im Revisionsbericht. Das grösste Potenzial liege bei der «Anpassung der Basisprüfung» durch private Auditfirmen. Just dort, wo auch der IWF Handlungsbedarf sieht. Unter anderem analysierte die Finma dazu die Quellen und Hinweise für ihre Enforcement-Abklärungen oder -Verfahren. «Die Prüfgesellschaften tauchten hier nur selten als Hinweisgeberin auf», schreibt die Finma auf Anfrage der «Handelszeitung». Mit anderen Worten: Der reguläre Aufsichtscheck durch private Prüfer war bislang ein teurer Papiertiger.

Nun hat die Finanzmarktaufsicht allerdings Gegensteuer gegeben: Man wolle die Vorgaben dabei noch stärker nach der «Risikosituation der Beaufsichtigten» abstufen und so das «Kosten-Nutzen-Verhältnis des Prüfwesens» erhöhen.

Schweizer Kredit – Krimi mit Kollateralschaden

Schweizer Kredit Das Ende der Finanzfirma beschäftigt die Strafermittler. Die mögliche Deliktsumme geht in die Millionen.

Die Polizei schlägt Anfang Monat an der Goldküste zu. Der Geschäftsmann wird in seiner Villa mit Seeblick festgesetzt. Die Beamten beschlagnahmen Vermögenswerte und greifen Dokumente ab. Dann geht es in Handschellen weiter in die Zürcher Innenstadt, wo der Financier sein Büro an bester Lage hat. Die Beamten sichern vor Ort weitere Geschäftsunterlagen.

Der Grund für die Polizeiaktion: Die Zürcher Staatsanwaltschaft III für Wirtschaftsdelikte führt eine Strafuntersuchung gegen «Verantwortliche» der Schweizer Kredit AG, kurz SKAG. Der Verdacht lautet auf mehrfache qualifizierte ungetreue Geschäftsbesorgung. Zu den Beschuldigten zählen aktive wie ehemalige SKAG-Vertreter sowie der Geschäftsmann. Er wird verdächtigt, als Drahtzieher den Kreditvermittler bewusst ausgehöhlt und in die Überschuldung getrieben zu haben. Im Fachjargon: Konkursreiterei.

Bei Schuldenruf kommen 50 Mio. Franken zusammen

Die Schweizer Kredit AG befindet sich mittlerweile in Nachlassstundung. Beim Schuldenruf kamen gut 50 Millionen Franken zusammen. Bei der laufenden Strafuntersuchung ist dies noch unklar: Die im Raum stehende Deliktsumme lasse sich derzeit nicht näher bestimmen, sagt ein Sprecher der Staatsanwaltschaft: «Sie dürfte aber im Bereich von mehreren Millionen Franken liegen.»

Die Geschichte um die Schweizer Kredit besitzt alle Zutaten eines Wirtschaftskrimis: ein prominenter Investor aus dem Ausland, ein schwerreicher Privatier mit Panama-Firma als Kreditbürge, eine Grossbank als Kreditgeberin und eine internationale Beratungsgesellschaft, die für SKAG mal Bücher prüft, mal bei Business-Plänen mithilft oder Investoren sucht.

Schuldpapiere ab nächstem Herbst fällig

Gegründet wird der Kreditvermittler Mitte 2015 in Zürich von einem Marketingmann mit Branchenerfahrung. Er gehört zum Kreis der Beschuldigten und will keine Stellung zu seiner Rolle bei SKAG nehmen. Der Gründer rührt zu Beginn kräftig die Werbetrommel. «Wir sind zuversichtlich, ein Kreditportfolio von wenigstens 500 Millionen Franken in den nächsten 18 bis 36 Monaten zu erreichen, was einem Marktanteil von 8 Prozent entspricht», erklärt er anlässlich der Emission einer SKAG-Anleihe über 75 Millionen Franken im Herbst 2015. Zwei weitere Obligationen folgen, sodass die Firma insgesamt 125 Millionen Franken an Fremdkapital ausgibt. Die deutsche Privatbank Neelmeyer soll involviert gewesen sein. Die ersten Schuldpapiere werden im nächsten Herbst fällig.

Doch trotz Wachstumsplänen und einem Zinscoupon von bis zu 4 Prozent, bleiben die Papiere ein Ladenhüter. Nur ein Bruchteil der Summe soll von Investoren tatsächlich gezeichnet worden sein. Die SKAG braucht jedoch fortlaufend Kapital, um ihre Kreditzusagen zu decken. Die Rede ist von einem 30-Millionen-Franken-Portfolio mit über tausend Kleinkreditnehmern. Um dafür Investoren zu finden, tritt ein ehemaliger Banker auf den Plan, der früher für UBS, Sarasin und die britische HSBC gearbeitet hat und Kontakte zu vermögenden Unternehmern hat. Er investiert auch selbst und wird später eine Strafanzeige gegen den SKAG-Gründer einreichen. Ebenfalls Strafanzeige stellt eine Luxemburger Firma namens Tyrol Crystal Assets SPF. Sie gehört zur österreichischen Unternehmerfamilie Riedel. Deren Weingläser sind weltberühmt.

Das SKAG-Investment hatte den Österreichern der Ex-Banker vermittelt. Die Familie Riedel steckt schliesslich einige Millionen in Schuldpapiere des Zürcher Kreditvermittlers. Unklar ist, ob die Glasfabrikanten aus dem Tirol indirekt auch eine millionenschwere Aktienkapitalerhöhung der SKAG mitzeichnen und so zu Grossaktionären der Firma werden. Kolportiert wird, dass die Österreicher bis zu 40 Millionen Franken in die Schweizer Kredit gesteckt haben sollen. Auf eine Kontaktanfrage reagiert der operative Chef Maximilian Riedel nicht.

Kontakte zu einem reichen Deutschen

Die SKAG-Investition der Riedels wurde durch den Ex-Banker eingefädelt. Er unterhält auch Kontakte zu einem schwerreichen Deutschen, der in der Innerschweiz lebt. Der betagte Herr machte seine ersten Millionen in der Bundesrepublik der Nachkriegsjahre als Kreditvermittler für kapitalschwache Briefmarkenhändler. Heute wohnt er als Privatier am Vierwaldstättersee und gehört zum exklusiven Kundenstamm der Schwervermögenden bei der Credit Suisse. Die Grossbank ist im Frühjahr 2017 denn auch bereit, der SKAG eine Kreditlinie in der Gesamthöhe von 25 Millionen Franken zu gewähren. Der CS-Kredit ist zweckgebunden und soll der SKAG zur Finanzierung von ungesicherten Schweizer Konsumkrediten dienen. Die Sicherheiten für den Bankkredit gewährt eine panamaische Gesellschaft namens Culfaro International Corp. Sie gehört dem schwerreichen Senior aus Deutschland, der den CS-Kredit an die SKAG mit eigenen Schuldbriefen auf Schweizer Immobilien deckt. Als «Solidarhaftender» ist im Kreditvertrag auch jener Geschäftsmann erwähnt, der nun im Visier der Strafermittler steht. Er kriegt für Vermittlung und Solidarbürgschaft einen tiefen einstelligen Millionenbetrag.

Im letzten Sommer überschuldet

Was danach geschieht, darüber gibt es Streit. Der Ex-Banker als mutmasslich Geschädigter behauptet, der Geschäftsmann und seine Leute in der SKAG hätten die Firma fortan finanziell ausgehöhlt. Die Rede ist von einem steten und zweckfremden Cash-out, zum Teil auch als Barbeträge im Briefcouvert – jeweils verrechnet mit wertlosen Forderungsabtretungen. Ein Parteigänger spricht von einem «aufgeblasenen Ballon», der im letzten Sommer implodiert sei. Einem Aktienkapital von 5 Millionen Franken stehen 8,3 Millionen Franken Verlust gegenüber. Der Abschluss umfasst 21 Monate Geschäftstätigkeit. Bald danach kauft der Geschäftsmann einen Teil des Kreditportfolios der SKAG für kolportierte 25 Millionen Franken ab. Er habe dafür etwa halb so viel bezahlt wie der tatsächliche Portfoliowert betrage, monieren die Kläger.

Die Gegenseite um den beschuldigten Geschäftsmann betont dagegen, dass man stets um die Sanierung der SKAG bemüht gewesen sei. So soll ein neuer Investor parat gestanden haben. Doch der Ex-Banker und die Investoren aus Österreich hätten die Lösung in letzter Minute torpediert.

Deloitte half bei Businessplan mit

Überdies sei die Familie des Geschäftsmanns inzwischen der grösste Einzelgläubiger der Schweizer Kredit AG. So hat der schwerreiche deutsche Privatier nämlich seine 25-Millionen-Franken-Bürgschaft für den CS-Kredit an den Vater des Hauptbeschuldigten abgetreten. Die Hoffnung liegt nun darin, dass der Sachwalter einen Teil der verbleibenden Aktiven zugunsten der Gläubiger verwerten kann.

Daran dürfte auch Deloitte ein Interesse haben. Die SKAG steht beim Wirtschaftsprüfer mit gut 250 000 Franken in der Kreide. Schliesslich begleitete Deloitte den Kreditvermittler von Anfang an eng. Gemäss einem Bondprospekt hat der Beratungskonzern zunächst beim Erstellen des Businessplans mitgeholfen. Bis letzten Sommer prüfte die Gesellschaft auch die Bücher der SKAG. Danach gab Deloitte das Mandat als Revisionsstelle zurück, um kurzzeitig einen «Funding-Auftrag» für den Kreditvermittler wahrzunehmen. Schliesslich suchte SKAG damals händeringend neue Investoren. Auf Anfrage kommentiert Deloitte «aus Vertraulichkeitsgründen keine Kundenprojekte und -beziehungen». Affaire à suivre.