Digitalisierung – Wer die Digitalwelt kennt, fürchtet sie

Transformation Eine Umfrage der SNB zeigt: Die Schweizer Banker glauben an die Digitalisierung – bis sie tatsächlich kommt.

Die Nationalbank hat 34 Schweizer Banken, die rund 80 Prozent aller Aktiven halten, befragt. Der Rücklauf (100 Prozent) ist erstmal erfreulich, die Antworten sind es weniger. Denn in den Teppichetagen der Finanzhäuser herrscht Zukunftsangst.

Filetierte Wertschöpfungskette

Das am meisten genannte Basisszenario gilt nämlich einer «fragmentierten Bank». Danach werden die Kunden nicht mehr eine dauerhafte Beziehung mit einer Bank unterhalten, sondern sich von branchenfremden Mitbewerbern gleichermassen bedienen lassen. Knapp die Hälfte der befragten Finanzmanager erwarten dies. Sie befürchten, dass insbesondere Google, Facebook & Konsorten sowie Neobanken à la N26 oder Revolut ihre Wertschöpfungskette filetieren werden.

Nur gut ein Drittel der Bankleiter glaubt an eine «bessere Bank», die dank effizienteren Prozess gestählt aus der Digitalisierung hervorgehen wird. 

«Substantielle Lücke» in der Digitalisierung

Zwar beurteilen die Banker die Digitalisierung in ihrer abstrakten Form ungebrochen als positiv: Bei fast drei Vierteln der Befragten überwiegen die Chancen der Digitalisierung. Die euphorische Haltung könnte aber damit zusammenhängen, dass die eigentliche IT-Welle noch gar nicht über die Geldhäuser gebrochen ist.

Denn auch dies zeigt die Erhebung der SNB anschaulich: In Sachen Digitalisierung sind die Banken bislang vor allem Ankündigungs-Weltmeister. So konstatieren die Währungshüter, dass zwischen dem aktuellen und dem angestrebten Digitalisierungsgrad eine «substantielle Lücke» bestehe.

Bigtech als neue Konkurrenz

Die Umfrageergebnisse lassen vermuten: Digitalisierung wird erst als Bedrohung fürs eigene Geschäft erkannt, wenn man seinen eigenen Geschäftsprozess einigermassen digitalisiert hat.

So zählt der Zahlungsverkehr zu jenen Bereichen, in denen die hiesigen Banken bei der Transformation am weitesten fortgeschritten sind. Gleichzeitig ist der Zahlungsverkehr jener Bereich, wo die Geldinstitute am meisten mit Bigtech und Neobanken als neuer Konkurrenz rechnen. 

Mit anderen Worten: Digitalisierung finden die Banker solange fancy, bis sie tatsächlich eintritt. 
 

Fataler Zeitgeist

Aktienrechtsreform Bloss hundert Artikel finden sich in der Schweizerischen Mediendatenbank in diesem Jahr zum Stichwort «Aktienrechtsreform». Zum Vergleich: Zur Selbstbestimmungsinitiative haben sich die Journalisten richtiggehend die Finger wundgeschrieben. Die Initiative kommt nämlich auf dreissigmal mehr Treffer. Kein Wunder, scheuen die Redaktionen die Reform des Aktienrechts. Sie ist sperrig, komplex und ausufernd. Auf 215 Seiten bringt es die aktuelle Fassung der Gesetzesfahne. Das Resultat einer fast 15-jährigen Leidensgeschichte. So stammt der erste Vorentwurf von 2005 und mit jeder legislativen Runde hat die Vorlage an Gewicht zugelegt.

Die jüngste Fassung ist wirtschaftsfeindlich und klientelistisch

So mag die Aktienrechtsreform heute zwar alles andere als sexy sein, aber hoch relevant ist sie allemal. Und zwar nicht nur für Konzernjuristen und Profi-Notare, sondern für uns alle. Denn an ihrer Ausgestaltung entzünden sich Grundfragen wie Transparenz, Chancengleichheit und Unternehmensverantwortung. Welche Sprengkraft in ihr steckt, zeigt der jüngste Entwurf, den die Rechtskommission des Ständerates ausgearbeitet hat. Die Fassung erweist sich dabei als fatales Zeitgeist-Produkt: wirtschaftsfeindlich, klientelistisch und strukturerhaltend-konservativ. Doch der Reihe nach.

Die Kommissionsmitglieder wollen im Gegensatz zu Bundesrat und Nationalrat, dass künftig die Saläre aller Geschäftsleitungsmitglieder einzeln offengelegt werden. Heute müssen kotierte Konzerne nur Gesamtvergütung und die höchste Einzelvergütung ausweisen. Was wie ein Schritt zu mehr Transparenz und Masshalten anmutet, könnte jedoch das Gegenteil bewirken: nämlich ein «race to the top» der Spitzenverdiener aufgrund besserer Vergleichbarkeit.

Doch die Kommissionsmitglieder kaprizieren sich auf ihren Anti-Manager-Reflex. Er äussert sich auch darin, dass die Kommissionsmehrheit Entschädigungen aufgrund eines Konkurrenzverbots ablehnt, obwohl es durchaus geschäftliche Gründe für ein solches Verbot gibt. Oder dass man gegen eine Abstimmung über die variable Vergütung fürs folgende Geschäftsjahr ist. Ein Misstrauensvotum gegenüber der realen Aktionärsdemokratie.

Die Mitglieder der Rechtskommission weibeln für ihre Berufsgenossen

Im Gegenzug weibeln die Ständeräte fleissig für die Berufsgenossen. Schliesslich müssen die Notare in den eigenen Reihen auch weiterhin ihre amtlichen Stempel zücken dürfen. Dafür streichen die Stöckli-Vertreter den Nationalratsvorschlag, eine Firma mit Musterstatuten erleichtert zu gründen. Ebenso wie den Bundesratsentwurf, dass eine Statutenänderung unter Umständen keine öffentliche Beurkundung mehr braucht.

Bloss noch anachronistisch wirkt in Zeiten der Digitalisierung das Festhalten an der Pflicht zum Papier: Die Aktionäre sollen weiterhin von den Firmen kostenlos alle Rechenschaftsberichte ausgedruckt erhalten. Zurück in die Vergangenheit. Es bleibt zu hoffen, dass der Ständerat Mitte Dezember zur Räson kommt und seinem Ruf als «chambre de réflexion» in der Aktienrechtsreform gerecht wird.

Strategische Kurzsichtigkeit

UBS Blackrock und Bank of America Merrill Lynch haben einen, Morgan Stanley auch. J.P. Morgan hat jüngst einen lanciert, während Vanguard bereits 140 Milliarden Dollar damit betreut. Die Rede ist von einem Robo-Advisor. Einem Anlage-Tool, das regelbasiert Geld anlegt und das meist passive Portfolio automatisiert neugewichtet.

Nun ist so ein Robo weder alleinseligmachender Heilsbringer noch ein technologischer Quantensprung à la Mondlandung. Doch das Angebot amerikanischer Finanzhäuser zeigt: Für Robo-Advising gibt es einen Markt. Er mag – Stand heute – im Vergleich zu den über 2 Billionen, welche die UBS als weltgrösste Vermögensverwalterin betreut, noch verschwindend klein und unprofitabel sein.

Syptomatische Managementkultur

Aber: Wenn die Digitalwirtschaft der letzten zwanzig Jahre uns etwas gelehrt hat, dann die Erkenntnis, dass aus Garagenfirmen rasch Giganten werden. Wer sich da nicht bewegt, wird bewegt. Insofern ist der Übungsabbruch der UBS bei ihrem Robo-Advisor namens Smartwealth mehr als bedauerlich. Er ist symptomatisch für eine Managementkultur, die lieber den Spatzen in der Hand hat als die Taube auf dem Dach.

Bezeichnend ist die Antwort von UBS-Finanzchef Kirt Gardner diesen Sommer an einer Investorenkonferenz auf die Frage, ob ein Smartwealth-Kunde, der den Mindestbetrag von 15 000 Pfund investiere, für die UBS profitabel sei. «Er kann es sein, aber nicht am Anfang.» Doch so lange wollten die Bankoberen um Blessing und Co. nicht warten. Nur eineinhalb Jahre nach Start zogen sie dem Robo den Stecker. Eine strategische Kurzsichtigkeit, die sich noch rächen könnte.