Silicon Kreditanstalt

Credit Suisse Die Bank baut in Kalifornien am eigenen Fintech. Nun steht der Chef für die „CS Labs“ fest.

Als „nerd extraordinaire“ bezeichnete sich Jacob Sisk einst in einem Sachbuch über Technologie-Geeks, welche die Finanzmärkte an der Wall Street mit ihren Datenanalysen aufmischen. Das war 2009, kurz nach dem Börsentaumel. Inzwischen ist Sisk in den Teppichetagen der Finanzwelt angelangt. Zuletzt arbeitete der studierte Mathematiker als Vizepräsident beim US-Kreditriesen Capital One. Dort kümmerte sich Datenchef Sisk um die Sicherheit von Kreditkarten und um reibungslose Zahlungsabläufe mit dem Plastikgeld. Davor war der zweifache Vater unter anderem für grosse Medien- und Internetkonzerne wie Yahoo, Walt Disney oder Thomson Reuters tätig.

Grosse Menschheitsträume
Seit kurzem ist Sisk der Chef von „Credit Suisse Labs“ im Silicon Valley. Das bankeigene Fintech-Lab wurde bereits im letzten Jahr ins Leben gerufen, als Sebastian Thrun nach zwei Jahren den Verwaltungsrat der Schweizer Grossbank verliess. Thruns Abgang war ein herber Rückschlag für die Fintech-Ambitionen der Credit Suisse. Schliesslich galt der deutsche Robotikforscher als Innovationsguru, hatte er doch beim Suchmaschinen-Riesen Google lange Jahre das X-Projekt geleitet.

Dort nahm Thrun mit seinen Mitstreitern die richtig grossen Menschheitsträume in Angriff. Der Doktor der Philosophie werkelte an einer Fabrik für Mondflüge, versuchte das menschliche Gehirn nachzubilden oder experimentierte mit der berühmt-berüchtigten Google-Brille. Um solch eine Tech-Koryphäe wie Thrun nicht gänzlich zu verlieren, engagierte die CS ihn nach dessen VR-Exit unter anderem als Senior Advisor für die noch zu gründenden Credit Suisse Labs im Silicon Valley.

Dort gehe es darum, den Innovationsgedanken zu stärken und neue Geschäftsmodelle zu entwickeln, liess Thrun in einem bankeigenen Interview im 2016 verlauten: „Die Credit Suisse war schon immer eine progressive Bank. Sie möchte mit den Labs sicherstellen, dass sie bei der technologischen Entwicklung führend bleibt.“ Dabei will Tech-Pionier Thrun in den Labs vor allem gewichtige Themen anpacken wie Cyber-Sicherheit, mobiles Banking, neue Kreditmodelle und neue Datenbanken für Finanztransaktionen wie Blockchain, wie er seinerzeit im „Bulletin“ der CS ausführte.

Wenig Konkretes vom Lab
Doch seit Thruns hehren Visionen im letzten Jahr war aus den kalifornischen Labs der ehemaligen Kreditanstalt nicht mehr viel zu hören. Im April trat Sisk seinen Job als CEO von Credit Suisse Labs an. Der ausgewiesene Datenspezialist hätte bald darauf seine erste Auslegeordnung zuhanden des CS-Managements abliefern sollen. Doch Sisk sah sich gemäss Insidern zu diesem Zeitpunkt ausserstande, seine Vorstellungen den Bankspitzen zu präsentieren. Das „Fintech Venture“ um den IT-Experten Sisk sei vor allem an inkrementellen Lösungen interessiert und kümmere sich um technische Finessen: Ein disruptives Greenfield-Projekt sehe definitiv anders aus, heisst es bankintern kritisch.

Entsprechend schmallippig gibt sich die Pressestelle der Credit Suisse bei Fragen zum neuen Labs-Chef und seinen Visionen: „Wir stehen noch am Anfang mit den Labs und hoffen, zu einem späteren Zeitpunkt weitere Informationen liefern zu können.“ Nur so viel: Jacob Sisk sei verantworlich, „skalierbare Lösungen für aktuelle und zukünftige technologische Herausforderungen der Bank“ zu erarbeiten. Dabei kombinierten die Labs die „Silicon-Valley-Innovationskultur mit der globalen Finanzexpertise der Credit Suisse“.

Im Rückstand
Was hier in blumige Worte gehüllt wird, bedeutet indes viel Aufholarbeit, auch für Sisk und seine Labs. Denn im Vergleich zur schärfsten Schweizer Konkurrentin UBS hinkt die CS in Sachen Finanztechnologie und Digitalisierung noch immer hinterher. Während die CS in ihren Labs im Silicon Valley nun über der Blockchain-Technologie brütet, hatte sich die UBS bereits 2015 im Londoner Tech-Tower Level 39 einquartiert, um mit einem Krypto-Team erste Erfahrungen mit Blockchain zu sammeln.

Nebst solchen Grundlagenarbeiten rollte die grösste Schweizer Bank in jüngster Zeit eine Reihe von digitalen Innovationen aus, sowohl im heimischen Retailgeschäft wie in der internationalen Vermögensverwaltung. In England beispielsweise lancierte die UBS einen Robo-Advisor namens Smart Wealth. Auch beim volldigitalen Onboarden neuer Kunden war die UBS über ein Jahr früher dran als die Credit Suisse.

Die Spreu trennt sich vom Weizen

Finanzplatz Hans-Rudolf Merz schmetterte einst im Brustton der Empörung ins Plenum: „Am Bankgeheimnis werdet ihr euch noch die Zähne ausbeissen.“ Die Worte im Nationalrat dienten vielmehr der Selbstvergewisserung des Finanzministers, als dass sie als Drohung an ausländische Steuervögte gedacht waren. Schliesslich stand die Schweiz mit dem UBS-Fall längst am internationalen Fiskalpranger. Die Messer waren gewetzt, das goldene Kalb lag bereits auf der Schlachtbank.

Der Wegfall des Bankgeheimnisses bietet genügend Opportunitäten

Diese Episode ist gut sieben Jahre alt. Es fühlt sich an wie eine halbe Ewigkeit. Denn nicht nur Bundesrat Merz, sondern auch das (Ausland-)Bankgeheimnis ist längst Geschichte. Den offiziellen Todesstoss erteilte der Ständerat Anfang des Monats, als die kleine Kammer dem automatischen Informationsaustausch als Zweitrat zustimmte. Was politisch nun in Gesetze und Verordnungen gegossen ist, hat längst eine tiefgreifende Transformation des Bankenplatzes ausgelöst.

Allerdings ist der Strukturbruch, also das Ende des Bankgeheimnisses, in seiner vollen Tragweitewohl erst langsam abschätzbar. Und wie immer, wenn ein komparativer Vorteil – in diesem Fall: Die Beihilfe zur Steuerhinterziehung – wegbricht, bieten sich neue Chancen.

Stichwort Segmentierung: Das Geschäft mit den Superreichen steht geradezu paradigmatisch für eine solche Opportunität. Die Schweiz als „safe haven“ funktioniert nämlich auch in der neuen Weissgeldwelt bestens. Der geballte Wissenscluster aus führenden Vermögensbanken, spezialisierten Anwaltskanzleien und einem verschwiegenen Netz aus Family Offices macht aus den beiden Finanz-Hubs Zürich und Genf bevorzugtes Terrain für (Ul tra) High Net Worth Individuals. Zumal deren Steuerkonformität meist schon aus Reputationsgründen deutlich besser ist als jene halbvermögender Zahnärzte und Unternehmer aus Nordrhein-Westfalen.

Stichwort Digitalisierung: Auch am anderen Ende der Vermögensskala – also im klassischen Retailgeschäft – gibt es in der Post-Bankgeheimnis-Welt vielgestaltige Möglichkeiten zu vermelden. Gerade kleinere Kantonalbanken aus der Peripherie nutzen diese und erweisen sich als erstaunlich forsch und agil am Markt – sei es in der automatisierten Vermögensverwaltung oder im Ausleihegeschäft. Dabei nutzen die Landbänkler geschickt die Segnungen des Internets. Indem das Netz keine Grenzen kennt, lässt sich kostengünstig ausserhalb des angestammten Marktgebiets wildern, wo früher noch Gebietsmonopole galten.

Hinter den Vorhängen herrscht nackte Panik

Wo Licht ist, da gibt es leider auch Schatten. Bei mancher Privatbank herrscht hinter samtenen Vorhängen die nackte Panik. Wer sein Geschäftsmodell einzig auf Schwarzgeld abstützte und in den fetten Jahren zu wenig Speck ansetzte, dem fehlt nun die Finanzkraft zur Transformation. Und selbst wenn genügend Geld im Tresor ist – es mangelt an Alleinstellungsmerkmalen. „Mee too“ war gestern.