Bank Cler – Zak und weg

Basler Kantonalbank Präsident Adrian Bult macht die Tochterfirma Cler zur reinen Vertriebsbank. Nun tritt die Geschäftsleitung um Sandra Lienhart geschlossen ab.

Es ist ein einmaliger Vorgang in der jüngeren Swiss-Banking-Geschichte, dass eine Geschäftsleitung in corpore das Handtuch wirft. So geschehen jüngst bei der Bank Cler, einer 100-Prozent-Tochter der Basler Kantonalbank BKB. Auf einen Schlag geben Cler-Chefin Sandra Lienhart, Finanz- und Risikochef René Saluz sowie Vertriebsleiter Peter Schnellmann ihre Kaderposten «auf eigenen Wunsch» per Mitte September ab, wie es in einer Mitteilung der Bank heisst.

Den Exodus der lang gedienten Cler-Manager provozierte der Mann an der Spitze des staatlichen Mutterhauses: Adrian Bult, seit Frühjahr 2017 Präsident des BKB-Bankrates. Der branchenfremde Bult gilt als treibende Kraft am Rheinknie, nachdem BKB-CEO Guy Lachappelle im letzten Jahr überraschend als Präsident zur Raiffeisen-Gruppe nach St. Gallen wechselte. Seither drücken der «professionelle Verwaltungsrat» Bult und seine Bankratsmitstreiter wie Domenico Scala (Ex-Fifa und Nobel Biocare) der Staatsbank ihren Stempel auf, samt umstrittenen Personalentscheiden. Bult will sich zum Cler-Exodus nicht äussern und verweist an die Pressestelle der Banktochter.

Massive Investitionen in die Digitalisierung

Erst vor gut zwei Jahren trat Sandra Lienhart als Cler-Chefin an. Die sportbegeisterte Winterthurerin amtete zuvor als langjährige Vertriebsleiterin der Bank Coop, die ihr Vorgänger Hanspeter Ackermann – ein ehemaliger Grossbanker – in opulenter Weise zu Cler umfirmieren lässt. Die Basler stecken in das nationale Rebranding eine zweistellige Millionensumme. Schliesslich will die Kantonalbank mit ihrer Tochter Cler aus dem Nordwestschweizer Gebietskorsett ausbrechen. Nicht zuletzt, um die massiven Investitionen in die Digitalisierung des Bankgeschäfts besser skalieren und damit rentabilisieren zu können.

Als schweizweiter Türöffner soll dabei eine App-Eigenentwicklung namens Zak dienen. Mit der modularen Vollsortimentsanwendung wollen sich die Nordwestschweizer zum nationalen Neobanken-Player aufschwingen. Zak wird im Frühjahr 2018 lanciert und zählt rund 18 000 User, davon 90 Prozent Neukunden. «Wir sind mit der Entwicklung zufrieden», sagt eine Cler-Sprecherin.

Der damalige BKB-Chef Lachappelle gab zur Lancierung allerdings eine ungleich ambitioniertere Order aus: Bis 2021 seien zusätzliche 200 000 Kunden «über alle digitalen Kanäle» (inklusive Zak) zu holen. Im Gegenzug zum sportlichen Ziel gewährte Lachappelle der Cler-Chefin Lienhard viele Freiheiten. «Die BKB lässt uns eigenständig arbeiten. Sie ist in Basel und wir sind national tätig», sagte sie in einem Interview mit «Finanz und Wirtschaft» nach dem Amtsantritt. Im selben Gespräch erteilt Lienhard auch einer Dekotierung der Bank Cler eine Abfuhr, obwohl die Kantonalbank schon damals über drei Viertel der Cler-Aktien hielt («Das ist im Moment kein Thema»).

Powerplay nach Lachappelle-Exit

Beide Aussagen Lienhards sollten sich als Fehlannahmen erweisen. So nehmen die Basler 2018 Cler von der Börse und die Banktochter stärker zur Brust. Ab Sommer geht es Schlag auf Schlag: Während BKB-Chef Guy Lachappelle mit Headhunter Guido Schilling zarte Bande fürs Raiffeisen-Präsidium knüpft, beschliesst der Bankrat um Präsident Bult, die Publikumsaktionäre von Cler auszukaufen. Als schliesslich im Frühherbst klar ist, dass Lachappelle seine Karriere in St. Gallen fortsetzen wird, setzt BKB-Präsident Bult zum Powerplay an. Er lässt die interimistisch ernannte BKB-CEO Simone Westerfeld zappeln. Die fachlich weitherum geschätzte Westerfeld, die unter Lachappelle bereits als Vize amtete, heuert schliesslich entnervt bei der UBS im Grosskundengeschäft an. Als neuen CEO wählt der Bankrat Ende Februar schliesslich Basil Heeb. Einen ehemaligen Wegelin/Notenstein-Privatbanker ohne Bezug zum Retailgeschäft und ohne Hausmacht.

Bis zu vierzig Jobs betroffen bei Bank Cler

Doch nicht nur im Mutterhaus an der Basler Schifflände setzt Präsident Bult, ein ehemaliger Swisscom-Manager, neue Akzente. Nach der Dekotierung, die im Frühjahr abgeschlossen ist, erfolgt der Durchgriff auf die Tochter Cler: Mit Lienhards Freiheiten ist es vorüber. Finanzen, Rechtsabteilung, Compliance, Human Resource, Asset Management, Informatik – sozusagen die inneren Organe der Bank – werden in die Mutter transplantiert. Cler bleibt Vertrieb, Marketing, das Kreditgeschäft und die Unternehmensentwicklung. Der Umbau in der Gruppe betrifft 150 Mitarbeitende. Bis zu vierzig Jobs könnten wegfallen.

Auch Lienhart und die Cler-Spitze drohten zum Strukturopfer zu werden: Aus dem Job als Vollbanken-CEO wäre eine Stelle als Vertriebschefin erwachsen. Lienhart und Co. zogen die Reissleine. Nun wird Mariateresa Vacalli neue Chefin dieser Rumpf-Cler. Wie BKB-Präsident Bult ist sie eine Ex-Managerin aus der Telekommunikation (Sunrise, UPC).

Raiffeisen und der Fall Investnet

Rechtsstreit Raiffeisen könnte Ex-Chef Pierin Vincenz noch einen zweistelligen Millionenbetrag schulden – sollte die Bank den Streit ums KMU-Vehikel verlieren.

Es ist bloss eine Fussnote im jüngsten Finanzbericht der Raiffeisen Gruppe. Aber eine mit Sprengkraft. Auf zehn Zeilen Kleingedrucktem beschreibt die Genossenschaftsbank den Zivilrechtsstreit um das KMU-Vehikel Investnet, an dem sich Raiffeisen 2012 unter Führung ihres damaligen Chefs Pierin Vincenz mit 60 Prozent beteiligt hatte.

Wie Recherchen der «Handelszeitung» zeigen, dürfte der Streitwert für Raiffeisen hier gegen 150 Millionen Franken betragen. Zu den potenziellen Geldbezügern, denen möglicherweise noch ein zweistelliger Millionenbetrag zusteht, gehört auch Ex-Chef Pierin Vincenz. Er war ab 2015 als Privatmann an der Holding des KMU-Vehikels beteiligt.

Raiffeisen unterzeichnete 2017 eine Schuldanerkennung

Die Streitwert-Schätzung basiert unter anderem auf dem Raiffeisen-Finanzbericht 2018. Erstmals legt die Bank darin offen, wie viel sie das Ende von Investnet noch kosten würde, sollte sie die laufenden Zivilrechtsverfahren gegen die Minderheitsaktionäre verlieren. Raiffeisen spricht von «Verpflichtungen von 30 Millionen Franken sowie Eventualverpflichtungen im Umfang von 30 Millionen Franken».

Allerdings betreffen diese 60 Millionen Franken nur die erste Geschäftsphase des KMU-Vehikels von 2012 bis 2015. Für 30 Millionen davon liegt überdies eine Schuldanerkennung von Raiffeisen vor. Die Bank hat sie 2017 ausgestellt, in der Ära von Chef Patrik Gisel. Die Schuldanerkennung wurde von Raiffeisen-Topmanagern unterzeichnet. Heute ficht die Bank auch dieses Dokument rechtlich an.

Nebst diesen bis zu 60 Millionen Franken aus der ersten Phase streitet Raiffeisen über eine weitere, grössere Summe: gegen 100 Millionen Franken oder mehr. Die Grundlage hierfür wurde im Aktionärsbindungsvertrag von 2015 geschaffen. Damals baute man eine Holding-Struktur für das KMU-Vehikel. Raiffeisen verpflichtete sich, zusätzlich zu den bisherigen 100 Millionen weitere 250 Millionen an Eigenkapital einzuschiessen. Man hegte hochtrabende Pläne, wollte gemeinsam einen Börsengang bis 2022 in der Grössenordnung von einer Milliarde Franken.

Damals verpflichtete sich Raiffeisen Schweiz, dass die Minderheitseigner der Investnet Holding ihre Anteile «nach einer vertraglich vereinbarten Bewertungsmethodik» der Bank andienen können. Und zwar frühestens ab Juli 2020, also in gut einem Jahr.

Raiffeisen Schweiz geht jedoch davon aus, dass es in diesem Zusammenhang zu keinen Zahlungen mehr kommt. Dies weil die Bank die Verträge «aus wichtigem Grund» gekündigt hat und nun anfechtet. Dazu rüstet sich Raiffeisen auch finanziell, wie die jüngste Jahresbilanz zeigt: «Insbesondere die Unwägbarkeiten in den rechtlichen Auseinandersetzungen im Kontext Investnet» führten dort zu einem Anstieg der Rückstellungen um 25 Millionen Franken.

Investnet-Portfolio ist geschätzte 300 Millionen wert

Jene Put-Optionen der Investnet Holding, die im nächsten Sommer fällig werden, gehören Ex-Raiffeisen-Chef Pierin Vincenz und den beiden Mitgründern des KMU-Vehikels, Peter Wüst und Andreas Etter. Sie sind die Minderheitsaktionäre jener Holding, die heute als KMU Capital Holding firmiert. Vincenz und Wüst halten je 15 Prozent. Etter hat 10 Prozent.

Ein Indiz, wie viel Raiffeisen den Minderheitseignern noch schulden könnte, liefert ein bankeigenes Gutachten. Im Mai 2018 gab es der Beratungskonzern EY in der St. Galler Genossenschaftszentrale ab. Die Berater ermitteln darin den Marktwert der 18 grössten KMU-Beteiligungen aus dem Investnet-Portfolio. Sie kommen zum Schluss, dass der Marktwert etwa 60 Prozent über Einstands- beziehungsweise Mindestwert liegt. Ein deutlicher Hinweis darauf, wie operativ erfolgreich Investnet in den letzten Jahren arbeitete.

Gemäss EY-Gutachten liegt der Wert per 2017 bei rund 300 Millionen Franken. Nimmt man die Beteiligungsverhältnisse der Investnet Holding zum Massstab, wären schätzungsweise gut 100 Millionen Franken an die drei Minderheitseigner im nächsten Juli fällig. Mit anderen Worten: Raiffeisen müsste alleine ihrem Ex-Chef Pierin Vincenz nochmals über 35 Millionen Franken schütten, sollte die Bank im Zivilrechtsstreit unterliegen.

Allerdings hat sich die Situation seit der Schätzung von EY stark verändert: Im Februar 2018 schien die Entflechtung zwischen Raiffeisen Schweiz und den Investnet-Minderheitsaktionären um Vincenz und Co. gütlich geglückt zu sein. Die Bank veröffentlichte kurz vor dem Jahresergebnis ein Communiqué mit dem Titel «Raiffeisen ordnet Beteiligungsverhältnisse neu». Darin heisst es, die «finanziellen Verflechtungen» würden «aufgehoben». Konkret war vorgesehen, die Kapitalgeberfunktion und das KMU-Management eigentumsrechtlich wieder sauber zu trennen: Die Bank hätte fortan in einer separaten Firma Eigenkapital für KMU-Nachfolgelösungen bereitgestellt. Investnet hätte diese Beteiligungen dann eigenständig betreut.

Investnet-Einigung kommuniziert, bevor Verträge unterschrieben waren

Nur, was Raiffeisen als Entscheid gemeldet hatte, war gar noch nicht vollzogen worden. Die Trennungspapiere waren zum Zeitpunkt des Communiqués nicht unterschrieben. Der Trennung in Minne kam die Strafuntersuchung gegen Vincenz, Etter und Wüst dazwischen.

Im Zuge diverser Ermittlungen wurde klar, dass in der ersten Investnet-Geschäftsphase bis 2015 der externe Raiffeisen-Berater und Vincenz-Vertraute Beat Stocker verdeckt 13,3 Prozent am KMU-Vehikel hielt. Dies war den Raiffeisen-Oberen – mit Ausnahme von Vincenz – nicht bekannt. In der zweiten, der Investnet-Holding-Phase ab 2015, beteiligte sich Vincenz privat mit 15 Prozent. Noch als operativer Bankchef legte Vincenz seine Beteiligungsabsichten nicht angemessen offen und trat nicht in Ausstand. Ein Governance-Versagen von Raiffeisen, das die Finanzmarktaufsicht nicht alleine Vincenz anlastete: «Der Verwaltungsrat unterliess es, den naheliegenden potenziellen Interessenkonflikten nachzugehen, und überwachte den Verkaufsprozess nur mangelhaft.»

Nichtsdestotrotz geht die neue Führung um Präsident Guy Lachappelle auf Konfrontation und macht «Willensmängel» geltend: Die Bank kappte die gültigen Verträge mit Investnet. Der Portfoliomanager musste schliessen und zwanzig Angestellte entlassen. Gleichzeitig beansprucht Raiffeisen 100 Prozent der Investnet Holding und schreibt auf dem Portfolio kräftig ab: 150 Millionen Franken an Wertberichtigungen und Rückstellungen. Schliesslich sind im Juli 2020 die Put-Optionen für Vincenz und Co. fällig.

Raiffeisen – Abschreiben im Streit

Raiffeisen Die neue Führung schreibt das KMU-Portfolio ab. Die Wertberichtigung auf den Investnet-Firmen interessiert auch die Staatsanwaltschaft.

Dialog bringt uns weiter. So lautet das Motto von Raiffeisen für ihren Geschäftsbericht 2018, der Anfang April erscheint. In der Affäre um das KMU-Beteiligungsvehikel Investnet ist der Gesprächsfaden jedoch längst gerissen.

Raiffeisen ficht die Verträge mit den Minderheitsaktionären an. Die Investnet Holding gehört zu 40 Prozent den beiden Gründern Peter Wüst und Andreas Etter sowie Raiffeisen-Ex-Chef Pierin Vincenz. In ihrer Nichtigkeitsklage argumentiert die Genossenschaftsbank mit «Willensmängeln», also von Vincenz und Co. getäuscht worden zu sein. Womit auch der Aktionärsbindungsvertrag Makulatur sei. Die Raiffeisen-Argumentation basiert auf einer laufenden Strafuntersuchung. Gegen alle drei Investnet-Minderheitsaktionäre ermittelt die Zürcher Staatsanwaltschaft nämlich seit letztem Frühjahr wegen ungetreuer Geschäftsbesorgung.

Unterlagen zur Wertanpassung

Inmitten der straf- und zivilrechtlichen Auseinandersetzung hat die neue Raiffeisen-Führungscrew um Chef Heinz Huber und Präsident Guy Lachappelle nun eine substanzielle Wertberichtigung auf eben diesem KMU-Beteiligungsvehikel vorgenommen: Das Portfolio umfasst über dreissig Firmen in der Schweiz, Deutschland und Österreich und wird statt der bisherigen 305 Millionen Franken noch mit 180 Millionen Franken in den Büchern stehen. Diese Wertanpassung interessiert nun offenbar auch die Zürcher Staatsanwaltschaft. Schliesslich stehen Vincenz und Co. im Rahmen der Strafuntersuchung in Verdacht, die Genossenschaftsbank mit verdeckten Treuhandverträgen beim Investnet-Einstieg getäuscht zu haben. Der leitende Strafermittler Marc Jean-Richard-dit-Bressel hat deshalb die Unterlagen zur Investnet-Wertanpassung edieren lassen, wie die «Handelszeitung» erfahren hat. Auf Anfrage hält sich die Staatsanwaltschaft bedeckt. Auch die Bank macht keine Angaben zu den «laufenden Verfahren».

Besonderes Augenmerk auf Werterhalt

Die neue Raiffeisen-Führungscrew nimmt beim KMU-Portfolio also eine Bewertungsanpassung von 125 Millionen Franken vor. Davon sind gemäss der Bank rund 100 Millionen Franken Wertberichtigungen und Abschreiber auf Goodwill. 25 Millionen entfallen auf Rückstellungen für Rechtskosten. Die Führung spricht nach dem Schritt von einem «realistischen finanziellen Bild». Eines, das für das neue Management wohl eine möglichst gute Ausgangslage schafft.

Denn noch im jüngsten Halbjahresbericht betonte Raiffeisen, dass man dem «Werterhalt der Portfoliogesellschaften» ein «besonderes Augenmerk» schenke. Auch steht der Abschreiber in Kontrast zu einem Bewertungsgutachten, das Raiffeisen seinerzeit selbst bei EY in Auftrag gegeben hatte. Die «Big Four»-Wirtschaftsberater kommen darin zum Schluss, dass per Ende 2017 der Substanzwert nur schon auf den 14 grössten Beteiligungen aus dem KMU-Portfolio mehr als 110 Millionen Franken betragen würden. Der Substanzwert gilt gemeinhin als Preisuntergrenze, da er die zukünftige Ertragskraft einer Firma nicht berücksichtigt.

Viel Upside für Ulf Berg

Die EY-Schätzung macht also deutlich, wie konservativ das Duo Lachappelle und Huber nun das KMU-Portfolio bewertet. Dies erlaubt zum einen dem neu angeheuerten Portfoliomanager – BLR & Partners – um EMS-Präsident Ulf Berg und Sunrise-Präsident Peter Kurer einen unbeschwerten Start mit viel finanziellem «Upside». Zum anderen dürfte das Vorsichtsprinzip der neuen Führung den Standpunkt der Bank in den laufenden Rechtsverfahren untermauern, wonach Raiffeisen sich unter der Führung von Ex-Chef Pierin Vincenz das Investnet-Portfolio teuer erkauft habe. Der neue CEO Heinz Huber erklärte denn auch an der Jahrespressekonferenz, dass der Abschreiber seinen «Ursprung» in der Ära Vincenz habe.

Gutachten beim Investnet-Einstieg

Das Manöver erscheint durchsichtig. Ob es juristisch verfängt, bleibt abzuwarten. Denn der finanzielle Einstieg der Genossenschaftsbank in das KMU-Vehikel Investnet 2012 war keine klandestine Hauruck-Aktion von Pierin Vincenz und seinem dauermandatierten Freund Beat Stocker. Vielmehr war es Patrik Gisel, der damalige Leiter Markt und spätere Bankchef, der mit den Investnet-Gründern den Einstieg zu Ende verhandelte. Gisel stützte sich in den Verhandlungen auf ein Gutachten zu Investnet, das die Bank bei der Finanzboutique IFBC eingeholt hatte. Geschrieben hatte es der Corporate-Finance-Experte Thomas Vettiger. Dieser wollte sich auf Anfrage nicht dazu äussern. Fest steht, dass der damalige Raiffeisen-Verwaltungsrat wie auch die Geschäftsleitung Kenntnis vom IFBC-Papier hatten. Die Empfehlungen wurden aber nicht «eins zu eins» übernommen, sagt ein Involvierter. Die Sache nahm ihren Lauf.

Am 1. Juli 2020 wären nun Vincenz, Etter und Wüst berechtigt, ihre Investnet-Anteile der Raiffeisen Schweiz zu «einer definierten Bewertungsmethodik» anzudienen. Ob die Bank zahlen muss, dürften wohl die Gerichte entscheiden.

Neuer Manager für Investnet

Raiffeisen Die Bank lässt neu die Firmenbeteiligungen der ehemaligen Investnet durch die Firma von Industriekapitän und Ems-Chemie-Präsident Ulf Berg managen

Es ist das nächste Kapitel in der wechselvollen Geschichte von Investnet. War sie doch Gegenstand eines Finma-Enforcements und steht weiterhin im Zentrum der Strafuntersuchungen gegen den ehemaligen Raiffeisen-Chef Pierin Vincenz und weitere Beschuldigte, darunter die beiden Investnet-Gründer. Investnet, dieses KMU-Beteiligungsvehikel, umfasst mehr als ein Dutzend Investments in mittelständische Firmen. Die Palette reicht vom Ostschweizer Digitaldrucker bis hin zum Trennwand-Fabrikanten aus dem Zürcher Oberland.Zuschlag erhalten

Schweizer Wirtschaftsgrösse

Jenen Beteiligungsanteil, welcher Raiffeisen Schweiz gehört, verwaltet allerdings nicht mehr Investnet selbst. Die Genossenschaftsbank hat ihr das Mandat entzogen. Seit Oktober ist vielmehr die Firma BLR & Partners darum besorgt. Ihr gehören Ems-Chemie-Präsident Ulf Berg und weitere Schweizer Wirtschaftsgrössen wie Sunrise-Präsident Peter Kurer oder Multi-VR Ulrich Jakob Looser an. «Wir haben uns um den Assetmanagement-Auftrag beworben und von Raiffeisen den Zuschlag erhalten», sagt BLR-Partner Ulf Berg. Er habe, um das Mandat der Genossenschaftsbank zu bewältigen, zusätzliche Mitarbeitende eingestellt. Weiter ist vorgesehen, dass Berg und Co. im Auftrag der Bank auch Einsitz nehmen in die Verwaltungsräte der einzelnen Portfoliogesellschaften. Bislang sassen in den Unternehmen Portfoliomanager von Investnet. Die Asset-Verwalterin mit Sitz in Herisau besass zu Spitzenzeiten über zwanzig Mitarbeiter, welche sich um die zahlreichen KMU-Anteile für alle Investnet-Aktionäre, auch Raiffeisen, kümmerten.

Der ganze Kuche

Ums Investment Advisory besorgt waren in der Geschäftsleitung auch die beiden Investnet-Gründer Peter Wüst und Andreas Etter. Sie hielten ab 2015 zusammen mit Raiffeisen-Ex-Chef Pierin Vincenz rund 40 Prozent an der Investnet Holding. Die restlichen 60 Prozent gehörten Raiffeisen.

Zur Investnet Holding heisst es im jüngsten Geschäftsbericht der Genossenschaftsbank: «Jeder Minderheitsaktionär ist ab dem 1. Juli 2020 berechtigt, seine Aktien an der Gesellschaft der Mehrheitsaktionärin Raiffeisen Schweiz zu einer definierten Bewertungsmethodik anzudienen (Put-Option)». Mit anderen Worten: Wüst, Etter und Vincenz könnten gemäss dieser Vereinbarung ihre Investnet-Anteile im nächsten Jahr zu einem vordefinierten Schlüssel an Raiffeisen veräussern. Die Rede ist von Millionenbeträgen, welche die Genossenschaftsbank nochmals zugunsten der Minderheitsaktionäre um Vincenz und Co. schütten müsste. Doch davon will Raiffeisen, nach heutigem Kenntnisstand, nichts mehr wissen und beansprucht vielmehr den ganzen Investnet-Kuchen für sich: Schliesslich sieht sich die Genossenschaftsbank getäuscht, weil ihr Ex-Chef Pierin Vincenz über einen Mittelsmann möglicherweise bereits verdeckt ins KMU-Vehikel investiert war, als er «offiziell» 2015 Aktionär der Investnet Holding wurde. Notabene dank einem Kredit von Raiffeisen.

Raiffeisen bestreitet Verträge

Die Aktienkaufverträge samt Put-Optionen sind für die Raiffeisen-Juristen inzwischen jedenfalls Makulatur. «Aufgrund dessen beansprucht Raiffeisen Schweiz heute 100 Prozent der früheren Investnet Holding AG», erklärte ein Banksprecher in der «Sonntagszeitung». Und der neue Raiffeisen-Präsident Guy Lachappelle doppelte in der «NZZ am Sonntag» nach: «Wir sind der Meinung, dass beim Kauf durch einen Aktientausch ein Willensmangel bestand. Denn im Wissen um alle heute bekannten Tatsachen hätte Raiffeisen die Gesellschaft Investnet damals nicht übernommen.» Für die Genossenschaftsbank steht finanziell viel auf dem Spiel. Schliesslich butterte Raiffeisen unter der Ägide von Ex-Chef Pierin Vincenz einen dreistelligen Millionenbetrag ins mittelständische Private-Equity-Geschäft.

Nun will die Raiffeisen-Zentrale in St. Gallen die Investnet-Deals ungeschehen machen, die beim Einstieg 2012 noch als Teil der «Langfriststrategie» den Genossenschaftern verkauft wurden. Es droht ein veritabler Showdown der Wirtschaftsrechtler. Entsprechende Zivilverfahren zwischen den Minderheitseignern von Investnet und Raiffeisen Bank laufen bereits. Die Interessen der Gründer des Ostschweizer KMU-Vehikels vertritt der renommierte St. Galler Jurist Peter Nobel, wie der Finanzblog «Inside Paradeplatz» zuerst berichtet. So dezidiert die neue Raiffeisen-Führung in der Causa Investnet auch auftritt. Ob die Genossenschaftsbank mit ihrem zivilrechtlichen Nichtigkeits-Ansinnen durchdringt, hängt vom Ausgang des Strafverfahrens wegen ungetreuer Geschäftsbesorgung gegen die Investnet-Miteigner Vincenz, Wüst und Etter ab. Lässt sich der Verdacht vor Gericht nicht erhärten, droht der Raiffeisen Bank bei Investnet ein teures Nachspiel.

Maximale Rufschädigung

Raiffeisen Für einmal war die Wochenendpresse einhellig: Der Noch-Chef der BKB und designierte Raiffeisen-Präsident Guy Lachappelle werde «von der Vergangenheit eingeholt», war zu lesen. Hintergrund sind mehrere Bundesstrafgerichtsentscheide, die jüngst ergangen sind.

Dabei geht es um ein Verwaltungsstrafverfahren, welches das Finanzdepartement (EFD) seit 2016 gegen «Verantwortliche der BKB» führt, weil die Banker die Geldwäscherei-Meldestelle möglicherweise zu spät über den ASE-Betrugsfall informierten. Die Bundesbehörden versuchen über die Gerichte, den internen BKB-Untersuchungsbericht samt Annex entsiegeln zu lassen. Jener Bericht, angefertigt von der Anwaltskanzlei Bär & Karrer, soll «mögliche Hinweise auf Meldepfichtverletzungen» liefern.

Finma-Plazet fürs Raiffeisen-Präsidium

Die BKB wehrt sich gegen die Entsiegelung durch alle Instanzen; aber nicht, weil BKB-Chef Lachappelle etwas zu verbergen hätte, wie dies in der Presse genüsslich insinuiert wird. Lachappelle kann auch nicht «ins Verfahren hineingezogen werden», weil sich das Verfahren gar nicht gegen ihn richtet.

Fakt ist vielmehr: Wenn sich Lachappelle im ASE-Fall etwas hätte zu schulden kommen lassen, hätte ihm die Finma längst die Gewähr entzogen. Im Gegensatz zum EFD können die Bankenaufseher bei ihrer Beurteilung nämlich auf sämtliche Interna, auch auf den geheimnisumwitterten Untersuchungsbericht, zugreifen. Die Aufsicht hat dem Basler Banker aber bekanntlich auch das Plazet fürs Raiffeisen-Präsidium erteilt. An Lachappelle blieb nichts hängen. Trotz maximaler Rufschädigung in den Medien bei minimaler Faktenlage.