Call auf Spesen

Leonteq Pierin Vincenz war bis 2017 Präsident der Derivatefirma. Seine Spesen führten zu einer Untersuchung.

Rustikale Holzdecken, mittelalterliche Kellergewölbe und eine Gault-Millau-Gourmetküche nach Appenzeller Art. Der «Bären» im innerrhodischen Gonten ist ein Landgasthof wie aus dem Bilderbuch. Und er war Schauplatz für gesellige Stunden im engsten Leonteq-Zirkel. Hier, mit Blick auf den Alpstein, trafen sich Pierin Vincenz, damaliger Präsident der Zürcher Derivatefirma, und der operative Chef und Leonteq-Mitgründer, Jan Schoch, um Geschäftliches mit Lukullischem zu verbinden.

Schliesslich war Schoch nicht nur Everybody’s Darling auf dem Zürcher Finanzplatz («Jung, klug, reich», «Bilanz»), sondern bereits in Immobiliengeschäfte und Gastronomie diversifiziert. Der Appenzeller mit HSG-Abschluss hatte nämlich 2014 mit zwei befreundeten Investoren den «Bären» übernommen und das traditionsreiche Wirtshaus zu alter Frische renoviert.

Mit gemeinsamen Geschäftsessen in Schochs Gasthof war spätestens im letzten Frühjahr Schluss. Nachdem Leonteq wenige Monate zuvor eine Gewinnwarnung hatte ausgeben müssen und der Aktienkurs darauf kollabiert war, war das Geschirr zwischen Präsident Vincenz und seinem Fintech-Pionier Schoch endgültig zerschlagen: Der Ex-Raiffeisen-Chef liess, quasi halböffentlich, nach einem Nachfolger für Jan Schoch suchen. Während der Leonteq-Lenker schwer angezählt war, rumpelte es im Aktionariat: Auf den Shareholder-Aktivisten Veraison, der mit Verlust die Finanztitel wieder abstiess, folgte Rainer-Marc Frey (RMF). Der schwerreiche Hedgefonds-Pionier sollte dem Leonteq-Präsidenten bald die Stirn bieten.

In der Kontrolle hängen geblieben

Als wäre die Gemengelage nicht schon schwierig genug, blieb Leonteq-Präsident Pierin Vincenz in dieser Phase mit seinen Spesenbezügen in der internen Kontrolle hängen, wie zwei unabhängige Quellen übereinstimmend berichten. «Ein Teil von Vincenz’ Bezügen verstiess gegen geltende Leonteq-Spesenrichtlinien», sagt eine involvierte Person und spricht von «erheblichen Beträgen». Laut einer anderen Quelle habe es sich um eine «hohe fünfstellige Summe» gehandelt. Präsident Vincenz soll sie für Übernachtungen der Luxusklasse und Unterhaltungsangebote im In- und Ausland eingesetzt haben. Dazu äussern will sich Vincenz nicht. Sein Vertreter verweist auf Leonteq. Deren Sprecher Dominik Renggli erklärt, man kommentiere keine Spekulationen, und betont, die internen Weisungen und Richtlinien würden für «alle Verwaltungsratsmitglieder von Leonteq» gelten. Pikanterweise wird just im Leonteq-Geschäftsbericht 2017 extra darauf hingewiesen, dass in der Vergütungssumme für den VR sogenannte «out-ofpocket expenses» beziehungsweise Rückerstattung für Reise- und Hotelspesen nicht enthalten seien.

Die beanstandeten Spesen des Präsidenten sorgten im letzten Frühjahr bei Leonteq jedenfalls für rote Köpfe. «Aufgrund der heiklen Situation», sagt ein Involvierter, habe man sich entschieden, Vincenz’ Spesenverhalten als Leonteq-Präsident zwischen 2015 und 2017 durch eine externe Anwaltskanzlei untersuchen zu lassen, um «grösstmögliche Objektivität» sicherzustellen. Es sei damals schwierig gewesen, auf dem Platz Zürich überhaupt eine Anwaltskanzlei für den Spesencheck zu finden: Angefragte Kanzleien seien in Sachen Pierin Vincenz bereits anderweitig engagiert gewesen.

Voller Interessenkonflikte

Dass Leonteq die Spesen des Präsidenten überprüfen liess, soll das Verhältnis zwischen Schoch und Vincenz endgültig vergiftet haben. Doch der Leonteq-Lenker erhielt offenbar Sukkurs vom neuen Ankeraktionär Rainer-Marc Frey. Der soll schliesslich, wie eine Quelle berichtet, ein Schreiben an Pierin Vincenz gerichtet haben samt Kopie an den gesamten Verwaltungsrat, in dem RMF sein fehlendes Vertrauen in den Leonteq-Präsidenten kundtat. Es war der Anfang vom Ende für Pierin Vincenz als Präsidenten. Im letzten Juli schliesslich kündigte der Ex-Raiffeisen-Chef seinen Rücktritt an.

Dabei war die Beziehung zu Leonteq ursprünglich ganz nach dem Geschmack des Bündner Alpha-Bankers: vielgestaltig und – zumindest nach Best-Practices-Governance – gespickt mit Interessenkonflikten. Das ging so: Nach dem Zerwürfnis mit der Bank Vontobel kaufte sich Raiffeisen schliesslich 2012 die Privatbank Wegelin und firmierte sie in Notenstein um. Über den neuen Privatbank-Arm stieg das Genossenschaftsinstitut im Frühjahr 2013 bei Leonteq ein. Rund 70 Millionen zahlte Raiffeisen für das 20-Prozent-Paket an der Zürcher Derivateboutique und schnürte zugleich mit den Leonteq-Gründern einen umfangreichen Aktionärsbindungsvertrag.

Raiffeisen beziehungsweise Notenstein war damit nicht nur Leonteq-Grossaktionär, sondern bald auch der grösste Vertriebskunde der Derivateboutique. Denn zeitgleich mit dem Investment kündigten Vincenz und Co. ein «white-labelling agreement» mit Leonteq an. Nicht nur Notenstein und Raiffeisen kamen damals mit dem Derivatehaus ins Geschäft, sondern auch der Versicherer Helvetia, wo Vincenz ebenfalls im Verwaltungsrat sass und an dem Raiffeisen beteiligt war.

Die Leonteq-Konstellation der Raiffeisen trifft also haargenau auf jene Beschreibung zu, welche die Finanzmarktaufsicht in ihrer jüngst veröffentlichten Mitteilung zum Enforcementbericht zur Bank als «schwerwiegende Mängel bei Corporate Governance» anmahnt, nämlich Rollenkumulationen und Interessenkonflikte: «So war Raiffeisen Schweiz bei verschiedenen Beteiligungen gleichzeitig Aktionärin, Geschäftspartnerin und Kreditgeberin von Gesellschaften oder ihren Organen und im Verwaltungsrat vertreten.»

Ungewöhnliche Konditionen

Apropos Kreditgeberin. Auch dies trifft auf die fragwürdige Leonteq-Beteiligung zu. So erwähnt die Finma-Mitteilung einen «Blankokredit zu ungewöhnlichen Konditionen», die einem «Organmitglied einer Beteiligung» von der Raiffeisen-Geschäftsleitung zugesprochen wurde: «Die Bank erkannte die entsprechenden Klumpenrisiken nicht», schreibt die Finma, und spricht von einem «ungenügenden Risikomanagement». Gemäss «Sonntagszeitung» soll es sich beim «Organmitglied» um Leonteq-Mitgründer und Chef Jan Schoch handeln.

Aber nicht nur Schoch profitierte von der Beziehung zu Raiffeisen und ihrem starken Mann. Auch für Pierin Vincenz war Leonteq eine Goldgrube. In seiner Zeit im Verwaltungsrat kassierte der Bündner Banker rund 1 Million Franken – exklusive Spesen. Sehr viel Geld für ein Mandat bei einer kleinen Finanzboutique.