Zarte Versuchung

Lindt & Sprüngli Ernst Tanners «Schoggi»-Kapital schmilzt. Der Chef und seine Manager verkaufen  Papiere im Wert von 140 Millionen Franken. Doch der Patron verliert nichts von seiner Stimmkraft.

Wenn die Zahl blauer Aktenkoffer rund um das Zürcher See­becken in die Höhe schnellt, dann ist allen klar: Der «Schoggi»-Konzern Lindt & Sprüngli lädt zur Generalversammlung (GV) ins Kongresshaus. Beim GV-Besuch im Frühjahr gibt es einen blauen, 4 Kilo schweren «Schoggi»-Koffer – gefüllt mit dem Naschwerk aus dem Hause Lindt & Sprüngli.

Daskalorienhaltige «Bhaltis» ist mehr als ein gelungener PR-Coup. Der blaue Koffer mit den goldenen Lindt-Lettern steht für die Hackordnung in der «Chocoladefabrik». Denn kiloweise Süsses gibt es nur für die Namenaktionäre. Die Besitzer von Partizipationsscheinen (PS) werden auf Diät gesetzt. Ohne «Schoggi»-Koffer und Stimmrecht haben die Partizipanten im Lindt-Imperium das Nachsehen. Sie sind Anteilseigner zweiter Klasse. Ihre PS entwickeln sich im Zehn-Jahres-Vergleich nicht nur deutlich schlechter als die Namenpapiere. Der Schokoladeproduzentverwässert mit dem Segen der Namenaktionäre die stimmrechtslosen Papiere (siehe Grafik).

Einer der Hauptprofiteure des Zweiklassen-Aktionariats ist der Patron persönlich. Ernst Tanner und die erweiterte Lindt & Sprüngli-Geschäftsleitung haben seit 2014 Partizipationsscheine im Wert von gegen 140 Millionen Franken abgestossen, wie Recherchen zeigen. Mehr als die Hälfte der 28 000 Scheine wurde dieses Jahr  auf den Markt geworfen.

Tanners PS-Bestand geht auf ein «Mitarbeiterbeteiligungsprogramm» zurück, das der Chef Ende der 1990er-Jahre initiierte. Es handelt sich um Optionsrechte, die sich nach einer mehrjährigen Sperrfrist in Partizipationsscheine wandeln lassen. Das zwölfköpfige Top-­Management um Tanner hat vom Programm massiv profitiert.

Exzessive Optionspläne

Vor allem Tanner selbst. Der Diplomkaufmann im Doppelmandat erhielt in einzelnen Jahren ein Siebtel, die Geschäftsleitung bis zu ein Drittel aller Rechte.  Dabei kann der Wert der Optionen bis zu 200 Prozent des Basissalärs betragen. Es sei verständlich, dass aufgrund des kontinuierlich guten Kursverlaufs der PS von der Ausübung der Op­tionsrechte Gebrauch gemacht werde, sagt Lindt-Sprecherin Nathalie Zagoda zum Millionenverkauf. Ein Lindt-Kenner meint dazu, das Programm sei «ein­malig» in der Nahrungsmittelindustrie. «Tanner hat seinen Managern damit goldene Fesseln angelegt.»

Seine Verdienste bleiben unbestritten: Tanner hat die verstaubte Süsswaren-Manufaktur zur globalen, äusserst erfolgreichen «Schoggi»-Macht umgekrempelt. Doch wirft die Konzernpolitik Fragen auf. Denn so üppig die Zuteilung der Optionen ist, so vage sind deren Kriterien. Statt Messgrössen festzumachen, richtet sich «die Anzahl nicht primär nach der Leistung des vergangenen Jahres, sondern nach der Position des Mitarbeitenden und dessen Einfluss auf den langfristigen Unternehmenserfolg», heisst es im Geschäftsbericht. Der Verwaltungsrat fälle den «finalen Entscheid».

Vincent Kaufmann von der Stiftung Ethos kritisiert: «Es ist stossend, dass die exzessiven Mitarbeiteroptionspläne nur einem kleinen Zirkel von Managern vorbehalten sind und dass die Zuteilung der Optionen an keinerlei Leistungskriterien gebunden ist. Die Optionspläne gehören eigentlich zum Grundsalär.»

Dabei rührt der Schokoladenkonzern mit der grossen Kelle an: Um weitere Mitarbeiteroptionen auszuschütten, sprachen sich die Namenaktionäre 2010 dafür aus, das bedingte Kapital mehr als zu verdoppeln. Auch an der diesjährigen GV erhöhte man den Anteil für Mitarbeiter.

Die PS-Papiere werden auf diese Weise sukzessive verwässert. So stieg der PS-Anteil am Gesamtkapital von Lindt & Sprüngli in den letzten zehn Jahren von 35 auf 40 Prozent. Gleichzeitig fiel die Kursperformance um ein Viertel schwächer aus als bei den Namenaktien. Die Entwicklung ist umso erstaunlicher, als der Schokoladenkonzern seit 2012 Aktien zurückkauft und das Kapital herabsetzte. Doch die Kurspflege ist zartbitter: Nur die Zahl der ­Namenaktien sank.

Davon profitiert abermals der Chef persönlich. Ernst Tanner vereint – dank Aktienplan seit Amtsbeginn – mit 1,66 Prozent des Gesamtkapitals mittlerweile 2,28 Prozent aller Stimmen auf sich. Er ist der zweitmächtigste Namenaktionär hinter den Vorsorgewerken von Lindt & Sprüngli, die als Gruppe 20,3 Prozent halten. Deren Interessen wahrt Tanner ebenfalls, und zwar als Stiftungspräsident. Die Ämterkumulation macht den Bauernsohn aus dem Kanton Schaff­hausen praktisch unantastbar – und ­seine «Schoggi»-Fabrik zum Bollwerk gegen eine feindliche Übernahme.

Verschworener Zirkel

Eine Vinkulierung der Stimmkraft bei 6 Prozent sowie umfangreiche Gruppenklauseln sorgen dafür, dass Lindt & Sprüngli ein «closed shop» bleibt. Mit ­einem Preis von gegen 65 000 Franken  gehören die Lindt-Namen überdies zu den schwersten Aktien der Welt. Deren Gewicht kritisiert Ethos-Direktor Kaufmann: «Wir fordern einen Aktiensplit und damit einen demokratischeren Zugang zu den Namenaktien.» Lindt kommentiert die Vorwürfe nicht.

Doch der verschworene Zirkel aus Kleinaktionären, die sich jährlich mit ­einem «Schoggi»-Koffer verwöhnen lassen, sichert Patron Tanner die Macht. Die Dreiviertelmehrheit zur Aufhebung der Stimmrechtsbeschränkungen gerät angesichts des nibelungentreuen Streubesitzes zur schier unüberwindbaren Hürde. Zumal der Verwaltungsrat weitreichende Kompetenzen hat, unliebsamen Lindt-Eignern denEintrag ins Ak­tienregister zu erschweren.

Überhaupt ist das oberste Gremium des Schoko-Konzerns eine One-Man-Show. Ethos-Direktor Kaufmann sagt: «Der Lindt-Verwaltungsrat besteht zu ­einem überwiegenden Teil aus nicht unabhängigen Mitgliedern, die seit mehr als zwölf Jahren bei Lindt & Sprüngli sind oder Ernst Tanner persönlich zugewandt sind.» Neben Vertrauten wie Antonio Bulgheroni – dem Ex-Italien-Chef – gilt der Befund auch für frische Kräfte: Petra Schadeberg-Herrmann sitzt seit 2013 im Verwaltungsrat. Schadeberg gehört die deutsche Krombacher. Im Beirat der Bierbrauerei sitzt ein gewisser Ernst Tanner. Lindt kommentiert die Vorwürfe nicht.

Die Corporate Governance ist für Ethos-Direktor Kaufmann ein Dauer­thema: «Im Moment hängt Lindt & Sprüngli noch auf Gedeih und Verderb von Ernst Tanner als Person und Manager ab.» Es brauche deshalb «dringend» eine Nachfolgeplanung. Lindt-Sprecherin Zagoda entgegnet: «Herr Tanner führt das Unternehmen nach wie vor mit grosser Freude.» Es gebe keine Nach­folgepläne. Und ein Lindt-Kenner meint lapidar: «Solange der Konzern der­massen erfolgreich wirtschaftet, wird das System Tanner geduldet.»