Chef von Bexio: «Excel ist unser grösster Konkurrent»

Bexio Jeremias Meier hat eine Software, die Kleinfirmen die Administration erleichtert. Seine Firma wächst zwar rasant, doch viel Potenzial liegt noch brach.

Statusgehabe geht Jeremias Meier ab. In Jeans und Turnschuhen empfängt der Bexio-Chef und Mitgründer zum Gespräch. Dabei hätten Unternehmer Meier und seine Kollegen allen Grund, die finanzielle Bodenhaftung zu verlieren. Im Sommer vor einem Jahr konnten sie den KMU-Softwareentwickler aus Rapperswil-Jona an die Mobiliar verkaufen. Der Versicherungskonzern soll gemäss Schätzungen des Branchenblogs «Inside IT» rund 115 Millionen Franken fürs Administrativ-Tool in der Cloud (siehe Box) hingeblättert haben – für eine Softwarefirma, die gemäss Bilanz noch per Mitte 2018 einen Verlustvortrag von gut 15 Millionen Franken ausgewiesen hatte.

Bürokratiegeplagte Gewerbler

Der kolportierte Übernahmepreis, den Meier nicht kommentieren mag, scheint überrissen. Doch nur auf den ersten Blick. Denn Bexio schickt sich mit der Mobiliar-Vertriebspower im Rücken an, zum eidgenössischen One-Stop-Shop für bürokratiegeplagte Kleinunternehmer zu werden. Es wartet ein grosser Markt: In der Schweiz haben rund eine halbe Millionen Firmen weniger als zehn Mitarbeitende, 300 000 davon sind gar Ein-Frau- beziehungsweise Ein-Mann-Betriebe. Diese heterogene Klientel will Meier mit seiner Bexio-Lösung beglücken, wobei das Kundenwachstum bislang für sich spricht: «Als wir die Verkaufsgespräche mit der Mobiliar starteten, hatten wir 10 000 Kunden. Jetzt haben wir mehr als 25 000 – und in drei bis vier Jahren sollen es rund 100 000 werden.»

Damit das gelingt, ist viel Aufbau- und Aufklärungsarbeit nötig. «Es fehlt den Kleinstunternehmern häufig das Wissen darüber, wie viel effizienter eine durchdigitalisierte Administration wäre. Hier haben wir Anbieter auch noch Hausaufgaben zu machen», sagt Meier und macht ein Beispiel: Bexio arbeitet derzeit mit dem Versicherer Swiss Life an einem Lohnbuchhaltungs-Tool, mit dem die Mitarbeiter automatisch versichert sind. «Solche Personenversicherungen sind für Kleinunternehmer am aufwendigsten und kompliziertesten in der Administration.» Denn jede Änderung im Mitarbeiterstamm, sei es beim Zivilstand oder im Beschäftigungsverhältnis, muss gemeldet werden. Geht eine Mutation vergessen, sind unter Umständen Nachzahlungen fällig.

Chef von Bexio sieht fragmentierte KMU-Landschaft

Mit der geplanten Integration eines Assekuranz-Bündels – bestehend aus Beruflicher Vorsorge, Kollektiv-Krankentaggeldversicherung und obligatorischer Unfallversicherung – wird das mühsame Meldewesen hinfällig.

Diese Automation ist nur ein Beispiel dafür, wie sich Kleinunternehmer dank digitalen Tools bürokratischen Aufwand und Ärger sparen können, wodurch mehr Zeit fürs Kerngeschäft bleibt. Allerdings ist die digitale Durchdringung der Administrativprozesse bei kleinen Unternehmen verhältnismässig bescheiden. Gemäss der OECD-Studie «SME and Entrepreneurship Outlook 2019» investieren die Schweizer Firmen zwar viel in die IT, aber bei der Nutzung von cloudbasierten Software-Diensten hinken sie ihren angelsächsischen oder skandinavischen Konkurrenten klar hinterher.

Schweiz ist nur Mittelfeld

Der Bundesrat kommt denn auch in einer jüngst publizierten Stellungnahme zu einer parlamentarischen Interpellation zum ernüchternden Fazit: «Bei den verfügbaren Daten nimmt die Schweiz meist einen Platz im Mittelfeld ein.» Dabei geht es um Indikatoren wie die Benutzung des Cloud Computing oder Mobile Computing oder die Breitband-Durchdringung. Allerdings ist der Pauschalbefund der Mittelmässigkeit mit Vorsicht zu geniessen, wie auch der Bundesrat in seiner Antwort betont: «Die Schweizer KMU-Landschaft ist sehr heterogen, weshalb Aussagen über alle KMU hinweg nur mit Vorsicht gemacht werden können.»

Diese Einschätzung teilt auch Bexio-Chef Jeremias Meier: «Im Long Tail sind die Unternehmen super fragmentiert.» Da gebe es sehr IT-affine Kleinfirmen, beispielsweise im Consulting, Marketing, in den Medien oder im Startup-Bereich. Auf der anderen Seite des Spektrums gebe es Kleingewerbler und Dienstleister – vom Schreiner über den Gartenbauer bis zum Putzinstitut, die im Kerngeschäft mit Informatik nichts am Hut haben. «Excel ist da unser grösster Konkurrent. Also so, wie man es halt bislang immer gemacht hat», sagt Meier.

Bexio arbeitet mit Gewerbeverband zusammen

Um auf Neudeutsch die «Awareness» für eine Cloud-Administration zu schaffen, will Bexio deshalb künftig mit dem physischen Agenturvertrieb seiner Konzernmutter Mobiliar zusammenspannen: Man sei daran, mögliche Standorte im Agenturnetz zu evaluieren, so Meier. Denn um an technikferne Kleinunternehmen zu kommen, reichen Webinars und andere Online-Kundenbindungstools nicht. Gefragt ist die persönliche Einführung vor Ort.

Deshalb arbeitet Bexio mit dem Schweizerischen Gewerbeverband in Workshops zusammen, um an der Basis herauszubekommen, weshalb die digitale Adaptionsrate unter Kleinunternehmern immer noch relativ tief ist.

Schweiz ohne Open Banking

Nebst Aufklärungsarbeit bei den Kunden hat die KMU-Softwareplattform in der Schweiz auch mit Schnittstellenproblemen zu kämpfen. So ist einer der Bexio-Trümpfe eigentlich die direkte Anbindung der jeweiligen Bankbeziehung eines KMU ans Administrationstool. Der Unternehmer kann also direkt aus der Cloud-Lösung heraus Rechnungen bezahlen oder offene Forderungen automatisch mit Zahlungseingängen abgleichen.

Ein solch holistischer Blick auf die finanziellen Verhältnisse ist allerdings nur möglich, wenn die kontoführende Bank ihre Schnittstellen für Bexio öffnet. Während in der EU mit der Payment Service Directive 2 alle Banken ihre Kontozugänge für Drittanbieter öffnen müssen, herrscht hierzulande Willkür. Gerade am Anfang sei es schwierig gewesen, Banken zur Zusammenarbeit zu bewegen, erinnert sich Meier. «Mit der UBS, die als erste mitgemacht hat, ist es dann leichter geworden.» Inzwischen hat Bexio grosse Finanzhäuser wie die Credit Suisse, ZKB, Postfinance oder Raiffeisen angebunden. Doch der Bexio-Chef ist unzufrieden mit dem «Swiss Finish» der Finanzbranche: «Die fehlende Standardisierung der Schnittstellen bringt Schweizer KMU einen Wettbewerbsnachteil. Proprietäre Quasi-Standards und lokale Initiativen sind meines Erachtens fehlgeleiteter Protektionismus. Gefragt ist eine Corporate API nach europäischem Vorbild.» Bis es so weit ist, bindet Bexio jährlich jeweils eine Handvoll Banken ans eigene System an.

Open Banking – Schweizer Kunden werden diskriminiert

PSD2 UBS, CS & Co öffnen in der EU den Zugriff auf Kontodaten. Doch Schweizer Privatkunden können davon nicht profitieren.

Das Foto zeigt eine Fluggastbrücke. Auf der Seite prangt das Logo der UBS. Die Bildsprache suggeriert: Bei uns lässt sich prima andocken. Die Aufnahme stammt von einem Entwicklerportal der Schweizer Grossbank. Es stellt alle nötigen Informationen dazu bereit, wie Drittanbieter in der EU auf Kontoinformationen europäischer UBS- Kunden zugreifen können.

Vorausgesetzt natürlich, die Bankkunden erlauben dies. Denkbar sind damit Services wie Finanzcockpits, mit denen Kunden auf einen Blick alle Konti bei verschiedenen Instituten in Echtzeit überwachen können. Auch automatisierte Zahlungs­vorgänge im Kundenauftrag sind dann möglich.

Alle Banken sind verpflichtet

Solche Open-Banking-Dienste können Drittanbieter wie Fintechs nur bieten, wenn sie offene, standardisierte Schnittstellen zu kontoführenden Banken haben. Im Rahmen der zweiten Zahlungsdienstrichtlinie (PSD2) sind ab September alle in der EU tätigen Banken verpflichtet, solche Schnittstellen diskriminierungsfrei anzubieten. Mit dabei sind zahlreiche Schweizer Banken mit Geschäft in der Europäischen Union wie UBS, Credit Suisse oder Julius Bär. Aufgrund der zwingenden EU-Regulierung sind die Schweizer Institute in Europa fit fürs Open Banking. Auf dem Heimmarkt ist von der neuen Offenheit, zumindest für Privatkunden, jedoch wenig zu spüren: «Ein regulatorischer Zwang wäre ein un­nötiger Eingriff in den funktionierenden Markt und würde zu einer Wett­be­werbs­verzerrung zu Ungunsten der Banken führen», lautet die Haltung der Bankiervereinigung.

Bei der Credit Suisse betont man, dass im Firmenkunden-Bereich die Schnitt­stellen geöffnet seien, die Bank Partnerschaften mit Fintechs laufend ausbaue und dass man ein «Corporate Ecosystem» anstrebe. «Im Bereich Privatkunden sammeln wir derzeit erste Erfahrungen im europäischen Raum und evaluieren Anwendungsmöglichkeiten für unsere Kunden in der Schweiz», so die CS.

Zugriff nur auf Geschäftskonti

Auch Konkurrentin UBS fokussiert in der Schweiz bisher ausschliesslich auf Geschäftskunden: Man biete bereits heute sichere Schnittstellen, dort wo Kundenbedürfnisse bestünden. «Einen klaren Kundennutzen stiften dabei auch mo­derne Softwarelösungen für KMU- und Unternehmenskunden», so die UBS. Des Weiteren gebe man externen Vermögensverwaltern schon heute Zugriff auf die Konti der jeweiligen Privatbank-Kunden. Da prüfe man einen weiteren Ausbau des Angebots.

Das Daten-Reduit der Banken hierzulande hat Konsequenzen: Fintechs wie Qontis und Contovista mussten ihr Ge­schäfts­modell umbauen. Denn die Voraussetzungen für Finanzcockpits für Privatkunden, sogenannte Personal ­Finance Manager, sind nicht gegeben. So fehlen Standards wie in der EU, was die Anbindung einzelner Finanzinstitute zur kostspieligen Sisyphusarbeit macht.

Zumal einzelne Institute beim Anbindungsversuch mit Klagen drohten. «Die grosse Angst war, dass mit einem Finanz­cockpit dereinst auch ein Performance-Check in der Vermögensverwaltung möglich würde», erinnert sich ein Involvierter. Solche Transparenz scheuen gewisse Geldverwalter bis heute: Die «Handelszeitung» kennt ein Schweizer Fintech, das bei der UBS für offene Schnittstellen anklopfte, welche die Grossbank nun europäischen Drittanbietern gewähren muss. Die UBS blieb dem Startup eine Antwort schuldig.

Zeit zum Experimentieren im Open Banking

Noch herrsche gerade bei den grösseren Banken die Vorstellung, dass die Kunden alles bei einem Institut zu tätigen hätten, sagt Richard Dratva vom Banking-Entwickler Crealogix: «Open Banking ist aber keine Einbahnstrasse. Statt alles selber machen zu wollen, könnten Banken aktiv dieses Ökosystem orchestrieren und da­raus neue Geschäftsmodelle entwickeln.» Gerade für die Schweizer Banken böten sich jetzt gute Chancen, so Dratva: «Weil die hiesigen Player nicht PSD2-reguliert sind, besteht noch kein unmittelbarer Anpassungsdruck und somit Zeit zum Experimentieren und Positionieren.»

Als nächster Meilenstein hierzulande gilt die vom Infrastrukturbetreiber SIX Group angeführte Corporate API, die auf Initiative von Credit Suisse, Raiffeisen, UBS, Valiant und ZKB zustande kam. Es handelt sich dabei um eine zentrale Schnittstellen-Infrastruktur, die Banken, Drittanbieter und Geschäftskunden kurzschliessen soll. Der Start des Schweizer Schnittstellen-­Hubs soll demnächst erfolgen.