Lorenz Erni – Der Consigliere

Lorenz Erni Der Verteidiger von Pierin Vincenz beriet ihn schon vor zehn Jahren, als Zweifel an einem Privatdeal aufkamen. Heute ermittelt die Staatsanwaltschaft.

Der Zürcher Strafverteidiger Lorenz Erni gilt als Mann für die Wirtschaftsfälle mit hohem Promi-Faktor: Fifa-Präsident Blatter, Swissair-Chef Bruggisser oder Bundesanwalt Lauber. Erni wird mandatiert, wenn die Fallhöhe besonders hoch ist.

So auch bei Pierin Vincenz. Gegen den Banker läuft seit Februar 2018 ein Verfahren wegen ungetreuer Geschäftsbesorgung. Die Zürcher Staatsanwaltschaft eröffnete es, gestützt auf eine Strafanzeige der Aduno. Beim Finanzdienstleister amtete der Ex-Raiffeisen-Chef bis im Sommer 2017 als Präsident. Nach seinem Rücktritt gab der Aduno-VR eine Untersuchung in Auftrag, die unter anderem Vinzenz’ Rolle beim Kauf der Commtrain Card Solutions (CCS) durchleuchtete. Die Verdachtsmomente führten zur Strafanzeige.

Pierin Vincenz wandte sich an Lorenz Erni

Aduno hatte 2007 für 7 Millionen Franken den Ostschweizer Zahlungsdienstleister CCS gekauft. Gut zwei Jahre später wandte sich ein Journalist an die Raiffeisen-Pressestelle und wollte mehr zur Rolle des damaligen Bankchefs Pierin Vincenz beim Kauf wissen. Schliesslich war Vincenz vorab verdeckt über ein Treuhandvehikel an der CCS beteiligt gewesen und hatte beim Verkauf seiner Anteile an Aduno 1,7 Millionen Franken verdient, ohne dass der Verwaltungsrat des Finanzdienstleisters davon Kenntnis hatte. Jedenfalls sorgte die Presseanfrage für emsiges Treiben hinter den Kulissen.

Gemäss zweier unabhängigen Quellen soll sich Raiffeisen-Chef Vincenz damals an seinen späteren Strafverteidiger Lorenz Erni gewandt haben. «Erni half mit bei der Auswahl der Experten für die Gutachten zur Commtrain-Übernahme», sagt ein Beteiligter. So liess Vincenz zwei Jahre nach dem Closing der CCS-Transaktion – mit dem Segen des damaligen Raiffeisen-Präsidenten Franz Marty – drei Privatgutachten zur Übernahme des Ostschweizer Zahlungsdienstleisters anfertigen.

Zu beweisen ist der finanzielle Schaden

Die Gutachten, welche die «Handelszeitung» einsehen konnte, sind hoch relevant fürs Strafverfahren, sanktionieren sie doch die Rechtmässigkeit der CCS-Transaktion und legitimieren damit Vincenz’ damaliges Handeln. Sie sind die professorale Antithese zum Hauptvorwurf der ungetreuen Geschäftsbesorgung. Ein Vorwurf, der vor Gericht nur standhalten wird, wenn es Staatsanwalt Marc Jean-Richard- dit-Bressel gelingt, zu beweisen, dass Aduno aus dem CCS-Deal tatsächlich ein finanzieller Schaden entstanden ist.

Demgegenüber stehen drei Gutachten, die Strafverteidiger Lorenz Erni mitzuorchestrieren half. Ein Beteiligter spricht von einer «wohl portionierten Gutachter-Kaskade» mit einem «clever gewähltem Untersuchungsfokus»: Finanzprofessor Claudio Loderer von der Universität Bern klärte für Raiffeisen beziehungsweise ihren Chef ab, ob der Kaufpreis angemessen war. Er war es, und zwar «am unteren Ende der Bandbreite», wie Loderer im Frühjahr 2009 schreibt. Jenen Preis, den Vincenz zwei Jahre zuvor für seine verdeckte Privatbeteiligung bezahlt hatte, berücksichtigt das Gutachten nicht.

Peter Forstmoser prüfte Übernahme der Commtrain durch Aduno

Die Beratungsfirma Helbling wiederum schaute sich die Struktur und das Setup der Übernahmetransaktion an. Sie kommt zum Schluss, dass der Akquisitionsprozess «professionell» und der Kaufvertrag «inhaltlich angemessen» war.

Auf den beiden Gutachten aufbauend beugte sich im Herbst 2009 Professor Peter Forstmoser über die CCS-Transaktion. Und zwar, «um das Verhalten von Herrn Dr. Pierin Vincenz im Hinblick auf einen potenziellen Interessenkonflikt rechtlich zu überprüfen». Der renommierte Aktienrechtler kommt zum Schluss, dass «Herr Vincenz seine Interessenwahrungspflichten nicht verletzt hat». Und dass die Interessen der Aduno und der Raiffeisen Schweiz «durch die (indirekte) Investition von Herrn Vincenz in keiner Weise beeinträchtigt» wurden.

Bezahlt hat die Gutachten wie auch die Beratung Ernis übrigens Raiffeisen. Jene Raiffeisen, die heute als Nebenklägerin im Strafverfahren gegen Ex-Chef Pierin Vincenz und seinen Verteidiger antritt. Die Bank will sich zum Sachverhalt nicht äussern. Auch Anwalt Erni nicht: «Es gibt keinen Kommentar», schreibt er.

Frau von Pierin Vincenz im Visier der Strafverfolger

Fall Raiffeisen Die Zürcher Staatsanwaltschaft ermittelt gegen die ehemalige Rechtschefin der Bank, Nadja Ceregato-Vincenz, wegen Verletzung des Geschäftsgeheimnisses.

Sie war die Frau an der Seite des Raiffeisen-Chefs Pierin Vincenz, der im Herbst 2015 zurücktrat. Und sie war ab 2005 Rechtschefin und von Frühjahr 2015 bis Ende 2017 zusätzlich Compliance-Chefin der Bank. Die Rede ist von Nadja Ceregato-Vincenz. Die Verbindung einer «Head Legal & Compliance» mit einem Bankchef ist per se eine schwierige Konstellation.

Wie problematisch das Verhältnis im vorliegenden Fall aber wirklich war, zeigt sich nun: Nach Pierin Vincenz, gegen den seit Februar 2018 ein Strafverfahren wegen ungetreuer Geschäftsführung läuft, gerät jetzt auch seine langjährige Ehefrau, Nadja Ceregato-Vincenz, ins Visier der Ermittlungsbehörden.

Freiheitsstrafe von bis zu drei Jahren

Erich Wenzinger, Kommunikationsbeauftragter der Zürcher Staatsanwaltschaft, teilt auf Anfrage mit: «Die Staatsanwaltschaft III des Kantons Zürich führt gegen Frau Ceregato eine separate Untersuchung betreffend Verletzung des Geschäftsgeheimnisses.» Wie immer gelte in der jetzigen Phase des Verfahrens die Unschuldsvermutung, betont Wenzinger. Auf die Verletzung des Geschäftsgeheimnisses steht gemäss Strafgesetzbuch eine Geldstrafe oder eine Freiheitsstrafe von bis zu drei Jahren.

Die separate Strafuntersuchung steht in Zusammenhang mit der bankinternen Aufarbeitung der Ära Vincenz. Nach dem Rücktritt des langjährigen Raiffeisen-Chefs machte die Finma 2016 Druck auf Nachfolger Patrik Gisel, Vincenz’ private Beteiligungsnahme beim KMU-Vehikel Investnet vertieft zu untersuchen. Die damalige Raiffeisen-Geschäftsleitung mandatierte daraufhin die Zürcher Wirtschaftskanzlei Prager Dreifuss für ein Gutachten. Die Untersuchung begann im Dezember 2016, dauerte rund acht Monate und kostete gegen 2 Millionen Franken. Während die Anwälte das Gutachten für Raiffeisen erstellten, amtete die Ehefrau von Pierin Vincenz als Rechts- und Compliance-Chefin.

Frau von Pierin Vincenz war Compliance-Chefin

Administrativ wurden die Anwälte von Prager Dreifuss seinerzeit aus dem Stab von Raiffeisen-Chef Patrik Gisel unterstützt. Auf Nachfrage der «Schweiz am Wochenende» betonte die Bank im letzten Frühjahr: «Nadja Ceregato sowie die Mitarbeitenden des Bereichs Legal & Compliance waren weder in der Auftragsdefinition, der Auftragserteilung noch in der Auftragsdurchführung involviert.»

Dennoch geht die Zürcher Staatsanwaltschaft nun dem Verdacht der Geschäftsgeheimnisverletzung nach. Gemäss Recherchen der «Handelszeitung» sollen im Zuge der Ermittlung gegen Pierin Vincenz nämlich handschriftliche Notizen aufgetaucht sein, die darauf schliessen lassen, dass der Raiffeisen-Ex-Chef Inhalte aus dem bankinternen Prager-Dreifuss-Gutachten kannte. Doch dieses Gutachten war vertraulich. Es bildete später die Basis für das Enforcement-Verfahren der Finma gegen Vincenz.

Inzwischen vertritt Prager Dreifuss die Raiffeisen-Bank übrigens auch als Privatklägerin im Strafverfahren gegen ihren Ex-Konzernchef. 

Raiffeisen – Viererbande vom Risikoausschuss

Raiffeisen Stück für Stück werden die Verhältnisse im Raiffeisen-Reich strafrechtlich ausgeleuchtet. Nun nimmt sich Staatsanwalt Marc Jean-Richard-dit-Bressel der ehemaligen Rechts- und Compliance-Chefin Nadja Ceregato an. Die Untersuchung gegen die Ehefrau von Pierin Vincenz lautet auf Verletzung des Geschäftsgeheimnisses. Es gilt die Unschuldsvermutung.

Rote Linien überschritten bei Raiffeisen

Ungeachtet der laufenden Strafuntersuchung lässt sich jedoch sagen: Die Head Legal & Compliance darf nicht mit dem Bankchef liiert sein. Zu gross sind die potenziellen Interessenkonflikte. Insbesondere dann, wenn sich der Bankchef im fraglichen Zeitraum auch noch als Privatperson an Tochterfirmen der Bank beteiligen möchte. Die rote Linie überschritten hat jedoch Nachfolger Patrik Gisel, als der neue Bankchef die Privat-Investments seines Vorgängers untersuchen liess, während Vincenz’ Ehefrau im Büro nebenan als Compliance- und Rechtschefin waltete, als wäre nichts gewesen.

Keine marktüblichen Standards

Die Schuld dafür tragen jedoch weder Ceregato noch Gisel, sondern der damalige Raiffeisen-Verwaltungsrat – insbesondere die Herren vom Prüfund Risikoausschuss, die sich um die Einhaltung «marktüblicher Standards und Standesregeln» hätten kümmern sollen. Es waren gestandene Persönlichkeiten wie Wirtschaftsrechtler Franco Taisch, Finanzunternehmer Olivier Roussy, BDO-Partner Edgar Wohlhauser und der Raiffeisen-Regionalpräsident Werner Zollinger. Wie der Viererbande ein solch offensichtlicher Compliance-Lapsus durchrutschen konnte, bleibt schleierhaft.

Raiffeisen und der Fall Investnet

Rechtsstreit Raiffeisen könnte Ex-Chef Pierin Vincenz noch einen zweistelligen Millionenbetrag schulden – sollte die Bank den Streit ums KMU-Vehikel verlieren.

Es ist bloss eine Fussnote im jüngsten Finanzbericht der Raiffeisen Gruppe. Aber eine mit Sprengkraft. Auf zehn Zeilen Kleingedrucktem beschreibt die Genossenschaftsbank den Zivilrechtsstreit um das KMU-Vehikel Investnet, an dem sich Raiffeisen 2012 unter Führung ihres damaligen Chefs Pierin Vincenz mit 60 Prozent beteiligt hatte.

Wie Recherchen der «Handelszeitung» zeigen, dürfte der Streitwert für Raiffeisen hier gegen 150 Millionen Franken betragen. Zu den potenziellen Geldbezügern, denen möglicherweise noch ein zweistelliger Millionenbetrag zusteht, gehört auch Ex-Chef Pierin Vincenz. Er war ab 2015 als Privatmann an der Holding des KMU-Vehikels beteiligt.

Raiffeisen unterzeichnete 2017 eine Schuldanerkennung

Die Streitwert-Schätzung basiert unter anderem auf dem Raiffeisen-Finanzbericht 2018. Erstmals legt die Bank darin offen, wie viel sie das Ende von Investnet noch kosten würde, sollte sie die laufenden Zivilrechtsverfahren gegen die Minderheitsaktionäre verlieren. Raiffeisen spricht von «Verpflichtungen von 30 Millionen Franken sowie Eventualverpflichtungen im Umfang von 30 Millionen Franken».

Allerdings betreffen diese 60 Millionen Franken nur die erste Geschäftsphase des KMU-Vehikels von 2012 bis 2015. Für 30 Millionen davon liegt überdies eine Schuldanerkennung von Raiffeisen vor. Die Bank hat sie 2017 ausgestellt, in der Ära von Chef Patrik Gisel. Die Schuldanerkennung wurde von Raiffeisen-Topmanagern unterzeichnet. Heute ficht die Bank auch dieses Dokument rechtlich an.

Nebst diesen bis zu 60 Millionen Franken aus der ersten Phase streitet Raiffeisen über eine weitere, grössere Summe: gegen 100 Millionen Franken oder mehr. Die Grundlage hierfür wurde im Aktionärsbindungsvertrag von 2015 geschaffen. Damals baute man eine Holding-Struktur für das KMU-Vehikel. Raiffeisen verpflichtete sich, zusätzlich zu den bisherigen 100 Millionen weitere 250 Millionen an Eigenkapital einzuschiessen. Man hegte hochtrabende Pläne, wollte gemeinsam einen Börsengang bis 2022 in der Grössenordnung von einer Milliarde Franken.

Damals verpflichtete sich Raiffeisen Schweiz, dass die Minderheitseigner der Investnet Holding ihre Anteile «nach einer vertraglich vereinbarten Bewertungsmethodik» der Bank andienen können. Und zwar frühestens ab Juli 2020, also in gut einem Jahr.

Raiffeisen Schweiz geht jedoch davon aus, dass es in diesem Zusammenhang zu keinen Zahlungen mehr kommt. Dies weil die Bank die Verträge «aus wichtigem Grund» gekündigt hat und nun anfechtet. Dazu rüstet sich Raiffeisen auch finanziell, wie die jüngste Jahresbilanz zeigt: «Insbesondere die Unwägbarkeiten in den rechtlichen Auseinandersetzungen im Kontext Investnet» führten dort zu einem Anstieg der Rückstellungen um 25 Millionen Franken.

Investnet-Portfolio ist geschätzte 300 Millionen wert

Jene Put-Optionen der Investnet Holding, die im nächsten Sommer fällig werden, gehören Ex-Raiffeisen-Chef Pierin Vincenz und den beiden Mitgründern des KMU-Vehikels, Peter Wüst und Andreas Etter. Sie sind die Minderheitsaktionäre jener Holding, die heute als KMU Capital Holding firmiert. Vincenz und Wüst halten je 15 Prozent. Etter hat 10 Prozent.

Ein Indiz, wie viel Raiffeisen den Minderheitseignern noch schulden könnte, liefert ein bankeigenes Gutachten. Im Mai 2018 gab es der Beratungskonzern EY in der St. Galler Genossenschaftszentrale ab. Die Berater ermitteln darin den Marktwert der 18 grössten KMU-Beteiligungen aus dem Investnet-Portfolio. Sie kommen zum Schluss, dass der Marktwert etwa 60 Prozent über Einstands- beziehungsweise Mindestwert liegt. Ein deutlicher Hinweis darauf, wie operativ erfolgreich Investnet in den letzten Jahren arbeitete.

Gemäss EY-Gutachten liegt der Wert per 2017 bei rund 300 Millionen Franken. Nimmt man die Beteiligungsverhältnisse der Investnet Holding zum Massstab, wären schätzungsweise gut 100 Millionen Franken an die drei Minderheitseigner im nächsten Juli fällig. Mit anderen Worten: Raiffeisen müsste alleine ihrem Ex-Chef Pierin Vincenz nochmals über 35 Millionen Franken schütten, sollte die Bank im Zivilrechtsstreit unterliegen.

Allerdings hat sich die Situation seit der Schätzung von EY stark verändert: Im Februar 2018 schien die Entflechtung zwischen Raiffeisen Schweiz und den Investnet-Minderheitsaktionären um Vincenz und Co. gütlich geglückt zu sein. Die Bank veröffentlichte kurz vor dem Jahresergebnis ein Communiqué mit dem Titel «Raiffeisen ordnet Beteiligungsverhältnisse neu». Darin heisst es, die «finanziellen Verflechtungen» würden «aufgehoben». Konkret war vorgesehen, die Kapitalgeberfunktion und das KMU-Management eigentumsrechtlich wieder sauber zu trennen: Die Bank hätte fortan in einer separaten Firma Eigenkapital für KMU-Nachfolgelösungen bereitgestellt. Investnet hätte diese Beteiligungen dann eigenständig betreut.

Investnet-Einigung kommuniziert, bevor Verträge unterschrieben waren

Nur, was Raiffeisen als Entscheid gemeldet hatte, war gar noch nicht vollzogen worden. Die Trennungspapiere waren zum Zeitpunkt des Communiqués nicht unterschrieben. Der Trennung in Minne kam die Strafuntersuchung gegen Vincenz, Etter und Wüst dazwischen.

Im Zuge diverser Ermittlungen wurde klar, dass in der ersten Investnet-Geschäftsphase bis 2015 der externe Raiffeisen-Berater und Vincenz-Vertraute Beat Stocker verdeckt 13,3 Prozent am KMU-Vehikel hielt. Dies war den Raiffeisen-Oberen – mit Ausnahme von Vincenz – nicht bekannt. In der zweiten, der Investnet-Holding-Phase ab 2015, beteiligte sich Vincenz privat mit 15 Prozent. Noch als operativer Bankchef legte Vincenz seine Beteiligungsabsichten nicht angemessen offen und trat nicht in Ausstand. Ein Governance-Versagen von Raiffeisen, das die Finanzmarktaufsicht nicht alleine Vincenz anlastete: «Der Verwaltungsrat unterliess es, den naheliegenden potenziellen Interessenkonflikten nachzugehen, und überwachte den Verkaufsprozess nur mangelhaft.»

Nichtsdestotrotz geht die neue Führung um Präsident Guy Lachappelle auf Konfrontation und macht «Willensmängel» geltend: Die Bank kappte die gültigen Verträge mit Investnet. Der Portfoliomanager musste schliessen und zwanzig Angestellte entlassen. Gleichzeitig beansprucht Raiffeisen 100 Prozent der Investnet Holding und schreibt auf dem Portfolio kräftig ab: 150 Millionen Franken an Wertberichtigungen und Rückstellungen. Schliesslich sind im Juli 2020 die Put-Optionen für Vincenz und Co. fällig.

Raiffeisen – Abschreiben im Streit

Raiffeisen Die neue Führung schreibt das KMU-Portfolio ab. Die Wertberichtigung auf den Investnet-Firmen interessiert auch die Staatsanwaltschaft.

Dialog bringt uns weiter. So lautet das Motto von Raiffeisen für ihren Geschäftsbericht 2018, der Anfang April erscheint. In der Affäre um das KMU-Beteiligungsvehikel Investnet ist der Gesprächsfaden jedoch längst gerissen.

Raiffeisen ficht die Verträge mit den Minderheitsaktionären an. Die Investnet Holding gehört zu 40 Prozent den beiden Gründern Peter Wüst und Andreas Etter sowie Raiffeisen-Ex-Chef Pierin Vincenz. In ihrer Nichtigkeitsklage argumentiert die Genossenschaftsbank mit «Willensmängeln», also von Vincenz und Co. getäuscht worden zu sein. Womit auch der Aktionärsbindungsvertrag Makulatur sei. Die Raiffeisen-Argumentation basiert auf einer laufenden Strafuntersuchung. Gegen alle drei Investnet-Minderheitsaktionäre ermittelt die Zürcher Staatsanwaltschaft nämlich seit letztem Frühjahr wegen ungetreuer Geschäftsbesorgung.

Unterlagen zur Wertanpassung

Inmitten der straf- und zivilrechtlichen Auseinandersetzung hat die neue Raiffeisen-Führungscrew um Chef Heinz Huber und Präsident Guy Lachappelle nun eine substanzielle Wertberichtigung auf eben diesem KMU-Beteiligungsvehikel vorgenommen: Das Portfolio umfasst über dreissig Firmen in der Schweiz, Deutschland und Österreich und wird statt der bisherigen 305 Millionen Franken noch mit 180 Millionen Franken in den Büchern stehen. Diese Wertanpassung interessiert nun offenbar auch die Zürcher Staatsanwaltschaft. Schliesslich stehen Vincenz und Co. im Rahmen der Strafuntersuchung in Verdacht, die Genossenschaftsbank mit verdeckten Treuhandverträgen beim Investnet-Einstieg getäuscht zu haben. Der leitende Strafermittler Marc Jean-Richard-dit-Bressel hat deshalb die Unterlagen zur Investnet-Wertanpassung edieren lassen, wie die «Handelszeitung» erfahren hat. Auf Anfrage hält sich die Staatsanwaltschaft bedeckt. Auch die Bank macht keine Angaben zu den «laufenden Verfahren».

Besonderes Augenmerk auf Werterhalt

Die neue Raiffeisen-Führungscrew nimmt beim KMU-Portfolio also eine Bewertungsanpassung von 125 Millionen Franken vor. Davon sind gemäss der Bank rund 100 Millionen Franken Wertberichtigungen und Abschreiber auf Goodwill. 25 Millionen entfallen auf Rückstellungen für Rechtskosten. Die Führung spricht nach dem Schritt von einem «realistischen finanziellen Bild». Eines, das für das neue Management wohl eine möglichst gute Ausgangslage schafft.

Denn noch im jüngsten Halbjahresbericht betonte Raiffeisen, dass man dem «Werterhalt der Portfoliogesellschaften» ein «besonderes Augenmerk» schenke. Auch steht der Abschreiber in Kontrast zu einem Bewertungsgutachten, das Raiffeisen seinerzeit selbst bei EY in Auftrag gegeben hatte. Die «Big Four»-Wirtschaftsberater kommen darin zum Schluss, dass per Ende 2017 der Substanzwert nur schon auf den 14 grössten Beteiligungen aus dem KMU-Portfolio mehr als 110 Millionen Franken betragen würden. Der Substanzwert gilt gemeinhin als Preisuntergrenze, da er die zukünftige Ertragskraft einer Firma nicht berücksichtigt.

Viel Upside für Ulf Berg

Die EY-Schätzung macht also deutlich, wie konservativ das Duo Lachappelle und Huber nun das KMU-Portfolio bewertet. Dies erlaubt zum einen dem neu angeheuerten Portfoliomanager – BLR & Partners – um EMS-Präsident Ulf Berg und Sunrise-Präsident Peter Kurer einen unbeschwerten Start mit viel finanziellem «Upside». Zum anderen dürfte das Vorsichtsprinzip der neuen Führung den Standpunkt der Bank in den laufenden Rechtsverfahren untermauern, wonach Raiffeisen sich unter der Führung von Ex-Chef Pierin Vincenz das Investnet-Portfolio teuer erkauft habe. Der neue CEO Heinz Huber erklärte denn auch an der Jahrespressekonferenz, dass der Abschreiber seinen «Ursprung» in der Ära Vincenz habe.

Gutachten beim Investnet-Einstieg

Das Manöver erscheint durchsichtig. Ob es juristisch verfängt, bleibt abzuwarten. Denn der finanzielle Einstieg der Genossenschaftsbank in das KMU-Vehikel Investnet 2012 war keine klandestine Hauruck-Aktion von Pierin Vincenz und seinem dauermandatierten Freund Beat Stocker. Vielmehr war es Patrik Gisel, der damalige Leiter Markt und spätere Bankchef, der mit den Investnet-Gründern den Einstieg zu Ende verhandelte. Gisel stützte sich in den Verhandlungen auf ein Gutachten zu Investnet, das die Bank bei der Finanzboutique IFBC eingeholt hatte. Geschrieben hatte es der Corporate-Finance-Experte Thomas Vettiger. Dieser wollte sich auf Anfrage nicht dazu äussern. Fest steht, dass der damalige Raiffeisen-Verwaltungsrat wie auch die Geschäftsleitung Kenntnis vom IFBC-Papier hatten. Die Empfehlungen wurden aber nicht «eins zu eins» übernommen, sagt ein Involvierter. Die Sache nahm ihren Lauf.

Am 1. Juli 2020 wären nun Vincenz, Etter und Wüst berechtigt, ihre Investnet-Anteile der Raiffeisen Schweiz zu «einer definierten Bewertungsmethodik» anzudienen. Ob die Bank zahlen muss, dürften wohl die Gerichte entscheiden.

Neuer Manager für Investnet

Raiffeisen Die Bank lässt neu die Firmenbeteiligungen der ehemaligen Investnet durch die Firma von Industriekapitän und Ems-Chemie-Präsident Ulf Berg managen

Es ist das nächste Kapitel in der wechselvollen Geschichte von Investnet. War sie doch Gegenstand eines Finma-Enforcements und steht weiterhin im Zentrum der Strafuntersuchungen gegen den ehemaligen Raiffeisen-Chef Pierin Vincenz und weitere Beschuldigte, darunter die beiden Investnet-Gründer. Investnet, dieses KMU-Beteiligungsvehikel, umfasst mehr als ein Dutzend Investments in mittelständische Firmen. Die Palette reicht vom Ostschweizer Digitaldrucker bis hin zum Trennwand-Fabrikanten aus dem Zürcher Oberland.Zuschlag erhalten

Schweizer Wirtschaftsgrösse

Jenen Beteiligungsanteil, welcher Raiffeisen Schweiz gehört, verwaltet allerdings nicht mehr Investnet selbst. Die Genossenschaftsbank hat ihr das Mandat entzogen. Seit Oktober ist vielmehr die Firma BLR & Partners darum besorgt. Ihr gehören Ems-Chemie-Präsident Ulf Berg und weitere Schweizer Wirtschaftsgrössen wie Sunrise-Präsident Peter Kurer oder Multi-VR Ulrich Jakob Looser an. «Wir haben uns um den Assetmanagement-Auftrag beworben und von Raiffeisen den Zuschlag erhalten», sagt BLR-Partner Ulf Berg. Er habe, um das Mandat der Genossenschaftsbank zu bewältigen, zusätzliche Mitarbeitende eingestellt. Weiter ist vorgesehen, dass Berg und Co. im Auftrag der Bank auch Einsitz nehmen in die Verwaltungsräte der einzelnen Portfoliogesellschaften. Bislang sassen in den Unternehmen Portfoliomanager von Investnet. Die Asset-Verwalterin mit Sitz in Herisau besass zu Spitzenzeiten über zwanzig Mitarbeiter, welche sich um die zahlreichen KMU-Anteile für alle Investnet-Aktionäre, auch Raiffeisen, kümmerten.

Der ganze Kuche

Ums Investment Advisory besorgt waren in der Geschäftsleitung auch die beiden Investnet-Gründer Peter Wüst und Andreas Etter. Sie hielten ab 2015 zusammen mit Raiffeisen-Ex-Chef Pierin Vincenz rund 40 Prozent an der Investnet Holding. Die restlichen 60 Prozent gehörten Raiffeisen.

Zur Investnet Holding heisst es im jüngsten Geschäftsbericht der Genossenschaftsbank: «Jeder Minderheitsaktionär ist ab dem 1. Juli 2020 berechtigt, seine Aktien an der Gesellschaft der Mehrheitsaktionärin Raiffeisen Schweiz zu einer definierten Bewertungsmethodik anzudienen (Put-Option)». Mit anderen Worten: Wüst, Etter und Vincenz könnten gemäss dieser Vereinbarung ihre Investnet-Anteile im nächsten Jahr zu einem vordefinierten Schlüssel an Raiffeisen veräussern. Die Rede ist von Millionenbeträgen, welche die Genossenschaftsbank nochmals zugunsten der Minderheitsaktionäre um Vincenz und Co. schütten müsste. Doch davon will Raiffeisen, nach heutigem Kenntnisstand, nichts mehr wissen und beansprucht vielmehr den ganzen Investnet-Kuchen für sich: Schliesslich sieht sich die Genossenschaftsbank getäuscht, weil ihr Ex-Chef Pierin Vincenz über einen Mittelsmann möglicherweise bereits verdeckt ins KMU-Vehikel investiert war, als er «offiziell» 2015 Aktionär der Investnet Holding wurde. Notabene dank einem Kredit von Raiffeisen.

Raiffeisen bestreitet Verträge

Die Aktienkaufverträge samt Put-Optionen sind für die Raiffeisen-Juristen inzwischen jedenfalls Makulatur. «Aufgrund dessen beansprucht Raiffeisen Schweiz heute 100 Prozent der früheren Investnet Holding AG», erklärte ein Banksprecher in der «Sonntagszeitung». Und der neue Raiffeisen-Präsident Guy Lachappelle doppelte in der «NZZ am Sonntag» nach: «Wir sind der Meinung, dass beim Kauf durch einen Aktientausch ein Willensmangel bestand. Denn im Wissen um alle heute bekannten Tatsachen hätte Raiffeisen die Gesellschaft Investnet damals nicht übernommen.» Für die Genossenschaftsbank steht finanziell viel auf dem Spiel. Schliesslich butterte Raiffeisen unter der Ägide von Ex-Chef Pierin Vincenz einen dreistelligen Millionenbetrag ins mittelständische Private-Equity-Geschäft.

Nun will die Raiffeisen-Zentrale in St. Gallen die Investnet-Deals ungeschehen machen, die beim Einstieg 2012 noch als Teil der «Langfriststrategie» den Genossenschaftern verkauft wurden. Es droht ein veritabler Showdown der Wirtschaftsrechtler. Entsprechende Zivilverfahren zwischen den Minderheitseignern von Investnet und Raiffeisen Bank laufen bereits. Die Interessen der Gründer des Ostschweizer KMU-Vehikels vertritt der renommierte St. Galler Jurist Peter Nobel, wie der Finanzblog «Inside Paradeplatz» zuerst berichtet. So dezidiert die neue Raiffeisen-Führung in der Causa Investnet auch auftritt. Ob die Genossenschaftsbank mit ihrem zivilrechtlichen Nichtigkeits-Ansinnen durchdringt, hängt vom Ausgang des Strafverfahrens wegen ungetreuer Geschäftsbesorgung gegen die Investnet-Miteigner Vincenz, Wüst und Etter ab. Lässt sich der Verdacht vor Gericht nicht erhärten, droht der Raiffeisen Bank bei Investnet ein teures Nachspiel.

Genfer Geschäft

Aduno Der Finanzkonzern kooperierte unter Pierin Vincenz und Martin Huldi mit der welschen Firma GCL. Gegen deren Präsidenten läuft nun ein Strafverfahren.

Der bekannte Zürcher Staatsanwalt Marc Jean-Richard-dit-Bressel öffnet im Frühsommer seine Amtsstube nur einen Spaltbreit: Man sei im Strafverfahren wegen ungetreuer Geschäftsbesorgung gegen die Ex-Aduno-Verwaltungsräte Pierin Vincenz und Beat Stocker auf «mögliche weitere, strafrechtlich relevante Transaktionen» gestossen, liess er in einem Communiqué verbreiten.

Bislang waren öffentlich nur drei Fälle von Firmenzukäufen bekannt, bei denen das Duo Stocker und Vincenz – mutmasslich – vorab auf eigene Rechnung investiert waren. Es sind dies Eurokaution und Commtrain beim Finanzdienstleister Aduno und das KMU-Vehikel Investnet bei der Raiffeisen Schweiz. Nun zeigen Recherchen der «Handelszeitung», dass es neben den bisher bekannten Fällen noch einen weiteren Verfahrenskomplex gibt. Es handelt sich um eine Firma aus der Romandie namens Genève Credit & Leasing (GCL).

Strafuntersuchung eröffnet

Der Präsident der GCL, die ab 2012 mit Aduno kooperierte, steht im Visier der Strafermittler. «Die Staatsanwaltschaft III des Kantons Zürich hat im Zusammenhang mit der GCL eine Strafuntersuchung gegen Stéphane Barbier-Mueller eröffnet», sagt eine Sprecherin. Es geht um den Verdacht auf Gehilfenschaft zur ungetreuen Geschäftsbesorgung. GCL-Präsident Barbier-Mueller reagierte nicht auf eine Kontaktanfrage.

Die Ausweitung des Vincenz-Falls über den Röstigraben ist brisant. Die Familie Barbier-Mueller gehört in Genf nämlich zur Hautvolee mit einem geschätzten Vermögen von 850 Millionen Franken. Sie besitzt die stadtbekannte Immobiliengruppe Pilet & Renaud und betreibt an der Rue Jean-Calvin ein eigenes Kunstmuseum, das die Familiensammlung mit mehr als 7000 Objekten überseeischer Stammeskunst zeigt.

Aduno Partnerschaft

Stéphane Barbier-Mueller selbst kümmere sich, schreibt die «Bilanz», zusammen mit seinem Bruder um die «Verschönerung seiner Heimatstadt». Und der Pilet-Patron präsidiert seit ihrer Gründung im Jahr 2002 auch die Firma GCL. Diese vergibt Privatkredite und schliesst Leasingverträge ab.

Offiziell gibt es erstmals eine Verbindung zwischen GCL und Aduno, als der Zürcher Finanzdienstleister im Frühjahr 2012 eine «exklusive Partnerschaft» mit der Genfer Kreditfirma bekannt gibt. Die Zusammenarbeit erfolgt über die Aduno-Tochter Cashgate, die ebenfalls im Leasing- und Konsumkreditgeschäft tätig ist.

«Durch die Kooperation mit GCL haben wir unsere Organisation in der Westschweiz gestärkt, sowohl im Leasingbereich als auch bei Privatkrediten», erklärt der damalige Aduno-Chef Martin Huldi in einer Geschäftspublikation. In der Westschweiz sehe man grosses Wachstumspotenzial, denn «die Romands sind Privatkrediten gegenüber aufgeschlossener als die Deutschschweizer». Huldi ist zu dieser Zeit nicht nur Aduno-Chef, er hat auch die Beteiligungen unter sich. Auch Huldi reagierte nicht auf eine Kontaktanfrage. Die Aduno selbst verweist auf eine Verfügung der Staatsanwaltschaft, die alle involvierten Parteien zur Geheimhaltung verpflichtet.

Verkauf der GCL-Aktien

Nur wenige Monate vor der Aduno-Kooperation kommt es bei der GCL Ende 2011 zu einer Kapitalerhöhung, im Zuge derer eine Aktionärin ausscheidet. Es ist dies die belgische Bank Fortis, die einen Anteil an GCL hielt. Gemäss Unterlagen sind die Vertragsparteien beim Aktienverkauf Stéphane Barbier-Mueller persönlich und eine Firma namens Nerilix mit Sitz im Wallis, in der Barbier-Mueller ebenfalls als Verwaltungsrat amtet. Wer die GCL-Aktien den Belgiern damals abkauft oder die Kapitalerhöhung mitträgt, geht aus den Unterlagen nicht hervor.

Am 7. Februar 2012 jedoch – kurz nach der Aduno-Kooperation – trifft sich die GCL zur Generalversammlung in den Räumlichkeiten von Barbier-Muellers Immobiliengesellschaft Pilet-Renaud. Der GCL-Präsident Barbier-Mueller erläutert gemäss Protokoll die Demission seines Geschäftsführers. Dieser habe 2007 die Geschäftsleitung übernommen und die GCL in einer «sehr schwierigen Lage» vorgefunden. Der Geschäftsführer habe hart gearbeitet, um die Firma ab 2010 in «die schwarzen Zahlen» zu führen. Und er habe ab Herbst 2010 «beträchtlichen Einsatz» darin geleistet, dass eine «Einigung mit der Bank Raiffeisen und Cashgate» habe erzielt werden können.

Raiffeisen-Manager befragt

Die Aussage von Barbier-Mueller lässt aufhorchen. Schliesslich ist es der bisher einzige Hinweis, dass bei den Geschäften der Genfer mit der Aduno-Tochter Cashgate längst auch die Genossenschaftsbank Raiffeisen unter damaliger Führung von Pierin Vincenz mit am Tisch sass.

Entsprechend befragt Staatsanwalt Jean-Richard-dit-Bressel nun nicht nur Manager der Aduno-Gruppe und ihrer Cashgate-Tochter zum GCL-Komplex, sondern auch aktives und ehemaliges Führungspersonal der Raiffeisen Schweiz. Darunter ein Geschäftsleitungsmitglied der Genossenschaftsbank. Raiffeisen Schweiz selbst nimmt zu «laufenden Strafverfahren oder Mutmassungen über Strafuntersuchungen wie auch zu allfälligen Geschäftsbeziehungen» keine Stellung.

Outgesourcte Aktivitäten

Gemäss einer dem Sachverhalt nahestehenden Person soll Aduno zunächst nur am Kreditportfolio der GCL interessiert gewesen sein. «Aus der Partnerschaft wurde dann aber doch noch ein Kauf, wobei Raiffeisen den Kredit-Deal mitfinanziert hat», so der Mann. Vorab sei das Duo Stocker/ Vincenz schon verdeckt beteiligt gewesen. Eine steile These, die nirgends dokumentiert ist. Aber eine, die ans Muster der übrigen bekannten Fälle wie Investnet oder Eurokaution erinnert. Zudem schrieb der Finanzblog «Inside Paradeplatz» im Frühling, dass die Strafermittler auf eine Zahlung der Immobilienfirma Pilet-Renaud gestossen seien: Beat Stocker habe von den Genfern eine «tiefe sechsstellige Summe» erhalten.

Fest steht, dass sich für den GCL-Geschäftsführer der «beträchtliche Einsatz» zugunsten eines Raiffeisen-Aduno-Deals ausbezahlt hat. Der Mann leitet ab Februar 2012 – also just ab dem Zeitpunkt der Kooperation – die Geschäfte von Cashgate in der Romandie und ist in dieser Funktion unter anderem für die «outgesourcten Aktivitäten der Genève Credit & Leasing» verantwortlich. Keine zwei Jahre später sitzt der einstmalige GCL-Direktor sogar in der Cashgate-Geschäftsleitung. Eine steile Karriere in jener Aduno-Tochter, die einst auch Vincenz-Geschäftspartner Beat Stocker präsidierte.

Angriff auf St. Gallen

Raiffeisen Die Regionalfürsten der Raiffeisen wollen die Zentrale zurückbremsen. Nur wer dies unterstützt, hat Chancen als neuer Präsident der Gruppe.

Die Suche nach neuen Chefs für die Raiffeisengruppe läuft auf Hochtouren. Die Gruppengesellschaft Raiffeisen Schweiz braucht nicht nur einen Ersatz für Chef Patrik Gisel, sondern auch einen Nachfolger für den interimistischen Präsidenten Pascal Gantenbein. Zusätzlich gesucht sind fünf neue Verwaltungsräte, um das statutarische Minimum von neun Personen zu erfüllen. Nicht weniger als 400 Bewerbungen gingen bislang in St. Gallen ein. Headhunter Guido Schilling steuert den Prozess.

Viele Namen wurden schon kolportiert. Als wahrscheinliche Kandidaten aufs Präsidentenamt gelten unter anderem der frühere Helvetia-Chef, Stefan Loacker, und Urs Rüegsegger, bis 2017 Chef der SIX Group (siehe Spalte rechts). Beide haben derzeit keine Exekutivmandate. Bis Ende September will der Verwaltungsrat von Raiffeisen einen Präsidentschaftskandidaten präsentieren, der an der ausserordentlichen Delegiertenversammlung im November im aargauischen Brugg gewählt werden soll.

Das seit Monaten bestehende Führungsvakuum hat neue starke Männer zutage gefördert. Schattenchefs in den Regionen. Schon in den Diskussionen um mögliche Straftaten des früheren Raiffeisen-Chefs Pierin Vincenz haben sich die Präsidenten grösserer Raiffeisenverbände aktiv eingebracht. Nun blasen deren Präsidenten zum Angriff auf die St. Galler Zentrale, die Genossenschaft Raiffeisen Schweiz. Aus dem faktischen Kopf der Gruppe, der Raiffeisen Schweiz unter den Alpha-Managern Vincenz und Gisel war, soll wieder ein bescheidener Dienstleister für die Banken werden, finden sie. Doch bis dahin ist es noch ein weiter Weg. Von «Verkaufsorganisationen» ist in St. Gallen zuweilen die Rede, wenn die 250 rechtlich eigenständigen Banken gemeint sind. Und am Roten Platz in der Gallusstadt versteht man sich weiter als «Cockpit der Gruppe».

St. Gallen soll sich wie eine Tochter verhalten

Er nehme eine «missverständliche Sichtweise» dessen wahr, wie Raiffeisen organisiert ist, sagt Fredi Zwahlen, Präsident des Raiffeisenverbands Nordwestschweiz. «Raiffeisen Schweiz ist nicht etwa die Spitze der Gruppe, sondern eine Tochter der 246 Banken», betont er. Und als solche solle sie sich auch wieder verhalten. Gemäss Statuten habe Raiffeisen Schweiz in erster Linie folgende Aufgaben: Zentralbank, Gruppenstrategie und zentrale Dienstleistungen wie IT und das Gruppenmarketing. Mehr aber nicht.

Dem pflichtet Thomas Lehner vom Aargauer Raiffeisenverband bei. «Raiffeisen Schweiz soll wieder mehr Dienstleistungsunternehmen werden und weniger selber aktiv sein.» Es brauche einen deutlichen Schritt zurück. Die zwei Verbände stellen zwar nur 14 Prozent der Raiffeisen-Delegierten. Lehner betont aber, in diesem Punkt herrsche Konsens unter den 21 Regionalchefs.

Die Banker in den Regionen stören sich daran, dass Raiffeisen Schweiz selber operativ tätig wurde. So investierte die Tochter unter Vincenz in Banken und andere banknahe Unternehmen. Ein Teil dieser Beteiligungen – etwa die Privatbank Notenstein La Roche – wurde inzwischen wieder verkauft. Anderseits wurden die Raiffeisenbanken aber auch operativ stärker eingebunden. Über Beratungsdienstleistungen und Kontrollen, welche St. Gallen ungefragt anbietet. Und verrechnet.

Schlüssel aus den Neunzigern

Der Leistungskatalog gehöre überarbeitet, fordert deshalb ein Regionalverbandspräsident, der anonym bleiben will. Für Wirbel sorgt auch die Verrechnung dieser Leistungen über Finanzierungs- und Kostenbeiträge. Dieser Finco-Schlüssel stammt aus den frühen neunziger Jahren, gilt als kompliziert, intransparent und schürt das Misstrauen gegenüber der St. Galler Zentrale.

Auch die «Marktmanager» gelten als Stein des Anstosses. Das Marktmanagement ist in St. Gallen angesiedelt, begleitet jedoch die Banken in den Regionen. «Unsere Bank ist ein eigenständiges Institut», sagt Zwahlen, der auch die Raiffeisenbank Liestal-Oberbaselbiet präsidiert. «Da brauche ich doch keine Spezialisten aus St. Gallen, die uns strategisch begleiten.» Seine Bank liefere ihre Zahlen für das Gruppen-Controlling nach St. Gallen. Das müsse reichen.

Vor allem grosse Banken sehen nicht ein, weshalb sie so viele Dienstleistungen von St. Gallen beziehen sollen. Dienstleistungen, die sie auch selber erbringen können.

Dass Raiffeisen Schweiz zudem mit eigenen Bankfilialen tätig ist, kommt gar nicht gut an. Einst wurden die Banken in den grossen Städten – etwa in Zürich und Basel – als Ableger von Raiffeisen Schweiz gegründet, weil es dort keine genossenschaftlichen Strukturen gab. Die Idee war, Genossenschaften zu gründen, sobald genug Kunden gewonnen sind. Doch das ist nicht passiert. Zwanzig Jahre nach der Eröffnung der ersten Stadtfilialen werden diese noch immer als Niederlassungen von Raiffeisen Schweiz geführt. Damit tritt diese in Konkurrenz zu ihren Eigentümern. Korrekturen sind offenbar eingeleitet. Zumindest ein Teil der Stadtfilialen soll, Recherchen zufolge, an regionale Genossenschaften übertragen werden.

Statt Grosskunden wieder Gewerbler anpeilen

Kritisiert wird auch, dass St. Gallen die falschen Kunden anpeile, etwa im Firmenkundengeschäft. «Raiffeisen Schweiz hat die Tendenz, Dienstleistungen für mittlere und grosse Kunden aufzubauen», sagt Lehner. «Aber weniger für die kleinen Unternehmen, die wir als Kunden haben.» Auch beim Raiffeisen-Unternehmerzentrum ortet er Geburtsfehler. «Das Modell, Unternehmer beraten Unternehmer, funktioniert in der Praxis nicht.» Zwahlen teilt die Kritik. «Leistungen für die KMU können die Banken selbst erbringen», betont er. «Sie sind am nächsten am Kunden.»

Mittlerweile haben diese und andere Forderungen in einem gruppenweiten Erneuerungsprozess Widerhall gefunden, der unter dem Namen «Fokus 21» läuft. Raiffeisen soll damit strukturell sozusagen im 21. Jahrhundert ankommen. Ein zentrales Traktandum: die optimale Organisation. So verlangt die Finanzmarktaufsicht Finma in ihrem Enforcementbericht, dass Raiffeisen die Rechtsform prüft. Die Aufseher in Bern favorisieren dabei die Umwandlung in eine AG, weil Aktiengesellschaften im Schnitt die bessere Governance gewährleisten. Und weil ihre Kapitalisierung im Notfall einfacher zu bewerkstelligen ist. Die Finma betrachtet Raiffeisen Schweiz denn auch als Kopf der Gruppe. St. Gallen ist der «single entry», um die Genossenschaften hinsichtlich Risikomanagement und IT-Infrastruktur steuern zu können. Die faktische Holding-Struktur, wie sie von Vincenz und Gisel gelebt wurde, hat also ihre Spuren hinterlassen. Die systemischen Interessen der Berner Bankregulatoren stehen indes jenen der Regionalchefs diametral entgegen. Oder wie Lehner es augenzwinkernd formuliert: «Die Finma weigert sich standhaft, unser Geschäftsmodell zu verstehen.»

Die Finma fordert eine starke Zentrale

Vielleicht kann die Finma auch gar nicht anders. Nur mit einer starken St. Galler Zentrale ist es möglich, die 246 Raiffeisenbanken als Gruppe zu sehen und als solche zu beaufsichtigen – und die Überwachung des Eigenkapitals einzelner Banken an Raiffeisen Schweiz zu delegieren, wie es heute praktiziert wird. Ansonsten wäre die Finma gezwungen, Aufseher in jedes einzelne Institut zu schicken. Ein Horror für die Berner Beamten.

Und so fordert die Finma nicht weniger, sondern mehr Macht für Raiffeisen Schweiz. Nicht nur hat sie dem Verwaltungsrat den Auftrag gegeben, die Umwandlung der genossenschaftlichen Zentrale in eine Aktiengesellschaft zu prüfen. Recherchen zufolge wünscht sie sich auch den Ausbau des Präsidiums vom Teilzeit- in ein Vollzeitmandat. An der Spitze von Raiffeisen Schweiz soll ein erfahrener Finanzmanager stehen.

Einem Abbau bei Raiffeisen Schweiz bei gleichzeitigem Ausbau der Autonomie der Regionen setzen diese Forderungen Grenzen. Das wissen auch die Reformer. «Der Abbau hat dort seine Grenzen, wo man mit der Finma in einen Konflikt gerät», sagt Zwahlen. Der Verwaltungsrat unter Interimspräsident Gantenbein hat nun die unangenehme Aufgabe, einen Kandidaten zu finden, der mit der Aufgabenstellung der Regionalchefs leben kann und dennoch von der Finma akzeptiert wird.

Die Suche geschieht unter genauer Beobachtung. Ein sechsköpfiges Gremium der wichtigsten Regionenvertreter «begleitet» den Verwaltungsrat bei der Suche, sagt Lehner. Denn eines ist klar: Chefs mit Wachstumsambitionen hatte man in St. Gallen schon genug. Und so sucht der Verwaltungsrat denn auch weniger nach einem neuen «charismatischen Leader», wie aus St. Gallen zu vernehmen ist, sondern nach «stillen Schaffern mit seriösem Leistungsausweis».

Pierin Vincenz’ Getreue sitzen Krise aus

Raiffeisen Der viel beschworene Neuanfang bei der Raiffeisen Schweiz ist eine Mogelpackung. Wohlgemerkt: Auf Stufe des Verwaltungsrates wurde mit dem eisernen Besen gekehrt. All jene Kopfnicker, welche den Alpha-Banker Pierin Vincenz über Jahre schalten und walten liessen, sind weg. Das ist löblich. Derweil reist Vize Pascal Gantenbein durch die Raiffeisen-Provinz und preist sich als zukünftigen Präsidenten an.

Allerdings wirkt der Uniprofessor dabei wie der jüngere Bruder des unglücklich agierenden Johannes Rüegg-Stürm. Auch Gantenbein ist ein akademischer Zögling der Uni St. Gallen. Auch er hat viel Finanztheorie, aber wenig Bankpraxis im Rucksack. Und auch er kommuniziert eher erratisch denn souverän. Immerhin ist Gantenbein erst so kurz bei der Raiffeisen, dass ihm niemand die Verfehlungen der Vergangenheit ankreiden könnte.

Ganz im Gegensatz zu Raiffeisen-Chef Patrik Gisel, der über 15 Jahre als rechte Hand von Pierin Vincenz (mit-)wirkte. Doch Gisel ist beileibe nicht der Einzige. Praktisch die gesamte Raiffeisen-Geschäftsleitung ist von Vincenz’ Gnaden. Drei von sieben GL-Mitglieder sind länger als zehn Jahre im obersten operativen Gremium bei der Genossenschaftsbank. Der Risiko- und Compliance-Chef amtete schon seit 2005 als Chief Risk Officer. Und der heutige Finanzchef leitete bis zum Abgang von Pierin Vincenz das Controlling und die Unternehmensentwicklung. Pierin Vincenz’ willige Gefährten sitzen also weiter an den Schalthebeln der Raiffeisen-Macht. Und sie hoffen wohl, die Krise einfach aussitzen zu können.

Die Kanzlei für alle Fälle

Raiffeisen Ob Strafverfahren, Gutachten oder Forderung – das Mandat der Kanzlei Prager Dreifuss hat Konfliktpotenzial.

Im mondänen Zürcher Seefeld, gleich hinter dem Opernhaus, hat die Wirtschaftskanzlei Prager Dreifuss ihre Büros. Sie ist die Hauskanzlei der Raiffeisen Schweiz. Das langjährige Mandat sorgt für Konfliktpotenzial: Einst Rechtsbeistand in der Ära Pierin Vincenz, klagt die Kanzlei nun im Namen der Bank gegen den ehemaligen Raiffeisen-Chef.

Anlaufstelle für Gläubigerforderung

Doch der Reihe nach. Als die Bank 2007 ihr Auto-Leasing-Geschäft von der Raiffeisen-Leasing in eine Gesellschaft namens Raiffeisen Finanzierungs AG überführt, begleitet Prager Dreifuss die Abspaltung. Der heutige Prager-Partner Urs Feller fungiert als Anlaufstelle für Gläubigerforderungen. In der Raiffeisen Finanzierungs AG sass damals Patrik Gisel als Verwaltungsrat und später Beat Stocker, der Geschäftspartner von Pierin Vincenz. Prager-Partner Feller und der heutige Raiffeisen-Chef kennen sich also. Die Genossenschaftsbank bestätigt das Leasing-Mandat, betont aber: «Von 2009 bis 2016 hat Prager Dreifuss keine anderen Mandate bei Raiffeisen wahrgenommen.»

Später wird aus der Raiffeisen Finanzierungs AG die Aduno-Tochter Cashgate. Die übertragende Gesellschaft namens Raiffeisen-Leasing heisst ab 2010 KMU Capital und wird so zum Finanzierungsvehikel von Raiffeisen bei der KMU-Beteiligungsgesellschaft Investnet. Diese Raiffeisen-Tochter steht im Fokus der Strafermittlungen gegen Pierin Vincenz, Beat Stocker und weitere Personen.

Corporate-Governance-Gutachten

Ende Februar tritt Raiffeisen als Privatklägerin dem Strafverfahren gegen ihren Ex-Chef bei. «Raiffeisen arbeitet dabei mit der Kanzlei Prager Dreifuss zusammen», bestätigt die Bank Recherchen der «Handelszeitung». Die Mandatierung sei durch den Verwaltungsrat erfolgt, so eine Sprecherin. «Ausschlaggebend war das detaillierte Know-how, das Prager Dreifuss aufgrund der internen Untersuchung in den Themenkomplex einbringen kann.» In ihren Eingaben an die Staatsanwaltschaft referiert die Kanzlei offenbar auf das von ihr selber für Raiffeisen erstellte interne Corporate-Governance-Gutachten. Dieses Gutachten beleuchtet das Raiffeisen-Beteiligungsvehikel Investnet. In Auftrag gegeben hat es die Raiffeisen-Geschäftsleitung um Patrik Gisel im Dezember 2016. Wohlgemerkt: Gisel selbst präsidierte Investnet von 2012 bis 2016.

Gemäss «Bilanz» soll das Prager-Dreifuss-Gutachten zu den Investnet-Geschäften vor allem den damaligen Finanzchef Marcel Zoller und den Raiffeisen-Präsidenten Johannes Rüegg-Stürm belasten, «jedoch nicht Auftraggeber Gisel». Angesprochen auf Konflikte im Rahmen der verschiedenen Mandate der Wirtschaftskanzlei Prager Dreifuss, erklärt Raiffeisen-Sprecherin Cécile Bachmann: «Es gibt und gab hier keinen Interessenkonflikt in irgendeiner Weise.»