Chef von Bexio: «Excel ist unser grösster Konkurrent»

Bexio Jeremias Meier hat eine Software, die Kleinfirmen die Administration erleichtert. Seine Firma wächst zwar rasant, doch viel Potenzial liegt noch brach.

Statusgehabe geht Jeremias Meier ab. In Jeans und Turnschuhen empfängt der Bexio-Chef und Mitgründer zum Gespräch. Dabei hätten Unternehmer Meier und seine Kollegen allen Grund, die finanzielle Bodenhaftung zu verlieren. Im Sommer vor einem Jahr konnten sie den KMU-Softwareentwickler aus Rapperswil-Jona an die Mobiliar verkaufen. Der Versicherungskonzern soll gemäss Schätzungen des Branchenblogs «Inside IT» rund 115 Millionen Franken fürs Administrativ-Tool in der Cloud (siehe Box) hingeblättert haben – für eine Softwarefirma, die gemäss Bilanz noch per Mitte 2018 einen Verlustvortrag von gut 15 Millionen Franken ausgewiesen hatte.

Bürokratiegeplagte Gewerbler

Der kolportierte Übernahmepreis, den Meier nicht kommentieren mag, scheint überrissen. Doch nur auf den ersten Blick. Denn Bexio schickt sich mit der Mobiliar-Vertriebspower im Rücken an, zum eidgenössischen One-Stop-Shop für bürokratiegeplagte Kleinunternehmer zu werden. Es wartet ein grosser Markt: In der Schweiz haben rund eine halbe Millionen Firmen weniger als zehn Mitarbeitende, 300 000 davon sind gar Ein-Frau- beziehungsweise Ein-Mann-Betriebe. Diese heterogene Klientel will Meier mit seiner Bexio-Lösung beglücken, wobei das Kundenwachstum bislang für sich spricht: «Als wir die Verkaufsgespräche mit der Mobiliar starteten, hatten wir 10 000 Kunden. Jetzt haben wir mehr als 25 000 – und in drei bis vier Jahren sollen es rund 100 000 werden.»

Damit das gelingt, ist viel Aufbau- und Aufklärungsarbeit nötig. «Es fehlt den Kleinstunternehmern häufig das Wissen darüber, wie viel effizienter eine durchdigitalisierte Administration wäre. Hier haben wir Anbieter auch noch Hausaufgaben zu machen», sagt Meier und macht ein Beispiel: Bexio arbeitet derzeit mit dem Versicherer Swiss Life an einem Lohnbuchhaltungs-Tool, mit dem die Mitarbeiter automatisch versichert sind. «Solche Personenversicherungen sind für Kleinunternehmer am aufwendigsten und kompliziertesten in der Administration.» Denn jede Änderung im Mitarbeiterstamm, sei es beim Zivilstand oder im Beschäftigungsverhältnis, muss gemeldet werden. Geht eine Mutation vergessen, sind unter Umständen Nachzahlungen fällig.

Chef von Bexio sieht fragmentierte KMU-Landschaft

Mit der geplanten Integration eines Assekuranz-Bündels – bestehend aus Beruflicher Vorsorge, Kollektiv-Krankentaggeldversicherung und obligatorischer Unfallversicherung – wird das mühsame Meldewesen hinfällig.

Diese Automation ist nur ein Beispiel dafür, wie sich Kleinunternehmer dank digitalen Tools bürokratischen Aufwand und Ärger sparen können, wodurch mehr Zeit fürs Kerngeschäft bleibt. Allerdings ist die digitale Durchdringung der Administrativprozesse bei kleinen Unternehmen verhältnismässig bescheiden. Gemäss der OECD-Studie «SME and Entrepreneurship Outlook 2019» investieren die Schweizer Firmen zwar viel in die IT, aber bei der Nutzung von cloudbasierten Software-Diensten hinken sie ihren angelsächsischen oder skandinavischen Konkurrenten klar hinterher.

Schweiz ist nur Mittelfeld

Der Bundesrat kommt denn auch in einer jüngst publizierten Stellungnahme zu einer parlamentarischen Interpellation zum ernüchternden Fazit: «Bei den verfügbaren Daten nimmt die Schweiz meist einen Platz im Mittelfeld ein.» Dabei geht es um Indikatoren wie die Benutzung des Cloud Computing oder Mobile Computing oder die Breitband-Durchdringung. Allerdings ist der Pauschalbefund der Mittelmässigkeit mit Vorsicht zu geniessen, wie auch der Bundesrat in seiner Antwort betont: «Die Schweizer KMU-Landschaft ist sehr heterogen, weshalb Aussagen über alle KMU hinweg nur mit Vorsicht gemacht werden können.»

Diese Einschätzung teilt auch Bexio-Chef Jeremias Meier: «Im Long Tail sind die Unternehmen super fragmentiert.» Da gebe es sehr IT-affine Kleinfirmen, beispielsweise im Consulting, Marketing, in den Medien oder im Startup-Bereich. Auf der anderen Seite des Spektrums gebe es Kleingewerbler und Dienstleister – vom Schreiner über den Gartenbauer bis zum Putzinstitut, die im Kerngeschäft mit Informatik nichts am Hut haben. «Excel ist da unser grösster Konkurrent. Also so, wie man es halt bislang immer gemacht hat», sagt Meier.

Bexio arbeitet mit Gewerbeverband zusammen

Um auf Neudeutsch die «Awareness» für eine Cloud-Administration zu schaffen, will Bexio deshalb künftig mit dem physischen Agenturvertrieb seiner Konzernmutter Mobiliar zusammenspannen: Man sei daran, mögliche Standorte im Agenturnetz zu evaluieren, so Meier. Denn um an technikferne Kleinunternehmen zu kommen, reichen Webinars und andere Online-Kundenbindungstools nicht. Gefragt ist die persönliche Einführung vor Ort.

Deshalb arbeitet Bexio mit dem Schweizerischen Gewerbeverband in Workshops zusammen, um an der Basis herauszubekommen, weshalb die digitale Adaptionsrate unter Kleinunternehmern immer noch relativ tief ist.

Schweiz ohne Open Banking

Nebst Aufklärungsarbeit bei den Kunden hat die KMU-Softwareplattform in der Schweiz auch mit Schnittstellenproblemen zu kämpfen. So ist einer der Bexio-Trümpfe eigentlich die direkte Anbindung der jeweiligen Bankbeziehung eines KMU ans Administrationstool. Der Unternehmer kann also direkt aus der Cloud-Lösung heraus Rechnungen bezahlen oder offene Forderungen automatisch mit Zahlungseingängen abgleichen.

Ein solch holistischer Blick auf die finanziellen Verhältnisse ist allerdings nur möglich, wenn die kontoführende Bank ihre Schnittstellen für Bexio öffnet. Während in der EU mit der Payment Service Directive 2 alle Banken ihre Kontozugänge für Drittanbieter öffnen müssen, herrscht hierzulande Willkür. Gerade am Anfang sei es schwierig gewesen, Banken zur Zusammenarbeit zu bewegen, erinnert sich Meier. «Mit der UBS, die als erste mitgemacht hat, ist es dann leichter geworden.» Inzwischen hat Bexio grosse Finanzhäuser wie die Credit Suisse, ZKB, Postfinance oder Raiffeisen angebunden. Doch der Bexio-Chef ist unzufrieden mit dem «Swiss Finish» der Finanzbranche: «Die fehlende Standardisierung der Schnittstellen bringt Schweizer KMU einen Wettbewerbsnachteil. Proprietäre Quasi-Standards und lokale Initiativen sind meines Erachtens fehlgeleiteter Protektionismus. Gefragt ist eine Corporate API nach europäischem Vorbild.» Bis es so weit ist, bindet Bexio jährlich jeweils eine Handvoll Banken ans eigene System an.

Open Banking – Schweizer Kunden werden diskriminiert

PSD2 UBS, CS & Co öffnen in der EU den Zugriff auf Kontodaten. Doch Schweizer Privatkunden können davon nicht profitieren.

Das Foto zeigt eine Fluggastbrücke. Auf der Seite prangt das Logo der UBS. Die Bildsprache suggeriert: Bei uns lässt sich prima andocken. Die Aufnahme stammt von einem Entwicklerportal der Schweizer Grossbank. Es stellt alle nötigen Informationen dazu bereit, wie Drittanbieter in der EU auf Kontoinformationen europäischer UBS- Kunden zugreifen können.

Vorausgesetzt natürlich, die Bankkunden erlauben dies. Denkbar sind damit Services wie Finanzcockpits, mit denen Kunden auf einen Blick alle Konti bei verschiedenen Instituten in Echtzeit überwachen können. Auch automatisierte Zahlungs­vorgänge im Kundenauftrag sind dann möglich.

Alle Banken sind verpflichtet

Solche Open-Banking-Dienste können Drittanbieter wie Fintechs nur bieten, wenn sie offene, standardisierte Schnittstellen zu kontoführenden Banken haben. Im Rahmen der zweiten Zahlungsdienstrichtlinie (PSD2) sind ab September alle in der EU tätigen Banken verpflichtet, solche Schnittstellen diskriminierungsfrei anzubieten. Mit dabei sind zahlreiche Schweizer Banken mit Geschäft in der Europäischen Union wie UBS, Credit Suisse oder Julius Bär. Aufgrund der zwingenden EU-Regulierung sind die Schweizer Institute in Europa fit fürs Open Banking. Auf dem Heimmarkt ist von der neuen Offenheit, zumindest für Privatkunden, jedoch wenig zu spüren: «Ein regulatorischer Zwang wäre ein un­nötiger Eingriff in den funktionierenden Markt und würde zu einer Wett­be­werbs­verzerrung zu Ungunsten der Banken führen», lautet die Haltung der Bankiervereinigung.

Bei der Credit Suisse betont man, dass im Firmenkunden-Bereich die Schnitt­stellen geöffnet seien, die Bank Partnerschaften mit Fintechs laufend ausbaue und dass man ein «Corporate Ecosystem» anstrebe. «Im Bereich Privatkunden sammeln wir derzeit erste Erfahrungen im europäischen Raum und evaluieren Anwendungsmöglichkeiten für unsere Kunden in der Schweiz», so die CS.

Zugriff nur auf Geschäftskonti

Auch Konkurrentin UBS fokussiert in der Schweiz bisher ausschliesslich auf Geschäftskunden: Man biete bereits heute sichere Schnittstellen, dort wo Kundenbedürfnisse bestünden. «Einen klaren Kundennutzen stiften dabei auch mo­derne Softwarelösungen für KMU- und Unternehmenskunden», so die UBS. Des Weiteren gebe man externen Vermögensverwaltern schon heute Zugriff auf die Konti der jeweiligen Privatbank-Kunden. Da prüfe man einen weiteren Ausbau des Angebots.

Das Daten-Reduit der Banken hierzulande hat Konsequenzen: Fintechs wie Qontis und Contovista mussten ihr Ge­schäfts­modell umbauen. Denn die Voraussetzungen für Finanzcockpits für Privatkunden, sogenannte Personal ­Finance Manager, sind nicht gegeben. So fehlen Standards wie in der EU, was die Anbindung einzelner Finanzinstitute zur kostspieligen Sisyphusarbeit macht.

Zumal einzelne Institute beim Anbindungsversuch mit Klagen drohten. «Die grosse Angst war, dass mit einem Finanz­cockpit dereinst auch ein Performance-Check in der Vermögensverwaltung möglich würde», erinnert sich ein Involvierter. Solche Transparenz scheuen gewisse Geldverwalter bis heute: Die «Handelszeitung» kennt ein Schweizer Fintech, das bei der UBS für offene Schnittstellen anklopfte, welche die Grossbank nun europäischen Drittanbietern gewähren muss. Die UBS blieb dem Startup eine Antwort schuldig.

Zeit zum Experimentieren im Open Banking

Noch herrsche gerade bei den grösseren Banken die Vorstellung, dass die Kunden alles bei einem Institut zu tätigen hätten, sagt Richard Dratva vom Banking-Entwickler Crealogix: «Open Banking ist aber keine Einbahnstrasse. Statt alles selber machen zu wollen, könnten Banken aktiv dieses Ökosystem orchestrieren und da­raus neue Geschäftsmodelle entwickeln.» Gerade für die Schweizer Banken böten sich jetzt gute Chancen, so Dratva: «Weil die hiesigen Player nicht PSD2-reguliert sind, besteht noch kein unmittelbarer Anpassungsdruck und somit Zeit zum Experimentieren und Positionieren.»

Als nächster Meilenstein hierzulande gilt die vom Infrastrukturbetreiber SIX Group angeführte Corporate API, die auf Initiative von Credit Suisse, Raiffeisen, UBS, Valiant und ZKB zustande kam. Es handelt sich dabei um eine zentrale Schnittstellen-Infrastruktur, die Banken, Drittanbieter und Geschäftskunden kurzschliessen soll. Der Start des Schweizer Schnittstellen-­Hubs soll demnächst erfolgen.

Die Brüsseler Revolution

Banken Das Muster ist immer dasselbe. Digitale Plattformen legen sich auf die Schnittstelle zum Kunden und drängen angestammte Akteure ins zweite Glied. Mehr noch, sie definieren deren Aufgaben neu. Einstige Branchenführer werden zu Handlangern, denen – wenn überhaupt – die Brosamen des Geschäfts bleiben.

Wer die Schnittstelle zum Kunden preisgibt, hat schon verloren
So geschehen im Taxibusiness, wo Uber aus den Taxizentralen und Chauffeuren Zudiener gemacht hat. So geschehen in der Medienbranche, wo Facebook und Co. mit ihrem Milliardenpublikum längst das publizistische Zepter schwingen. Journalismus wird in der Social-Media-Sphäre bis zur Unkenntlichkeit konfektioniert. In dieser Filterblase sind Medienmarken austauschbare Inhaltsproduzenten geworden. So geschehen in der Musikindustrie, wo Streaming-Dienste wie Spotify die Künstler zu Stimmungslieferanten machten. Eine Playlist für den Sonntag, eine für den Fitness-Workout. Wer den Soundtrack fürs Leben schreibt, ist irrelevant geworden.

Die Beispiele zeigen, wie die Digitalwirtschaft tickt und wie sie traditionelle Branchen umpflügt. Die Banker sollten auf der Hut sein. Wer die Schnittstelle zum Kunden preisgibt, hat schon verloren. Doch genau dieser Vorgang könnte die Finanzindustrie in Kürze ereilen. So sind die Bürokraten in Brüssel daran, die Bankkonti zu knacken. Die Abkürzung zum Datentresor lautet PSD2. Mit dieser EU-Direktive müssen die Finanzhäuser Kontoinformationen mit Drittanbietern teilen, wenn dies die Bankkunden wünschen.

Was harmlos tönt, dürfte massive Konsequenzen haben. Denn mit PSD2 können Branchenfremde das Banking neu definieren, während den Finanzinstituten die Rolle als „dumb pipe“ bleibt, als austauschbare Zahlungsabwickler. Ein Schreckensszenario, das die Bankmanager bislang vor allem in Schockstarre versetzt hat. Doch Leugnen und Kleinreden hat weder Mobilitäts- noch Musik- oder Medienbosse vor der digitalen Disruption bewahrt. Vielmehr sollten die hochbezahlten Finanzkapitäne ihre Ärmel hochkrempeln und PSD2-taugliche Geschäftsmodelle entwickeln, bevor es andere für sie tun. Denn dann ist es definitiv zu spät. Kodak, Nokia oder Brockhaus können ein Lied davon singen.

Daten und Vertrauen sind die beiden Schlüsselelemente

Dabei kommt der simplen Transaktion eine Schlüsselfunktion zu. Banken sitzen in ihrer ureigensten Payment-Funktion auf einem enormen Datenschatz: Die Geldflüsse ihrer Kunden sind in unserer datenanalytischen Epoche das neue Gold. Den Banken muss es gelingen, aus diesem riesigen „money trail“ einen tatsächlichen Mehrwert für ihre Kunden zu generieren.

Womit wir beim zweiten Element wären: Vertrauen. Nur wenn ich als Kunde sicher bin, dass mein Geld sicher ist und meine finanzielle Privatsphäre geschützt bleibt, lasse ich mir solche digitalen Geschäftsmodelle gefallen. Und da sind die Banken in einer starken Position. Die Vertrauenswürdigkeit der Branche ist hoch. Darauf lässt sich aufbauen.

Bund rollt den roten Teppich aus

PSD2 Die EU-Richtlinie beeinflusst die Schweizer Regulierung. Die Finma soll Zahlungsvergleichsdienste bewilligen. Das ärgert die Banken.

Es ist eine Abkürzung, die Bankern in ganz Europa den Angstschweiss auf die Stirn treibt: PSD2. Die Payment Services Directive 2 gilt ab nächstem Jahr in allen EU-Ländern und soll das Euro-Banking rigoros umkrempeln. Mit PSD2 müssen europäische Banken ihre Kontoschnittstellen für Drittanbieter öffnen, wenn ihre Kunden dies wünschen. Die Finanzinstitute befürchten, mit PSD2 längerfristig die Datenhoheit und den Kundenkontakt an bankenfremde Technologieunternehmen zu verlieren.
Konkret geht es zum einen um Zahlungsauslöser. Es handelt sich um Anbieter, die künftig von Kontoinhabern ermächtigt werden können, bei ihrer Bank Geld abzubuchen. Zum anderen betrifft PSD2 jene Kontoaggregatoren, welche Informationen bei verschiedenen kontoführenden Banken einholen, um einen ganzheitlichen Blick auf die persönlichen Finanzen zu gewähren.
Bislang galt PSD2 als europäische Direktive ohne Einfluss auf die Schweiz. Doch nun könnte sich dies ändern. So erfasst das neue Fintech-Gesetz, das noch bis Anfang Mai in der Vernehmlassung sein wird, explizit die von PSD2 anvisierten Anbieter, nämlich Zahlungsauslösedienste und Zahlungsvergleichsdienste. „Sie sollen freiwillig eine Bewilligung beantragen können (…) Es wird am Bundesrat liegen, geeignete Kriterien für die Kompetenzausübung der Finma festzulegen“, heisst es in der Vernehmlassungsvorlage. Der Passus mit den Drittanbietern fällt ins Kapitel „Innovationsförderung“. Das federführende Staatssekretariat für internationale Finanzfragen SIF sieht nämlich in der freiwilligen Finma-Aufsicht ein „Qualitätslabel“ für solche bankenfremden Anbieter. Welche Kriterien die Zahlungsauslöser und Kontoaggregatoren dereinst zu erfüllen haben, müsse allerdings noch im Detail ausgearbeitet werden, heisst es beim SIF.

Ratlose Bankbranche
Dass die Behörden den Drittanbietern den regulatorischen Ritterschlag erteilen möchten, schwächt die Haltung der Finanzbranche. Die Schweizer Banken hätten bis anhin argumentiert, dass es keine zusätzliche Regulierung brauche, weil es sich bei PSD2 um eine europäische Direktive handle, sagt Bankenprofessor Andreas Dietrich von der Hochschule Luzern und ergänzt: „Können sich Zahlungsauslösedienste oder Kontoaggregatoren in der Schweiz regulieren lassen, dann könnten diese sogenannten Drittanbieter auch hierzulande salonfähig werden.“ Thomas Puschmann vom Swiss Fintech Innovation Lab der Universität Zürich geht gar noch einen Schritt weiter: „Die angedachte, freiwillige Regulierung von Third-Party-Providern ist ein erster Schritt, PSD2 auch in der Schweiz einzuführen.“

Das ist ein rotes Tuch für die Finanzbranche. Gegen einen „gesetzlichen Zwang der Öffnung“ wehrt sich Daniela Lüpold von der Schweizerischen Bankiervereinigung SBVg, „da die Gefahr der Wettbewerbsverzerrung zuungunsten der Finanzinstitute bestehen würde“. Die Schweizer Banken würden aber daran arbeiten, eine für die Schweiz passende Lösung zu finden, „die Kundenbedürfnisse optimal abdeckt“.
Auch aus dem Grossbankenumfeld ist zu hören, dass die EU-Gesetzgebung nicht „blind und mechanisch“ übernommen werden dürfe. Allerdings ist man sich der „Macht des Faktischen“ bewusst: Setze sich die PSD2 in der EU durch, könne sich die Schweiz der Direktive nicht entziehen. PSD2 biete auch Chancen, meint Bankenprofessor Dietrich: „Gerade für Grossbanken mit ihren ausgefeilten User-Interfaces könnte die Aggregation von Kundenkonten auch eine Chance darstellen.“ Ein Problem werde die Direktive eher für Banken ohne digitales Know-how und entsprechende Schnittstellen.

Auch PSD2-Experte Sascha Krüsi sieht kurzfristig vor allem Chancen bei Schweizer KMU. Bereits heute bietet zum Beispiel die Software Bexio eine direkte Schnittstelle zum E-Banking der UBS an, womit ein automatisierter Zahlungsabgleich möglich wird. Im Moment seien Anbieter auf den Goodwill der Banken angewiesen, wenn sie auf deren Kontoschnittstellen zugreifen möchten, sagt Krüsi: „Wenn Innovation entstehen soll, braucht es aber einen diskriminierungsfreien Zugang.“

Perestroika im Portfolio

Banking Drittanbieter dürfen in der EU bald auf Konten zugreifen und Zahlungen auslösen. Die Banken könnten die Schnittstelle zum Kunden verlieren – auch in der Schweiz.

Brüssel hat im Banking Grosses vor. Es geht um nichts weniger als die Entbündelung des Bankgeschäfts zum Endkunden. Dazu wird die Wertschöpfungkette der Finanzinstitute filetiert. Das passiert, indem eine neue EU-Richtlinie namens „Payment Service Directive 2“ (PSD2) den Banken vorschreibt, gewisse digitale Schnittstellen für Drittanbieter kostenlos zu öffnen.

Sind diese sogenannten API offen, lassen sich ganz neue Geschäftsmodelle denken. Zum Beispiel: Alle Bankbeziehungen auf einen Blick oder echte Performance-Vergleiche über alle Vermögensbanken hinweg. Die kombinatorische Blaupause bilden Tech-Plattformen wie Amazon, der Taxidienst Uber oder die Buchungsoberfläche Airbnb, deren Services nur dank dem offenem API-Zugriff auf Drittunternehmen wie Google überhaupt erst möglich wurden.

PSD2 erzwingt diese offene Architektur nun auch im Banking. Die Direktive gilt ab 2018 im gesamten EU-Raum und könnte das Bankgeschäft in den nächsten Jahren fundamental umwälzen. Auch Schweizer Banken werden sich der Gravitation von PSD2 nicht entziehen können – trotz fehlender Rechtskraft.

Konkret soll PSD2 Drittanbietern kostenlos den Zugriff auf Kontoinformationen sowie die Auslösung von Zahlungen gewähren. Vorausgesetzt natürlich, der Bankkunde gibt zum Zugriff sein Einverständnis. Brüssel erhofft sich durch den regulatorischen Nadelstich mehr Wettbewerb und Innovation. „Mit der Öffnung der API könnte ein veritabler Innovations-Tsunami ausgelöst werden“, prophezeit ein Vertreter des Infrastrukturbetreibers SIX. Entscheidend sei jetzt, wie die technische Schnittstelle ausgestaltet werde. „Je offener die Ausgestaltung, desto rascher die Ausbreitung.“

Ein Wolf im Schafspelz

Für Teile der Finanzindustrie kommt die europäische Direktive einem unerlaubten Griff in den Tresor gleich. „Klassische Banken haben grosse Mühe beim Gedanken, gegenüber einem Fintech ihre sensitiven Schnittstellen öffnen zu müssen“, sagt Daniel Diemers, Digitalexperte und Partner bei PwC Strategy&. Migros-Bank-Sprecher Urs Aeberli spricht von „Herausforderungen auf verschiedenen Ebenen“: Zum einen könnten bestehende Zahlungsdienstleistungen vermehrt durch neue Angebote ersetzt werden, was die Kreditkartenerträge schmälert. Zum anderen sei noch nicht absehbar, inwieweit die neuen Zahlungsdienstleister „mittel- und längerfristig ihre Geschäftsfelder über den angestammten Bereich erweitern werden“.

Denn die Brüsseler Direktive mag zwar vorderhand auf den Zahlungsverkehr fokussieren. Aber PSD2 ist ein Wolf im Schafspelz. Indem sich Drittanbieter zwischen Bank und Kunde schieben, droht das einzelne Finanzinstitut zum reinen Kontoverwalter degradiert zu werden, und zwar auch im Anlageund Vermögensgeschäft.

So ergab eine Umfrage von PwC bei 30 Euro-Banken, dass zwei Drittel sich davor fürchten, mit PSD2 die Kundenschnittstelle zu verlieren. Denn bereits heute existieren Personal-Finance-Firmen wie eWise oder die Zürcher Qontis, die Bankbeziehungen aggregieren, um über eine singuläre Oberfläche einen holistischen Blick auf die persönlichen Finanzen des Kunden zu gewähren. Diesen Fintechs fehlte bislang bloss der rechtliche Durchgriff auf die Kundendaten. Mit PSD2 wird nun diese Basis geschaffen, wodurch neue Angebote wie transparente Anlage-Performance-Vergleiche oder einfache Anbieter-Wechsel möglich werden. PwC-Stratege Diemers ist überzeugt, dass hier der eigentliche Hebel von PSD2 liegt: „Die Disruption wird in komplexen Bankgeschäften ansetzen, wo die Schnittstellen bislang geschlossen waren und der Markt fragmentiert beziehungsweise abgeschottet war.“

Dass Banken dieser Kannibalisierung nicht tatenlos gegenüberstehen, zeigt das Beispiel von BBVA. Die spanische Grossbank hat ihre einfachen Kontound Zahlungsschnittstellen bereits für Dritte geöffnet. Die Idee dahinter ist, einen Marktplatz zu schaffen, auf dem die Bank künftig mit kostenpflichtigen Premium-Schnittstellen für Drittanbieter Geld verdienen will. BBVA vollzieht damit den Schritt vom sequenziellen Vollanbieter zu einer Banking-Plattform, an der auf beliebige Weise angedockt werden kann.

Von solch progressiven Ansätzen ist das Swiss Banking noch weit entfernt. Nicht zuletzt, weil sich keine Schweizer Bank im rauen, europäischen Retailgeschäft behaupten muss. Vielmehr kaprizieren sich die Platzhirsche auf den juristischen Heimatschutz. Man verfolge die Entwicklungen „nicht zuletzt auch im Interesse der Kunden“, lässt die Schweizerische Bankiervereinigung stellvertretend für die Branche ausrichten und betont zugleich: „Bei der PSD2 handelt es sich um eine europäische Direktive, die keine direkte Anwendung in der Schweiz entfaltet.“

Doch selbst dieser rechtliche Sonderstatus ist in der hiesigen Bankbranche umstritten: Die Schweiz sei zwar kein EU-Mitglied, sagt Migros-Bank-Sprecher Urs Aeberli: „Aber für eine fortgesetzte Teilnahme am Euro-Zahlungsverkehrsraum SEPA müssen wohl der Gesetzgeber beziehungsweise die Schweizer Finanzinstitute aufzeigen, dass im schweizerischen Recht gleichwertige Bestimmungen oder eine gleichwertige Praxis vorhanden sind.“

Innovationsdruck auf die Schweiz

Ob dieser Äquivalenz-Beweis gegenüber der EU tatsächlich erbracht werden muss, ist unter Fachjuristen höchst umstritten, aber letztlich wohl zweitrangig. Denn die Macht des Faktischen wird an den Landesgrenzen nicht haltmachen. „Die Einführung von PSD2 wird auch auf die Schweiz einen Innovationsdruck ausüben“, meint ein Vertreter des Infrastrukturbetreibers SIX lapidar.

Schwerer wiegt aus Perspektive des Finanzplatzes, dass die von PSD2 erfassten Drittparteien in der Schweiz nicht explizit reguliert sind. „Auch auf Druck der Banken“, weiss ein Fachjurist. Entsprechend unterschiedlich ist die Handhabe der Banken gegenüber den Third-Party-Providern wie dem Zahlungsauslösedienst Sofort. Die Finanzinstitute müssten sich zusammenraufen und endlich eine gemeinsame Regelung finden, „ohne dass sich der Gesetzgeber einschalten muss“, sagt der Anwalt. Die Finanzmarktaufsicht Finma spielt den Ball derweil den Parlamentariern zu: „Ob eine analoge Regelung in der Schweiz geschaffen werden wird, ist ein politischer Entscheid.“

Das Nachsehen am unregulierten Zustand haben indes jene Schweizer Fintechs, die in Europa nach PSD2 Zahlungs- und Kontodienste anbieten wollen. Ihnen bleibt nur der Auszug aus der Heimat in die EU.