Angriff auf St. Gallen

Raiffeisen Die Regionalfürsten der Raiffeisen wollen die Zentrale zurückbremsen. Nur wer dies unterstützt, hat Chancen als neuer Präsident der Gruppe.

Die Suche nach neuen Chefs für die Raiffeisengruppe läuft auf Hochtouren. Die Gruppengesellschaft Raiffeisen Schweiz braucht nicht nur einen Ersatz für Chef Patrik Gisel, sondern auch einen Nachfolger für den interimistischen Präsidenten Pascal Gantenbein. Zusätzlich gesucht sind fünf neue Verwaltungsräte, um das statutarische Minimum von neun Personen zu erfüllen. Nicht weniger als 400 Bewerbungen gingen bislang in St. Gallen ein. Headhunter Guido Schilling steuert den Prozess.

Viele Namen wurden schon kolportiert. Als wahrscheinliche Kandidaten aufs Präsidentenamt gelten unter anderem der frühere Helvetia-Chef, Stefan Loacker, und Urs Rüegsegger, bis 2017 Chef der SIX Group (siehe Spalte rechts). Beide haben derzeit keine Exekutivmandate. Bis Ende September will der Verwaltungsrat von Raiffeisen einen Präsidentschaftskandidaten präsentieren, der an der ausserordentlichen Delegiertenversammlung im November im aargauischen Brugg gewählt werden soll.

Das seit Monaten bestehende Führungsvakuum hat neue starke Männer zutage gefördert. Schattenchefs in den Regionen. Schon in den Diskussionen um mögliche Straftaten des früheren Raiffeisen-Chefs Pierin Vincenz haben sich die Präsidenten grösserer Raiffeisenverbände aktiv eingebracht. Nun blasen deren Präsidenten zum Angriff auf die St. Galler Zentrale, die Genossenschaft Raiffeisen Schweiz. Aus dem faktischen Kopf der Gruppe, der Raiffeisen Schweiz unter den Alpha-Managern Vincenz und Gisel war, soll wieder ein bescheidener Dienstleister für die Banken werden, finden sie. Doch bis dahin ist es noch ein weiter Weg. Von «Verkaufsorganisationen» ist in St. Gallen zuweilen die Rede, wenn die 250 rechtlich eigenständigen Banken gemeint sind. Und am Roten Platz in der Gallusstadt versteht man sich weiter als «Cockpit der Gruppe».

St. Gallen soll sich wie eine Tochter verhalten

Er nehme eine «missverständliche Sichtweise» dessen wahr, wie Raiffeisen organisiert ist, sagt Fredi Zwahlen, Präsident des Raiffeisenverbands Nordwestschweiz. «Raiffeisen Schweiz ist nicht etwa die Spitze der Gruppe, sondern eine Tochter der 246 Banken», betont er. Und als solche solle sie sich auch wieder verhalten. Gemäss Statuten habe Raiffeisen Schweiz in erster Linie folgende Aufgaben: Zentralbank, Gruppenstrategie und zentrale Dienstleistungen wie IT und das Gruppenmarketing. Mehr aber nicht.

Dem pflichtet Thomas Lehner vom Aargauer Raiffeisenverband bei. «Raiffeisen Schweiz soll wieder mehr Dienstleistungsunternehmen werden und weniger selber aktiv sein.» Es brauche einen deutlichen Schritt zurück. Die zwei Verbände stellen zwar nur 14 Prozent der Raiffeisen-Delegierten. Lehner betont aber, in diesem Punkt herrsche Konsens unter den 21 Regionalchefs.

Die Banker in den Regionen stören sich daran, dass Raiffeisen Schweiz selber operativ tätig wurde. So investierte die Tochter unter Vincenz in Banken und andere banknahe Unternehmen. Ein Teil dieser Beteiligungen – etwa die Privatbank Notenstein La Roche – wurde inzwischen wieder verkauft. Anderseits wurden die Raiffeisenbanken aber auch operativ stärker eingebunden. Über Beratungsdienstleistungen und Kontrollen, welche St. Gallen ungefragt anbietet. Und verrechnet.

Schlüssel aus den Neunzigern

Der Leistungskatalog gehöre überarbeitet, fordert deshalb ein Regionalverbandspräsident, der anonym bleiben will. Für Wirbel sorgt auch die Verrechnung dieser Leistungen über Finanzierungs- und Kostenbeiträge. Dieser Finco-Schlüssel stammt aus den frühen neunziger Jahren, gilt als kompliziert, intransparent und schürt das Misstrauen gegenüber der St. Galler Zentrale.

Auch die «Marktmanager» gelten als Stein des Anstosses. Das Marktmanagement ist in St. Gallen angesiedelt, begleitet jedoch die Banken in den Regionen. «Unsere Bank ist ein eigenständiges Institut», sagt Zwahlen, der auch die Raiffeisenbank Liestal-Oberbaselbiet präsidiert. «Da brauche ich doch keine Spezialisten aus St. Gallen, die uns strategisch begleiten.» Seine Bank liefere ihre Zahlen für das Gruppen-Controlling nach St. Gallen. Das müsse reichen.

Vor allem grosse Banken sehen nicht ein, weshalb sie so viele Dienstleistungen von St. Gallen beziehen sollen. Dienstleistungen, die sie auch selber erbringen können.

Dass Raiffeisen Schweiz zudem mit eigenen Bankfilialen tätig ist, kommt gar nicht gut an. Einst wurden die Banken in den grossen Städten – etwa in Zürich und Basel – als Ableger von Raiffeisen Schweiz gegründet, weil es dort keine genossenschaftlichen Strukturen gab. Die Idee war, Genossenschaften zu gründen, sobald genug Kunden gewonnen sind. Doch das ist nicht passiert. Zwanzig Jahre nach der Eröffnung der ersten Stadtfilialen werden diese noch immer als Niederlassungen von Raiffeisen Schweiz geführt. Damit tritt diese in Konkurrenz zu ihren Eigentümern. Korrekturen sind offenbar eingeleitet. Zumindest ein Teil der Stadtfilialen soll, Recherchen zufolge, an regionale Genossenschaften übertragen werden.

Statt Grosskunden wieder Gewerbler anpeilen

Kritisiert wird auch, dass St. Gallen die falschen Kunden anpeile, etwa im Firmenkundengeschäft. «Raiffeisen Schweiz hat die Tendenz, Dienstleistungen für mittlere und grosse Kunden aufzubauen», sagt Lehner. «Aber weniger für die kleinen Unternehmen, die wir als Kunden haben.» Auch beim Raiffeisen-Unternehmerzentrum ortet er Geburtsfehler. «Das Modell, Unternehmer beraten Unternehmer, funktioniert in der Praxis nicht.» Zwahlen teilt die Kritik. «Leistungen für die KMU können die Banken selbst erbringen», betont er. «Sie sind am nächsten am Kunden.»

Mittlerweile haben diese und andere Forderungen in einem gruppenweiten Erneuerungsprozess Widerhall gefunden, der unter dem Namen «Fokus 21» läuft. Raiffeisen soll damit strukturell sozusagen im 21. Jahrhundert ankommen. Ein zentrales Traktandum: die optimale Organisation. So verlangt die Finanzmarktaufsicht Finma in ihrem Enforcementbericht, dass Raiffeisen die Rechtsform prüft. Die Aufseher in Bern favorisieren dabei die Umwandlung in eine AG, weil Aktiengesellschaften im Schnitt die bessere Governance gewährleisten. Und weil ihre Kapitalisierung im Notfall einfacher zu bewerkstelligen ist. Die Finma betrachtet Raiffeisen Schweiz denn auch als Kopf der Gruppe. St. Gallen ist der «single entry», um die Genossenschaften hinsichtlich Risikomanagement und IT-Infrastruktur steuern zu können. Die faktische Holding-Struktur, wie sie von Vincenz und Gisel gelebt wurde, hat also ihre Spuren hinterlassen. Die systemischen Interessen der Berner Bankregulatoren stehen indes jenen der Regionalchefs diametral entgegen. Oder wie Lehner es augenzwinkernd formuliert: «Die Finma weigert sich standhaft, unser Geschäftsmodell zu verstehen.»

Die Finma fordert eine starke Zentrale

Vielleicht kann die Finma auch gar nicht anders. Nur mit einer starken St. Galler Zentrale ist es möglich, die 246 Raiffeisenbanken als Gruppe zu sehen und als solche zu beaufsichtigen – und die Überwachung des Eigenkapitals einzelner Banken an Raiffeisen Schweiz zu delegieren, wie es heute praktiziert wird. Ansonsten wäre die Finma gezwungen, Aufseher in jedes einzelne Institut zu schicken. Ein Horror für die Berner Beamten.

Und so fordert die Finma nicht weniger, sondern mehr Macht für Raiffeisen Schweiz. Nicht nur hat sie dem Verwaltungsrat den Auftrag gegeben, die Umwandlung der genossenschaftlichen Zentrale in eine Aktiengesellschaft zu prüfen. Recherchen zufolge wünscht sie sich auch den Ausbau des Präsidiums vom Teilzeit- in ein Vollzeitmandat. An der Spitze von Raiffeisen Schweiz soll ein erfahrener Finanzmanager stehen.

Einem Abbau bei Raiffeisen Schweiz bei gleichzeitigem Ausbau der Autonomie der Regionen setzen diese Forderungen Grenzen. Das wissen auch die Reformer. «Der Abbau hat dort seine Grenzen, wo man mit der Finma in einen Konflikt gerät», sagt Zwahlen. Der Verwaltungsrat unter Interimspräsident Gantenbein hat nun die unangenehme Aufgabe, einen Kandidaten zu finden, der mit der Aufgabenstellung der Regionalchefs leben kann und dennoch von der Finma akzeptiert wird.

Die Suche geschieht unter genauer Beobachtung. Ein sechsköpfiges Gremium der wichtigsten Regionenvertreter «begleitet» den Verwaltungsrat bei der Suche, sagt Lehner. Denn eines ist klar: Chefs mit Wachstumsambitionen hatte man in St. Gallen schon genug. Und so sucht der Verwaltungsrat denn auch weniger nach einem neuen «charismatischen Leader», wie aus St. Gallen zu vernehmen ist, sondern nach «stillen Schaffern mit seriösem Leistungsausweis».

Pierin Vincenz’ Getreue sitzen Krise aus

Raiffeisen Der viel beschworene Neuanfang bei der Raiffeisen Schweiz ist eine Mogelpackung. Wohlgemerkt: Auf Stufe des Verwaltungsrates wurde mit dem eisernen Besen gekehrt. All jene Kopfnicker, welche den Alpha-Banker Pierin Vincenz über Jahre schalten und walten liessen, sind weg. Das ist löblich. Derweil reist Vize Pascal Gantenbein durch die Raiffeisen-Provinz und preist sich als zukünftigen Präsidenten an.

Allerdings wirkt der Uniprofessor dabei wie der jüngere Bruder des unglücklich agierenden Johannes Rüegg-Stürm. Auch Gantenbein ist ein akademischer Zögling der Uni St. Gallen. Auch er hat viel Finanztheorie, aber wenig Bankpraxis im Rucksack. Und auch er kommuniziert eher erratisch denn souverän. Immerhin ist Gantenbein erst so kurz bei der Raiffeisen, dass ihm niemand die Verfehlungen der Vergangenheit ankreiden könnte.

Ganz im Gegensatz zu Raiffeisen-Chef Patrik Gisel, der über 15 Jahre als rechte Hand von Pierin Vincenz (mit-)wirkte. Doch Gisel ist beileibe nicht der Einzige. Praktisch die gesamte Raiffeisen-Geschäftsleitung ist von Vincenz’ Gnaden. Drei von sieben GL-Mitglieder sind länger als zehn Jahre im obersten operativen Gremium bei der Genossenschaftsbank. Der Risiko- und Compliance-Chef amtete schon seit 2005 als Chief Risk Officer. Und der heutige Finanzchef leitete bis zum Abgang von Pierin Vincenz das Controlling und die Unternehmensentwicklung. Pierin Vincenz’ willige Gefährten sitzen also weiter an den Schalthebeln der Raiffeisen-Macht. Und sie hoffen wohl, die Krise einfach aussitzen zu können.

Der Assistent

Marcel Zoller Er war zehn Jahre lang Finanzchef von Raiffeisen. Nun tritt Zoller vorzeitig ab. Ein Porträt eines Managers, der seinen Chefs treu ergeben diente.

Marcel Zoller zögert am Telefon: Ob ein abtretender Finanzchef wirklich ein Porträt wert sei? Er überlege es sich. Keine zwei Stunden später ruft der Raiffeisen-Manager wieder an. Die Kommunikationsstelle der Bank habe ihm «unter den gegebenen Umständen» davon abgeraten, sich mit dem Journalisten zu treffen.

Warum ist klar. Die Ermittlungen gegen seinen langjährigen Chef, Pierin Vincenz, überschatten Zollers Abschied. Bereits die Ankündigung seiner Frühpensionierung im Spätherbst kommt zum dümmsten Zeitpunkt. Just einen Tag nachdem das Finma-Verfahren gegen den Ex-Raiffeisen-Boss öffentlich wird, gibt die Bank Zollers «vorzeitigen Ruhestand» auf Ende April bekannt. Danach wird Raiffeisen-Chef Patrik Gisel nicht müde zu betonen, der Exit seines Finanzchefs sei «von langer Hand geplant» und habe nichts mit dem laufenden Finma-Enforcement zu tun.

Hiobsbotschaft nach Herzinfakt

Das Aufsichtsverfahren gegen Bank und Ex-Chef hinterlässt dennoch Spuren beim Sechzigjährigen. Anfang Jahr erleidet Zoller einen Herzinfarkt, von dem er sich gut erholt habe, wie Vertraute erzählen. Kaum genesen, folgt die nächste Hiobsbotschaft. Die Zürcher Staatsanwaltschaft eröffnet gegen seinen ehemaligen Vorgesetzten Pierin Vincenz ein Strafverfahren wegen «ungetreuer Geschäftsbesorgung». Zoller wird daraufhin gemäss Finanzblog «Inside Paradeplatz» stundenlang als Auskunftsperson einvernommen.

Dass sich die Strafermittler für Zoller interessieren, erstaunt nicht. Seit 2008 stand der Ostschweizer seinem omnipotenten Bündner Chef treu zur Seite. Schliesslich wechselte ihn Vincenz damals von der Lokalkonkurrenz ein. Bei der St. Galler Kantonalbank kümmerte sich Zoller als Leiter Service Center um operative Prozesse. Vincenz machte ihn zum Finanzchef.

Zoller sei kein Zahlenmensch im klassischen Sinne, kein typischer Buchhalter, sagt ein Wegbegleiter. Er habe stets versucht, die Kennziffern in einen Zusammenhang zu stellen. Bodenständig und nahbar sei er. Ein etwas biederer Schaffer, was gerade bei den Genossenschaftern draussen im Land gut angekommen sei.

Weniger charmant formuliert es ein anderer Mitstreiter aus Raiffeisen-Tagen: «Zoller war von seinem Werdegang her schlicht kein Finanzfachmann.» Inhaltliche Diskussionen seien nicht seine Sache gewesen. Die habe er seinen Untergebenen delegiert wie dem inzwischen ebenfalls pensionierten Stellvertreter Paolo Arnoffi, dem damaligen Rechnungswesen-Leiter Markus Lüthi oder Nachfolger Christian Poerschke, der unter Zoller zwischenzeitlich das Controlling leitete.

Besondere Aufgaben

Der Finanzchef selber habe straff durch Prozesse geführt: gewissenhaft, genau und stets loyal zum Alphabanker an der Spitze des Raiffeisen-Reichs, dessen Strafverfahren das Verhältnis zu Zoller nun massiv belastet. «Er war stets Pierins Gefolgsmann», heisst es aus mehreren Quellen. Entsprechend bedachte ihn der Raiffeisen-Chef, zu dem Zoller ein Vertrauensverhältnis hatte, mit besonderen Aufgaben.

Zoller sass, unter anderem mit Rechtschefin und Vincenz-Lebensgefährtin Nadja Ceregato, im M&A-Board der Bank. Jenem Gremium, das die Beteiligungsnahmen der Raiffeisen zu prüfen hatte – sage und schreibe deren hundert seit 2005.

Zoller war es auch, der zusammen mit Vincenz die Investnet Holding für Raiffeisen Schweiz gründete, an der sich der abtretende Chef später offiziell beteiligte. Vincenz und sein Geschäftsfreund Beat Stocker sollen aber möglicherweise bereits zuvor – verdeckt – an der Raiffeisen-Tochter Investnet über einen Treuhandvertrag investiert gewesen sein. Das KMU-Vehikel ist Gegenstand der Strafuntersuchung gegen Vincenz und Stocker.

Der Ceams-Kauf war Chefsache

Andere Zukäufe von Raiffeisen unter der Ägide des Bündner Starbankers stehen bisher nicht im Fokus des Zürcher Staatsanwalts Marc Jean-Richard-dit-Bressel. So zum Beispiel die Zolliker Anlageboutique Dynapartners, die Finanzchef Marcel Zoller schliesslich wieder zu veräussern hatte. Dynapartners-Gründer Beat Wittmann selbst wollte sich auf Anfrage zu «früheren geschäftlichen Beziehungen» nicht äussern. Dokumente zeigen, dass Raiffeisen Schweiz praktisch seit der Gründung von Dynapartners Mitte 2009 am Asset Manager beteiligt war und in der Folge mehrfach Aktien zeichnete. Also lange bevor Chef Vincenz der Bauernbank seine Asset-Management-Strategie verpasste. Erst im Frühjahr 2013, also knapp vier Jahre später, gründete die Raiffeisen-Tochter Notenstein die Asset-Management-Dachgesellschaft TCMG, deren operativer Chef der Dynapartners-Gründer Beat Wittmann wurde.

In die TCMG brachte Raiffeisen zum einen Dynapartners ein, die damals bereits mehrheitlich der Bank gehörte. Und zum anderen die ehemalige Wegelin-Tochter 1741 Group. Mit der Gründung der TCMG als Dachgesellschaft stand – ähnlich wie später bei der Investnet Holding – die Bewertungsfrage der einzelnen Assets im Zentrum. Gemäss mehreren Quellen soll Vincenz’ Gefährte Beat Stocker damals eine Bewertung von Dynapartners angefertigt haben, die von den Notenstein-Managern als «abstrus hoch» zurückgewiesen wurde. Sie setzten sich schliesslich durch.

Anders bei einem weiteren Assetmanager, den Raiffeisen unter das TCMG-Dach akquirierte. Es war dies die Competitive Edge Asset Management, kurz Ceams, der beiden Ex-Grossbanker Philipp Weckherlin und Markus Hepp. Weckherlin und Vincenz dissertierten im selben Jahr beim selben Doktorvater an der Hochschule St. Gallen. Man kannte sich.

Raiffeisen zeichnet im Herbst 2014 an Ceams zunächst einen 70-Prozent-Anteil für 24,5 Millionen Franken, wie Dokumente zeigen. Mehrere mit dem Dossier vertraute Quellen bezeichnen den Kaufpreis übereinstimmend als «sehr hoch». Das Ceams-Dossier war jedoch Chefsache. Vincenz beziehungsweise Zoller sollen die Verträge ausgehandelt haben. Die geplante Vollübernahme ist an Business-Ziele geknüpft, die Ceams zunächst nicht erreicht. Die restlichen Aktien übernimmt Raiffeisen trotzdem, um nur kurz darauf die eigene «Multi-Boutique-Strategie» zu Grabe zu tragen. Als Liquidator der Dachgesellschaft TCMG amtet Finanzchef Marcel Zoller.

Der liquidiert nicht nur Firmen, sondern auch Wildtiere. Zoller ist nämlich passionierter Jäger mit einem Pachtrevier in Vorarlberg. Dort nimmt er auch Platzhirsche aufs Korn.

Die Vincenz-Hypothek

Raiffeisen Chef Patrik Gisel war lange Jahre die rechte Hand von Pierin Vincenz. Nun holt ihn seine Vergangenheit ein.

Es war eine Partnerschaft ganz nach dem Geschmack des damaligen Bankpatrons Pierin Vincenz. Seine Raiffeisen sollte dick ins Geschäft mit Finanzierungen für kleinere und mittlere Unternehmen einsteigen. Zu diesem Zweck beschloss man eine Kreuzbeteiligung an Investnet, einem KMU-Investmenthaus mit Sitz in Herisau. Als Abgesandten in den Investnet-VR schickte Pierin Vincenz – es war 2012 – seine rechte Hand, den Leiter des Departements Markt, Patrik Gisel. Der heutige Raiffeisen-Chef Gisel präsidierte fortan die Investnet AG bis Mitte 2015 und hatte damit die Oberaufsicht über alle Vorgänge und Investments des Herisauer KMU-Vehikels.

Ein präsidiales Mandat, das Gisel nun in Bedrängnis bringen könnte. Der Raiffeisen-Chef ergreift deshalb – kurz vor der Präsentation der Jahreszahlen – die Flucht nach vorn. In einem wohl einmaligen Vorgang in der jüngeren Schweizer Wirtschaftsgeschichte hat der Raiffeisen-Verwaltungsrat beschlossen, eine Strafanzeige gegen den früheren Chef Pierin Vincenz einzureichen. «Auf Antrag der Geschäftsleitung», wie es im Communiqué jener Bank heisst, gegen die ja weiterhin ein Enforcement-Verfahren der Finanzmarktaufsicht Finma läuft.

Ahnungsloser Präsident

Nicht nur zeigt Raiffeisen ihren Ex-Chef an wegen «Verdachts auf ungetreue Geschäftsbesorgung». Die Bank tritt auch als «Privatklägerin» im Strafverfahren der Staatsanwaltschaft Zürich III gegen Pierin Vincenz auf. Der Vorwurf lautet hier auf «ungetreue Geschäftsbesorgung im Aduno- und Investnet-Umfeld». Also just in jenem Umfeld der Herisauer KMU-Firma, die Patrik Gisel während dreier Jahre als Raiffeisen-Vertreter präsidierte.

Doch was Gisel in seiner präsidialen Investnet-Zeit wohl nicht wusste (zumindest beteuert dies sein Umfeld innig): dass sein damaliger Chef Pierin Vincenz längst verdeckt, auf eigene Rechnung und mit Wissen der beiden Investnet-Gründer am KMU-Vehikel beteiligt war. Also Jahre bevor Pierin Vincenz dann – ganz offiziell – 2015 als scheidender Raiffeisen-Chef mit einem 15-Prozent-Anteil an Investnet von Raiffeisen bedacht wurde. Dies dank dem Placet von VR-Präsident Johannes Rüegg-Stürm. Nicht ahnend, dass sein patronaler Chef wohl bereits an Investnet mitverdiente. So zumindest lautet der Tatverdacht, dem die Staatsanwaltschaft nun auf Basis neuer Erkenntnisse nachgeht.

Das Strafverfahren samt Hausdurchsuchungen, dieser neuen Eskalation im Raiffeisen-Skandal, muss die Führung um Gisel und Präsident Rüegg-Stürm überrumpelt haben. So brachte die Kreditkartenfirma Aduno das Verfahren mit einer Strafanzeige vor Weihnachten ins Rollen.

Jene Aduno, an der Raiffeisen mit 26 Prozent beteiligt ist und die bis 2017 von Pierin Vincenz präsidiert wurde. Denn als letzten November bekannt wurde, dass die Finma gegen Vincenz und Raiffeisen ermittelte, beschloss der Aduno-Verwaltungsrat, das Anwaltsbüro Baumgartner Mächler mit einer eigenen Untersuchung zu beauftragen. Aber: Von diesem Zeitpunkt an trat Raiffeisen-Vertreter Michael Auer in den Ausstand, auch wegen des laufenden Finma-Enforcements. Das Ergebnis der Aduno-Untersuchung: Ein starker Verdacht, dass es bei der Übernahme der Firma Commtrain Card Solutions zu Unregelmässigkeiten kam und Vincenz – ohne Wissen des Aduno-Verwaltungsrats – auf beiden Seiten des Verhandlungstisches sass, weil er bereits persönlich an Commtrain beteiligt war. Scheinbar dasselbe Muster also wie bei der Raiffeisen-Tochter Investnet.

Raiffeisen tappt im Dunkeln

Der Aduno-Verwaltungsrat gibt darauf den Anwälten den Auftrag, gegen seinen früheren Präsidenten und eine weitere Person – mutmasslich Ex-Aduno-Chef Beat Stocker – Strafanzeige einzureichen. Dies geschieht, kurz vor Weihnachten, am 21. Dezember 2017. Die Raiffeisen-Spitze tappt weiter im Dunkeln, da ihr Vertreter in der Kreditkartenfirma im Ausstand ist. Von der Anzeige erfuhr man bei Raiffeisen offenbar erst, als die Staatsanwaltschaft zuschlug.

Es ist diese Aduno-Strafanzeige, welche schliesslich zum Zürcher Strafverfahren führt, das offenbar neue Erkenntnisse ans Licht bringt. Erkenntnisse, welche über den Commtrain-Komplex hinausführen und auf Investnet zielen. Denn die Zürcher Strafverfolger weiteten das Verfahren aus und ermittelten fortan nicht nur gegen die zwei von Aduno angezeigten Personen, sondern gegen drei weitere Leute aus dem Raiffeisen-Umfeld.

Während also Aduno in die Offensive ging, zögerte Raiffeisen-Chef Patrik Gisel noch immer mit eigenen, öffentlichen Beschuldigungen an die Adresse seines Vorgängers Pierin Vincenz. Er stützte sich dabei nicht zuletzt darauf, dass eine achtmonatige interne Untersuchung rund um Investnet, die er Ende 2016 in Auftrag gegeben hatte, keine Erkenntnisse zu Vincenz’ versteckter Beteiligung am KMU-Vehikel zutage förderte.

Gisel haderte weiter mit dem Vatermord. Noch letzten Monat diktierte er der «Sonntagszeitung» zur Zukunft von Vincenz bei Investnet: «Wir planen keine Veränderungen. Wir können so die Erfahrungen und das Beziehungsnetz von Vincenz nutzen, der 17 Jahre lang einen Superjob für die Bank gemacht hat.»

Gisels Meinung hatte solange Bestand, bis die Staatsanwaltschaft diese Woche zur Razzia ansetzte, Wohnungen und Büros durchsuchte und die Beschuldigten zur Vernehmung aufbot. Erst jetzt schliesst sich auch Raiffeisen den Klägern an. Als Nebenklägerin im Strafverfahren und – in allerletzter Minute – mit einer eigenen Strafanzeige, um sich im Finale auf die Seite der Aktiven zu schlagen.

Pierin ante portas

Pierin Vincenz Er baute Raiffeisen zum gewichtigen KMU-Investor auf. Einzelne Deals bergen mögliche Interessenkonflikte für die Bank.

Er habe schon länger «einen Fuss in der Tür bei Investnet», sagte Raiffeisen-Chef Pierin Vincenz im Sommer 2015, als er zum Präsidenten der Banktochter gekürt wurde, an der er sich später auch privat mit 15 Prozent beteiligte.

In der Tat war die Bank seit 2012 im KMU-Vehikel investiert, das nun im Fokus eines Finma-Verfahrens gegen Vincenz und die Bank steht. Raiffeisen suchte erklärtermassen eine «Führungsrolle» im Markt für KMU-Nachfolgelösungen. Vincenz war in dieser Vorwärtsstrategie federführend und hat Investnet unterstützt, indem Raiffeisen «wesentliche Finanzmittel» für das KMU-Vehikel bereitstellte. «Plötzlich konnte Investnet auch grössere Investitionen tätigen – eine Win-win-Situation für alle Beteiligten», sagte er vor zwei Jahren.

Nun zeigt sich: Die vermeintlich «kleine Investnet» («Basler Zeitung») ist alles andere als klein. Sie ist vielmehr ein gewichtiger KMU-Investor in der Schweiz. Und einzelne ihrer Portfoliogesellschaften haben eine heikle Nähe zu Raiffeisen als Investorin.

Investnet, die Bank-Tochter mit Sitz in Herisau, hat KMU zwischen etwa 5 und 35 Millionen Franken Umsatz im Übernahmefokus. Das gut 20-köpfige Investnet-Team verwaltet rund 300 Millionen Franken in etwa zwanzig kleineren und mittleren Unternehmen, die mit 1200 Mitarbeitern über 300 Millionen Umsatz machen. In diesen Firmen stecken gegen 200 Millionen Franken an Eigenkapital, grossmehrheitlich von Raiffeisen bereitgestellt.

Der Pool an Firmen, den die Genossenschaftsbank über ihre Investnet hält, ist zwar sektoriell breit aufgestellt. Einige Investnet-KMU unterhalten jedoch eine geschäftliche Nähe zur Raiffeisen-Bank. Das erstaunt. Im Gegensatz zu einer strategisch-operativen KMU-Übernahme durch einen Konzern handelt es sich bei einem Private-Equity-Investment um eine Finanzbeteiligung mit reinem Renditefokus. Solche Portfolio-Unternehmen sollten «möglichst unabhängig» vom Investor sein, sagen Beteiligungsmanager. Denn welcher Investor will bei einer Transaktion schon Eigenumsatz akquirieren?

Raiffeisen als Kunde und Investnet – Investor

Dennoch finden sich im Investnet-Universum mehrere KMU-Beteiligungen, die mehr oder minder gewichtige Geschäftsbeziehungen zu ihrer Investorin Raiffeisen unterhalten. Zum Beispiel die St. Galler Trendcommerce Group, die auf Transaktionsdruck, Direct Marketing und Telefonmarketing spezialisiert ist. Die Trendcommerce verarbeitet seit 2012 sämtliche Bankbelege für über 200 Raiffeisenbanken und Niederlassungen aus einem Hochsicherheitsdruckzentrum in St. Gallens Westen.

Die «Handelszeitung» weiss: Raiffeisen ist der wichtigste Kunde der Trendcommerce. Erst jüngst soll ein weiterer Ausschreibungsprozess stattgefunden haben, begleitet von einem grossen Wirtschaftsprüfer.
Als die Genossenschaftsbank 2012 ihren Druckbereich aus Kosten- und Flexibilitätsüberlegungen an Trendcommerce auslagert, übernimmt das KMU gleich auch noch 15 Raiffeisen-Mitarbeiter. Keine vier Jahre nach dieser Outsourcing-Übung für den Ostschweizer Grosskunden tritt Raiffeisen-Tochter Investnet auf den Plan, von Pierin Vincenz präsidiert, und kauft sich die Mehrheit an der Trendcommerce-Gruppe. Raiffeisen wie auch Pierin Vincenz wollen sich zum laufenden Finma-Enforcementverfahren wie auch zu den Geschäften rund um Investnet nicht äussern.

Bereits im Frühjahr 2015 steigt Investnet bei der Zürcher Intercard ein, einem «Partner für Plastikkarten». Die Transaktion mit dem Projektnamen Albatros wird zu 100 Prozent durch die Raiffeisen-Equity-Tochter KMU Capital finanziert. Auch bei Intercard ist Raiffeisen als Referenzkunde aufgeführt. Allerdings fällt das genossenschaftliche Auftragsvolumen, gemessen am Gesamtumsatz der Plastikkartenfirma, kaum ins Gewicht.

Bedeutsamer ist da die Geschäftsbeziehung zu JLS Digital – eine Investnet-Beteiligung seit Mitte 2013, die vor kurzem an die Anlagestiftung Renaissance verkauft wurde. Der Zürcher Spezialist für digitale Beschriftungen konzipiert und betreibt seit Jahren die Displays der Kundenzonen und Schaufenster in den Bankfilialen von rund 170 Raiffeisen-Genossenschaften. Man befinde sich damit in bester Gesellschaft, heisst es bankintern, denn auch viele andere Finanzinstitute seien JLS-Kunden. Doch keine andere Bank war Miteigner der Digital-Marketing-Firma.

Private Equity ohne Put-Optionen

Nicht nur die geschäftliche Nähe zur Raiffeisen-Gruppe gibt zu reden. Auch die schiere Grösse des KMU-Vehikels. Investnet sei mit 200 Millionen Franken Eigenkapital im Verhältnis zum «engen» KMU-Markt «stattlich dotiert», findet Beteiligungsexperte Roger Kollbrunner: «Der verhältnismässig grosse Kapitalstock führt zu einem steten Investitionsdruck.» Investnet sei deshalb «sehr dynamisch» am Markt unterwegs und zahle «relativ hohe Preise», sagt Kollbrunner, der als Partner bei der Industrieholding Artum arbeitet.

Dem KMU-Portfolio von Raiffeisen und Co. fehle der «klare Investitionsfokus», kritisieren mehrere Private-Equity-Leute, darunter auch ein Mitglied des 50-köpfigen Investnet-Vereins. Denn die Raiffeisen-Tochter investiere nicht nur breit über alle Branchen und Sektoren hinweg, sondern jeweils auch in unterschiedlichen Stadien: von der klassischen Nachfolgeregelung über die Wachstumsfinanzierung bis hin zum Buy and Build. Kritiker sprechen von einem «opportunistischen Anlageverhalten». Allerdings kann Investnet über VR und Vereinsmitglieder auf erfahrene Manager aus verschiedenen Industrien zurückgreifen. Dies ermöglicht ein diversifiziertes Portfolio.

Einer der Know-how-Träger ist Pierin Vincenz. Ex-Chef von Raiffeisen beziehungsweise Präsident von Investnet. Und er ist seit seinem Abgang bei der Bank auch mit 15 Prozent an der Investnet Holding beteiligt. Dies im Rahmen eines Aktionärsbindungsvertrages, der eine Exitklausel vorsieht.

Mittels Put-Optionen kann Vincenz seinen Investnet-Anteil ab Mitte 2020 an Raiffeisen zu einer definierten Bewertungsmethodik verkaufen. In der Beteiligungsszene zeigt man sich darob erstaunt. «Put-Optionen sind im Private-Equity-Umfeld unüblich», sagt Beteiligungsexperte Kollbrunner, denn damit würde man, je nach Put-Preis, die Down-Side-Risiken reduzieren. «Dies widerspricht dem Grundgedanken von Private Equity.» Aus dem Umfeld des Bünder Bankers ist dagegen zu hören, dass man Vincenz als «bedeutende Person und Netzwerker für Investnet» mit einem Exit-Recht ans KMU-Vehikel habe binden wollen.