High Noon auf Hainan

UBS Die Grossbank ist dick im Geschäft mit der chinesischen HNA Group. Doch das Konglomerat gilt als intransparent und ist hoch verschuldet. Während sich Wall-Street-Banken bei HNA zurückziehen, vertieft die UBS ihre Beziehungen.

Es ist eine Stippvisite mit Symbolcharakter. Anfang August treffen sich Adam Tan, Chef des chinesischen Mega-Konglomerats HNA Group, und UBS-Chef Sergio Ermotti zu einem persönlichen Gespräch in Italien. Es gehe um eine «systematische Vertiefung der strategischen Partnerschaft» mit der Schweizer Grossbank, lässt HNA mehr als einen Monat später über den Kurznachrichten-Dienst Twitter verbreiten.

Das Timing von Tan und Ermottis Treffen hat es in sich. Seit einigen Monaten brauen sich nämlich dunkle Wolken über dem HNA-Imperium mit Sitz auf der chinesischen Insel Hainan zusammen. Die globale Shoppingtour mit so prominenten Akquisitionen wie Gategroup oder einem Anteil an der Hilton-Hotelkette lastet inzwischen schwer auf der Bilanz: Ende 2016 hat HNA 73 Milliarden Dollar an ausstehenden Verbindlichkeiten.

Dieser Schuldenberg macht den Regulator in der Volksrepublik nervös. Er lässt im Sommer die HNA-Gruppe auf Offshore-Kredite durchleuchten. Auch die undurchsichtige Eigentümerschaft sorgt für Misstrauen. Mitte September platzt der Schweizer Übernahmekommission der Kragen. Sie setzt HNA ein Ultimatum, endlich Klarheit über ihre Eigentümer zu schaffen. Hintergrund ist der Kauf der Ex-Swissair-Tochter Gategroup durch HNA. Bei der 1,5-Milliarden-Dollar-Transaktion fungiert die UBS als «financial advisor» der Südchinesen.

Chips vom Spieltisch genommen

Hoch gehebelt und intransparent. Diese Mischung der HNA Group macht die Wall-Street-Banken vorsichtig. Wenige Tage bevor UBS-Ermotti und HNA-Tan ihre strategische Partnerschaft bekräftigen, zieht die Bank of America Merrill Lynch die Reissleine: Man stemme keine Transaktionen mehr mit der HNA-Gruppe. Auch Citigroup und Morgan Stanley sollen sich mittlerweile in Zurückhaltung üben. Und jüngst hat nun auch die prestigeträchtige Investmentbank Goldman Sachs ihre Chips vom Spieltisch genommen. Eine geplante Finanzierungsrunde mit einer HNA-Tochter wurde abgeblasen. Die Einheit des chinesischen Riesen habe die «Due Diligence»-Standards der «Goldies» nicht erfüllt.

Während die Angelsachsen ihre Schäfchen ins Trockene bringen, gibt die UBS Gas. Erst im Frühjahr dieses Jahres hat die Grossbank mitgeholfen, dass die HNA Group einen 9,9-Prozent-Anteil an der Deutschen Bank finanzieren konnte. Der Deal lief über den österreichischen Asset-Manager C-Quadrat, zu dem übrigens auch die Genfer BCM & Partners gehört. Der Aktienanteil an der Deutschen Bank kostete die Chinesen 3,3 Milliarden Euro, wovon 2,6 Milliarden fremd- beziehungsweise mit Derivaten finanziert wurden. Die UBS gewährte zusammen mit der Staatsbank ICBC fast eine halbe Milliarde Kredit.

Die restlichen 2,1 Milliarden gewährte die UBS alleine. Die gigantische Summe ist allerdings über eine derivative «collar transaction» abgesichert. Das Optionen-Geschäft schützt HNA, sollte die Deutsche-Bank-Aktie unter einen gewissen Preis sinken, und lässt die UBS am Gewinn partizipieren, wenn der Finanztitel über eine gewisse Schwelle steigt. Im Moment liegt der Basiswert unter dem Put-Preis von 15 Euro. Die Optionen werden ab nächstem Februar fällig.

Der Deutsche-Bank-Deal ist nur eine von vielen Transaktionen, welche die UBS mit HNA in den letzten Jahren gestemmt hat. Die Grossbank habe seit 2015 die HNA-Gruppe bei Akquisitionen in der Höhe von 15 Milliarden Dollar beraten, schätzt Bloomberg.
Darunter sind mehrere Deals im Airline-Geschäft wie die Übernahme der Leasing-Gesellschaft Avolon oder der Kauf von Anteilen an der brasilianischen Airline Azul oder an Virgin Australia.

Ebenfalls mit dabei war die UBS, als HNA sich 2015 bei der Hotelgruppe NH Hotel einkaufte. Auf Anfrage äussert sich die UBS nicht «zu einzelnen Kundenbeziehungen». In einem Interview mit Bloomberg gibt sich Chef Sergio Ermotti, angesprochen auf HNA, tiefenentspannt: Man habe breite Erfahrung in Asien und «checks and balances», wann und wie gerechtfertigte Geschäfte gemacht würden. Falls etwas nicht stimme, würde man sofort Schadensbegrenzung betreiben.

Jammern gehört zum Geschäft

Banken Was die Bauern seit Jahrzehnten in Bundesbern praktizieren, hat die Finanzbranche seit der Krise von 2008 perfektioniert. Seither stimmen die Banker nämlich unentwegt einen Schwanengesang an, während die vermeintlichen «bad news» nicht abreissen wollen.

Zuerst wird das margenträchtige Bankgeheimnis vom Ausland geschleift. Dann bricht eine Flut an Finanzmarktregulierungen über die Institute herein. Vom Kundenschutz bis hin zur Eigenmittelausstattung strafft die Politik das large Regulierungsregime der Vor-Krisen-Ära merklich. Was zu ausufernder Bürokratie und kostspieligen Compliance-Abteilungen führt, deren Krisenfestigkeit sich erst noch wird weisen müssen.

Die Halbjahreszahlen zeigen, wie gut das Geschäft floriert
Und schliesslich versetzen die Währungshüter um Nationalbank-Präsident Thomas Jordan mit der Aufhebung des Franken-Mindestkurses und der Einführung von Negativzinsen den Geschäftsbankern einen Schlag in die Magengrube. Manch ein Vermögensverwalter oder Retailbanker sieht seine Kommissions- und Zinserträge wegschmelzen wie ein Glace an der Sommersonne. All dies geschieht zu einer Zeit, in der das Geschäft ohnehin schon strukturell leidet. Stichwort: Fintech und andere bankfremde Wettbewerber wie Pensionskassen oder Versicherer, die ebenfalls Teile der Wertschöpfung für sich beanspruchen.

Entsprechend verdutzt reibt sich die Augen, wer die jüngsten Halbjahreszahlen der Geldinstitute sieht: Die Neugelder sprudeln, die Erträge über alle Geschäftsbereich spriessen. Kurzum, das Bankgeschäft brummt. Alleine bei den beiden Finanzriesen UBS und CS legt der Reingewinn zweistellig zu.

Aber nicht nur die Global Player glänzen. Auch Inlandsbanken, die sich aufs klassische Zinsdifferenzgeschäft verstehen, sind in Champagnerlaune. Ob diverse Kantonalbanken, vom Waadtland bis nach St. Gallen, oder die Raiffeisen Gruppe: Sie alle verzeichnen Gewinnsprünge und heben zum Teil ihre Prognosen fürs Gesamtjahr an. Es scheint: La crise n’existe pas.

Die starke Regulierung erweist sich als ideale Eintrittshürde

Denn dem Wehklagen zum Trotz ist es den Bankchefs gelungen, den Spiess elegant umzudrehen. Die ausufernde Regulierung im Nachgang zur Finanzkrise erweist sich als ideale Eintrittshürde für branchenfremde Wettbewerber. Gleichzeitig haben sich die Banker perfekt auf die Tief- und Negativzins-Welt eingestellt. Manche bewirtschaften den zugeteilten Freibetrag dermassen geschickt, dass gar ein kleiner Gewinn resultiert.

Zwar hat noch kein Institut es gewagt, sein Passivgeschäft aufzubessern, indem die Negativzinsen – expressis verbis – den Kleinsparern weitergereicht werden. Aber implizit ist dies längst geschehen, indem die Banken ihr Kommissionsgeschäft ausgeweitet und ihre Gebühren erhöht haben. Davon kann der Bankenombudsmann ein Lied singen: Die Zahl seiner «Gebührenfälle» ist zweistellig gewachsen.

Bangen am Bosporus

Türkei Das eurasische Boom-Land schwächelt. Die politischen Spannungen drücken auf das Wirtschaftswachstum und schicken die Landeswährung auf Talfahrt. Schweizer Unternehmen bekommen die unsichere Lage zu spüren.

Zwischen Winterthur und Istanbul liegen auf Luftlinie 1800 Kilometer. Doch das politische Erdbeben am Bosporus hat denn zu Schockwellen bis ans Ufer der Töss geführt. Rieter, der traditionsreiche Winterthurer Textilmaschinen-Hersteller, verzeichnete im letzten Geschäftsjahr in der Türkei einen Umsatzeinbruch von fast einem Viertel. Im Vergleich zum Rekordjahr 2014 hat sich der Absatz mit türkischen Textilfabrikanten mehr als halbiert, auf 120 Millionen Franken.
Rieter ist kein Einzelfall. Gerade Hersteller von Investitionsgütern bekommen die angespannte politische Lage zu spüren. Seit dem Putschversuch gegen Präsident Recep Tayyip Erdogan im Juli herrscht Unsicherheit über den künftigen Kurs der Republik. Lokale Unternehmer treten auf die Bremse und sistieren Projekte. Das Investitionsklima hat sich eingetrübt.

Schwache Lira verteuert Import

Der schleichende Vertrauensverlust spiegelt sich in der Entwicklung des Wechselkurses. Gegenüber dem Franken hat die türkische Lira seit 2012 um fast 50 Prozent an Wert eingebüsst. „Die schwache Lira verteuert sämtliche Importe, also die gesamte Hardware, die wir verkaufen“, sagt Geschäftsleitungsmitglied Nikolaus Krüger vom Baselbieter Messtechniker Endress+Hauser (E+H). Das Unternehmen macht mit der Türkei jährlich einen zweistelligen Millionen-Umsatz. Vier Fünftel davon sind Importe, die sich wegen der schwachen Lira verteuerten. E+H versuche nun, so Krüger, das Geschäft mit lokal erbrachten Dienstleistungen wie Engineering oder Kalibrierung auszubauen.
Risiko der Fremdwährungskredite
Die schwache Währung sorgt nicht nur bei Schweizer Exporteuren für Sorgenfalten. Die Türkei weist 2015 ein Handelsbilanzdefizit von 8,5 Prozent aus. Je schwächer die Lira, desto teurer werden ausländische Waren für Konsumenten und desto kostspieliger wird die Finanzierung am internationalen Kapitalmarkt für Firmen. „Eines der grössten Risiken sind die Fremdwährungskredite von Lokalunternehmen“, sagt Jérôme Audran, Kreditanalyst bei der Grossbank UBS. Audrans Arbeitgeber selbst hatte Ende 2016 türkische Kredite über 440 Millionen Franken in den Büchern.
Bereits in wenigen Wochen werden die Nerven internationaler Kapitalgeber erneut strapaziert werden. Mitte April entscheidet das Volk über Erdogans Verfassungsreform, die aus der Türkei ein Präsidialsystem machen soll. Es würde den Amtsinhaber mit einer grossen Machtfülle ausstatten.
UBS-Analyst Audran sieht im Plebiszit einen wirtschaftspolitischen Markstein. „Ein Ja könnte politische Unsicherheiten zum Teil ausräumen und den Weg frei machen für Strukturreformen, etwa im Arbeitsmarkt.“ Die volkswirtschaftlichen Imperative für die Türkei sind klar definiert: die heimische Sparquote zu erhöhen und das Handelsdefizit zu reduzieren.
Zur Wirtschaftsentwicklung tragen auch Direktinvestitionen von hiesigen Unternehmen bei. Mit 2,8 Milliarden Franken war die Schweiz gemäss den jüngsten Zahlen aus dem Jahr 2014 der elftwichtigste Investor zwischen Ägäis und Schwarzem Meer. Schweizer Firmen, die vor Ort investiert sind, blicken deutlich positiver auf die Wirtschaftslage als reine Exporteure wie Endress+Hauser oder Bühler Group, die Mühlen und Pasta-Maschinen am Bosporus vertreibt.
Vor Ort aktiv ist zum Beispiel Georg Fischer (GF). Der Schaffhauser Industriekonzern hat vor vier Jahren die Mehrheit am Istanbuler Rohrleitungshersteller Hakan Plastik übernommen, der mit gut 700 Mitarbeitern mehr als 100 Millionen Franken Umsatz macht. Rund ein Drittel der Kunststoffrohre geht in den Export. Zwar spürt GF die schwache Lira und die damit gestiegenen Rohstoffpreise. Den Margendruck federt das Unternehmen aber durch Effizienzmassnahmen und Preiserhöhungen ab. Insgesamt sei man mit der Entwicklung von Hakan zufrieden, sagt GF-Sprecher Beat Römer: „Die Türkei beziehungsweise die von Hakan Plastik belieferten Regionen sind Wachstumsregionen.“
Dabei fungiert die Türkei – aufgrund ihrer geopolitischen Vorteile – nicht nur bei GF als regionaler Hub. Der Baselbieter Spezialitätenchemiker Clariant betreibt beispielsweise sein regionales Headquarter für Afrika und den Mittleren Osten in der Industriestadt Gebze am Marmarameer.

„Von der Türkei überzeugt“
Insgesamt beschäftigt der Chemiekonzern rund 300 Mitarbeiter an vier Arbeitsstätten in der Türkei und plant auf April, die ansässigen Produktionskapazitäten von Bleicherden für die Speiseölindustrie hochzufahren. „Wir sind vom längerfristigen Potenzial der Türkei überzeugt“, sagt Sprecher Thijs Bouwens. Gerade auch im Bereich der Kunststoffadditive für die Automobilindustrie. Die Türkei sei bereits heute unter den Top-Zwanzig-Ländern für die „Automotive“-Branche vertreten.
Von dieser guten Weltmarktstellung profitiert auch die Winterthurer Autoneum. Der Fahrzeugzulieferer betreibt, gemeinsam mit einem türkischen Partner, in Anatolien ein Joint-Venture-Werk mit 180 Mitarbeitenden. Dort werden unter anderem Hitzeschilde für französische, japanische und deutsche Autobauer gefertigt. Autoneum produziert die Komponenten ausschliesslich für den Export. „Wir profitieren dementsprechend von der derzeit schwachen türkischen Lira“, sagt Sprecherin Anahid Rickmann und fügt an, dass die politische Instabilität bis heute keine Auswirkungen auf die Geschäftstätigkeit vor Ort habe.

Zunehmende Sicherheitsbedenken

Ganz so tiefenentspannt wie Autoneum sehen andere Akteure die Lage in der Türkei allerdings nicht. Investoren seien deutlich zurückhaltender geworden, sagt ein Insider, nicht erst seit dem Armeeputsch im letzten Juli: „Inzwischen herrscht praktisch Stillstand. Die Türkei-Euphorie der letzten Jahre ist verflogen.“
Mit der aussenpolitischen Eskalation der letzten Wochen rückten vermehrt auch Sicherheitsbedenken in den Vordergrund. „Es gibt Firmen, die Türkei-Reisen ihrer Mitarbeiter sistiert haben.“ Dies einerseits aus wirtschaftlichen Gründen, „weil es in der Türkei derzeit nichts zu tun gibt“, und anderseits auch als „Vorsichtsmassnahme“.
So betont Nikolaus Kröger, der bei Endress+Hauser in der Geschäftsleitung sitzt, die Mitarbeitenden vor Ort agierten „mit erhöhter Vorsicht“, aber ohne Einschränkungen. „Jedoch sind Türkei-Reisen von ausländischen Spezialisten durch eine erhöhte Risikoeinstufung des Landes erschwert. Jeder Antrag für eine Reise in die Türkei benötigt bei uns derzeit intern eine zweite Genehmigung“, so Kröger.
Einige der Gesprächspartner wollen zum Thema Türkei nicht mit Namen in der Zeitung zitiert werden – zu gross ist die Furcht vor Repressionen durch staatliche Stellen. Andere hängen das Telefon nach Anrufen von Journalisten gleich wieder auf. Das Verhalten lässt erahnen, dass am Bosporus nicht nur geschäftlich schwierige, sondern auch politisch heikle Zeiten herrschen.
Ein Ja zum Präsidialsystem würde gewisse Unsicherheiten ausräumen.
2,8 Milliarden Franken
Direktinvestitionen So viel Kapital haben Schweizer Unternehmen 2014 in der Türkei investiert. Damit ist die Schweiz der elftwichtigste Investor. Seit 2016 unterstützt die Türkei ausländische Investoren mit tieferen Steuern und erleichterten Arbeitsbewilligungen.

Kantonaler Klüngel

Postfinance Die Schamesröte müsste es den sogenannt liberalen Ständeräten ins Gesicht treiben, dass sich mit Roberto Zanetti ausgerechnet ein Sozi für eine „Deregulierung des Finanzplatzes“ ins Zeug legt. Der Solothurner fordert gleich lange Spiesse für die Postfinance gegenüber den Inlandsbanken. Der gelbe Riese soll hierzulande endlich auch Hypotheken und Kredite vergeben können, anstatt wie bisher mit Schweizer Kundengeldern ausländische Banken und Unternehmen zu finanzieren. Ein Umstand, der die systemrelevante Staatsbank zusehends aus dem Gleichgewicht bringt und die Erträge erodieren lässt. Mit Einführung der Negativzinsen hat sich dieser Geburtsfehler der Postfinance noch akzentuiert. Die einstige „Cashcow“ droht zum mageren Schlachtvieh zu verkommen.

Doch Zanettis freiheitliche Motion zugunsten eines fairen Wettbewerbs fiel bei der bürgerlichen Kommissionsmehrheit im Ständerat glatt durch. Erneut entpuppt sich deren liberale Gesinnung als Feigenblatt. Es dominieren die Partikularinteressen. Und was läge da näher, als das fette Hypo-Geschäft der eigenen Kantonalbanken vor dem gelben Riesen zu schützen? Sekundiert wird dieser fatal-förderale Protektionismus von den Grossbanken und der Raiffeisen-Gruppe, die mittlerweile die fünftgrösste Parlamentsfraktion stellt. Diese unheilige Allianz foutiert sich um einen fairen Wettbewerb.

Magistrales Schulterzucken

UBS Frankreich Das Elysée lässt die Bluthunde los, während Bundesbern den Kotau macht. So lautet die politische Kurzzusammenfassung des seit Jahren schwelenden Steuerstreits zwischen Frankreich und der UBS. Da wird die grösste Schweizer Bank und weltgrösste Vermögensverwalterin von der Grande Nation aufs Gröbste öffentlich vorgeführt und mit überrissenen Milliardenforderungen eingedeckt, derweil sich die Berner Diplomatie in behördlichem Schulterzucken übt – statt endlich ein zwischenstaatliches Powerplay aufzuziehen, um Bank und Bankenplatz zu schützen.

Nur dass wir uns richtig verstehen: Dass der französische Staat die Steueroasen seiner Bürger ausräuchert, geht in Ordnung. Aber: C’est le ton qui fait la musique. Orchestrierte Indiskretionen und konzertierte Druckversuche in der Pariser Presse lassen an einem unabhängigen Strafverfolgungsund Justizapparat in Frankreich zweifeln. Dass der Steuerprozess gegen die UBS nun ausgerechnet mitten im französischen Präsidentschaftswahlkampf angesetzt wird, nährt ebenfalls den Verdacht der Politjustiz. Die regierenden Sozialisten wollen die UBS zum Sündenbock machen und auf billige Weise die klammen Staatskassen füllen. Es ist deshalb höchste Zeit, dass Finanzminister Ueli Maurer in Paris den Puls fühlt. Wenn Politik und Banken jetzt nicht intervenieren, droht eine Wiederholung des Steuerdebakels à l’américaine.

Liaisons dangereuses

UBS Die Bank muss in Frankreich Anfang Jahr wegen Steuerdelikten vor Gericht. Der Milliarden-Fall wird mitten im Wahlkampf verhandelt. Es droht ein Justiz-Spektakel.

Die Zeitung Le Monde wusste es zuerst: Der französische Untersuchungsrichter Guillaume Daïeff habe seine Ermittlungen gegen die Grossbank UBS und ihre französische Tochter wegen Beihilfe zur Steuerhinterziehung, Geldwäscherei von Erträgen aus Steuerbetrug und wegen illegaler Kundenanwerbung abgeschlossen, schrieb das Blatt Anfang Monat.

Dumm nur: Die UBS wusste nichts davon. Die Grossbank erfuhr aus der Zeitung vom Abschluss. Schlimmer noch, mit der Publikation brisanter Details in der Presse führt man in Frankreich das im Gesetz verankerte Untersuchungsgeheimnis ad absurdum.

Mit dem Abschluss der Untersuchung kommt für die UBS das Frankreich-Dossier nun in die heisse Phase. Ein Prozess gegen die weltgrösste Vermögensverwalterin lässt sich kaum abwenden. Denn mit dem sogenannten réquisitoire ist die Option, das Verfahren einzustellen, definitiv vom Tisch.

Bleibt noch die Möglichkeit eines Vergleichs bis zum Erhalt der sogenannten ordonnance de renvoi. Jenes Dokuments mit Anklagepunkten, das Untersuchungsrichter Daïeff ans Gericht weiterleitet. Das französische Recht sieht allerdings – anders als beispielsweise das amerikanische – keinen Vergleich ohne Schuldeingeständnis vor. Würde sich die UBS in Frankreich schuldig bekennen, hätte dies verheerende Konsequenzen für die Grossbank als Ganzes. Als erneut verurteilte kriminelle Organisation würde die UBS nämlich in den USA gewissen regulatorischen Hürden ausgesetzt, die ihr US-Geschäft signifikant beeinträchtigen könnten. Unklar wäre auch, wie sich ein solches Schuldeingeständnis mit dem laufenden Projekt einer zentralen Europabank verträgt.

Als sei die rechtliche Lage für die UBS in Frankreich nicht schon verzwickt genug, betreiben die Medien der Grande Nation ein regelrechtes Kesseltreiben gegen die Schweizer Grossbank.

Indiskretionen am Laufmeter

Vom Beginn der Untersuchungen, der mise en examen, erfuhr die UBS aus den Spalten der Finanz-Zeitung Les Echos. Autorin war Valérie de Senneville, die Ex-Gattin des amtierenden Finanzministers Michel Sapin.

Dazu muss man wissen: Michel Sapin befehligt die Steuerbeamten, die den französischen Steuerhinterziehern in den letzten Jahren die Hölle heissmachten, während sich die Justiz deren angebliche Helfershelferin, die Schweizer UBS, vorknöpfte.

Selten habe der Begriff réquisitoire derart gut gepasst wie zum Schreiben der Parquet National Financier (PNF), der Staatsanwaltschaft für Wirtschaftsdelikte, trommelte Le Monde Anfang Monat. Die Anklage sei von einer extremen Härte.

Für die UBS läuft nun eine 30-tägige Frist, in der die Bank zum réquisitoire Stellung nehmen kann. Die Frist endet am 4. August. Le Monde schreibt von einem 126-seitigen Dokument, in dem das Schema eines gigantischen Steuerbetrugs rekonstruiert worden sei. Die Zeitung zitiert den Parquet National Financier (PNF), wonach die Untersuchung zahlreiche Beweiselemente, namentlich Zeugenaussagen, gesammelt habe. Sie zeigten die sehr häufige Anwesenheit von UBS-Kundenberatern auf französischem Terrain, um dort Kunden zu treffen und Operationen vorzunehmen, die für den Tatbestand der illegalen Kundenanwerbung relevant seien. Die Zeugenaussagen seien konstant und konvergent.

Die der Handelszeitung vorliegenden Informationen ergeben ein deutlich anderes Bild. Das Dokument soll salopp formuliert und fehlerhaft sein. Von einer kohärenten Beweisführung soll man weit entfernt sein.

UBS als Wahlkampfthema

Fragwürdig auch: Das Schuldeingeständnis von Patrick de Fayet, der einstigen Nummer zwei der UBS Frankreich. Das Eingeständnis soll dazu geführt haben, dass Untersuchungsrichter Guillaume Daïeff Ende Juni seine Arbeit abschliessen konnte.

Nur: Der Überläufer hatte stets beteuert, dass es nicht zu kriminellen Machenschaften gekommen war. De Fayet soll dies auch mehrfach gegenüber den Bankjuristen und den Untersuchungsbehörden versichert haben, hat die Handelszeitung erfahren.

Bleibt der Berechnungsschlüssel für die Busse. Jene mindestens 5 Milliarden Euro, die der Parquet National Financier (PNF) über Le Monde in die Welt setzte. Offenbar handelt es sich bei den 5 Milliarden um eine Busse, die sich an den von der UBS damals verwalteten französischen Offshore-Vermögen in der Schweiz bemisst. Und nicht – wie zu erwarten wäre – an der Höhe der tatsächlich hinterzogenen Steuern. Zum Vergleich: Die UBS zahlte 2014 Deutschland 300 Millionen Euro wegen Steuerdelikten. Das deutsche Offshore-Geschäft der Grossbank war dreimal so gross wie jenes mit der Grande Nation. Ein Bussgeld bis 100 Millionen Euro wäre also adäquat.

Die Frankreich-Saga der UBS ist also voller Unstimmigkeiten. Ob sie die Justiz zur Raison bringen wird, ist fraglich. Aussagen des Genfer Anwalts Charles Poncet, welcher 2006 eine Schweizer Bank in Versailles vertrat, lassen das Schlimmste befürchten: Ich hatte das Gefühl, im Jahr 1930 einen Schwarzen in Alabama zu verteidigen, der angeklagt war, eine weisse Frau vergewaltigt zu haben. Die Atmosphäre war unerträglich. Man sei schuldig bis zum Beweis des Gegenteils. Die Frage sei deshalb, ob die französische Justiz überhaupt Beweise gegen die UBS brauche.

Die letzte Hiobsbotschaft aus Frankreich ist, dass der Prozess vorgezogen werden soll. Wieder eine Indiskretion aus dem linksliberalen Eliteblatt Le Monde. Der Prozess soll nun im ersten Quartal des nächsten Jahres stattfinden, mitten im Präsidentschaftswahlkampf. Die Absicht ist klar: Die amtierende sozialistische Regierung will die UBS zum Wahlkampfthema machen.

Schwer vorstellbar, dass es unter diesem Umständen auf einen Freispruch hinauslaufen wird. Unnötig zu sagen: Die UBS-Verantwortlichen erfuhren auch davon aus der Zeitung.

Schwer vorstellbar, dass es unter diesem Umständen auf einen Freispruch hinauslaufen wird. Unnötig zu sagen: Die UBS-Verantwortlichen erfuhren auch davon aus der Zeitung.

UBS und Co. riskieren ihren Ruf

Staatsfonds Nun hat es auch die UBS erwischt. Die grösste Schweizer Bank soll Milliarden Dollar dubioser 1MDB-Gelder verschoben haben. Es ist die jüngste Hiobsbotschaft im Korruptionssumpf rund um den malaysischen Staatsfond, dessen illustres Personal zahlreiche Schweizer Institute bereitwillig hofierten. Die Komplizenschaft des Swiss Banking im 1MDB-Skandal ist keine Petitesse, die Klientelwirtschaft in Kuala Lumpur kein Einzelfall. Vielmehr bergen die über 30 Staatsfonds, in denen zusammen mehr als 7 Billionen Dollar stecken, für Banken beträchtliche Sorgfaltrisiken.

Seit den Nullerjahren ist die Zahl an Sovereign Wealth Funds (SWF) stark angewachsen. Nährboden für die staatlichen Investment-Kollosse – zumeist in Asien, dem Mittleren Osten und Afrika angesiedelt – waren und sind die Rohstoff-Bonanza beziehungsweise die daraus resultierenden Exportüberschüsse der jeweiligen Volkswirtschaften.

Staatliches Finanzvehikel gegen den Rohstoff-Fluch

Die SWF sollen den Ländern als Puffer dienen, um die einseitig ausgerichteten Volkswirtschaften gegen Rohstoff-Fluch und Schweine-Zyklen auf dem Weltmarkt zu schützen. Nachfolgenden Generationen soll der aus den Überschüssen gespiesene Kapitalstock den Wohlstand sichern. Und mit Direktinvestments, zum Beispiel in die Infrastruktur, hat der SWF in vielen emerging markets eine zentrale Rolle, die eigene Wirtschaftsbasis zu verbreitern und zu diversifizieren.

Was also auf dem Papier durchaus Sinn ergibt, ist im Realitäts-Check notorisch anfällig für Korruption und Zweckentfremdung. Der Staatsfond als Honigtopf ist oft zu verlockend. Schliesslich sind in Kleptokratien die chinesischen Mauern zwischen Regierung und SWF marode. Ob Malaysia, Libyen oder China – in den letzten Jahren gab es zahlreiche Fälle von Vetternwirtschaft und Missmanagement bei SWF. Mittendrin waren stets internationale Banken, welche sich als Asset Manager und Dealmaker andienten. Schliesslich locken grosse Volumina und satte Gebühreneinnahmen. Dieses Milliardengeschäft lassen sich auch Schweizer Institute nicht entgehen: Wer weiss schon, dass die UBS für den Staatsfonds im fernen Aserbaidschan das milliardenschwere Aktienportfolio verwaltet? Oder dass in Zug der verschwiegene Asset Manager des angolanischen Staatsfonds sitzt?

Saubere Transaktionen von illegitimen Geldflüssen unterscheiden

Diese Finanzgeschäfte mit dem SWF mögen durchaus legitim sein, doch die Regimes in vielen Schwellenländern sind es definitiv nicht. Dem Klientelismus kann sich auch das Swiss Banking nicht entziehen, wie der 1MDB-Fall gezeigt hat: Saubere Transaktion von illegitimen Geldflüssen zu unterscheiden, wird zum Vabanque-Spiel.

Es ist deshalb mehr als Warnung denn als Hinweis zu verstehen, wenn Finma-Chef Mark Branson sagt, mit dem stark wachsenden Business in Schwellenländern hätten die Geldwäschereirisiken massiv zugenommen. UBS und Co. riskieren im Geschäft mit SWF ihren Ruf.

Brexit oder das EU-Einfallstor schliesst sich

Brexit Alexis P. Lautenberg ist Cheflobbyist der Schweizer Grossbanken – UBS und Credit Suisse – bei der Europäischen Union und zugleich Präsident der britisch-schweizerischen Handelskammer. Der Ex-Diplomat kennt die Politmechanik in Brüssel und Britannien aus dem Effeff. Lautenberg glaubt nicht, dass der Finanzplatz London kurzfristig einen Exodus an Schweizer Banken erleben wird. Aber, so Lautenberg: Viele Institute nehmen den Brexit zum Anlass, ihre eigene Präsenz in Europa zu überdenken. Denn London als Einfallstor in die EU schliesst sich mit dem Brexit teilweise oder ganz. Die Banken wälzten seit geraumer Zeit Szenarien, sagt Günther Dobrauz, Experte für Finanzmarktregulierung bei PwC: Aufgewacht sind die Institute mit dem Referendum über den Austritt Schottlands aus Grossbritannien.

So hat beispielsweise die UK-Tochter der Credit Suisse, die in London gut 6000 Beschäftigte zählt, seit vergan genem Jahr eine Brexit Working Group eingerichtet. Diese versuche, die möglichen operationellen Auswirkungen für die CS-Geschäfte im Vereinigten Königreich und in der Europäischen Union abzumildern, schreibt die Grossbank in einer Stellungnahme. Auch für Konkurrentin UBS ist London mit gut 5500 Beschäftigten ein wichtiger Finanz-Hub. Über die Tochter UBS Limited steuert die Grossbank von der City aus ihren Investment-Banking-Arm unter Führung von IB-Chef Andrea Orcel. Im vergangenem Jahr generierte die UBS Limited ein operatives Ergebnis von 727 Millionen Pfund. Die britische Investment-Bank-Tochter dient dabei auch als Einfallstor in die Europäische Union mit eigenen Zweigstellen in Deutschland, Polen, Schweden und den Niederlanden. Erst Anfang dieses Jahres hat sich die UBS Limited auch die italienische Investment-Bank-Tochter einverleibt und in Mailand eine Filiale eröffnet.

Äquivalenz a gogo

Dieses EU-Filialnetz der britischen UBS Limited steht mit dem Brexit auf dem Prüfstand, denn das Vereinigte Königreich könnte den Zugang zum EU-Finanzmarkt verlieren und müsste fortan auf eine äquivalente Anerkennung seitens Brüssel hoffen. PwC-Experte Dobrauz sieht grosse Rechtsunsicherheiten aufziehen: Es gibt EU-Vorschriften, die im britischen Recht umgesetzt wurden. Andere Vorschriften wie die Mifid-Regulierung entstammen direkt dem Mitgliedschaftsvertrag: Wenn der gekündigt wird, fällt man regulatorisch in ein schwarzes Loch. Umgekehrt bietet der Brexit aber auch Chancen, indem die Schweiz mit Grossbritannien – ohne institutionellen Ballast – ein Finanzdienstleistungsabkommen aushandeln kann. Wir könnten uns so den Briten stärker als der EU annähern, sagt Brüssel-Lobbyist Lautenberg.

Ueli der Banker

Finanzplatz Für Peter Guy sind die Schweizer Banken faktisch am Ende. Der Kolumnist der renommierten South China Morning Post sieht im unrühmlichen Ende der Tessiner BSI die letzte Zuckung eines moribunden Finanzplatzes: BSI markiere das Ende der Geschichte für die Schweizer Bankenindustrie, keift der Finanzjournalist in Hongkongs grösster englischsprachiger Tageszeitung.

Guys tendenziöser Tiefschlag ist symptomatisch für das schlechte Image des Swiss Banking in der Welt: Der hiesige Finanzplatz gilt nicht erst seit dem BSI-Skandal als Hort für Steuergauner, Geldwäscher und Ganoven aller Art. Dies, obwohl sich die Schweiz längst als Musterschülerin im Umgang mit schmutzigen Geldern sieht.

Die klaffende Lücke zwischen Wahrnehmung und Realität wollen Bundesbern und die Bankbranche im Ausland nun mit vereinten Kräften schliessen. Finanzminister Ueli Maurer erklärt dabei die Imagepolitur des Swiss Banking in der weiten Welt zur Chefsache. Wir verfolgen das Ziel einer stärkeren Förderung des Finanzplatzes im Ausland, sagt Beat Werder vom Staatssekretariat für internationale Finanzfragen (SIF). Die Schweiz habe in den letzten Jahren grosse Anstrengungen unternommen, um die internationalen Standards in der Geldwäschereibekämpfung und der Steuerkonformität zu erfüllen. Wir möchten das in Zukunft vermehrt im Ausland thematisieren.

Wie Maurer und das SIF konkret die regulatorischen Meriten im Ausland nun besser vermarkten wollen, soll im Herbst feststehen, wenn der Bundesrat die neue Finanzmarktstrategie präsentiert. Vorgesehen ist, dass die Auftritte von Ueli Maurer im Ausland als Plattform für die Banken dienen sollen, um für die Standortvorteile des Schweizer Finanzplatzes zu werben. Zugleich bereitet die Schweizerische Bankiervereinigung (SBVg) ein eigenes Programm vor. Wir entwickeln zurzeit verschiedene Konzepte, wie wir den Finanzplatz im Ausland vermarkten wollen, sagt SBVg-Sprecher Thomas Sutter.

Die Bankiervereinigung hat kürzlich Deloitte damit beauftragt, die Verbandsmitglieder zu befragen, welche Promotionsbedürfnisse im Ausland überhaupt bestehen. Dabei ist klar, dass die exportorientierten Vermögensbanken stärker von der internationalen Imagepolitur profitieren würden als Retail- oder Regionalbanken. Wer wie viel an die Promotion zahlt, ist im Verwaltungsrat der SBVg derzeit noch umstritten. Es gelte, Trittbrettfahrer zu vermeiden, sagt ein Involvierter.

Aussenposten zur Kontaktpflege

Pierin Vincenz gilt als Favorit fürs Präsidentenamt bei der Bankiervereinigung. Und der Helvetia- und Leonteq-Präsident hat bereits konkrete Ideen, wie sich die Finanzbranche im Ausland besser vermarkten könnte. Wir brauchen Aussenposten fürs Swiss Banking, zum Beispiel in Konkurrenzmärkten wie Singapur oder London. Es gehe darum, die physische Präsenz in wichtigen Regionen zu erhöhen, so der frühere Raiffeisen-Chef.

Gerade im asiatischen Raum sei die Kontakt- und Imagepflege essenziell. Die Bankenbranche und die Politik müssen gegenüber dem Ausland stärker als Einheit auftreten. Der Spitzenbanker denkt an gemeinsame Reisen und Auftritte: Der Bundesrat sei bislang im Rahmen von Wirtschaftsdelegationen zusammen mit Industrievertretern in Zielmärkte gereist. Solchen Delegationen sollten künftig auch vermehrt Spitzenvertreter des Finanzplatzes angehören. Dabei müsse man auf traditionelle Schweizer Stärken wie Rechtssicherheit, politische Stabilität und Geschäfts-Know-how setzen.

Der Zeitpunkt für eine Werbeoffensive ist gut. Die Einführung des Automatischen Informationsaustausches (AIA) steht vor der Tür. Sie markiert für Banken wie Politik eine Zäsur – und die Gelegenheit, aus dem Abwehrmodus herauszufinden. In den letzten Jahren hat man sich unter massivem Druck schrittweise an internationale Standards angepasst – und möchte sich nun auch im Ausland als Vorreiterin im Kampf gegen Geldwäscherei und Steuerbetrug präsentieren.

Bund als Marketingklammer

Das ist neu: Liess seine Vorgängerin Eveline Widmer-Schlumpf keine Gelegenheit aus, um Distanz zum Finanzplatz zu markieren, weht nun ein anderer Wind durch den Bernerhof. Bundesrat Maurer will die Imagepolitur im Ausland Hand in Hand mit den Banken angehen. Eine zentrale Rolle kommt dem Staatssekretariat für internationale Finanzfragen zu. Jahrelang hatte die Behörde alle Hände voll damit zu tun, die Steuerkonflikte mit den USA und der EU zu lösen. Jetzt sind die drängendsten Brandherde gelöscht. Und das Amt sucht nach einer neuen Raison d’être. Die Planung der Vermarktungsaktiväten als zusätzliche Aufgabe kommt den SIF-Beamten da gerade gelegen.

Zu koordinieren gibt es viel. Denn auch Präsenz Schweiz, die Imageagentur des Bundes, soll künftig für den Finanzplatz die Werbetrommel rühren. Präsenz-Schweiz-Chef Nicolas Bideau möchte nach eigenen Angaben die Botschaft eines wettbewerbs fähigen, attraktiven und gleichzeitig transparenten Finanzplatzes vermitteln. Diese Botschaft soll in die neue Strategie Landeskommunikation 2016 – 2020 einfliessen.

Die Bankiervereinigung hat derweil bereits erste Gespräche mit der Förderagentur Switzerland Global Enterprise (S-GE) aufgenommen. Schliesslich winkt ein globales Netzwerk an Aussenstellen. Neben Biotech, MEM oder ICT wäre es möglich, auch den Finanzsektor als Schwerpunktbranche in unser Mandat aufzunehmen, erklärt S-GE-Chef Daniel Küng. Man sei jederzeit offen, gemeinsam mit Bund und Kantonen an der Entwicklung einer entsprechenden Strategie mitzuarbeiten.

Wie der Staat erfolgreich den Bankenplatz fördert, das machen ausländische Konkurrenten vor. In Luxemburg betreiben Regierung und Banken gemeinsam eine Promotionsagentur für den Finanzplatz. In Singapur sind Finanzministerium, Aufsicht und Nationalbank gar unter einem Dach – und alle Einheiten verstehen sich als Vermarkter des eigenen Finanzplatzes. Auch wenn sich das Modell nicht telquel auf unsere föderalen Strukturen übertragen lässt: Im Grundsatz ist diese Zusammenarbeit zwischen Banken und Politik vorbildlich, sagt dazu der frühere Raiffeisen-Chef Vincenz.

Auch CVP-Ständerat Pirmin Bischof, zugleich Präsident der parlamentarischen Gruppe der Inlandbanken, ist voll des Lobes für den südostasiatischen Stadtstaat: Wir können von Singapur lernen. Nicht zuletzt, weil von der Bankenbranche kein homogenes Auftreten im Ausland zu erwarten sei, sei es zu begrüssen, wenn der Bund als Marketingklammer des Finanzplatzes auftrete. Dass Finanzminister Maurer mit Bankenvertretern und Finma-Chef Mark Branson auf Roadshow im Ausland auftrete, könnte er sich durchaus vorstellen.

Die Schweiz im Krimi-Plot

Nicht überall teilt man diesen Enthusiasmus. Der Expertengruppe um Professor Aymo Brunetti würden solche Massnahmen zu weit gehen. Sie empfiehlt in ihrem Bericht zur künftigen Finanzmarktstrategie zwar eine stärkere, prominentere Vermarktung des Finanzplatzes im Ausland. Die Imagepflege soll jedoch in erster Linie durch die Industrie wahrgenommen werden. Es widerspricht dem Wesen der Schweiz, Industriepolitik zu betreiben, sagt ein hochrangiges Mitglied der Expertengruppe. Die Stossrichtung des Bundes müsse sich darauf beschränken, gute Rahmenbedingungen zu schaffen – und darüber objektiv zu informieren. Das Ziel müsse sein, dass die Schweizer Banken in zehn Jahren nicht automatisch in jedem Krimi vorkommen, bei dem es um Geldwäscherei und Steuerbetrug gehe. Dazu brauche es aber mehr als ein paar Kampagnen.

Die Schweiz sieht rot

China  Sulzer und ABB geschäften seit über 100 Jahren im Reich der Mitte. CS und UBS liessen sich in den 1980er- beziehungsweise frühen 1990er-Jahren in der Volksrepublik nieder. Die Liste an Schweizer Konzernen, die erfolgreich in China investiert sind, liesse sich beliebig fortführen.

Nun aber schwenkt der ost-westliche Kapitalstrom um. Die Werkbank der Welt sitzt auf einem Berg an Cash aus goldenen Exportjahrzehnten. Gleichzeitig schwinden die Opportunitäten im Riesenreich. Die gelenkte Transformation hin zur nachfrageorientierten Dienstleistungsgesellschaft drückt aufs Tempo. Die Wirtschaft kühlt ab. Die staatlichen Konjunkturspritzen wirken stumpf. Das Regime in Peking agiert zusehends dünnhäutig und repressiv. Der Volksrepublik steht ein langwieriger und schmerzhafter Anpassungsprozess bevor.

Derweil sorgen sich solvente Staatskapitalisten um die Abwertung des Yuan. Das Pulver droht feucht zu werden, bevor die Übernahme-Kanone geladen ist. Fiebrig gehen Chinas Riesen deshalb auf globale Shopping-Tour. Diversifikation lautet die Losung. Im Visier sind value assets, Vorzeigeindustrien. Es vergeht keine Woche, in der nicht Privatbanker, Hoteliers oder Industrieunternehmer von Sino-Investoren angegangen werden. Bereits befinden sich über 80 Schweizer Firmen in chinesischer Hand. Statt über den Ausverkauf der Heimat zu lamentieren und sich ins Ideologie-Reduit zu flüchten, sollten wir die fernöstlichen Avancen begrüssen. Globalisierung ist keine Einbahnstrasse. Vom offenen, gegenseitigen Austausch mit der künftigen Supermacht kann die Schweiz nur profitieren.