Kategorien
Handelszeitung Meinung

Nur Swissquote kann Yuh-beln

Yuh Die neue Smartphone-Bank Yuh von Postfinance und Swissquote überzeugt. Doch nur der Online-Broker darf sich freuen.

Die Postfinance und Swissquote lancieren gemeinsam eine Smartphone-Bank namens Yuh. Prima vista überzeugt die Banking-App zum «Zahlen, Sparen und Investieren». Die vornehmlich jüngere Zielgruppe kriegt eine Gratis-Debitkarte ohne Kontoführungsgebühren sowie eine ordentliche Portion «Gamification» geliefert.

Das spielerische App-Bonus-Programm basiert beispielsweise auf einer eigenen Kryptowährung namens Swissqoin, die auch unter Usern  getradet werden kann. Überhaupt steht der spielerische Handel im Zentrum dieser Hosentaschen-Bank: Ob in Kryptowährungen spekulieren oder auf heisse Einzelaktien wetten, Yuh atmet durch und durch den Daytrader-Geist der Swissquote. 

Für Swissquote ist Yuh eine Riesenchance

Womit wir beim Problem wären: der Postfinance. Der gelbe Finanzriese ist bei der App-Bank nicht bloss nur technologischer Juniorpartner. Schlimmer noch: Postfinance tritt mit der neuen App praktisch das Geschäft mit den Kundschaft von Morgen an Swissquote ab.

Für die Waadtländer Onlinebroker ist dies eine Riesenchance, Junge ans Onlinetrading heranzuführen. Für die Berner Staatsbank dagegen ist Yuh das fatale Eingeständnis, aus eigener Kraft keine zukunftsträchtige Smartphone-Bank entwickeln zu können.

Neuer Postfinance-Präsident muss Antworten liefern

Es stellt sich ernsthaft Frage, mit wem und mit was die Postfinance in Zukunft überhaupt noch Geld verdienen möchte. Der ehemalige Swisscard-Chef und frisch gewählte Postfinance-Präsident Marcel Bührer muss nun antworten liefern. Und zwar rasch. 

Kategorien
Handelszeitung Meinung

Super League – Fussball ist eben nicht Soccer

Super League Sie ist die grösste Bank der Vereinigten Staaten, JP Morgan. Und ihr Führungspersonal um die Wall-Street-Legende James «Jamie» Dimon offenbarte unlängst, wie wenig sie Europa verstehen. In einem Anflug von amerikanischem Kulturimperialismus hat der New Yorker Finanzkoloss mit seinen Plänen für eine abgehobene «Super League» den grössten Shitstorm in der jüngeren Geschichte des europäischen Vereinsfussballs entfacht.

Dieser Empörungssturm entlud sich zwar zu Recht an den «Super League»-Clubs selbst, von Manchester City über Juventus Turin bis zum FC Barcelona. Doch für die haarsträubende Idee eines stehenden Elite-Wettbewerbs, jenseits aller Ligastrukturen, sollten die hoch bezahlten Investment-Banker von JP Morgen eigentlich geteert und gefedert werden.

Europas Fussball ist mehr als ein Zeitvertreib für reiche Clubeigner wie die Super League

Denn Europas Fussball ist eben nicht Soccer. Und auch nicht Baseball, American Football oder Basketball. Die FC auf dem alten Kontinent führen gerade keinen Profiliga-Klimbim auf, bei dem die Fans in heruntergekühlten Sponsor-Arenen blosse Claqueure für die Pay-TV-Kundschaft an den Bildschirmen zu Hause sind. Europas Fussball ist auch kein x-beliebiger Entertainment-Zirkus, dessen Spielregeln sich nach den Bedürfnissen der Werbebetreibenden zu verbiegen haben. Und es ist auch kein blosser Zeitvertreib für schwerreiche Clubbesitzer, die mit ihren NBA- oder NFL-Franchisen jonglieren, als seien sie Daytrader an der Börse.

Vereine sind, von ihrer Definition, nichtkommerzielle Organisationen

Das Gegenteil ist der Fall. Europas Fussball hat gewachsene Strukturen, von denen die JP-Morgan-Banker wahrscheinlich noch nie etwas gehört haben. Europas Fussball ist tief verwurzelt in den gemeinnützigen Ballsport-Vereinen, die im ausgehenden 19. Jahrhundert auf dem Kontinent in mannigfaltiger Form entstanden sind. Vereine sind, von ihrer Definition her, nichtkommerzielle Organisationen.

Es sind Zusammenschlüsse Gleichgesinnter, die gemeinschaftlich demselben Zweck frönen. Eingebettet sind sie zumeist in Verbandsligen, die ganz Europa vom Amateur-Gebolze bis zum filigranen Profitum durchdringen. «For the love of the game», wie es so schön heisst. Insofern haben die «football clubs» europäischer Ausprägung eben auch soziale und gesellschaftliche Verpflichtungen wie die Nachwuchsförderung oder die Pflege der Fankultur, jenseits aller monetären Inzentivierung.

Die Super League – ein Kommerzprodukt, für Asiens Fanmassen konfektioniert

Und damit sind sie so ziemlich genau das Gegenteil dessen, was JP Morgan mit ihren «Super League»-Plänen bezweckte. Nämlich einen europäischen Klon einer US-Profiliga zu schaffen. Ein Kommerzprodukt, prima verwertbar für die Massen asiatischer und amerikanischer Soccerfans, welche Ronaldo oder Messi nur von der Mattscheibe her kennen. Ein solches Produkt mag – auf dem Papier – den JP-Morgan-Bankern einen attraktiven Return auf ihrer 4-Milliarden-Euro-Upfront-Zahlung bescheren. Wie der Aufruhr gezeigt hat, hält die Super-League-Idee dem Realitätstest jedoch nicht stand.

Kategorien
Beitrag Handelszeitung

Centricus – Burgeners Masterplan

Fussball Der Anlagefonds Centricus greift nach der Champions League. Mittendrin ist Bernhard Burgener, Uefa-Vermarkter und FC-Basel-Eigner.

Die Meldung hat Sprengkraft. Ein Dutzend europäische Spitzenvereine will eine eigene «Super League» formieren. Die Sezession der Fussballriesen stellt den Fortbestand der milliardenschweren Champions League infrage. Die Uefa hat deshalb reagiert. Der Europaverband will mit dem britischen Anlagefonds Centricus ein 6-Milliarden-Euro-Paket schnüren, um seinen Meistercup aufzupolieren und der drohenden Super League ein Bein zu stellen.

Centricus? Dieser Name bewegt derzeit nicht nur das globale Fussballbusiness. Der 30-Milliarden-Anlagefonds aus London erhitzt seit Monaten auch die Gemüter in der Nordwestschweiz – will Centricus sich doch erklärtermassen am FC Basel beteiligen, wie die «Handelszeitung» im letzten Sommer enthüllte. Nun zeigen Recherchen immer deutlicher: Die beiden Ereignisse, also Centricus’ Griff nach der Champions League (CL) und jener nach dem Basler Traditionsverein, hängen zusammen. Dabei ist Centricus wohl nicht in erster Linie am mässig erfolgreichen FC Basel interessiert, sondern vor allem an Bernhard Burgeners Sportrechtegeschäft.

Akut gefährdet

Zum Reich des Baselbieter Medienunternehmers gehört neben dem FCB auch eine Firma namens Team Marketing. Die Tochterfirma aus Burgeners Highlight-Gruppe (siehe Grafik) vermarktet für die Uefa seit Jahren erfolgreich die CL. Allerdings ist Burgeners lukrativer Deal jeweils nur befristet gültig. Derzeit würden die Verhandlungen für die Periode ab 2024 laufen, wie ein Insider sagt. «Im August müsste der neue Vertrag unter Dach und Fach sein.» Mehr als einmal wurde Bernhard Burgener deswegen zuletzt in Nyon gesichtet, wo die Uefa zu Hause ist. Eine Konkurrenzveranstaltung zur CL, wie es die Super League wäre, kommt da zur Unzeit für Uefa-Auftragnehmer Burgener.

«Die zwölf abtrünnigen Spitzenclubs sind die halbe Miete für die Champions-League-Franchise», sagt ein Marketingmann. Burgeners Erlöse aus dem CL-Marketing im zweistelligen Millionenbereich wären so also akut gefährdet. Angesichts dieser Gemengelage spricht vieles dafür, dass Centricus’ Beteiligungsnahme am FCB eben nur ein Neben-Deal in einem grossen Masterplan zwischen Bernhard Burgener und dem britischen Milliarden-Fonds ist. «Wir wollen in dieser Region weiter investieren», erklärte Centricus-Gründer Dalinc Ariburnu kürzlich vielsagend in der «Schweiz am Wochenende». Dazu könnte auch Burgeners Highlight-Gruppe mit Sitz in Pratteln BL gehören.

Centricus und Burgener – Alte Bekannte

Das ungleiche geschäftliche Tandem – Burgener und Centricus – mag Aussenstehende verblüffen. Angebahnt hat es sich jedoch schon vor Jahren: Spätestens seit 2018 kennt und schätzt man sich. Damals wollte Centricus für den Weltfussballverband Fifa die «Nations League» finanzieren. Eine Art Konkurrenzveranstaltung zur CL, aber auf globaler Ebene. Beim 25-Milliarden-Projekt soll sich gemäss mehrerer Insider Burgeners Firma Team für die Vermarktung der Fussballrechte interessiert haben, was einem Verrat an der Uefa gleichgekommen wäre.

Die Nations-League-Avancen sind nur ein Beispiel dafür, wie Burgener seit längerem mehr aus dem Sportrechtegeschäft zu machen versucht. 2017 scheiterte sein Plan, dem Ringier-Verlag, der auch an der «Handelszeitung» beteiligt ist, den «Blick» abzukaufen. Die Offerte sah eine Sportvermarktungsplattform vor – und das, noch bevor Burgener beim FCB eingestiegen war. Die beteiligten Akteure sind alte Bekannte: Das Organigramm nennt nicht nur Centricus-Vermittler Walter de Gregorio, sondern auch PR-Berater Aloys Hirzel. Beide sind bis heute in Burgeners aktuelle Beteiligungspläne involviert.

Russischer Investor Migushov

Neuer Dreh- und Angelpunkt ist die geheimnisvolle Briefkastenfirma Basel Dream & Vision AG, mit deren Hilfe Centricus beim FC Basel einsteigen soll. Sie wurde nur wenige Tage nach einer Kapitalerhöhung in Burgeners Highlight-Gruppe gegründet. Am 10. Dezember 2020 beschaffte sich die Highlight Event and Entertainment AG über den russischen Investor Igor Migushov frisches Kapital und zahlte damit teilweise Burgener aus. Dieser reduzierte seine Beteiligung und löste damit wohl etwa 3 Millionen Franken. Am 11. Dezember wurde das Kapital der Basler Briefkastenfirma erhöht und die heutige Aktionärsstruktur geschaffen, wobei inzwischen zwei Statthalter von Burgener beziehungsweise von Centricus den Verwaltungsrat stellen.

Das Engagement des britischen Anlagefonds könnte dabei über Burgeners Event- und Sportimperium hinausreichen: Gemäss zweier Quellen soll Centricus demnach auch im Gespräch sein mit James Murdoch, Sohn des australischen Medienmoguls und Ankeraktionär der Basler Messebetreiberin MCH Group. Pikanterweise ist die MCH Group ebenfalls mit wenigen Prozenten an Burgeners FC Basel Holding beteiligt. James Murdoch ist auch der frühere Chef des TV-Senders «Sky», der wiederum Partner von Burgeners Highlight-Gruppe ist. So werden offenbar viele Constantin-Filme über die deutschen Sky-Sender abgesetzt, wie aus den Highlight-Geschäftsberichten hervorgeht. Dass sich MCH zuletzt vom Messegeschäft weg- und zu neuen «Live-Entertainment»-Veranstaltungsformen hinbewegt hat, brachte diese nicht zuletzt näher zu Firmen wie Highlight, die auch hinter Events wie dem «European Song Contest» steht.

Langjähriger Partner mit Centricus

Für Burgener steht viel auf dem Spiel: Der Worst Case wäre wohl das Zustandekommen der neuen Super League. Die Umsätze der CL würden ohne Spitzenvereine einbrechen – und damit auch die Provisionen für Burgeners Team Holding. Dabei dürfte die neue Liga kaum auf den langjährigen Partner der verfeindeten Uefa setzen. Gleichzeitig könnte der Super-League-Angriff aber auch dazu führen, dass sich die Fronten schliessen – und die Chancen fürs milliardenschwere Centricus-Uefa-Projekt mitsamt Burgener steigern. Dass dieser in diesen Zeiten alles tut, um Bewegungen beim FC Basel zu vermeiden und Centricus aus den Schlagzeilen zu halten, ist daher wenig erstaunlich. So reagierte er nur mit «No comments» auf die Fragen der «Handelszeitung».

Kategorien
Beitrag Handelszeitung

MBaer – Bärische Bank

MBaer Vor gut zwei Jahren gründete Mike Bär das Finanzinstitut. Er versprach eine Bank mit Seele. Inzwischen erhitzt sie die Gemüter.

Es war eine Neugründung, die aufhorchen liess. Während die Finanzbranche seit Jahrzehnten schleichend konsolidiert, ging Michael «Mike» Bär den entgegengesetzten Weg. Julius Bärs Urenkel, der zuletzt einen Zuger Agrarhändler präsidiert hatte, gründete im Herbst 2018 ein Bankhaus und leitet es seither: Die MBaer Merchant Bank. Es soll eine «Bank mit Seele» sein, so der Claim. Ein Kleininstitut für Unternehmer und ihre Familien. Persönlich, individuell, agil und tief verwurzelt im Kredit- und Handelsgeschäft. Sozusagen der massgeschneiderte Gegenentwurf zur skalengetriebenen Standardisierung, die das Swiss Banking spät, aber umfassend industrialisiert.

Seine anachronistische Idee erntete Zuspruch: Als honoriger Vertreter der Familie Bär – geschätztes Vermögen gemäss «Bilanz» zwischen 350 bis 400 Millionen – fand er Mitstreiter und auch zahlreiche Miteigner. Denn obwohl die Merchant Bank seinen Namen im Titel trägt, ist Mike Bär weder Mehrheitseigner noch grösster Aktionär der MBaer. Auch liess er sich im letzten Jahr anteilsmässig weiter verwässern.

Abgänge im Verwaltungsrat der MBaer

Bärs Bankier-Habitus bei nur geringem Kapitaleinsatz sorgt für Unmut unter MBaer-Miteignern. Wie auch die gehäuften Abgänge in der Bankführung: Auf Ende August trat Präsident Søren Mose (unter anderem auch bei Twint, SIX und der AP Bank) an einer ausserordentlichen Generalversammlung zurück. Anfang Dezember gab der Verwaltungsrat und gewichtige Miteigner Rajesh Bothra – während laufender Amtsperiode – seinen Rücktritt bekannt. Praktisch zeitgleich mit seiner Demission startete im Southern District of New York ein «Discovery»-Verfahren, bei dem der Name Bothras und jener seiner IT-Firma Kobian auftauchen. Ob es da einen Zusammenhang gibt, ist nicht bewiesen.

Kürzlich kehrte ein weiteres Gründungsmitglied der Bank den Rücken: Anlagechef Roland Eberhard. Mit ihm ging auch Michael Heil, Head of Investment Advisory. Beide zogen weiter zur Tessiner PKB. Angesprochen auf die Abgänge in Kader und VR, gibt sich Bär «aus Gründen des Persönlichkeitsschutzes» summarisch: «Die Gründe für diese Abgänge sind ganz unterschiedlich und für einige dieser Personen sehr persönlich.» Die Abgänge stünden «in keinem Zusammenhang mit der Bank», sagt der MBaer-Chef.

Angebliches Mail der MBaer

Zu reden gab eine weitere Personalie: jene der Siri Evjemo-Nysveen. Die norwegische Investmentbankerin ist seit letzten September Vizepräsidentin und spezialisiert auf «regulatorische Rahmenbedingungen, Aufsicht sowie auf Audit, Risikokontrolle und Compliance». Ihr Ehemann ist Alessandro Bazzoni. Der Italiener steht auf der Sanktionsliste der USA, weil er «die zentrale koordinierende Rolle beim Weiterverkauf von Rohöl venezolanischen Ursprungs» innehabe. Die Vereinigten Staaten boykottieren seit Jahren das Maduro-Regime und sanktionieren Geschäfte mit dem staatlichen Ölkonzern PDVSA.

Das venezolanischen Enthüllungsportal «Infodio» behauptet nun, dass Bazzoni nicht nur Gatte der MBaer-Vizepräsidentin sei, sondern auch an der Zürcher Bank beteiligt sein soll. Dabei publizierte «Infodio» eine angebliche E-Mail der Bank zur genehmigten Kapitalrunde vom letzten Herbst, die offenbar auch Bazzoni in der Adresszeile hatte. Auf die Frage, ob der sanktionierte Ölhändler MBaer-Miteigner sei, nimmt Bär keine Stellung und schreibt: Von Gesetzes wegen müssten Aktionäre mit über 5 Prozent im Jahresbericht erwähnt werden. «Die von Ihnen erwähnte Person ist nicht genannt.» Und weiter erklärt Bär: «Die wichtigere Frage aber scheint mir zu sein, ob wir mit sanktionierten Personen Geschäfte tätigen – und da ist die Antwort klar: Nein.»

Offensive Ankündigungen von Mike Bär

Mit anderen Worten: Bazzoni mag kein MBaer-Kunde sein. Ob der PDVSA-nahe Manager allenfalls weniger als 5 Prozent an der Bank hält, bleibt jedoch offen. Es sind solche kommunikativen Spitzfindigkeiten, welche das Misstrauen unter den Aktionären schüren. Gepaart mit Bärs offensiven Ankündigungen: «Wir sind in einer starken Wachstumsphase», sagte der 58-Jährige im November zur «Bilanz». Auch gegenüber der «Handelszeitung» versprüht er Superlative: «Wir sind zurzeit wahrscheinlich die Bank, welche in der Schweiz am schnellsten wächst, Arbeitsplätze schafft und für unsere Aktionäre Wert generiert.» Dabei verweist der MBaer-Chef gerne darauf, dass der «Wert der Bank seit der Gründung um über 50 Prozent» gestiegen sei. Dieser Wert ist dem Ausgabepreis neuer Aktien geschuldet, den der Verwaltungsrat selbst festlegt. Die Nachfrage in der jüngsten Platzierungsrunde – die zweite Tranche aus einer genehmigten Kapitalerhöhung von April 2020 – soll dem Vernehmen nach eher schleppend gewesen sein.

Bärs Optimismus scheint dies nicht zu trüben. «Wir hatten einen Superstart ins 2021», liess er kürzlich «Inside Paradeplatz» wissen. Weniger erbaulich fällt dagegen der Blick aufs vergangene Geschäftsjahr 2020 aus. Erneut resultierte ein Verlust, diesmal von 6,7 Millionen Franken – fast gleich viel wie im Vorjahr. Dabei sollen Ausgaben von 8 Millionen rund 1,5 Millionen an Einnahmen gegenüberstehen. Die Kundengelder dürften sich Ende Jahr auf etwa 375 Millionen Franken belaufen haben, davon etwa 250 Millionen von der Bank verwaltet. Kritische Aktionärsfragen an der Generalversammlung von Ende Monat sind damit gewiss. Inzwischen soll das Gesamtvolumen an Kundengeldern substanziell höher sein. Ob sich damit in diesem Jahr der mehrfach angekündigte Wachstumsschub für die Merchant Bank realisiert, wird sich weisen.

Kategorien
Beitrag Handelszeitung

Handel mit Gold – Statistische Lücke

Geldwäsche Die Schweiz importiert mehr Gold aus Kolumbien, als das Land exportiert. Ein Erklärungsversuch.

Die Zahlen stimmen nicht überein. Kolumbien hat zwischen 2010 und 2018 Gold im Wert von 4,4 Milliarden Dollar in die Schweiz exportiert. In derselben Zeitspanne hat die Schweiz jedoch nur für 2,6 Milliarden Dollar Gold aus Kolumbien importiert. Es klafft eine Wertlücke von insgesamt 1,8 Milliarden Dollar. Wobei dieser «trade gap» über die Zeit stark schwankte: Im Jahr 2010 resultierte eine Wertlücke von 727 Millionen Dollar. Im 2017 waren es bloss 51 Millionen Dollar gewesen. Wie also kommt diese Diskrepanz zustande?

Goldhandel – Illegale Destination

Konkret bestehe ein Geldwäschereirisiko im verschleierten Verschieben von Gütern aus potenziell illegalen Quellen, sagt Daniel Bühr, Partner bei der Kanzlei Lalive und Vorsitzender der Ethics and Compliance Switzerland ECS. Oder dem Verschieben von Geldern aus legalen Quellen, aber mit illegaler Destination, und zwar auf Basis falscher Deklarationen in internationalen Handelstransaktionen. «Die sich daraus ergebenden Wertlücken in den Handelsstatistiken lassen sehr wahrscheinlich auf illegale Gelder schliessen, die illegal ins Finanzsystem eingeschleust werden, oder legale Gelder, die illegal in ‹sichere Häfen› verschoben werden.» Mit anderen Worten: Das gezielte Unter- oder Überverrechnen gilt als ein zentrales Einfallstor fürs Geldwaschen, indem die Lücken mit Schwarzgeld oder Geld aus schmutzigen Quellen «gefüllt» werden. Anfällig dafür seien, so Compliance-Experte Bühr, unter anderem der Export von besonders werthaltigen Rohstoffen wie Edelmetallen oder Erdöl aus Entwicklungsländern sowie Importe in Länder mit Kapitalverkehrskontrollen.

Künstlich aufgeblähter Handel

Im Goldhandel mit der Schweiz wurde beim Export aus Kolumbien der Wert des Edelmetalls also möglicherweise aufgebläht. Die Gründe für eine solche Überfakturierung liegen für den amerikanischen Think-Tank Global Financial Integrity (GFI) auf der Hand. GFI ist spezialisiert auf die Analyse illegaler Finanzströme beziehungsweise handelsbasierter Geldwäscherei und hat die Zahlen zum kolumbianischen Goldhandel mit der Schweiz zusammengetragen: «Die Überfakturierung von Exporten ist als ein Zurückhalten beziehungsweise als ein unerlaubter Zufluss von Kapital ins Land zu verstehen. Einige der Hauptmotive sind Geldwäsche oder die Dreiecksbeziehung von Waren», heisst es im jüngst erschienenen GFI-Bericht «The Gold Standard» zu Kolumbiens Geschäft mit dem Edelmetall.

Nicht nur Goldhandel – Umfassenderes Phänomen

Dabei kommt der Schweiz eine zentrale Rolle zu: Ein Viertel des kolumbianischen Goldes geht in unser Land. Ein Drittel der vom GFI berechneten Wertlücken entfällt auf die Schweiz. Die prominente Rolle erstaunt nicht. Vier der weltgrössten Raffinerien stehen im Land. Damit verarbeitet die Schweiz etwa die Hälfte des weltweiten Goldes und gilt so als die Drehscheibe für den Handel mit dem Edelmetall. Gleichzeitig ist die Schweiz führender Finanzplatz für Offshore-Vermögen.

Dabei steht das Beispiel des kolumbianischen Goldhandels für ein viel umfassenderes Phänomen: «Die handelsbasierte Geldwäscherei stellt betragsmässig das grösste Geldwäschereiproblem überhaupt dar. Auf keine andere Art werden so hohe Vermögenswerte verdeckt verschoben beziehungsweise falsche Rechtstitel für Finanztransaktionen geschaffen», sagt Compliance-Experte Bühr. Dieser Aspekt der Geldwäscherei sei bisher jedoch zu wenig erkannt und durchdrungen. Sowohl als grosser Finanzplatz wie auch als bedeutsames Rohwaren-Handelszentrum müsse gerade die Schweiz die Problematik kümmern.

Andere Methoden

Nicht zuletzt, weil der Trend in Richtung handelsbasierte Geldwäscherei zeigt. So haben die Gesetzgeber rund um den Globus die Massnahmen verstärkt im Kampf gegen die klassische Geldwäscherei: Es ist deutlich schwieriger geworden, illegale Einkünfte übers traditionelle Finanzsystem zu waschen. Auch die Geldwäscherei mittels Bargeld-Transaktionen wurde zuletzt konsequent erschwert. «Angesichts der verschärften Kontrollen beginnen kriminelle Gruppen, die illegale Erlöse von einer Jurisdiktion in eine andere verschieben wollen, nach anderen Methoden zu suchen, wie zum Beispiel handelsbasierte Geldwäsche, digitale Währungen oder Vermögenswerte wie Gold», schreibt GFI.

Komplexe Lieferketten

Gerade die handelsbasierte Geldwäsche profitiert dabei von den weitverzweigten Lieferketten einer globalen Wirtschaft. Dabei ist die Über- oder Unterfakturierung nur ein Werkzeug unter vielen, um Vermögenswerte verschleiert zu verschieben. Weitere Methoden sind das «Over- oder Short-Shipment», bei dem mehr Ware geliefert wird als bezahlt wurde oder umgekehrt. Auch die Falschbezeichnung von Waren oder die mehrfache Rechnungstellung dienen der Verschleierung von Vermögenswerten. All diese Methoden stellen nicht nur Behörden, sondern auch Banken vor Probleme. Jedes fünfte Handelsgeschäft wird finanziert durch ein Institut. Entsprechend komplex ist die Risikokontrolle solcher «Trade Finance»-Deals. Bereits 2017 hat deshalb die Wolfsberg Group – eine Gruppe aus 13 Grossbanken, der auch UBS und Credit Suisse angehören – Anti-Geldwäscherei-Grundsätze verabschiedet für Handelsfinanzierungen.

Begründete Abweichungen im Goldhandel

Während Banken und Fachorganisationen wie die FATF sensibilisiert sind, reagiert die Eidgenössische Zollverwaltung mit Zurückhaltung. Statistische Abweichungen zwischen den Einfuhren und Ausfuhren einzelner Länder seien üblich und in diesem Sinne «nichts Ungewöhnliches», schreibt die EZV auf Anfrage. Abweichungen zwischen den Exporten und Importen einzelner Staaten begründeten sich darauf, dass – sofern bekannt – das Ursprungs- respektive Zielland der Ware in der Statistik aufgenommen werde. «Ist dieses nicht oder noch nicht bekannt, weil beispielsweise noch kein Verkauf stattgefunden hat und das Endempfängerland zum Zeitpunkt des Grenzübertritts somit noch nicht bekannt ist, werde das Land des Händlers vermerkt.» Im Beispiel von Kolumbien also die Schweiz.

Kategorien
Handelszeitung Meinung

Credit Suisse – Die Grossbank gehört filetiert

Credit Suisse Der neue CS-Präsident António Horta-Osório ist nicht zu beneiden. Er übernimmt eine Bank in strukturellen Schwierigkeiten. Dabei sind die jüngsten Milliardenskandale – Archegos und Greensill – nur akute Symptome eines langen Leidens. Es heisst «One Bank» und verursacht stetig neue Krankheitsschübe.

Hohe Risiken verheissen hohe Boni

Das Konvolut aus Vermögensverwaltung, Investment Banking und Asset Management hat bisher einzig und allein die CS-Banker selbst gesundgestossen. Schliesslich konnten Asset-Fabrikanten und IB-Dealmaker ihre «Produkte» bankintern ins Kundenportfolio drücken. Dass dies inhärente Interessenkonflikte erzeugt, musste sie nicht kümmern. Schliesslich verheissen hohe Risiken hohe Boni. Allfällige Kollateralschäden trugen bisher entweder Kunden oder Aktionäre. Im schlimmsten Fall wären es gar die Steuerzahler wie weiland bei der UBS.

Endlich die Credit Suisse klar positionieren

Insofern bleibt zu hoffen, dass Präsident Horta-Osório dieses Governance-Fehlkonstrukt namens Credit Suisse endlich filetiert: Das viel zu kleine Asset Management gehört verkauft oder zu stattlicher Grösse fusioniert. Die erfolgreiche und digitalaffine Schweizer Universalbank ist separat an die Börse zu bringen, wie dies Ex-Chef Tidjane Thiam wollte. Und mit dem Erlös aus dem IPO hätte die CS die nötigen Mittel, um sich endlich klar zu positionieren. Entweder als reine Vermögensbank, sozusagen eine Julius Bär «on steroids». Oder dann – der CS-Historie entsprechend – als Handels- und Investment-Bank. Beides gleichzeitig geht nicht. Dies haben die jüngsten Skandale erneut gezeigt.

Kategorien
Handelszeitung Meinung

Credit Suisse – Urs Rohners Unruhestand

Credit Suisse Die Krise frisst sich die Hierarchieleiter hoch bei der Credit Suisse. Nach dem Milliardenflop um die Lieferketten-Fonds der Greensill rollten bloss subalterne Köpfe im Assetmanagement. Beim jüngsten Debakel um das Hedgefonds-artige Family Office Archegos, das die schlingernde Grossbank weitere Milliarden kosten dürfte, könnte es nun Mitglieder der Konzernleitung wie Risikochefin Lara Warner treffen.

Unverbesserliche Geschäftskultur

Denn in gewissen CS-Sparten scheint die Geschäftskultur unverbesserlich zu sein. Gewinne werden mit viel zu hohen Risiken erkauft. Das Business schlägt alle Warnungen der Stabsfunktionen in den Wind. Interessenkonflikte werden nicht adressiert oder sind gar struktureller Natur. Insofern verwundert es nicht, dass die CS mit grosser Regelmässigkeit für Skandale sorgt.

Ausser fetter Boni nix gewesen

Die Verantwortung liegt auf strategischer Ebene: Dem scheidenden Präsidenten Urs Rohner ist es in zehn Jahren nicht gelungen, die Bank in ruhigere Gewässer zu führen. Die Bilanz des Rechtsanwalts lässt sich auf den unrühmlichen Kurznenner bringen: Ausser fetter Boni nix gewesen. Die Vernichtung von Aktionärswerten dürfte ihn nun allerdings über seine Amtszeit hinaus beschäftigen. CS-Grossaktionäre wie Harris wollen Rohner offenbar die Décharge verweigern, um ihn später allenfalls mit Haftungsklagen eindecken zu können.

Sollte dies der Fall sein, droht Rohner der Unruhestand.

Kategorien
Beitrag Handelszeitung

CS & Co – Gehebelte Intransparenz

Finanzsystem Das Milliardendebakel der CS zeigt, wie aus einem Strohfeuer ein Flächenbrand wird.

Die Reise nach Jerusalem endete für die Credit Suisse ohne Stuhl. Während US-Investmentbanken wie Goldman Sachs das Portfolio von Archegos am Markt verwerten konnten, blieb die CS auf Wertschriften des klammen Family Offices sitzen. Die Folge des Ausverkaufs war ein Preiscrash, der für die Bank wohl einen weiteren Multimilliardenverlust bedeutet. Das operative Malheur kann jedoch nicht über strukturelle Mängel im Finanzsystem hinwegtäuschen.

Die CS und anderen Banken hätten keinen Überblick übers Kredit-Exposure gehabt, sagt Finanzprofessor Florian Weigert von der Uni Neuenburg: «Family Offices wie Archegos werden in den USA nur schwach reguliert. Sie müssen beispielsweise nicht offenlegen, welche Aktien und Optionen sie tatsächlich halten und mit welchen Prime-Brokern sie ihre Transaktion abwickeln.»

Aufstieg der Schattenbanken

Die Konsequenz: Die Banken gaben Archegos munter Darlehen für Wertschriftenkäufe auf Pump, ohne zu wissen, ob ihre Mitbewerber nicht dasselbe taten. Als der gehebelte Aktienkorb von Archegos einbrach, pochten die Banken auf Nachschuss, um die Kursverluste zu decken. Doch das Family Office war klamm, worauf die Banken die Aktien unkoordiniert auf den Markt warfen und so den Kurssturz noch befeuerten.

Finanzprofessor Weigert sieht im Fall Archegos ein systemisches Problem: «Der Schattenbankbereich, zu denen auch Hedgefonds-ähnliche Family Offices wie Archegos zählen, ist seit der Finanzkrise massiv angestiegen.» Mit der stärkeren Regulierung der Banken suchen institutionelle Investoren nach Schlupflöchern, in denen die Offenlegungspflichten lascher sind. Und diese dunkle Ecke des Finanzsystems wird immer bedeutsamer: Das Financial Stability Board (FSB) schätzte 2019 jenen Bereich der Schattenbanken, «die bankähnliche Risiken für die Finanzstabilität darstellen können oder mit regulatorischer Arbitrage verbunden sind», auf 57,1 Billionen Dollar. Dies entspricht 14 Prozent aller Finanzanlagen weltweit. Weigert fordert deshalb mehr Transparenz: «Die Opazität der Schattenbanken und insbesondere des ausserbörslichen Handels sollte reduziert werden.»

Keine Anreize für systemische Risiken bei CS

Die Grossbanken in die Verantwortung nimmt dagegen Marc Chesney, Finanzprofessor an der Universität Zürich und Autor des Buches «Die permanente Krise». Dabei legt er das Augenmerk auf etwa dreissig global systemrelevante Institute, zu denen UBS wie CS gehören. Sie hätten Anreize, übermässige Risiken einzugehen, «weil am Ende der Steuerzahler für diese haftet», sagt Chesney. Als Beispiel nennt er den Derivatehandel, der an der Schweizer Börse einen nominalen Wert hat, welcher im Herbst 2020 zeitweise dem 26 000-Fachen des Schweizer Bruttoinlandprodukts entsprach. Dabei gehe es nicht in erster Linie ums Absichern realwirtschaftlicher Tätigkeiten mit Devisen-Hedging. Das seien, so Chesney, «in erster Linie Wetten innerhalb einer Finanzcasinowirtschaft. Vor dem Hintergrund dieses «moral hazard» gebe es für diese Banken keine Anreize, die systemischen Risiken ihrer Geschäfte adäquat zu berücksichtigen. Denn: «Grosse Volatilität verspricht im Prinzip grosse Gewinne für die systemrelevanten Banken.»

Regulierung wenig griffig

Dies ist eine Gefahr für kleine Volkswirtschaften wie die Schweiz, die mit UBS und CS gleich zwei Grossbanken beheimatet. Gemäss dem SNB-Finanzstabilitätsbericht machen die Kreditrisiken der beiden Banken mit Abstand den grössten Anteil ihrer risikogewichteten Aktiven aus. «Zu ihren Kredit-Exposures tragen nicht nur die Kredite in der Bilanz, sondern auch Ausserbilanz und Exposures gegenüber Gegenparteien bei, die sich aus Derivatgeschäften und Wertpapierfinanzierung ergeben.» Also jene, welche die CS mit Archegos hatte.

Obwohl nach der Finanzkrise von 2008 die Regulierung der Banken vertieft und verschärft wurde, zeigt sich Chesney unzufrieden. Es habe der politische Wille gefehlt, eine «griffige und einfache Regulierung» zu realisieren: «Stattdessen wurden Tausende von Seiten an Aufsichtspapieren produziert, die zahlreiche Schlupflöcher enthalten.»

Viel weniger Bankenkrisen

Chesney benennt zwei Schmerzpunkte. Erstens: «Die Eigenmittelvorschriften sind ungenügend.» Lehman Brothers hatte vor der Finanzkrise von 2008 eine Kapitalquote von etwa 3,25 Prozent. Heute hätten global systemrelevante Banken ein ungewichtetes Kapitalpolster von 5 bis 6 Prozent. «Gefragt wäre eine Quote von mindestens 20 Prozent, wie sie die Banken gegenüber ihren Kreditnehmern fordern.» Zweitens spricht Chesney sich für eine moderne Version des «Glass-Steagall Act» aus. Der Act wurde in den USA nach dem Crash von 1929 erlassen und sah bis 1999 eine Trennung zwischen Retail- und Investmentbanking vor. «Es ist Tatsache, dass es in dieser Periode und insbesondere nach dem Zweiten Weltkrieg viel weniger Bankenkrisen gab, im Vergleich mit den letzten zwanzig Jahren.» Eine solche Trennung wäre heute nützlich, um die Grösse systemrelevanter Banken sowie die Risiken für ihre Kunden zu reduzieren.

Kategorien
Beitrag Handelszeitung

Nuctech – Von China durchleuchtet

Nuctech Schweizer Flughäfen und der Zoll setzen auf Geräte der chinesischen Staatsfirma. Hört die KP mit?

Wer am Flughafen Zürich eincheckt, dessen Gepäck wird in einer Sortieranlage durchleuchtet. Anschliessend werden in der Passagierkontrolle auch Flüssigkeiten gescannt. Dabei setzt der Flughafen Zürich auf Geräte der chinesischen Firma Nuctech. Weitere Röntgenscanner aus der Volksrepublik folgen in zwei Jahren. Der Flughafen hat nämlich gemäss der öffentlichen Beschaffungsplattform Simap für rund 30 Millionen Franken in Peking X-Ray-Equipment geordert. Der Zuschlag erfolgte aufgrund des «wirtschaftlich günstigsten Angebots». Kein Einzelfall: Auch der Flughafen Genf und die Eidgenössische Zollverwaltung setzen auf Sicherheitstechnologie «Made in China».

Ex-Premier-Sohn gründete Nuctech

Doch Nuctech ist keine gewöhnliche Firma. Das «Huawei der Flughafensicherheit» («Politico») gehört dem chinesischen Staat. Gegründet wurde Nuctech Ende der 1990er Jahre vom Sohn des früheren Premierministers Hu Jintao als Spin-off der Pekinger Eliteuniversität Tsinghua. Inzwischen befindet sich Nuctech im Besitz der China National Nuclear Corporation CNNC, die Experten dem militärisch-industriellen Komplex zurechnen.

Die Nähe des Sicherheitstechnikers zum Verteidigungsapparat der Volksrepublik sorgt im Westen zusehends für Unbehagen. Die US-Transportbehörde hat Nuctech bereits 2014 vom Flughafenbusiness ausgeschlossen. Inzwischen führt das Pentagon die Nuctech-Mutter CNNC auf der Sanktionsliste der «kommunistischen Militärfirmen Chinas». Nicht nur die Amerikaner handeln. Anfang Jahr hat Litauen als erstes EU-Mitgliedsland Nuctech von einer Flughafen-Beschaffung ausgeschlossen, und zwar aus Gründen der nationalen Sicherheit. Nuctech selbst streitet die Sicherheitsvorwürfe ab und spricht von einer politisch motivierten Entscheidung zum Nachteil der litauischen Steuerzahler.

Aggressive Dumping-Preise

Ein kürzlich erschienener Bericht der US-Behörde für innere Sicherheit benennt jedoch konkrete Gefahren wie die Wartung der Geräte durch Nuctech-Angestellte: «Dies schafft eine Schwachstelle, bei der der Techniker entweder Screening-Daten wiederherstellen oder die Daten auslesen oder die Leistung der Geräte verändern, ohne dass der Bediener dies bemerkt.»

Der konservative deutsche Europa-Parlamentarier Axel Voss macht seit geraumer Zeit Druck auf die EU-Kommission: «Durch seine Dumping-Strategien wächst die Präsenz von Nuctech auf dem europäischen Markt rasant, obwohl das Unternehmen die bei uns gesammelten Sicherheitsdaten an die chinesische Regierung weitergibt.» Wie im Fall des Telekomausrüsters Huawei gibt es bislang allerdings keine Beweise dafür, dass Informationen aus Nuctech-Geräten tatsächlich nach Peking abfliessen würden.

Marktanteil von mehr als 50 Prozent

Fest steht jedoch: Nuctech ist in Europa, nicht zuletzt dank einer staatlich geförderten, aggressiven Preispolitik, in den letzten Jahrzehnten zum dominanten Anbieter für Sicherheitstechnologie an europäischen See- und Flughäfen geworden. Nuctechs Marktanteil wird, je nach Segment und Quelle, auf 50 oder mehr Prozent geschätzt.

Diese Maschinen seien bereits in ganz Europa im Einsatz, sagt Mikko Huotari, Direktor des jüngst von China sanktionierten Mercator-Instituts, in der Zeitschrift «Politico»: «Worüber ich mir Sorgen machen würde, ist, dass ein chinesisches, staatlich kontrolliertes Unternehmen Einblicke in alle Flughäfen in Europa hat.»

Schweizer Militärs vertrieben Nuctech

Eine Sorge, die man in der Schweiz bislang nicht teilt. Nuctech sei vertraglich verpflichtet, die ICT-Sicherheitsanforderungen des Flughafens Zürich einzuhalten, sagt eine Sprecherin. Alle Zugriffe von externen Mitarbeitenden auf Systeme würden protokolliert und aufgezeichnet. Zudem seien die Nuctech-Geräte von der Europäischen Zivilluftfahrt-Konferenz ECAC zertifiziert worden. Ähnlich argumentiert der Flughafen Genf, der «einige Nuctech-Geräte» im Einsatz hat: Diese Geräte seien zugelassen und würden den geforderten Normen entsprechen. Die Deals mit beiden Flughäfen hat übrigens eine Genfer Firma namens Securserv Technologies eingefädelt: Sie vertrieb gemäss eigenen Angaben bis vor etwa zwei Jahren Nuctech-Produkte in der Schweiz. Die Firma wird von zwei hochrangigen Schweizer Militärs geführt. Einer davon, ein Brigadier, war bis zu seiner Pensionierung 2015 militärischer Berater des damaligen VBS-Chefs Ueli Maurer.

Die Firma Securserv hatte seinerzeit auch den Nuctech-Deal mit der Eidgenössischen Zollverwaltung EZV vermittelt. Der Zoll schrieb 2017 die Beschaffung von Röntgengeräten aus. Die Chinesen erhielten den Zuschlag über 1,7 Millionen Franken. Man setzte Geräte der Firma Nuctech zur Zollkontrolle von Gepäck vor der Einreise in die Schweiz sowie von kleinen Frachtsendungen ein, sagt ein Sprecher der EZV. Die Geräte würden autonom betrieben und seien nicht an einem Netzwerk angeschlossen. «Somit können keine sicherheitsrelevanten Daten abfliessen», betont er. Im Einsatzgebiet der Geräte würden zudem keine sicherheitsrelevanten Daten erhoben und es seien keine Rückschlüsse auf die Einsatzdoktrin der EZV möglich.

Ein Drittel günstiger als West-Firmen

Die Nuctech-Röntgengeräte der EZV mögen keine «Intelligenz» besitzen, um Gegenstände automatisch zu erfassen. Die Staatsfirma besitzt jedoch längst ein avancierteres Produkte-Arsenal, wie die Website zeigt. Dort preist man beispielsweise die «Cloud Inspect Platform» an. Durch den Einsatz von fortschrittlichem Cloud Computing, Big Data und intelligenter Bilderkennungstechnologie in Verbindung mit Zolldaten entstehe eine nationale «Cloud-Plattform für die Zollkontrolle».

Integrierte Systeme sind auch in Europa längst im Einsatz. Beispielsweise in Narva, einer estnischen Grenzstadt. Dort erhielt Nuctech vor drei Jahren den Zuschlag für den «ersten vollautomatischen Scanner von Eisenbahnwaggons», wie die chinesische Nachrichtenagentur Xinhua berichtete. Nuctech offerierte damals gut einen Drittel günstiger als die westliche Konkurrenz.

Ein Schnäppchen, das möglicherweise einen hohen Preis hat. Der Nachrichtendienst des Bundes NDB schreibt in seinem neusten Lagebericht: «Die Intensität der politischen, elektronischen, militärischen und nachrichtendienstlichen Aktivitäten Chinas wird weiter zunehmen.»

Kategorien
Beitrag Handelszeitung

Falcon Bank – Auf der Anklagebank

Geldwäscherei Ein Prozess gegen Falcon Bank und deren Ex-Chef steht an. Ein Präzedenzfall für die Bundesanwaltschaft.

Nächste Woche hätte in Bellinzona vor dem Bundesstrafgericht der Prozess gegen die Zürcher Privatbank Falcon und ihren ehemaligen Chef Eduardo Leemann wegen qualifizierter Geldwäscherei beginnen sollen. Nun wurde er kurzfristig verschoben und dürfte wohl erst im Frühherbst stattfinden. Die zuständige Richterin ist unpässlich.

Dem Fall kommt eine hohe Bedeutung für die Strafverfolgung zu. Obgleich Falcon ihre Aktivitäten in diesem Jahr wie angekündigt operativ einstellt. Denn erstmals prozessiert die Bundesanwaltschaft (BA) gegen eine ehemalige Bank wegen mangelhafter Organisation. Sie soll die Anlasstat, nämlich qualifizierte Geldwäscherei, ermöglicht haben. Bislang wurden solche Verfahren gegen Banken ausnahmslos per Strafbefehl erledigt. Mit Falcon landet erst zum zweiten Mal ein Organisationsmangel bei einem Finanzinstitut überhaupt vor Gericht. 2016 sprach das Bundesgericht die Postfinance frei. Es ging um eine Barauszahlung in Millionenhöhe.

Der Falcon-Fall hat für die BA also Präzedenzcharakter. Allerdings präsentiert sich die Sachlage keineswegs so eindeutig, wie die Anklageschrift vermuten lässt. Gemäss dieser soll der damalige Falcon-Chef Eduardo Leemann zwischen 2012 und 2016 als «faktischer Kundenberater» rund 133 Millionen Euro verwaltet haben, für die eigens eine Struktur geschaffen wurde. Damit wurde unter anderem der Familienstiftung des österreichischen Immobilieninvestors René Benko ein Kredit über 25 Millionen Euro gewährt. Auch die Produktionsfirma des Hollywood-Films «The Wolf of Wall Street» erhielt ein Darlehen von 50 Millionen Euro. Zugleich flossen in diesem Zeitraum 61 Millionen Euro ab einem Nummernkonto bei der Falcon Bank. Unter anderem zum Erwerb von Luxusautos, Immobilien und Grundstücken im Ausland. Der Vorwurf lautet: All die Strukturen, Kreditdeals und Abbuchungen sollen Verschleierungsakte («Schaffen von Distanz») zum Zwecke der Geldwäscherei gewesen sein.

Die Interessen der Eigner der Falcon Bank

Denn Leemanns Kunde war keine beliebige Privatperson. Es war Khadem al-Qubaisi, der bis 2012 die Falcon Bank präsidierte. Gleichzeitig war al-Qubaisi bis 2015 Präsident der Investmentgesellschaft Aabar, der die Falcon Bank gehörte. Zudem war er in dieser Zeit auch Geschäftsführer des Abu-Dhabi-Staatsfonds Ipic, dem wiederum Aabar grossmehrheitlich gehörte. Mit anderen Worten: Privatkunde al-Qubaisi war Leemanns indirekter Vorgesetzter und hatte gleichzeitig die Interessen der Falcon-Eigner zu vertreten. Eine schwierige Konstellation. Die BA macht nun in ihrer Anklageschrift die Vortat zur Geldwäscherei an al-Qubaisis Vermögenserwerb fest. Jener dreistellige Millionenbetrag, der später in den Falcon-Strukturen landete, fiel nämlich bei einem Aktien-Geschäft an.

Im Jahr 2012 erwarb die Investmentgesellschaft Aabar, deren Präsident Khadem al-Qubaisi ja damals war, von einer Offshore-Gesellschaft Anteile und Erwerbsrechte an der italienischen Bank Unicredit. Die Verkäuferin, eine Offshore-Firma auf den British Virgin Islands, gehörte al-Qubaisi privat. Über die zwischengeschaltete Gesellschaft hat der Präsident seine Unicredit-Anteile an Aabar verkauft. Gemäss Anklageschrift verdeckt und zu einem massiv überhöhten Preis. Damit soll al-Qubaisi seine Pflichten gegenüber Aabar schwer verletzt haben. Der stipulierte finanzielle Schaden für die Investmentgesellschaft: gegen 150 Millionen Euro. In Bellinzona hat sich deshalb auch Falcon-Eignerin Aabar als Nebenklägerin konstituiert.

Die von al-Qubaisi auf «verbrecherische Weise» erlangten Vermögenswerte soll Falcon-Chef Leemann hernach geholfen haben zu waschen. Und zwar mit Strukturen und Geschäften, die die «Geltendmachung des staatlichen Einziehungsanspruches massgeblich» erschweren oder verunmöglichen würden.

Aabar mandatiert Morgan Stanley

Allerdings gibt es zumindest Zweifel an der Vortats-These der Bundesanwaltschaft, wonach Aabar nichts ahnend die Unicredit-Aktien über al-Qubaisis Offshore-Vehikel erworben haben soll. Schliesslich sollen in die «Share Purchase»-Transaktion samt Spezialvehikel zwei bekannte Investmentbanken involviert gewesen sein. So soll Aabar die US-Bank Morgan Stanley mandatiert haben. Auch das russische Institut Renaissance Capital mitgetan haben.

Dabei ging es nicht zuletzt auch um Bewertungsfragen betreffend al-Qubaisis Ausübungsrechten auf den Unicredit-Aktien. Gleichzeitig soll Falcon eigens eine grosse Schweizer Wirtschaftskanzlei mandatiert haben, um die Verträge dieser «related party transaction» auf Herz und Nieren prüfen zu lassen. Mit anderen Worten: Der Deal zwischen den beteiligten Parteien vom Persischen Golf mag aus westlicher Governance-Optik hochproblematisch gewesen sein. Kriminell motiviert war er möglicherweise nicht.

Einer, der es mit Sicherheit weiss, ist Khadem al-Qubaisi. Der Ex-Spitzenmanager des Abu-Dhabi-Staatsfonds sitzt seit 2016 – unter rechtsstaatlich unklaren und prekären Umständen – im Emirat im Gefängnis. Vor zwei Jahren äusserte er sich in zwei Fünf-Minuten-Telefonaten aus dem Gefängnis gegenüber dem «Wall Street Journal»: Er sei der «Sündenbock» von Scheich Mansour, einem Mitglied der Herrscherfamilie Abu Dhabis. Die Behörden würden ihn wiederholt drängen, sein Vermögen an eine private Firma zu übergeben, die dem Scheich gehöre.

Obwohl al-Qubaisi im Fokus der Vortats-These der BA steht, wurde der Ex-Aabar-Präsident nicht befragt. Abu Dhabis Justiz lehnt es gemäss WSJ kategorisch ab, ihn im Rahmen von diversen Auslandverfahren aussagen zu lassen. Rechtshilfeersuchen werden nicht entsprochen. Ja mehr noch: Es gibt Hinweise darauf, dass die Anfrage der Bundesanwaltschaft an Abu Dhabi vielmehr der dortigen Justiz als Beweismittel für al-Qubaisis Schuld diente.

Saubere Rechtsstaatlichkeit sieht anders aus.