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Insiderhandel – Die Schonzeit ist vorbei

Insiderhandel Noch vor wenigen Jahren galt Insiderhandel als Kavaliersdelikt: Manch ein Profi-Broker hatte nebenher ein privates Tradingkonto bei Swissquote und Co., lautend auf Familie oder Freunde. Dank privilegiertem Zugang zu Finanzinformation war es auf diese Weise ein Leichtes, unrechtmässig Gewinn einzufahren. Und fürchten mussten sich die Frontrunner auch nicht, dass ihnen Finanzaufsicht oder Strafjustiz auf die Schliche kommen würden. Zu lasch war die Gesetzgebung, zu lückenhaft die Überwachung, um die manipulativen Machenschaften zu durchschauen.

Insiderhandel schadet letztlich allen

Doch der Wind hat gedreht: Die Insidernormen wurden verschärft. Finma und Bundesanwaltschaft haben aufgerüstet. Und auch die SIX als Börsenbetreiberin zieht nun die Schraube an. Sie rückt den Insidern mit Big Data und künstlicher Intelligenz zu Leibe. Das ist richtig und wichtig. Denn Insiderhandel und Marktmanipulation schaden letztlich allen. Schliesslich partizipieren ein jeder und eine jede über die Vorsorgewerke an Kapitalmärkten und sind deshalb auf transparente Preisbildung angewiesen.

Regulatorische Lücken schliessen

Bei aller Euphorie über den verstärkten Kampf gegen Insider an regulierten Börsenplätzen: Die Karawane der Finanzkriminellen ist weitergezogen. Das bevorzugte Tummelfeld nun: die bunte Welt der Kryptowährungen. Was dort über sogenannte Tokenisierung und Initial Coin Offerings finanziert wird, birgt grosses Missbrauchspotenzial. Die Aufsicht tut gut daran, rasch die regulatorischen Lücken zu schliessen. Andernfalls droht dem Finanzplatz der nächste Reputationsschaden.

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SIX – Prometheus gegen Insider

SIX Die Börsenbetreiberin geht neu mit Big Data und Algorithmen gegen Insider vor. Die Eigenentwicklung steht vor der Einführung.

Insiderhandel ist kein Kavaliersdelikt mehr. Spektakuläre Fälle wie jener von Hans Ziegler («Sanierer der Nation») oder jener eines ehemaligen BZ-Bank-CEO haben das Bewusstsein für die Problematik geschärft. Nun rüstet auch die Börsenbetreiberin SIX auf. «Mit Prometheus wollen wir weltweit zu einer der führenden Handelsüberwachungsstellen werden», sagt Christian Müller, Head Surveillance & Enforcement von SIX Exchange Regulation (SER). Die Börsenbetreiberin hat einen siebenstelligen Betrag in das Produkt Prometheus investiert.

SIX investiert siebenstelligen Betrag

Entworfen wurde das System vom Beratungsunternehmen PwC, das in Zürich ein 200-köpfiges Team aus Datenwissenschaftern und IT-Entwicklern unterhält. Prometheus besteht aus zwei Modulen: «Insiderhandel» und «Marktmanipulation», das 2021 folgt. Das «Insider»-Modul wird derzeit eingeführt und soll Müllers Team helfen, verdächtige Handelsaktivitäten ergiebiger zu erfassen. Es wird das bisherige Überwachungssystem der Börsenbetreiberin Nasdaq ablösen.

Bis zu sechszig Millionen Transaktionsmeldungen

Die Vorteile von Prometheus sind vielfältig. Da wäre zunächst einmal die Rechnerleistung. «Das alte Datawarehouse brauchte teilweise ein ganzes Wochenende, um alle Transaktionsmeldungen der letzten vierzehn Tage bei einem Blue Chip wie Nestlé abzurufen. Mit der neu implementierten Big-Data-Lösung, welche die Basis für Prometheus bildet, schaffen wir das heute in zwei Minuten», so Müller. Dieser Boost ist notwendig, denn die Menge an Handelsdaten ist mittlerweile gigantisch. Pro Monat gebe es zwischen fünfzig und sechzig Millionen Transaktionsmeldungen, sagt Müller: «Die Einbindung und Verknüpfung dieser Daten mit den Handelsdaten der Börse wäre ohne den Einsatz von künstlicher Intelligenz nicht mehr zu schaffen. Durch den Einsatz von Algorithmen werden wir die Effizienz der Marktüberwachung signifikant verbessern.»

Kursrelevante Events

Dabei sollte das neue System aus dem Big-Data-Teich diejenigen Trades herausfischen, die zum einen dem wirtschaftlich Berechtigten einen geldwerten Vorteil verschafft haben und die zum anderen «auffällig» waren. Ein vielschichtiger Begriff: Prometheus verfügt nämlich über zahlreiche, gewichtete Leistungskennzahlen wie Kapitaleinsatz, Haltedauer oder die Positionierung des jeweiligen Trades zu öffentlichen kursrelevanten Events wie Jahreszahlen oder Ad-hoc-Meldungen. Dabei berücksichtigt das System das Handelsumfeld mit.

Aus diesem bunten Strauss an Kriterien filtert das System verdächtige Anomalien und Muster heraus. «Stets geht es darum, mit verschiedenen Algorithmen die relevanten Ausreisser im Handelsverlauf zu erkennen. Also jene wirtschaftlich Berechtigten zu erfassen, die nicht mit dem Trend, aber informiert handeln», erklärt Müller.

Hochinformiertes Handeln

Der Head Surveillance & Enforcement von SER spricht in diesem Zusammenhang von sogenannten Green Days, also besonders auffälligen Tagen, an denen hochinformiertes Handeln im jeweiligen Titel wahrscheinlich ist. Tritt an solchen Tagen nun ein «Aggressor» auf und handelt beispielsweise gegen den allgemeinen Trend, liefert dies einen «Key Risk Indikator» für Prometheus: Die eigentliche Arbeit der Handelsüberwachung beginnt beim Eintreten von mehreren Key-Risk-Indikatoren.

Erhärtet sich der maschinelle Anfangsverdacht, erstellt die SIX einen Report, der schliesslich an die Finanzmarktaufsicht (Finma) beziehungsweise an die Strafverfolger der Bundesanwaltschaft (BA) geht. Beide, Finma wie BA, dürfen nun dank Prometheus auf «mehr Fleisch am Knochen» hoffen. Bis zur Meldung an die Behörden vergehen maximal drei bis vier Monate.

Neues SIX System soll bessere Resultate liefern

Bislang habe sein Team sehr viel Zeit fürs Abarbeiten von Fehlalarmen benötigt, so Müller: «Die Falsch-positiv-Rate von marktüblichen Systemen liegt bei 90 Prozent.»

Ebenfalls bessere Resultate sind im Bereich der sogenannten Sekundärinsider zu erwarten. Also bei Personen, die indirekt von privilegierten Informationen profitieren. Dabei setzt Prometheus auf selbstlernende Mustererkennung, die Ähnlichkeiten über längere Zeitverläufe erfassen kann. Beispielsweise wenn ein Sekundärinsider mit zeitlicher Verzögerung und ohne einen erkennbaren Zusammenhang Handelspositionen in einem Titel aufbaut wie der Primärinsider. «Unser Ziel ist, dass wir künftig mit Prometheus nicht nur die bekannten Schemen in Bezug auf Insiderhandel und Marktmissbrauch besser aufdecken können, sondern auch neue marktmissbräuchliche Verhaltensmuster erkennen werden», sagt Müller.

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Postfinance – Zoff um die Zinsrisiken

Postfinance Das Staatsinstitut hält einen Teil des Verwaltungsrats der Finma für befangen – inklusive Präsident Thomas Bauer.

Der Streit zwischen der Postfinance und der Finanzmarktaufsicht Finma schwelt schon lange. Nun ist er vollends eskaliert, wie ein jüngst ergangenes Urteil am Bundesverwaltungsgericht (BVG) offenlegt. Darin fordert die gelbe Staatsbank, dass der Finma-Verwaltungsrat um Präsident Thomas Bauer in den Ausstand tritt. Denn eine unbefangene Beurteilung erscheine als ausgeschlossen, argumentiert die Postbank um ihren Präsidenten Rolf Watter.

Postfinance sucht «einvernehmliche Bereinigung»

Der Zürcher Wirtschaftsanwalt und Multi-Verwaltungsrat scheint sich in die Causa regelrecht verbissen zu haben. Zunächst hatte Watter nämlich mit Finma-Präsident Bauer zunächst «die Möglichkeit einer einvernehmlichen Bereinigung» ausgelotet, wie es im BVG-Urteil heisst. Mehrere Briefwechsel und Treffen später riss der Postfinance-Spitze im Februar dieses Jahres schliesslich der Geduldsfaden: Sie forderte den Ausstand der Finma-Führung um Bauer, worauf sich das Bundesverwaltungsgericht nun mit dem Hahnenkampf befassen musste.

Der jüngsten Befangenheitsepisode geht inhaltlich ein langwieriger Zank um Zinsrisiken bei der Postfinance voraus. Er nahm 2016 seinen Anfang. Damals verfügte die Finma-Geschäftsleitung um Direktor Mark Branson – gestützt auf die Basel-III-Vorschriften –, die gelbe Staatsbank müsse mehr Eigenmittel für den Fall halten, dass sich das Zinsniveau normalisiere. Damit droht der Postfinance ein Kapitalzuschlag von 270 bis maximal 540 Millionen Franken. Also in der Grössenordnung von ein bis zwei Jahresgewinnen, nimmt man den Geschäftsabschluss 2019 als Massstab. Die Postfinance rekurrierte dagegen und verlangte, dass nicht die Finma-GL darüber entscheide, sondern angesichts der finanziellen Tragweite der Finma-VR. Das Bundesgericht gab Ende 2018 der Staatsbank recht.

Finma-VR mit vorgefasster Meinung?

Doch auch das oberste Aufsichtsgremium machte in der Folge rasch klar, dass sie die Einschätzung der Finma-GL teile: Das Postfinance-eigene, empirische «Replikationsmodell» zu den Zinsrisiken vermochte Bauer und Co. jedenfalls nicht umzustimmen. Auch für den Finma-VR ist die Postfinance in Bezug auf die Zinsrisiken ein Ausreisserinstitut. Dieser Befund wiederum stösst der Bankspitze um Präsident Watter sauer auf. Sie ist überzeugt, dass bereits an der Finma-VR-Sitzung vom Januar 2019 die Meinungen zum Risikozuschlag gemacht waren. Also keinen Monat nachdem das Bundesgericht zugunsten der Postfinance entschieden hatte.

Banksprecher Rinaldo Tibolla erklärt denn auch, dass sich das Ausstandsbegehren gegen einzelne Personen richte wie «den Präsidenten des Verwaltungsrates sowie sämtliche Verwaltungsräte der Finma, die sich an oder in Zusammenhang mit der Sitzung vom 24. Januar 2019 in einer Weise festgelegt haben, dass eine unbefangene Beurteilung des gegenständlichen Verfügungsentwurfes als ausgeschlossen erscheint». Zugleich betont der Postfinance-Sprecher, man halte den Finma-VR für das «richtige Gremium». Jene VR-Mitglieder, die an der fraglichen Sitzung nicht teilgenommen hätten, seien als «nicht befangen» zu betrachten. Damit könne der Finma-VR ja «in reduzierter Zusammensetzung» ohne weiteres entscheiden.

Postfinance prüft Weiterzug ans Bundesgericht

Eine Argumentation, die vor Bundesverwaltungsgericht jedoch kein Gehör fand. Die Richter in St. Gallen erteilten dem Ausstandsbegehren der Postfinance eine Abfuhr. Die Staatsbank kann den Entscheid noch ans Bundesgericht weiterziehen. Man prüfe dies intern, sagt Tibolla.

Auch in der Sachfrage des Kapitalaufschlags ist das letzte Wort noch nicht gesprochen. Bislang liegt bloss ein Verfügungsentwurf des Finma-VR vom Dezember 2019 auf dem Tisch. Wann das oberste Aufsichtsgremium final entscheiden wird, ist nicht abzuschätzen. Knackpunkt bleibt jedoch die Frage der Zinsbindungsdauer. So ist das Kerngeschäft der Postfinance der Zahlungsverkehr. Das bedeutet: Auf der Passivseite hält die Postfinance im Vergleich zu einer gewöhnlichen Geschäftsbank deutlich mehr Sichtgelder als Sparbatzen.

Wie treu sind Kunden der Postfinance?

Jene Sichtgelder haben keine feste Zins- und Kapitalbindung. Kundinnen und Kunden können sie jederzeit abziehen. Die durchschnittliche Zinsbindungsdauer kann deshalb nur geschätzt werden. An ihr entbrannte der Glaubenskrieg zwischen der Finma und der Postfinance. Die zentrale Frage: Wie treu sind Postkonto-Kunden und -Kundinnen, wenn dereinst die Marktzinsen steigen? Führt der Zinsanstieg rasch zu Liquiditätsabflüssen in rentablere Anlagen? Oder verzichten die Kunden auf Rendite angesichts der hohen Verfügbarkeit der Postkonti? Da spielen auch Annahmen über die veränderte Kundentreue in digitalen Neo-Bank-Zeiten mit hinein. Oder das Image der Postfinance als eigenständige Aktiengesellschaft.

Glaubenskrieg als Fall für die Gerichte

Die getroffene Annahme bestimmt jedenfalls, wie empfindlich das Eigenkapital der Bank auf Änderungen des allgemeinen Zinsniveaus reagiert. Ein schockartiger Zinsanstieg um 150 Basispunkte würde beispielsweise den Barwert des Eigenkapitals der Postfinance um 160 Millionen Franken schmälern, wie dem jüngsten Geschäftsbericht zu entnehmen ist. Die Finma jedenfalls unterstellt der Postfinance pauschal auf den Kundeneinlagen eine Zinsbindungsdauer von zwei Jahren. Die Postfinance rechnet dagegen in ihren empirischen Modellen mit längeren Zinsbindungen, wodurch sich die Sensitivität des Eigenkapitals reduzieren würde. Ein Glaubenskrieg, über den wohl die Gerichte entscheiden werden.

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Salt vs. Sunrise – Welche Rolle spielte Freenet?

Salt vs. Sunrise Schaut man sich den Aktienkurs von Sunrise an, scheint die Übernahme durch die UPC-Mutter Liberty Global bereits in trockenen Tüchern zu sein. Die Frist, Sunrise-Aktien zum Preis von 110 Franken anzudienen, läuft nur noch bis Anfang Oktober. Es spricht aus Investorensicht wenig gegen das Angebot der Amerikaner. Für Störfeuer sorgt einzig noch Mobilfunkkonkurrentin Salt. Sie ist in den USA daran, auf legalem Weg herauszufinden, wie Liberty Global und Sunrise den Sommer durch ein zweites Mal anbandelten, um hernach in der Schweiz klagen zu können.

Gerichtseingaben von Salt in den USA

Der schlimme Verdacht: Sunrise stellte mit einer Exklusivitätsvereinbarung Konkurrentin Salt kalt, um freie Bahn für Verhandlungen mit Liberty Global zu haben. Mit jener Liberty Global, die auch auf Tuchfühlung mit Salt ging, aber mit Hinweis auf just jene Exklusivitätsvereinbarung beim Telekommunikationsanbieter abblitzte. Nun zeigen neue Gerichtseingaben von Salt in den USA, dass Liberty-Chef Mike Fries spätestens ab Mitte Juli mit Sunrise verhandelte. Und dass ab Anfang August auch der grösste Sunrise-Einzelaktionär Freenet involviert war. Also noch bevor der geplante Übernahme-Deal am 12. August publik gemacht wurde. Schliesslich wollte Liberty absolut sicher sein, dass Freenet um Chef Christoph Vilanek diesmal sein 24-Prozent-Paket auch wirklich andienen würde. Nur: Gemäss Gerichtseingabe von Salt hätte sich auch Sunrise-Grossaktionärin Freenet im Rahmen der Exklusivitätsvereinbarung nicht mit Liberty Global austauschen dürfen. Welche Rolle spielte Freenet also wirklich?

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Urs Schwarzenbach – Inkasso an der Goldküste

Urs Schwarzenbach Sein Gang durch die Instanzen erwies sich als erfolglos. Zumindest einen Teil der fälligen Steuern muss der Milliardär nachzahlen.

Die epische Affäre Schwarzenbach ist um ein Kapitel reicher: Jüngst hat das Bundesgericht ein Urteil veröffentlicht, wonach für den Zürcher Milliardär Urs E. Schwarzenbach weitere 39 Millionen Franken an Nachsteuern samt 3 Millionen Franken Zinsen fällig werden. Es geht um Kantons- und Gemeindesteuern für die Jahre 2010 bis 2013.

Im Herbst vor zwei Jahren reichte das Zürcher Steueramt einen Zahlungsbefehl über die genannte Millionensumme beim Betreibungsamt Meilen-Herrliberg-Erlenbach ein. Auf den Inkassoversuch an der Zürcher Goldküste erhob Schwarzbachs Anwalt Guido E. Urbach postwendend Rechtsvorschlag. Was folgte, war ein Gang durch die Instanzen, der die millionenschwere Zwangsvollstreckung jeweils um Monate hinauszögerte.

Richter am Zürcher Bezirksgericht, Obergericht und schliesslich am Bundesgericht mussten sich mit der Frage befassen, ob die «Umschreibung des Forderungsgrundes» auf dem Zahlungsbefehl gültig war.

«Beinahe mutwillige» Behauptung

Die Richter in Lausanne finden nun klare Worte für Schwarzenbachs juristische Spitzfindigkeiten: Als «beinahe mutwillig» erweise sich die Behauptung des Beschwerdeführers, er könne nicht ­erkennen, welche Forderungsurkunde nun genau den Betrag enthalte, für den er betrieben werde.

Vielmehr «war es dem Beschwerdeführer ohne weiteres möglich, sich über den Anlass der gegen ihn eröffneten Betreibung ein Bild zu machen und seine Rechte zu wahren», urteilen die Bundesrichter und weisen Schwarzbachs Beschwerde ab. Sein Mandant nehme das Urteil zur Kenntnis, sagt Sacha Wigdorovits, Sprecher des schwerreichen Kunstsammlers und Luxushoteliers («The Dolder Grand») mit Wahlwohnsitz Grossbritannien.

Sprecher Wigdorovits betont, dass es beim vorliegenden Verfahren um Fragen bei der Vollstreckung eines Teils der Steuerforderungen gegen Herrn Schwarzenbach gehe. Jene 39 Millionen Franken an Kantons- und Gemeindesteuern sind nämlich nur die Spitze des Eisberges.

Gestritten um die Zwangsvollstreckung wird auch für die Steuerperiode 2005 bis 2009. Dort geht es um 80 Millionen Franken. Hinzu kommen noch direkte Bundessteuern in der Höhe von 39 Millionen Franken für die Jahre 2005 bis 2013. Insgesamt geht es also um 160 Millionen Franken an Nachsteuern zuzüglich Zinsen, die Schwarzenbach dem Schweizer Fiskus schuldet.

Urs Schwarzenbach mit Edwin Long Gemälde im Gepäck

Die Affäre nahm im Herbst 2012 ihren Anfang. Damals war der ehemalige Devisenhändler am Flughafen Zürich mit nicht deklarierter Kunst am Zoll hängen geblieben. Im Gepäck hatte Schwarzenbach ein Gemälde des britischen Malers Edwin Long für rund 300’000 Franken sowie eine antike Dose für etwas mehr als 10’000 Franken. Er versuchte damals, den Zöllnern glaubhaft zu machen, dass er die Mehrwertsteuer für die Kunstgegenstände nicht absichtlich habe umgehen wollen.

Die Fahnder sahen jedoch Indizien für eine wiederholte Schmuggeltätigkeit Schwarzenbachs. Daraufhin durchsuchte die Eidgenössische Zollverwaltung (EZV) im April 2013 dessen Luxushotel The Dolder Grand, die  Galerie Gmurzynska am Zürcher Paradeplatz, mit der Schwarzenbach geschäftete, und sein Büro in der Villa Falkenstein.

Was mit ­einem Verdacht auf Zoll- und Mehrwertsteuervergehen begann, weitete sich in der Folge auch zu einem grossen Steuerfall aus. Denn die Auswertung der von der EZV beschlagnahmten Dokumente ergab, dass der Financier von seiner Zürcher Dependance aus auch einen regen Kunst- und Antiquitätenhandel betrieb.

Dazu ­beschäftigte Schwarzenbach Personal, unterhielt eine umfangreiche Büroinfrastruktur und verwaltete «von dort aus verschiedene von ihm beherrschte ausländische, teils substanzlose Gesellschaften», wie es in einem Bundesgerichtsurteil von September 2018 heisst.

Zuflüsse in Milliardenhöhe

Diesem Leiturteil ist auch zu entnehmen, wie die Zürcher Steuerbehörden Schwarzenbachs Einkünfte aus dem Kunsthandel schliesslich plausibilisierten: Sie gingen von einem 5-prozentigen Kommissionsertrag im Kunsthandel aus.

Und auf jene Gelder, die Schwarzenbach im Rahmen der Handelstätigkeit zuflossen, rechneten sie eine «Handling Fee» von 20 Prozent sowie einen Gewinnanteil von 5 Prozent («Management Fee»). Basis für die Berechnungen waren jeweils die dem Steuerpflichtigen zurechenbaren «Zuflüsse» von über 2 Milliarden Franken für die Steuerperioden 2005 bis 2009 und über 1 Milliarde Franken in den Jahren 2010 bis 2013.

Anfang 2016 schliesslich erliess das kantonale Steueramt gestützt auf die Ertragsschätzungen verschiedene Sicherstellungsverfügungen gegen die Schwarzenbachs in der Höhe von rund 200 Millionen Franken.

Dagegen rekurrierte der in der englischen Grafschaft Oxfordshire lebende Financier bis vor Bundesgericht und verlor. Doch auch gegen die nachfolgende Zahlungsvollstreckung wehrt sich Schwarzenbach durch alle Instanzen. Im Falle der Kantons- und Gemeindesteuern für die Jahre 2010 bis 2013 erfolglos, wie sich jetzt zeigt.

Im Verlagerungsverfahren

Doch auch im Rechtsstreit mit der Eidgenössischen Zollverwaltung um den nicht ordnungsgemäss deklarierten Import von Kunstwerken musste der Zürcher Milliardär vor einigen Monaten eine weitere Niederlage einstecken.

Die EZV beschuldigte Schwarzenbach, 86 Kunst­werke im Verlagerungsverfahren in die Schweiz gebracht zu haben. Um die Angelegenheit zu vertuschen, sei in den Ver­trägen nicht angegeben worden, dass Schwarzenbach selber als Importeur der Kunstwerke fungierte. Damit konnte er Einfuhrsteuern vermeiden oder zumindest aufschieben.

Die Zollbehörde verlangte deshalb nachträglich Mehrwertsteuern in der Höhe von gut 10 Millionen Franken zuzüglich Zinsen. Dagegen rekurrierte Schwarzenbach bis vor Bundesgericht. Anfang Sommer bestätigten die Richter in Lausanne nun in wesentlichen Punkten das Urteil der Vorinstanz, des Bundesverwaltungsgerichts. Das BVG muss sich nochmals mit dem Fall befassen. Affaire à suivre.​

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Zank ums Zocken

Stromkonzerne Gemäss einer Studie der HSG schreiben Axpo, Alpiq und Co. mit dem spekulativen Eigenhandel Milliardenverluste. Die Konzerne dementieren hart.

Die letzten zehn Jahre waren für die drei Stromkonzerne Axpo, Alpiq und BKW ein Decennium horribilis. Nach der Finanz- und im Zuge der Euro-Krise kollabierte der Strompreis in Europa. Gleichzeitig wertete sich der Franken zur europäischen Einheitswährung auf. Hinzu kamen dirigistische Eingriffe wie die EEG-Umlage in Deutschland, mit welcher der Zubau erneuerbarer Energie wie Photovoltaik und Wind gefördert wurde. Kurzum: Jenes Elektrizitätsbusiness, woran die Ex-Monopolisten fürstlich verdienten, gibt es nicht mehr. Einheimische Produktion mutierte vom lukrativen Exportgut zum Klumpenrisiko. Jene neuen Grosskraftwerke für den Auslandabsatz wie die Pumpspeicher Linth-Limmern (Axpo) oder Nant de Drance (Alpiq) entpuppen sich als Investitionsgräber. Ohne Aussicht auf baldige Rentabilisierung.

Die Stromkonzerne reagierten mit Wertanpassungen beim eigenen Kraftwerkspark und bei den langfristigen Bezugsverträgen. Die Strukturkrise der Stromkonzerne vernichtete unter dem Strich wohl mehr Wert, als die fiskalische Bereinigung der Schwarzgeldvergangenheit die Schweizer Banken kostete. Zwischen 2009 und 2018 musste allein die Axpo rund 6,2 Milliarden Franken abschreiben beziehungsweise zurückstellen. Bei der Alpiq waren es 5,9 Milliarden. Und bei der BKW lag dieser Wert bei rund 900 Millionen Franken.

Umstrittene Zahlen

Die genannten Zahlen stammen aus einer neuen Studie der Universität St. Gallen (HSG) mit dem Titel «Spannungsfeld: Stromversorgung vs. Stromhandel. Herausforderungen für das Management». Das White Paper sorgt für rote Köpfe in der Branche. Bringt die Studie doch einen überraschenden Grund fürs Krisenjahrzehnt der Stromwirtschaft ins Spiel: den Eigenhandel, auch Prop Trading genannt. Also jene spekulativen Handelsgeschäfte mit Elektrizität, die nicht durch eigene Kraftwerkskapazitäten gedeckt sind.

Die St. Galler Studie kommt zum Schluss, dass «in den Jahren 2009 bis 2018 im Rahmen des Prop Trading grosse Schweizer Stromproduzenten Verluste in mittlerer einstellige Milliardenhöhe erlitten». Die HSG-Forscher schätzen bei der Axpo den Verlust über diesen Zeitraum auf 4,6 Milliarden Franken. Bei der Alpiq sind es 1,1 Milliarden und bei der BKW 1,7 Milliarden. Seit 2013 schütten Axpo und Alpiq bekanntlich keine Dividenden mehr aus. «Wir sehen aufgrund der Ergebnisse unserer Analysen die Ursachen primär im spekulativen Eigenhandel», heisst es in der Studie. Denn der Erfolg im Prop Trading falle «nachhaltig negativ» aus.

Latente Gefahr der Quersubventionierung

Verfasst hat das White Paper ein Team um Professor Karl Frauendorfer, der zu Bewertungsmodellen in der Energie- und Finanzwirtschaft an der Universität St. Gallen forscht. Frauendorfer sieht angesichts seiner geschätzten Verluste im Prop Trading «enormen Handlungsbedarf». Es bestehe eine latente Gefahr der Quersubventionierung durch anlagenbasiertes Trading. Der HSG-Professor fordert strikte Trennung und Transparenz zwischen Stromhandel mit eigenen Kraftwerkskapazitäten, Absicherungsgeschäften und spekulativem Eigenhandel. «Es sind Anreizstrukturen für Stromhändler zu überdenken, die dieser strikten Trennung Rechnung tragen», sagt Frauendorfer und fügt an: Nicht alle Verwaltungsräte und GL-Mitglieder der grossen Stromkonzerne würden vertieftes Wissen besitzen, um den Stromhandel mit seiner Unvollständigkeit und den darin versteckten Abhängigkeiten von Preis- und Volumenrisiken adäquat überwachen zu können.

Kopfschütteln bei den Konzernen

Angesichts der gehandelten Mengen ein brisantes Urteil. Die HSG-Studie schätzt nämlich, dass die Alpiq im Eigenhandel mit dem 16- bis 20-Fachen einer Jahresproduktion spekuliert. Bei der Axpo sei es das 8- bis 12-Fache, bei der BKW das 4- bis 8-Fache. Im Handel mit Energiederivaten könne es, so die Studie weiter, zu Inkonsistenzen in der Bilanzen kommen. Konkret überschätze eine Handelspartei ihre verfügbaren Eigenmittel. Für die Jahre 2017 bis 2019 gehen Frauendorfer und Co. bei den drei Stromkonzernen von «einer möglichen Überschätzung des ausgewiesenen Eigenkapitals» von bis zu 38 Prozent aus.

Solche Zahlen, von der Universität St. Gallen erhoben, lösen bei Axpo, Alpiq und BKW Kopfschütteln aus: «Nicht nachvollziehbar», «unverständliche Modellrechnungen», «ungeeignete Kennzahlen», «unrealistische Erlöspotenziale» – so lautet der Tenor aller drei Stromkonzerne auf Anfrage. «Unglaubwürdig ist schon allein die Annahme, dass das Management und der Verwaltungsrat der drei grossen Schweizer Energiekonzerne über zehn Jahre hinweg kontinuierlich Verluste in Millionenhöhe im Eigenhandel zulassen würden – das würde sowohl der betriebswirtschaftlichen Logik wie auch der rechtlichen Verantwortung dieser Organe widersprechen», lässt die Axpo verlauten. Jene von Frauendorfer veranschlagten Einbussen von 4,6 Milliarden Franken seien «schlichtweg falsch». Auch BKW und Alpiq bestreiten die stipulierten Milliardenverluste kategorisch.

Inputs nur marginal berücksichtigt

Die Axpo hält zudem fest: Man betreibe einen profitablen Eigenhandel, es gebe auch keine Quersubventionierung. Der Verzicht auf Dividendenausschüttung sei nicht auf den Eigenhandel, sondern auf die tiefen Erlöse bei der Schweizer Stromproduktion zurückzuführen. Angesprochen auf die grossen Volumina im Eigenhandel, hält der Konzern weiter fest, dass die Grösse des Handelsvolumens kein geeignetes Risikomass sei. Und die Alpiq widerspricht der Überschätzung des Eigenkapitals: Der Vorwurf von Inkonsistenzen in der Bilanzierung der Energiederivate entbehre jeder Grundlage. Man halte sich an geltendes Recht und Buchungsstandards. Die BKW kritisiert, dass man die Autoren der Studie «schon mehrfach und teilweise detailliert auf fehlerhafte Annahmen und Fehlschlüsse» hingewiesen habe. Diese Inputs würden in der aktuellen Studie «nur marginal berücksichtigt».

HSG-Professor Frauendorfer betont dagegen, dass «unsere Zahlen, die wir im August 2019 publiziert haben, nie von den betroffenen Unternehmen korrigiert wurden. Diese Zahlen sind sehr konservativ gerechnet. Der Verlust aus dem Prop Trading dürfte über die zehn Jahre wohl eher gegen 10 Milliarden Franken tendieren.» Sein Lehrstuhl forsche seit 2014 auf dem Thema und habe immer alle betroffenen Parteien über den Stand seiner Erkenntnisse informiert. Er sei unabhängig und allein der Wissenschaft verpflichtet.

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Blackrock – Fink mit dem Zaunpfahl

Blackrock Der grösste SMI-Investor straft Konzerne wegen intransparenter Saläre und wegen Ämterfilz ab.

Das Staatssekretariat für Wirtschaft (Seco) wollte es im letzten Jahr genau wissen: Wem gehören eigentlich die Schweizer Börsenkonzerne? Das Ergebnis der behördlichen Analyse des «SMI Expanded» ist eindeutig: «Blackrock ist mit Abstand der grösste Aktionär aufgrund der ungewichteten Anteile.» Der US-amerikanische Investmentkoloss war – zum Stichtag Anfang Februar 2019 – in 38 der 46 Unternehmen aus dem Börsenindex investiert. Damit besass Blackrock Beteiligungen über der 3-Prozent-Meldeschwelle bei mehr als 80 Prozent der grössten kotierten Unternehmungen im Lande. Dahinter folgt mit weitem Abstand die UBS als Fondsmanagerin. Sie kommt bloss auf 22 Prozent. Selbst wenn man die kumulierte Marktkapitalisierung als Massstab nimmt, rangiert der angelsächsische Assetmanager in den Top Drei. Hinter der Familie Hoffmann und Novartis.

Blackrock begründet Voten

Mit anderen Worten: Vermögensverwalter Blackrock um Chef Larry Fink ist eine ernst zu nehmende Investmentmacht aus Sicht der Schweizer Börsenkonzerne. Nicht zuletzt, weil die Amerikaner gekommen sind, um zu bleiben. Im Gegensatz zu aktivistischen Anlegern setzt das New Yorker Vermögenshaus aufs passive, indexbasierte Investieren. Blackrocks Haltung zur Aktionärsdemokratie ist deswegen jedoch keine passive. Dies zeigt eine Auswertung der «Handelszeitung» zum Abstimmungsverhalten von Blackrock an den diesjährigen Generalversammlungen (GV).

Das US-Investmenthaus setzt mit klaren Voten seine öffentlich einsehbaren Governance-Grundsätze durch: Wer als hiesige Spitzenkraft Verwaltungsratsmandate sammelt, wie andere das mit Hemden tun, ist bei Blackrock unten durch. Auch intransparente Vergütungsstrukturen, die den Vergleich mit Mitbewerbern scheuen, finden bei den angelsächsischen Profi-Anlegern keine Gnade. Ebenso wenig verschworene Männerbünde auf der Teppichetage: Wer als Verwaltungsrat (VR) nach Ansicht der Amerikaner zu wenig Diversität an den Tag legt, erhält keinen Sukkurs mehr an der GV. Wobei Blackrocks «Investment principles» keineswegs ethisch-moralischer Selbstzweck sind, sondern mithelfen sollen, die langfristige Profitabilität der Unternehmen zu sichern.

Blackrock begründet Voten einzeln

Schon seit Jahren macht der gewichtigste SMI-Investor sein Abstimmungsverhalten im Nachgang zur GV-Saison publik. Allerdings verzichtete Blackrock bislang darauf, die Voten einzeln zu begründen. Das hat sich 2020 nun grösstenteils geändert. So musste beispielsweise Geberit-Präsident Albert Baehny an der diesjährigen GV des Sanitärkonzerns ohne die Stimmen des amerikanischen Grossinvestors auskommen. Die fadengerade Begründung Blackrocks: Baehny trage als Präsident die Verantwortung für den «schlecht strukturierten Verwaltungsrat». Zudem sitze er in einer «übermässigen Anzahl an Verwaltungsräten», weshalb Blackrock erhebliche Bedenken habe hinsichtlich seiner Fähigkeit, ausreichend Aufsicht im Amt auszuüben. Nebst seinem Präsidentenamt bei Geberit hat Baehny nämlich noch das Doppelmandat beim Chemie- und Pharmakonzern Lonza als interimistischer Chef und Verwaltungsratspräsident. Zudem sitzt er im VR der kotierten Zürcher Immobilienfirma Investis. Blackrocks Breitseite gegen Geberit-Übervater Baehny mag der Sanitärkonzern auf Anfrage nicht kommentieren: Man äussere sich nicht zum Verhalten einzelner Aktionäre.

Transparenter ist da schon der Versicherungskonzern Swiss Life. Deren Vergütungsbericht fand ebenfalls keine Zustimmung. Für Blackrock erschloss sich der Zusammenhang zwischen «leistungsabhängiger Vergütung und Unternehmensleistung» nicht. Die Unterlagen böten kein ausreichendes Verständnis für die Vergütungspolitik des Unternehmens. Mit dieser Einschätzung steht Blackrock allerdings ziemlich alleine da. So verweist Swiss Life auf die Stimmrechtsberater ISS, Glass Lewis und Ethos. Sie alle würden seit Jahren Zustimmung zum Vergütungsbericht empfehlen. Zudem habe Berater ISS mit seinem Quality Score die Vergütungspolitik von Swiss Life auf einer Skala von eins bis zehn mit der Bestnote eins bewertet.

Versuch in Dialog zu treten

Ihr «Njet» zur Swiss-Life-Vergütung kommunizierte Blackrock nicht: Kurzfristig haben man die Mitteilung erhalten, dass Blackrock gegen den Vergütungsbericht stimmen werde, schreibt der Versicherungskonzern auf Anfrage. Daraufhin hat Swiss Life versucht, wenige Tage vor der GV mit Blackrock in einen Dialog zu treten. «Eine inhaltliche Diskussion wurde seitens Blackrock allerdings abgelehnt», schreibt Swiss Life. Es sei vorgesehen, dass zur Klärung der Thematik mit Vertretern von Blackrock im Herbst 2020 Gespräche geführt würden.

Manchmal kann eine ablehnende Haltung auch unterschiedlichen Governance-Auffassungen entspringen, wie etwa bei Schindler. Blackrock stimmte beim Luzerner Liftbauer gleich gegen mehrere Verwaltungsräte, darunter Präsident Silvio Napoli und Familienpatron Alfred Schindler. Die Begründung: fehlende Unabhängigkeit. Das Schweizer Corporate-Governance-Modell sei ein anderes als das in den USA. Die Regeln zur Unabhängigkeit seien hierzulande einfacher gehalten, schreibt eine Schindler-Sprecherin. Demzufolge ist als VR unabhängig, wer nie oder vor mehr als drei Jahren der Geschäftsleitung angehört hat.

Obwohl Proxy-Vertreter diese Argumente während des häufigen Austauschs verstünden, so die Schindler-Sprecherin, erlaubten deren interne Regeln keine Abweichung von den Modellen, was zu einer «schlechten Bewertung» führe. Die Vertreterin des Liftbauers plädiert deshalb für eine «flexiblere Anwendung von Proxy-Rating-Modellen». Sie würde eine effektivere Beurteilung von nicht amerikanischen Unternehmen ermöglichen, und zwar unter Berücksichtigung des Schweizer Governance-Modells.

Swatch-Saläre nicht nachvollziehbar

Während Schindler sich also gegenüber Blackrock und Co. zu erklären versucht, betreibt die Swatch Group bewusst keine Investorenpflege: «Unser Unternehmen hat vor langer Zeit beschlossen, keine Einzelgespräche mit Aktionären zu führen und auf Roadshows zu verzichten.» Dies nicht zuletzt auch zur Einhaltung strenger Regeln und Vorschriften betreffend Insiderwissen in der Schweiz. Blackrock scheint derweil für diese vornehme Zurückhaltung wenig Verständnis zu haben. Der US-Anlage-Manager lehnte unter anderem das Vergütungspaket fürs Swatch-Management um Chef Nick Hayek ab. Die Salärmodelle seien schlecht strukturiert, der Zusammenhang zwischen leistungsabhängiger Vergütung und Unternehmensleistung nicht nachvollziehbar. Fünf vor zwölf in Biel.

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Villenbauer Patric Simmen gegen Autohändler

Patric Simmen Er baut für das Who’s who der Schweizer Wirtschaft. Nun droht dem Immobilienprofi Simmen wegen eines Firmenverkaufs Ärger.

«Endlich Urlaub», postet Patric Simmen auf seiner öffentlichen Facebook Page Anfang Oktober 2019. Der Schwyzer Immobilienprofi jettet sodann in der Business Class nach Dubai ins Fünf-Sterne-Luxusresort. Kurz zuvor hat sich Simmen einer seiner Firmen entledigt. Es geht um das Generalund Totalunternehmen Simmen Construct mit Sitz im Kanton Schwyz. In einem knappen Schreiben im September 2019 an Bauherren und Geschäftspartner lässt Simmen diese wissen, er habe die Firma bereits im Januar an einen neuen Aktionär verkauft. Die Firma heisse nun Magnum Services. Sie handelt fortan mit Autoteilen im solothurnischen Grenchen.

Das Schreiben von Patric Simmen

Wenige Monate nach Simmens Schreiben, im Frühjahr 2020, wird gegen Magnum der Konkurs eröffnet. Was bleibt, sind konsternierte Bauherren und offene Forderungen von mehr als einer halben Millionen Franken. «Wir werden gegen die verantwortlichen Organe der AG Strafanzeige erstatten», sagt Christoph Studer vom Konkursamt Solothurn. Da die Firma unmittelbar vor Konkurseröffnung den Sitz in den Kanton Solothurn wechselte, werde man prüfen, ob die Strafanzeige nebst der Solothurner Staatsanwaltschaft auch der Staatsanwaltschaft des Kanton Schwyz zugestellt werde. Für Patric Simmen dürfte der Firmenverkauf damit ein juristisches Nachspiel haben. Simmens Rechtsvertreter, Patrick Sutter, weist jeden Vorwurf unrechtmässigen Handelns von sich. Sein Mandant stehe seit Jahrzehnten jeweils mit eigenen Mitteln ein, wenn eines seiner Unternehmen Mittelbedarf habe. Er verfüge deshalb auch über hohe Guthaben gegenüber seinen Gesellschaften.

Opulente Räume für Kryptobank

Der Immobilienfachmann Patric Simmen machte sich in den letzten zwanzig Jahren einen Namen als Villenbauer der hiesigen Wirtschaftsprominenz. Ob Blackrock-Mann David Blumer, Avaloq-Gründer Francisco Fernandez, CS-Rechtschef Romeo Cerutti oder eine Bank-Vontobel-Erbin: sie alle liessen sich von Patric Simmen ihre Wohnträume erfüllen. Über 300 Projekte soll der gelernte Hochbauzeichner gemäss «Bilanz» realisiert haben. Zuletzt machte Villenbauer Simmen vor allem durch seine Zusammenarbeit mit Guido Buehler, dem Chef der Zuger Kryptobank Seba, von sich reden. Für Seba gestaltete Simmen die opulenten Innenräume am Sitz in einem denkmalgeschützten Zuger Altstadthaus.

Während Simmen neue Projekte mit Schwung vorantreibt, holt ihn nun ein Firmenverkauf ein. Der Bauunternehmer informierte in seinem Schreiben vom 12. September 2019, welches der «Handelszeitung» vorliegt, er habe die Totalunternehmung Simmen Construct bereits im Januar 2019 an einen neuen Aktionär verkauft. Dennoch soll Simmen, gemäss einem Geschädigtenvertreter, noch bis in den Sommer letzten Jahres hinein verschiedene Bauprojekte betreut haben. Projekte, bei denen zum Teil noch Arbeiten angestanden wären. Doch nach dem Schreiben vom September sei Simmen für Bauherren wie für Geschäftspartner der Simmen Construct nicht mehr erreichbar gewesen, so der Geschädigtenvertreter.

Schon Brandanschläge verübt

Ab dann hiess die Firma auch nicht mehr Simmen Construct, sondern Magnum Services mit Sitz in Grenchen. Der neue Zweck: «Handel mit und Vermietung von Fahrzeugen und Fahrzeugbestandteilen aller Art». Besitzer ist der türkischstämmige Sevket Aras. Der ehemalige Kontaktbarbetreiber, auf den schon Brandanschläge verübt wurden, sagt am Telefon: Er habe eine Firmenhülle für seinen Autozubehörbetrieb gesucht. Ein Buchhalter habe ihm den Unternehmensmantel vermittelt. «Als ich die Firmenhülle der Simmen Construct übernommen habe, war sie praktisch schulden- und betreibungsfrei», so Aras. Zugleich behauptet der Autoteilehändler, er habe die Firma nicht im Januar 2019, wie von Simmen im Schreiben erwähnt, sondern erst im Sommer übernommen.

Gemäss Betreibungsregisterauszügen, welche der «Handelszeitung» vorliegen, hatte die Firmenhülle bei Sitzverlegung Betreibungen von knapp 15 000 Franken ausstehend. Nach der Übernahme seien aber immer mehr Betreibungen aus der früheren Bautätigkeit eingegangen, erklärt Aras. Schliesslich summierten sich die Forderungen bis im Frühjahr auf über eine halbe Millionen Franken. «Alle Betreibungen der Magnum sind nachweislich und dokumentiert zu praktisch 100 Prozent der früheren Simmen Construct zuzuordnen», sagt ein Geschädigtenvertreter.

Patric Simmen hat an neuen Aktionär übergeben

Simmens Rechtsanwalt Sutter betont dagegen, der Unternehmer habe die Simmen Construct nach Abschluss des letzten Projekts mit einem geringen Nettoguthaben an den neuen Aktionär übergeben. «Wie daraus ein Konkurs mit offenen Forderungen von 520 000 Franken entstehen konnte, entzieht sich seiner Kenntnis.» Simmen kenne den neuen Aktionär auch nicht persönlich, sondern dieser sei ihm von seinem damaligen Treuhänder vorgestellt worden. Er sei vom neuen Geschäftsinhaber weder über finanzielle Probleme informiert noch sonst wie kontaktiert worden.

Im Mai dieses Jahres jedenfalls wird der Konkurs über Magnum Services eröffnet. Besitzer und Verwaltungsrat Sevket Aras sieht sich als Opfer: «Ich habe 5000 Franken für die Firmenhülle bezahlt und konnte nichts damit anfangen.» Ende Juli stellt das Konkursamt Solothurn das Verfahren mangels Aktiven vorläufig ein. Mehrere Gläubiger haben nun Vorschuss für ein summarisches Verfahren geleistet. Auf den Konten der ehemaligen Simmen Construct finden sich bloss noch 295.10 Franken an flüssigen Mitteln. Gemäss Konkursamt betrug der Gesamtumsatz auf den diversen Firmenkonti bei der Valiant Bank in den letzten vier Jahren über 23 Millionen Franken.

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Johannes Rüegg-Stürm – Der Theoretiker

Johannes Rüegg-Stürm Er war Raiffeisen-Präsident. Und führte Bankchef Pierin Vincenz an der langen Leine. Mit fatalen Folgen. Bis heute lehrt er Management an der Uni St. Gallen.

Es ist die Fibel eines jeden HSG-Studenten: «Das St. Galler Management-Modell». Dessen Ansatz soll künftigen Führungskräften als Kompass in einer komplexen Unternehmensumwelt dienen. Geschrieben hat das Standardwerk Johannes Rüegg-Stürm. Er war von 2011 bis 2018 Verwaltungsratspräsident von Raiffeisen, der drittgrössten Bankengruppe der Schweiz. In seine Präsidentschaft fallen Kontrollversagen und Verstösse gegen die gute Unternehmensführung. Gegen den damaligen Raiffeisen-Chef Pierin Vincenz läuft eine Strafuntersuchung, unter anderem wegen ungetreuer Geschäftsbesorgung. Sie steht kurz vor dem Abschluss. Bald folgt die Anklage.

Während sich Vincenz und Co. im nächsten Jahr vor Gericht verantworten müssen, lehrt Ex-Präsident Rüegg-Stürm an der Universität St. Gallen. Er wurde erst Anfang 2020 für weitere sechs Jahre als Ordinarius bestätigt. Rüegg-Stürm leitet das Institut für Systematisches Management und Public Governance. Der Professor für Organisationsstudien unterrichtet just in jener Disziplin, in welcher er den Praxistest bei Raiffeisen nicht bestand, wie umfangreiche Recherchen zeigen. Rüegg-Stürm liess Fragen der «Handelszeitung» zu seiner Rolle als Raiffeisen-Präsident im Fall Vincenz unbeantwortet.

Zuckerbrot und Peitsche

Vom Organisationstheoretiker, der in der hiesigen Unternehmenswelt kaum vernetzt ist, stammen «St. Galler Modell»-Sätze wie «Muster im alltäglichen Geschehen bringen die vorherrschende Ordnung zum Ausdruck». Die «vorherrschende Ordnung» hatte bei Raiffeisen Schweiz einen Namen: Pierin Vincenz. Der ehemalige Bankchef verstand es in seiner langen und erfolgreichen Regentschaft mit einer Mischung aus Zuckerbrot und Peitsche, das Genossenschaftsinstitut nach seinem Gusto zu beeinflussen. Für seine zum Teil verdeckten Geschäfte und seinen lockeren Umgang mit Spesen wird sich der Bündner Banker rechtlich verantworten müssen.

Vincenz’ Chef und Aufseher wäre sieben Jahre lang Johannes Rüegg-Stürm gewesen – wäre. Doch der damalige Verwaltungsratspräsident von Raiffeisen Schweiz hat seine Kontrollfunktion nur mangel- und lückenhaft wahrgenommen. Erst der praxisferne Rüegg-Stürm ermöglichte es dem Machtmenschen Vincenz, seine Dominanz in der Genossenschaftsbank voll zu entfalten.

Der Raiffeisen-Präsident, der einst zu «Unternehmensentwicklung und Unternehmensethik» dissertierte, vertraute dem Bündner Alpha-Banker lieber, als dass er ihn engmaschig kontrollierte. Gemäss einer bankinternen Regelung hätte Pierin Vincenz beispielsweise jährlich dem Strategie- und Entschädigungsausschuss des Verwaltungsrates, den Rüegg-Stürm präsidierte, seine privaten Beteiligungen mit geschäftlichem Charakter offenlegen müssen. Doch das geschah nicht. Obwohl Vincenz zeitweise über ein Dutzend Private-Equity-Beteiligungen hielt. Auch die hohen Kreditausstände des Raiffeisen-CEO wurden durch den VR-Ausschuss nie wirklich überwacht. Bis zuletzt wusste also Präsident Rüegg-Stürm wenig über Vincenz’ dauerangespannte Finanzen und seine heiklen Beteiligungsnahmen.

Die lange Aufsichtsleine genoss Vincenz auch, als er seinen Abgang als Raiffeisen-Chef vorbereitete. Im diffizilen Ablösungsprozess, der sich über Jahre hinzog, liess es Präsident Rüegg-Stürm nicht zuletzt an Menschenkenntnis mangeln. Offiziell schied Vincenz zwar erst im Herbst 2015 aus, doch bereits im Sommer 2014 – also fast anderthalb Jahre früher – begannen die Abgangsdiskussionen aufzuflammen. Zur selben Zeit dozierte HSG-Professor Rüegg-Stürm an internationalen Fachkonferenzen zur «wiederholten Wiederherstellung der Legitimität der Führung in Ermangelung formalisierter Machtstrukturen».

Ein reputatives Minenfeld

Bankintern drehte sich derweil die Frage darum, wie Galionsfigur Vincenz nach seinem Exekutiv-Exit weiter im Genossenschaftsimperium hätte beschäftigt beziehungsweise vergütet werden können. Die Ideen reichten vom Notenstein-Präsidium über eine Rolle beim Aduno-Börsengang bis hin zum wohldotierten Beraterjob. Ein reputatives Minenfeld für die Bank. Denn Vincenz’ Millionenbezüge hatten bereits 2008 die Genossenschaftsbasis erzürnt und zum Beinahe-Rücktritt des Raiffeisen-Chefs geführt. Die Folge war eine massive Reduktion des CEO-Lohns.

Dass Vincenz für die Durchsetzung eigener Finanzinteressen den rechtlichen Rahmen zu sprengen bereit gewesen wäre, hätte Rüegg-Stürm spätestens ab Oktober 2014 wissen müssen. Damals schlug Vincenz ihm für die Zeit nach dem Rücktritt als Chef einen brisanten Deal vor. Raiffeisen solle mit ihm doch einen fünfjährigen Beratungsvertrag bis 2021 abschliessen, dotiert mit 880 000 Franken pro Jahr. Und dieses «Gentlemen’s Agreement» sei nach Vertragsunterzeichnung gleich wieder zu zerreissen. Ein ungeheuerlicher Vorschlag, auf den Rüegg-Stürm zwar nicht einstieg, der aber für Vincenz folgenlos blieb.

Nicht zuletzt, weil Rüegg-Stürm die wahren finanziellen Ansprüche des Pierin Vincenz jahrelang verkannte. Der Management-Professor war der irrigen Annahme, dass Raiffeisen ihrem Langzeit-CEO beim Abgang etwas schulde. Dazu muss man wissen, dass Vincenz sich in den Rücktrittsdiskussionen auf eine Zusatzvereinbarung von 2000 berief. Sie sah vor, dass der Bündner ab einer 13-jährigen Tätigkeit als Raiffeisen-CEO Millionenansprüche geltend machen kann.

Konkret hätte Raiffeisen ihrem CEO bei einem geordneten Übergang in den Ruhestand oder in die Erwerbslosigkeit eine Abgangsentschädigung von 5 Millionen Franken entrichten müssen. Eine Summe, die übrigens nirgends sauber bilanziert war. Rüegg-Stürm wusste um die Sprengkraft eines solchen goldenen Fallschirms. Er war deshalb tunlichst darum besorgt, eine einvernehmliche Lösung mit Vincenz zu finden, der immer neue Forderungen stellte.

Wenig Fingerspitzengefühl

Zu Vincenz’ Abgangsmodalitäten führte der Raiffeisen-Präsident zig Gespräche und Workshops durch. Dabei umging Rüegg-Stürm bewusst die Raiffeisen-eigene Rechtsabteilung. Denn Vincenz’ damalige Ehefrau, Nadja Ceregato, leitete sie. Rüegg-Stürm befürchtete, wohl zu Recht, Interessenkollisionen oder gar Indiskretionen.

Der VR-Präsident gab deshalb externe Analysen und Gutachten in Auftrag und bewies hierbei wenig Fingerspitzengefühl. Unter anderem holte Rüegg-Stürm sich Rat bei Rechtsprofessor Peter Forstmoser. Just jener Forstmoser, der all die Jahre Pierin Vincenz’ Interessen vertrat und für ihn Gutachten schrieb, welche ex post seine Upfront-Beteiligungen rechtlich legitimierten. Und so kam es denn auch, dass Forstmoser auch Vincenz’ Entschädigungsansprüche bestätigte. Dabei hätte Rüegg-Stürm eine simple Lektüre des Arbeitsvertrags genügt: Vincenz’ Millionenforderung war nämlich längst nicht mehr gültig. Ein neuer Arbeitsvertrag von 2013 hatte alle vorherigen Ansprüche abgelöst. Eine Erkenntnis, zu der Rüegg-Stürm allerdings erst drei Jahre später gelangte.

Johannes Rüegg-Stürm liess Vincenz gewähren

Inzwischen hatte sich Vincenz privat mit 15 Prozent am bankeigenen Private-Equity-Vehikel namens Investnet beteiligen dürfen. Ihm winkte der Jackpot.

Der Wert seiner Investnet-Beteiligung wurde bis 2030 auf über 60 Millionen Franken prognostiziert. Dies bei einem Eigenkapitaleinsatz von 1,5 Millionen Franken. Die potenziell äusserst lukrative Beteiligungsnahme hatte Vincenz – wider aller Good Corporate Governance – noch in seiner Zeit als operativer Chef einfädeln können. Nicht zuletzt, weil Präsident Rüegg-Stürm ihn gewähren und den übrigen Raiffeisen-Verwaltungsrat im Dunkeln liess.

Es war Anfang Januar 2015: An einem Montagmorgen um 9 Uhr empfing Vincenz in seinem Büro am Raiffeisen-Sitz in St. Gallen Rüegg-Stürm zu einer stündigen Sitzung. Der CEO eröffnete damals detailliert seinem Präsidenten, dass er sich nach seinem operativen Rücktritt privat am bankeigenen Private-Equity-Vehikel zu beteiligen gedenke. Sieben Tage später fand eine Sitzung des Raiffeisen-Verwaltungsrates statt. Doch Rüegg-Stürm unterliess es, Vincenz’ Investment-Absicht zu traktandieren. Ein Verstoss gegen Aufsichtspflichten.

Ohne Investnet-Traktandum aber konnte sich der Raiffeisen-Verwaltungsrat gar nicht adäquat aufs Geschäft vorbereiten. Seine Kontrollfunktion war praktisch ausgehebelt. Die heikle und finanziell bedeutsame Beteiligungsnahme wurde an der Raiffeisen-VR-Sitzung deswegen bloss unter «Varia» abgehandelt, also als Randnotiz. Die Tischvorlage durfte Vincenz gleich selber präsentieren und kam damit glatt durch. Das dazugehörige Protokoll wurde an der nächsten VR-Sitzung zudem geschwärzt ausgehändigt. Die finanziellen Konditionen fehlten. Ein umfassendes Bild des brisanten Deals erhielten die Verwaltungsräte somit nicht.

Späte Distanzierung des Johannes Rüegg-Stürm

Erst langsam schwante Rüegg-Stürm, dass Pierin Vincenz vielleicht mehr ist als ein «Bergler und politischer Berater», wie der Titel einer Raiffeisen-Festschrift zu Vincenz’ Abschied lautete. Zwei Jahre nach dessen Rücktritt gab Raiffeisen, auch auf Druck der Finanzmarktaufsicht Finma, eine interne Untersuchung bei der Kanzlei Prager Dreifuss in Auftrag. Noch während die Untersuchung lief, traf sich Rüegg-Stürm im Frühjahr 2017 zum Mittagessen mit einem der leitenden Prager-Prüfer in Zürich. Beim Arbeitslunch soll Rüegg-Stürm Vincenz als «kriminell» bezeichnet haben.

Rüegg-Stürms späte Erkenntnis fügt sich ins Gesamtbild. Dem Managementtheoretiker aus dem Glarnerland blieb die Finanzwelt bis zuletzt fremd. Ein Banker vom Schlage eines Vincenz wusste dies zu seinen Gunsten auszunutzen. Raiffeisen, das war für den Vollblut-Akademiker Rüegg-Stürm vor allem ein lukrativer Teilzeitjob. Bis zu eine halbe Million Franken jährlich erhielt er für sein 50-Prozent-Pensum bei der Genossenschaftsbank. Dafür präsidierte er im Nebenamt die systemrelevante Bank auch von seinem HSG-Büro in St. Gallen Rotmonten aus. So lief ein Teil seiner elektronischen Kommunikation, die er als Raiffeisen-Präsident schrieb, nicht über die Systeme der Genossenschaftsbank. Vielmehr verschickte Rüegg-Stürm Bankkorrespondenz auch übers Mail-Konto der Universität St. Gallen, was regelwidrig war. Der Raiffeisen-Präsident blieb eben bis zuletzt Professor – ein Theoretiker mit getrübtem Blick für die Realität.

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Credit Suisse – Die Finma mistet die Ära Rohner aus

Credit Suisse Die Finanzmarktaufsicht eröffnet ein Verfahren gegen die CS. Es geht um eine weitere Altlast von Präsident Urs Rohner.

Es sind noch wenige Monate, dann tritt Urs Rohner als Credit-Suisse-Präsident ab. Nach sage und schreibe fast zehn Jahren im Amt. Auf die Generalversammlung im nächsten April werden die Aktionäre der Grossbank einen neuen CS-Oberaufseher wählen. Die Kandidatensuche läuft. Derweil beschäftigt sich die Finanzmarktaufsicht bereits seit geraumer Zeit mit den Altlasten der Langzeit-Ära von Urs Rohner. 

Mangelhafter Geldwäscherei-Kampf der Credit Suisse

Im September 2018 hat die Finma in zwei gesonderten Enforcement-Verfahren festgestellt, dass die Geldwäscherei-Bekämpfung der CS «mangelhaft» sei. Das war eine schallende Ohrfeige für Präsident Rohner, der ab 2004 als General Counsel und später als Operativchef der Bank just diese Money-Laundering-Missstände nicht entschieden bekämpft hatte. Daneben läuft übrigens auch ein gesondertes Strafverfahren gegen die CS in Genf wegen Organisationsmängeln. 

Doch damit nicht genug. Keine zwei Jahre später folgt bereits das nächste Enforcement gegen die Credit Suisse. Dieses Mal geht es um die sogenannte «Beschattungsaffäre». Der damalige Vermögenschef Iqbal Khan wurde im «Garden Leave» vor seinem Wechsel zur UBS von CS-Detektiven ausgespäht, weil die Bank fürchtete, Khan könnte Kunden und Kollegen zur Konkurrentin locken. 

Juristischer Widerstand der Credit Suisse

Im Finma-Fokus steht aber nicht die ruppige Beschattungsaktion gegen Khan am Zürcher Paradeplatz, sondern die Art und Weise, wie die Bank solche Spy-Aktionen dokumentiert und kontrolliert. Oder eben nicht. 

Seit Anfang Jahr leuchtete der von der Finma eingesetzte Prüfbeauftrage, Rechtsanwalt Thomas Werlen, die Beschattungsaktivitäten der CS-Spitze auf solche Governance-Fragen hin aus. Dies trotz massivem rechtlichem Widerstand der Grossbank, deren Hausjuristen versuchten, Werlen beziehungsweise dessen Kanzlei Quinn Emanuel Urquhart & Sullivan vom Gericht als befangen taxieren zu lassen. Insofern mutet das heutige CS-Communiqué geradezu euphemistisch an: Die Bank, so die Mitteilung, werde gemeinsam mit der Aufsichtsbehörde «aktiv auf eine lückenlose und zügige Aufarbeitung dieser Angelegenheit» hinarbeiten. 

Threema-Kommunikation nicht sauber dokumentiert

Nichtsdestotrotz waren Werlens Erkenntnisse über mögliche Verfehlungen der Bankspitze offenbar so stichhaltig, dass die Aufsicht nun ein eigentliches Enforcement-Verfahren eröffnet. Die Rede ist von verschlüsselter, nicht sauber dokumentierter Kommunikation über sichere Messaging-Apps wie Threema. Eine zweifelhafte Praxis, die offenbar bis in die höchsten Sphären der Bank verbreitet war. 

Entsprechend ist dieses Enforcement eine weitere Schmach für den scheidenden CS-Präsidenten. Umso mehr als sich Rohner im Zuge der Spygate-Affäre zur Aussage verstieg, wonach die Beschattung von Mitarbeitenden nicht zur Kultur der Bank gehöre. Dies löst unter Branchenkennern nur Kopfschütteln aus. Dass Banker bespitzelt werden, wenn sie beispielsweise den Arbeitgeber wechseln, ist gang und gäbe. Dafür ist schlicht zu viel Geld im Spiel.

Auch in seinem zehnten Präsidentenjahr scheint Rechtsanwalt Rohner die gängige Banking-Kultur nicht zu kennen.