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SIX – Prometheus gegen Insider

SIX Die Börsenbetreiberin geht neu mit Big Data und Algorithmen gegen Insider vor. Die Eigenentwicklung steht vor der Einführung.

Insiderhandel ist kein Kavaliersdelikt mehr. Spektakuläre Fälle wie jener von Hans Ziegler («Sanierer der Nation») oder jener eines ehemaligen BZ-Bank-CEO haben das Bewusstsein für die Problematik geschärft. Nun rüstet auch die Börsenbetreiberin SIX auf. «Mit Prometheus wollen wir weltweit zu einer der führenden Handelsüberwachungsstellen werden», sagt Christian Müller, Head Surveillance & Enforcement von SIX Exchange Regulation (SER). Die Börsenbetreiberin hat einen siebenstelligen Betrag in das Produkt Prometheus investiert.

SIX investiert siebenstelligen Betrag

Entworfen wurde das System vom Beratungsunternehmen PwC, das in Zürich ein 200-köpfiges Team aus Datenwissenschaftern und IT-Entwicklern unterhält. Prometheus besteht aus zwei Modulen: «Insiderhandel» und «Marktmanipulation», das 2021 folgt. Das «Insider»-Modul wird derzeit eingeführt und soll Müllers Team helfen, verdächtige Handelsaktivitäten ergiebiger zu erfassen. Es wird das bisherige Überwachungssystem der Börsenbetreiberin Nasdaq ablösen.

Bis zu sechszig Millionen Transaktionsmeldungen

Die Vorteile von Prometheus sind vielfältig. Da wäre zunächst einmal die Rechnerleistung. «Das alte Datawarehouse brauchte teilweise ein ganzes Wochenende, um alle Transaktionsmeldungen der letzten vierzehn Tage bei einem Blue Chip wie Nestlé abzurufen. Mit der neu implementierten Big-Data-Lösung, welche die Basis für Prometheus bildet, schaffen wir das heute in zwei Minuten», so Müller. Dieser Boost ist notwendig, denn die Menge an Handelsdaten ist mittlerweile gigantisch. Pro Monat gebe es zwischen fünfzig und sechzig Millionen Transaktionsmeldungen, sagt Müller: «Die Einbindung und Verknüpfung dieser Daten mit den Handelsdaten der Börse wäre ohne den Einsatz von künstlicher Intelligenz nicht mehr zu schaffen. Durch den Einsatz von Algorithmen werden wir die Effizienz der Marktüberwachung signifikant verbessern.»

Kursrelevante Events

Dabei sollte das neue System aus dem Big-Data-Teich diejenigen Trades herausfischen, die zum einen dem wirtschaftlich Berechtigten einen geldwerten Vorteil verschafft haben und die zum anderen «auffällig» waren. Ein vielschichtiger Begriff: Prometheus verfügt nämlich über zahlreiche, gewichtete Leistungskennzahlen wie Kapitaleinsatz, Haltedauer oder die Positionierung des jeweiligen Trades zu öffentlichen kursrelevanten Events wie Jahreszahlen oder Ad-hoc-Meldungen. Dabei berücksichtigt das System das Handelsumfeld mit.

Aus diesem bunten Strauss an Kriterien filtert das System verdächtige Anomalien und Muster heraus. «Stets geht es darum, mit verschiedenen Algorithmen die relevanten Ausreisser im Handelsverlauf zu erkennen. Also jene wirtschaftlich Berechtigten zu erfassen, die nicht mit dem Trend, aber informiert handeln», erklärt Müller.

Hochinformiertes Handeln

Der Head Surveillance & Enforcement von SER spricht in diesem Zusammenhang von sogenannten Green Days, also besonders auffälligen Tagen, an denen hochinformiertes Handeln im jeweiligen Titel wahrscheinlich ist. Tritt an solchen Tagen nun ein «Aggressor» auf und handelt beispielsweise gegen den allgemeinen Trend, liefert dies einen «Key Risk Indikator» für Prometheus: Die eigentliche Arbeit der Handelsüberwachung beginnt beim Eintreten von mehreren Key-Risk-Indikatoren.

Erhärtet sich der maschinelle Anfangsverdacht, erstellt die SIX einen Report, der schliesslich an die Finanzmarktaufsicht (Finma) beziehungsweise an die Strafverfolger der Bundesanwaltschaft (BA) geht. Beide, Finma wie BA, dürfen nun dank Prometheus auf «mehr Fleisch am Knochen» hoffen. Bis zur Meldung an die Behörden vergehen maximal drei bis vier Monate.

Neues SIX System soll bessere Resultate liefern

Bislang habe sein Team sehr viel Zeit fürs Abarbeiten von Fehlalarmen benötigt, so Müller: «Die Falsch-positiv-Rate von marktüblichen Systemen liegt bei 90 Prozent.»

Ebenfalls bessere Resultate sind im Bereich der sogenannten Sekundärinsider zu erwarten. Also bei Personen, die indirekt von privilegierten Informationen profitieren. Dabei setzt Prometheus auf selbstlernende Mustererkennung, die Ähnlichkeiten über längere Zeitverläufe erfassen kann. Beispielsweise wenn ein Sekundärinsider mit zeitlicher Verzögerung und ohne einen erkennbaren Zusammenhang Handelspositionen in einem Titel aufbaut wie der Primärinsider. «Unser Ziel ist, dass wir künftig mit Prometheus nicht nur die bekannten Schemen in Bezug auf Insiderhandel und Marktmissbrauch besser aufdecken können, sondern auch neue marktmissbräuchliche Verhaltensmuster erkennen werden», sagt Müller.

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Postfinance – Zoff um die Zinsrisiken

Postfinance Das Staatsinstitut hält einen Teil des Verwaltungsrats der Finma für befangen – inklusive Präsident Thomas Bauer.

Der Streit zwischen der Postfinance und der Finanzmarktaufsicht Finma schwelt schon lange. Nun ist er vollends eskaliert, wie ein jüngst ergangenes Urteil am Bundesverwaltungsgericht (BVG) offenlegt. Darin fordert die gelbe Staatsbank, dass der Finma-Verwaltungsrat um Präsident Thomas Bauer in den Ausstand tritt. Denn eine unbefangene Beurteilung erscheine als ausgeschlossen, argumentiert die Postbank um ihren Präsidenten Rolf Watter.

Postfinance sucht «einvernehmliche Bereinigung»

Der Zürcher Wirtschaftsanwalt und Multi-Verwaltungsrat scheint sich in die Causa regelrecht verbissen zu haben. Zunächst hatte Watter nämlich mit Finma-Präsident Bauer zunächst «die Möglichkeit einer einvernehmlichen Bereinigung» ausgelotet, wie es im BVG-Urteil heisst. Mehrere Briefwechsel und Treffen später riss der Postfinance-Spitze im Februar dieses Jahres schliesslich der Geduldsfaden: Sie forderte den Ausstand der Finma-Führung um Bauer, worauf sich das Bundesverwaltungsgericht nun mit dem Hahnenkampf befassen musste.

Der jüngsten Befangenheitsepisode geht inhaltlich ein langwieriger Zank um Zinsrisiken bei der Postfinance voraus. Er nahm 2016 seinen Anfang. Damals verfügte die Finma-Geschäftsleitung um Direktor Mark Branson – gestützt auf die Basel-III-Vorschriften –, die gelbe Staatsbank müsse mehr Eigenmittel für den Fall halten, dass sich das Zinsniveau normalisiere. Damit droht der Postfinance ein Kapitalzuschlag von 270 bis maximal 540 Millionen Franken. Also in der Grössenordnung von ein bis zwei Jahresgewinnen, nimmt man den Geschäftsabschluss 2019 als Massstab. Die Postfinance rekurrierte dagegen und verlangte, dass nicht die Finma-GL darüber entscheide, sondern angesichts der finanziellen Tragweite der Finma-VR. Das Bundesgericht gab Ende 2018 der Staatsbank recht.

Finma-VR mit vorgefasster Meinung?

Doch auch das oberste Aufsichtsgremium machte in der Folge rasch klar, dass sie die Einschätzung der Finma-GL teile: Das Postfinance-eigene, empirische «Replikationsmodell» zu den Zinsrisiken vermochte Bauer und Co. jedenfalls nicht umzustimmen. Auch für den Finma-VR ist die Postfinance in Bezug auf die Zinsrisiken ein Ausreisserinstitut. Dieser Befund wiederum stösst der Bankspitze um Präsident Watter sauer auf. Sie ist überzeugt, dass bereits an der Finma-VR-Sitzung vom Januar 2019 die Meinungen zum Risikozuschlag gemacht waren. Also keinen Monat nachdem das Bundesgericht zugunsten der Postfinance entschieden hatte.

Banksprecher Rinaldo Tibolla erklärt denn auch, dass sich das Ausstandsbegehren gegen einzelne Personen richte wie «den Präsidenten des Verwaltungsrates sowie sämtliche Verwaltungsräte der Finma, die sich an oder in Zusammenhang mit der Sitzung vom 24. Januar 2019 in einer Weise festgelegt haben, dass eine unbefangene Beurteilung des gegenständlichen Verfügungsentwurfes als ausgeschlossen erscheint». Zugleich betont der Postfinance-Sprecher, man halte den Finma-VR für das «richtige Gremium». Jene VR-Mitglieder, die an der fraglichen Sitzung nicht teilgenommen hätten, seien als «nicht befangen» zu betrachten. Damit könne der Finma-VR ja «in reduzierter Zusammensetzung» ohne weiteres entscheiden.

Postfinance prüft Weiterzug ans Bundesgericht

Eine Argumentation, die vor Bundesverwaltungsgericht jedoch kein Gehör fand. Die Richter in St. Gallen erteilten dem Ausstandsbegehren der Postfinance eine Abfuhr. Die Staatsbank kann den Entscheid noch ans Bundesgericht weiterziehen. Man prüfe dies intern, sagt Tibolla.

Auch in der Sachfrage des Kapitalaufschlags ist das letzte Wort noch nicht gesprochen. Bislang liegt bloss ein Verfügungsentwurf des Finma-VR vom Dezember 2019 auf dem Tisch. Wann das oberste Aufsichtsgremium final entscheiden wird, ist nicht abzuschätzen. Knackpunkt bleibt jedoch die Frage der Zinsbindungsdauer. So ist das Kerngeschäft der Postfinance der Zahlungsverkehr. Das bedeutet: Auf der Passivseite hält die Postfinance im Vergleich zu einer gewöhnlichen Geschäftsbank deutlich mehr Sichtgelder als Sparbatzen.

Wie treu sind Kunden der Postfinance?

Jene Sichtgelder haben keine feste Zins- und Kapitalbindung. Kundinnen und Kunden können sie jederzeit abziehen. Die durchschnittliche Zinsbindungsdauer kann deshalb nur geschätzt werden. An ihr entbrannte der Glaubenskrieg zwischen der Finma und der Postfinance. Die zentrale Frage: Wie treu sind Postkonto-Kunden und -Kundinnen, wenn dereinst die Marktzinsen steigen? Führt der Zinsanstieg rasch zu Liquiditätsabflüssen in rentablere Anlagen? Oder verzichten die Kunden auf Rendite angesichts der hohen Verfügbarkeit der Postkonti? Da spielen auch Annahmen über die veränderte Kundentreue in digitalen Neo-Bank-Zeiten mit hinein. Oder das Image der Postfinance als eigenständige Aktiengesellschaft.

Glaubenskrieg als Fall für die Gerichte

Die getroffene Annahme bestimmt jedenfalls, wie empfindlich das Eigenkapital der Bank auf Änderungen des allgemeinen Zinsniveaus reagiert. Ein schockartiger Zinsanstieg um 150 Basispunkte würde beispielsweise den Barwert des Eigenkapitals der Postfinance um 160 Millionen Franken schmälern, wie dem jüngsten Geschäftsbericht zu entnehmen ist. Die Finma jedenfalls unterstellt der Postfinance pauschal auf den Kundeneinlagen eine Zinsbindungsdauer von zwei Jahren. Die Postfinance rechnet dagegen in ihren empirischen Modellen mit längeren Zinsbindungen, wodurch sich die Sensitivität des Eigenkapitals reduzieren würde. Ein Glaubenskrieg, über den wohl die Gerichte entscheiden werden.

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Urs Schwarzenbach – Inkasso an der Goldküste

Urs Schwarzenbach Sein Gang durch die Instanzen erwies sich als erfolglos. Zumindest einen Teil der fälligen Steuern muss der Milliardär nachzahlen.

Die epische Affäre Schwarzenbach ist um ein Kapitel reicher: Jüngst hat das Bundesgericht ein Urteil veröffentlicht, wonach für den Zürcher Milliardär Urs E. Schwarzenbach weitere 39 Millionen Franken an Nachsteuern samt 3 Millionen Franken Zinsen fällig werden. Es geht um Kantons- und Gemeindesteuern für die Jahre 2010 bis 2013.

Im Herbst vor zwei Jahren reichte das Zürcher Steueramt einen Zahlungsbefehl über die genannte Millionensumme beim Betreibungsamt Meilen-Herrliberg-Erlenbach ein. Auf den Inkassoversuch an der Zürcher Goldküste erhob Schwarzbachs Anwalt Guido E. Urbach postwendend Rechtsvorschlag. Was folgte, war ein Gang durch die Instanzen, der die millionenschwere Zwangsvollstreckung jeweils um Monate hinauszögerte.

Richter am Zürcher Bezirksgericht, Obergericht und schliesslich am Bundesgericht mussten sich mit der Frage befassen, ob die «Umschreibung des Forderungsgrundes» auf dem Zahlungsbefehl gültig war.

«Beinahe mutwillige» Behauptung

Die Richter in Lausanne finden nun klare Worte für Schwarzenbachs juristische Spitzfindigkeiten: Als «beinahe mutwillig» erweise sich die Behauptung des Beschwerdeführers, er könne nicht ­erkennen, welche Forderungsurkunde nun genau den Betrag enthalte, für den er betrieben werde.

Vielmehr «war es dem Beschwerdeführer ohne weiteres möglich, sich über den Anlass der gegen ihn eröffneten Betreibung ein Bild zu machen und seine Rechte zu wahren», urteilen die Bundesrichter und weisen Schwarzbachs Beschwerde ab. Sein Mandant nehme das Urteil zur Kenntnis, sagt Sacha Wigdorovits, Sprecher des schwerreichen Kunstsammlers und Luxushoteliers («The Dolder Grand») mit Wahlwohnsitz Grossbritannien.

Sprecher Wigdorovits betont, dass es beim vorliegenden Verfahren um Fragen bei der Vollstreckung eines Teils der Steuerforderungen gegen Herrn Schwarzenbach gehe. Jene 39 Millionen Franken an Kantons- und Gemeindesteuern sind nämlich nur die Spitze des Eisberges.

Gestritten um die Zwangsvollstreckung wird auch für die Steuerperiode 2005 bis 2009. Dort geht es um 80 Millionen Franken. Hinzu kommen noch direkte Bundessteuern in der Höhe von 39 Millionen Franken für die Jahre 2005 bis 2013. Insgesamt geht es also um 160 Millionen Franken an Nachsteuern zuzüglich Zinsen, die Schwarzenbach dem Schweizer Fiskus schuldet.

Urs Schwarzenbach mit Edwin Long Gemälde im Gepäck

Die Affäre nahm im Herbst 2012 ihren Anfang. Damals war der ehemalige Devisenhändler am Flughafen Zürich mit nicht deklarierter Kunst am Zoll hängen geblieben. Im Gepäck hatte Schwarzenbach ein Gemälde des britischen Malers Edwin Long für rund 300’000 Franken sowie eine antike Dose für etwas mehr als 10’000 Franken. Er versuchte damals, den Zöllnern glaubhaft zu machen, dass er die Mehrwertsteuer für die Kunstgegenstände nicht absichtlich habe umgehen wollen.

Die Fahnder sahen jedoch Indizien für eine wiederholte Schmuggeltätigkeit Schwarzenbachs. Daraufhin durchsuchte die Eidgenössische Zollverwaltung (EZV) im April 2013 dessen Luxushotel The Dolder Grand, die  Galerie Gmurzynska am Zürcher Paradeplatz, mit der Schwarzenbach geschäftete, und sein Büro in der Villa Falkenstein.

Was mit ­einem Verdacht auf Zoll- und Mehrwertsteuervergehen begann, weitete sich in der Folge auch zu einem grossen Steuerfall aus. Denn die Auswertung der von der EZV beschlagnahmten Dokumente ergab, dass der Financier von seiner Zürcher Dependance aus auch einen regen Kunst- und Antiquitätenhandel betrieb.

Dazu ­beschäftigte Schwarzenbach Personal, unterhielt eine umfangreiche Büroinfrastruktur und verwaltete «von dort aus verschiedene von ihm beherrschte ausländische, teils substanzlose Gesellschaften», wie es in einem Bundesgerichtsurteil von September 2018 heisst.

Zuflüsse in Milliardenhöhe

Diesem Leiturteil ist auch zu entnehmen, wie die Zürcher Steuerbehörden Schwarzenbachs Einkünfte aus dem Kunsthandel schliesslich plausibilisierten: Sie gingen von einem 5-prozentigen Kommissionsertrag im Kunsthandel aus.

Und auf jene Gelder, die Schwarzenbach im Rahmen der Handelstätigkeit zuflossen, rechneten sie eine «Handling Fee» von 20 Prozent sowie einen Gewinnanteil von 5 Prozent («Management Fee»). Basis für die Berechnungen waren jeweils die dem Steuerpflichtigen zurechenbaren «Zuflüsse» von über 2 Milliarden Franken für die Steuerperioden 2005 bis 2009 und über 1 Milliarde Franken in den Jahren 2010 bis 2013.

Anfang 2016 schliesslich erliess das kantonale Steueramt gestützt auf die Ertragsschätzungen verschiedene Sicherstellungsverfügungen gegen die Schwarzenbachs in der Höhe von rund 200 Millionen Franken.

Dagegen rekurrierte der in der englischen Grafschaft Oxfordshire lebende Financier bis vor Bundesgericht und verlor. Doch auch gegen die nachfolgende Zahlungsvollstreckung wehrt sich Schwarzenbach durch alle Instanzen. Im Falle der Kantons- und Gemeindesteuern für die Jahre 2010 bis 2013 erfolglos, wie sich jetzt zeigt.

Im Verlagerungsverfahren

Doch auch im Rechtsstreit mit der Eidgenössischen Zollverwaltung um den nicht ordnungsgemäss deklarierten Import von Kunstwerken musste der Zürcher Milliardär vor einigen Monaten eine weitere Niederlage einstecken.

Die EZV beschuldigte Schwarzenbach, 86 Kunst­werke im Verlagerungsverfahren in die Schweiz gebracht zu haben. Um die Angelegenheit zu vertuschen, sei in den Ver­trägen nicht angegeben worden, dass Schwarzenbach selber als Importeur der Kunstwerke fungierte. Damit konnte er Einfuhrsteuern vermeiden oder zumindest aufschieben.

Die Zollbehörde verlangte deshalb nachträglich Mehrwertsteuern in der Höhe von gut 10 Millionen Franken zuzüglich Zinsen. Dagegen rekurrierte Schwarzenbach bis vor Bundesgericht. Anfang Sommer bestätigten die Richter in Lausanne nun in wesentlichen Punkten das Urteil der Vorinstanz, des Bundesverwaltungsgerichts. Das BVG muss sich nochmals mit dem Fall befassen. Affaire à suivre.​

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Zank ums Zocken

Stromkonzerne Gemäss einer Studie der HSG schreiben Axpo, Alpiq und Co. mit dem spekulativen Eigenhandel Milliardenverluste. Die Konzerne dementieren hart.

Die letzten zehn Jahre waren für die drei Stromkonzerne Axpo, Alpiq und BKW ein Decennium horribilis. Nach der Finanz- und im Zuge der Euro-Krise kollabierte der Strompreis in Europa. Gleichzeitig wertete sich der Franken zur europäischen Einheitswährung auf. Hinzu kamen dirigistische Eingriffe wie die EEG-Umlage in Deutschland, mit welcher der Zubau erneuerbarer Energie wie Photovoltaik und Wind gefördert wurde. Kurzum: Jenes Elektrizitätsbusiness, woran die Ex-Monopolisten fürstlich verdienten, gibt es nicht mehr. Einheimische Produktion mutierte vom lukrativen Exportgut zum Klumpenrisiko. Jene neuen Grosskraftwerke für den Auslandabsatz wie die Pumpspeicher Linth-Limmern (Axpo) oder Nant de Drance (Alpiq) entpuppen sich als Investitionsgräber. Ohne Aussicht auf baldige Rentabilisierung.

Die Stromkonzerne reagierten mit Wertanpassungen beim eigenen Kraftwerkspark und bei den langfristigen Bezugsverträgen. Die Strukturkrise der Stromkonzerne vernichtete unter dem Strich wohl mehr Wert, als die fiskalische Bereinigung der Schwarzgeldvergangenheit die Schweizer Banken kostete. Zwischen 2009 und 2018 musste allein die Axpo rund 6,2 Milliarden Franken abschreiben beziehungsweise zurückstellen. Bei der Alpiq waren es 5,9 Milliarden. Und bei der BKW lag dieser Wert bei rund 900 Millionen Franken.

Umstrittene Zahlen

Die genannten Zahlen stammen aus einer neuen Studie der Universität St. Gallen (HSG) mit dem Titel «Spannungsfeld: Stromversorgung vs. Stromhandel. Herausforderungen für das Management». Das White Paper sorgt für rote Köpfe in der Branche. Bringt die Studie doch einen überraschenden Grund fürs Krisenjahrzehnt der Stromwirtschaft ins Spiel: den Eigenhandel, auch Prop Trading genannt. Also jene spekulativen Handelsgeschäfte mit Elektrizität, die nicht durch eigene Kraftwerkskapazitäten gedeckt sind.

Die St. Galler Studie kommt zum Schluss, dass «in den Jahren 2009 bis 2018 im Rahmen des Prop Trading grosse Schweizer Stromproduzenten Verluste in mittlerer einstellige Milliardenhöhe erlitten». Die HSG-Forscher schätzen bei der Axpo den Verlust über diesen Zeitraum auf 4,6 Milliarden Franken. Bei der Alpiq sind es 1,1 Milliarden und bei der BKW 1,7 Milliarden. Seit 2013 schütten Axpo und Alpiq bekanntlich keine Dividenden mehr aus. «Wir sehen aufgrund der Ergebnisse unserer Analysen die Ursachen primär im spekulativen Eigenhandel», heisst es in der Studie. Denn der Erfolg im Prop Trading falle «nachhaltig negativ» aus.

Latente Gefahr der Quersubventionierung

Verfasst hat das White Paper ein Team um Professor Karl Frauendorfer, der zu Bewertungsmodellen in der Energie- und Finanzwirtschaft an der Universität St. Gallen forscht. Frauendorfer sieht angesichts seiner geschätzten Verluste im Prop Trading «enormen Handlungsbedarf». Es bestehe eine latente Gefahr der Quersubventionierung durch anlagenbasiertes Trading. Der HSG-Professor fordert strikte Trennung und Transparenz zwischen Stromhandel mit eigenen Kraftwerkskapazitäten, Absicherungsgeschäften und spekulativem Eigenhandel. «Es sind Anreizstrukturen für Stromhändler zu überdenken, die dieser strikten Trennung Rechnung tragen», sagt Frauendorfer und fügt an: Nicht alle Verwaltungsräte und GL-Mitglieder der grossen Stromkonzerne würden vertieftes Wissen besitzen, um den Stromhandel mit seiner Unvollständigkeit und den darin versteckten Abhängigkeiten von Preis- und Volumenrisiken adäquat überwachen zu können.

Kopfschütteln bei den Konzernen

Angesichts der gehandelten Mengen ein brisantes Urteil. Die HSG-Studie schätzt nämlich, dass die Alpiq im Eigenhandel mit dem 16- bis 20-Fachen einer Jahresproduktion spekuliert. Bei der Axpo sei es das 8- bis 12-Fache, bei der BKW das 4- bis 8-Fache. Im Handel mit Energiederivaten könne es, so die Studie weiter, zu Inkonsistenzen in der Bilanzen kommen. Konkret überschätze eine Handelspartei ihre verfügbaren Eigenmittel. Für die Jahre 2017 bis 2019 gehen Frauendorfer und Co. bei den drei Stromkonzernen von «einer möglichen Überschätzung des ausgewiesenen Eigenkapitals» von bis zu 38 Prozent aus.

Solche Zahlen, von der Universität St. Gallen erhoben, lösen bei Axpo, Alpiq und BKW Kopfschütteln aus: «Nicht nachvollziehbar», «unverständliche Modellrechnungen», «ungeeignete Kennzahlen», «unrealistische Erlöspotenziale» – so lautet der Tenor aller drei Stromkonzerne auf Anfrage. «Unglaubwürdig ist schon allein die Annahme, dass das Management und der Verwaltungsrat der drei grossen Schweizer Energiekonzerne über zehn Jahre hinweg kontinuierlich Verluste in Millionenhöhe im Eigenhandel zulassen würden – das würde sowohl der betriebswirtschaftlichen Logik wie auch der rechtlichen Verantwortung dieser Organe widersprechen», lässt die Axpo verlauten. Jene von Frauendorfer veranschlagten Einbussen von 4,6 Milliarden Franken seien «schlichtweg falsch». Auch BKW und Alpiq bestreiten die stipulierten Milliardenverluste kategorisch.

Inputs nur marginal berücksichtigt

Die Axpo hält zudem fest: Man betreibe einen profitablen Eigenhandel, es gebe auch keine Quersubventionierung. Der Verzicht auf Dividendenausschüttung sei nicht auf den Eigenhandel, sondern auf die tiefen Erlöse bei der Schweizer Stromproduktion zurückzuführen. Angesprochen auf die grossen Volumina im Eigenhandel, hält der Konzern weiter fest, dass die Grösse des Handelsvolumens kein geeignetes Risikomass sei. Und die Alpiq widerspricht der Überschätzung des Eigenkapitals: Der Vorwurf von Inkonsistenzen in der Bilanzierung der Energiederivate entbehre jeder Grundlage. Man halte sich an geltendes Recht und Buchungsstandards. Die BKW kritisiert, dass man die Autoren der Studie «schon mehrfach und teilweise detailliert auf fehlerhafte Annahmen und Fehlschlüsse» hingewiesen habe. Diese Inputs würden in der aktuellen Studie «nur marginal berücksichtigt».

HSG-Professor Frauendorfer betont dagegen, dass «unsere Zahlen, die wir im August 2019 publiziert haben, nie von den betroffenen Unternehmen korrigiert wurden. Diese Zahlen sind sehr konservativ gerechnet. Der Verlust aus dem Prop Trading dürfte über die zehn Jahre wohl eher gegen 10 Milliarden Franken tendieren.» Sein Lehrstuhl forsche seit 2014 auf dem Thema und habe immer alle betroffenen Parteien über den Stand seiner Erkenntnisse informiert. Er sei unabhängig und allein der Wissenschaft verpflichtet.

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Blackrock – Fink mit dem Zaunpfahl

Blackrock Der grösste SMI-Investor straft Konzerne wegen intransparenter Saläre und wegen Ämterfilz ab.

Das Staatssekretariat für Wirtschaft (Seco) wollte es im letzten Jahr genau wissen: Wem gehören eigentlich die Schweizer Börsenkonzerne? Das Ergebnis der behördlichen Analyse des «SMI Expanded» ist eindeutig: «Blackrock ist mit Abstand der grösste Aktionär aufgrund der ungewichteten Anteile.» Der US-amerikanische Investmentkoloss war – zum Stichtag Anfang Februar 2019 – in 38 der 46 Unternehmen aus dem Börsenindex investiert. Damit besass Blackrock Beteiligungen über der 3-Prozent-Meldeschwelle bei mehr als 80 Prozent der grössten kotierten Unternehmungen im Lande. Dahinter folgt mit weitem Abstand die UBS als Fondsmanagerin. Sie kommt bloss auf 22 Prozent. Selbst wenn man die kumulierte Marktkapitalisierung als Massstab nimmt, rangiert der angelsächsische Assetmanager in den Top Drei. Hinter der Familie Hoffmann und Novartis.

Blackrock begründet Voten

Mit anderen Worten: Vermögensverwalter Blackrock um Chef Larry Fink ist eine ernst zu nehmende Investmentmacht aus Sicht der Schweizer Börsenkonzerne. Nicht zuletzt, weil die Amerikaner gekommen sind, um zu bleiben. Im Gegensatz zu aktivistischen Anlegern setzt das New Yorker Vermögenshaus aufs passive, indexbasierte Investieren. Blackrocks Haltung zur Aktionärsdemokratie ist deswegen jedoch keine passive. Dies zeigt eine Auswertung der «Handelszeitung» zum Abstimmungsverhalten von Blackrock an den diesjährigen Generalversammlungen (GV).

Das US-Investmenthaus setzt mit klaren Voten seine öffentlich einsehbaren Governance-Grundsätze durch: Wer als hiesige Spitzenkraft Verwaltungsratsmandate sammelt, wie andere das mit Hemden tun, ist bei Blackrock unten durch. Auch intransparente Vergütungsstrukturen, die den Vergleich mit Mitbewerbern scheuen, finden bei den angelsächsischen Profi-Anlegern keine Gnade. Ebenso wenig verschworene Männerbünde auf der Teppichetage: Wer als Verwaltungsrat (VR) nach Ansicht der Amerikaner zu wenig Diversität an den Tag legt, erhält keinen Sukkurs mehr an der GV. Wobei Blackrocks «Investment principles» keineswegs ethisch-moralischer Selbstzweck sind, sondern mithelfen sollen, die langfristige Profitabilität der Unternehmen zu sichern.

Blackrock begründet Voten einzeln

Schon seit Jahren macht der gewichtigste SMI-Investor sein Abstimmungsverhalten im Nachgang zur GV-Saison publik. Allerdings verzichtete Blackrock bislang darauf, die Voten einzeln zu begründen. Das hat sich 2020 nun grösstenteils geändert. So musste beispielsweise Geberit-Präsident Albert Baehny an der diesjährigen GV des Sanitärkonzerns ohne die Stimmen des amerikanischen Grossinvestors auskommen. Die fadengerade Begründung Blackrocks: Baehny trage als Präsident die Verantwortung für den «schlecht strukturierten Verwaltungsrat». Zudem sitze er in einer «übermässigen Anzahl an Verwaltungsräten», weshalb Blackrock erhebliche Bedenken habe hinsichtlich seiner Fähigkeit, ausreichend Aufsicht im Amt auszuüben. Nebst seinem Präsidentenamt bei Geberit hat Baehny nämlich noch das Doppelmandat beim Chemie- und Pharmakonzern Lonza als interimistischer Chef und Verwaltungsratspräsident. Zudem sitzt er im VR der kotierten Zürcher Immobilienfirma Investis. Blackrocks Breitseite gegen Geberit-Übervater Baehny mag der Sanitärkonzern auf Anfrage nicht kommentieren: Man äussere sich nicht zum Verhalten einzelner Aktionäre.

Transparenter ist da schon der Versicherungskonzern Swiss Life. Deren Vergütungsbericht fand ebenfalls keine Zustimmung. Für Blackrock erschloss sich der Zusammenhang zwischen «leistungsabhängiger Vergütung und Unternehmensleistung» nicht. Die Unterlagen böten kein ausreichendes Verständnis für die Vergütungspolitik des Unternehmens. Mit dieser Einschätzung steht Blackrock allerdings ziemlich alleine da. So verweist Swiss Life auf die Stimmrechtsberater ISS, Glass Lewis und Ethos. Sie alle würden seit Jahren Zustimmung zum Vergütungsbericht empfehlen. Zudem habe Berater ISS mit seinem Quality Score die Vergütungspolitik von Swiss Life auf einer Skala von eins bis zehn mit der Bestnote eins bewertet.

Versuch in Dialog zu treten

Ihr «Njet» zur Swiss-Life-Vergütung kommunizierte Blackrock nicht: Kurzfristig haben man die Mitteilung erhalten, dass Blackrock gegen den Vergütungsbericht stimmen werde, schreibt der Versicherungskonzern auf Anfrage. Daraufhin hat Swiss Life versucht, wenige Tage vor der GV mit Blackrock in einen Dialog zu treten. «Eine inhaltliche Diskussion wurde seitens Blackrock allerdings abgelehnt», schreibt Swiss Life. Es sei vorgesehen, dass zur Klärung der Thematik mit Vertretern von Blackrock im Herbst 2020 Gespräche geführt würden.

Manchmal kann eine ablehnende Haltung auch unterschiedlichen Governance-Auffassungen entspringen, wie etwa bei Schindler. Blackrock stimmte beim Luzerner Liftbauer gleich gegen mehrere Verwaltungsräte, darunter Präsident Silvio Napoli und Familienpatron Alfred Schindler. Die Begründung: fehlende Unabhängigkeit. Das Schweizer Corporate-Governance-Modell sei ein anderes als das in den USA. Die Regeln zur Unabhängigkeit seien hierzulande einfacher gehalten, schreibt eine Schindler-Sprecherin. Demzufolge ist als VR unabhängig, wer nie oder vor mehr als drei Jahren der Geschäftsleitung angehört hat.

Obwohl Proxy-Vertreter diese Argumente während des häufigen Austauschs verstünden, so die Schindler-Sprecherin, erlaubten deren interne Regeln keine Abweichung von den Modellen, was zu einer «schlechten Bewertung» führe. Die Vertreterin des Liftbauers plädiert deshalb für eine «flexiblere Anwendung von Proxy-Rating-Modellen». Sie würde eine effektivere Beurteilung von nicht amerikanischen Unternehmen ermöglichen, und zwar unter Berücksichtigung des Schweizer Governance-Modells.

Swatch-Saläre nicht nachvollziehbar

Während Schindler sich also gegenüber Blackrock und Co. zu erklären versucht, betreibt die Swatch Group bewusst keine Investorenpflege: «Unser Unternehmen hat vor langer Zeit beschlossen, keine Einzelgespräche mit Aktionären zu führen und auf Roadshows zu verzichten.» Dies nicht zuletzt auch zur Einhaltung strenger Regeln und Vorschriften betreffend Insiderwissen in der Schweiz. Blackrock scheint derweil für diese vornehme Zurückhaltung wenig Verständnis zu haben. Der US-Anlage-Manager lehnte unter anderem das Vergütungspaket fürs Swatch-Management um Chef Nick Hayek ab. Die Salärmodelle seien schlecht strukturiert, der Zusammenhang zwischen leistungsabhängiger Vergütung und Unternehmensleistung nicht nachvollziehbar. Fünf vor zwölf in Biel.

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Villenbauer Patric Simmen gegen Autohändler

Patric Simmen Er baut für das Who’s who der Schweizer Wirtschaft. Nun droht dem Immobilienprofi Simmen wegen eines Firmenverkaufs Ärger.

«Endlich Urlaub», postet Patric Simmen auf seiner öffentlichen Facebook Page Anfang Oktober 2019. Der Schwyzer Immobilienprofi jettet sodann in der Business Class nach Dubai ins Fünf-Sterne-Luxusresort. Kurz zuvor hat sich Simmen einer seiner Firmen entledigt. Es geht um das Generalund Totalunternehmen Simmen Construct mit Sitz im Kanton Schwyz. In einem knappen Schreiben im September 2019 an Bauherren und Geschäftspartner lässt Simmen diese wissen, er habe die Firma bereits im Januar an einen neuen Aktionär verkauft. Die Firma heisse nun Magnum Services. Sie handelt fortan mit Autoteilen im solothurnischen Grenchen.

Das Schreiben von Patric Simmen

Wenige Monate nach Simmens Schreiben, im Frühjahr 2020, wird gegen Magnum der Konkurs eröffnet. Was bleibt, sind konsternierte Bauherren und offene Forderungen von mehr als einer halben Millionen Franken. «Wir werden gegen die verantwortlichen Organe der AG Strafanzeige erstatten», sagt Christoph Studer vom Konkursamt Solothurn. Da die Firma unmittelbar vor Konkurseröffnung den Sitz in den Kanton Solothurn wechselte, werde man prüfen, ob die Strafanzeige nebst der Solothurner Staatsanwaltschaft auch der Staatsanwaltschaft des Kanton Schwyz zugestellt werde. Für Patric Simmen dürfte der Firmenverkauf damit ein juristisches Nachspiel haben. Simmens Rechtsvertreter, Patrick Sutter, weist jeden Vorwurf unrechtmässigen Handelns von sich. Sein Mandant stehe seit Jahrzehnten jeweils mit eigenen Mitteln ein, wenn eines seiner Unternehmen Mittelbedarf habe. Er verfüge deshalb auch über hohe Guthaben gegenüber seinen Gesellschaften.

Opulente Räume für Kryptobank

Der Immobilienfachmann Patric Simmen machte sich in den letzten zwanzig Jahren einen Namen als Villenbauer der hiesigen Wirtschaftsprominenz. Ob Blackrock-Mann David Blumer, Avaloq-Gründer Francisco Fernandez, CS-Rechtschef Romeo Cerutti oder eine Bank-Vontobel-Erbin: sie alle liessen sich von Patric Simmen ihre Wohnträume erfüllen. Über 300 Projekte soll der gelernte Hochbauzeichner gemäss «Bilanz» realisiert haben. Zuletzt machte Villenbauer Simmen vor allem durch seine Zusammenarbeit mit Guido Buehler, dem Chef der Zuger Kryptobank Seba, von sich reden. Für Seba gestaltete Simmen die opulenten Innenräume am Sitz in einem denkmalgeschützten Zuger Altstadthaus.

Während Simmen neue Projekte mit Schwung vorantreibt, holt ihn nun ein Firmenverkauf ein. Der Bauunternehmer informierte in seinem Schreiben vom 12. September 2019, welches der «Handelszeitung» vorliegt, er habe die Totalunternehmung Simmen Construct bereits im Januar 2019 an einen neuen Aktionär verkauft. Dennoch soll Simmen, gemäss einem Geschädigtenvertreter, noch bis in den Sommer letzten Jahres hinein verschiedene Bauprojekte betreut haben. Projekte, bei denen zum Teil noch Arbeiten angestanden wären. Doch nach dem Schreiben vom September sei Simmen für Bauherren wie für Geschäftspartner der Simmen Construct nicht mehr erreichbar gewesen, so der Geschädigtenvertreter.

Schon Brandanschläge verübt

Ab dann hiess die Firma auch nicht mehr Simmen Construct, sondern Magnum Services mit Sitz in Grenchen. Der neue Zweck: «Handel mit und Vermietung von Fahrzeugen und Fahrzeugbestandteilen aller Art». Besitzer ist der türkischstämmige Sevket Aras. Der ehemalige Kontaktbarbetreiber, auf den schon Brandanschläge verübt wurden, sagt am Telefon: Er habe eine Firmenhülle für seinen Autozubehörbetrieb gesucht. Ein Buchhalter habe ihm den Unternehmensmantel vermittelt. «Als ich die Firmenhülle der Simmen Construct übernommen habe, war sie praktisch schulden- und betreibungsfrei», so Aras. Zugleich behauptet der Autoteilehändler, er habe die Firma nicht im Januar 2019, wie von Simmen im Schreiben erwähnt, sondern erst im Sommer übernommen.

Gemäss Betreibungsregisterauszügen, welche der «Handelszeitung» vorliegen, hatte die Firmenhülle bei Sitzverlegung Betreibungen von knapp 15 000 Franken ausstehend. Nach der Übernahme seien aber immer mehr Betreibungen aus der früheren Bautätigkeit eingegangen, erklärt Aras. Schliesslich summierten sich die Forderungen bis im Frühjahr auf über eine halbe Millionen Franken. «Alle Betreibungen der Magnum sind nachweislich und dokumentiert zu praktisch 100 Prozent der früheren Simmen Construct zuzuordnen», sagt ein Geschädigtenvertreter.

Patric Simmen hat an neuen Aktionär übergeben

Simmens Rechtsanwalt Sutter betont dagegen, der Unternehmer habe die Simmen Construct nach Abschluss des letzten Projekts mit einem geringen Nettoguthaben an den neuen Aktionär übergeben. «Wie daraus ein Konkurs mit offenen Forderungen von 520 000 Franken entstehen konnte, entzieht sich seiner Kenntnis.» Simmen kenne den neuen Aktionär auch nicht persönlich, sondern dieser sei ihm von seinem damaligen Treuhänder vorgestellt worden. Er sei vom neuen Geschäftsinhaber weder über finanzielle Probleme informiert noch sonst wie kontaktiert worden.

Im Mai dieses Jahres jedenfalls wird der Konkurs über Magnum Services eröffnet. Besitzer und Verwaltungsrat Sevket Aras sieht sich als Opfer: «Ich habe 5000 Franken für die Firmenhülle bezahlt und konnte nichts damit anfangen.» Ende Juli stellt das Konkursamt Solothurn das Verfahren mangels Aktiven vorläufig ein. Mehrere Gläubiger haben nun Vorschuss für ein summarisches Verfahren geleistet. Auf den Konten der ehemaligen Simmen Construct finden sich bloss noch 295.10 Franken an flüssigen Mitteln. Gemäss Konkursamt betrug der Gesamtumsatz auf den diversen Firmenkonti bei der Valiant Bank in den letzten vier Jahren über 23 Millionen Franken.

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Johannes Rüegg-Stürm – Der Theoretiker

Johannes Rüegg-Stürm Er war Raiffeisen-Präsident. Und führte Bankchef Pierin Vincenz an der langen Leine. Mit fatalen Folgen. Bis heute lehrt er Management an der Uni St. Gallen.

Es ist die Fibel eines jeden HSG-Studenten: «Das St. Galler Management-Modell». Dessen Ansatz soll künftigen Führungskräften als Kompass in einer komplexen Unternehmensumwelt dienen. Geschrieben hat das Standardwerk Johannes Rüegg-Stürm. Er war von 2011 bis 2018 Verwaltungsratspräsident von Raiffeisen, der drittgrössten Bankengruppe der Schweiz. In seine Präsidentschaft fallen Kontrollversagen und Verstösse gegen die gute Unternehmensführung. Gegen den damaligen Raiffeisen-Chef Pierin Vincenz läuft eine Strafuntersuchung, unter anderem wegen ungetreuer Geschäftsbesorgung. Sie steht kurz vor dem Abschluss. Bald folgt die Anklage.

Während sich Vincenz und Co. im nächsten Jahr vor Gericht verantworten müssen, lehrt Ex-Präsident Rüegg-Stürm an der Universität St. Gallen. Er wurde erst Anfang 2020 für weitere sechs Jahre als Ordinarius bestätigt. Rüegg-Stürm leitet das Institut für Systematisches Management und Public Governance. Der Professor für Organisationsstudien unterrichtet just in jener Disziplin, in welcher er den Praxistest bei Raiffeisen nicht bestand, wie umfangreiche Recherchen zeigen. Rüegg-Stürm liess Fragen der «Handelszeitung» zu seiner Rolle als Raiffeisen-Präsident im Fall Vincenz unbeantwortet.

Zuckerbrot und Peitsche

Vom Organisationstheoretiker, der in der hiesigen Unternehmenswelt kaum vernetzt ist, stammen «St. Galler Modell»-Sätze wie «Muster im alltäglichen Geschehen bringen die vorherrschende Ordnung zum Ausdruck». Die «vorherrschende Ordnung» hatte bei Raiffeisen Schweiz einen Namen: Pierin Vincenz. Der ehemalige Bankchef verstand es in seiner langen und erfolgreichen Regentschaft mit einer Mischung aus Zuckerbrot und Peitsche, das Genossenschaftsinstitut nach seinem Gusto zu beeinflussen. Für seine zum Teil verdeckten Geschäfte und seinen lockeren Umgang mit Spesen wird sich der Bündner Banker rechtlich verantworten müssen.

Vincenz’ Chef und Aufseher wäre sieben Jahre lang Johannes Rüegg-Stürm gewesen – wäre. Doch der damalige Verwaltungsratspräsident von Raiffeisen Schweiz hat seine Kontrollfunktion nur mangel- und lückenhaft wahrgenommen. Erst der praxisferne Rüegg-Stürm ermöglichte es dem Machtmenschen Vincenz, seine Dominanz in der Genossenschaftsbank voll zu entfalten.

Der Raiffeisen-Präsident, der einst zu «Unternehmensentwicklung und Unternehmensethik» dissertierte, vertraute dem Bündner Alpha-Banker lieber, als dass er ihn engmaschig kontrollierte. Gemäss einer bankinternen Regelung hätte Pierin Vincenz beispielsweise jährlich dem Strategie- und Entschädigungsausschuss des Verwaltungsrates, den Rüegg-Stürm präsidierte, seine privaten Beteiligungen mit geschäftlichem Charakter offenlegen müssen. Doch das geschah nicht. Obwohl Vincenz zeitweise über ein Dutzend Private-Equity-Beteiligungen hielt. Auch die hohen Kreditausstände des Raiffeisen-CEO wurden durch den VR-Ausschuss nie wirklich überwacht. Bis zuletzt wusste also Präsident Rüegg-Stürm wenig über Vincenz’ dauerangespannte Finanzen und seine heiklen Beteiligungsnahmen.

Die lange Aufsichtsleine genoss Vincenz auch, als er seinen Abgang als Raiffeisen-Chef vorbereitete. Im diffizilen Ablösungsprozess, der sich über Jahre hinzog, liess es Präsident Rüegg-Stürm nicht zuletzt an Menschenkenntnis mangeln. Offiziell schied Vincenz zwar erst im Herbst 2015 aus, doch bereits im Sommer 2014 – also fast anderthalb Jahre früher – begannen die Abgangsdiskussionen aufzuflammen. Zur selben Zeit dozierte HSG-Professor Rüegg-Stürm an internationalen Fachkonferenzen zur «wiederholten Wiederherstellung der Legitimität der Führung in Ermangelung formalisierter Machtstrukturen».

Ein reputatives Minenfeld

Bankintern drehte sich derweil die Frage darum, wie Galionsfigur Vincenz nach seinem Exekutiv-Exit weiter im Genossenschaftsimperium hätte beschäftigt beziehungsweise vergütet werden können. Die Ideen reichten vom Notenstein-Präsidium über eine Rolle beim Aduno-Börsengang bis hin zum wohldotierten Beraterjob. Ein reputatives Minenfeld für die Bank. Denn Vincenz’ Millionenbezüge hatten bereits 2008 die Genossenschaftsbasis erzürnt und zum Beinahe-Rücktritt des Raiffeisen-Chefs geführt. Die Folge war eine massive Reduktion des CEO-Lohns.

Dass Vincenz für die Durchsetzung eigener Finanzinteressen den rechtlichen Rahmen zu sprengen bereit gewesen wäre, hätte Rüegg-Stürm spätestens ab Oktober 2014 wissen müssen. Damals schlug Vincenz ihm für die Zeit nach dem Rücktritt als Chef einen brisanten Deal vor. Raiffeisen solle mit ihm doch einen fünfjährigen Beratungsvertrag bis 2021 abschliessen, dotiert mit 880 000 Franken pro Jahr. Und dieses «Gentlemen’s Agreement» sei nach Vertragsunterzeichnung gleich wieder zu zerreissen. Ein ungeheuerlicher Vorschlag, auf den Rüegg-Stürm zwar nicht einstieg, der aber für Vincenz folgenlos blieb.

Nicht zuletzt, weil Rüegg-Stürm die wahren finanziellen Ansprüche des Pierin Vincenz jahrelang verkannte. Der Management-Professor war der irrigen Annahme, dass Raiffeisen ihrem Langzeit-CEO beim Abgang etwas schulde. Dazu muss man wissen, dass Vincenz sich in den Rücktrittsdiskussionen auf eine Zusatzvereinbarung von 2000 berief. Sie sah vor, dass der Bündner ab einer 13-jährigen Tätigkeit als Raiffeisen-CEO Millionenansprüche geltend machen kann.

Konkret hätte Raiffeisen ihrem CEO bei einem geordneten Übergang in den Ruhestand oder in die Erwerbslosigkeit eine Abgangsentschädigung von 5 Millionen Franken entrichten müssen. Eine Summe, die übrigens nirgends sauber bilanziert war. Rüegg-Stürm wusste um die Sprengkraft eines solchen goldenen Fallschirms. Er war deshalb tunlichst darum besorgt, eine einvernehmliche Lösung mit Vincenz zu finden, der immer neue Forderungen stellte.

Wenig Fingerspitzengefühl

Zu Vincenz’ Abgangsmodalitäten führte der Raiffeisen-Präsident zig Gespräche und Workshops durch. Dabei umging Rüegg-Stürm bewusst die Raiffeisen-eigene Rechtsabteilung. Denn Vincenz’ damalige Ehefrau, Nadja Ceregato, leitete sie. Rüegg-Stürm befürchtete, wohl zu Recht, Interessenkollisionen oder gar Indiskretionen.

Der VR-Präsident gab deshalb externe Analysen und Gutachten in Auftrag und bewies hierbei wenig Fingerspitzengefühl. Unter anderem holte Rüegg-Stürm sich Rat bei Rechtsprofessor Peter Forstmoser. Just jener Forstmoser, der all die Jahre Pierin Vincenz’ Interessen vertrat und für ihn Gutachten schrieb, welche ex post seine Upfront-Beteiligungen rechtlich legitimierten. Und so kam es denn auch, dass Forstmoser auch Vincenz’ Entschädigungsansprüche bestätigte. Dabei hätte Rüegg-Stürm eine simple Lektüre des Arbeitsvertrags genügt: Vincenz’ Millionenforderung war nämlich längst nicht mehr gültig. Ein neuer Arbeitsvertrag von 2013 hatte alle vorherigen Ansprüche abgelöst. Eine Erkenntnis, zu der Rüegg-Stürm allerdings erst drei Jahre später gelangte.

Johannes Rüegg-Stürm liess Vincenz gewähren

Inzwischen hatte sich Vincenz privat mit 15 Prozent am bankeigenen Private-Equity-Vehikel namens Investnet beteiligen dürfen. Ihm winkte der Jackpot.

Der Wert seiner Investnet-Beteiligung wurde bis 2030 auf über 60 Millionen Franken prognostiziert. Dies bei einem Eigenkapitaleinsatz von 1,5 Millionen Franken. Die potenziell äusserst lukrative Beteiligungsnahme hatte Vincenz – wider aller Good Corporate Governance – noch in seiner Zeit als operativer Chef einfädeln können. Nicht zuletzt, weil Präsident Rüegg-Stürm ihn gewähren und den übrigen Raiffeisen-Verwaltungsrat im Dunkeln liess.

Es war Anfang Januar 2015: An einem Montagmorgen um 9 Uhr empfing Vincenz in seinem Büro am Raiffeisen-Sitz in St. Gallen Rüegg-Stürm zu einer stündigen Sitzung. Der CEO eröffnete damals detailliert seinem Präsidenten, dass er sich nach seinem operativen Rücktritt privat am bankeigenen Private-Equity-Vehikel zu beteiligen gedenke. Sieben Tage später fand eine Sitzung des Raiffeisen-Verwaltungsrates statt. Doch Rüegg-Stürm unterliess es, Vincenz’ Investment-Absicht zu traktandieren. Ein Verstoss gegen Aufsichtspflichten.

Ohne Investnet-Traktandum aber konnte sich der Raiffeisen-Verwaltungsrat gar nicht adäquat aufs Geschäft vorbereiten. Seine Kontrollfunktion war praktisch ausgehebelt. Die heikle und finanziell bedeutsame Beteiligungsnahme wurde an der Raiffeisen-VR-Sitzung deswegen bloss unter «Varia» abgehandelt, also als Randnotiz. Die Tischvorlage durfte Vincenz gleich selber präsentieren und kam damit glatt durch. Das dazugehörige Protokoll wurde an der nächsten VR-Sitzung zudem geschwärzt ausgehändigt. Die finanziellen Konditionen fehlten. Ein umfassendes Bild des brisanten Deals erhielten die Verwaltungsräte somit nicht.

Späte Distanzierung des Johannes Rüegg-Stürm

Erst langsam schwante Rüegg-Stürm, dass Pierin Vincenz vielleicht mehr ist als ein «Bergler und politischer Berater», wie der Titel einer Raiffeisen-Festschrift zu Vincenz’ Abschied lautete. Zwei Jahre nach dessen Rücktritt gab Raiffeisen, auch auf Druck der Finanzmarktaufsicht Finma, eine interne Untersuchung bei der Kanzlei Prager Dreifuss in Auftrag. Noch während die Untersuchung lief, traf sich Rüegg-Stürm im Frühjahr 2017 zum Mittagessen mit einem der leitenden Prager-Prüfer in Zürich. Beim Arbeitslunch soll Rüegg-Stürm Vincenz als «kriminell» bezeichnet haben.

Rüegg-Stürms späte Erkenntnis fügt sich ins Gesamtbild. Dem Managementtheoretiker aus dem Glarnerland blieb die Finanzwelt bis zuletzt fremd. Ein Banker vom Schlage eines Vincenz wusste dies zu seinen Gunsten auszunutzen. Raiffeisen, das war für den Vollblut-Akademiker Rüegg-Stürm vor allem ein lukrativer Teilzeitjob. Bis zu eine halbe Million Franken jährlich erhielt er für sein 50-Prozent-Pensum bei der Genossenschaftsbank. Dafür präsidierte er im Nebenamt die systemrelevante Bank auch von seinem HSG-Büro in St. Gallen Rotmonten aus. So lief ein Teil seiner elektronischen Kommunikation, die er als Raiffeisen-Präsident schrieb, nicht über die Systeme der Genossenschaftsbank. Vielmehr verschickte Rüegg-Stürm Bankkorrespondenz auch übers Mail-Konto der Universität St. Gallen, was regelwidrig war. Der Raiffeisen-Präsident blieb eben bis zuletzt Professor – ein Theoretiker mit getrübtem Blick für die Realität.

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Skyguide – Mayday im Tower

Skyguide Die Corona-Krise trifft die Flugsicherung mit voller Wucht. Nun fordert der Bundesbetrieb 400 Millionen Franken Staatshilfe. Doch die Probleme bei Skyguide sind nicht nur der Pandemie geschuldet.

Am Himmel lief im ersten Halbjahr praktisch nichts. Die Corona-Krise hat die Fliegerei nahezu komplett gegroundet. Und mit ihr die Flugsicherung: Skyguide verzeichnete für die ersten sechs Monate ein Minus von 57 Prozent bei den überwachten Flügen. Wird nicht geflogen, nimmt Skyguide auch nichts mehr ein. Lebt der bundeseigne Betrieb doch grossmehrheitlich von Gebühren, welche die Luftverkehrsteilnehmer indirekt für Strecken- und Anflugsicherung an die Staatsfirma entrichten.

Klamme Airlines und leere Lufträume bringen die Flugsicherung nach wenigen Corona-Monaten in finanzielle Schieflage, und dies trotz eingeleiteten Sparmassnahmen und Kurzarbeit. «Ende Monat gehen uns die liquiden Mittel aus», sagt Sprecher Vladi Barrosa. Das Loch stopfen soll der staatliche Eigner, die Eidgenossenschaft. «Wir haben finanzielle Unterstützung in der Höhe von 400 Millionen Franken beantragt», sagt Barrosa. Der Betrag entspreche dem erwarteten Ertragsausfall für dieses und nächstes Jahr. Zur konkreten Form könne man sich noch nicht äussern, da dies noch Teil der Gespräche mit dem Bund sei. Konkret prüft die Eidgenössische Finanzverwaltung das Hilfegesuch der Skyguide. Am Ende entscheidet der Bundesrat.

Skyguide hat höchste Gebühren in Europa

Zwar wirkt die Corona-Krise wie ein finanzieller Brandbeschleuniger. Aber die bundeseigene Flugsicherung hat schon seit längerem – praktisch unter dem Radar der Öffentlichkeit – wirtschaftliche und operative Probleme. Skyguide schreibt seit Jahren Verluste und verfehlt damit eine zentrale Vorgabe des Eigners. «Der Bundesrat erwartet ein ausgeglichenes Ergebnis», heisst es in den strategischen Zielen für die «nicht gewinnorientierte Aktiengesellschaft» Skyguide. Mit einem Minus von 4,4 Millionen Franken enttäuschte die Flugsicherungsfirma auch im letzten Jahr diese Erwartung.

Die bundesrätliche Evaluation des Geschäftsjahres 2019 lässt denn auch tief blicken: Das vom Management gesteckte Kostensenkungsziel wurde verfehlt. Gleichzeitig stiegen die Abgeltungen des Bundes. Sie machen nun knapp 10 Prozent der Gesamteinnahmen aus. Zwar konnte Skyguide die Gebühren in der zivilen Flugsicherung weiter senken. «Trotzdem blieben sie die mit Abstand höchsten in Europa», schreibt der Bundesrat in seinem Kurzbericht, der Ende März mitten im Lockdown publiziert wurde. Dieser Befund deckt sich mit einem kürzlich publizierten Kosten-Effektivitäts-Report. Erstellt wurde er von der Dachorganisation Eurocontrol. Der Report zeigt auf, dass Skyguide mit 810 Euro pro Flugstunde zu den teuersten Flugsicherungsfirmen auf dem Kontinent gehört. Im Schnitt aller 38 europäischen Luftraumkontrolleure kostete die Flugstunde bloss 509 Euro, also gut einen Drittel weniger.

Skyguide machte Defizite im freien Markt

Während Skyguide im hoheitlich regulierten Flugsicherungsbereich also vergleichsweise teuer produziert, sind die Ausflüge in die Privatwirtschaft bisher unergiebig. Mit Drittgeschäften im freien Markt wie zum Beispiel der Ausbildung ausländischer Fluglotsen schreibt der Bundesbetrieb seit Jahren Defizite. Auch dies gegen den Gusto des Eigners. Bereits in der Strategieevaluation 2017 erwartete der Bundesrat, dass «die kommerziellen Angebote von Skyguide einen Deckungsbeitrag an die Fixkosten des hoheitlichen Auftrags leisten und zu keinen Marktverzerrungen führen. Andernfalls sind sie einzustellen.» Wenigstens gelang es dem Skyguide-Management um Chef Alex Bristol, das Defizit mit Drittgeschäften markant zu reduzieren: Es betrug im letzten Jahr bloss noch 77 000 Franken.

Vorfall in Bulgarien

Inzwischen hat sich auch die Eidgenössische Finanzkontrolle (EFK) mit der bundeseigenen Flugsicherung beschäftigt. Ihr Bericht erschien im Mai, wurde bislang aber kaum beachtet. Die Kontrolleure des Bundes haben sich darin das Prestigeprojekt der Skyguide vorgeknöpft: das Virtual Centre. «Durch die virtuelle Zusammenlegung von Kontrollzentren schaffen wir in der Flugsicherung ein neues Paradigma, ja geradezu eine neue Realität: Fortan stehen unsere Kunden im Zentrum der gesamten Wertschöpfungskette der Luftfahrt», heisst es vollmundig auf der Skyguide-Website. Konkret geht es darum, die Flugsicherung an den beiden Standort in Genf und Wangen bei Dübendorf auf eine gemeinsame virtuelle IT-Plattform zu bringen. Dies im Rahmen der Harmonisierung des europäischen Luftraums. Diese «Cloudisierung» der Flugüberwachung würde es dann beispielsweise erlauben, von der Deutschschweiz aus den Luftraum in der Romandie zu überwachen und umgekehrt. Das anspruchsvolle Projekt läuft seit 2011 und noch mindestens bis 2024. Budgetiert waren ursprünglich einmal 262 Millionen Franken.

Im Moment läuft die zweite Etappe, die über Budget und in Verzug ist. Diese hat sich die EFK genauer angeschaut und sie kommt unter anderem zum Schluss, dass darin «die gestiegenen Anforderungen an die Informationssicherheit nicht ausreichend berücksichtigt» würden.

Konkret hat Skyguide einen Teil des IT-Betriebs nach Bulgarien ausgelagert. Gemäss der welschen Zeitung «Arcinfo» kontrolliert der IT-Dienstleister DXC in Sofia ein System namens Enterprise Service Bus, über das Anwendungen der Flugsicherheit abgewickelt würden. Die Finanzkontrolle schreibt, dass es an den Schnittstellen mit den externen Leistungserbringern «Reibungen» gebe.

Keine nennenswerten Vorkommnisse

Skyguide-Sprecher Barrosa betont dagegen, dass das Nearshoring-Modell von einem «anerkannten und multinationalen Leistungserbringer» entwickelt würde: Es sei Teil der Strategie von Skyguide, sich auf die «Kernkompetenzen als Flugsicherungsanbieter» zu konzentrieren. Auch habe es im Rahmen des Outsourcings nach Osteuropa bisher «keine nennenswerten Vorkommnisse» gegeben.

Nun zeigen Recherchen: Es kam sehr wohl zu einem Vorfall mit dem Nearshoring, den Skyguide dem Bundesamt für Zivilluftfahrt (Bazl) zur Kenntnis brachte, wie das Bazl bestätigt: «Der Vorfall wurde dem Bazl prozesskonform gemeldet und vom Bazl behandelt.» Der Vorfall habe zu keinem Zeitpunkt eine direkte Gefährdung für Flugbesatzungen und Passagiere zur Folge gehabt. Noch in diesem Jahr soll die Bulgarien-Schnittstelle turnusgemäss erneut vom Bazl überprüft werden.

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Patrice Lescaudron – Ex- Credit-Suisse-Banker tot

Patrice Lescaudron hat Suizid begangen. Der Private Banker verwaltete die Oligarchen-Milliarden bei der CS, bis seine Betrügereien aufflogen.

Seine Kunden waren Oligarchen aus dem Osten: Leute wie der georgische Ex-Premier Bidsina Iwanischwili oder der frühere russische Senator Witali Malkin. Quereinsteiger Patrice Lescaudron, der zuvor beim Beauty-Konzern Yves Rocher gearbeitet hatte, hielt die Milliardäre bei Laune, generierte Millionen an Gebühren für die Credit Suisse und genoss im Gegenzug praktisch Narrenfreiheit innerhalb Bank. Bis 2015 wegen eines Margin Calls ans Licht kam, dass Lescaudron massive Kursverluste auf dem Kundenbuch mit Betrügereien vertuscht und zugleich mehrere Dutzend Millionen in die eigene Tasche gewirtschaftet hatte.

Verfahren von Patrice Lescaudron ist hängig

Nun ist Patrice Lescaudron tot. Wie die «Handelszeitung» erfahren hat, nahm sich der ehemalige Starbanker Ende Juli das Leben, wenige Tage nach seinem 57. Geburtstag.

Der gebürtige Franzose, der zeitweilig mehr als eineinhalb Milliarden Dollar an Kundenvermögen bei der CS verwaltet hatte, war vor zwei Jahren in Genf erstinstanzlich zu einer Freiheitsstrafe von fünf Jahren verurteilt worden. Dies wegen gewerbsmässigem Betrugs, schwerer Untreue, Misswirtschaft und Fälschung von Wertpapieren. Noch im Februar dieses Jahres hat das Bundesgericht in Lausanne eine Beschwerde Lescaudrons teilweise gutgeheissen. Das Genfer Appellationsgericht hätte sich also nochmals mit dem Fall beschäftigt.

Niederlage der Credit Suisse vor Bundesgericht

Mit dem Freitod Lescaudrons, der zwischen 2004 und 2015 für die CS arbeitete, ist der Oligarchen-Fall für die Grossbank keineswegs abgeschlossen. Nebst Zivilverfahren geschädigter Kunden gegen die CS in verschiedenen Jurisdiktionen läuft in Genf weiterhin eine Strafuntersuchung gegen die Bank. Dabei geht es um mögliche Organisationsmängel, insbesondere in der Geldwäscherei-Bekämpfung. In diesem Zusammenhang forderte der verfahrensleitende Genfer Staatsanwaltschaft Yves Bertossa von Finanzmarktaufsicht Finma den Enforcementbericht zur Credit Suisse an. Darin stellte die Aufsicht vor gut zwei Jahren der Bank im Oligarchen-Fall ein denkbar schlechtes Zeugnis aus.

Die Finma konstatierte «Schwachstellen in der Verwaltungsorganisation und im Risikomanagement». So sei die Geschäftsbeziehung zwischen CS-Berater Lescaudron und seinen politisch exponierten Oligarchen von der Bank «zu spät als solche erfasst und entsprechend behandelt» worden: Lescaudron habe über mehrere Jahre hinweg wiederholt und aktenkundig Compliance-Vorschriften der Bank verletzt. Anstatt den Kundenberater wegen der Verstösse jedoch rechtzeitig und angemessen zu disziplinieren, habe die Bank den Kundenberater mit hohen Entschädigungen und positiven Mitarbeiterbeurteilungen honoriert. Der Sonderstatus des Kundenberaters führte dazu, dass dieser ungenügend kontrolliert wurde, kommt die Aufsichtsbehörde zum Schluss.

Suche nach der Wahrheit

Der für die Bank blamable Enforcementbericht der Finma wird nun auch in die Strafuntersuchung Bertossas gegen die Credit Suisse einfliessen, wie Recherchen der «Handelszeitung» zeigen. So hat das Bundesgericht vor wenigen Wochen den Rekurs der Bank gegen die Herausgabe abgewiesen. Das von der CS geltend gemachte Geschäftsgeheimnis habe nicht «Vorrang von der Suche nach der Wahrheit», lautet das Urteil in Lausanne.

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Alexander Schuchter – Der Fährtenleser

Alexander Schuchter Der forensische Prüfer weiss genau, wie Wirtschaftskriminelle ticken. Er hat in seiner Karriere schon über hundert Täter befragt.

Eigentlich sind sie die perfekten Mitarbeiter: charmant, überdurchschnittlich intelligent, kreativ, langjährig engagiert und entscheidungsfreudig. Entsprechend haben diese Herren mittleren Alters – es sind zumeist Männer – bereits steil Karriere gemacht, bekleiden mittlere bis höhere Führungsjobs und geniessen hohes Ansehen im Betrieb. Die firmentypische Aussage «Wir haben volles Vertrauen in diese Person» macht Alexander Schuchter jedoch stutzig: «Der Unterschied zwischen einer integren und erfolgstreibenden Führungskraft und einem Wirtschaftskriminellen ist marginal.» Es gehe um Nuancen im Persönlichkeitsprofil wie ausgeprägtere sozialmanipulative Fähigkeiten.

Mit anderen Worten: Solche Personen gewinnen spielend das Vertrauen anderer Leute zum eigenen Nutzen. Diese machiavellistische Intelligenz sei für Firmen gefährlich, sagt Schuchter: «Es verleitet vertrauensvolle Vorgesetzte oder Kontrollinstanzen dazu, nachlässig zu werden und nicht mehr so genau hinzuschauen.»

Forensische Interviews

Schuchter muss es wissen. Der Vorarlberger lebt in St. Gallen und arbeitet als Dozent und forensischer Prüfer. Er wird von Firmen gerufen, wenn sie Verdacht schöpfen, dass eine erfolgreiche Spitzenkraft vielleicht doch ein ausgebuffter Wirtschaftskrimineller sein könnte. Nebst dem Durchkämmen von Datenbergen setzt Schuchter dabei auf forensische Interviews: Der promovierte Betriebswirt befragt den mutmasslichen Täter und sein Umfeld gezielt auf Verdachtsmomente hin. Dabei achtet er besonders auf bestimmte Veränderungen in der Körperhaltung, im Gesicht oder der Stimme. Eine Tätigkeit, die viel Erfahrung und Fingerspitzengefühl benötigt. Dabei kann der zertifizierte Forensiker auf weit über hundert persönliche Begegnungen mit Wirtschaftskriminellen zurückgreifen. Seit mehr als zehn Jahren setzt er sich mit den Profilen solcher Delinquenten auseinander und unterrichtet auf dem Gebiet.

Die Initialzündung, sich mit dem Thema Wirtschaftskriminalität auseinanderzusetzen, brachte ein verunglücktes Praktikum in Österreich. Vor Abschluss seines BWL-Studiums hätte Schuchter eigentlich eines bei einer Wirtschafts- und Steuerrechtskanzlei absolvieren wollen. «Kurz vor Antritt hiess es, ich könne jetzt doch nicht in der Kanzlei arbeiten», erinnert er sich. Den Absagegrund erfuhr Schuchter später aus der Zeitung. «Die gesamte Führungsetage der Kanzlei sass in Untersuchungshaft.» Der Student war unfreiwillig mitten in einen Krimi geraten. Für Schuchter eine Erweckung, denn im Uni-Studium war diese dunkle Seite des Wirtschaftens nie thematisiert worden. Der Fährtenleser aus Pfadi-Zeiten hatte seine Berufung gefunden.

Präventive Fragestellung

Nach Abschluss des BWL-Studiums heuerte Schuchter zunächst als Controller an und wechselte dann in die interne Revision, wo er sich intensiv mit Kontrollsystemen auseinandersetzte: Was sind Warnsignale in der Finanzbuchhaltung und wie lassen sich diese Hinweise rasch identifizieren? Später fokussierte er sich auf forensische Sonderermittlungen bei einem Big-Four-Wirtschaftsprüfer, wo er verschiedene Gruppen leitete. «Ob Handel, Industrie, Banken oder die öffentliche Hand, in allen möglichen Bereichen führten wir interne Untersuchungen durch.» Die Klienten wollten dabei stets wissen: Wohin ist das Geld verschwunden? Wer war am Betrug beteiligt? Wie kann man die Mittel wieder zurückholen? Wie hoch ist der Gesamtschaden?

Was Schuchter persönlich jedoch am meisten umtrieb, war die Frage, wie eine solche Tat hätte verhindert werden können. Und darauf weiss niemand eine bessere Antwort als die Täter selbst. Die Idee für eine Dissertation an der Universität St. Gallen war geboren. Schuchter fokussierte sich auf Motive und Handlungen der Delinquenten und zog daraus Schlüsse für Prävention und Früherkennung in Unternehmen.

Seine 2012 erschienene Doktorarbeit «Perspektiven verurteilter Wirtschaftsstraftäter» basiert auf Interviews mit 13 Delinquenten. «Zum Glück halfen mir zahlreiche Staatsanwälte, den Erstkontakt zu den Tätern herzustellen», sagt er. Sei das Eis erst einmal gebrochen gewesen, hätten ihm viele Wirtschaftskriminelle einen tiefen Einblick in ihre Denkweisen und Täuschungstaktiken gewährt. Am meisten habe ihn dabei überrascht, wie unterschiedlich die Straftäter und ihre Motive waren. «Die simple Formel ‹Gier frisst Hirn› greift viel zu kurz», sagt er. Es sei deshalb eine «Mission: Impossible», bereits bei der Rekrutierung spätere Delinquenten herausfiltern zu wollen.

Verunglückte Weisskragen

Insofern ist die von ihm entwickelte Tätertypologie auch nicht zu pauschalisieren, sondern zeigt Persönlichkeitstendenzen auf. Der in der Schweiz am häufigsten verbreitete Typus sei der «verunglückte Weisskragen», sagt Schuchter. Dabei handelt es sich um loyale, langjährige Mitarbeiter, denen man die Delinquenz am wenigsten zutrauen würde.

Schuchters Gespräche haben gezeigt, dass sich dieser Typus einem existenzbedrohenden Druck ausgesetzt sieht. Dabei kann der Druck ein rein subjektives Gefühl sein. Sprich: Der potenziell Wirtschaftskriminelle stellt extrem hohe Ziele an sich selbst, die er mit legalen Mitteln fast nicht erfüllen kann. Oder der Druck entspricht tatsächlich einem harschen, belastenden Berufsumfeld, in dem Grabenkämpfe an der Tagesordnung sind und die Führung schier unerreichbare Vorgaben macht. In beiden Varianten hadert der verunglückte Weisskragen zunächst mit der schier ausweglosen Drucksituation. Dabei betont Schuchter: «Auch Wirtschaftskriminelle haben ein Moral- und Integritätsempfinden, allerdings eines mit Verfallsdatum.» Als Delinquenz-Trigger dienten meistens Einzelereignisse: Der verunglückte Weisskragen fühlt sich beispielsweise vom Chef ungerecht behandelt. Oder es treten zusätzlich private Belastungen wie Schulden oder Eheprobleme auf.

Raubritter im Massanzug

Mit der Tat will der Weisskragen also ein fast nicht zu bewältigendes Problem lösen. Die Forschung habe dabei gezeigt, so Schuchter, dass Wirtschaftskriminelle zwar ausgeklügelte Delikte vollbringen würden, aber besonders schlecht darin seien, deren Tragweite und Konsequenzen abzuschätzen. «Der Irrglaube herrscht vor, es gebe einen Rückweg aus der Illegalität.» Ist die Hürde einer ersten Tat überwunden, verändert sich nicht selten auch die Tätertypologie. Und zwar, wenn der Täter merkt, dass das Problem durch sein Delikt nicht gelöst wird. Dann tritt beispielsweise der «Raubritter im Massanzug» in den Vordergrund. Er weist eine konfliktbereite Haltung auf, die darauf fokussiert ist, das Lügengebäude am Leben zu erhalten. Mit anderen Worten: Der Weisskragen verliert mit der Zeit seine Gewissensbisse und perfektioniert die Straftat, indem er aktiv jede Schwachstelle im Kontrollsystem zu seinen Gunsten ausnutzt. «Das sind aus meiner Erfahrung häufig Leute, die sich sehr gut mit der IT auskennen und manchmal sogar an der Entwicklung der Kontrollsysteme beteiligt sind», sagt Schuchter.

Je länger der Raubzug andauert, desto raffinierter müssen die Finten und falschen Fährten des Delinquenten sein. Der Schaden wird immer grösser für alle Beteiligten. Eine kräftezehrende Angelegenheit. Insofern erstaunt es da nicht, dass die meisten Wirtschaftskriminellen sich ihre Straftat vom Leib halten. «Sie wird vom eigenen Ich so weit als möglich abgekapselt, sodass selbst engste Familienmitglieder nichts mitbekommen.»

Wert auf Diskretion

Schuchter sagt, dass er immer wieder Fälle untersuche, die erst nach 25 oder 30 Jahren aufgedeckt würden. Zum Beispiel, wenn ein Mitarbeiter in Pension geht und die Nachfolgerin auf Unregelmässigkeiten stösst. Aufgedeckt werden Vermögensdelikte, Korruption oder Finanzmanipulation, wenn sich Zuständigkeiten ändern oder die darauf sensibilisierte Interne Revision Verdacht schöpft. «Häufig spielt aber leider noch immer der Zufall eine entscheidende Rolle», sagt Schuchter. Das müsse nicht sein: Er plädiert deshalb für ein «effizient gestaltetes Hinweisgebersystem». Die wenigsten Fälle, die Schuchter untersucht, kommen je an die Öffentlichkeit oder vor Gericht. «Die Firmen fürchten sich völlig zu Recht vor Haftungsfragen und Reputationsverlust.» Ein solcher Imageschaden ist oftmals gravierender als die direkten finanziellen Folgen eines Wirtschaftsdelikts. Er ramponiert Geschäftsbeziehungen, zerstört Unternehmenswert und gefährdet Arbeitsplätze. Schuchter legt deshalb grössten Wert auf Diskretion. Der Fährtenleser arbeitet im Stillen.