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Covid-19-Kredite – Maurers Medizin

Covid-19-Kredite Die Banken schütten derzeit Milliarden aus. Das Geld hilft den KMU durch die Pandemie. Doch als Nebenwirkung droht später die Schuldenfalle.

Achim Strohmeier blickt auf intensive Tage zurück. «Am vergangenen Donnerstag war das gefühlt wie im Ausverkauf. Als die Formulare für die Covid-19-Kredite aufgeschaltet wurden, brachen die Anträge über uns herein», so der Kreditkunden-Chef Nordwestschweiz der Bank Cler. «Es meldeten sich Kunden aus allen Branchen: von der Gastronomie bis zu Freiberuflern aus dem Dienstleistungssektor.» Strohmeier und sein Team hatten eine knappe Woche Zeit, sich darauf vorzubereiten. Automatische Abläufe, Online-Schulungen und Merkblätter sollten sicherstellen, dass alle Kredite schnell abgewickelt werden können. Vieles läuft automatisch. «Nur dort, wo Dinge unklar sind, kontaktieren wir die Kunden.»

Auch bei der Zürcher Bank Avera herrscht Hochbetrieb: «Wir sind überrascht worden von der starken Nachfrage», sagt Chef Rolf Zaugg. Das Team von 15 Kreditbearbeitenden, alle im Homeoffice, habe bislang rund 10 Millionen Franken gesprochen. «Ein Teil behandelt den Krediteingang und macht eine erste Grobprüfung. Der andere kontrolliert, ob die Kriterien eingehalten werden, und plausibilisiert kurz das Gesuch.» Etwa eine Dreiviertelstunde dauert die Kreditprozedur.

Hohe Kreditnachfrage

So wie diesen zwei Bankern erging es in den letzten Tagen vielen Angestellten in der Finanzindustrie. Bis Dienstagabend bewilligten die zehn grössten Banken gemäss einer Umfrage der «Handelszeitung» rund 44 000 Kredite mit einer Summe von 5,4 Milliarden Franken. Allein die beiden Grossbanken wickelten Kredite von 2,8 Milliarden Franken ab. 20 Milliarden Franken budgetiert der Bundesrat für das staatlich garantierte Kreditprogramm. «Angesichts der hohen Kreditnachfrage ist für uns offen, ob die Bundesgarantien bis Ende Juli reichen werden», so Avera-Chef Zaugg. Denn von den Anträgen für grosse Kredite über einer halben Million Franken sind erst wenige bearbeitet worden. Der Bundesrat hat denn auch bereits angekündigt, das Budget zu erhöhen.

Die grossen Tickets kommen noch. Auch bei der Zürcher Kantonalbank (ZKB). «Die durchschnittliche Kreditsumme beträgt derzeit rund 100 000 Franken», sagt Firmenkunden-Leiter Jürg Bühlmann. Er macht über alle Branchen hinweg ein Bedürfnis nach Covid-19-Krediten aus: «Der Zweck ist klar: Liquiditätsengpässe aufgrund von Umsatzeinbrüchen decken.» Wobei zurzeit von der Menge und vom Volumen her die kleinen Unternehmen überwiegen. Kleine, die kaum Erfahrung mit Firmenkrediten haben. Bei der Bank Avera waren von 130 Kreditnehmern 95 Prozent Kunden, die zuvor gar keine Kredite hatten.

Jedes vierte Covid-19-Gesuch abgelehnt

Viele Gewerbler betreten Neuland: Die ZKB muss derzeit jedes vierte Kreditgesuch im ersten Durchgang ablehnen. «In der Regel, weil das Kreditformular nicht ordnungsgemäss ausgefüllt wurde», so Bühlmann. Die Anträge für Covid-19-Kredite bis 500 0000 Franken basieren auf einer Selbstdeklaration. Die Banken plausibilisieren die Gesuche lediglich.

Keine einfache Angelegenheit. Vor allem, wenn das Unternehmen nicht direkt mit einem Pandemie-bedingten Betriebsverbot belegt wurde. Der grösste Teil der Kreditnehmer sei sekundär oder tertiär tangiert, sagt Stefan Wälchli, Chef der Clientis Bank Oberaargau. Zum Beispiel Vorlieferanten wie Metzgereien, Bäckereien oder andere Zulieferbetriebe, die durch das Restaurationsverbot einen Auftragseinbruch erleiden. Oder Immobiliengesellschaften, die durch Mietzins-Bundesrat Stundungen in Liquiditätsengpässen stecken. In solchen Branchen sei der Plausibitätscheck schwierig, sagt Wälchli: «Was sind Corona-bedingte Einbrüche und was nicht?»

Verboten sind Investitionen

Das Covid-19-Programm wird das Firmenkundengeschäft jedenfalls nachhaltig verändern. Zwar wurden die Darlehen als vorübergehende Nothilfe angekündigt. Auch gab sich der Bund Mühe, die Verwendung der Gelder auf die Liquiditätssicherung zu beschränken. Verboten sind Investitionen, die nichts mit den aktuellen Umsatzeinbrüchen zu tun haben.

Doch bereits vereinbarte, ordentliche Amortisationen normaler Kredite sind zulässig. Damit dürfte in mittlerer Frist kaum zu verhindern sein, dass aus klassischen Bankkrediten staatlich abgesicherte Darlehen werden. «Geld ist Geld, und das fliesst», konstatiert Wirtschaftsanwalt Urs Schenker. «Man wird kaum feststellen können, wenn einer mit dem Covid-19-Kredit ein Darlehen bei einer anderen Bank zurückbezahlt.» Auch SP-Nationalrätin Jacqueline Badran konstatiert: «Es gibt einen grossen Anreiz, mit diesem Geld normale Bankdarlehen zu ersetzen – für den Bankkunden und die Banken. Das ist so, und das muss man auch aussprechen.»

Stresstest kommt erst 2022

Ein erster Stresstest für die Werthaltigkeit der Covid-19-Kredite steht in zwei Jahren an. Dann nämlich endet die Übergangsphase, während der die neuen Kredite konkursrechtlich nicht den Schulden angerechnet werden müssen. Von einem Tag auf den anderen könnten viele KMU in die Insolvenz rutschen.

Bis dahin sollte zumindest klar sein, wie all die Kleingewerbebetriebe ihre Corona-Schulden abstottern werden. Derzeit herrscht auf Covid-19-Krediten eine Karenzfrist: «Wir haben uns bewusst dafür entschieden, die Rückzahlungsmodalitäten mit den Kreditnehmern erst im nächsten Jahr zu vereinbaren, wenn eine verlässliche Liquiditätsplanung wieder möglich ist», sagt Avera-Chef Zaugg. Auch die Clientis Bank im Oberaargau wird die ordentliche Amortisation nicht vor 2021 starten.

Rückzahlung der Covid-19-Kredite

Bei Finanzminister Ueli Maurer herrscht derweil Zweckoptimismus: «Der Grossteil der Darlehen wird zurückbezahlt werden», sagte er jüngst im Radio SRF. Die Betriebe müssten, abzüglich der Lohnkosten, über die Kreditlaufzeit von fünf Jahren jährlich etwa «die Kosten eines halben Monats» zurückbezahlen. «Das müsste eigentlich zu machen sein.»

Anders tönt es an der Finanzierungsfront: «Da die Wertschöpfung in zahlreichen der betroffenen Branchen nicht sonderlich hoch ist, kann die Rückzahlung der Covid-19-Kredite eine grosse Herausforderung darstellen», so Clientis-Mann Wälchli. Und auch Avera-Chef Zaugg ergänzt: «Im Moment lässt sich nicht abschätzen, ob und wann die Firmen die Covid-19-Kredite zurückzahlen können. Oder ob wir eine Verschuldungssituation produzieren.»

Auch Politiker und Interessenvertreter warnen bereits heute vor der Schuldenfalle: Über die Covid-19-Darlehen würde man die Probleme einfach in die Zukunft verschieben. «Angesichts der angespannten Situation ist eine umgehende und gezielte Anpassung einiger Massnahmen notwendig», mahnt der Basler Gewerbedirektor Gabriel Barell. «Die Höhe der Entschädigung muss unabhängig von der Rechtsform des Unternehmens erfolgen». Auch SP-Politikerin Badran fordert eine Ausweitung der Anspruchsberechtigung auf Erwerbsersatz und einen Mietzinserlass für Gewerbler. «Die Alternative sind Massenkonkurse, Massenverschuldung oder ein Masseneintritt in die Sozialhilfe.»

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Corona-Notkredite: Protokoll einer Rettungsaktion

Corona-Krise Bund und Banken wollen die Unternehmen vor Zahlungsausfällen und Konkursen bewahren. So lief der Deal ab.

Letzten Sonntag um 11 Uhr Vormittags ging es um nichts weniger als die Rettung der KMU-Wirtschaft. An einer Telefonkonferenz unter Leitung von Finanzminister Ueli Maurer berieten Staatssekretärin Daniela Stoffel und Spitzenvertreter der Schweizer Banken über milliardenschwere Notfall-Überbrückungskredite für all jene KMU, die von der Corona-Krise schwer getroffen wurden.

Kurz zuvor, am Samstag um Punkt Mitternacht, verschickte das Finanzdepartement per E-Mail einen ersten Verordnungsentwurf samt Ausführungsbestimmungen an die Banken.

Alarmglocken aus der Realwirtschaft

Der Mitternachtsversand zeigt: Die Lage ist ernst, der Handlungsdruck hoch. Praktisch rund um die Uhr hatte eine 15-köpfige Arbeitsgruppe mit Spitzenvertretern des Bundes und der Banken in den Tagen zuvor daran gearbeitet, ein Rettungspaket zu schnüren. Denn die Alarmglocken aus der Realwirtschaft schrillen immer lauter.

«Wir stellen fest, dass unsere Firmenkunden ihre Kreditlimiten praktisch voll ausschöpfen», sagt der Chef einer grossen Bank mit Tausenden von Geschäftskunden. Da sei ihm klar geworden, dass eine nationale Lösung hermüsse. Das Resultat: Vom Bund verbürgte Überbrückungskredite in der Höhe von bis zu 20 Milliarden Franken. Sie bilden nebst der erweiterten Kurzarbeitsentschädigung der Eckpfeiler des grössten Konjunkturhilfe-Pakets in der Geschichte der Eidgenossenschaft.

«Im Prinzip stellen wir jetzt einfach einen Bankomaten auf, und jeder bekommt den PIN-Code», meint ein Banker lapidar. Er geht davon aus, dass 80 bis 85 Prozent der Anfragen von kleinen Firmen kommen, die eine sofortige Auszahlung erhalten. Bei solchen Beträgen bürgt der Bund vollständig. Die Auszahlung erfolgt sofort und ohne Bonitäts-Check. Im Nachhinein registriert das Beratungshaus PwC im Behördenauftrag alle Kredite.

Tempo vor Gründlichkeit

Das sei ein Tradeoff zwischen Gründlichkeit und Geschwindigkeit, sagt Kantonalbanken-Verbandsdirektor Hanspeter Hess: «Der Bundesrat hat sich klar auf die Seite der Geschwindigkeit gestellt.»

In der Notverordnung fallen auch ordnungspolitische Tabus wie das Kreditverbot für Postfinance: «Wir gehen davon aus, dass diese Überbrückungskredite über Kundengelder refinanzieren werden», sagt ein Sprecher. Angesichts der Tatsache, dass die Kredite eine Laufzeit von bis zu fünf Jahren haben, könnte Postfinance aus der Corona-Krise als vollwertige Bank hervorgehen.

Als Transmissionsriemen zwischen den vom Bund garantierten Krediten und den kapitalbedürftigen KMU dienen die Hausbanken. Landauf landab bereiten sich die Finanzhäuser nun auf einen Darlehensansturm vor. So auch die UBS. «Wir rechnen mit Tausenden von Kreditanfragen in den nächsten Tagen», schreibt Alain Conte, Leiter Corporate & Institutional Clients Schweiz, in einem internen Memo. Unter anderem weitet die Grossbank ihre Kreditkompetenzen in den Regionen aus und schult Kundenberater via Skype. Die Liquiditätssicherung der Kunden habe höchste Priorität.

Schliessen, um Personal zu gewinnen in der Corona-Krise

Auch die 235 Raiffeisen-Banken bereiten vor. Die drittgrösste Bankengruppe zählt über 200 000 KMU und Selbstständige als Kunden. Davon dürften schätzungsweise die Hälfte um Hilfe ersuchen.«Es gibt Raiffeisenbanken die Mitarbeitende von Geschäftsstellen, die aufgrund Corona-Pandemie vorsorglich geschlossen wurden, in der Kreditverarbeitung einsetzen», sagt Urs Gauch, Leiter Firmenkunden und Niederlassungen. Zugleich versuche man den Vergabeprozess mittels spezifischer IT-Lösungen zu beschleunigen, um die Vorgaben des Bundes zu erfüllen.

Die Überbrückungshilfen seien kein Bankgeschäft wie jedes anderen, sagt Gauch. «Wir wollen an den Krediten nichts verdienen, sondern unsere volkswirtschaftliche Verantwortung wahrnehmen.» Der Zinssatz sollte lediglich die Administrativkosten decken.

Es sei auch klar, dass die bestehenden Kreditlinien von Kunden offengelassen würden. «Die Bundeskredite lösen keine Bankkredite ab, sondern stellen eine zusätzliche Liquiditätsquelle dar.»

Angst vor «Moral Hazard»

Das Kreditprogramm ist zweigeteilt: In Darlehen bis zu einer halben Million Franken. Und in solche mit höheren Summen. Bei diesen grösseren Darlehen muss sich die Bank mit 15 Prozent am Risiko beteiligen. Der Kreditnehmer wird daher auch tiefergehend geprüft. Auf diese Weise können Darlehen von bis zu 20 Millionen Franken gesprochen werden. Allerdings ist die Kreditsumme auf zehn Prozent des Jahresumsatzes beschränkt.

Die Notverordnung definiert klare Bedingungen: Eine Firma muss bereits vor März 2020 bestanden haben und darf nicht in einem Konkursverfahren stecken. Auch darf sie nicht von anderen Corona-Massnahmen des Bundes profitieren. Vorschriften gibt es zudem zur Verwendung des Geldes, das nicht für Ausschüttungen an die Eigentümer, Darlehen an Gruppengesellschaften oder Rückzahlungen von anderen Darlehen verwendet werden darf. Auch soll das Geld nur den laufenden Betrieb finanzieren. Investitionen, die über einen Ersatz hinausgehen, sind nicht erlaubt.

Dennoch überschattet die Angst vor dem Moral Hazard den staatlichen Geldsegen: Wie kann verhindert werden, dass Firmen oder Banken von den Bundesgarantien profitieren, wenn gar kein berechtigter Fall vorliegt? Zu vermeiden gilt nicht nur, dass KMU die Gunst der Stunde für ein billiges Darlehen nutzen, an das sie ohne Sonderverordnung nicht gekommen wären. Sondern auch, dass Banken unliebsame Kreditrisiken zum Bund abschieben.

Generelle Sorgfaltspflicht beim Corona-Notkredit

Der Raum dafür besteht, denn bei den Darlehen bis zu 500’000 Franken müssen die Banken keine Kreditprüfung machen. «Für uns bedeutet das daher nicht viel Aufwand», sagt Herbert Kumbartzki, Finanzchef der Basellandschaftlichen Kantonalbank. «Natürlich plausibilisieren wir die Angaben, denn wir haben als Bank eine generelle Sorgfaltspflicht», sagt Kumbarzki. Den Polizisten muss er jedoch nicht spielen.

Die Missbrauchsvermeidung basiert auf einer Selbstdeklaration der Kunden. Sie müssen bestätigen, dass die Bedingungen erfüllt sind. Ansonsten machen sie sich der Urkundenfälschung strafbar. Den Überblick hat einzig PwC. Ein Sprecher bestätigt: «PwC Schweiz ist die zentrale administrative Stelle der Bürgschaftsgenossenschaften und leitet die von den Banken abgeschlossenen Kreditvereinbarungen (COVID-19-KREDIT) und Einzelbürgschaften für COVID-19-KREDIT-PLUS (Kreditantrag) an die zuständige Bürgschaftsgenossenschaft weiter.» Bei den Wirtschaftsprüfern landen also Kopien von jedem Kreditdossier. So soll sichergestellt werden, dass keine Darlehen doppelt gesprochen werden. Und so sollen Unregelmässigkeiten in den Anträgen auffallen.  Ob es funktioniert, wird sich erst noch zeigen müssen. Zeit dafür ist genug.

Richtig und wichtig

Das Vergabe-Schema kommt gut an. Für Bankenprofessor Marc Chesney von der Uni Zürich ist es «richtig und wichtig». Ansonsten drohe einem grossen Teil der KMU der Konkurs, sagt er. «In einer solchen Notlage geht es darum, Vertrauen in eine funktionsfähige Wirtschaft wiederherzustellen.» Dafür ist die Geldspritze gegen die Corona gedacht.

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Corona-Krise: KMU leiden unter dem Shutdown

Corona-Krise Der Shutdown des öffentlichen Lebens trifft die Binnenwirtschaft ins Mark. Die KMU leiden.

Am Spalenberg in der Basler Innenstadt reihen sich Boutiquen und kleine Läden aneinander. Normalerweise geben sich hier Kundinnen und Kunden die Klinke in die Hand. Doch jetzt ist weit und breit kein Passant, keine Passantin zu sehen. Seit Dienstag haben die meisten Geschäfte Zwangsferien. To­bias Dettwiler steht als einer der wenigen Händler noch in seinem Laden – hinter verschlossenen Türen.

«Die Anordnung war ein Schock», sagt er. Zwar hat der Kleinunternehmer seit Ende vergangener Woche geahnt, dass so etwas kommen würde. «Aber nicht, dass es so schnell geht.» Zwei Läden für Kleider und Accessoires führen er und seine Partnerin unter dem Label «Feinfracht», zwei Angestellte haben sie. Nun versucht er, sich anzupassen. Etwa mit dem Ausbau des Online-Kanals. Ein bis zwei Monate könne er so wohl überleben, dann werde es eng, sagt Dettwiler.

Auch Alexandra Dill ist auf den Beinen. Sie führt die «Markthalle», einen Food-Court mit rund 25 Essständen und 10 Läden. Ihre 50 Angestellten in der Waschküche und im Backoffice hat sie bereits zur Kurzarbeit angemeldet. «Selbst wenn wir noch was verkaufen könnten: Es kommt ja niemand mehr.»

Viele KMU hat der bundesrätliche Shutdown auf dem falschen Fuss erwischt. Von einem Tag auf den anderen brechen ihnen die Einnahmen komplett weg. «Das ist existenziell», sagt der Basler Gewerbedirektor Gabriel Barell. «Die nächsten Löhne können wohl noch bezahlt werden. Doch schon im April wird es für viele ernst.»

KMU-Krise könnte sich ausbreiten

Bereits gebe es Gewerbler, die ihre Rechnungen nicht mehr bezahlen, um wenigstens die Löhne zu sichern. Komme man diesen Unternehmen nicht entgegen, breite sich die Krise rasch übers Portemonnaie der Angestellten auf die ganze Volkswirtschaft aus. «Es brennt.»

Der Shutdown des öffentlichen Lebens verursacht massive Schäden. Weil die Leute in ihren vier Wänden verharren müssen, um die Ausbreitung des Virus zu verlangsamen, bricht die Nachfrage nach Gütern und Dienstleistungen ein. Zu den Qua­rantänemassnahmen rund um den Globus gehören auch Grenzschliessungen und das Aussetzen von Transportverbindungen, sei es im Bahn- oder Luftverkehr. Damit gesellt sich zum Nachfrageeinbruch ein Angebotsschock. Denn die globalen Lieferketten sind ganz oder teil­weise unterbrochen.

Diese Situation ist für die Schweizer Wirtschaft beispiellos: «In der Vergangenheit kamen die Risiken immer von aussen, aus dem Export», sagt UBS-Ökonom Alessandro Bee. «Doch mit dem partiellen Shutdown in der Schweiz dürfte erstmals auch die Binnenwirtschaft direkt betroffen sein.»

Die Konjunkturforschungsstelle KOF der ETH Zürich geht in ihrem Basisszenario von einer Rezession fürs erste Halbjahr 2020 aus und davon, dass es «zu starken Rückgängen beim privaten Konsum und auf Firmenseite zu einer verbreiteten Zurückhaltung bei den Inves­titio­nen» kommen wird.

Es braucht mehr als Zinssenkungen

Auch UBS-Ökonom Bee rechnet erst in der zweiten Jahreshälfte mit einer Normalisierung. Dann könnte es auch zu Kompensationen kommen: «Ferien, die jetzt abgesagt werden, werden im Herbst angehängt. Oder man gönnt sich dann etwas mehr.» Schwieriger werde es, wenn das Virus nicht eingegrenzt werden könne oder wenn der Staat zu drakonischen Mitteln greifen müsse.

Bereits haben die Notenbanken reagiert und ihre Schleusen geöffnet. Die konzertierten Massnahmen erinnern an die Finanzkrise, doch der Vergleich führt hierzulande in die Irre. Die Rettung der Grossbank UBS hatte damals für den Mann und die Frau von der Strasse höchstens Aufregerpotenzial am Stammtisch.

Von der Finanzkrise spürte der Durchschnittsschweizer im Alltag praktisch nichts: Die Arbeitslosigkeit blieb tief, der Konsum intakt. Das ist in der Corona-Krise ganz anders. Denn im Gegensatz zu 2008 sind nicht aufgeblähte Bankbilanzen der Grund für den Crash, sondern ein realer Nachfragekollaps. Die Verkäuferin oder den Kellner können Zinssenkungen der Fed oder andere Geldmarktstimuli kaum beruhigen.

In dieser Krise sind die Banken nicht Täter, sondern werden höchstens zu Opfern. Dann nämlich, wenn das Finanzsystem von der Krise der Realwirtschaft angesteckt wird. Direkt über die Vertrauenskrise an der Börse. Oder indirekt, wenn die Corona-Krise in eine schwere Rezession mündet. Die Folgen wären Massenentlassungen und Firmenpleiten, welche die Banken zum Abschreiben fauler Kredite zwingen würden.

Auch das Hypothekargeschäft könnte ihnen zum Verhängnis werden, wenn arbeitslose Hausbesitzer mangels Einkommen ihre Schulden nicht mehr bedienen können. Als Folge kämen die Immobilienpreise ins Schlingern. Die Bewertungsanpassungen könnten das Finanzsystem ins Wanken bringen.

Stellenabbau hätte langfristige Folgen für KMU

Ein Schreckensszenario, das es um jeden Preis zu verhindern gilt. Auch Martin Scholl, Chef der Zürcher Kantonalbank, warnt: «Wir Banken sind die Lebensadern der Realwirtschaft und haben grosses Interesse daran, dass der Geldkreislauf funktioniert.»

Das Wichtigste sei denn auch, den Arbeitsmarkt in einem möglichst normalen Zustand zu halten, findet UBS-Ökonom Bee. «Wenn die Unternehmen nicht mehr fähig sind, die Umsatzeinbussen über Kurzarbeit abzufedern, und stattdessen Stellen abbauen, sind langfristige Folgen zu erwarten.»

Um die Jobs in der Corona-Krise zu ­erhalten, empfiehlt Hans-Ulrich Bigler, Direktor des Schweizerischen Gewerbe­verbands, seinen Mitgliedern, Kurzarbeit zu beantragen. Er fürchtet aber, dass die dafür vom Bund veranschlagten 8 Mil­liarden Franken nicht ausreichen werden.

Zudem gelte es, die Kurzarbeit auszuweiten. «Anspruch auf Entschädigung müssen auch Temporärarbeitende, befristete Angestellte und insbesondere Selbstständigerwerbende erhalten. Ansonsten drohen Massenkonkurse von Mikro­unternehmern.»

Fonds soll KMU unterstützen

Bei den beschlossenen Massnahmen im Kampf gegen das Coronavirus handle es sich faktisch um ein fünfwöchiges Berufsverbot für Kleingewerbe wie Coiffeursalons oder Restaurants, sagt Bigler. Diese niedermargigen Branchen würden rasch in eine Liquiditätskrise geraten. «Ich rechne fest damit, dass der geplante Überbrückungsfonds rasch und unbürokratisch die betroffenen KMU unterstützt. Klar ist auch, dass es sich um A-fonds-perdu-Beiträge wird handeln müssen.»

Eher «skeptisch» sei er gegenüber staatlichen Bürgschaften für Kredite, sagt Bigler. «Die KMU stecken jetzt in der Liquiditätsfalle, sie brauchen nicht Kredite für Inves­titionstätigkeiten.» Es brauche nun eine schnelle, unbürokratische Hilfe, damit die Unternehmen genug Geld in der Kasse haben, um Ende April die Löhne zu bezahlen, fordert auch der Basler Gewerbedirektor Barell. «Detailabrechnungen kann man auch später noch machen.»

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ZKB-Chef: «Der Kapitalmarkt ist praktisch eingefroren»

ZKB Bankchef Martin Scholl sagt, weshalb Bankkredite in der Corona-Krise besonders wichtig sind und warum es Staatshilfen braucht.

Wir treffen Martin Scholl am Hauptsitz der Zürcher Kantonalbank ZKB an der Bahnhofstrasse. Nebst einem Stapel Bankunterlagen trägt der Bankchef stets eine Flasche Desinfektions-Mittel mit sich. Vor dem Gespräch macht sie die Runde. Das Signal ist klar, die Corona-Krise geht auch am systemrelevanten Kantonsinstitut nicht spurlos vorbei. Schliesslich sind die Finanzmärkte in Aufruhr. Das heimtückische Virus hat der langanhaltenden Wertschriften-Party ein jähes Ende bereitet. 

Es könnten derzeit keine Obligationen mehr ausgegeben werden, sagt der ZKB-Chef nüchtern. «Die Liquiditätsbeschaffung über den Kapitalmarkt ist seit einigen Tagen wegen der Corona-Krise praktisch eingefroren, weshalb nun Bankkrediten eine besondere Bedeutung zukommt, auch für grössere Unternehmen.»

Schaden für die Bonität

Gefordert sind besonders die wichtigsten Schweizer Konsortialbanken UBS, Credit Suisse und ZKB. Sie müssen mit den grossen Kreditnehmern – meist kotierte Konzerne und grosse Familienfirmen – nun über die Kreditkonditionen verhandeln. Denn das Corona-Virus setzt der Bonität der Unternehmen arg zu. Praktisch über Nacht fallen die Erträge komplett weg. 

Koordination ist das Gebot der Stunde. Auch für Martin Scholl: «Wir stehen mit anderen grossen Geschäftsbanken in Kontakt.» Es sei klar, dass alle ihren Beitrag leisten müssen: Bund, Kantone, Geschäftsbanken, Vermieter und auch die Unternehmer, so der ZKB-Chef. 

Frage: Wie sehr kann sich ein Unternehmen noch verschulden? 

Wenn quasi über Nacht mehrere Monatsumsätze wegbrechen, könne dies nicht einfach nur durch zusätzliche – rückzahlbare – Kredite finanziert werden. Das Verschuldungspotenzial der Unternehmen sei nicht derart hoch.

«So unschön es ist, es sind auch staatliche Beiträge gefordert», mahnt der wirtschaftsliberale Bankchef deshalb: «Diese zeitlich befristete Nothilfe muss schnell gesprochen werden, da es sich simultan um einen Angebots- und Nachfrageschock handelt. Andernfalls könnten unverschuldete Masseninsolvenzen die Erholung der Wirtschaft nach der akuten Pandemiephase nachhaltig gefährden.»

ZKB als Gatekeeper

Für den ZKB-Chef ist klar, welche Rolle den hiesigen Finanzinstituten in der Corona-Krise zukommen muss: jene des verlässlichen Mittelmanns. «Die Geschäftsbanken können – neben der eigenen Vergabe von zusätzlichen Krediten – helfen, die Staatshilfen unbürokratisch und bedürfnisgerecht an die Unternehmen weiterzuleiten. Beispielsweise indem die Banken ihre „Gatekeeper-Rolle“ wahrnehmen.» 

Das bedeute im Fall der ZKB: «Wir kennen unsere Kreditnehmer bestens und können mit Solvenz-Checks plausibilisieren, ob die angemeldeten Corona-Hilfen gegenüber den Behörden auch gerechtfertigt sind.»

Chance für die ZKB

Gleichzeitig sieht Scholl in der grassierenden Corona-Krise auch eine Chance für die Finanzinsitute, ihre Rolle für die Realwirtschaft herauszustreichen – «indem wir unseren Kunden zeigen, dass wir in jeder Lage verlässliche Partner sind. Wir Banken sind die Lebensadern der Realwirtschaft und haben grosses Interesse daran, dass der Geldkreislauf funktioniert.» 

Sagts und eilt mitsamt Desinfektionsmittel zum nächsten Meeting.

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«Odor des Ungesetzlichen»: Michael Laubers Snackgate

Michael Lauber Fünf Snacks à 6 Franken überführen den Bundesanwalt. Der Bericht über Michael Lauber bietet pikante Details, lässt aber eine Frage offen.

Diese 48 Seiten haben es in sich: Minutiös leuchtet Bundesrichterin Alexia Heine, die das Disziplinarverfahren gegen Michael Lauber leitete, die Erinnerungslücken und Inkompetenzen des Bundesanwalts aus.

Im Fokus stehen jene nicht-protokollierten, informellen Treffen des Bundesanwalts mit FIFA-Präsident Gianni Infantino et al. Besonderen Raum nimmt dabei das ominöse dritte Treffen vom 16. Juni 2017 im Hotel Schweizerhof in Bern ein.

Dazu muss man wissen, dass Lauber bloss ein Jahr und vier Monate später gegenüber der Aufsicht über die Bundesanwaltschaft AB-BA zu den informellen FIFA-Treffen Auskunft gibt, von denen zum damaligen Zeitpunkt nur deren zwei bekannt waren. Auf die Frage, ob es weitere solche Meetings gab, antwortet Lauber: «Nein. Nie auf Stufe Bundesanwalt. (…). Abgesehen von diesen beiden informellen Gesprächen sind die Verfahrenshandlungen dokumentiert in den entsprechenden Dossiers.»

Wo Konsumation, da Person

Dabei hatte es Hinweise auf ein drittes Treffen gegeben: Die Bundesanwaltschaft hatte für jenen Tag einen Raum im Luxushotel beim Bahnhof Bern gebucht – aber weiterhin blieb die Möglichkeit offen, dass der Raum doch nicht genutzt wurde. Ein Indiz besagt nun aber, dass dieses dritte Treffen mit FIFA-Präsident Infantino tatsächlich stattfand. Denn am Ende stellte der Hotelbetrieb eine Rechnung aus: «fünf Snacks zu sechs Franken». Die Zwischenverpflegung war später der Kostenstelle des Bundesanwalts belastet worden. Die Rechnung umfasste damit mehr als nur die blosse Raumpauschale, welche Mineralwasser, Softgetränke und Nespresso-Kaffee miteinschliesst.

«Dass explizit fünf Snacks abgerechnet worden sind, zeigt, dass vor Ort am 16. Juni 2017 Konsumationen getätigt wurden. Wenn Konsumationen (und zwar fünf Snacks zu CHF 6.00) getätigt werden, müssen auch Personen vor Ort gewesen sein…», folgert AB-BA-Frau Heine.

Wer ist die fünfte Person beim Lauber-Meeting?

Anwesend waren mutmasslicherweise Bundesanwalt Lauber, sein Kommunikationschef André Marty, FIFA-Präsident Infantino und dessen Schulfreund, der Walliser Oberstaatsanwalt Rinaldo Arnold – sowie eine fünfte Person, die in Laubers Agenda mit Kürzel vermerkt worden sei. Dessen Name aber wurde in der öffentlichen Version des AB-BA-Berichts geschwärzt. Wer also ist diese fünfte Person?

Wie auch immer: Obwohl im «Meeting Room III» im 1. Stock des Hotels Schweizerhofs gegessen und getrunken wurde – und obwohl das Gegenüber des Bundesanwalts nicht irgendwer war, sondern Fifa-Präsident Gianni Infantino –, vermochten sich weder Michael Lauber noch sein Kommunikationschef André Marty an das unprotokollierte Meeting erinnern.

Das Treffen mit dem «grossen Player» Gianni Infantino sei für ihn nicht derart besonders, wie es gegen aussen wirken könnte, sagt Lauber bei einer späteren Befragung gegenüber der AB-BA: Die Erinnerung verschwimme auch mit anderen wichtigen Personen im Laufe der Zeit. Seit Amtsantritt vergesse er angesichts der schieren Menge mehr und mehr die Details im courant normal, so Lauber. Dieses Vergessen schätze er als normal ein. 

Anlass zu Spekulationen

Als «unglaubhaft» taxiert dagegen der AB-BA-Bericht Laubers Gedächtnislücken.

Auch wurde der Bundesanwalt dazu befragt, weshalb er den Fifa-Boss nicht einfach in Räumlichkeiten der Bundesanwaltschaft zum Gespräch getroffen habe statt in einem zentralen Berner Fünf-Sterne-Hotel: Man habe vermeiden wollen, dass Gianni Infantino erkannt werde, weil das zu Spekulationen Anlass geben könne. Deshalb habe man sich für das bahnhofsnahe Hotel Schweizerhof entschieden. Diese Ausführungen seien unglaubhaft und in Teilen faktenwidrig, steht im AB-BA-Bericht: «Die Wahrscheinlichkeit, dass der weltweit bekannte Gianni Infantino und der mindestens schweizweit bekannte Bundesanwalt erkannt werden, wenn sie das von Touristen, Geschäftsleuten und öffentlichen Funktionsträgern stark frequentierte Hotel betreten, um zu einem Sitzungszimmer zu gelangen, ist erheblich.» Ganz im Gegensatz zum Einvernahmezentrum der Bundesanwaltschaft an der Brückenstrasse 50 in Bern, wo ein diskreter Zugang problemlos möglich sei.

Lauber – «Sensitivität solcher Treffen zu erkennen»

So gelangt der AB-BA-Bericht zum wenig schmeichelhaften Fazit, dass es Lauber an Fingerspitzengefühl mangle: «Es wäre gerade am Bundesanwalt, die Sensitivität solcher Treffen zu erkennen und angemessene Massnahmen zu ergreifen, diesen den Odor des Ungesetzlichen zu nehmen. »

Der Bericht zum Disziplinarverfahren legt aber noch weitere Laubersche Unzulänglichkeiten frei: Und zwar im Handling des gigantischen FIFA-Verfahrens. So wurde Lauber nicht müde öffentlich zu betonen, wie gigantisch die Datenmengen seien, welche die Bundesanwaltschaft im Verfahren zu bewältigen habe: 25 Kilometer Dokumentenlänge, 9 und später 11 Terabyte. Man ertrinke gleichsam in der Datenmenge. Die AB-BA rügt, es sei schon 2015 absehbar gewesen, dass die Ressourcen der Bundesanwaltschaft dafür nicht ausreichen würden. Und so erklärte Lauber den FIFA-Fall denn auch zur Chefsache («enge Begleitung aus übergeordneter Sicht») samt persönlichen Engagement («I will act accordingly»).

Medienwirksame Lippenbekundungen

Doch es blieb bei medienwirksamen Lippenbekundungen, wie die AB-BA nun enthüllt: «Tatsache ist, dass er sich um keine konkrete Problematik selbst gekümmert hat, ja nicht einmal wusste, was seine Ausschüsse tun, andererseits.» Damit habe Lauber seine Amtspflichten verletzt.

Gegen den Entscheid der AB-BA kann der Bundesanwalt beim Bundesverwaltungsgericht Beschwerde erheben.

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Die Verteidigung der UBS

Steuerfall Die Bank steht in Paris bald vor Gericht. Ein neues Anwaltsteam der UBS will mit Europarecht das Urteil der ersten Instanz über 4,5 Milliarden Euro kippen.

Er ist ein Vollblutjurist. Einem, dem das Plädieren so leichtfalle wie das Atmen, schreibt die Zeitung «Le Figaro». Die Rede ist vom Pariser Rechtsanwalt Hervé Temime. In Algerien geboren, als Halbwaise aufgezogen von Mutter und Grossmutter, sieht er im Teenageralter am TV den Mafia-Anwalt Émile Pollak verteidigen und weiss, was er einmal werden möchte.

Ein halbes Jahrhundert später gilt Temime als einer der besten Strafverteidiger Frankreichs. Der eloquente Mann mit der markanten Hornbrille haut die Grossen der Grande Nation vor Gericht raus: ob Prominente wie Roman Polanski oder Gérard Depardieu, ob Politiker wie Jean-Noël Guérini oder Geschäftsleute wie Alain Afflelou. Die französischen Eliten mandatieren Temime, wenn es heikel, komplex und medienträchtig wird. Wie Unternehmer Bernard Tapie, der über seine Beteiligung am Sportartikelkonzern Adidas zu stolpern drohte. Nach einem «meisterhaften Plädoyer» («Le Figaro») wird Tapie 2019 freigesprochen. «Ein Anwalt ist kein Richter oder Polizist, er sucht nicht nach der Wahrheit», definierte Temime einst sein Berufsverständnis. Ziel sei es, das beste Ergebnis für die Person zu erreichen, die er verteidige.

Für UBS steht viel auf dem Spiel

Auf das Beste hofft nun auch die UBS. Sie setzt im Berufungsprozess, der am 2. Juni in Paris beginnt, auf die Dienste von Hervé Temime, wie die «Handelszeitung» aus dem Umfeld der Grossbank erfahren hat. Schliesslich steht für die UBS und ihren im Herbst abtretenden Chef Sergio Ermotti viel auf dem Spiel, finanziell wie reputationsmässig.

Im Februar 2019 verurteilte die erste Gerichtsinstanz die Bank zu einer Busse von 3,7 Milliarden Euro. Hinzu kamen 800 Millionen Euro Schadenersatz für den französischen Staat. Den Prozess begleitete ein anderer Starverteidiger für die Grossbank: Jean Veil. Auch dessen Mandantschaft liest sich wie ein «Who is Who» der Hautevolee: Von Jacques Chirac über Jérôme Cahuzac bis zu Dominique Strauss-Kahn.

Richterin wägt mathematisch ab

Mit der Milliardenbusse sanktionierte die Erstinstanz die UBS zum einen dafür, aus der Schweiz heraus in Frankreich illegal Kunden angeworben zu haben. Und zum anderen dafür, dass die Bank ihren französischen Kunden zwischen 2004 und 2011 beim Steuerbetrug geholfen hat. Für die Richterin Christine Mée war der Tatbestand der «schweren Geldwäscherei» erfüllt. «Der Betrug hat seinen Ursprung in einer vertikal strukturierten, systematischen und alten Organisation», zitiert die Zeitung «Les Échos» die Richterin. Um die Finessen des Steuerfalls kümmerte sich Mée nicht. Das Schreiben eines Urteils sei eine «mathematische Abwägung», erklärt sie: «Der Richter muss alle Teile, die in die Gleichung eingehen, zusammensetzen.»

Das UBS-Anwaltsteam um Temime und Co. ist bemüht, diese Gleichung für den Berufungsprozess neu aufzustellen. Denn das Appellationsgericht wird den Steuerfall frisch beurteilen. Für die UBS ist dabei zentral, den Geldwäschereivorwurf zu entkräften. Hilfe erhält die Bank vom bekannten Zürcher Wirtschaftsanwalt und Rechtsprofessor Peter Nobel. Er greift für seine Verteidigungslinie auf Europarecht zurück: «Das Zinsbesteuerungsabkommen von 2004 zwischen der EU und der Schweiz ist entscheidend für den Berufungsprozess.» Denn die Anklage beziehe sich auf Bankdienstleistungen, die in der Schweiz erbracht wurden. Das Zinsbesteuerungsabkommen setze dem französischen Recht und der französischen Gerichtsbarkeit klare Grenzen. «Die Verurteilung stellt eine Verletzung von EU-Recht dar.»

UBS-Rechtsberater Nobel will Geldwäscherei-Vorwurf entkräften

Zwar sei Frankreich nicht direkt Vertragspartei gewesen beim Abkommens von 2004. Aber: «EU-Recht bindet Frankreich und ist französischem Recht übergeordnet.» Zudem hätten die Franzosen seinerzeit in einer Vereinbarung das Zinsbesteuerungsabkommen mit der Schweiz ausdrücklich als eine interessengerechte Lösung akzeptiert und sich verpflichtet, es nicht durch einseitige Massnahmen zu verletzen.

UBS-Rechtsberater Nobel geht noch einen Schritt weiter: Das Abkommen von 2004 verbiete es den EU-Mitgliedsstaaten, rückwirkend reguläre und legale Schweizer Bankdienstleistungen für Kunden mit Wohnsitz in der EU als Geldwäscherei zu kriminalisieren. Im Abkommen stehe nämlich, dass die Schweizer Behörden den EU-Partnern nur dann Rechtshilfe leisten, wenn es sich um Steuerbetrug nach Schweizer Recht handelt. Die Verwaltung unversteuerter Vermögen französischer UBS-Kunden war in der Schweiz legal.

Auch seien die Schweizer Banken nicht verpflichtet gewesen, abzuklären, ob Kunden die Steuern in ihren Heimstaaten bezahlten. «Genau aus diesem Grund gab es ja im Abkommen die Lösung mit der Quellenbesteuerung», argumentiert Nobel.

Frankreich erhielt bis 2016 rund eine halbe Milliarde Franken

Das Abkommen sieht vor, 35 Prozent der Zinserträge auf in der Schweiz verwaltete Vermögen von EU-Bürgern einzuziehen. Ein Steuerrückbehalt, analog der hiesigen Verrechnungssteuer. Die Einnahmen daraus flossen zu drei Vierteln an die jeweiligen EU-Mitgliedsstaaten. Allein Frankreich erhielt so zwischen 2005 und 2016 mehr als eine halbe Milliarde Franken überwiesen.

Diesen Zugriff auf Steuersubstrat in der Schweiz rang die EU der Eidgenossenschaft ab, indem die Europäer das Bankgeheimnis akzeptierten. So zumindest lautet die Verteidigungslinie der Bank. Gemäss Insidern versucht die UBS, jene Diskussionen mit Verhandlungsprotokollen und Zeitzeugen zu rekonstruieren. Die Grossbank zieht, gemäss dem «Manager Magazin», frühere Spitzenpolitiker zurate: Der ehemalige deutsche Finanzminister Theo Waigel, sein Nachfolger Wolfgang Schäuble und der frühere EU-Kommissionspräsident Jean-Claude Juncker sollen beraten. Für UBS-Rechtsvertreter Nobel ist schon jetzt klar: «Der Geldwäschevorwurf gegen die UBS fällt in sich zusammen.» Die UBS teilt mit: «Wir werden unsere Argumente im Prozess in Paris vorbringen.»

Am UBS-Urteil festhalten

Entschieden wird darüber im Juni. Aber bereits jetzt zeichnet sich finanzielle Linderung ab. Sowohl in Frankreich wie in der Schweiz. Im Herbst entschied nämlich das höchste französische Gericht, dass Bussen auf Basis der tatsächlich hinterzogenen Steuern zu berechnen seien. Und nicht – wie im UBS-Urteil festgehalten – auf Basis der vor dem Fiskus versteckten Vermögen. Das Urteil könnte die Busse in zweiter Instanz deutlich reduzieren. Und sie wäre in der Schweiz womöglich steuerlich abzugsfähig. So hat das Parlament in dieser Session entscheiden, dass unter gewissen Umständen ein Steuerabzug von Auslandsbussen erlaubt wird.

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Julius Bär – Nachspiel in Caracas

Julius Bär Die Bank versagte in der Bekämpfung der Geldwäsche beim Ölkonzern PDVSA. Nun klagt der Ex-Venezuela-Kundenberater.

Am 9. März 2018 stellt Julius Bär seinem Kundenbetreuer für Venezuela, Matthias Krull, ein Zwischenzeugnis aus. Darin bescheinigt die Bank ihrem Berater, dass «seine Entscheidungen und Handlungen konsequent mit den Werten der Bank übereinstimmen». Gut zwei Monate später beendet die Bank das langjährige Arbeitsverhältnis mit Krull. Zehn Jahre hatte er für Julius Bär in Lateinamerika gearbeitet und galt als «Onboarding Star». Seine Mandate brachten der Bank jährlich zwischen 6 und 7 Millionen Dollar ein. Dies steht in einer Klage vor dem Arbeitsgericht in Caracas, die der «Handelszeitung» vorliegt. Darin macht der Ex-Berater missbräuchliche Kündigung geltend und verlangt 34 Millionen Dollar. «Wir wehren uns entschieden gegen diese haltlose Forderung», sagt ein Sprecher von Julius Bär.

Boni und Entschädigungen in Millionenhöhe

Allerdings deckt sich Krulls Klageschrift mit dem jüngsten Fazit der Finanzmarktaufsicht (Finma): «Schwere Mängel in der Geldwäschereibekämpfung bei Julius Bär». In der Enforcement-Mitteilung geht die Finma auf die Geldwäsche rund um den venezolanischen Ölkonzern PDVSA ein. So habe «ein für Venezuela zuständiger Kundenberater» – es handelt sich um Krull – noch in den Jahren 2016 und 2017 Boni und Entschädigungen in Millionenhöhe erhalten, obwohl die Bank eine ganze Reihe seiner Kunden im PDVSA-Kontext der Meldestelle für Geldwäscherei gemeldet hatte. Dennoch habe die Bank Krulls Bonus im Jahr 2017 lediglich um 2,5 Prozent gekürzt. Noch im Vorjahr habe die Bank ihm gar einen Sonderbonus als «Top Performer» zugesprochen. «In beiden Jahren erhielt er auf diese Weise die höchsten Entschädigungen seiner Karriere bei dieser Bank», so die Finma. Zuletzt verdiente Krull mitsamt Boni und Sonderzulagen täglich etwa 5200 Dollar – also 1,8 Millionen Franken im Jahr, wie Gerichtsunterlagen zeigen. Sie machen zudem deutlich, in welchem Umfang die Bankspitze im PDVSA-Fall gemäss Finma eine «mangelhafte Compliance- und Risikokultur» pflegte.

Ab 2007 wirbt Krull für Julius Bär auf dem venezolanischen Markt potenzielle Kunden an. Gemäss Arbeitsvertrag hat der Berater ein Jahresziel von 50 Millionen Dollar Neugeld. Allerdings entscheidet Krull niemals allein, wer Kunde von Bär wird, sondern spielt den Ball zurück in die Schweiz. Die dortige Organisation segnet das Onboarding jeweils ab. Die Daten zu den venezolanischen Krull-Kunden fliessen laut Verfahrensakten stets ordnungsgemäss an die Compliance nach Zürich.

Compliance-Praxis mangelhaft

Zu jener Zeit für die Compliance verantwortlich ist Risikochef Bernhard Hodler. Ab Oktober 2017 amtet dieser, nach dem abrupten Abgang von Boris Collardi, als Konzernchef. Heute ist Hodler gemäss Linkedin als «Independant Board Member und Investor» tätig. Auch Martin Eichmann, der damalige globale Anti-Geldwäscherei-Leiter, arbeitet nicht mehr aktiv für Julius Bär. Er befindet sich seit Dezember im «Garden Leave». Eichmann war unter anderem verantwortlich für das «Atlas»-Projekt, das ab 2016 unter der Schirmherrschaft von Chef Collardi den Know-your-Customer-Prozess verbessern soll.

Bei Beträgen ab 25 Millionen Dollar und politisch exponierten Personen beugt sich zudem Kurt Sager, der damalige Head AML Desk, über Krulls exponierte beziehungsweise grössere Kundenanbahnungen.

Julius Bär führt die privaten Konti weiter

Mit anderen Worten: Zumindest auf dem Papier ist Julius Bär gerüstet. Doch in der Praxis zeigt dieses Abwehrdispositiv offenkundig Mängel: Bereits im Dezember 2016, also in jenem Jahr, als Krull einen Sonderbonus der Bank zugesprochen erhält, setzen sich die Compliance-Abteilung und Krulls direkter Vorgesetzte mit dem Lateinamerika-Banker mit deutschem Pass in Verbindung. Man informierte Krull darüber, dass die Bank via Schweizer Rechtshilfe den US-Strafverfolgern Informationen zu seinen Kunden übermittelt habe.

Zu diesem Zeitpunkt hätte es der Bank dämmern müssen, dass gewisse Venezuela-Kunden brandgefährlich sind. Doch anstatt Tabula rasa zu machen, ist Salamitaktik angesagt: Anfang 2017 telefonieren der damalige Head AML Desk, Krulls direkter Vorgesetzer und der Venezuela-Banker miteinander. Man berät, was mit jenen Venezuela-Kunden zu tun sei, welche ins Fadenkreuz der US-Strafverfolger geraten sind. Es wird entschieden, dass die Bank deren Firmenkonti schliesst, aber ihre privaten Konti weiterführt.

Liquide Finanzmittel der Julius Bär beschlagnahmt

Zu diesem Entscheid passt die Aussage der Finma, wonach die Geldwäschereirisiken «in einigen Fällen zwar erkannt und auch thematisiert, von den zuständigen Stellen aber nicht konsequent angegangen» wurden. Zudem habe sich der Beginn einer «bereits im Jahr 2016 beschlossenen bankinternen Aufarbeitung des PDVSA-Falls» um fast anderthalb Jahre verzögert. Erst 2018 habe die Bank «längst fällige operationelle und personelle Massnahmen in ihrem Venezuela-Geschäft konsequent» umgesetzt. Nur wenige Monate, nachdem die Bank sich von Krull trennt, wird er im Sommer 2018 am Flughafen Miami verhaftet. Die «Operation Money Flight» läuft an. Die US-Justiz verurteilt Krull bereits im darauffolgenden Herbst zu zehn Jahren Gefängnis. Nicht als Geldwäscher, sondern als Geldwäschekonspirator: Er soll PDVSA-Strohmänner wie Francisco Convit Guruceaga zur Bank Bär geschleust haben. Guruceaga wurde mittlerweile wegen Geldwäsche verurteilt. Über 700 Bär-Konten sollen einen Bezug zu Krull gehabt haben, der zwischenzeitlich bis zu 1 Milliarde Franken an Vermögen betreute.

Trotz Schuldspruch gewähren die US-Strafverfolger dem Ex-Bär-Banker bislang Haftaufschub, wie Gerichtsdokumente zeigen. Krull lebt mit elektronischer Fussfessel in Florida und geht nun gegen seinen ehemaligen Arbeitgeber vor. Für die Bank ist die Angelegenheit unangenehm. Sie kann ihr Venezuela-Office nicht schliessen, solange ein Verfahren läuft. Gleichzeitig will das Gericht in Caracas als Faustpfand liquide Finanzmittel der Bank via Amtshilfe in den USA beschlagnahmen lassen.

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Retail Banken – Anlegen statt sparen

Retail Banken Raiffeisen, Postfinance und Co. lancieren digitale Anlagelösungen für Kleinkunden. Die Hintergründe zur Offensive in der Vermögensverwaltung.

Heinz Huber macht keinen Hehl aus seinen Ambitionen in der Vermögensverwaltung: «Das Potenzial ist gross. Wir haben viele Sparer, aber wenige Anleger», sagt der Chef der Raiffeisen-Gruppe. Das Anlagegeschäft sei daher ein Gegenstand der Gruppenstrategie, die mit den Raiffeisenbanken diskutiert werde. Auch um die Abhängigkeit vom Zinsdifferenzgeschäft zu reduzieren. Im Hypothekargeschäft steht die Bank mittlerweile deutlich auf der Bremse. Im Gegenzug sollen die Anlagen wachsen, auch dank digitalen Lösungen.

«Wir werden ab Sommer eine digitale Vermögensverwaltung für unsere 3,5 Millionen Kundinnen und Kunden lancieren», kündigt Huber an. Das Angebot ab einem Mindestbetrag von 5000 Franken basiere auf der Technologie der Volt-App von Vontobel. Angelegt werden soll themenbasiert, und zwar mittels ETF möglichst kostengünstig. Das Anlage-Know- how stellt die Genossenschaftsbank selber. «Wir haben eigens ein Investment Office aufgebaut.» Die ersten Resultate der Vermögensoffensive zeigen sich bereits: Raiffeisen konnte im Geschäftsjahr 2019 ihre Verwaltungsmandate vervierfachen, wenngleich auf tiefer Basis. Und auch das Fondsgeschäft wuchs zweistellig.

Postfinance startet elektronische Vermögensverwaltung

Nicht nur die Genossenschaftsbank drückt ins Anlagegeschäft. Auch die Postfinance mit ihren 2,7 Millionen Kunden steht in den Startlöchern. Endlich, denn das Projekt dafür läuft schon seit Jahren: «Wir haben auf der grünen Wiese ein digitales Anlagegeschäft entwickelt, das wir in der ersten Maihälfte lancieren», sagt Daniel Mewes, Leiter Investment Solutions. Das «Flagship Product», erklärt Mewes, werde eine elektronische Vermögensverwaltung sein. Diese könne der Postfinance-Kunde aus seinem E-Banking volldigital mandatieren: «Das Onboarding wird im Schnitt keine zehn Minuten dauern.»

Ab einem Betrag von 5000 Franken sollen drei Anlagethemen – global, national, nachhaltig – zur Auswahl stehen, denen jeweils fünf Risikoprofile hinterlegt sind. Die Portfolios basieren auf ETF, passiven und aktiven Fonds. «Alles Best-in-class-Produkte ohne Retrozessionen», betont Mewes, der gleichzeitig dem Anlageausschuss der Postfinance vorsteht.

Auch die Staatsbank wird mit ihrem Digitalangebot keine vollautomatische Robo-Lösung lancieren. Vielmehr befindet ein Anlageausschuss über die Vermögensallokation. Die Vermögensverwaltung der Postfinance soll zwischen 0,75 und 0,95 Prozent der Anlagesumme kosten. Dazu kommen die Produktkosten von ETF und Fonds. Wer kein Mandatsverhältnis möchte, dem bietet die Postfinance auch eine Anlageberatung auf Basis von ausgewählten ETF und Fonds an. Oder ein «Execution only»-Angebot, also ein Wertschriftendepot, in Partnerschaft mit dem Brokerhaus Swissquote.

Für die Postfinance bedeutet die Vermögensverwaltung Neuland: «Wir müssen unsere Statuten anpassen. Sie sehen bislang gar kein Anlagegeschäft vor», sagt Mewes. Anschliessend braucht es eine Bewilligung der Finma. Diese sollte bis im Frühjahr vorliegen. Doch Mewes dämpft die Erwartung, obwohl Postfinance-Privatkunden 60 Milliarden Franken an Barmitteln bei der Staatsbank halten. «Wir sehen Wachstum, aber die Rückgänge im Zinsdifferenzgeschäft werden wir mit dem digitalen Anlagegeschäft bis auf weiteres nicht kompensieren können.»

Swissquote senkt Robo-Erwartungen

Mewes Einschätzung deckt sich mit den Erfahrungen von Swissquote-CEO Marc Bürki: Die vor einigen Jahren lancierten Robo-Anlageberatungen hätten die Erwartungen nicht ganz erfüllt. Einst versprach sich Swissquote, bis Ende 2020 1 Milliarde Franken vollautomatisch verwalten zu können. Von diesem Ziel sei man weit entfernt. «Wir rechnen derzeit mit etwa 400 Millionen.» Einerseits habe die gute Börsenstimmung nicht gerade geholfen, Anleger von Robos zu überzeugen. «Mit einem simplen SMI-Zertifikat konnte man in den letzten Jahren mehr verdienen als mit einem intelligenten Robo, der vernünftig investiert und nicht immer volles Risiko fährt», sagt Bürki. Mit Spannung erwartet er die Ergebnisse der Roboter, sollte die Börsenstimmung mal kippen.

Gleichzeitig habe Swissquote mit dem eigenen Produkt auch Fehler gemacht: «Unser Robo war zu kompliziert. Komplexität sollte eine Möglichkeit sein, nicht eine Grundvoraussetzung.» Man arbeite daher an einem einfacheren Produkt. «Das Investieren sollte so einfach sein wie der Kauf eines Anlagefonds.» Entwicklungspotenzial sieht Marc Bürki vor allem im Bereich der digitalen Finanzplanung. «Ehrlich gesagt funktioniert das bei den meisten Banken noch nicht», konstatiert er. Aber alle arbeiteten daran.

Banken Branche von Erfolg der Säule-3a-Apps überrascht

In der Branche zu reden gab vor allem der Start der Säule-3a-App Viac, an der die WIR Bank beteiligt ist. Mit wenigen Klicks können Viac-Kunden ein vollautomatisches Wertschriftendepot einrichten. Vor zweieinhalb Jahren lanciert, zählt Viac inzwischen 23 700 Kundinnen und Kunden und verwaltet knapp 400 Millionen Franken. Inzwischen hat auch die Zürcher Kantonalbank ZKB mit Frankly eine Säule-3a-App lanciert.

Bankenexperte Andreas Dietrich von der Hochschule Luzern geht davon aus, dass viele Banken die Vorsorge automatisieren. Auch weil dort die Hürden tiefer seien, auf vollautomatische Lösungen zu setzen. Für die Anlage von jährlich bis zu 6000 Franken verzichteten die Bankkunden eher auf ein Beratungsgespräch, als wenn es um Beträge im fünf- bis sechsstelligen Bereich gehe. «3a ist daher ein No-Brainer, wenn es um digitale Anlagelösungen geht.» Manch eine Bank sei derzeit in Gesprächen, um Lösungen wie Viac einzulizenzieren.

Auch Nourdine Abderrahmane vom Beratungsunternehmen Capco beobachtet, dass viele Banken im Bereich der dritten Säule nach neuen Lösungen suchen. «Es gibt grosses Interesse, das Modell Viac zu kopieren.» Dabei sieht er primär ganz traditionelle Gründe für den Erfolg der Vorsorge-App: Eine Umfrage zeige, dass Viac-Kunden sich vor allem wegen der Möglichkeit, in Aktien anlegen zu können, und wegen der tiefen Gebühren für die Lösung entscheiden. Eigentlich sei es naheliegend, dass Banken mit eigenem Asset Management solche Digitalkanäle aufbauten, sagt Abderrahmane. Allerdings stünden bei grossen Banken nicht selten interne Interessenkonflikte im Wege. «Es ist vielleicht kein Zufall, dass kleine Banken derzeit eher mit solchen Versuchen auffallen.»Banken nicht mehr State of the Art

Mit Technologieunternehmen wie Apple und Samsung mitzuhalten

Die Banken hätten mittlerweile erkannt, dass ihre Angebote nicht mehr State of the Art seien, erklärt Capco-Berater Abderrahmane. «Sie haben Mühe, auch nur halbwegs mit Technologieunternehmen wie Apple oder Samsung mitzuhalten.» Auch sei erkannt, dass eine App ein anderes Management erfordere als eine Filiale. Noch weniger verbreitet sei indes die Erkenntnis, dass die Produkte nicht nur digitalisiert, sondern auch grundsätzlich verändert werden müssten. «Wollen die Bankkunden heute immer noch Paketlösungen oder gibt es nicht auch Bankkunden, die sich die Kreditkarte lieber woanders besorgen?» Man sei gespannt, ob sich die Banken auch an solche Grundsatzfragen getrauten, sagt der Berater.

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Big Brother in der Bank

Finanzplatz Das Bespitzeln von Schlüsselpersonen ist die Norm in der Bank. Die Grenze zwischen dem Schutz der Firmeninteressen und Rechtsmissbrauch ist fliessend.

Es ist der wichtigste Event für die Grossbank Credit Suisse im Fernen Osten: die alljährliche Asian Investment Conference (AIC) im Luxushotel Conrad in Hongkong. Das Stelldichein der Topreferenten aus Politik und Wirtschaft – von Nicolas Sarkozy bis Janet Yellen – war letzten März Schauplatz eines Thrillers. Die Zielperson: Iqbal Khan, damaliger Leiter der CS-Vermögensverwaltung. Doch die von der Bank angeordnete Beschattung in Central Hong Kong sei fehlgeschlagen, verlautet aus zuverlässigen Quellen. Die lokal angeheuerten Detektive hätten Khan aus den Augen verloren. Übungsabbruch.

Die Episode aus dem «Spygate» um den ehemaligen CS-Banker Khan ist kein Einzelfall. Beschatten, prüfen, kontrollieren: Banking ist ein sensibles Geschäft, die Kundenbeziehung zentral, Vertraulichkeit ein wichtiger Eckpfeiler. Und es gibt eine Finma, die für die Einhaltung der Regeln sorgt. «Die Banken müssen überwachen, weil es ihnen nicht gelingt, loyale Mitarbeitende zu gewinnen», sagt der Arbeitsrechtler Martin Farner. In anderen Branchen gebe es solche Praktiken kaum.

Überwachung in der Bank ist die Norm

Gerade wenn ein Leistungsträger mit dem Gedanken spielt, die Bank bald zu verlassen, fahren die Institute ihre Tentakel aus. Bei monatelanger Freistellung sei eine enge Überwachung die Norm, sagt ein bekannter Bankenjurist. Das Stichwort lautet Garden Leave. Es ist jene Zeit zwischen zwei Anstellungen, wenn der Banker noch von der alten Arbeitgeberin entlöhnt wird, aber nicht mehr ins Büro kommt.

Der Bankenjurist zählt vier Beschattungsmotive auf: «Es geht um Geld, die Abwerbung von Arbeitskollegen oder die Gefahr, dass der Banker Kunden oder Kundendaten zum neuen Arbeitgeber mitnimmt.»

Zum Standardrepertoire der Schnüffler gehört die Spurensuche im Internet: Geprüft wird, welche Daten ein Kundenberater oder ein Investmentbanker kopiert, runtergeladen oder sich zugeschickt hat. Zu reden gab eine Story von einem Banker, der im Garden Leave Daten vom alten Arbeitgeber dem künftigen elektronisch übermittelte. Anschliessend meldete dieser dem alten Arbeitgeber den Posteingang. Es war eine Flucht nach vorn, denn wer Daten, die aus einer anderen Bank stammen, verwertet, läuft Gefahr, ins Visier der Aufsicht zu geraten. Der Stellenwechsel gab zu reden – und kam nicht zustande.

Statt zu beschatten, könnte ein längeres Konkurrenzverbot Abhilfe schaffen. Theoretisch. Denn Arbeitsrechtler Farner winkt ab: Die Gerichte kämen vermehrt zum Schluss, dass Konkurrenzverbote nicht statthaft seien. «Sie gehen zunehmend davon aus, dass der Erfolg eines Beraters auf seinen Fähigkeiten beruht und nicht auf den Einblick in einen Kundenkreis.»

Anspruch auf Salär verloren

Doch auch ohne explizites Konkurrenzverbot: «Banker im Garden Leave befinden sich in einem Zielkonflikt», sagt ein Headhunter für Financial Services: Geschäftsanbahnende Kontakte mit ehemaligen Kunden seien grundsätzlich nicht erlaubt, informelle aber schon. Doch die Grenze ist fliessend und schwierig zu kontrollieren.

Umgekehrt lastet ein wirtschaftlicher Druck auf den Bankern: «Bei einem Wechsel ist für die neue Arbeitgeberin zentral, welches Geschäftsvolumen der Berater bringt», weiss Arbeitsrechtler Farner. Zuweilen übernimmt die neue Arbeitgeberin gar den verfallenden Bonus des Bankers als Antrittsgeld; dieser geht bei Topleuten in die Millionen. Es sind also heikle Gratwanderungen, welche die Involvierten bei einem Stellenwechsel vollführen.

Streit über Verdächtigungen und gestrichene Boni enden nicht selten vor dem Arbeitsgericht. Gerade bei verdeckten Ermittlungen. Was es zu bedenken gibt: «Eine verdeckte Beschattung des Arbeitnehmers ist nicht erlaubt», hält Silvia Böhlen, Sprecherin des Eidgenössischen Datenschutzund Öffentlichkeitsbeauftragte, fest. Denn solche Aktionen wären ein Verstoss gegen Treu und Glauben im Arbeitsverhältnis. In der Rechtspraxis gilt das Verhältnismässigkeitsprinzip. Besteht ein hinreichend schwerwiegender Verdacht, etwa auf Verletzung des Bankgeheimnisses, überwiegt dieses die Persönlichkeitsverletzung des Angestellten. Allerdings ist nicht von vorneherein klar, ob das Beweismaterial aus der Beschattung in einem Rechtsstreit überhaupt verwendet werden darf.

Beschattung ist ein Drahtseilakt

Unter Datenschützern und Juristen gilt ein Bundesgerichtsurteil vom letzten September als Leitentscheid. Darin heben die Bundesrichter in Lausanne die Verurteilung einer Autofahrerin auf. Sie wurde von einem Bezirksgericht wegen Verkehrsdelikten schuldig gesprochen. Als Beweis galt die Aufnahme der Fahrzeugkamera (Dashcam) eines anderen Automobilisten. Das Bundesgericht erachtete das Beweismittel jedoch als rechtswidrig, weil es sich um eine «heimliche Datenverarbeitung» handelte. «Das Dashcam-Urteil verschärft die Hürden für Beweismittel aus Beschattungen erheblich», sagt ein Züricher Strafrechtler.

Für Banken ist die Beschattung in jedem Fall also ein rechtlicher Drahtseilakt. Bisweilen existieren interne Gremien, die darüber befinden müssen. Angeblich soll bei der Credit Suisse früher der Verwaltungsrat zuständig gewesen sein. Unter der Führung von CS-Konzernleiter Tidjane Thiam hat sich Pierre-Olivier Bouée, sein Operativchef, um die Überwachungsaufträge gekümmert. Dieser hat offenbar dem CS-Sicherheitsdienst Kontrollaufträge mit den Zielpersonen Iqbal Khan, Privatbanker, und Peter Goerke, HR-Chef, erteilt. Das Auffliegen jener aggressiven Überwachungspraktiken hat die Bank in eine Führungskrise gestürzt.

Stundenlang zum Sachverhalt in der Bank befragt

Doch allzu neu scheint die Praxis des forschen Vorgehens nicht zu sein. Bereits 2017 hat Colleen Graham, ehemalige CS-Compliance-Chefin der Region Americas, die Bank in den USA verklagt. Ihr Vorwurf: Die Bank habe sie in Manhattan beschatten lassen. Gemäss einem Bloomberg-Bericht soll die Wirtschaftskanzlei Homburger Graham im Auftrag der CS jüngst stundenlang zum Sachverhalt befragt haben.

Laut einer gut unterrichteten Quelle soll auch die ehemalige Topbankerin Pamela Thomas-Graham einst observiert worden sein. Das war noch vor der Zeit des militärisch geschulten Pierre-Olivier Bouée – einem Offizier a. D. der französischen Marine, der es unter Thiam zum zweiten Mann der Credit Suisse brachte.

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Pierre-Olivier Bouée – Comeback eines Phantoms

Pierre-Olivier Bouée Der geschasste Operativchef der Credit Suisse hat wegen der Affäre Khan alles verloren. Nun lanciert er seinen Kampf um Geld und Ehre.

Im holzgetäferten Verwaltungsratssaal der Credit Suisse war die Stimmung gelöst. Die Alumni der Pariser Wirtschaftsuniversität Haute Études Commerciales (HEC) zeigten sich nach dem Rundgang durch den Hauptsitz der Grossbank am Zürcher Paradeplatz tief beeindruckt – hier ein funkelnder Kronleuchter, dort eine vergoldete Wanduhr, dazu Ölgemälde und Marmor. Möglich gemacht hatte den Hausbesuch Pierre-Olivier Bouée, selber Absolvent der französischen Eliteschule HEC. Zum Gruppenfoto drapierten sich die zwei Dutzend Besucher um den runden Holztisch, doch Gastgeber Bouée drängte nicht in die Fotomitte, sondern verzog sich dorthin, wo es ihm am besten behagt – kaum sichtbar in den Hintergrund.

Das Verhalten ist typisch für Pierre-Olivier Bouée. So absolvierte der gebürtige Pariser nicht nur den HEC-Besuch, so agierte er auch in seinen fünf Jahren bei der Credit Suisse: Bouée ist schwer zu fassen, aber zieht aus dem Off geschickt die Fäden. 2015 begann er als Stabs- und Operativchef bei der CS. Im Dezember 2019 trat er ab. Unfreiwillig.

Zunächst einigte sich Bouée mit der Credit Suisse

Die rechte Hand von Konzernchef Tidjane Thiam musste die Credit Suisse verlassen, weil er das Konzernleitungsmitglied Iqbal Khan sechs Tage lang heimlich durch eine Privatdetektei hatte beschatten lassen. Eine Untersuchung durch die Wirtschaftskanzlei Homburger hatte im Nachgang ergeben, dass es Bouée war, der den Auftrag zum Ausspionieren erteilt hatte. Der COO übernahm die Verantwortung für die missglückte Beschattung und trat zurück. Mit der Bank einigte er sich vorerst gütlich über die Austrittsmodalitäten. Die «Spygate»-Affäre schien für ihn ausgestanden.

Doch einige Wochen nach seinem angekündigten Rücktritt im Oktober wurde Bouées zweiter Überwachungsauftrag ruchbar: Im Frühjahr 2019 hatte er auch den damalige HR-Chef, Peter Goerke, beschatten lassen. Diesen Auftrag hatte Bouée bei der Befragung durch die Homburger-Anwälte im Herbst verheimlicht. Mittlerweile ist gar von einem dritten Auftrag in Asien mit der Zielperson Iqbal Khan die Rede, als der noch als oberster CS-Vermögensverwalter arbeitete. Die Beschattung im Frühling soll gescheitert sein.

Wie auch immer. Für CS-Präsident Urs Rohner war kurz vor Weihnachten das Mass voll: Als «inakzeptabel und völlig unangemessen» bezeichnete Jurist Rohner die Beschattungsaktion und entliess Bouée fristlos. Der Thiam-Intimus war damit nicht nur seinen Job per sofort los, sondern auch seine aufgelaufenen Aktienoptionen im Wert von rund 4 Millionen Franken, seine Kündigungsfrist von einem Jahr und eine Bonuszahlung. Die kumulierte Schadenssumme dürfte damit für ihn gut und gerne 6 bis 7 Millionen Franken betragen. Kein Pappenstiel. Zumal er und seine Frau erst vor wenigen Monaten ein Strandhaus an Toplage in der bretonischen Sonnenstube Carnac erworben haben.

Bouée mandatiert nun Anwalt und PR-Mann

Doch nun rappelt sich Bouée auf und will um Geld und Ehre kämpfen. Er hofft insgeheim auf die Finanzmarktaufsicht Finma, die seit Dezember die «Beschattungsaffäre» akribisch aufarbeitet. In einigen Wochen dürfte deren Untersuchungsbericht vorliegen. Unter Juristen ist schon jetzt klar: Findet die Aufsicht keine Beweise, die Bouée entlasten, geht seine Karriere in der Schweizer Finanzwelt abrupt zu Ende. Im schlimmsten Fall droht ihm gar der Gewährsentzug, also ein zeitlich begrenztes Verbot für eine Geschäftstätigkeit im regulierten Finanzbereich. Dann nämlich, wenn sich der Verdacht erhärten sollte, dass Bouée bewusst Beweise für die Beschattungsaktionen hat verschleiern oder gar verschwinden lassen.

Kommt der Prüfbeauftrage der Finma jedoch zum Schluss, Bouée habe verhältnismässig und im Interesse der Bank gehandelt, kann der geschasste Spitzenbanker auf eine Teilrehabilitation hoffen. Seine fristlose Kündigung wäre dann womöglich missbräuchlich gewesen. In diesem Fall dürfte Bouée den Kampf vor Arbeitsgericht gegen die Credit Suisse wagen. Der ehemalige McKinsey-Berater bringt sich schon mal in Stellung: Er hat einen namhaften PR-Berater und einen bekannten Wirtschaftsanwalt engagiert.

Diesen rechtlichen und kommunikativen Support kann Bouée gut gebrauchen. Denn sein beruflicher Absturz sucht seinesgleichen. Galt der 49-jährige Manager doch bis vor kurzem als engster Vertrauter von Konzernchef Tidjane Thiam. Spätestens seit der gemeinsamen Zeit bei McKinsey in Paris zur Jahrtausendwende war Bouées Berufskarriere im Schlepptau des polyglotten Franko-Ivorers erfolgt. Ob bei Aviva, Prudential oder bei der Credit Suisse – auf TT folgte stets POB.

Bouée hat in Frankreichs Marine gedient

Aus dem langjährigen, sehr engen Vertrauensverhältnis resultierte eine entsprechend weitreichende Machtbefugnis des Franzosen. Während Thiam sich vom operativen Geschäft fernhielt und in der Credit Suisse kaum visibel war, fungierte Bouée als dessen stets loyaler Erster Offizier: Er war omnipräsent, gab die Direktiven und überprüfte ihre Durchsetzung konsequent. Geprägt war sein Führungsstil durch seine Jahre in der französischen Marine, wo er es Mitte der neunziger Jahre zum Offizier gebracht hatte. Intern zeigte er gerne Bilder, die ihn in steif gebügelter Uniform auf Kriegsschiffen präsentierten.

Militärisch-hierarchisch war Bouées Umgang auch bankintern. Als er 2015, zusammen mit Konzernchef Thiam, bei der Credit Suisse anfing, schickten ihm Mitarbeitende ein herzliches Willkommens-Mail. Statt darauf zu antworten, verbarrikadierte sich Bouée über Wochen in seinem Büro. Kontakt unerwünscht. Ausser mit Prudential-Weggefährten wie John Murray, der zuvor Kommunikationschef des britischen Versicherers gewesen war und der ebenfalls zur Grossbank gewechselt hatte.

Bouées grösstes Verdienst war, sagen seine Weggefährten, mit welcher Konsequenz er das harte Sparprogramm der letzten drei Jahre durchdrückte. So gelang es der Grossbank, die Kosten um 4 Milliarden Franken zu senken und wieder in die Gewinnzone zu bringen. Er war es, der Thiams Direktive («Never miss a cost target») auf den Boden brachte und damit die Basis für den Turnaround schuf. Doch so erfolgreich Bouée operativ war, so opak waren die Entscheidungswege. Die Rede ist von einer Trutzburg oder einem Machtkartell, das aus Thiam, Bouée und dem ehemaligen CS-Personalchef Peter Goerke bestand. Alle drei kannten sich seit Jahrzehnten. Besonders vertraulich war das Verhältnis zwischen Thiam und Bouée. Doch die verschworene Dreier-Combo bekam Anfang 2019 Risse. Offenbar gerieten sich Goerke und Bouée über Finanzielles in die Haare. Schliesslich eröffnete Konzernchef Thiam Goerke bei einem Mittagessen Mitte Februar, dass er im Zuge einer Reorganisation aus der Geschäftsleitung ausscheiden und mit einem wohlbestallten Rekrutierungsmandat in Asien betraut werde.

Widerspruch ist nicht geduldet

Tage später setzte Operativchef Bouée eine Detektei auch auf den entmachteten Goerke an, wie die NZZ im Dezember enthüllte. Es sollte diese klandestine Überwachungsaktion sein, die den mächtigen Bouée Karriere und Millionen kosten sollte. Goerke flog damals nach Birmingham, wo er in einer Mechanikerwerkstatt die Arbeiten an seinem Oldtimer-Sportwagen überwachen wollte.

Überhaupt war der Führungsstil, der unter Thiam und Bouée in der Grossbank galt, für Schweizer Verhältnisse gewöhnungsbedürftig. Entschieden wurde im engsten Kreis, Kritik war unerwünscht, rasche Umsetzung gefordert. Selbst Geschäftsleitungsmitgliedern blieb nur ein eng begrenzter Spielraum. Eine verschworene Parallelorganisation hatte die Führung der Bank übernommen.

Wer sich wie Iqbal Khan, Chef der internationalen Vermögensverwaltung, Gegenrede oder gar einen kessen Spruch leistete («Man hat mir den Restposten übergeben, aber wir haben was draus gemacht»), galt als illoyal und wurde an die kurze Leine genommen. Bereits nach einem Khan-Portrait in der «Handelszeitung» Anfang 2017 – Titel: «Immer Vollgas» – wurden seine Journalistenkontakte von oben auf ein Minimum beschränkt. Damit bahnte sich das Ende des anfänglich von Respekt geprägten Verhältnisses zwischen den beiden hochambitionierten Alpha-Bankern Thiam und Khan an, das schliesslich in einem wüsten Nachbarstreit inklusive Überwachungsoperation durch Bouée endete.

Zum vertraulichen Gespräche geben sie die Mobiltelefone ab

Überwachen, kontrollieren – das waren Methoden, die dem Marine-Leutnant, der es bis fast an die Spitze eines Global Players der Finanzwelt brachte, keineswegs fremd waren. Bouée war als Chief Operating Officer auch die IT und damit der Mail-Verkehr, die Badges und der Handy-Einsatz aller CS-Mitarbeitenden zugeteilt – ein reizvoller Fundus. So soll im eskalierenden Streit mit Khan auch die elektronische Kommunikation seiner Entourage überwacht worden sein, sagen mehrere Quellen. Selbst im Umfeld von VR-Präsident Rohner versuchten Bouées Leute, ganz im Stil einer Aufklärungstruppe, an Informationen aus dem Banken- Überwachungsorgan zu kommen. Man wähnte sich in CIA-Manier fast wie in Langley, Virginia: Es galt stets höchste Geheimhaltungsstufe. Trafen sich Thiam und Bouvée zum vertraulichen Gespräch, wurden die Mobiltelefone vorsichtshalber draussen im Sekretariat deponiert.

Der smarte Bouée wusste stets, was er wollte, seine Voten in Sitzungen zeugten von Detailwissen aus der Finanzbranche. Seine Worte hatten Gewicht; sein Spruch «Ich möchte nicht kritisieren, sondern nur sagen, wie ich es sehe» war intern legendär. Man hat es so verstanden, wie es zweifellos gemeint war – als Befehl.

Nach zwanzig gemeinsamen Berufsjahren loyal

Gehorsam verlangte Bouée nicht nur von seinen Mitarbeitenden. Gehorsam verhielt er sich auch gegenüber seinem grossen Mentor und Vertrauten Tidjane Thiam. Selbst als dieser Ende Oktober erstmals zu «Spygate» Stellung nahm und sich von seinem Compagnon Bouée öffentlich distanzierte. «Ich bin mir nicht sicher, ob man ihn als Freund bezeichnen kann», liess Thiam die Journalisten wissen.

Immerhin attestierte ihm der CS-Chef, dass seine Nummer zwei ein «guter Berufsmann» sei. Wohl wissend, dass dieser sich nach zwanzig gemeinsamen Berufsjahren loyal verhalten wird. Denn ein Offizier stellt auch im Krisenfall seinen Kapitän niemals infrage. Niemals.