Kategorien
Beitrag Handelszeitung

Zoff im Ländle

Remo Stoffel Der Immobilieninvestor schuldet seinem Ex-Partner 6,7 Millionen Franken. Das Urteil in Liechtenstein ist rechtskräftig, nun läuft die Vollstreckung.

Anfang Oktober fand im Saal 1 des Fürstlichen Landgerichts in Vaduz eine Versteigerung der besonderen Art statt. Unter den Hammer kamen 98 Prozent der Aktien der Mondial Partners Holding. Eine Gesellschaft, die mehrheitlich im Besitz von Remo Stoffel ist. Der Schätzwert der Aktien betrug 49 000 Franken, wie aus dem öffentlich publizierten „Versteigerungsedikt“ hervorgeht.

Hintergrund der Versteigerung ist ein in Liechtenstein rechtskräftiger Zahlbefehl gegen Remo Stoffel in der Höhe von 6,72 Millionen Franken. Diesen Betrag schuldet der Bündner Immobilieninvestor seinem früheren Geschäftspartner, dem Ex-Metro-Manager Hannjörg Hereth. „Stoffel weigert sich standhaft, die rechtskräftig geschuldete Summe zu bezahlen“, sagt der Liechtensteiner Anwalt Robert Neudorfer, welcher Hannjörg Hereth vertritt. Nun versucht Neudorfer mittels Vollstreckungsverfahren den Millionenbetrag einzutreiben, indem er die Liechtensteiner Assets des Bündner Immobilieninvestors verwerten lässt.

Remo Stoffel verweist in einer schriftlichen Stellungnahme auf ein Urteil eines Schweizer Schiedsgerichts aus dem Jahre 2012: Das Gericht hatte damals die Vorwürfe Hannjörg Hereths abgewiesen. Hereth musste Remo Stoffel mit 1 Million Franken „ausseramtlich“ entschädigen, wie es in der Stellungnahme heisst. „Aufgrund dieser Situation hat Remo Stoffel gar nicht im Sinn, auf die erneut vorgetragenen, alten Vorwürfe Herrn Hereths einzutreten“, sagt Stoffels PR-Berater Peter Hartmeier. Wenn Herr Hereth glaube, Forderungen stellen zu können, solle er dies an Ort und Stelle des Unternehmens in der Schweiz versuchen und nicht im Fürstentum Liechtenstein.

Langjähriger Rechtsstreit

Die nun erfolgte Versteigerung der Mondial Partners Holding markiert die jüngste Episode in einem seit Jahren schwelenden Rechtsstreit zwischen Remo Stoffel und seinem ehemaligen Geschäftspartner Hereth. Gemeinsam kauften die beiden die Swissair-Immobilien-Tochter Avireal und zerstritten sich ob dem Deal. Nach einem wüsten Rechtsstreit stimmte Hereth schliesslich 2008 einem Entflechtungsvertrag zu, der Stoffel – gemäss Anwalt Neudorfer – zu einer Zahlung in der Höhe von 45,5 Millionen Franken verpflichtete. Im Gegenzug schied der Ex-Metro-Manager Hereth aus der Avireal-Gruppe aus.

Doch Stoffel zahlte einen Teilbetrag der vertraglich geschuldeten Summe erst mit über zweijähriger Verspätung, so der Anwalt. Wodurch Verzugszinsen in der Höhe von rund 6 Millionen Franken aufliefen. Hinzu kämen Verfahrenskosten, die sich mittlerweile auf gegen 800 000 Franken summierten.

Weil Stoffel nicht – wie vereinbart – fristgerecht zahlte, klagte Hereth die aufgelaufenen Verzugszinsen samt Verfahrenskosten im Ländle ein und bekam durch alle dortigen Gerichtsinstanzen Recht: Das Fürstliche Landgericht entschied zugunsten Hereths. Ebenso das Fürstliche Obergericht wie auch der Fürstliche Oberste Gerichtshof.

Schliesslich rief der Bündner Immobilieninvestor vor gut zweieinhalb Jahren den Staatsgerichtshof des Fürstentum Liechtenstein an wegen „Verletzung verfassungsmässig und durch die Europäische Menschenrechtskonvention gewährleisteter Rechte“ durch den Entscheid des Obersten Gerichtshofs. Doch die höchsten Verfassungsrichter im Ländle wiesen Stoffels Individualbeschwerde ab.

Allerdings ist das Exekutionsverfahren für die Vermögenswerte von Remo Stoffel in Liechtenstein ein schwieriges Unterfangen. „Die Mondial Partners Holding ist inzwischen infolge Konkurses gelöscht“, sagt Robert Neudorfer. Was heute gemäss Fürstlichem Landgericht einen Schätzwert von 49 000 Franken hat, soll dereinst 2006 einen Vermögenswert von „mindestens 10 Millionen oder gar 200 Millionen“ – je nach Bilanz – gehabt haben. Dies zumindest behauptet der Rechtsanwalt von Hannjörg Hereth. Seit 2008 galt ein gerichtliches „Sicherungsgebot“, wie der Parteienvertreter betont. Es untersagte den Mondial-Organen, Entscheide zu treffen, welche Hereths Millionenforderung hätte erschweren oder vereiteln können.

Stoffel beziehungsweise sein Sprecher Peter Hartmeier will zu den Vorkommnissen rund um die Mondial Partners Holding keine Stellung nehmen.

Eigentümerschaft unklar

Bei einer zweiten Liechtensteiner Gesellschaft, wo noch etwas zu holen wäre, gestaltet sich die Sachlage noch verzwickter. Hereth beziehungsweise sein Anwalt Neudorfer zählt eine Anstalt namens Herafina zur stoffelschen Verwertungsmasse. Doch nun hat sich eine Stiftung namens Lactina gemeldet, welche geltend macht, die Besitzerin der Herafina zu sein – und nicht der Bündner Unternehmer Remo Stoffel. Die Lactina-Stiftung hat nun gegen Hannjörg Hereth geklagt, er möge Herafina aus der stoffelschen Verwertungsmasse herauslösen. Zur Rolle der Lactina-Stiftung beziehungsweise zur Eigentümerschaft der Herafina-Anstalt nimmt Stoffel-Sprecher Peter Hartmeier keine Stellung.

Rechtsanwalt Neudorfer ist indes überzeugt, dass hinter der Lactina-Stiftung ebenfalls Remo Stoffel beziehungsweise seine Getreuen stecken. Der Vaduzer Anwalt arbeitet derzeit an einer Antwort auf die Klage der Lactina-Stiftung. Der juristische Zermürbungskrieg im Ländle geht in die nächste Runde.

Kategorien
Beitrag Handelszeitung

Ungemach im Unterland

Remo Stoffel Der Immobilienunternehmer hat eine Anzeige wegen Steuerbetrugs am Hals. Eingereicht hat sie das Zürcher Steueramt.

Ende Oktober hat das Steueramt des Kantons Zürich eine Strafanzeige wegen Steuerbetrugs gegen den Valser Immobilienunternehmer und Eigner der Priora-Gruppe, Remo Stoffel, eingereicht. „Die Anzeige ist bei der Oberstaatsanwaltschaft eingegangen“, bestätigt Medienbeauftragte Corinne Bouvard die Recherchen der „Handelszeitung“. Das Verfahren wegen Steuerbetrugs werde durch die Staatsanwaltschaft III geführt. Sie gilt als eine der bedeutendsten Untersuchungsbehörden der Schweiz für komplexe Wirtschaftsdelikte und hat grosse Fälle wie das Swissair-Grounding oder die Erb-Pleite bearbeitet.

Die Anzeige durch den kantonalen Fiskus lässt aufhorchen. Der Straftatbestand des Steuerbetrugs setzt nämlich eine Täuschungsabsicht über steuerrelevante Tatsachen voraus, bei der gefälschte, verfälschte oder inhaltlich unwahre Dokumente gegenüber den Behörden eingereicht werden. Steuerbetrug wird mit Bussen, Geldstrafen oder Freiheitsentzug von bis zu drei Jahren geahndet. Zusätzlich zum Strafmass sind bei einer Verurteilung die hinterzogenen Steuern samt aufgelaufenen Verzugszinsen nachzuzahlen.

Der nun erstatteten Anzeige durch das Zürcher Steueramt gingen umfangreiche Strafuntersuchungen der Eidgenössischen Steuerverwaltung ESTV voraus. Gestützt auf 800 Bundesordner mit Ermittlungsakten hat die ESTV einen Untersuchungsbericht verfasst und diesen an die Steuerämter als betroffene Parteien und mutmassliche Gläubiger weitergereicht.

Die ESTV wie auch die kantonale Steuerbehörde Zürich äussern sich zum konkreten Fall nicht und verweisen auf das Steuergeheimnis. Remo Stoffel weilt derzeit in Dubai und lässt über seinen PR-Berater Peter Hartmeier ausrichten: „Wir haben keine Kenntnisse von einer Strafanzeige und können deshalb nicht Stellung nehmen.“ Es gilt die Unschuldsvermutung.

Faustpfand für den Staat

Die jetzt erfolgte Anzeige hat eine komplexe und lange Vorgeschichte. Immobilienunternehmer Stoffel liegt schon seit Jahren im Clinch mit den Steuerbehörden. Auslöser war einst die Übernahme der Swissair-Immobilien-Tochter Avireal – der heutigen Priora – im Jahre 2005. Die umstrittene Transaktion und ihre fiskalischen Folgen sorgen bis in die Gegenwart für juristische Querelen.

Ab etwa Herbst 2009 durchleuchten Fahnder der ESTV den Immobilienunternehmer und sein Firmengeflecht wegen des Verdachts auf schwere Steuerwiderhandlungen. Im Sommer 2010 durchkämmen Spezialisten der Abteilung Strafsachen und Untersuchungen ASU im Rahmen der Ermittlungen unter anderem die Büroräumlichkeiten der Avireal am Balsberg-Hauptsitz in Kloten. Die ASU-Fahnder haben seinerzeit umfangreiches Aktenmaterial beschlagnahmt.

Zeitgleich zu den Hausdurchsuchungen liess die Eidgenössische Steuerverwaltung auch diverse Vermögenswerte beschlagnahmen und Konten des Bündner Unternehmers sperren. Stoffel wehrte sich vor Bundesstrafgericht und schliesslich vor Bundesgericht gegen diesen Einzug seiner Assets. Ende 2011 hob die ESTV die Beschlagnahme auf.

Mutmassliche Steuerforderungen

Gut ein Jahr später, im Frühling 2013, hinterlegte Remo Stoffel die Aktien seiner Churer Muttergesellschaft Stoffelpart Asset, unter der all seine Firmen und Beteiligungen hängen, beim Churer Anwalt und FDP-Ständerat Martin Schmid. Der Aufbewahrer sollte dafür 10 000 Franken pro Jahr an Pauschalentschädigung erhalten. Dies geht aus den Vertragspapieren zwischen Stoffel und seinen mutmasslichen Gläubigern hervor, welche der „Handelszeitung“ vorliegen. Diese „Sicherheitshinterlegung“ von Stoffels Firmenassets diente seinerzeit als Faustpfand „für etwaige Steuerschulden und allfällige Bussen“, wie es in den Dokumenten heisst.

Die Gläubiger sind zum damaligen Vertragszeitpunkt Anfang April 2013 die ESTV, die Steuerämter der Kantone Graubünden und Zürich sowie jene der Stadt Chur. Sie stellen Stoffel „mutmassliche Steuerforderungen“ in der kumulierten Höhe von 173,5 Millionen Franken für die Jahre 2005 bis 2008, wie eine Vertragsbeilage ausweist. In dieser Summe sind Verzugszinsen und zum Teil mögliche Bussen noch nicht miteingerechnet.

Alleine die Eidgenössische Steuerverwaltung ESTV macht beispiels- weise säumige Verrechnungssteuern von 60 Millionen Franken für die Priora-Tochter Airport Immobilien AG geltend. Das kantonale Steueramt Zürich ihrerseits fordert Gewinnsteuern über kumuliert 6,1 Millionen Franken.

Stoffel-Sprecher Peter Hartmeier macht auf Anfrage keine Angaben zu den Steuerforderungen, dem Hinterlegungsvertrag beziehungsweise dazu, ob dieser Vertrag überhaupt noch Gültigkeit hat.

Keine Steuerschulden

Remo Stoffel, der auch namhafte Beteiligungen an der Pharmaziegruppe Galenica, der IT-Dienstleisterin Myriad Group oder den Bergbahnen Lenzerheide hält, erklärte indes im letzten Jahr gegenüber „Sonntagsblick“, er habe „keine Steuerschulden“. Die ESTV habe ihre Untersuchung Ende 2013 abgeschlossen und seine Priora Holding „aus einer Garantie von 80 Millionen“ entlassen. Zudem habe die „Bündner Steuerverwaltung weder ein Strafnoch ein Nachsteuerverfahren“ eröffnet.

Die Zürcher Amtskollegen ihrerseits allerdings schon. Sie haben Stoffels komplexes Steuerdossier nun zur Anzeige gebracht.

Kategorien
Beitrag Handelszeitung

Totgesagte leben länger

Steuern Liechtenstein lehnt den automatischen Informationsaustausch mit der Schweiz ab. Stattdessen holt das Fürstentum die Abgeltungssteuer aus der Mottenkiste.

Noch im Frühsommer war nicht die Frage ob, sondern wann die Schweiz mit Liechtenstein den automatischen Informationsaustausch (AIA) einführt. „Wir gehen davon aus, dass wir zu einem Abkommen gelangen, das dann 2019 den ersten Austausch ermöglicht“, sagte Finanzminister Ueli Maurer in einer Parlamentsdebatte und fügte an, es seien aber noch einige „Spezialitäten“ mit Liechtenstein zu regeln.

Aus diesen „Besonderheiten“ ist mittlerweile ein Sonderweg für das Ländle geworden. Statt dem automatischen Datenaustausch mit der Eidgenossenschaft holt das Fürstentum die Abgeltungssteuer aus der Mottenkiste. So würden Steuern fliessen, aber die Bankkunden blieben anonym. Ein Modell, mit dem die Schweiz noch vor ein paar Jahren vergeblich das Bankgeheimnis zu retten suchte.

„Wir möchten mit der Schweiz eine Lösung prüfen, die den steuerlichen Bedürfnissen der beiden Partnerstaaten einfacher und direkter Rechnung trägt“, sagt Katja Gey. Die Juristin leitet die Stabsstelle für internationale Finanzplatzagenden bei der Liechtensteiner Regierung. Sie geht davon aus, dass es in den nächsten Wochen „zu einer grundsätzlichen Entscheidung kommen wird“, wie die Schweiz und Liechtenstein die internationalen Standards umsetzen werden. Das federführende Staatssekretariat für internationale Finanzfragen in Bern macht dazu keine Angaben.

Die Meinung im Fürstentum ist indes längst gemacht. Man bekenne sich zwar klar zur Einhaltung internationaler Standards, so Gey. „Aber der AIA-Standard der OECD ist naturgemäss eine Regelung, welche das enge, binnenmarktähnliche Verhältnis zwischen der Schweiz und Liechtenstein nicht ausreichend berücksichtigen kann.“

Blaupause für Schweizer Lösung

Der AIA-Standard führe nämlich zu einem hohen Verwaltungsaufwand, moniert das Behördenmitglied: „Statt dass möglichst viele Daten fliessen, wollen wir uns auf jene Daten beschränken, die eine Besteuerung sicherstellen. Wenn der eine Staat für den anderen direkt die Steuern einbehält, ist es noch besser.“

Als Blaupause für eine mögliche Schweizer Lösung dient dem Fürstentum dabei ein Abkommen mit seinem Nachbarland im Osten. „Wir haben mit Österreich eine spezifische Regelung vereinbart, die die Steuerkonformität in besonderer Weise sicherstellt und den Austausch von AIA-Daten in Teilen ersetzt.“ So erheben die Liechtensteiner für die Alpenrepublik die geschuldete Steuer auf österreichische Vermögen im Ländle und überweisen diese nach Wien. „Eine ähnliche Regelung könnten wir uns auch mit der Schweiz vorstellen“, sagt Gey. Das Abgeltungssteuerabkommen mit Österreich umfasst dabei alle Vermögensstrukturen, die in Liechtenstein verwaltet werden. Konkret bedeutet dies: Das Abkommen würde nicht nur Bankkonten, sondern auch Stiftungsvermögen erfassen, das durch Liechtensteiner Treuhänder gemanagt wird.

Stiftungen sind jene Konstrukte, die seit der Finanzkrise massiv unter Druck stehen. Das internationale Bemühen um mehr Steuertransparenz führte zwischen 2011 und 2015 zu einer Halbierung der „nicht eingetragenen Stiftungen“ im Fürstentum – von 32 000 auf rund 16 000. Das nun vorgeschlagene Abgeltungssteuermodell stellt deshalb auch den Versuch dar, den Abfluss von Assets aus dem Ländle zu stoppen.

Unerwartete Wiederauferstehung

Allerdings stellt sich die Frage, ob ein solches Steuermodell international kompatibel sei. „Ich gehe nicht davon aus, dass die OECD ein Problem damit hat, wenn bilateral gleichwertige Regelungen vereinbart werden, die von beiden Staaten als adäquat angesehen werden“, sagt Gey.

Das Abgeltungssteuermodell schien bisher ein Auslaufmodell zu sein: Der früheren Finanzministerin Eveline Widmer-Schlumpf gelang es 2012 zwar, Grossbritannien, Österreich und den deutschen Finanzminister von der Idee zu überzeugen, Geld ohne Kundendaten zu liefern – und so die Privatsphäre des Bankkunden zu gewährleisten. Doch das Abkommen scheiterte im deutschen Bundesrat. Das Schicksal der Abgeltungssteuer schien damit besiegelt zu sein.

Jetzt könnte das Modell eine unerwartete Wiederauferstehung erfahren – für bürgerliche Politiker ist das eine durchaus erfreuliche Nachricht: „Ich war stets ein grosser Promotor der Abgeltungssteuer. Daran hat sich bis heute nichts geändert“, sagt FDP-Nationalrat Hans-Peter Portmann, zugleich Direktor beim Schweizer Ableger der liechtensteinischen LGT Bank.

Auch für CVP-Ständerat Pirmin Bischof spricht nichts dagegen, wenn die Vermögen von Schweizer Kunden in Liechtenstein mit einer Abgeltungssteuer erfasst werden: „Es handelt sich bei der Abgeltungssteuer um ein höchst effizientes Instrument.“ Entscheidend sei allerdings die Aussenwirkung des Abkommens. Die Schweiz dürfe nicht riskieren, international erneut unter Druck zu geraten.

Kritik kommt von der SP: „Wir haben die Abgeltungssteuer als Ersatz für den AIA bereits bei Deutschland abgelehnt“, stellt Nationalrätin Susanne Leutenegger Oberholzer klar. Das Modell sei auch nicht im Sinne des Finanzplatzes: „Damit will das Fürstentum doch nur ver- hindern, dass Kunden in die Schweiz abwandern.“

Kategorien
Beitrag Handelszeitung

LeVines Leviten

Finanzplatz US-Botschafterin Suzan LeVine beschwert sich, dass Schweizer Banken amerikanische Kunden abservieren. Die Branche zeigt sich irritiert.

Tags zuvor war US-Botschafterin Suzan LeVine noch im lieblichen Mostindien auf Stippvisite unterwegs und liess sich vom versammelten Thurgauer Regierungsrat in Frauenfeld und auf Twitter feiern. Dann, am 28. September, greift die ehemalige Microsoft-Direktorin in die Tasten und nimmt das Swiss Banking in die Pflicht. Der Brief aus der Berner Botschaft ist ein Rundschreiben. Die offiziellen Zeilen gehen an zahlreiche Finanzinstitute, darunter Retailer wie die Migros Bank und mindestens ein Geldhaus, das noch auf einen millionenschweren Bussenentscheid aus Washington im Steuerstreit wartet.

LeVines Leviten haben es in sich: Es sei eine ihrer „vordringlichsten Prioritäten“, auf die Bedenken von in der Schweiz wohnhaften US-Bürgern zu reagieren, schreibt die Botschafterin einleitend und erklärt anschliessend: „Viele US-Bürger haben mir gegenüber ihre Sorgen ausgedrückt, dass ihnen der Zugang zu Bankdienstleistungen in der Schweiz fehle.“

Die Botschafterin führt im Brief, welcher der „Handelszeitung“ vorliegt ( siehe Ausriss), konkrete Beispiele an. So seien Amerikaner, die in der Schweiz lebten und seit Jahrzehnten einer Bank die Treue hielten, einfach vor die Tür gesetzt worden. Auch Schweizer Bürger hätten ihre Konten auflösen müssen, nur wegen ihrer Beziehung zu US-Amerikanern. Die Botschafterin würde deshalb gerne mit den angeschriebenen Banken ins Gespräch kommen, um den Zugang von US-Bürgern zu Schweizer Finanzdienstleistungen zu erleichtern. Der Brief schliesst damit, dass LeVine ein Treffen vorschlägt, um „das Regelwerk und die Prozesse der Bank“ im Umgang mit US-Kunden zu diskutieren.

In der Finanzbranche sorgt der US-Botschaftsbrief aus Bern für Kopfschütteln. Von einem „naiven Statement“ ist die Rede und von „Geschichtsvergessenheit“. „LeVine blendet den langjährigen und weiter andauernden Steuerstreit gänzlich aus“, enerviert sich der Chef einer Privatbank und fügt an, dass die US-Repräsentantin Äpfel mit Birnen vergleiche. Die Situation im Retailgeschäft sei nämlich eine völlig andere als in der Vermögensverwaltung. „Im Wealth Management besteht überhaupt kein Problem“, sagt der Bank-CEO dezidiert. Dort gebe es eine Reihe von Banken wie Pictet und Vontobel, welche durch die amerikanische Börsenaufsicht SEC reguliert seien und die sich deshalb explizit auf das komplexe Geschäft mit US-Bürgern verstünden. „Es gibt eine Auswahl, es gibt ein Angebot. Der Markt spielt“, lautet sein knappes Fazit.

Ab mehreren Milliarden profitabel

Aber auch jene Vermögensbanken, die nicht direkt von der US-Börsenaufsicht reguliert sind, bieten Assets von in der Schweiz domizilierten Amerikanern eine Heimstätte an. Entweder über externe Vermögensverwalter, die SEC-reguliert sind, oder indem sie nur eine kleine Zahl an Kunden mit begrenzter Vermögenssumme betreuen. Ein solches US-Geschäft auf Sparflamme ergibt allerdings in den meisten Fällen ökonomisch wenig Sinn, sodass viele Privatbanken sich über die letzten Jahre von ihren historisch bedingten US-Restanzen verabschiedet haben. Gerade jene Institute, die im Affluent-Bereich bis 1 Million Franken pro Kunde tätig sind, suchen das Weite.

Nicht aus bösem Willen, wie ein Banker betont, sondern weil der „Kosten-Nutzen-Ertrag in keinem Verhältnis“ stehe. Denn Skaleneffekte sind im Wealth Management matchentscheidend. Was in Bezug auf eine SEC-Regulierung bedeutet, dass sie erst ab mehreren Milliarden an US-Vermögen kostendeckend ist. Ansonsten rechnen sich die Investitionen in die länderspezifische Compliance und IT-Massnahmen nicht.

Schlicht zu teuer

Beim Branchenverband, der Schweizerischen Bankierveinigung SBVg, kennt man die Problematik bestens: US-Personen unterlägen einer aufwendigen und komplizierten Gesetzgebung. „Es ist daher für einige Banken schlicht zu risikoreich und zu teuer, US-Kunden zu bedienen“, sagt Sprecherin Sindy Schmiegel. Jede Bank müsse diesen Geschäftsentscheid für sich selbst fällen. „Wir haben in der Schweiz Wirtschaftsfreiheit.“ Gleichzeitig betont Schmiegel aber, dass der Exit aus dem Geschäft mit Amerikanern kein „flächendeckendes Phänomen“ sei: „Auch US-Kunden finden eine Schweizer Bank.“

Dies gilt nicht nur fürs eigene Anlageportfolio, sondern auch für Zahlungs-, Lohn- oder Mietzinsdepot-Konti. Man habe LeVines Brief auch erhalten, heisst es beispielsweise bei der Migros Bank lapidar. Das Retail-Institut betont: „USBürger können bei uns Konten eröffnen.“ Diesbezüglich herrsche also „kein Handlungsbedarf“ seitens der Bank.

Auch bei der Postfinance verursacht der besorgte Aufruf des offiziellen Amerikas nur Schulterzucken: Ihr gesetzlich festgelegter Grundversorgungsauftrag besage, dass alle in der Schweiz wohnhaften Personen unabhängig von ihrer Nationalität bei Postfinance ein Konto eröffnen können – „auch US-Bürger“, sagt Sprecher Johannes Möri.

20 000 US-Bürger in der Schweiz

Auf Anfrage präzisiert die US-Botschafterin Suzi LeVine ihren Brief in einem schriftlichen Statement: Es gebe natürlich Banken wie UBS, Credit Suisse oder Cornèr Bank, die nach einem Unterbruch wieder US-Bürger bedienten, und solche Institute wie Vontobel, die stets Amerikaner unterstützten.

Man habe einfach mal andere Banken anfragen wollen, ob sie bereit wären, ihr Business auszuweiten. Schliesslich lebten in der Schweiz rund 20 000 Amerikaner, die „arbeiten, einkaufen und ihre Steuern zahlen“. Deshalb habe sie einen Brief an viele andere Schweizer Institute geschickt, um die Herausforderungen zu schildern, die Amerikaner hätten, wenn sie in der Schweiz „ein Bankkonto eröffnen oder behalten möchten“. Sie habe den Bankchefs deshalb angeboten, sich mit ihr zu treffen, um Lösungen zu finden. „Viele haben das Angebot angenommen“, sagt LeVine. Sie freue sich nun darauf, die Banker bald zu treffen.

Kategorien
Beitrag Handelszeitung

Nummer 41

Pictet Laurent Ramsey ist der jüngste Partner beim Genfer Geldinsitut. Als oberster Asset Manager lenkt Ramsey die grosse, unbekannte Sparte der Bank.

Schaut Laurent Ramsey aus seinem mit Holz getäferten Büro im vierten Stock, dann sieht er weder imposante Hochhäuser noch ausladende Boulevards. Der Genfer Bankier blickt vielmehr der Vorstadt-Tristesse mitten ins Auge. Der wuchtige Pictet-Hauptsitz nach Minergie-Standard liegt an einer stark befahrenen Ausfallstrasse der Rhonestadt – zwischen Gebrauchtwagenhändlern, Harddiscountern und Ethnoläden.

Dass eine der Top-Adressen im grenzüberschreitenden Vermögensgeschäft in den wenig glamourösen Vorort Carouge disloziert, mag erstaunen, hat praktische Gründe. „Die internationale Kundschaft schätzt es, wenn sie vom Flughafen Cointrin in einer Viertelstunde bei uns ist“, sagt Ramsey, der selber von der Airport-Nähe profitiert. Schliesslich pendelt der Mittvierziger jede Woche zwischen Genf und London, wo er im noblen Stadtteil Kensington wohnt und seine beiden Buben in die Privatschule gehen.

Der Londoner Lebensmittelpunkt des gebürtigen Romands ist Pictets Anlagegeschäft geschuldet. In der britischen Finanzmetropole arbeiten nämlich über 250 Bankangestellte für Pensionskassen, Staatsfonds und andere Profianleger. Sie und 380 weitere Mitarbeitende in Genf gehören zur Asset-Management-Sparte, die Laurent Ramsey leitet. Zunächst als Vizechef – seit Anfang Jahr gehört Ramsey zum erlauchten Kreis der sechs teilhabenden Pictet-Partner. Seine Wahl sei höher zu bewerten „als jeder Sechser im Lotto“, schrieb die NZZ bei Ramseys Ernennung. Schliesslich kommt der passionierte Hobbytaucher nicht aus einer der drei Stammfamilien Pictet, de Saussure und Demole, sondern hat sich vom einfachen Bankangestellten in 23 Berufsjahren zum teilhabenden Bankier hochgearbeitet.

Die Konsequenzen zu tragen

Seine Berufung kommt auch finanziell einer Karrierekrönung gleich, wenn man bedenkt, dass die teilhabergeführte Pictet-Gruppe im letzten Jahr einen Reingewinn von rund 450 Millionen Franken erwirtschaftete. Bei solchen Beträgen muten selbst die üppigen CEO-Saläre börsenkotierter Finanzhäuser geradezu bescheiden an.

Angesichts dieses Millionensegens mag es Neo-Entrepreneur Ramsey auch verschmerzen, dass er sich für den Einkauf in die Partnerschaft verschulden musste. Den Startkredit zahlt er nun über die Zeit aus den Erträgen der Bank ab. „Man kauft sich zu Buchwert ein und steigt zu Buchwert wieder aus“, erklärt Ramsey das altbewährte Partnerprinzip der Edelbank.

Der smarte Selfmademan mit den nach hinten gekämmten Haaren ist erst der 41. Partner seit der Gründung des Genfer Vermögensinstitutes im Jahre 1805. Im Schnitt bleibt ein Teilhaber mehr als 20 Jahre der Bank treu. Kein Wunder betont Ramsey die Kontinuität als Erfolgsprinzip von Pictet. „Wir müssen die Konsequenzen aller Entscheidungen, die wir heute treffen, selber tragen.“

Diese Last jahrzehntelanger Verantwortung lässt die Teilhaber in der Regel mit Bedacht und in Eintracht agieren. Es falle ihm erst jetzt als Insider auf, so Ramsey, wie eng die Bande unter den Partnern seien. „Wir treffen uns jede Woche viermal für zwei Stunden im Salon nebenan.“ Kein Verwaltungsrat einer Bank weist eine solch hohe Sitzungskadenz auf. Sie schafft Nähe und Vertrautheit.

Neben formellen Treffen, die gewöhnlichen Geschäftsleitungsmeetings ähneln, ist viel Raum für Gedanken- und Ideenaustausch. Die ganze Gruppe gelte es dabei als Partner stets im Auge zu haben, betont der neueste Pictet-Eigner, dessen Wahl in den „inner circle“ auch einem Ritterschlag fürs institutionelle Anlagegeschäft innerhalb der Gruppe gleichkommt. Denn Pictet ist von der Historie her eine Privatbank par excellence. Während die Vermögensverwaltung seit über 200 Jahren das Kerngeschäft bildet, betreibt Pictet ihren Asset-Management-Arm erst seit Anfang der 1980er-Jahre. Zunächst integriert in die Privatbank.

Mit 160 Milliarden Franken an Anlagevermögen ist das Geschäft mit institutionellen Investoren und Investmentfonds aber mittlerweile praktisch so gross und profitabel wie das angestammte Private Banking. Die Ernennung von Laurent Ramsey steht deshalb auch für die Emanzipation des Asset Management, dessen Anlagevermögen etwa zur Hälfte von Institutionellen wie Pensionskassen oder Staatsfonds stammt. Der Rest kommt aus dem Fondsvertrieb und von Drittbanken beziehungsweise externen Verwaltern. Wobei für Pictet die Schweiz, Italien und Japan die wichtigsten Märkte sind.

Das Land der aufgehenden Sonne sticht dabei besonders heraus, in dem die Genfer einer der drei grössten Fondsanbieter mit gegen 20 Milliarden Dollar Assets under Management sind. Der Erfolg in Nippon brauchte jedoch einen langen Atem. Seit 1982 ist Pictet im ostasiatischen Land präsent. 2002 schrieb die Bank erstmals schwarze Zahlen. „Als nicht börsenkotiertes Unternehmen leisten wir uns den Luxus des Sich-Zeit-Lassens“, meint Ramsey lapidar. Gerade in Japan lasse sich Vertrauen eben nur langsam aufbauen. „Doch nur Vertrauen führt zu Loyalität.“ Eine Treue, die sich im Inselstaat in einem engmaschigen Vertriebsnetz zu über 100 Wertpapierhäusern, Banken und Online-Plattformen manifestiert.

Als Glückstreffer hat sich dabei in den Nullerjahren der Pictet Global Income Stock Fonds erwiesen, der damals als erstes Finanzprodukt in Japan überhaupt stabile monatliche Ausschüttungen garantierte. „In einem Land mit vielen Pensionierten, die von ihrem Ersparten leben müssen, war Global Income ein Gamechanger“, erinnert sich Ramsey

Tiefgreifender Strukturwandel

Inzwischen hat sich der Wettbewerbsdruck jedoch massiv verschärft. In Japan und anderswo. Seit 2007 flossen weltweit 6 Billionen Dollar in passive Investments, die kostengünstig gängige (Börsen-)Indizes abbilden, statt aktiv den Finanzmarkt schlagen zu wollen. Das spüren aktive Fondsmanager wie Pictet insbesondere beim Umsatzwachstum, während die Profitabilität trotz Strukturwandel seit Jahren bei durchschnittlich 50 Basispunkten liegt.

„Der Boom bei den indexierten Anlagen ist für die Branche heilsam, weil es die Spreu vom Weizen trennt“, meint Ramsey. Es zwinge die Fondsmanager, auch tatsächlich aktiv und mit Überzeugung zu investieren. „Denn für Mittelmass ist der Kunde nicht mehr bereit, einen Aufpreis zu zahlen.“ So hat Pictet vor einigen Jahren ein grossangelegtes „Product-Trimming“ durchexerziert, bei der die Zahl an Investmentstrategien um über 10 Prozent auf gegenwärtig 70 reduziert wurde. Gleichzeitig geht Pictet in Nischen und setzt auf thematische Anlagen wie Wasser, Holz oder Robotics.

Es sind dies Reaktionen auf ein Anlagegeschäft, das sich stark wandelt. Zum einen sind seit der Finanzkrise die regulatorischen Auflagen und Kosten massiv gestiegen. Zum anderen führt das Tiefzinsumfeld zu kostenaffineren Kunden, welche die Verwaltungsgebühren aktiv gemanagter Fonds stärker hinterfragen. Insofern hofft auch Ramsey auf eine Zeitenwende: „Wenn die Zinsen steigen, würde dies der Industrie sicher helfen“, sagt er, der die Kurzfristigkeit des Geschäfts bemängelt. „Aktive Investmentstrategien werden nicht in zwei, drei Jahren zum Erfolg gebracht, sondern über einen ganzen Konjunkturzyklus.“ Der Fokus auf kurzfristige Gewinne zwinge die Fondsmanager aber leider dazu, Verlust früh einzudämmen und sich am Index zu orientieren. „Eine Fehlentwicklung, die wir bekämpfen müssen.“

Doch ist Ramsey zuversichtlich, dass die Marktentwicklung den aktiven Fondsmanagern wieder in die Hände spielen wird. „Ob in Bond- oder Aktienmärkte, in den letzten Jahren war der Trend der beste Freund“, blickt der Bankier zurück und prophezeit, dass diese Phase der „Windfall“-Gewinne auslaufen wird. „Die Renditen sinken, die Volatilität wird zunehmen, das Umfeld wird anspruchsvoller“, so Ramsey. Mit der sich abzeichnenden Normalisierung der Geldpolitik müssen sich die Anleger – wohl oder übel – auf magerere Zeiten einstellen.

 

Kategorien
Beitrag Handelszeitung

Axpo braucht Flüssiges

Wasserkraft Der Stromkonzern will sechs Kraftwerke abstossen. Nun geht der Verkaufsprozess in die heisse Phase.

Am Axpo-Sitz in Baden herrscht „Land unter“. Nach Milliardenabschreibern und mehreren roten Geschäftsjahren geht der Nordostschweizer Stromkonzern ans Tafelsilber, wie bereits Konkurrentin Alpiq zuvor. So sind seit Frühjahr die Anteile an sechs Wasserkraftwerken (siehe Liste oben) zur Veräusserung vorgesehen, wie aus einem Verkaufsprospekt hervorgeht, welcher der „Handelszeitung“ vorliegt. Es handelt sich um Partnerwerke, zumeist mit Minderheitsanteilen von Axpo. Der Bieterprozess wie die Sorgfaltsprüfung zum Kraftwerkspark sind offenbar abgeschlossen. Nun stehen gemäss einem Insider die konkreten Verhandlungen an. Bis Ende Jahr soll der Hydro-Deal unter Dach und Fach sein.

Abhängigkeit minimieren

Axpo bestätigt zwar, dass ein Verkaufsprozess im Gange sei, ohne allerdings auf Kraftwerke oder Details näher einzugehen. Doch die Ausgangslage ist klar: Mit einem grossen Schweizer Produktionspark und ohne gebundene Kunden im Monopol ist der Badener Stromkonzern den strukturell tiefen Marktpreisen schutzlos ausgeliefert. „Diese Abhängigkeit vom Strompreis müssen wir minimieren“, sagt Axpo-Sprecher Tobias Kistner.

Deshalb lautet die Devise nun, Hydro-Kapazitäten zu reduzieren, um den Stromkonzern flüssig zu halten. Kistner erläutert passend dazu das „oberste strategische Ziel“ des Stromkonzerns: „Die nachhaltige Sicherung der Liquidität und Kapitalmarktfähigkeit sowie die Steigerung der Rentabilität angesichts des anhaltend schwierigen Marktumfelds.“

Stromnetz in der Waagschale

Konkret bedeutet dies, dass man in Baden nicht strategische Assets abstossen möchte. Dazu klopft die Axpo-Spitze um Chef Andrew Walo seit Ende letzten Jahres das gesamte Produktionsportfolio auf Ballast ab. Zum Evaluationsprozess sagt Sprecher Kistner: „Im Rahmen dieser Prüfungen wurde neben einigen Gaskraftwerken und Kernenergie-Langzeitbezugsverträgen auch ein Portfolio von Wasserkraftwerken (beziehungsweise deren Axpo-Anteile) eruiert, die zum Verkauf angeboten werden sollen.“ Ob im jüngst kommunizierten Abschreiber in der Höhe von 1,4 Milliarden Franken auch jene sieben Hydrokraftwerksanteile enthalten waren, lässt der Stromkonzern offen. Man wolle keine einzelnen Beträge nennen. „Dies ist darin begründet, dass wir spezifisches Bewertungswissen nicht für unsere Mitbewerber zugänglich machen wollen“, erklärt der Axpo-Sprecher.

Während man die Transaktionsmasse also öffentlich möglichst opak hält, bewirbt Axpo ihre sieben Kraftwerksanteile gegenüber potenziellen Kaufinteressenten aktiv als Gelegenheit zur „Investition in Schweizer Infrastruktur“. Schliesslich handelt es sich um ein stattliches Portfolio: Kurzfristig können die Axpo-Kraftwerksanteile die Leistung eines halben AKW Mühleberg erzeugen. Jährlich produziert die Park-Partizipation etwa so viel Elektrizität, wie ein grosses Schweizer Stahlwerk verbraucht. Im Fall des Kraftwerks Wägital wirft der Stromkonzern gar noch ihr Mittelspannungsnetz im Schwyzer Bezirk March in die Waagschale. Man sei bereit, dessen Verkauf zu diskutieren, heisst es in der Verkaufs-Doku.

Axpo würde gemäss dem Papier gerne alle sieben Kraftwerke an einen Käufer veräussern, und zwar „noch möglichst in diesem Kalenderjahr“. Insider zweifeln an der Realisierbarkeit dieses Vorhabens. Denn der Kreis potenzieller Interessenten ist klein. Nur schon, weil solche Minderheitsanteile für hohe Abhängigkeiten sorgen und wenig unternehmerische Freiheiten bieten. Eine brancheninterne Lösung scheint wahrscheinlich. Auch die öffentliche Hand kommt als Käufer infrage, weil dadurch mögliche Konzessionierungsrisiken hinfällig werden.

Doch der Heimfall ist nicht die einzige Unwägbarkeit bei der Akquise eines Wasserkraft-Portfolios. Auch der anstehende Investitionsbedarf belastet den Businessplan: So stehen bei einzelnen Kraftwerken grössere Erneuerungsarbeiten an. Und wer heute Hydro kauft, geht sowieso eine Wette auf steigende Strompreise ein. In einem regulatorischen Umfeld, das sich von heute auf morgen ändern kann, ist dies ein Vabanquespiel.

Was alles zum Verkauf steht (Axpo-Anteil)

  • Electra-Massa
  • Lizerne et Morge
  • Argessa
  • AG Kraftwerk Wägital
  • Electricité de la Lienne
  • Rheinkraftwerk Albbruck-Dogern
Kategorien
Beitrag Handelszeitung

Action-Man aus Arbon

Patrik Gisel Seit einem Jahr ist er Raiffeisen-Chef. Nun tritt der Ostschweizer an, das weitverzweigte Vincenz-Erbe zu konsolidieren und die Genossenschaftsbank ins digitale Zeitalter zu führen. Ein Balanceakt.

Es surrt leise im Fonds der schwarzen Audi-A8-Limousine. Patrik Gisel greift zum Sakko und zieht sein iPhone heraus. Das Display zeigt das kantige Gesicht von Pierin Vincenz. Der Raiffeisen-Übervater ruft an. „Schon lange nichts mehr gehört von dir, Pierin“, scherzt Gisel und klemmt seinen Vorgänger ab, mit dem er in zwei Verwaltungsräten sitzt. Er könne nicht reden, ein Journalist sei mit im Auto.

Der Anruf von Vincenz kommt dem Ostschweizer in diesem Moment ungelegen. Denn er weckt die ewigen Vergleiche mit dem Bündner Baumeister der heutigen Raiffeisen-Gruppe. Vor 15 Jahren hatte ihn Vincenz von der UBS zu Raiffeisen gelotst und den Banken-ITCrack bis an die Spitze gefördert.

Längst aber hat sich der Chef der drittgrössten Bankgruppe der Schweiz vom omnipräsenten Vorgänger emanzipiert. Gisel gibt Gas, und zwar im wahrsten Sinne des Wortes: Rund 60 000 Kilometer im Jahr spult sein Chauffeur ab, den ihm die Bank stellt.

Ob Kundenanlässe, Jubiläumsreferate oder Generalversammlungen, der Event-Reigen im Genossenschaftsreich – von Agno bis Zufikon – fordert seinen Tribut. Kaum einen Abend unter der Woche, den Gisel bei sich zu Hause in der Zürcher Goldküstengemeinde Erlenbach verbringt. Wenigstens verfügt seine Limousine über lederne Liegesitze. So kann der Bankchef bereits auf dem Nachhauseweg vorschlafen, um frühmorgens wieder fit zu sein. Um sechs Uhr zieht der passionierte Triathlet nämlich seine Längen im Hallenbad Oerlikon oder joggt eine Runde. „Sport ist für mich ein Lebenselixier“, sagt Gisel. Wenn er diesen vernachlässige, komme er in Stresssituationen.

Gisel gibt sich hemdsärmelig

Die allabendliche Ochsentour durch die Raiffeisen-Provinz ist indes kein eitler Selbstzweck des neuen Bank-Lenkers. Vielmehr wollen die 270 Genossenschaftsbanken vom Ostschweizer Chef umsorgt sein. Man müsse eben „kulturkompatibel“ sein, meint er, der mit seiner konzilianten Art in der Bank gut ankommt. So hemdsärmelig Gisel sich gibt: Er ist ein schlauer Fuchs, der gleichermassen messerscharf analysiert wie pragmatisch agiert.

Ohne den Sukkurs der unternehmerisch unabhängigen Lokalfürsten geht am Gruppensitz in St. Gallen nämlich nichts. Das weiss der neue Raiffeisen-Chef genau. Schliesslich war er es, der seinerzeit dem visionären Vincenz in fachlichen Fragen den Rücken freihielt und als dessen Stellvertreter dem Markt draussen den Puls fühlte. „Er kennt die Machtmechanik von Raiffeisen aus dem Effeff“, sagt ein Wegbegleiter. Nun müsse er sich für seine Vorhaben „Mehrheiten sichern“.

Das ist auch nötig. Denn Gisels Herausforderungen sind steil, die Pendenzenliste ist lang und die schollenverbundene Basis tendenziell zurückhaltend. Zum einen muss der promovierte HSGler das weitverzweigte Vincenz-Erbe konsolidieren. Der Rückbau der Asset-Management-Fabrik Vescore liefert einen ersten Vorgeschmack darauf, wie er das Institut auf seine Stärken – die Vertriebsfunktionen – zurückführt. Zum anderen muss der Architektensohn aus Arbon die Raiffeisen-Gruppe ins digitale Zeitalter führen: Das Bankgeschäft werde sich in den nächsten zehn Jahren fundamental ändern, prophezeit der Genossenschafts-CEO, und blickt nachdenklich aus dem Autofenster, während auf der A1 das sattgrüne Mostindien vorbeizieht.

Gisels Credo ist dabei denkbar einfach: „Lieber kannibalisieren wir uns selber, als dass wir kannibalisiert werden“. In der digitalen Transformation gibt der Hobbypilot die strategische Destination und Flughöhe gleich selbst vor. Mit Raitec Lab hat Gisel ein Expertenteam geschaffen, das ihm direkt rapportiert und an der genossenschaftlichen Banking-Zukunft arbeitet. „Best use of equipment“, erklärt sich Gisel im Fliegereijargon. So steht beispielsweise der Online-Vertrieb von Hypotheken auf dem Rollfeld bereit.

Doch der Fintech-Jet kann erst abheben, wenn der Chefpilot die Startbahn freigeschaufelt hat: Mit fast 1000 Filialen verfügt Raiffeisen nämlich über das dichteste Bankstellennetz der Schweiz. Doch, E-Banking sei dank, frequentieren immer weniger Kunden die physische Bank. Gerade das klassische Transaktionsgeschäft erodiert, während die reine Beratung eine solche Institutsdichte nicht rechtfertigt. Ein Fünftel der Filialen werde aus Rentabilitätsgründen über die nächsten Jahre verschwinden müssen, lautet die Prognose aus der Raiffeisen-Zentrale.

Deal an einem Wochenende

Gleichzeitig steht der Wechsel des Kernbankensystems unmittelbar bevor. Die Informatik gilt als Hauptschlagader des Bankings. Eine Migration auf die neue Plattform gleicht deshalb für die Raiffeisen-Gruppe einer Operation am offenen Herzen – mit offenem Ausgang. Denn der Zeitplan ist extrem eng getaktet. Gisel kann sich keine Verzögerungen leisten. Selbst wenn gewisse Teilprojekte wie jenes für die Privatbank Notenstein bereits den Status „dunkelrot“ hätten, wie Insider berichten. Die kritische IT-Ablösung muss auf Gedeih und Verderb gelingen. Die Notenstein-Tochter braucht eine neue Plattform fürs angestrebte Asset-Wachstum. Bislang lag die Entwicklung der Privatbank nämlich deutlich hinter den Erwartungen von Gisel. „Wir haben in den letzten fünf Jahren das Potenzial nicht genutzt“, sagt der Raiffeisen-Chef selbstkritisch.

Schliesslich war die schlagartige Übernahme der toxischen Wegelin Gisels Gesellenstück. Er zog den heiklen Deal praktisch über ein Wochenende durch. Doch den Beweis, dass eine eigene Vermögensbank das Zinsdifferenzgeschäft der Gruppe auszugleichen vermag, blieb der oberste Chef schuldig.

Nebst dem Private Banking will Gisel auch im KMU-Geschäft vorwärtsmachen. Mit Urs Gauch hat er einen erfahrenen Manager der Credit Suisse in die Geschäftsleitung geholt. Doch auch hier stehen interne Hausaufgaben an. Die Raiffeisen-Statuten setzen den Genossenschaften nämlich enge Wachstumsgrenzen. Blankokredite über 250 000 Franken müssen diese durch die Gruppe absichern lassen. Wer die statutarische Vorgabe ändern möchte, benötigt ein Quorum von satten 90 Prozent. Kein leichtes Unterfangen.

Doch Gisel hat Biss und mag Herausforderungen – im Beruflichen wie im Privaten. Beispielhaft ist hierfür seine Leidenschaft, die Fliegerei. Auf dem Airport Kloten steht eine silberne Piper Aerostar mit dem Kürzel HB-LUD, die er zusammen mit Kollegen besitzt und auch für Geschäftsreisen nach Luxemburg oder Brüssel nutzt. „Ein anspruchsvoll zu fliegendes Modell“, sagt der 54-Jährige nicht ohne Stolz. Nur zwei Maschinen dieses amerikanischen Typs seien hierzulande registriert.

Schweizer Meister

Aufgewachsen ist Gisel in der Bodensee-Gemeinde Arbon: Sein Vater war ein erfolgreicher Architekt, der unter anderem den Firmenpalast des AFG-Patrons Edgar Oehler gebaut hat. Sein Bruder Marcel schaffte es mit der Band Transit als erste Schweizer Rockgruppe bis in den Musiksender MTV. Und Gisels Halbbruder – Bill Mistura – war zuerst in der Führung des FC St. Gallen und managt nun den HC Davos. Mistura wohnt noch heute in Arbon. In der nahen Badi übte Gisel einst das Turmspringen und brachte es bis zum mehrfachen Schweizer Meister. Der Kick vom Sprungbrett passt zum Action-Man aus Arbon, der es bis heute mag, „wenn etwas läuft“. „Arbeit muss Spass machen“, sagt Gisel und lacht verschmitzt. Der Banker ist ein Teamplayer, der fördert wie fordert und Pendenzen zügig abbauen will.

Den Tatbeweis tritt der Chef spätabends auf der Terrasse der Berner Bellevue-Bar an. Wenns brennt, seien alle GLMitglieder stets erreichbar, sagt Gisel und tippt eine Anfrage ins Handy. Keine zwei Minuten später surrt es leise.

Kategorien
Beitrag Handelszeitung

Perestroika im Portfolio

Banking Drittanbieter dürfen in der EU bald auf Konten zugreifen und Zahlungen auslösen. Die Banken könnten die Schnittstelle zum Kunden verlieren – auch in der Schweiz.

Brüssel hat im Banking Grosses vor. Es geht um nichts weniger als die Entbündelung des Bankgeschäfts zum Endkunden. Dazu wird die Wertschöpfungkette der Finanzinstitute filetiert. Das passiert, indem eine neue EU-Richtlinie namens „Payment Service Directive 2“ (PSD2) den Banken vorschreibt, gewisse digitale Schnittstellen für Drittanbieter kostenlos zu öffnen.

Sind diese sogenannten API offen, lassen sich ganz neue Geschäftsmodelle denken. Zum Beispiel: Alle Bankbeziehungen auf einen Blick oder echte Performance-Vergleiche über alle Vermögensbanken hinweg. Die kombinatorische Blaupause bilden Tech-Plattformen wie Amazon, der Taxidienst Uber oder die Buchungsoberfläche Airbnb, deren Services nur dank dem offenem API-Zugriff auf Drittunternehmen wie Google überhaupt erst möglich wurden.

PSD2 erzwingt diese offene Architektur nun auch im Banking. Die Direktive gilt ab 2018 im gesamten EU-Raum und könnte das Bankgeschäft in den nächsten Jahren fundamental umwälzen. Auch Schweizer Banken werden sich der Gravitation von PSD2 nicht entziehen können – trotz fehlender Rechtskraft.

Konkret soll PSD2 Drittanbietern kostenlos den Zugriff auf Kontoinformationen sowie die Auslösung von Zahlungen gewähren. Vorausgesetzt natürlich, der Bankkunde gibt zum Zugriff sein Einverständnis. Brüssel erhofft sich durch den regulatorischen Nadelstich mehr Wettbewerb und Innovation. „Mit der Öffnung der API könnte ein veritabler Innovations-Tsunami ausgelöst werden“, prophezeit ein Vertreter des Infrastrukturbetreibers SIX. Entscheidend sei jetzt, wie die technische Schnittstelle ausgestaltet werde. „Je offener die Ausgestaltung, desto rascher die Ausbreitung.“

Ein Wolf im Schafspelz

Für Teile der Finanzindustrie kommt die europäische Direktive einem unerlaubten Griff in den Tresor gleich. „Klassische Banken haben grosse Mühe beim Gedanken, gegenüber einem Fintech ihre sensitiven Schnittstellen öffnen zu müssen“, sagt Daniel Diemers, Digitalexperte und Partner bei PwC Strategy&. Migros-Bank-Sprecher Urs Aeberli spricht von „Herausforderungen auf verschiedenen Ebenen“: Zum einen könnten bestehende Zahlungsdienstleistungen vermehrt durch neue Angebote ersetzt werden, was die Kreditkartenerträge schmälert. Zum anderen sei noch nicht absehbar, inwieweit die neuen Zahlungsdienstleister „mittel- und längerfristig ihre Geschäftsfelder über den angestammten Bereich erweitern werden“.

Denn die Brüsseler Direktive mag zwar vorderhand auf den Zahlungsverkehr fokussieren. Aber PSD2 ist ein Wolf im Schafspelz. Indem sich Drittanbieter zwischen Bank und Kunde schieben, droht das einzelne Finanzinstitut zum reinen Kontoverwalter degradiert zu werden, und zwar auch im Anlageund Vermögensgeschäft.

So ergab eine Umfrage von PwC bei 30 Euro-Banken, dass zwei Drittel sich davor fürchten, mit PSD2 die Kundenschnittstelle zu verlieren. Denn bereits heute existieren Personal-Finance-Firmen wie eWise oder die Zürcher Qontis, die Bankbeziehungen aggregieren, um über eine singuläre Oberfläche einen holistischen Blick auf die persönlichen Finanzen des Kunden zu gewähren. Diesen Fintechs fehlte bislang bloss der rechtliche Durchgriff auf die Kundendaten. Mit PSD2 wird nun diese Basis geschaffen, wodurch neue Angebote wie transparente Anlage-Performance-Vergleiche oder einfache Anbieter-Wechsel möglich werden. PwC-Stratege Diemers ist überzeugt, dass hier der eigentliche Hebel von PSD2 liegt: „Die Disruption wird in komplexen Bankgeschäften ansetzen, wo die Schnittstellen bislang geschlossen waren und der Markt fragmentiert beziehungsweise abgeschottet war.“

Dass Banken dieser Kannibalisierung nicht tatenlos gegenüberstehen, zeigt das Beispiel von BBVA. Die spanische Grossbank hat ihre einfachen Kontound Zahlungsschnittstellen bereits für Dritte geöffnet. Die Idee dahinter ist, einen Marktplatz zu schaffen, auf dem die Bank künftig mit kostenpflichtigen Premium-Schnittstellen für Drittanbieter Geld verdienen will. BBVA vollzieht damit den Schritt vom sequenziellen Vollanbieter zu einer Banking-Plattform, an der auf beliebige Weise angedockt werden kann.

Von solch progressiven Ansätzen ist das Swiss Banking noch weit entfernt. Nicht zuletzt, weil sich keine Schweizer Bank im rauen, europäischen Retailgeschäft behaupten muss. Vielmehr kaprizieren sich die Platzhirsche auf den juristischen Heimatschutz. Man verfolge die Entwicklungen „nicht zuletzt auch im Interesse der Kunden“, lässt die Schweizerische Bankiervereinigung stellvertretend für die Branche ausrichten und betont zugleich: „Bei der PSD2 handelt es sich um eine europäische Direktive, die keine direkte Anwendung in der Schweiz entfaltet.“

Doch selbst dieser rechtliche Sonderstatus ist in der hiesigen Bankbranche umstritten: Die Schweiz sei zwar kein EU-Mitglied, sagt Migros-Bank-Sprecher Urs Aeberli: „Aber für eine fortgesetzte Teilnahme am Euro-Zahlungsverkehrsraum SEPA müssen wohl der Gesetzgeber beziehungsweise die Schweizer Finanzinstitute aufzeigen, dass im schweizerischen Recht gleichwertige Bestimmungen oder eine gleichwertige Praxis vorhanden sind.“

Innovationsdruck auf die Schweiz

Ob dieser Äquivalenz-Beweis gegenüber der EU tatsächlich erbracht werden muss, ist unter Fachjuristen höchst umstritten, aber letztlich wohl zweitrangig. Denn die Macht des Faktischen wird an den Landesgrenzen nicht haltmachen. „Die Einführung von PSD2 wird auch auf die Schweiz einen Innovationsdruck ausüben“, meint ein Vertreter des Infrastrukturbetreibers SIX lapidar.

Schwerer wiegt aus Perspektive des Finanzplatzes, dass die von PSD2 erfassten Drittparteien in der Schweiz nicht explizit reguliert sind. „Auch auf Druck der Banken“, weiss ein Fachjurist. Entsprechend unterschiedlich ist die Handhabe der Banken gegenüber den Third-Party-Providern wie dem Zahlungsauslösedienst Sofort. Die Finanzinstitute müssten sich zusammenraufen und endlich eine gemeinsame Regelung finden, „ohne dass sich der Gesetzgeber einschalten muss“, sagt der Anwalt. Die Finanzmarktaufsicht Finma spielt den Ball derweil den Parlamentariern zu: „Ob eine analoge Regelung in der Schweiz geschaffen werden wird, ist ein politischer Entscheid.“

Das Nachsehen am unregulierten Zustand haben indes jene Schweizer Fintechs, die in Europa nach PSD2 Zahlungs- und Kontodienste anbieten wollen. Ihnen bleibt nur der Auszug aus der Heimat in die EU.

Kategorien
Beitrag Handelszeitung

Der Schöne und das Biest

Falcon Bank Ex-CS-Mann Walter Berchtold heuert bei den Arabern als Bankchef an. Der Job hat es in sich. Denn heisse Deals bilden bei Falcon das Kerngeschäft.

Noch nicht im Amt und schon im Krisenmodus. Walter „Wädi“ Berchtold, der ehemalige CS-Vermögenschef und designierte CEO der Falcon Private Bank, reist dieser Tage nach Singapur. Die Visite im asiatischen Inselstaat ist strategischer Natur. Denn Falcons Singapur-Filiale und damit das zukunftsträchtige Asien-Geschäft stehen auf dem Prüfstand. Den rund 40 Bankern vor Ort sitzt die Finanzaufsicht im Nacken, weil Falcon in den Skandal um das malaysische 1MDB-Vehikel verwickelt ist.

Die Staatsfonds Abu Dhabis geschäfteten als Falcon-Eigentümer intensiv mit den Malaysiern. Millionensummen flossen über Konten bei der Falcon Bank, wie die US-Justiz dokumentiert hat. Nun sollen externe Buchprüfer im Auftrag der Aufsicht in Singapur Klarheit über die Rolle des Swiss Private Banking schaffen. Doch das dauert und lässt den Neugeldzufluss zum Rinnsal verkommen. Weil in Südostasien gleichzeitig die kritische Grösse fehlt, türmen sich die Personalkosten im teuren Stadtstaat. Erst kürzlich hat die Singapur-Filiale ein Berater-Team von der Royal Bank of Canada übernommen.

Für den ehemaligen CS-Spitzenbanker wird das Troubleshooting in Südostasien zum ersten Prüfstein als oberster Falke. Der CEO-Posten markiert Berchtolds Rückkehr ins Schweizer Private Banking. Als vergangene Woche bekannt wurde, dass er ab Oktober bei Falcon vom Verwaltungsrat in die operative Leitung wechselt, sprach sich das am Paradeplatz schnell herum. „Wädi“ kennt jeder. Und jeder hatte sich gefragt, wie lange er es im Vorruhestand wohl aushalten werde.

Beinahe-Chef bei Credit Suisse

Einst war Berchtold auf dem besten Weg, Chef der Credit Suisse zu werden. Zuletzt unter der Führung von Oswald Grübel hatte er bei der Kreditanstalt eine steile Karriere hingelegt. 2006 wurde er Leiter des Private Banking. Doch mit dem neuen Chef Brady Dougan kam der Bruch. Die zwei konnten es nicht miteinander. Berchtold wurde 2011 durch die Beförderung von Hans-Ulrich Meister faktisch entmachtet, ein Jahr später verliess er die Bank. Mit 50 Jahren Privatier, das war eindeutig zu früh. „Ich sagte immer, ich will noch einmal etwas Operatives machen“, begründet Berchtold seinen Schritt zurück an die Front. „Ich hatte in diesen Jahren ein paar Mandate. Aber ich bin nicht gemacht für das Leben als Multi-Verwaltungsrat.“ Berchtold will Unternehmer sein. Er braucht eine Aufgabe.

Bereits 2015 wurde er in den Verwaltungsrat von Falcon gewählt – damals aber noch nicht mit Blick auf die Nachfolge von Chef Eduardo „Edi“ Leemann, wie zahlreiche Quellen aus dem engsten Umfeld berichten. Auf die CEO-Stelle aspirierten andere: Etwa Chief Operating Officer Tobias Unger oder Erich Pfister, Chef Private Banking. Doch sie konnten ihre Chefs nicht vollends überzeugen. Unger ging zum Zulieferer Avaloq, Pfister blieb. Ab Anfang Jahr verhandelte Leemann dann direkt mit Berchtold. Theoretisch übernimmt dieser die Geschäftsleitung im Oktober, faktisch ist er aber schon heute für die Bank unterwegs. Leemann hat sein Büro geräumt, konzentriert sich aufs Mandat als Senior Advisor und lobt Berchtold als „classy banker“.

Falcon wurde beinahe ein Pelikan

Die Handschrift des ehemaligen Goldman-Sachs-Bankers Leemann ist über alle Belange weiterhin prägend. Zuallererst als Namengeber der Bank: So sollte Falcon ursprünglich Pelican heissen, bis Leemann erfuhr, dass der Wasservogel im arabischen Raum als unrein gilt – und zum edlen Raubtier umschwenkte. Und schliesslich ist Leemann auch der Mastermind hinter dem Falcon-Businessmodell, das sich vom klassischen Anlagegeschäft massgeblich unterscheidet.

„Die Bank besteht praktisch nur aus Special Deals“, sagt ein Involvierter. Die Rede ist von Kreditfinanzierungen, Private-Equity-Anlagen und exklusiven Co-Investments mit vermögenden Kunden in nichtkotierte Unternehmen. Beispielsweise bietet Falcon ihren solventen Klienten Zugang zum Afrika-Vehikel Lonrho, nach Russland oder ins Immo-Imperium des schillernden Selfmademan René Benko. Solche Direkt-Deals seien „Fluch und Segen zugleich“, sagt ein Beteiligter. Geben sie der Bank bei der vermögenden Kundschaft doch ein Alleinstellungsmerkmal in einer homogenen Bankbranche.

Umgekehrt bedeuten „special deals“ Anlage- wie Compliance-Risiken und eine Komplexität, die gemeistert sein will. Falcon segle zuweilen „hart am Wind“ mit ihren informellen Strukturen, meint ein Beobachter, und fügt an: Es sei bislang Dealmaker Leemann gewesen, der die dicken Fische in Eigenregie an Land gezogen habe. Dieser One-Man-Show-These entgegnet Leemann: „Ich war vielleicht das Gesicht, aber ohne ein starkes Management-Team ziehen sie keine solchen Deals durch.“ Zugleich betont er, das „dynamische Private Banking“ sei ein „Erfolgsfaktor“.

Falcon hat die „Can-do-Mentalität“

Nachfolger Berchtold dürfte Leemanns Geschäfte ähnlich fortführen, betont er doch gerade den Unternehmergeist, der bei Falcon herrsche. Die Bank habe eine „Can-do-Mentalität“, sagt er. Eine motivierte Belegschaft und Strukturen, die agiles Handeln zuliessen. Anders als die CS, die er rückblickend als „grossen Tanker“ beschreibt.

Wie er die Bank neu aufstellen will, lässt Berchtold offen. Den Rückhalt der Araber hat er bereits ausgehandelt. Und Mittel zugesichert bekommen, für den Fall, dass Investitionen notwendig werden. Der Eigentümer wünsche sich Wachstum, sagt Berchtold. Doch wachsen könne man auf verschiedene Weisen. „Wir wollen nicht einfach Skalenerträge erzielen, sondern in neue Geschäfte vorstossen.“ Langweilig wird die Falcon Bank wohl auch in Zukunft nicht werden.

Für Berchtold wird das Troubleshooting in Singapur zum ersten Prüfstein.

Assets Ende 2015 verwaltete die Falcon Private Bank laut Geschäftsbericht 18,2 Milliarden Franken an Kunden-Assets. Bis 2012 lag dieser Wert noch bei rund 12 Milliarden. Die meisten Vermögen stammen angeblich aus der Schweiz, Osteuropa und den Emiraten.

Geschichte Die Bank wurde 1965 vom Versicherer AIG als Überseebank AG gegründet und 1998 in AIG Privatbank umbenannt. Nach der Finanzkrise wurde die Bank 2009 an den Staatsfonds IPIC aus Abu Dhabi verkauft und in Falcon Private Bank umbenannt.

Gewinn Das volatile Geschäft spiegelt sich im Gewinnverlauf. Dass 2015 mit einem klaren Überschuss abschliesst, hat auch damit zu tun, dass die Mutter 23 Millionen Franken Kapital eingeschossen hat. Das Geschäft im Ausland schreibt laut Jahresbericht rote Zahlen.

Kategorien
Beitrag Handelszeitung

Billige Alternative

Negativzins Banken machen aus der SNB-Politik ein Geschäft. Sie offerieren anderen Anlegern tiefere Strafzinsen als die Nationalbank.

Geschäftsbanken drohen gern damit, die seit Dezember 2014 geltenden Negativzinsen der Nationalbank auf Privatkunden abzuwälzen. Kleinere Institute wie der Börsenbroker Swissquote und die Alternative Bank tun dies bereits. Inzwischen rütteln aber auch gewichtige Finanzplayer am Tabu. Migros-Bank-Chef Harald Nedwed denkt laut über die Weitergabe der Negativzinsen nach. UBS-Chef Sergio Ermotti nimmt seine vermögende Kundschaft ins Visier. Und in Deutschland knöpft eine Raiffeisenbank ihren solventen Sparern bereits Strafzinsen ab.

Im branchenweiten Wehklagen über die schädliche SNB-Politik geht gerne vergessen, dass die Negativzinsen für zahlreiche Schweizer Banken auch ein gutes Geschäft sein können. Denn längst nicht alle Institute stossen mit ihren Geldern an die Freibetragsgrenze. Ab dieser Grenze müssen die Banken der Nationalbank Strafzinsen von 0,75 Prozent bezahlen.

So sagte Roland Ledergerber – Chef der St. Galler Kantonalbank – jüngst öffentlich, man benötige nur rund 2,7 der 3,4 Milliarden Franken Freibetrag selbst. Dieser Spielraum wird im ordentlichen Geschäft benötigt, aber auch gegen Gebühr Dritten zur Verfügung gestellt. Zur Bewirtschaftung der Freigrenze nimmt die SGKB beispielsweise kurzfristige Geldanlagen von ausländischen Investoren entgegen, sagt Sprecher Simon Netzle. Dabei ist auch klar, dass der Zinssatz tiefer sein muss als jene 0,75 Prozent, welche die Nationalbank ihren Girokonto-Inhabern verrechnet. Die aktive Bewirtschaftung der Freigrenze ist profitabel: Anlässlich des Halbjahres-ergebnisses sprach SGKB-Chef Ledergerber von einem Ertrag im tiefen, einstelligen Millionenbereich.

Überschüssiges Geld

Nicht nur die St. Galler betreiben die Negativzins-Arbitrage. Die Regionalbanken-Gruppe Clientis kommt auf eine Freigrenze von 1 Milliarde Franken, die sie im ersten Halbjahr nahezu ausgeschöpft hat. Zur Ausschöpfung der Freigrenze bei der SNB haben andere Finanzdienstleister und institutionelle Anleger überschüssige Gelder bei uns angelegt und dafür einen geringeren Negativzins als bei der SNB bezahlt, sagt Sprecher Stefan Kaspar. Clientis konnte so den Zinserfolg im ersten Halbjahr um 350 000 Franken verbessern.

Auch die Berner Valiant konnte in der gleichen Periode fünf Basispunkte Ertrag aus dem Umfeld der Negativzinsen erwirtschaften, wie die Bank mitteilt. Dies bei einer Freibetragsgrenze von 2,8 Milliarden Franken. Allerdings reiche die aktive Bewirtschaftung bei Valiant nicht aus, um wegfallende Erträge wegen der Negativzinsen zu kompensieren.

Dass zahlreiche Retail- und Staatsbanken überhaupt an den Negativzinsen verdienen können, liegt im Meccano der Freigrenze begründet. Die Freigrenze entspricht nämlich dem 20-Fachen der Mindestreserve, die eine Bank bei der SNB halten muss. Die Mindestreserve bemisst sich prozentual an den kurzfristigen Verbindlichkeiten der Bank gegenüber Sparkunden und anderen Instituten. Kantonal- und Retailbanken haben naturgemäss mit ihrem Zinsdifferenzgeschäft grosse Spareinlagen und müssen eine entsprechend hohe Mindestreserve bei der SNB halten – was wiederum zu einer relativ hohen Freigrenze führt. Ganz im Gegensatz zu Privatbanken, deren Vermögensverwaltungsgeschäft kleine Mindestreserven verlangt. Entsprechend tiefer sind die Freibetragsgrenzen, sodass Vermögensbanken ihre überschüssige Liquidität bei anderen Geschäftsbanken parkieren müssen, wollen sie nicht der SNB direkt die vollen 0,75 Prozent abliefern.

Die Währungshüter bleiben indes gelassen. Schon bei der Einführung der Negativzinsen habe man mit dieser Freibetrags-Praxis gerechnet, heisst es aus SNB-Kreisen. Beunruhigt sei man deswegen nicht, vielmehr sei es eine natürliche Folge davon, dass einige Institute durch die Negativzinsen stärker zur Kasse gebeten würden als andere.

Bereits kurz nach Einführung der Negativzinsen hatte der damalige SNB-Vize Jean-Pierre Danthine der Handelszeitung gesagt: Vermutlich wird man noch eine gewisse Umschichtung der Gelder zwischen den einzelnen Banken beobachten. Diese Umschichtung manifestiert sich jetzt in den Bilanzen (siehe Grafik). Doch darüber sprechen wollen viele Banken lieber nicht.

So schnellte bei der Schwyzer Kantonalbank der Bilanzposten Verpflichtungen gegenüber Banken von Ende 2014 auf 2015 von 50 auf 800 Millionen Franken, was einer Verfünfzehnfachung entspricht. Man betreibe ein aktives Liquiditätsmanagement, heisst es dazu lapidar bei der SZKB. Bei der Zuger KB verzehnfachte sich der Wert, wenngleich auf bescheidenem Niveau, von 2 auf 23 Millionen Franken. Details zum Bilanzmanagement kommuniziere man im Hinblick auf die Wettbewerbssituation im Markt nicht, so die Zuger KB.

Insgesamt stiegen von 2014 auf 2015 bei allen 26 Kantonalbanken die Verpflichtungen gegenüber Banken um 11 Milliarden Franken oder gut 22 Prozent. Ein Indiz, dass andere Institute die Kantonalbanken als preiswerte Negativzins-Alternative zur SNB nutzen.