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Italienische Rezepte

Axpo Der Stromkonzern kauft sich in Italien mit gut 50 Millionen Franken frei. Es geht um mutmassliche Mehrwertsteuer-Vergehen.

Mit Blaulicht und Sirenen fuhr die Guardia di Finanza bei der italienischen Axpo-Tochter am Hauptsitz in Genua vor. Das war im Herbst 2012. Die Steuerfahnder setzten den Schweizer Stromern damals das Messer auf die Brust: Entweder liefert Axpo rund 80 Millionen Euro als Faustpfand ab oder die Mailänder Staatsanwaltschaft schliesst vorsorglich die Büros. Es drohte gar der Entzug der Betriebslizenz und ein Strafbefehl gegen Spitzenkräfte, sagt ein Insider. Die Führung des Stromkonzerns in Baden lenkte ein, zog die Konfiskation aber vor Gericht und erhielt schliesslich im Herbst 2014 die beschlagnahmte Summe vor einem Mailänder Tribunal zurückerstattet. Allerdings liess die Finanzpolizei nicht locker im Fall.

Komplexe Kaskade

Nun – nach gut drei Jahren – ist das Steuerverfahren gegen die italienische Stromtochter offiziell vom Tisch. Ohne dass es zur Anklage gekommen wäre. Die Axpo hat sich nämlich zu einer Zahlung an den italienischen Fiskus in der Höhe von 53,8 Millionen Franken verpflichtet, die durch eine bereits erfolgte Rückstellung gedeckt ist.

Mit der aussergerichtlichen Einigung begleicht der Konzern Mehrwertsteuerausstände und ist zugleich das Ermittlungsverfahren gegen mehrere führende Mitarbeiter der italienischen Stromtochter los, darunter den Italien-Präsidenten Salvatore Pinto und Generaldirektor Simone De Marchi.

Allerdings will Axpo die Millionenzahlung an den ligurischen Fiskus nicht als „Schuldeingeständnis“ verstanden wissen, betont Konzernsprecher Tobias Kistner: „Die Zahlung wurde getätigt, um das Risiko eines lange andauernden Steuerstreits mit den italienischen Behörden zu minimieren.“ Man sei davon überzeugt, dass sämtliche Aktivitäten des Unternehmens stets auf voller Transparenz basierten und jederzeit in Einklang mit der nationalen und internationalen Gesetzgebung geschahen. Die italienische Tochter habe gemeinsam mit dem Konzern eine „umfassende interne Überprüfung“ zu den Sachverhalten und Geschäftsprozessen eingeleitet, um „ähnliche Vorkommnisse“ für die Zukunft auszuschliessen.

Allerdings bleibt in der Fiskal-Angelegenheit ein fahler Nachgeschmack. „Mit einigen Gegenparteien hätte man sich besser nicht ins Bett gelegt“, sagt ein Insider. Konkret geht es im vorliegenden Fall nämlich um einen mutmasslichen „Karussellbetrug“ mit CO2-Emissions-Zertifikaten in den Geschäftsjahren 2009 und 2010.

Grenzüberschreitendes Geschäft

Solche Emissionszertifikate werden elektronisch gehandelt – in geringen Volumen mit hohem Wert – und eignen sich deshalb besonders gut für ein internationales Steuervermeidungs-Schema. Dabei werden Lücken im Mehrwert- und Umsatzsteuer-Regime beim grenzüberschreitenden Güterverkehr geschickt ausgenutzt. Über eine komplexe Kaskade von Zwischenhändlern werden ausländische Emissionszertifikate weiterverkauft, ohne dass je dafür die Mehrwertsteuer an den Fiskus abgeführt würde. Doch die dazwischengeschalteten Firmen gingen pleite oder die Eigner zogen den Stecker, sodass die Fiskalforderungen letztlich wieder an der Axpo hängenblieben. Dabei soll keine aktive Manipulation seitens des Stromkonzerns vorgelegen haben, betont auch der Insider. Allerdings hätte man die Geschäftspartner wohl sorgfältiger auswählen müssen.

Die Aktion der italienischen Finanzpolizei hatte denn auch Axpointern Konsequenzen. So mussten jene Energiehändler, die direkt mit den besagten CO2-Zertifikaten handelten, das Unternehmen verlassen, wie Beteiligte berichten. Die oberste Führungsriege um Italien-Präsident Salvatore Pinto und Generaldirektor Simone De Marchi hat das ligurische Fiskalgewitter jedoch unbeschadet überstanden.

Dies ist insofern erstaunlich, als dass der Finanzablass an die italienische Steuerbehörde fast dem dreifachen Jahresgewinn einer Axpo Italia entspricht. So betrug der Gewinn der Gesellschaft mit ihren rund 130 Angestelten im letzten publizierten Geschäftsjahr 17,7 Millionen Euro. Dieser speist sich aus diversen Aktivitäten. Nebst dem Energie- und Zertifikatehandel unterhält die Axpo-Tochter verschiedene Gaskombikraftwerke, Windparks und langfristige Lieferverträge aus erneuerbaren Energien. Die italienische Axpo-Ländergesellschaft ist seit der Jahrtausendwende im Stiefelstaat aktiv.

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Im Herzen der Finsternis

Lonrho Der afrikanische Mischkonzern mit prominenten Schweizer Eignern betreibt in Äquatorialguinea mit dem dortigen Regime einen Freihandelshafen. Die Partnerschaft steckt in der Krise.

Seit den Festtagen steigt der Unmut im Marionettenstaat. Äquatorialguinea ist zwar eines der ölreichsten Länder der Erde. Doch an den Zapfsäulen fliesst zuweilen kein Benzin mehr. Schuld an der Versorgungskrise seien ausländische Mächte, behauptet die staatliche Ölgesellschaft GEPetrol. Die Lage in Äquatorialguinea ist angespannt. Die Politelite bangt um ihre finanzielle Machtbasis. Denn die anhaltende Ölpreis-Baisse hat den Strom an Petrodollars zum Rinnsal werden lassen.

Auch der afrikanische Mischkonzern Lonrho leidet unter dem Preiszerfall des schwarzen Goldes. Das Konglomerat der beiden Schweizer Milliardäre, Rainer-Marc Frey (Ex-UBS-VR) und Thomas Schmidheiny (LafargeHolcim-VR), an dem sich kürzlich auch BMW-Erbin Susanne Klatten beteiligt hat, ist breit und langfristig auf dem Kontinent investiert. In Äquatorialguinea hängt der Afrika-Multi mit Schweizer Kapital am Tropf der Ölindustrie.

Maritimes Zentrum

Lonrho betreibt an der Westküste der Hauptinsel Bioko den Freihandelshafen von Luba. Das maritime Logistikzentrum ist so gross wie 70 Fussballfelder und dient als Lebensader für Ölkonzerne, welche im Golf von Guinea ihre Bohrplattformen betreiben oder neue Felder erschliessen. Namhafte ausländische Energiegiganten wie ExxonMobil, die amerikanische Hess oder China National Offshore Oil stehen auf der Kundenliste der Luba-Logistik.

Doch die Geschäfte im natürlichen Tiefseehafen laufen nicht mehr wie geschmiert. Die Energiemultis fahren ihre Exploration zurück, was auch Lonrho schmerzt. „Der stark gefallene Ölpreis bringt sicherlich Herausforderungen, verschlechtert die wirtschaftliche Situation und somit müssen immer wieder die Strukturen angepasst werden“, sagt Miteigner Rainer-Marc Frey. Konkret bedeutet dies: Die Luba Freeport Limited hat auf Ende Jahr gut 30 einheimische Arbeiter entlassen, wie ein regimekritisches Internetportal berichtet. Der Jobabbau sei in Absprache mit der äquatorialguineischen Regierung erfolgt.

Im Gegensatz zu den meisten anderen Lonrho-Investments gehört der Luba Freeport nämlich nur zu 63 Prozent dem Afrika-Konglomerat. Die restlichen Anteile sind der Ölgesellschaft GEPetrol, die in Staatsbesitz ist. So geniesst der Petrohafen von Luba auch einen fiskalische Sonderstatus. Sämtliche Importe für die Ölindustrie sind steuerfrei. Zudem kann jedes Unternehmen, das sich im Hafengelände ansiedelt, auf vollständige Steuerbefreiung hoffen.

Im Freeport-Fall geht die Fiskaloptimierung noch weiter. So bucht Lonrho die Einkünfte aus Äquatorialguinea über eine Gesellschaft auf der Kanalinsel Jersey. Die Luba FreePort Ltd. hat gemäss Handelsregisterauszug im Geschäftsjahr 2014 einen Ertrag von umgerechnet 63 Millionen Franken abgerechnet. Dass die Sitzgesellschaft im Steuerparadies unter britischem Kronbesitz liegt, sei wegen der Rechtssicherheit, sagt ein Insider: „Sollte das Regime eines Tages den Hafen verstaatlichen wollen, könnte Lonrho wenigstens vor einem internationalen Schiedsgericht dagegen klagen.“ Eine Gefahr, die offenbar latent ist.

Denn um die künftige Staatsführung in Äquatorialguinea ist ein Machtkampf entbrannt. Der 74-jährige Diktator Teodoro Obiang – seit 1979 dank einem Putsch gegen seinen Onkel an der Macht – ist gesundheitlich angeschlagen. Im Rennen um dessen Nachfolge stehen zwei seiner Söhne. Sie streiten um den Einfluss über die Haupteinnahmequellen des Landes. Von diesem Machtpoker ist als Schlüsselelement für die Ölwirtschaft auch der Luba-Hafen tangiert, dessen staatliche Konzession offenbar bis 2028 läuft. „Lonrho versucht im Free-Port-Verwaltungsrat nach Kräften ausgleichend zu wirken, aber die politische Lage ist sehr schwierig“, sagt der Insider. Er geht davon aus, dass der Afrika-Multi den Hafen früher oder später devestiere, weil das Asset schlicht „zu riskant“ sei. Nicht zuletzt auch aus Reputationsgründen, denn Obiang ist der am längsten machthabende Diktator auf dem Schwarzen Kontinent und gilt als notorisch korrupt (siehe Box). Demgegenüber schreibt sich Lonrho unter Schweizer Führung auf die Fahnen, in Subsahara-Afrika stets sauber und korrekt zu geschäften.

Zur miserablen Menschenrechts- und Governance-Lage im Land will sich Rainer-Marc Frey nicht direkt äussern. Man habe den Luba-Hafen mit dem Kauf von Lonrho 2013 übernommen. Damals lag der Geschäftswert für Luba bei 80 Millionen Dollar. Inzwischen wurde dieser Wert auf null abgeschrieben, was „Teil einer generellen, vollständigen Korrektur über die gesamte Unternehmensgruppe gewesen ist“, erklärt Frey, der an der Hafen-Kooperation festhält. „Unser Partner ist die staatliche Erdölgesellschaft GEPetrol. Und bis zum jetzigen Zeitpunkt haben sich deren Vertreter uns und unseren Mitarbeitern gegenüber korrekt verhalten.“ Selbstverständlich betreibe man den Luba Freeport in Übereinstimmung mit Prinzipien des UN Global Compact, „wie all unsere Aktivitäten in Afrika“. Dieser Pakt zwischen Unternehmen und den Vereinten Nationen soll die Globalisierung „sozialer und ökologischer“ gestalten. Eine Zielsetzung, die sich in einer Kleptokratie wie Äquatorialguinea als schwierig erweist.

Ghanaischer Widerstand

Nicht nur über dem Investment in Äquatorialguinea hängt ein dunkler Schatten. Auch in Ghana hat Lonrho zu kämpfen. Das Konglomerat will im westafrikanischen Land einen Freihandelshafen bauen. Über den Atuabo Freeport sollen künftig Öl- und Gasgeschäfte abgewickelt werden. Es geht um ein Investitionsvolumen in der Höhe von 600 Millionen Dollar. Die ghanaische Regierung unterstützt das Investitionsvorhaben nach Kräften und garantiert Lonrho 25 Jahre Exklusivität und Steuererlass. Doch einzelne Politiker und Gewerkschafter laufen gegen den Atuabo Freeport Sturm und wollen das Grossprojekt auf dem Rechtsweg stoppen. Die Einsprache ist vor Gericht hängig, während sich das wirtschaftliche Umfeld stetig eintrübt. Ghanas Öleinkünfte sinken, das Haushaltsdefizit steigt. Und auch wenn Atuabo mehr Effizienz im ghanaischen Brennstoffgeschäft bringt, das millionenschwere Hafenprojekt steht unter einem schlechten Stern.

Insofern erstaunt es nicht, dass Lonrho gemäss einem Insider auf andere Zweige im Konglomerat fokussiert. Ein Schwerpunkt im südlichen Afrika (Südafrika, Mosambik) soll die Lebensmittel-Logistik werden, die überdies weniger kapitalintensiv ist als das Infrastrukturgeschäft. Dazu passt auch die Wahl des neuen Lonrho-CEO Roland Decovret. Der Ex-Nestlé-Manager ist im Kongo aufgewachsen und kennt die Subsahara-Märkte und das Nahrungsmittel-Geschäft aus dem Effeff. Er bringe jene operative „Hands on Africa“-Erfahrung mit, welche der Lonrho-Führung bisher gefehlt habe.

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Diskrete Diener

Family Offices Das Geschäft mit grossen Vermögen floriert in der Schweiz. Doch die Serviceindustrie für Schwerreiche ist verschwiegen. Ein Besuch vor Ort.
Neugierige Blicke haben es schwer am Zürcher Bellevue. Milchglas, Fingerscanner, Sicherheitstüre – die Büros des Marcuard Family Office sind gut geschützt. Drinnen empfängt Gründer Ulrich Burkhard in einem grosszügigen Sitzungszimmer, abstrakte Kunst an den Wänden, Bilderbuchpanorama aufs Seebecken. „Das Ziel ist es, die nachfolgende Generation behutsam ans Vermögen zu führen“, sagt Burkhard. Der 54-jährige Finanzmann spricht von der Nachfolgeplanung vermögender Familien, ein „absolut faszinierender Prozess“. Sie ist die Kür für Family Offices und kann sich über fünf bis zehn Jahre hinziehen. „Es geht darum, dem Übergangsprozess die Emotionalität zu nehmen.“ Mindestens so wichtig wie die Vermögens- seien dabei die Familienwerte. „Arbeitsethik und Ausbildung entscheiden letztlich über den Erfolg der Nachfolger.“

Burkhard, ein ehemaliger Vontobel-Banker, hat das Marcuard Family Office um die Jahrtausendwende mit zwei Partnern gegründet. Auf der „grünen Wiese“, wie er sagt. Nach arbeitsreichen 18 Monaten war die Gewinnschwelle erreicht. Inzwischen betreut Marcuard ein paar Dutzend Familien, die meisten stammen aus der Schweiz. Einige Klienten leben auch in den USA, Israel und Grossbritannien. Sie vereinen rund 3,5 Milliarden Franken an Vermögenswerten – liquide Assets und Direktanlagen. Das Zürcher Family Office Marcuard steht damit beispielhaft für eine Branche, die nur selten Einblick gewährt.

„Wir setzen seit Anbeginn auf eine offene Architektur, um mögliche Zielkonflikte auszuschliessen“, sagt Burkhard. Was die gut 30 Spezialisten nicht „inhouse“ in Zürich leisten können, wird möglichst „best in class“ eingekauft. Burkhard ist dabei die Abgrenzung zur kommunen Bank wichtig, wo häufig nicht die besten, sondern die eigenen Produkte in den Kundenportfolios landen. Es geht also um die absolute Unabhängigkeit. Die Trennung zwischen strategischer Vermögensplanung und Ausführung sei deshalb für Family Offices zentral.

Der Firmengründer unterstreicht die langfristige Perspektive des Geschäfts. „Vermögende Familien wollen nicht alle zwei, drei Jahre einen neuen Relationship Manager erhalten, dem sie ihre Geschichte aufs Neue erzählen müssen.“ Da Family Offices wie Marcuard im Vergleich zu Banken nur sehr wenige Klienten betreuen, ist die Beziehung zwangsläufig intensiver und damit intimer als bei den industriellen Grosskonkurrenten von der Bahnhofstrasse. „Bei manchen Kunden gehört man über die Jahre fast zur Familie.“ Der Job verlange viel persönliches Engagement ab.

Immer mehr Banker satteln um

Dabei floriert das Geschäft mit reichen bis schwerreichen Familien in der Schweiz. „Immer mehr Banker satteln um und gründen Multi Family Offices. Dieser Trend wird voraussichtlich anhalten“, sagt Philippe Monti, Chef von Quilvest. Dessen Family-Office-Arm verwaltet 8 Milliarden Franken. Die Kunden kommen mehrheitlich aus dem Ausland – insbesondere Familien aus Lateinamerika und dem Mittleren Osten. Am Anfang stand bei Quilvest eine Familie, die Bembergs. Deutsche Auswanderer, die in Argentinien ein Vermögen mit Bierbrauen machten. Die Marke Quilmes ist das „Feldschlössli“ der Gauchos. Heute gehört der traditionsreiche Gerstensaft dem AmBev-Konzern. Die Bembergs verkauften das Bier-Business, diversifizierten und öffneten ihr Single Family Office zunächst Freunden und später anderen Vermögenden. Ein Prozess, der sich über Jahrzehnte hinzog.

Inzwischen ist Quilvest ein vollintegrierter Finanzdienstleister mit Banklizenz. Ab 50 Millionen Franken an „bankable assets“ steht solventen Familien die volle Leistungspalette zur Verfügung. Zum Beispiel ein vierköpfiges Team, das den Reichen in allen Lebenslagen zur Hand geht: „Ob Blumen, Reisen oder Restaurantreservationen, der Concierge-Service steht unseren Familien rund um die Uhr zur Seite.“ Auch für die persönliche Intergrität sind Offices besorgt: „Wir haben für einige Familien, die wir betreuen, ein Sicherheitsdispositiv erarbeitet“, sagt Kaspar Grob von Helvetic Trust, der ebenfalls Gutsitutierte bedient. Solche individuellen Dienste sind zwar finanziell vernachlässigbar, aber für die Kundenbindung Gold wert.

Zum Kerngeschäft eines jeden Family Office gehört dagegen, dass sie ihren Familien stets das „big picture“ liefern. „Am Anfang der Arbeit steht eine kompetente Konsolidierung aller relevanten Vermögenswerte, vom Aktienportfolio bis hin zur Superyacht“, sagt Grob. Eine solche Inventur und Bewertung aller Besitztümer könne gut und gerne gegen 100 000 Franken kosten.

Der Family-Office-Begriff ist nicht geschützt

In solch einer Konsolidierung zeigt sich ein weiterer Unterschied zur Vermögensverwaltung einer Bank, der gegenüber die Kunden häufig nur einen Teil ihrer Vermögenswerte offenlegen. Die finanzielle Gesamtschau – gepaart mit sehr persönlichen Dienstleistungen und der langfristigen Beziehung – führt zu einem enormen Wissen der Offices über ihre Familien und deren Mitglieder. „Dieses Vertrauen muss man sich zuerst erarbeiten. Diskretion ist dabei das höchste Gut“, sagt Quilvest-Chef Monti und liefert damit auch ein Argument, weshalb über die Schweizer Family-Office-Landschaft kaum etwas bekannt ist – obwohl die verwalteten Vermögen in den Family Offices locker mit denen kleiner und mittlerer Privatbanken mithalten können. Im Gegensatz zu konkurrierenden Finanzplätzen wie Luxemburg ist in der Schweiz der Begriff „Family Office“ nicht geschützt oder irgendwie reguliert. Auch ein Branchenverband fehlt. Das Leistungsspektrum und die Professionalität der Services divergiert deshalb stark.

Der geschlossene Family-Office-Kosmos macht es Reichen denkbar schwer, das passende Angebot für ihre Millionen oder Milliarden zu finden. Ein Umstand, aus dem die Genfer Privatbank Union Bancaire Privée (UBP) seit letztem Jahr ein Geschäft macht. UBP hat nämlich einen Multi-Family-Office-Vermittler initiiert. Dessen Herzstück ist eine Datenbank mit 400 Schweizer Family Offices – von der Einzelmaske bis hin zum internationalen 50-Mann-Betrieb. Die einzigartige Datenbank lässt sich nach 60 Variablen abfragen: Können die Manager indisch? Wie steht es um Philanthropie-Projekte in China? Wer kann europäische Privat-Jet-Crews betreuen? Nach der Datenbank-Triage folgt der Besuch vor Ort. Ist der Beauty-Contest am Ende erfolgreich und das passende Family Office gefunden, hofft UBP darauf, dass die High und Ultra High Net Worth Individuals die Genfer als Depotbank berücksichtigen.

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Münchner Freiheit

St. Galler Kantonalbank Das Staatsinstitut verbrennt mit ihrer Deutschland-Tochter seit der Gründung jedes Jahr Millionen. Nun wirft der langjährige Chef den Bettel hin.

Hans-Kaspar von Schönfels ist ein feingeistiger Mensch. Doch wenn er auf die St. Galler Kantonalbank Deutschland zu sprechen kommt, verliert der Herausgeber des „Elite Reports“, der Vermögensverwalter testet, die Contenance. „Man zog stets die falschen Leute an, Qualität und Zahlen stimmen seit Jahren nicht.“ Die Kantonalbank-Tochter schreibe durchwegs rot. Sein Fazit: „Die Vorstände kommen und gehen, die hohen Verluste bleiben.“

Der jüngste Abgang ist Christoph Lieber. Seit Anbeginn sass der Schweizer in der Geschäftsleitung, seit 2013 leitete er die Deutschland-Tochter in München. Gemäss St. Galler Kantonalbank (SGKB) ist er massgeblich „am erfolgreichen Aufbau der Tochtergesellschaft“ beteiligt gewesen und verlasse das Unternehmen auf „eigenen Wunsch“.

Doch in der Bankenszene ist das Kopfschütteln gross, wenn die Sprache auf die SGKB kommt: Die Deutschland-Tochter hat zwischen 2009 und 2014 über 40 Millionen Euro an Verlusten angehäuft. Mehrfach musste der Businessplan angepasst werden. Und die Gewinnschwelle rückte immer weiter nach hinten (siehe Grafik). Mittlerweile hoffen die SGKB-Oberen auf den Breakeven im Jahre 2020, das wäre elf Jahre nach der Gründung. Das belegt, dass die defizitäre Tochter in München immer noch grosse Freiheiten geniesst – und das bei einem Institut, das zu 54,5 Prozent in Kantonsbesitz ist.

SGKB-Sprecher Simon Netzle sagt, dass die Gewinnschwelle aus zwei Gründen verschoben wurde. Einerseits habe man sich an die „aktuellen Entwicklungen an den Finanzmärkten“ angepasst. Anderseits habe die Eröffnung der Zweigstelle in Frankfurt „entsprechende Vorinvestitionen“ notwendig gemacht. Zudem betont der SGKB-Sprecher, der Einzelabschluss der deutschen Tochter sei „nicht aussagekräftig“ für die „Profitabilität des Deutschlandgeschäftes“. „Kunden können selber bestimmen, ob sie in Deutschland oder in der Schweiz betreut werden möchten und ob ihre Vermögenswerte in Deutschland oder in der Schweiz verwahrt werden sollen.“ Wie hoch der positive „Spill-over“ in die Schweiz ist, sagt die Bank nicht.

Strategie als Versuchsobjekt

Angesichts wiederholter Adjustierungen wurde die Luft für Deutschland-Chef Lieber immer dünner. „Er wurde aus der Bank gedrängt“, sagen zwei voneinander unabhängige Quellen. Offenbar wollte die SGKB ihm einen Vorstand aus der Zentrale als „Aufpasser“ zur Seite stellen. Der Deutschland-Chef zog wohl den Exit vor. Liebers Arbeitsvertrag läuft noch bis August 2016, bevor er sich „einer neuen unternehmerischen Aufgabe widmet“, sagt die Bank. Bereits ab Januar amtet der neue Deutschland-Chef Walter Ernst, der mehrere Jahre die Vadian Bank leitete.

Der jüngste Chefwechsel ist symptomatisch für ein Auslandsabenteuer, das seit Anbeginn unter einem schlechten Stern steht. Beim Markteintritt 2009 klotzen die St. Galler im grossen Kanton: Vollbanken-Lizenz, 30 Millionen Euro Eigenkapital und Büros an Münchens Prachtmeile Maximilianstrasse. Alleine die Miete in München soll jährlich eine hohe sechsstellige Summe betragen. Zu Beginn herrscht Euphorie: „Wir bauen keine Bank als Versuchsobjekt, sondern um dauerhaft zu bleiben“, sagte der erste Deutschland-Chef Hans-Jürgen Röwekamp in der „FAZ“.

Ein Versuchsobjekt bleiben jedoch Geschäftsmodell und Strategie. Nebst vermögenden Privaten will die SGKB am Anfang auch externe Vermögensverwalter bedienen. Headhunter schwärmen aus, um Fachkräfte für die Sparte zu rekrutieren. Keine zwei Jahre später wird die Zwei-Säulen-Strategie aber versenkt. Man habe mit der Aktion bei Bankern „verbrannte Erde“ hinterlassen, sagen mehrere Quellen.

Mit institutionellen Anlegern ist in der Tat kein Geschäft zu machen. „Wir liefen regelmässig auf. Die Bank war schlicht zu teuer und hatte kein Alleinstellungsmerkmal. Da hilft Ihnen auch Swissness wenig“, erinnert sich ein Ex-Mitarbeiter. Im Geschäftsbericht 2009 heisst es vielsagend: „Für den Bereich der institutionellen Kunden blieb der Geschäftsverlauf ebenfalls hinter unseren Planwerten zurück.“ Und bald darauf ist auch Chef Röwekamp weg.

Auf keinen grünen Zweig

Fortan gilt der Fokus dem Vermögensmanagement für Private ab einer halben Million Euro. Es schlägt die Stunde von Christoph Lieber, der zunächst mit Kurt Soentgerath Deutschland führt. Soentgerath gibt den Aussenminister, Lieber den Verbindungsmann nach St. Gallen. Vor allem mit Privatbank-Leiter Daniel Lipp unterhält er ein Vertrauensverhältnis. Beide sind im Crossborder-Geschäft der UBS gross geworden. Lieber arbeitete zeitweise für die Grossbank auf den Bahamas. Nun muss er fürs In stitut im Mehrheitsbesitz des Kantons St. Gallenn den kostenbewussten „Onshore“-Banker geben. „Rentabilität kommt vor Wachstum“, lässt er in der „FuW“ verlauten und will im gleichen Atemzug nach Hamburg und Berlin expandieren. 2012 öffnet die Filiale in Frankfurt am Main. Sie hat das Münchner Stammhaus mittlerweile punkto verwalteten Vermögen überflügelt. Bei der SGKB schöpft man Hoffnung. Der Strohhalm ist das Steuer abkommen mit Deutschland. Es soll regularisierte Vermögenswerte in die Heimat schwemmen. Doch das deutsche Parlament sagt Nein. Spätestens dann war klar, dass die deutsche Tochter organisch auf keinen grünen Zweig kommt. Die verwalteten Vermögen dürften inzwischen bei 1 bis 2 Milliarden Euro liegen. „Zu wenig, um eine Vollbank zu rechtfertigen“, sagt ein Ex-Manager. Nachhaltige Profitabilität sei ab 10 Milliarden sicher

Dabei gab es Opportunitäten. So hätten die St. Galler mit der Reuschel Bank zusammengehen können, die mehrere Milliarden verwaltet. Doch den „Merger of Equals“ wollte man in der Gallusstadt nicht. Später wird die Rückgabe der Lizenz diskutiert, was massive Kosteneinsparungen gebracht hätte. Solche Optionen wurden jedoch verworfen.

Dennoch versprüht SGKB-Sprecher Netzle auch nach sieben roten Jahren weiter Optimismus: „Aktuell liegt die operative Entwicklung der Tochterbank sehr erfreulich über dem Business Case.“ Das zeigt: Die Hoffnung stirbt in St. Gallen zuletzt.

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Fahrstuhl zum Schafott

Bankgeheimnis Bern will Kundendaten der UBS an die Niederlande liefern. Die Amtshilfe öffnet ausländischen Steuerbehörden Tür und Tor.

Es ist brisante Behördenpost aus Bern. In diesen Tagen verschickt die Eidgenössische Steuerverwaltung (ESTV) die Schlussverfügung zum Amtshilfeersuchen des „Belastingdienst“. Mit dem Begehren will die niederländische Steuerbehörde rückwirkend bis Februar 2013 an die Kontostände mutmasslich steuersäumiger UBS-Kunden kommen. Nun hat die ESTV die Anfrage der Niederländer für „zulässig“ erklärt, wie Recherchen der „Handelszeitung“ zeigen. Den Betroffenen bleibt 30 Tage Zeit, vor Bundesverwaltungsgericht zu gehen. Ansonsten fliessen die Daten nach Den Haag, wo den Steuersündern happige Bussen drohen.

Für Fiskalexperte Tobias F. Rohner von der Kanzlei Froriep ist der Entscheid ein Fanal: „Wenn das Gruppengesuch der Niederländer durchkommt, ist der Dammbruch im Ausland-Bankgeheimnis da. Dann wird jedes andere Land die Anfrage der Holländer eins zu eins kopieren, und zwar nicht nur für die betroffene Grossbank, sondern für alle Schweizer Banken.“ Der automatische Informationsaustausch (AIA) wäre so faktisch rückwirkend bereits eingeführt, sagt Rohner. Es ist ein Drama in drei Akten (siehe Chronologie).

Das Schreiben der UBS

Der Aufruhr in Anwaltskreisen und bei betroffenen Bankkunden ist verständlich. Die niederländische Gruppenanfrage, die offenbar zwischen 300 bis 400 Kunden erfasst, hat es in sich. Holen doch die Steuervögte im Tulpenstaat mit den Weissgeldbemühungen der UBS zum finalen Schlag gegen das Ausland-Bankgeheimnis aus. Der Belastingdienst beruft sich dazu in seinem Gruppenersuchen auf ein Kundenscheiben der Grossbank vom August 2014. Darin fordert die UBS ihre niederländischen Klienten mit Schweizer Offshore-Konto ultimativ auf, ihre Gelder zu regularisieren beziehungsweise subito das EU-Zinsbesteuerungsformular auszufüllen.

Wer damals nicht innert 30 Tagen freiwillig offenlegte, den setzte die Grossbank vor die Tür, liquidierte seine Vermögenswerte und stellte einen Scheck aus. Das Kündigungsschreiben war die letzte Stellschraube in einer Weissgeldmechanik, welche die UBS ab 2012 in Kraft setzte. Damals hatte die Grossbank die Einhaltung der Steuerpflicht in den Allgemeinen Geschäftsbedingungen erstmals stipuliert. Die UBS kommentiert das laufende Verfahren nicht.

Das Weissgeldultimatum der Bank vom August 2014 ist dann über einen Selbstanzeiger in die Hände des niederländischen Fiskus geraten, der nun seine Gruppenanfrage darauf aufbaut. „Die Anfrage basiert auf der wahrscheinlichen Vermutung, dass einer eine Steuerhinterziehung begangen hat, wenn er nicht auf das Schreiben zur Steuerregularisierung der Grossbank reagiert hat“, sagt Rohner. Ansonsten hätte der UBS-Kunde ja guten Gewissens auf das Schreiben reagieren können. Dieser Logik des Belastingdienst sind auch die Steuerbeamten des Bundes gefolgt.

Nun wird die Dimension des ESTV-Entscheids ersichtlich. Denn ähnliche Regularisierungsschreiben haben in den letzten Jahren zig andere Schweizer Banken an ihre steuerpflichtigen Offshore-Kunden im Ausland verschickt. Robin Middel, Sprecher der niederländischen Steuerbehörde, will die UBS-Anfrage in Bern denn auch bloss als „Pilotprojekt“ verstanden wissen: Wenn es funktioniere, wonach es jetzt aussehe, dann werde man Gruppengesuche für Kunden weiterer Banken stellen, kündigt Middel an.

Die dazugehörige Pipeline in Den Haag ist bereits prall gefüllt. „Wir besitzen die Schreiben von zwei weiteren Schweizer Banken“, sagt der Behördensprecher, ohne die Institutsnamen zu verraten. Die Kandidaten sind indes zahlreich. Zu den Schweizer Privatbanken gehören in den Niederlanden beispielsweise Julius Bär, UBP, aber auch J. Safra Sarasin, die grenznahe Basler Kantonalbank, Credit Suisse sowie Julius Bär.

 Die Anfrage der Niederländer

Die Schreiben der Schweizer Banken sind die Früchte eines Selbstanzeiger-Programms, das in den Niederlanden bis Mitte 2014 lief und es erlaubte, ohne Busse seine ausländischen Vermögenswerte offenzulegen. Rund 10 000 Niederländer mit Schweizer Offshore-Konten nahmen am Programm teil. Auf den hiesigen Konten lagen unversteuerte Vermögenswerte in der Höhe von 7,3 Milliarden Euro. Es ist ein Honigtopf für klamme Staatskassen: Aus dem Selbstanzeiger-Programm erzielten die Niederlande einen ausserordentlichen Ertrag von 863 Millionen Euro an Steuern, Verzugszinsen und Geldstrafen. Es laufen bereits weitere „Projekte“. So gibt es in den Niederlanden Medienberichte, wonach Steuerbehörden gezielt nach Einheimischen mit ausländischen Kreditkarten fahnden. Solche „kredietkaarts“ waren ein beliebtes Mittel, um diskret Schwarzgeld einzusetzen.

Dass der niederländische Fiskus nach der sanften Selbstanzeiger-Tour nun ausgerechnet UBS-Kunden als Erste ins Visier nimmt, ist nur folgerichtig. Schliesslich hatten 45 Prozent der „schweizerischen Selbstanzeiger“ ein Konto bei der Grossbank. Diese Zahl findet sich im Gruppenersuchen, das der Belastingdienst am 23. Juli bei der ESTV in Bern eingereicht hat. Dabei interessiert sich der niederländische Fiskus im „information request“ nur für „Ansässige mit einem Bankkonto bei der UBS in der Schweiz“, das ab Februar 2013 mindestens 1500 Euro aufweist. Angesichts einer Steuerfreigrenze von 20 000 Euro für Alleinstehende sei der Betrag geradezu „lächerlich tief“ angesetzt, meint ein holländischer Anwalt. Wie eine „fishing expedition“ – also eine plumpe Beweisausforschung – wirke auch, dass die Antwortsverweigerung auf ein Bankschreiben bereits zum Verdacht auf Steuerhinterziehung reiche. „Schliesslich könnte der UBS-Kunde das Schreiben auch schlichtweg übersehen oder nicht erhalten haben“, so der Anwalt.

Doch die Hürden zur Steueramtshilfe sind denkbar tief. Die Gründe müssten schon zwingend sein, dass die ESTV dem niederländischen Ersuchen nicht stattgeben könne, sagt Tobias F. Rohner. Der Steuerrechtler sieht in der niederländischen Anfrage vielmehr ein Grundproblem. „Die Abgrenzung zwischen erlaubtem Gruppengesuch und ‹fishing expedition› ist nicht trennscharf zu machen, sofern sie überhaupt machbar ist.“ Mit der Konsequenz, dass die bestehenden Doppelbesteuerungsabkommen (DBA) in Kombination mit der internationalen Amtshilfe in Steuersachen das Ausland-Bankgeheimnis vor Einführung des automatischen Informationsaustauschs ab 2018 aushebeln. Den mutmasslichen Steuerhinterziehern droht also rückwirkend die Kriminalisierung. Die Informationsauskunft in den DBA gilt nämlich auf das Folgejahr nach dessen Unterzeichnung. Zudem versprechen Gruppenanfragen nach niederländischem Muster breitflächige Datenlieferungen à la AIA. Dies weckt Begehrlichkeiten. „Die Niederlande sind erst der Anfang – Deutschland, Frankreich oder Italien werden folgen“, ist ein holländischer Anwalt überzeugt.

Der Entscheid der ESTV

Angesichts dieser Tragweite hat sich die Bundesverwaltung mit dem niederländischen „information request“ offenbar schwergetan. „Innerhalb der ESTV gab es intensive Diskussionen wegen des Gruppenersuchens“, sagt ein Insider. Doch die Schweiz ist in Steuer fragen international unter Druck, das Dossier entsprechend heikel. Eine Abfuhr hätte für zwischenstaatliche Irritationen gesorgt.

Jedenfalls kommt die ESTV Ende Oktober in der Schlussverfügung zum Fazit: Aus dem Sachverhalt im Gruppenersuchen ergebe sich der begründete Verdacht, „dass die Steuerpflichtigen der Gruppe eine Steuerhinterziehung begangen haben“. Das Gruppenersuchen stehe im Übrigen in Zusammenhang mit einer Untersuchung des Belastingdienst, die aufgrund eines konkreten Verdachts auf Steuerhinterziehung eingeleitet wurde. „Daraus folgt, dass das Gruppenersuchen keine ‹fishing expedition› darstellt“, so die ESTV.

Die Frage, ob es sich um eine Beweisausforschung handelt oder nicht, dürfte bald das Bundesverwaltungsgericht beschäftigen. „Meine Mandanten werden vermutungsweise gegen das Amtshilfeersuchen vor Bundesverwaltungsgericht Beschwerde erheben wollen“, sagt Tobias Rohner. Doch die Chancen vor Gericht stehen schlecht. Stellvertretend für viele seiner Zunft äusserte sich Jurist Urs Zulauf, verantwortlich für die Kundensteuerpolitik bei der Grossbank Credit Suisse, kürzlich auf einem Fachpodium: „Ich wäre nicht überrascht, wenn das Gericht die Amtshilfe gewähren würde.“ Affaire à suivre.

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Zum Wachsen verdammt

Notenstein Die Raiffeisen-Tochter schliesst die Integration der Basler La Roche ab. Ihr Chef Adrian Künzi geht schon wieder auf Brautschau.

Am letzten Oktober-Wochenende gilt es, Überstunden zu schieben. Dann wird über Nacht aus der Privatbank Notenstein für alle sichtbar“Notenstein La Roche“. Will heissen: Türschilder, Produktblätter und Plakatfronten müssen dann – neudeutsch – „gerebrandet“ werden. Der Markenwechsel markiert den Abschluss der im Februar angekündigten Übernahme der traditionsreichen Basler La Roche & Co Banquiers durch Notenstein, den Privatbankarm der Raiffeisen-Gruppe, welcher aus der St. Galler Wegelin hervorging.

Dass die genossenschaftliche Landbank nach dem“Daig“-Institut greifen darf, hat viele Marktteilnehmer positiv überrascht. Notenstein-Chef Adrian Künzi spricht nicht ohne Stolz von einer Basler“Perle im Private Banking“. Deren Aufwand-Ertrags-Verhältnis betrug zuletzt 68 Prozent, was ein sehr guter Wert ist.“La Roche hätte zu jeder anderen Schweizer Bank gehen können“, ist Künzi überzeugt. Den Ausschlag zugunsten der Notenstein hätten der“persönliche Kontakt“ und das“gleiche kulturelle Fundament“ gegeben. Man habe eben dieselben Wurzeln als Handelsbank der Textil- beziehungsweise Seidenbandindustrie.

Tradition und Kontinuität strebt der designierte“Notenstein La Roche“-Chef Künzi auch in der künftigen Bankführung an. So arbeitet ein Grossteil der bisherigen La-Roche-Teilhaber weiter in der Basler Dependance mit. Was als Vertrauensbeweis für die Notenstein-Truppe gewertet werden darf.

Im Gegenzug wird La-Roche-Miteigner Christoph Gloor die Region Basel in der“Notenstein La Roche“-Geschäftsleitung vertreten. Nach der Dealverkündung im Frühjahr hatte der Ex-Privatbank-Präsident Gloor noch versprochen, dass alle 100 La-Roche-Mitarbeiter übernommen würden. Nun sind es deren 70. Etwa fünfzehn übernehmen Funktionen innerhalb der Raiffeisen Gruppe, der Residualbank oder werden frühpensioniert. Der Rest erhält einen befristeten Vertrag bei NotensteinLa Roche.“Niemand steht ohne nichts da“, betont der designierte“Notenstein La Roche“-Chef Künzi. Dass die Integration der Basler Bank bisher reibungslos ablief, zeigt der Umstand, dass nur etwa 200 Millionen Franken an Kundengeldern nach der Dealverkündigung abflossen. Die La-Roche-Übernahme spült damit zwischen 5 und 6 Milliarden Frankenb an Kundengeldern in dieNotenstein-Tresore.“Damit kommen wir beim Closing voraussichtlich auf rund 21 Milliarden Franken an verwalteten Vermögen. Ende Jahr erwarten wir ein Aufwand-Ertrags-Verhältnis von 80 Prozent“, sagt Adrian Künzi im Gespräch.

Der Notenstein-Zahlenkranz dürfte Patrik Gisel trotzdem keine Freude bereiten. Der neue Raiffeisen-Chef setzte den Berner Künzi mehrfach öffentlich unter Erfolgsdruck.“Eine Verdoppelung der Vermögen unter Verwaltung auf rund 40 Milliarden Franken wäre ideal“, sagte Gisel im Sommer. Und jüngst erklärte er gegenüber der“Schweizer Bank“, dass Notenstein weiter wachsen müsse, und fügte an:“Wir werden dieses Jahr die Cost-Income-Ratio unter 80 Prozent korrigieren können.“

Magerer Bruttogewinn

Denn eins ist klar: Um der Raiffeisen-Gruppe als Ausgleichsmasse dienen zu können, mussNotenstein deutlich an Gewicht zulegen.“Wir sollten mindestens 10 Prozent zum Raiffeisen-Gruppenergebnis beisteuern, um diversifizierend zu wirken“, sagt Notenstein-Chef Künzi. Davon ist man noch meilenweit entfernt: Im letzten Jahr wies die Privatbank einen mageren Bruttogewinn von 7 Millionen Franken aus. Die Raiffeisen-Gruppe erwirtschaftete im selben Zeitraum 1062 Millionen Franken. Zwar dürfte sich die Ertragslage nach der Auslagerung des Asset Management an Vescore und der La-Roche-Integration markant verbessern.“Wir wollen mindestens mit dem Schweizer Markt mitwachsen, was einer Neugeldrate von 2 Prozent entspricht“, sagt Künzi, der in den Regionen Zürich, Zentralund Westschweiz weiteres Potenzial sieht.

Doch die organischen Wachstumsziele in einem gesättigten Schweizer Markt reichen bei Weitem nicht aus, um Gisels Vorgaben zu erreichen. Das weiss auch Künzi.“Notenstein ist offen für Zukäufe“, sagt der Bankchef, der kontinuierlich Sondierungsgespräche führt.“Für konkrete Deals ist es allerdings noch zu früh.“

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SAB-Miller und AB InBev Die Schweiz-Connection beim Mega-Deal der Bierbrauer

SAB-Miller und AB InBev Die angekündigte Übernahme des britischen Brauereikonzerns SAB-Miller durch den belgischen Weltmarktführer Anheuser-Busch InBev hat Konsequenzen für die Schweiz. Der Getränkeriese SAB-Miller, der für 105 Milliarden Franken den Besitzer wechselt, betreibt im Grossraum Zug diverse Konzernfunktionen.

Wie es für die Mitarbeiter der SAB-Miller in der Schweiz nach dem Deal weitergeht, ist unklar. Der Europa-Hauptsitz administriert seit 2007 in Zug SAB-Miller-Brauereien in acht Ländern und steuert den Vertrieb auf dem Kontinent für Bier und Softdrinks. Europa-Chefin Susan Clark erwirtschaftete mit ihrer Sparte im letzten Geschäftsjahr einen Betriebsgewinn von 700 Millionen Dollar.

AB InBev – Globales Beschaffungswesen

Im zugerischen Steinhausen orchestriert SAB-Miller mit der Procurement GmbH das gesamte globale Beschaffungswesen: Ob Brauutensilien, Verpackungsmaterial oder Maschinen – das SAB-Miller-Team am Zugersee kauft jährlich im Umfang von mehreren Milliarden Dollar ein.

Daneben wickelte der britische Konzern Deals über hiesige Finanzgesellschaften wie Bevman Services oder Newark Investments ab, die zu SAB-Miller gehören. Ein Konzernsprecher wollte nicht sagen, wie viele Mitarbeiter SAB-Miller in der Schweiz beschäftigt und wie es für den Standort weitergeht.

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Zwischen Hype und Hybris

Silicon Valley Im kalifornischen Technologietal schicken sich junge Wilde an, den Banken mit Finanztechnologie das Fürchten zu lehren. Ein Werkstattbericht.

Unten sind die Schalterhallen der vornehmen First Republic Bank. Oben im 31. Stock hat Coinbase die Büros. Und dazwischen liegen Welten beziehungsweise eine Liftfahrt in San Franciscos Finanzdistrikt. Denn der Kontrast zwischen klassischem Schaltergeschäft und Fintech könnte nicht grösser sein.

Klösterliche Stille

„Wir sind die weltgrösste Wechselstube, Börse und Bank für die Digitalwährung Bitcoin“, sagt Dan Romero zur Begrüssung. Romero treibt für Coinbase die internationale Expansion voran und führt den Besucher aus der Schweiz durchs Fintech. Vorbei an der Powerriegel-Ecke und dem Extra-Large-Kühlschrank mit frischen Smoothies geht es ins Siebzigerjahre-Grossraumbüro, in dem gut zwei Dutzend Programmierer mit grossen Kopfhörern vor noch grösseren Bildschirmen hocken. Während unten auf dem Trottoir die Grossstadt tobt, herrscht hier in luftiger Höhe klösterliche Stille. Leise summen die Server, zwischendurch ein dumpfer Klick.

Coinbase gibt es seit drei Jahren. Die Bitcoin-Bank ist bereits in 28 Ländern tätig. Das in Frisco gegründete Fintech hat für die Expansion namhafte Geldgeber wie die New York Stock Exchange an Bord geholt. Über 100 Millionen Dollar Risikokapital sind so bislang zusammengekommen. Schliesslich hat die Digitalwährung Bitcoin disruptives Potenzial, und Coinbase sieht sich dabei an vorderster Front. „Wir wollen Bitcoin als Zahlungsmittel, gerade auch im grenzüberschreitenden Verkehr, etablieren“, sagt Romero, während er durch die Glasfront auf Friscos Skyline blickt.

Verschlüsselte Bitcoins

In den Nebelschwaden ist die Transamerica Pyramid zu erahnen. Der Endzwanziger redet sich ins Feuer, er spricht von einem „500-Milliarden-Dollar-Markt“ im grenzüberschreitenden, SWIFT-basierten Finanzverkehr. Davon schöpften die Banken jährlich 50 Milliarden Dollar an Gebühren ab. „Mit Bitcoins würden die Transaktionskosten auf einen Bruchteil zusammenschmelzen“, sagt der Coinbase-Mann und schwört auf die Digitalwährung als Schlüsseltechnologie. Die verschlüsselten Bitcoins sollen Micropayment wie mobiles Bezahlen befeuern und gar den papiernen Pfandbrief ablösen. Die Welt des Zahlungsverkehrs könnte also bald eine andere sein, geht es nach Coinbase und Co.

Von Blackrock geschluckt

Nur einen Block weiter südlich dreht sich alles um die Zukunft der Geldanlage. Wer bei FutureAdvisor zu Besuch ist, fällt mit der Tür ins Haus. Denn ein Empfangsdesk sucht man beim „Roboadvisor“ vergebens. Dafür erklärt Manager Mitch St. Peter die Besonderheiten von FutureAdvisor. Automatisierte Online-Vermögensverwalter gibt es mittlerweile ja wie Sand am Meer, und zwar nicht nur jene aus dem Silicon Valley. „Wir sind anders“, verspricht er vollmundig und loggt sich auf seinem MacBook ein. Es erscheint die Future-Advisor-Oberfläche mit St. Peters privatem Kontostand. So offen sein Umgang mit dem eigenen Vermögen, so überzeugend ist die „Roboadvisor“-Applikation.

Denn FutureAdvisor schustert nicht einfach ein paar passive Börsenindices zu einem lieblosen Portfolio zusammen. Das Fintech verfolgt vielmehr einen holistischen Ansatz. So lassen sich mit dem Online-Vermögensverwalter, der 2010 von zwei ehemaligen Microsoft-Ingenieuren gegründet wurde, sämtliche Bankbeziehungen aggregieren. Dank all den Daten werden aus nackten Zahlen und Transaktionen wie von Geisterhand Antworten, destilliert auf dezentrale Finanzfragen wie: Reicht die jetzige Sparquote, dass mein Kind dereinst aufs College gehen kann? Wie hoch wird meine Rente sein? Oder: Lebe ich über meine Verhältnisse?

Auf der hohen Kante

„Wir bilden die gesamte Anlegerperspektive ab, von der Wiege zur Bahre“, sagt St. Peter nonchalant und spricht von einem digitalen Family Office für die Mittelklasse, welche zwischen 100 000 und 1 Million Dollar auf der hohen Kante hat. Es ist just jene Zielgruppe der „mass affluents“, welche die traditionellen Banken bisher aus Kosten- und Komplexitätsgründen vernachlässigt haben. Dennoch nehmen sich die verwalteten Vermögen von FutureAdvisor mit rund 600 Millionen Dollar bescheiden aus. „Anstatt viel Geld für Marketing auszugeben, suchen wir lieber den Schulterschluss mit einem Partner“, meint der Finanzmanager vielsagend zum Abschied. St. Peter sollte recht behalten. Nur zwei Monate nach dem Firmenbesuch in San Francisco hat Blackrock den „Roboadvisor“ einverleibt. Der weltgrösste Vermögensverwalter soll FutureAdvisor bei der Übernahme Ende August mit 150 bis 200 Millionen Dollar bewertet haben. Eine stattliche Summe für etwas Softwarecode und viel Zukunftspotenzial.

Jünger als der Youngtimer

Prominente Eigner hat auch das privat gehaltene Fintech namens Robinhood. Zu den illustren Risikokapitalgebern des Online-Effektenhändlers gehören unter anderem die Hip-Hop-Superstars Snoop Dogg und Nas, die Rockband Linkin Park sowie Netscape-Gründer Marc Andreessen. Nicht minder abgefahren sind auch jene Leute, welche für Robinhood arbeiten: Das Treffen findet in einem kleinen Café in Palo Alto, nahe der Stanford-Universität, statt. Der Kommunikationschef von Robinhood fährt in einem schnittigen 1980er-Jahre BMW ein. Dem deutschen Youngtimer entsteigt ein bleichgesichtiger Millennial, am Handgelenk eine silberne Rolex, in den Händen ein grosses, weisses iPhone. Bei frischgebrühtem Filterkaffee erklärt mir Jack Randall, was es mit Robinhood auf sich hat. „Wir übertragen das Motto ‹Nehmt es von den Reichen und gebt es den Armen› auf den Börsenhandel“, sagt der ehemalige Apple-Praktikant ohne falsche Bescheidenheit.

Daumenschlag aufs Display

Schliesslich hat die Finanz-App für Android und iOS das Potenzial, den Online-Börsenhandel zu revolutionieren. „Trades sind bei uns generell kostenlos“, sagt Randall spitzbübisch und gibt sogleich per Daumenschlag auf sein Display die kostenlose Kauforder für ein paar Apple-Stocks durch. Es gebe schliesslich keinen vernünftigen Grund mehr, dafür eine Gebühr zu verlangen, meint er anschliessend. Diese exorbitanten „Fees“ seien nämlich alte Zöpfe aus jener Zeit, als die Geschäfte noch von echten Händlern am Börsenring abgewickelt wurden. Randall macht ein Beispiel: „Wenn ein Kunde von uns 300 Trades pro Tag macht, dann zahlen wir weniger als 1 Dollar Gebühr an den Börsenplatz.“ Sagts und lädt zum Firmenbesuch ein.

Bloss eine Viertelstunde Fahrzeit vom Stanford Campus entfernt hat Robinhood Sitz genommen. Die Nähe zur Uni ist kein Zufall, schliesslich sind die beiden Gründer Absolventen der kalifornischen Eliteschmiede. Nach einem Abstecher als High-Frequency-Trader an der Wallstreet sind Vladimir Tenev and Baiju Bhatt zurückgekehrt an die Westküste. Jetzt steht Tenev – unrasiert, in Jeans und mit Sonnenbrille – in der Einfahrt einer etwas schäbigen Lagerhalle in Palo Alto, die Robinhood beherbergt.

Finanzmärkte demokratisieren

„Wir wollen die Finanzmärkte demokratisieren“, sagt der Gründer knapp und bittet zur Besichtigung. Das Motto ist klar definiert. Die Robinhood-Räumlichkeiten sind ganz dem Rächer der Enterbten aus Sheerwood Forest gewidmet. An den Wänden prangen Graffitis, die Szenen aus der spätmittelalterlichen Ballade zeigen. Das Sitzungszimmer ist dem grossen Robin-Hood-Mimen Sean Connery gewidmet. Und die knallgrüne Kunsttapete in der Kaffee-Ecke soll wie echtes Moos daherkommen.

Die Kulisse ist stimmig. Doch wie will Robinhood überhaupt Geld verdienen, wenn nicht mit Transaktionsgebühren pro Trade? Gründer Tenev zuckt mit den Schultern: Man habe zwei Standbeine. Zum einen zahlen Kunden, wenn sie Margin-Handel betreiben, also Wertschriften gehebelt und auf Termin kaufen. Zum anderen zieht Robinhood Zinsen auf dem ungenutzten Kapital der Kunden ein. Beides soll Robinhood dereinst profitabel machen. Doch vorerst ist Expansion angesagt: Sowohl in neue Anlageklassen wie auch in weitere Märkte. Nebst den USA und Australien steuert Robinhood dabei auch Europa an. „Wir sehen dort grosses Potenzial“, sagt Kommunikationschef Randall.

Kois und eine Vertraulichkeitserklärung

Während Robinhood noch den naiven Charme eines Garagen-Startups versprüht, geht es bei Addepar deutlich zugeknöpfter zu Gange. Die Softwarefirma beschäftigt 130 Mitarbeiter und hat unter anderem den Starinvestor Peter Thiel als Kapitalgeber. Der Hauptsitz liegt am Zubringer zum Highway 101 in Mountain View. Es ist schon nach Büroschluss. Die Räume wirken verwaist. Im Eingangsbereich steht ein schwarzes Ledersofa, ein Aquarium mit japanischen Kois und ein iPad „for visitors“. Das Tablet ist allerdings nicht zum Zeitvertreib gedacht. Vielmehr muss jeder Besucher eine Vertraulichkeitserklärung unterzeichnen, dass er keine „nicht öffentlichen Informationen“ in die Welt hinausträgt – man arbeite bei Addepar hart daran, die technische Infrastruktur für Finanzen „neu zu erfinden“. So viel Anspruch will gerechtfertigt sein.

Verschwiegenheit ist Trumpf

Doch im Gespräch stapelt die deutsche Marketingchefin Barbara Holzapfel tief, Verschwiegenheit ist Trumpf. Schliesslich gehören die Endkunden zu den Ultra High Net Worth Individuals (UHNWI). So soll unter anderem das Family Office von Facebook-Gründer Mark Zuckerberg auf Addepar schwören. „Wir können selbst komplexe Finanzstrukturen ganzheitlich und in Echtzeit abbilden“, sagt Holzapfel. Das bedeutet: Selbst Trusts, Offshore-Vehikel oder illiquide Assets wie Immobilien oder Beteiligungsgesellschaften kann Addepar ins System integrieren. Ein Quantensprung, denn bislang tragen Family Offices häufig noch von Hand die Excel-Spreadsheets der Einzelinvestments zusammen und liefern den UHNWI alle paar Monate einen dicken Stapel Papier ab.

Damit räumt Addepar auf, denn: „Je transparenter die Datenlage, desto besser ist der Anlageentscheid“, sagt die ehemalige SAP-Managerin, die nur noch zum Familienbesuch nach Europa fliegt.

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Abgang des Unbequemen

Swissgrid Chef Pierre-Alain Graf wirft das Handtuch. Der Netzbetreiber droht an Bedeutung zu verlieren.

Die Kunde vom Ausscheiden des Swissgrid-Chefs erreichte die Strombosse an einer Wasserwirtschaftstagung in Aarau. Dort hätte auch Pierre-Alain Graf referieren sollen. Doch statt über“Marktopportunitäten für die Schweizer Wasserkraft“ zu sprechen, gab der 52-jährige Top-Manager fast zeitgleich seinen Rücktritt als Chef des nationalen Netzbetreibers bekannt. Nicht nur die Tagungsteilnehmer waren baff. Auch die Geschäftsleitungsmitglieder der Swissgrid wurden vom Chefwechsel in Laufenburg überrascht.

Polarisieren wie kein Zweiter

Grafs Abgang gibt in der Strombranche zu reden. Der ehemalige Cisco-Manager, der Swissgrid seit 2008 führte, polarisierte wie kein Zweiter. Als visionären Macher, fachlich beschlagen und kommunikativ souverän beschreiben ihn die einen. Als unnahbar und unnachgiebig charakterisieren ihn die anderen.

Fest steht, dass Graf in seiner Rolle als Swissgrid-Chef zusehends zwischen Stuhl und Bank agierte.“Der Druck auf Pierre-Alain nahm von allen Seiten zu“, sagt einer, der ihn gut kennt. Auch wenn Swissgrid betont, Grafs Rücktritt nach sieben Amtsjahren sei aus freien Stücken erfolgt. Die politische Gemengelage wurde schwieriger, die unternehmerischen Freiheiten für den agilen Manager enger.

Nicht mit Vorstellungen gedeckt

So würdigt Urs Gasche, Präsident der gewichtigen Swissgrid-Aktionärin BKW, den abtretenden Swissgrid-Chef zwar als“sehr fähigen und unternehmerischen Mann“. Gasche betont zugleich aber auch, dass die Aktivitäten von Graf sich nicht in allen Punkten mit den Vorstellungen des Berner Stromkonzerns gedeckt hätten. Dem Swissgrid-Chef seien die Möglichkeiten, die der enge gesetzliche Rahmen für den nationalen Netzbetreiber vorsehe, zu restriktiv gewesen, meint Gasche:“Da hat man ein Rennross vor ein ‹Milchwägeli› gespannt. Das konnte nicht gut kommen.“ An einer Veranstaltung hat Gasche zudem den Eindruck gewonnen, dass Graf im gesamten Netz weitere koordinierende und regulierende Funktionen übernehmen wolle. Der zurückgetretene Swissgrid-Chef war für eine Stellungnahme nicht zu erreichen.

Markt gestalten oder verwalten

Ein Zankapfel war beispielsweise die Errichtung eines zentralen Big-Data-Hubs für Strom, der alle Markt-, Produktions- und Verbrauchsinformationen hätte bündeln sollen. Swissgrid verstand sich dabei als IT-Enabler und Cloud-Zudiener für alle Energieversorger gleichermassen. Der Umarmungsversuch stiess den Stromern jedoch sauer auf. Sie wollen ihre Big-Data-Ströme selber analysieren und monetarisieren.

Keine Freunde machte sich der Swissgrid-Chef auch mit seiner aktiven Rolle bei der künftigen Marktgestaltung. Dieses sogenannte Marketdesign soll unter anderem ein effizientes Netz gewährleisten, wenn dereinst Sonne und Wind im grossen Stil zur Stromversorgung beitragen. Doch die visionären Vorarbeiten stiessen bei den Aktionären des Netzbetreibers auf Ablehnung.

Latenter Frust

Swissgrid muss die Märkte abwickeln und sie nicht mitgestalten“, bringt ein Verbandsvertreter die Branchenhaltung auf den Punkt. Dabei schwingt auch der latente Frust darüber mit, dass sich die Überlandwerke mit der Gründung der Swissgrid und der Überführung des Hochspannungsnetzes in die nationale Netzgesellschaft enteignet und zu“Zwangsaktionären“ ohne Durchgriffsrechte rückgestuft sahen. Schliesslich sind die sogenannt“unabhängigen“ Verwaltungsräte bei der Swissgrid in der Mehrheit. BKW-Präsident Gasche spricht denn auch von einer“Fehlkonstruktion“:“Entweder hat die Stromwirtschaft die Verantwortung, das Sagen, die Kosten und Nutzen. Oder sonst übernimmt der Bund diese Aufgabe. Dann soll man uns auszahlen.“

Doch von solch einer“sauberen Lösung“ ist man meilenweit entfernt. Zwar wollte CEO Graf dezidiert das Swissgrid-Aktionariat öffnen und insitutionelle Investoren wie Pensionskassen als gewichtige Aktionäre hereinholen. Gar einen Börsengang hat Graf einst öffentlich andiskutiert.

Juristisches Dickicht

Ein Reglementewall verhindert jedoch kategorisch eine Transformation der Eignerschaft. Das juristische Dickicht besteht aus einem nichtöffentlichen Aktionärsbindungsvertrag zwischen den Swissgrid-Gründern, der offenbar demnächst ausläuft, den Firmenstatuten sowie dem Stromversorgungsgesetz. Es ist ein schwammiges Gesetz, an dem seinerzeit Carlo Schmid mitarbeitete, der heute den Elektrizitäts-Regulator Elcom präsidiert.

Alle drei Dokumente widersprechen sich offenbar materiell oder bieten Spielraum zur Interpretation. Dies führt dazu, dass sich BKW und die Westschweizer Kantone juristisch in den Haaren liegen, wer denn nun das Swissgrid-Aktienpaket der Alpiq übernehmen darf. Der Einfluss der Branche auf den nationalen Netzbetreiber ist somit gleich mehrfach stipuliert.

Für einen marktorientierten CEO wie Graf bedeutete dies einen steten Kampf mit den eigenen Aktionären und einem trägen Regulator. So setzte der Swissgrid-Chef in seiner Amtszeit Hunderte Millionen Franken an Wohlfahrtsgewinnen frei, indem er einen Markt für den Unterhalt des Höchstspannungsnetzes schuf. Nachdem die Stromversorger Jahrzehnte Monopolrenten hatten abschöpfen können, mussten sie sich nun als Dienstleister bewähren. Dies sorgte verständlicherweise für wenig Begeisterung.

Sorge um Restanzen

Die Sorge in der Branche ging gar um, dass Swissgrid – wie umliegende europäische Netzbetreiber – den Einflussbereich auf tiefere Spannungsebenen ausdehen könnte.“Auf den unteren Netzebenen liegen ebenfalls Einsparungen im dreistelligen Millionenbereich drin“, sagt ein Kenner der Materie. Die Swissgrid-Antipathie der Branche ist deshalb auch die Angst vor dem Verlust weiterer Monopolrestanzen.

Mit dem überraschenden Rücktritt Grafs beginnt nun hinter den Kulissen der Richtungsstreit um die künftige Rolle der Swissgrid und ihres obersten Chefs. Der Verwaltungsrat wird in seiner nächsten Sitzung ein Stellenprofil für den neuen CEO erarbeiten.“Es droht die Rückstufung zum reinen Mastenverwalter“, sagt ein Insider. Mit der Ernennung von Yves Zumwald zum Interimschef scheint dieser Weg vorgezeichnet. Der Romand ist ausgewiesener Branchen- und Fachmann. Als studierter Elektroingenieur blickt er auf eine langjährige Karriere in der Schweizer Stromwirtschaft zurück. Zumwald soll das disparate Netz der Überlandwerke operativ in der Swissgrid konsolidieren.

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Nachhaltig rot

J. Safra Sarasin Die Reputationsschäden der Bank schlagen aufs Geschäft in Deutschland durch. 2014 verdoppelte sich der Verlust der deutschen Tochter.

Das „nachhaltige Schweizer Private Banking“ kommt in Deutschland auf keinen grünen Zweig. So weitet die deutsche Sarasin-Tochter seit Jahren ihre Verluste aus. Wie Recherchen der „Handelszeitung“ zeigen, schliesst die Banktochter mit Sitz in Frankfurt am Main auch das Jahr 2014 tiefrot ab. Es klafft ein Loch von 11 Millionen Euro (siehe Grafik) in der Kasse, wobei gut 8 Millionen aus dem operativen Ergebnis stammen. Ein Insider spricht von einem „dramatischen Verlust“ angesichts der Geschäftsgrösse.

Reputation der Bank

Nun zeigt sich, dass die diversen Streitfälle – von der Pleite des Windparkbetreibers Windreich bis hin zum umstrittenen Dividendenstripping – die Reputation der Bank Sarasin in Deutschland angekratzt haben und aufs Business durchschlagen. Dabei kommt die kompromisslose Haltung der Besitzerfamilie Safra die Bank teuer zu stehen.

Oder wie es das Basler Institut in brasilianischem Besitz in ihrem Deutschland-Jahresbericht formuliert: „Insbesondere die Berichterstattung rund um die Durchsuchung der Geschäftsräume in der Schweiz und in Deutschland, vor dem Hintergrund der Cum-Ex-Untersuchungen und des darauf folgenden Rücktritts des stellvertretenden Gruppen-CEO, hat das Geschäft in Deutschland negativ beeinflusst.“ So betrug der Zuwachs an privaten Kundengeldern nur 1 Prozent, und dies in einem ansprechenden Börsenjahr 2014.

Negativpresse

Besonders hart traf die Negativpresse die deutsche Sarasin im Geschäft mit institutionellen Anlegern, bei dem die Bank Mittelabflüsse in der Höhe von 160 Millionen Euro zu verzeichnen hatte und Ende Jahr noch 2,1 Milliarden Euro verwaltete.

Die Basler sind in Deutschland traditionell stark im Asset Management mit kirchlichen Investoren wie Diözesen oder Stiftungen, die auf die nachhaltigen und „grünen“ Sarasin-Produkte setzen. Diese kirchlichen Investoren hätten sich besorgt gezeigt über die Berichterstattung und wünschten „ausführliche und umfängliche Aufklärung“, schreibt die Bank in ihrem Jahresbericht.

Erhöhte Garantie

Während das operative Geschäft also harzt, wachsen die Bilanzposten für Rückstellungen und Schadenersatzgarantien seitens der Basler Mutter. Allein im Geschäftsjahr 2014 hat die deutsche Sarasin für Rechtsanwaltskosten 2,7 Millionen Euro auf die Seite gelegt. Für Restrukturierungen wurden weitere 1,3 Millionen Euro gebildet. Zugleich erhöhten sich zuletzt im Frühjahr die Garantien der Schweizer Muttergesellschaft für Schadenersatzansprüche von 3,6 auf 5,6 Millionen Euro. All dies sind Auswüchse der diversen Rechtsstreitigkeiten in Deutschland, insbesondere rund um die Cum-Ex-Geschäfte.

Die schwierige Lage hat Konsequenzen: Im Berichtsjahr 2014 reduzierte sich die Zahl der Mitarbeiter markant, und auch künftig dürften die Privatbanker den Gürtel enger schnallen müssen. So kündigt die Bank im Ausblick fürs laufende Geschäftsjahr ein „striktes Kostenmanagement“ durch eine „deutliche Reduktion der Rechtsberatungs- und Personalkosten“ an: Shared Service Center oder Outsourcing als Strategien zur Effizienzsteigerung und Kostensenkung würden dabei ins Blickfeld rücken.

Break even drücken

Die Bank mit Volllizenz unterhält in Deutschland fünf Standorte in Frankfurt am Main, Hamburg, Hannover, München und Stuttgart. Sparen helfe aber nur bedingt, den „Break-even-Punkt“ zu drücken, sagt ein Insider. Gefragt seien radikalere Massnahmen, um das Deutschland-Geschäft aus der Verlustzone zu bekommen. Denn als Vollbank sei der Kostensockel, auch angesichts der steigenden regulatorischen Anforderungen, kaum zu drücken. Erschwerend komme hinzu, dass das Onshore-Margenniveau in Deutschland tendenziell tiefer sei als in der Schweiz.

Fehlende Skaleneffekte

In erster Linie aber fehlt Sarasin im nördlichen Nachbarland die kritische Masse an verwalteten Vermögen, um die nötigen Skaleneffekte hinzubekommen: „Ein europäischer Buchungsstandort ist unter 5 Milliarden Euro an verwalteten Vermögen längerfrisitig kaum profitabel zu betreiben.“ Davon seien die Basler im deutschen Onshore-Private-Banking gemäss Insider jedoch weit entfernt. Der Bankmanager bringt es auf die einfache Formel: „Double or die.“ Ohne substanzielles Wachstum an verwalteten Vermögen hat Sarasin in Deutschland ein Problem. Doch substanziell Neugeld in die Bank reinzuholen, ist einfacher gesagt als getan. Gute Kundenberater mit entsprechender Assetbasis sind teuer und – angesichts der Reputationsprobleme der Bank – nicht einfach zu rekrutieren. Aber auch anorganisch zu wachsen, gestaltet sich in Deutschland schwierig: Die Zahl übernahmewilliger Bankhäuser ist begrenzt und eine Integration ist komplex und kostenintensiv.

Deutsche Lizenz

So bleibt den Baslern weiter nur der Griff zum Rotstift. Ein Radikalszenario mit Sparpotenzial wäre dabei ein sogenanntes Passport Banking, indem die Basler ihre deutsche Lizenz zurückgeben und von Luxemburg aus das Geschäft bestreiten würden. Doch vorderhand glaubt die Sarasin-Führung an bessere Zeiten und stellt für 2015 einen „Gewinn im niedrigen Millionenbereich“ in Aussicht. Dank Sondereffekten, Sparmassnahmen und einem „leichten Ertragswachstum im Kundengeschäft“.