Kategorien
Handelszeitung Meinung

Julius Bär – Die grosse Ideenlosigkeit

Julius Bär Seit Herbst ist Philipp Rickenbacher Chef der Zürcher Privatbank Julius Bär. Nun hat der Neo-Chef sein Update zur Strategie vorgelegt, ausgeheckt von McKinsey.

Wer auf einen grossen Wurf gehofft hat, sieht sich getäuscht. Vielmehr gesellt sich Rickenbacher zu jenen Schweizer Bankchefs, die angesichts strukturell sinkender Bruttomargen in der Vermögensverwaltung vorab an der Kostenschraube drehen: Julius Bär baut 300 Jobs ab und will bis in zwei Jahren 200 Millionen sparen.

Bei den Wachstumsplänen zerreisst Julius Bär keine Stricke

Das allein ist noch keine Strategie. Und auch bei den Wachstumsplänen zerreisst die Bank keine Stricke. Mindestens 150 Millionen mehr Umsatz sollen die Bären bis 2022 bolzen. Die Vorgehensweise entspricht dem Schema F aus dem Lehrbuch der Berater: mehr Mandatsgeschäft und mehr Wertschöpfungstiefe bei bestehenden Kunden.

Wie das gehen soll, zeigt die Bank im abgelaufenen Geschäftsjahr. Auch die Zürcher Privatbank puscht nämlich das Geschäft mit Lombardkrediten, genau wie ihre Konkurrenz am Paradeplatz.

Worthülsen vermögen Ideenlosigkeit nicht zu kaschieren

Diese Plain-Vanilla-Strategie wird garniert mit allerlei Marketing-Klimbim, wonach die Zürcher Bank zum «Most admired global wealth manager» werden sollen. Solcherlei Worthülsen vermögen nicht zu kaschieren, dass die Führung des Vermögensinstituts Ideenlosigkeit versprüht. Aufbruch sieht jedenfalls anders aus.

Kategorien
Handelszeitung Meinung

Finma – Halbbatziges «Name and Shame»

Insiderhandel Vorab: Dass die Finanzmarktaufsicht die Daumenschrauben beim Insiderhandel anzieht, ist konsequent. Und dass die Finma diese Nulltoleranz den Marktteilnehmern vermittelt, ist wichtig. Nur: Entweder betreibt die Aufsicht ein «Name and Shame», bei dem sie die Täter beim Namen nennt und damit volle Präventivwirkung entfaltet. Oder sie lässt die Personen aus dem Spiel und verweist auf anonyme Erfolgszahlen bei Insiderfällen.

Finma nennt den Täternamen nicht

Was nicht geht, ist jene Variante im «schweren Fall von Insiderhandel», den die Finma kürzlich publik machte. Dieses Zwitterding aus «Name and Shame» mit gleichzeitigem Persönlichkeitsschutz heizt nur die Gerüchteküche ein – Fehlverdächtigungen inklusive. Die Finma nennt den Namen des Täters nämlich nicht, engt aber den Personenkreis stark ein, handelt es sich beim Insider doch demnach um den «ehemaligen CEO einer Schweizer Bank», der über «Depots seiner Ehefrau» rund 730 000 Franken an unrechtmässigen Gewinnen erzielt hat. Bei knapp 250 Schweizer Bankchefs und einer durchschnittlichen CEO-Amtsdauer von 6,9 Jahren ist die Zahl infrage kommender Personen beschränkt.

Finma darf Personalien veröffentlichen

Dabei ist es der Behörde durchaus erlaubt, in schweren Fällen «die betroffenen Unternehmen oder Personen unter Angabe des Namens zu veröffentlichen». Ein halbbatziges «Name and Shame» dagegen schadet mehr, als es nützt.

Kategorien
Handelszeitung Meinung

Flugbewegte Klimajugend

Aviatik Wasser predigen und Wein trinken. So lässt sich die neuste Meldung vom Flughafen Zürich deuten. Denn auch 2019 fliegen erneut mehr Passagiere ab Kloten. Im Vergleich zu vor zehn Jahren sind es fast zehn Millionen Passagiere mehr, was einem satten Plus von 43 Prozent entspricht.

Zwei Drittel sind Freizeit-Flüge

Fürs Klima sind dies schlechte News, verursacht doch der Flugverkehr rund einen Fünftel des CO2-Ausstosses in der Schweiz. Dabei wäre eine Reduktion durchaus zumutbar: Fast zwei Drittel der über dreissig Millionen Passagiere nehmen ab Kloten aus «Freizeitgründen» den Flieger. Das Klischee von den meilensammelnden Geschäftsfliegern, derentwegen die Polkappen dahinschmelzen, ist daher zu korrigieren.

Und nicht nur das. Wer die Passagierstatistiken in Kloten von 2008 und 2018 miteinander vergleicht, sieht zwei weitere Trends: Der Anteil weiblicher Passagiere ist deutlich gestiegen (um 29 Prozent), der Anteil jüngerer Fluggäste ebenfalls. So beträgt der Zuwachs in der Sparte der 16- bis 25-jährigen Flugpassagiere immerhin 14 Prozent. Auch die Klimajugend aus der Generation Greta lässt sich also gerne per Flieger ins Freizeitvergnügen bewegen.

Passagiere werden jünger und weiblicher

Womit wir beim Kernproblem wären, weshalb die Klimaziele mit Sicherheit verfehlt werden: Wohlmeinende Proteste sind nicht nachhaltig. Nach dem Friday for Future rasch im Easyjet ins Weekend abzudüsen, ist zwar hochgradig widersprüchlich, aber typisch menschlich. Wer wirklich Verhaltensänderungen durchsetzen möchte, tut dies mit Vorteil über den Preis, abseits aller moralinsauren Appelle ans schlechte Gewissen.

Eine griffige Flugsteuer ist deshalb die einzig logische Konsequenz.

Kategorien
Handelszeitung Meinung

Breitmeier ist ein Bauernopfer

Ruag-Chef Urs Breitmeier Der Abgang von Urs Breitmeier ist angesichts der vielen Fehlleistungen richtig. Doch der Kern von Ruags Problemen bleibt ungelöst.

Knall auf Fall trat diese Woche der langjährige Chef der Ruag, Urs Breitmeier, ab. Seit 2013 leitete Breitmeier die Geschicke des bundeseigenen Rüstungsbetriebs.

Beim Exit des CEO führte die Ruag-Spitze um Präsident Remo Lütolf die Öffentlichkeit einmal mehr an der Nase herum. Breitmeiers Abgang stehe in Zusammenhang mit dem erfolgreichen Abschluss der Ruag-Aufspaltung in einen zivilen, internationalen und einen inländisch, militärischen Teil, gab Lütolf zu Protokoll.

Eine Entflechtung notabene, die seit Jahren im Tun ist und deren Abschluss prima zu antizipieren gewesen wäre. Wenn also der Abgang des Ruag-CEOs wirklich von langer Hand geplant gewesen wäre, weshalb kann der Ruag-Präsident nicht nahtlos Breitmeiers Nachfolge präsentieren und muss sich mit einer Interimslösung behelfen?

Die Gründe sind andere

Die Sache ist vielmehr die: Bis vor kurzem galt Urs Breitmeier unter Branchenkennern als gesetzt für den Posten als Ruag-International-Chef, also den ausländisch-zivilen Teil. Doch der Druck auf den langjährigen Rüstungsmanager stieg in vergangenen Monaten kontinuierlich an.

Zu viele operative Altlasten kamen im Rahmen der Entflechtung und auch auf Druck der Öffentlichkeit ans Licht.

Allen voran der Bericht der Eidgenössischen Finanzkontrolle EFK vom letzten Sommer, der zeigt, dass die Ruag-Führung über Jahre der Armasuisse zu hohe und artfremde Leistungen in Rechnung stellte. Das war zwar stets legal, aber trotzdem höchst stossend für den Bundeseigner und grössten Ruag-Kunden. 

Eine Reihe von Missständen

Diese fragwürdigen Querfinanzierungen sind das jüngste Element in einer ganzen Reihe von Missständen bei der Ruag in der Ära Breitmeier. Angefangen bei eklatanten Compliance-Verfehlungen in einer Munitionsfabrik in Ungarn, welche die EFK vor einigen Jahren aufdeckte.

Gefolgt von den Cybersecurity-Mängeln, welche ein russischer Hackerangriff auf die Ruag-IT schonungslos offenlegte. Bis hin zu zweifelhaften Waffenexport-Geschäften. Insgesamt verfestigte sich so der Eindruck, dass Breitmeier seinen Laden nur bedingt im Griff hatte.

Und schlimmer noch: Dass Breitmeier Fehler, die überall passieren können, wo gearbeitet wird, nur widerwillig und in Salamitaktik einzuräumen bereit war.

Der Rücktritt von Urs Breitmeier tut not

Dass der langjährige Ruag-Chef nun abtritt, ist angesichts der Kumulation von Fehlleistungen nur konsequent. Das Problem dabei: Breitmeier ist bloss ein Bauernopfer.

Denn was der Ruag über all die Jahre fehlte, war eine konsequente Aufsicht und ein starker Eigner. Und da kommt Präsident Lütolf in Spiel: Der heutige Präsident sitzt seit 2014 im Aufsichtsgremium. Lütolf ist massgeblich dafür mitverantwortlich, dass der Rüstungsbetrieb des Bundes nicht aus den Negativschlagzeilen herauskommt. Es ist deshalb zu hoffen, dass auf die neue Struktur auch neue Köpfe folgen werden.

Kategorien
Handelszeitung Meinung

Lex UBS – Ständerat als Wasserträger der Grossbanken

Steuerabzug auf Auslandbussen Geht es nach den Politikern der kleinen Kammer, dem Ständerat, sollen Schweizer Unternehmen im Ausland verhängte Bussen von den Steuern abziehen können. Dies dann, wenn das dortige Verfahren gegen rechtsstaatliche Grundsätze verstösst. Oder dann, wenn die Schweizer Firma alles Zumutbare unternommen hat, um sich rechtskonform zu verhalten.

Die Abzugsfähigkeit dieser Bussen sollen jeweils die hiesigen Steuerbehörden prüfen. Das jedoch führt zu absurden Verhältnissen: Die Schweizer Steuervögte müssten über ausländische Strafurteile richten und ermessen, ob der Konzern im Ausland auch wirklich alles Menschenmögliche unternommen hat, sich gesetzeskonform zu verhalten. Es wäre die pure Rechtsanmassung. Deshalb lehnen Bund und Kantone die Abzugsfähigkeit grundsätzlich ab.

Keine Bananenrepubliken

Hinzu kommt, dass all die Multimillionenbussen der letzten Jahrzehnte für Schweizer Konzerne nicht in Bananenrepubliken anfielen, sondern in demokratischen Rechtsstaaten wie den USA.

Es entsteht deshalb der Eindruck, dass sich die Mehrheit des Ständerats zum Wasserträger der Grossbanken gemacht hat, namentlich der UBS. Die Bank wittert in ihrem Frankreich-Steuerfall Politjustiz und hofft nun wenigstens, die drohende Milliardenbusse von den Steuern absetzen zu können.

Kategorien
Handelszeitung Meinung

Verwaltungsräte – Zwischen Paschas und Patrons

Verwaltungsrat Die Aufgabe von Verwaltungsräten ist klar geregelt. Das Obligationenrecht sagt, VR hätten die «Oberleitung der Gesellschaft» samt Aufsicht über die Geschäftsleitung, und ihr Job sei, mit aller gebotenen Sorgfalt «die Interessen der Gesellschaft in guten Treuen» zu wahren.

Nur: In der praktischen Auslegung des Gesetzestextes liegt der Hund begraben. Was die Interessen der Gesellschaft sind und wie es sie bestmöglich zu wahren gilt, darüber herrscht zwischen Firmeneignern und ihren VR zusehends Dissens.

Massiv anspruchsvolleres Mandat

Zoff gab es allenthalben: Ob bei Comet, Meyer Burger, Panalpina, Sunrise oder Schmolz + Bickenbach – in wechselnden Konstellationen gerieten Aktionäre und Verwaltungsräte über Gesellschaftsinteressen einander in die Haare. Die Beispiele zeigen: Das Mandat ist massiv anspruchsvoller geworden.

Die Zeiten, als der VR ein paschahaftes Abnickergremium für altgediente Manager war, sind definitiv vorbei. Gefragt ist neben komplementären Fachkompetenzen auch viel Fingerspitzengefühl. Doch gerade die VR einiger kotierter Konzerne lassen dieses im Umgang mit streitbaren Aktionären missen.

Verwaltungsrat als Aufseher und Dienstleister

In Schweizer Boards greift ein Patron-Gehabe um sich, das mehr von persönlichem Eigennutz als vom Schutz der Gesellschaftsinteressen getrieben ist. Verwaltungsräte sollten sich daher auf ihre strategische Rolle als Aufseher und Dienstleister zurückbesinnen.

Gefragt sind kenntnisreiche Moderatoren der Aktionärsinteressen und keine selbstherrlichen Egomanen.

Kategorien
Handelszeitung Meinung

UPC Sunrise – Der Preis fürs Duopol

UPC Sunrise Bald kommt es zum Showdown im Zürcher Hallenstadion. Am 23. Oktober müssen die Sunrise-Aktionäre an einer ausserordentlichen Generalversammlung ihr Placet zur Übernahme des Kabelnetzbetreibers geben. Seit der Deal im Februar angekündigt wurde, tobt ein Hahnenkampf zwischen Sunrise-Präsident Peter Kurer und Verwaltungsrat Christoph Vilanek, der den Grossaktionär Freenet vertritt und die Übernahme bekämpft.

Zentraler Treiber heisst Grösse

Jüngster Zankapfel: Das Kabelnetz werde durch schnellen 5G-Mobilfunk über kurz oder lang obsolet, prophezeit Vilanek. Absurd findet die Sunrise-Spitze diese These: 5G werde noch lange nicht ein leistungsfähiges Kabelnetz substituieren. Egal, möchten man den beiden Streithähnen zurufen. Der Milliardendeal ist keine Tech-Frage. Der zentrale Treiber heisst Grösse.

Jene Million UPC-Fernsehkunden verheisst mehr Marktanteil, höhere Skalen und ein besseres Upselling-Potenzial. Mit der Übernahme entstünde die klare Nummer zwei auf dem Schweizer Markt. Ob im Mobilfunk, im Fernsehgeschäft oder beim Internet – UPC-Sunrise käme auf Anteile zwischen einem Viertel und einem Drittel. Die Anteile von Platzhirsch Swisscom betragen zwischen einem Drittel (TV) und zwei Dritteln (Internet).

Wettbewerb erschlafft mit UPC Sunrise

Rechnet man Swisscom und UPC-Sunrise zusammen, dann dürfte jedem (mit Ausnahme der Weko) klar sein, was es geschlagen hat: Die Schweiz steuert auf ein Duopol zu, das die Endkunden-Tarife für Telekom-Dienste zementieren kann. Mit der geplanten UPC-Transaktion dürfte der Wettbewerb erschlaffen. Der Preis hierfür: 6,3 Milliarden Franken.

Kategorien
Handelszeitung Meinung

CS-Affäre um Iqbal Khan – Söldnertum ruiniert die Banken

Iqbal Khan Was genau sich zwischen den Privatermittlern, welche die Credit Suisse angeheuert hat, und Iqbal Khan in der Zürcher Altstadt zugetragen hat, bleibt im Dunkeln. Spindoktoren auf beiden Seiten servieren jeweils ihr brandheisses Süppchen. Cum grano salis, gilt es da zu mahnen.

Viel bedeutsamer als die Finessen zur Finanzschmonzette am Paradeplatz ist der Umstand, dass ein Bankkonzern den abgetretenen Chef der internationalen Vermögensverwaltung beschatten lässt. Und zwar in der vollen Absicht, herauszufinden, ob Khan seine ehemaligen CS-Gefährten angeht, um sie zur UBS – seiner neuen Arbeitgeberin – zu lotsen.

Die grosse Macht der Kundenberater

Solche Menschenfängerei zu unterstellen, offenbart eine strukturelle Misere. Es ist den Finanzhäusern bis heute nicht gelungen, die schicksalhafte Beziehung zwischen vermögenden Kunden und deren persönlichen Beratern aufzubrechen. Die erfolgreichsten «Relationship Manager» in den grossen Geldhäusern vereinen bis zu 1 Milliarde Franken an Kundengeldern auf sich. 

Der überzogene Personenkult um «Starbanker» Iqbal Khan

Solche gewichtigen Portfolios zu verwalten, verleihen den Kundenberatern eine grosse Macht in der Organisation. Entsprechend achten diese Grossverwalter peinlichst genau darauf, dass sie stets die alleinige Hoheit über die Kundenpflege haben. Dieses People’s business auf Testosteron erinnert an die Exzesse im Spitzensport: ein überzogener Personenkult, mit absurd hohen Vergütungen gepaart, welche weiterhin nur kurzfristiges Denken belohnen.

Wer wie mit dem Staubsauger Abermillionen an Kundengeldern hereinholt, steigt rasch zum Starbanker in der Organisation auf. Ob der Kunde über längere Frist hält, was er verspricht, und ob die gehebelten Assets die nächste Börsenbaisse überstehen werden, ist dabei sekundär. Bis zur Probe aufs Exempel hat der bonusbelohnte Banking-Söldner nämlich längst beim nächsten Finanzhaus angeheuert.

Swiss Banking als Schmierentheater

Diese strukturellen Probleme sind sattsam bekannt: McKinsey konstatiert in ihrer jüngst veröffentlichten Studie zum lamentablen Zustand der europäischen Wealth-Manager-Industrie: «Das Servicemodell ist weitgehend unverändert geblieben. Anstatt institutionelle Fähigkeiten und Prozesse aufzubauen, verlässt man sich übermässig auf die Fähigkeiten der jeweiligen Privatbanker.»

Darin offenbart sich der Zielkonflikt zwischen den Interessen des Bankers und jenen der Bank. Für die Organisation wäre es längst angezeigt, Starkult und Söldnertum zu Grabe zu tragen. Und stattdessen den Kundenkontakt neu zu gestalten: offener, durchlässiger, transparenter und digitaler – und damit wohl auch kosteneffektiver. Doch läuft genau ein solch modernes Relationship Management den Partikularinteressen der Spitzenbanker zuwider, die an Starkult und Söldnertum fürstlich verdienen.

Die Frage ist, wie lange sich Swiss Banking dieses Schmierentheater noch leisten kann angesichts Margendruck und Gewinnrückgang.

Kategorien
Handelszeitung Meinung

Volkswagen & Co – Fahrt ins Blaue

Automobilindustrie In wenigen Tagen beginnt in Frankfurt die Internationale Automobilausstellung. Für Europas Fahrzeugbauer wie Volkswagen gilt die IAA weiterhin als wichtige Leistungsschau, wenngleich die Digitalisierung dem Messewesen zusetzt. In diesem Jahr steht die grösste Autoshow auf dem alten Kontinent unter einem besonderen Stern: Der Fokus liegt diesmal nicht auf Pferdestärken, sondern auf Kilowattstunden. So markiert die IAA den Auftakt zur Elektroauto-Offensive der deutschen Fabrikate, deren Batteriefahrzeuge ab nächstem Jahr massenweise zu den Händlern surren sollen.

Der stete Verweis auf den Erfolg von Tesla hinkt gewaltig

Von Elon Musks Stromstössen mit seinen Tesla-Sportwagen gepiesackt, holen Daimler, BMW und der Volkswagen-Konzern mit einer Reihe neuer E-Modelle zum elektrischen Gegenschlag aus. Insbesondere VW hat nach dem Dieselbetrug das Lenkrad herumgerissen. Abermilliarden wurden in die Elektrifizierung der Fahrzeugflotte investiert. Das erste zählbare Resultat der Wolfsburger gibt es in den Frankfurter Messehallen zu bestaunen: Den VW ID.3. Das Kompaktfahrzeug im Golf-Format soll zu Mittelklassepreisen zum Käfer des Elektrozeitalters avancieren. Zumindest sehen dies die kühnen Pläne der VW-Manager so vor. Doch ob der ID.3 das Zeug zum «Volkswagen» hat, ist alles andere als gewiss. Dabei hinkt der Verweis auf den Überraschungserfolg von Tesla gewaltig. Denn der Unterschied zwischen einem Elektroflitzer für Gutbetuchte und einem batteriebetriebenen Massenfahrzeug ist etwa so gross wie der zwischen einer Millionärsjacht und einem Kreuzfahrtschiff. Insofern dürfte die Resonanz auf den ID.3 zum ersten Plebiszit über die Elektromobilität werden.

Es ist kein Zufall, dass Autokäufer bislang auf hybride Fahrzeuge setzen

Noch sind einige Schlaglöcher auf dem Weg in die verbrennerfreie Zukunft zu meistern. Stichwort Preis: Batteriebetriebene Autos sind im Vergleich zu fossil betriebenen Fahrzeugen deutlich teurer. Und daran wird sich angesichts der bescheidenen Stückzahlen und der kostspieligen, weil ressourcenintensiven Zellproduktion so schnell nichts ändern.

Stichwort Infrastruktur: Zwar legen Herr und Frau Schweizer motorisiert bloss etwa 25 Kilometer pro Tag zurück, was jedes heutige Batterieauto locker schafft. Aber die Reichweitenangst mangels ausreichender und vor allem standardisierter Elektroladeinfrastruktur sitzt nach wie vor tief. Insbesondere, wenn man es sich vom Diesel her gewohnt ist, mit einer Tankfüllung 1000 Kilometer und mehr zurückzulegen. Es erstaunt deshalb nicht, dass sich hiesige Autokäufer bislang vor allem für hybride Fahrzeuge entschieden haben. Zwei Antriebe – Batterie und Verbrenner – in einem Auto zu verbauen, vermag bestenfalls als «Brückentechnologie» zu überzeugen.

Zäsur für Volkswagen & Co

Insofern gleicht die beherzte Elektrostrategie von Volkswagen und Co. einer Fahrt ins Blaue: Weder ist klar, ob sich die Batterie durchsetzen wird oder vielleicht doch Alternativen wie die Brennstoffzelle. Gleichzeitig stellen Big Tech wie Google oder Mobilitätsdienstleister wie Uber das Fahrzeugbusiness per se infrage. Die diesjährige IAA könnte somit eine Zäsur für Europas Autobauer markieren. Das muss auch unsere Schweizer Zulieferer kümmern.

Kategorien
Handelszeitung Meinung

Digitalisierung – Wer die Digitalwelt kennt, fürchtet sie

Transformation Eine Umfrage der SNB zeigt: Die Schweizer Banker glauben an die Digitalisierung – bis sie tatsächlich kommt.

Die Nationalbank hat 34 Schweizer Banken, die rund 80 Prozent aller Aktiven halten, befragt. Der Rücklauf (100 Prozent) ist erstmal erfreulich, die Antworten sind es weniger. Denn in den Teppichetagen der Finanzhäuser herrscht Zukunftsangst.

Filetierte Wertschöpfungskette

Das am meisten genannte Basisszenario gilt nämlich einer «fragmentierten Bank». Danach werden die Kunden nicht mehr eine dauerhafte Beziehung mit einer Bank unterhalten, sondern sich von branchenfremden Mitbewerbern gleichermassen bedienen lassen. Knapp die Hälfte der befragten Finanzmanager erwarten dies. Sie befürchten, dass insbesondere Google, Facebook & Konsorten sowie Neobanken à la N26 oder Revolut ihre Wertschöpfungskette filetieren werden.

Nur gut ein Drittel der Bankleiter glaubt an eine «bessere Bank», die dank effizienteren Prozess gestählt aus der Digitalisierung hervorgehen wird. 

«Substantielle Lücke» in der Digitalisierung

Zwar beurteilen die Banker die Digitalisierung in ihrer abstrakten Form ungebrochen als positiv: Bei fast drei Vierteln der Befragten überwiegen die Chancen der Digitalisierung. Die euphorische Haltung könnte aber damit zusammenhängen, dass die eigentliche IT-Welle noch gar nicht über die Geldhäuser gebrochen ist.

Denn auch dies zeigt die Erhebung der SNB anschaulich: In Sachen Digitalisierung sind die Banken bislang vor allem Ankündigungs-Weltmeister. So konstatieren die Währungshüter, dass zwischen dem aktuellen und dem angestrebten Digitalisierungsgrad eine «substantielle Lücke» bestehe.

Bigtech als neue Konkurrenz

Die Umfrageergebnisse lassen vermuten: Digitalisierung wird erst als Bedrohung fürs eigene Geschäft erkannt, wenn man seinen eigenen Geschäftsprozess einigermassen digitalisiert hat.

So zählt der Zahlungsverkehr zu jenen Bereichen, in denen die hiesigen Banken bei der Transformation am weitesten fortgeschritten sind. Gleichzeitig ist der Zahlungsverkehr jener Bereich, wo die Geldinstitute am meisten mit Bigtech und Neobanken als neuer Konkurrenz rechnen. 

Mit anderen Worten: Digitalisierung finden die Banker solange fancy, bis sie tatsächlich eintritt.