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Nur Swissquote kann Yuh-beln

Yuh Die neue Smartphone-Bank Yuh von Postfinance und Swissquote überzeugt. Doch nur der Online-Broker darf sich freuen.

Die Postfinance und Swissquote lancieren gemeinsam eine Smartphone-Bank namens Yuh. Prima vista überzeugt die Banking-App zum «Zahlen, Sparen und Investieren». Die vornehmlich jüngere Zielgruppe kriegt eine Gratis-Debitkarte ohne Kontoführungsgebühren sowie eine ordentliche Portion «Gamification» geliefert.

Das spielerische App-Bonus-Programm basiert beispielsweise auf einer eigenen Kryptowährung namens Swissqoin, die auch unter Usern  getradet werden kann. Überhaupt steht der spielerische Handel im Zentrum dieser Hosentaschen-Bank: Ob in Kryptowährungen spekulieren oder auf heisse Einzelaktien wetten, Yuh atmet durch und durch den Daytrader-Geist der Swissquote. 

Für Swissquote ist Yuh eine Riesenchance

Womit wir beim Problem wären: der Postfinance. Der gelbe Finanzriese ist bei der App-Bank nicht bloss nur technologischer Juniorpartner. Schlimmer noch: Postfinance tritt mit der neuen App praktisch das Geschäft mit den Kundschaft von Morgen an Swissquote ab.

Für die Waadtländer Onlinebroker ist dies eine Riesenchance, Junge ans Onlinetrading heranzuführen. Für die Berner Staatsbank dagegen ist Yuh das fatale Eingeständnis, aus eigener Kraft keine zukunftsträchtige Smartphone-Bank entwickeln zu können.

Neuer Postfinance-Präsident muss Antworten liefern

Es stellt sich ernsthaft Frage, mit wem und mit was die Postfinance in Zukunft überhaupt noch Geld verdienen möchte. Der ehemalige Swisscard-Chef und frisch gewählte Postfinance-Präsident Marcel Bührer muss nun antworten liefern. Und zwar rasch. 

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Super League – Fussball ist eben nicht Soccer

Super League Sie ist die grösste Bank der Vereinigten Staaten, JP Morgan. Und ihr Führungspersonal um die Wall-Street-Legende James «Jamie» Dimon offenbarte unlängst, wie wenig sie Europa verstehen. In einem Anflug von amerikanischem Kulturimperialismus hat der New Yorker Finanzkoloss mit seinen Plänen für eine abgehobene «Super League» den grössten Shitstorm in der jüngeren Geschichte des europäischen Vereinsfussballs entfacht.

Dieser Empörungssturm entlud sich zwar zu Recht an den «Super League»-Clubs selbst, von Manchester City über Juventus Turin bis zum FC Barcelona. Doch für die haarsträubende Idee eines stehenden Elite-Wettbewerbs, jenseits aller Ligastrukturen, sollten die hoch bezahlten Investment-Banker von JP Morgen eigentlich geteert und gefedert werden.

Europas Fussball ist mehr als ein Zeitvertreib für reiche Clubeigner wie die Super League

Denn Europas Fussball ist eben nicht Soccer. Und auch nicht Baseball, American Football oder Basketball. Die FC auf dem alten Kontinent führen gerade keinen Profiliga-Klimbim auf, bei dem die Fans in heruntergekühlten Sponsor-Arenen blosse Claqueure für die Pay-TV-Kundschaft an den Bildschirmen zu Hause sind. Europas Fussball ist auch kein x-beliebiger Entertainment-Zirkus, dessen Spielregeln sich nach den Bedürfnissen der Werbebetreibenden zu verbiegen haben. Und es ist auch kein blosser Zeitvertreib für schwerreiche Clubbesitzer, die mit ihren NBA- oder NFL-Franchisen jonglieren, als seien sie Daytrader an der Börse.

Vereine sind, von ihrer Definition, nichtkommerzielle Organisationen

Das Gegenteil ist der Fall. Europas Fussball hat gewachsene Strukturen, von denen die JP-Morgan-Banker wahrscheinlich noch nie etwas gehört haben. Europas Fussball ist tief verwurzelt in den gemeinnützigen Ballsport-Vereinen, die im ausgehenden 19. Jahrhundert auf dem Kontinent in mannigfaltiger Form entstanden sind. Vereine sind, von ihrer Definition her, nichtkommerzielle Organisationen.

Es sind Zusammenschlüsse Gleichgesinnter, die gemeinschaftlich demselben Zweck frönen. Eingebettet sind sie zumeist in Verbandsligen, die ganz Europa vom Amateur-Gebolze bis zum filigranen Profitum durchdringen. «For the love of the game», wie es so schön heisst. Insofern haben die «football clubs» europäischer Ausprägung eben auch soziale und gesellschaftliche Verpflichtungen wie die Nachwuchsförderung oder die Pflege der Fankultur, jenseits aller monetären Inzentivierung.

Die Super League – ein Kommerzprodukt, für Asiens Fanmassen konfektioniert

Und damit sind sie so ziemlich genau das Gegenteil dessen, was JP Morgan mit ihren «Super League»-Plänen bezweckte. Nämlich einen europäischen Klon einer US-Profiliga zu schaffen. Ein Kommerzprodukt, prima verwertbar für die Massen asiatischer und amerikanischer Soccerfans, welche Ronaldo oder Messi nur von der Mattscheibe her kennen. Ein solches Produkt mag – auf dem Papier – den JP-Morgan-Bankern einen attraktiven Return auf ihrer 4-Milliarden-Euro-Upfront-Zahlung bescheren. Wie der Aufruhr gezeigt hat, hält die Super-League-Idee dem Realitätstest jedoch nicht stand.

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Credit Suisse – Die Grossbank gehört filetiert

Credit Suisse Der neue CS-Präsident António Horta-Osório ist nicht zu beneiden. Er übernimmt eine Bank in strukturellen Schwierigkeiten. Dabei sind die jüngsten Milliardenskandale – Archegos und Greensill – nur akute Symptome eines langen Leidens. Es heisst «One Bank» und verursacht stetig neue Krankheitsschübe.

Hohe Risiken verheissen hohe Boni

Das Konvolut aus Vermögensverwaltung, Investment Banking und Asset Management hat bisher einzig und allein die CS-Banker selbst gesundgestossen. Schliesslich konnten Asset-Fabrikanten und IB-Dealmaker ihre «Produkte» bankintern ins Kundenportfolio drücken. Dass dies inhärente Interessenkonflikte erzeugt, musste sie nicht kümmern. Schliesslich verheissen hohe Risiken hohe Boni. Allfällige Kollateralschäden trugen bisher entweder Kunden oder Aktionäre. Im schlimmsten Fall wären es gar die Steuerzahler wie weiland bei der UBS.

Endlich die Credit Suisse klar positionieren

Insofern bleibt zu hoffen, dass Präsident Horta-Osório dieses Governance-Fehlkonstrukt namens Credit Suisse endlich filetiert: Das viel zu kleine Asset Management gehört verkauft oder zu stattlicher Grösse fusioniert. Die erfolgreiche und digitalaffine Schweizer Universalbank ist separat an die Börse zu bringen, wie dies Ex-Chef Tidjane Thiam wollte. Und mit dem Erlös aus dem IPO hätte die CS die nötigen Mittel, um sich endlich klar zu positionieren. Entweder als reine Vermögensbank, sozusagen eine Julius Bär «on steroids». Oder dann – der CS-Historie entsprechend – als Handels- und Investment-Bank. Beides gleichzeitig geht nicht. Dies haben die jüngsten Skandale erneut gezeigt.

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Credit Suisse – Urs Rohners Unruhestand

Credit Suisse Die Krise frisst sich die Hierarchieleiter hoch bei der Credit Suisse. Nach dem Milliardenflop um die Lieferketten-Fonds der Greensill rollten bloss subalterne Köpfe im Assetmanagement. Beim jüngsten Debakel um das Hedgefonds-artige Family Office Archegos, das die schlingernde Grossbank weitere Milliarden kosten dürfte, könnte es nun Mitglieder der Konzernleitung wie Risikochefin Lara Warner treffen.

Unverbesserliche Geschäftskultur

Denn in gewissen CS-Sparten scheint die Geschäftskultur unverbesserlich zu sein. Gewinne werden mit viel zu hohen Risiken erkauft. Das Business schlägt alle Warnungen der Stabsfunktionen in den Wind. Interessenkonflikte werden nicht adressiert oder sind gar struktureller Natur. Insofern verwundert es nicht, dass die CS mit grosser Regelmässigkeit für Skandale sorgt.

Ausser fetter Boni nix gewesen

Die Verantwortung liegt auf strategischer Ebene: Dem scheidenden Präsidenten Urs Rohner ist es in zehn Jahren nicht gelungen, die Bank in ruhigere Gewässer zu führen. Die Bilanz des Rechtsanwalts lässt sich auf den unrühmlichen Kurznenner bringen: Ausser fetter Boni nix gewesen. Die Vernichtung von Aktionärswerten dürfte ihn nun allerdings über seine Amtszeit hinaus beschäftigen. CS-Grossaktionäre wie Harris wollen Rohner offenbar die Décharge verweigern, um ihn später allenfalls mit Haftungsklagen eindecken zu können.

Sollte dies der Fall sein, droht Rohner der Unruhestand.

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FC Basel – Bernhard Burgeners Defizite

In der Haut von FC-Basel-Mehrheitseigner Bernhard Burgener möchte man nicht stecken. Als wäre die sportliche Misere nicht schon schlimm genug, steckt Burgener mitten in einem Zermürbungskampf um die Macht im Fussballclub. Die Aussicht, dass mit Centricus bald ein britischer Finanzfonds beim Traditionsverein mitmischen könnte, lässt die Gemüter am Rheinknie hochgehen.

Schweizer Serienmeister ist ein Zwerg

In der gereizten Stimmung geht leicht vergessen, dass Burgeners Pläne für den FC Basel durchaus bedenkenswert sind. Fussball ist heute ein globales Geschäft, der Schweizer Serienmeister ein Zwerg. Er braucht Know-how und Kapital. Was läge da näher als ein internationaler Schulterschluss? Die Red-Bull-Vereinsfranchise weist den Erfolgsweg.

Ausländischer Partner als bessere Lösung

Burgener müsste offen und transparent erklären, warum mit ewiger Clubnostalgie und Lokalkolorit im internationalen Fussballgeschäft kein Blumentopf mehr zu gewinnen ist. Und warum ausländische Partner vielleicht die bessere Lösung für den erfolgsverwöhnten FC Basel wären.

FC Basel Mehrheitseigner mit kommunikativem Eigentor

Das Gegenteil ist jedoch der Fall: Burgener schweigt, druckst herum, verwedelt oder gebärdet sich gar als geschäftlicher Schattenmann wie im Fall der Briefkastenfirma Dream & Vision. Mit solch kommunikativen Eigentoren verärgert Burgener auch die letzten treuen Supporter. Damit erweist er seiner «Traum-Vision» vom FCB einen Bärendienst.

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Corona-Kredite – Fatale Laissez-faire-Politik

Corona-Kredite Es konnte nicht schnell genug gehen in der ersten Corona-Welle im Frühling. Der Bund organisierte in aller Eile eine gigantische Liquiditätsspritze für klamme Unternehmen. Für die Umsetzung suchte Finanzminister Ueli Maurer den Schulterschluss mit den Banken. Sie sollten als Kreditvermittler die Bundesdarlehen möglichst rasch und unbürokratisch in die Realwirtschaft pumpen. Die viel beschworene «Public-Private Partnership» war Seelenbalsam für den gebeutelten Finanzplatz: Seht her, wir Banken retten die Realwirtschaft – und nicht umgekehrt wie bisher. Die Kreditvergabe geriet zu Anfang gar zum Eventspektakel. Wer als Bank in unter einer halben Stunde ein Covid-19-Darlehen rausjagte, wurde öffentlich bejubelt. Innert dreier Monate verteilte der Finanzplatz so gegen 17 Milliarden Franken an Staatsdarlehen.

Der Bund hat es versäumt, die Banken ernsthaft ins Risiko zu nehmen

Ein halbes Jahr nach dem Schliessen des Kreditfensters zeigt sich: Die grössten Profiteure der Bundesdarlehen sind deren Vermittler. Denn Bund und Verwaltung hatten es – bewusst oder unbewusst – sträflich versäumt, die Banken ernsthaft ins Risiko zu nehmen. Mehr als 80 Prozent der Corona-Kredite sind vollständig vom Bund gedeckt. Beim Rest, bei jenen Darlehen über einer halben Million, haben sich die Finanzinstitute letzten Endes mit 450 Millionen Franken exponiert. Eine läppische Summe, wenn man bedenkt, was die Banken dafür erhalten. Allein der direkte Ertrag ist erklecklich. Gemäss Finanzkontrolle werden die Banken jährlich über 110 Millionen mit Zinsen auf den Bundesdarlehen verdienen. Schliesslich können sich die Institute zum Negativsatz bei der Nationalbank refinanzieren. Und bereits fordern erste Finanzmanager eine Zinserhöhung von der Verwaltung ein.

Finanziell viel gewichtiger ist jedoch der indirekte Nutzen für die Banken. Halten die Staatskredite doch das eigene Firmenkreditportfolio schadlos. Mit anderen Worten: Statt zusätzliche Rückstellungen für faule Kredite bilden zu müssen, erhielten die Banken mit den Bundesdarlehen einen Gratis-Risikopuffer. Einen Puffer, den sie selber massgeblich ausgestalten konnten. Der Bund überliess unverständlicherweise den Banken nebst Kreditvermittlung auch das Ausgestalten der Zahlungspläne.

Wer fremdes Geld verteilt, geht sorglos und eigennützig damit um.

Was dann geschah, kann jeder Küchenpsychologe erahnen: Wer fremdes Geld verteilt, geht sorglos und eigennützig damit um. So geschehen in jenen 127 Tagen, als die Banken Corona-Kredite vermittelten. Die Kollateralschäden sind immens: Hunderte Strafverfahren gegen Kreditbetrüger laufen. Mehrere Milliarden an faulen Krediten dürften den Bundeshaushalt auf Jahre hinaus belasten. Die Scherben dieser fatalen Laissez-faire-Politik kehren nun Bürgschaftsgenossenschaften und Strafverfolger zusammen. Die Banken muss dies nicht mehr kümmern. Das Geld ist draussen. Statt faule Kredite abschreiben zu müssen, können sie an ihrer Dividendenpolitik festhalten oder gar neue Aktienrückkaufprogramme starten.

Dem Steuerzahler sei Dank.

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China – Zeit der Unschuld für Schweizer Konzerne ist vorbei

China Wo ist Jack Ma? Einer der reichsten Männer Chinas ist von der Bildfläche verschwunden, seit er im Herbst auf einem Kongress in Schanghai den Staatsbankern die Leviten las. Er beklagte sich über die Pfandhausmentalität der Finanz-Konzerne und über die innovationsfeindliche Regulierung. Was Ma sagte, gehört in westlichen Demokratien zum rhetorischen Standardrepertoire eines jeden Fintech-Entrepreneurs. Für Ma bedeutet die harmlose Kritik wohl das Ende seiner Bilderbuchkarriere. Dabei trug der Selfmade-Milliardär wie kein Zweiter ein Positivimage der Volksrepublik hinaus in die Welt. Mit seinem Alibaba-Konglomerat schuf er ein Tech-Imperium, das seinen US-Pendants wie Amazon oder Google in nichts nachsteht. So hat Mas Firma Ant Financial Vorbildcharakter für Finanzhäuser rund um Globus. Alipay gilt gar als Blaupause fürs elektronische Zahlen.

Chinas Parteiführung um Generalsekretär Xi Jinping duldet keinen Widerspruch

Dass dieser Vorzeigeunternehmer Jack Ma – eine Art chinesischer Jeff Bezos – vom kommunistischen Parteiapparat einfach kaltgestellt wird, sollte auch Schweizer Konzernchefs zu denken geben. Die Illusion, in China Wandel durch Handel herbeizuführen, ist längst geplatzt. Mit dem stetig wachsenden wirtschaftlichen Gewicht in der Welt zeigt die Führung um Generalsekretär Xi Jinping immer unverhohlener ihr wahres Gesicht: Ganz in marxistisch-leninistischer Tradition duldet die Partei keinen Widerspruch. Gerieten früher vor allem Regimekritiker und Menschenrechtsaktivisten in die Repressionsmühlen, kann es mittlerweile auch verdienstvolle Parteisoldaten wie Jack Ma treffen. Vorausgesetzt, sie wagen es, aus der stummen Masse herauszuragen.

In ihrem Allmachtsanspruch stellen die Pekinger Parteitechnokraten längst auch kapitalistische Grundwerte wie Wirtschaftsfreiheit oder Rechtssicherheit zur Disposition. Die zunehmende Einflussnahme von kommunistischen Parteizellen auf Privatunternehmen offenbart dabei ein grundlegendes Problem. China verfolgt ein langfristiges Wirtschaftsprogramm, das mittels Technologie- und Know-how-Transfer die Volksrepublik in Schlüsselindustrien zur führenden Volkswirtschaft machen soll. In diesem Masterplan ist die Kooperation mit West-Firmen bloss Mittel zum Zweck.

Schweizer Konzerne müssen sich auf die bipolare Weltordnung einstellen

Die vorherrschende Meinung in Schweizer Konzernzentralen, man könne sich mit den Verhältnissen in China schon arrangieren, zeugt dabei von einem naiven, kurzfristigen Opportunismus. Die Zeit der Unschuld ist längst vorbei. Die Zumutungen nehmen zu. Auf längere Sicht vermag der Zugang zu Chinas Binnenmarkt die staatliche Willkür nicht aufwiegen. Die hiesigen Konzerne sind gut beraten, sich auf die bipolare Weltordnung einzustellen. Oder wie es Ökonomin Beatrice Weder di Mauro im Sommer in dieser Zeitung formulierte: Europäische Unternehmen werden sich fragen müssen, wie sehr man noch in China und ebenso in Amerika geschäften kann.

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Füglistalers Fall – Postauto-Affäre mausert sich zum Justizskandal

Postauto-Affäre Zuständig für den Postauto-Skandal wäre das Bundesamt für Verkehr. Stattdessen hat das Amt die brisante Affäre weitergereicht.

Es ist ein Justizskandal in der Subventionsaffäre. Die Rede ist von der Aufarbeitung des Postauto-Falls. Vor knapp zwei Jahren reichte Peter Füglistaler, Direktor des Bundesamts für Verkehr BAV – ohne vorige Rücksprache mit der damaligen Departementschefin Doris Leuthard – eine Strafanzeige gegen die verantwortlichen Postauto-Organe ein.

Die stipulierten Straftatbestände hatten es in sich: Betrug, Urkundenfälschung, ungetreue Geschäfts- und Amtsführung. Im Grundsatz sollen die Post-Manager über Jahre zu hohe Subventionen von den Leistungsbestellern im öffentlichen Verkehr erschlichen haben.

Postauto-Affäre – Politische Bombe, juristisch ein Rohrkrepierer

Mit der Anzeige zündete BAV-Amtsdirektor Füglistaler eine politische Bombe in Bundesbern. Bis ganz hinauf zur Postkonzern-Spitze folgte ein Rücktritt nach dem anderen. Der gelbe Riese sah sich gar zu einer millionenschweren Wiedergutmachungszahlung genötigt.

Doch juristisch bleibt Füglistalers Strafanzeige bis heute ein Rohrkrepierer. Weder die kantonale Staatsanwaltschaft noch die Bundesanwaltschaft sahen sich im Fall für zuständig an. Wie eine heisse Kartoffel reichten die Strafermittlungsbehörden das politisch brisante Dossier einfach weiter. 

Der Skandal im Skandal: Postauto-Untersuchung droht aufgrund von Verfahrensfehlern zu scheitern

Schliesslich sah sich der Bundesrat im Frühjahr 2018 – unter massivem öffentlichem Druck – genötigt, die juristische Aufarbeitung des Falls ans Bundesamt für Polizei (Fedpol) zu delegieren. Gleichzeitig ermächtigte die Landesregierung das Fedpol, ein «Mitglied aus dem Staatsanwältepool der Schweizerischen Staatsanwälte Konferenz» mit der «Verfahrensleitung» zu beauftragen.  

Mit anderen Worten: Der Bundesrat spornte das Fedpol geradezu an, den Postauto-Fall durch externe Strafermittler untersuchen zu lassen. Was in der Folge mit alt-Bundesrichter Hans Mathys und seinem Stellvertreter, dem Neuenburger Richter Pierre Cornu, auch geschah. 

Postauto-Ermittlungen für den Schredder?

Nur: Im völlig veralteten Verwaltungsstrafrecht findet sich gar keine Rechtsgrundlage für eine solche Verfahrensdelegation an externe Ermittler. Jene 70 Befragungen, jene 25 Millionen gesichteten Datensätze – die Ergebnisse der eineinhalbjährigen Postauto-Untersuchung durch Mathys und Cornu drohen im Schredder zu landen. Prozessual nicht verwertbar. 

Diese formal-juristischen Inkompetenzen des Fedpols beziehungsweise des Bundesrates, welche nun die inhaltliche Aufarbeitung des Postauto-Falls gefährden, sind allerdings nur die Spitze des Justizskandals in der Subventionsaffäre. 

Zuständig wäre Bundesamt für Verkehr selbst

Denn längst ist unter Rechtsgelehrten klar, dass die zuständige Behörde im Postauto-Fall weder das Fedpol, die Bundesanwaltschaft noch die Berner Staatsanwaltschaft gewesen wäre. Sondern wohl – in weiten Teilen – das Bundesamt für Verkehr selbst. 

BAV-Direktor Peter Füglistaler hätte es also in der Hand gehabt, die mutmasslichen Verfehlungen bei Postauto Schweiz amtsintern aufzuarbeiten. Schliesslich ist das BAV Aufsichtsorgan über den bundeseigenen Transportbetrieb und in dieser Funktion auch bemächtigt, eine entsprechende Strafuntersuchung gegen die Posttochter zu führen. 

Weshalb es Füglistaler jedoch vorzog, eigenmächtig und medienwirksam eine Strafanzeige gegen die Postauto-Organe zu lancieren, ist unklar. Die «Handelszeitung» versuchte vergeblich – mittels Öffentlichkeitsgesetz – das BAV zur Herausgabe der amtsinternen Kommunikation zu bewegen, die dem Entscheid zur Strafanzeige vorausging.

Die lapidare Antwort des BAV: «Es bestehen keine Dokumente/Kommunikationen.»

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Corona – Die stille Revolution zu Hause

Corona Bald ist 2020 Geschichte. Ein Jahr zum Vergessen. Seit Frühling hat die Pandemie unseren Alltag fest im Griff. Hygieneregeln und Kontaktverbote im Kampf gegen das Coronavirus schränken den persönlichen Aktionsradius massiv ein. Der Kontrast zur Prä-Pandemie-Zeit könnte grösser kaum sein: Billigflüge und Plattformen wie Airbnb oder Booking verleiteten vorher stets zum nächsten Trip, zur nächsten Zerstreuung rund um den Globus. Gleichzeitig bemass sich der berufliche Status nicht selten an gesammelten Flugmeilen, Upgrades der Sitzklasse oder dem Zutritt zur exklusiven Flughafen-Lounge.

Kleinteiligkeit feiert Urstände

Die Pandemie hat diesem Leben auf der Durchreise, zumindest für den Moment, ein Grounding verpasst. Selbst für die sogenannten Davos Men, die globalen Eliten, gelten wieder die Grenzen der Nationalstaaten. Die Kleinteiligkeit feiert Urstände: Ob Kantone, Bundesländer oder Départements – plötzlich spielt es eine Rolle, woher genau jemand stammt. Das Coronavirus hat uns alle verortet. Und mit dem Lockdown wurden wir – im wahrsten Sinne des Wortes – auf uns selbst zurückgeworfen. Das fühlte sich in der ersten Welle zuweilen an, wie ein verregneter Sonntagnachmittag als Kind. Ein kaum auszuhaltender Stillstand.

Für die nötige Tagesstruktur sorgt inzwischen ein unablässiger Reigen an Calls und Videokonferenzen. Denn das eigene Zuhause ist ja auch zum zwangsweisen «Home-Office» geworden. Für viele Angestellte war Heimarbeit eine Premiere. Hatte doch «Home-Office» bis dahin einen eher schalen Beigeschmack: Wer etwas auf seine Karriere hielt, markierte stets Präsenz im Büro. Die Pandemie hat solches Industriezeitalter-Gehabe mit einem Mal weggefegt. Eine Rückkehr zum früheren Präsentismus scheint ausgeschlossen.

Corona als Trend-Verstärker

Existenzielle Not bietet immer auch die Chance, Überkommenes hinter sich zu lassen. Das mag abgedroschen und angesichts der Pandemie-Opfer zynisch klingen. Doch die Heimarbeit ist kein Einzelfall. Corona wirkt als gewaltiger Verstärker bereits vorhandener Trends und Tendenzen. Die Krise verhilft diesen zu einem rascheren Durchbruch.

Jener massive Digitalisierungsschub, den wir gerade miterleben, hätte in normalen Zeiten wohl noch x Jahre gebraucht. Dies gilt ebenso für den Aufstieg Asiens. Die vorbildliche Bewältigung der Corona-Krise, nicht zuletzt dank früheren Sars-Erfahrungen, beschleunigt die Zeitenwende. Gleichzeitig liefern harte Corona-Massnahmen die besten Argumente, welch verheerende Folgen unser bisheriger Lifestyle auf den Planeten hatte. Die Forderung der Klimajugend nach einer Lokalisierung der Produktionsketten und einem massvolleren Wirtschaften finden im Lockdown plötzlich Widerhall.

So dürfte dieses zwangsweise Zuhausesein eine stille Revolution markieren. Auch wenn Corona längst überwunden sein wird.

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Fall Vincenz & Co – Fatale Geheimjustiz

Fall Vincenz & Co Es ist Dezember 2017, als die Zürcher Staatsanwaltschaft für Wirtschaftskriminalität ihre Ermittlungen aufnimmt gegen Ex-Raiffeisen-Chef Pierin Vincenz und Beat Stocker, den ehemaligen CEO des Zahlungsdienstleisters Aduno. In den ersten Undercover-Wochen bis zu deren Verhaftung überwachen die Ermittler um Verfahrensleiter Marc Jean-Richard-dit-Bressel auch die Telefone von Vincenz und Stocker. Und so bekommen sie erstmals hautnah mit, wie hemdsärmelig Business mit dem Bündner Banker ablief. Da werden hohe Summen handschriftlich auf «Fresszetteln» verteilt, da werden hochsensible Interna per Whatsapp-Fotos weitergereicht, da werden Millionendeals bei vergnüglichen Mittagsessen ausbaldowert. Kurzum, ein Graus für jeden Corporate-Governance-Ethiker. Doch was von all dem ist strafbar und hält dann auch wirklich vor Gericht stand?

Für alle Verfahrensbeteiligten gilt bis auf weiteres ein Maulkorb

Nun, nach fast drei Jahren, davon 106 Tage Untersuchungshaft für Vincenz und Stocker, legen die Strafverfolger dazu ihre Anklageschrift vor. Der summarische Vorwurf: Gewerbsmässiger Betrug, Veruntreuung, Urkundenfälschung sowie passive Bestechung zum Nachteil der Aduno und der Raiffeisen. Konkreter wird die dürre Pressemitteilung der Staatsanwaltschaft zum Fall nicht. Selbst auf Angaben zum Strafmass verzichtet man. Die über 300-seitige Anklageschrift bleibt sowieso unter Verschluss. Und überhaupt gilt weiterhin für alle Verfahrensbeteiligten ein Maulkorb.

Was die Angeklagten beziehungsweise deren Gefolgschaft aus Anwälten und Spindoktoren jedoch nicht daran hindert, über alle möglichen Kanäle den «Gerichtssaal der Öffentlichkeit» mit Indiskretionen und Wahrheitsfetzen gezielt zu füttern. Wohl wissend, dass ein Verfahren wie die Strafsache Vincenz niemals nur vor Gericht ausgefochten wird, sondern stets auch eine «res publica» ist. Schliesslich zeigen empirische Studien mittlerweile klar auf, dass Richter sich in ihrem Urteil sehr wohl von der öffentlichen Meinung leiten lassen.

Fall Vincenz – Gefahr, dass Medien zum Spielball von Partikularinteressen werden

Angesichts dieser Gemengelage ist es unverständlich, weshalb der verfahrensleitende Staatsanwalt Jean-Richard-dit-Bressel weiterhin auf strikte Geheimhaltung pocht. Gerade in seiner neuen Rolle als Ankläger müsste er doch ein Interesse daran haben, dass die zur Last gelegten Sachverhalte auch öffentlich faktisch möglichst präzise dargestellt werden. Je restriktiver der Justizapparat kommuniziert, desto grösser die Gefahr, dass die Medien zum Spielball von Partikularinteressen werden.

Schliesslich erhitzt der Fall des gefallenen Volksbankers weit über die Finanzkreise hinaus die Gemüter. Es flossen Millionen an Steuergeldern in dessen straf- und aufsichtsrechtliche Aufarbeitung. Und wie im «Fall Swissair» besteht ein öffentliches Interesse an dessen Aufklärung beziehungsweise rechtlicher Ahndung. Insofern stehen die Staatsorgane in der Pflicht, Rechenschaft über die eigene Arbeit abzulegen. Eine Geheimjustiz wäre fatal.