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Julius Bär – Nachspiel in Caracas

Julius Bär Die Bank versagte in der Bekämpfung der Geldwäsche beim Ölkonzern PDVSA. Nun klagt der Ex-Venezuela-Kundenberater.

Am 9. März 2018 stellt Julius Bär seinem Kundenbetreuer für Venezuela, Matthias Krull, ein Zwischenzeugnis aus. Darin bescheinigt die Bank ihrem Berater, dass «seine Entscheidungen und Handlungen konsequent mit den Werten der Bank übereinstimmen». Gut zwei Monate später beendet die Bank das langjährige Arbeitsverhältnis mit Krull. Zehn Jahre hatte er für Julius Bär in Lateinamerika gearbeitet und galt als «Onboarding Star». Seine Mandate brachten der Bank jährlich zwischen 6 und 7 Millionen Dollar ein. Dies steht in einer Klage vor dem Arbeitsgericht in Caracas, die der «Handelszeitung» vorliegt. Darin macht der Ex-Berater missbräuchliche Kündigung geltend und verlangt 34 Millionen Dollar. «Wir wehren uns entschieden gegen diese haltlose Forderung», sagt ein Sprecher von Julius Bär.

Boni und Entschädigungen in Millionenhöhe

Allerdings deckt sich Krulls Klageschrift mit dem jüngsten Fazit der Finanzmarktaufsicht (Finma): «Schwere Mängel in der Geldwäschereibekämpfung bei Julius Bär». In der Enforcement-Mitteilung geht die Finma auf die Geldwäsche rund um den venezolanischen Ölkonzern PDVSA ein. So habe «ein für Venezuela zuständiger Kundenberater» – es handelt sich um Krull – noch in den Jahren 2016 und 2017 Boni und Entschädigungen in Millionenhöhe erhalten, obwohl die Bank eine ganze Reihe seiner Kunden im PDVSA-Kontext der Meldestelle für Geldwäscherei gemeldet hatte. Dennoch habe die Bank Krulls Bonus im Jahr 2017 lediglich um 2,5 Prozent gekürzt. Noch im Vorjahr habe die Bank ihm gar einen Sonderbonus als «Top Performer» zugesprochen. «In beiden Jahren erhielt er auf diese Weise die höchsten Entschädigungen seiner Karriere bei dieser Bank», so die Finma. Zuletzt verdiente Krull mitsamt Boni und Sonderzulagen täglich etwa 5200 Dollar – also 1,8 Millionen Franken im Jahr, wie Gerichtsunterlagen zeigen. Sie machen zudem deutlich, in welchem Umfang die Bankspitze im PDVSA-Fall gemäss Finma eine «mangelhafte Compliance- und Risikokultur» pflegte.

Ab 2007 wirbt Krull für Julius Bär auf dem venezolanischen Markt potenzielle Kunden an. Gemäss Arbeitsvertrag hat der Berater ein Jahresziel von 50 Millionen Dollar Neugeld. Allerdings entscheidet Krull niemals allein, wer Kunde von Bär wird, sondern spielt den Ball zurück in die Schweiz. Die dortige Organisation segnet das Onboarding jeweils ab. Die Daten zu den venezolanischen Krull-Kunden fliessen laut Verfahrensakten stets ordnungsgemäss an die Compliance nach Zürich.

Compliance-Praxis mangelhaft

Zu jener Zeit für die Compliance verantwortlich ist Risikochef Bernhard Hodler. Ab Oktober 2017 amtet dieser, nach dem abrupten Abgang von Boris Collardi, als Konzernchef. Heute ist Hodler gemäss Linkedin als «Independant Board Member und Investor» tätig. Auch Martin Eichmann, der damalige globale Anti-Geldwäscherei-Leiter, arbeitet nicht mehr aktiv für Julius Bär. Er befindet sich seit Dezember im «Garden Leave». Eichmann war unter anderem verantwortlich für das «Atlas»-Projekt, das ab 2016 unter der Schirmherrschaft von Chef Collardi den Know-your-Customer-Prozess verbessern soll.

Bei Beträgen ab 25 Millionen Dollar und politisch exponierten Personen beugt sich zudem Kurt Sager, der damalige Head AML Desk, über Krulls exponierte beziehungsweise grössere Kundenanbahnungen.

Julius Bär führt die privaten Konti weiter

Mit anderen Worten: Zumindest auf dem Papier ist Julius Bär gerüstet. Doch in der Praxis zeigt dieses Abwehrdispositiv offenkundig Mängel: Bereits im Dezember 2016, also in jenem Jahr, als Krull einen Sonderbonus der Bank zugesprochen erhält, setzen sich die Compliance-Abteilung und Krulls direkter Vorgesetzte mit dem Lateinamerika-Banker mit deutschem Pass in Verbindung. Man informierte Krull darüber, dass die Bank via Schweizer Rechtshilfe den US-Strafverfolgern Informationen zu seinen Kunden übermittelt habe.

Zu diesem Zeitpunkt hätte es der Bank dämmern müssen, dass gewisse Venezuela-Kunden brandgefährlich sind. Doch anstatt Tabula rasa zu machen, ist Salamitaktik angesagt: Anfang 2017 telefonieren der damalige Head AML Desk, Krulls direkter Vorgesetzer und der Venezuela-Banker miteinander. Man berät, was mit jenen Venezuela-Kunden zu tun sei, welche ins Fadenkreuz der US-Strafverfolger geraten sind. Es wird entschieden, dass die Bank deren Firmenkonti schliesst, aber ihre privaten Konti weiterführt.

Liquide Finanzmittel der Julius Bär beschlagnahmt

Zu diesem Entscheid passt die Aussage der Finma, wonach die Geldwäschereirisiken «in einigen Fällen zwar erkannt und auch thematisiert, von den zuständigen Stellen aber nicht konsequent angegangen» wurden. Zudem habe sich der Beginn einer «bereits im Jahr 2016 beschlossenen bankinternen Aufarbeitung des PDVSA-Falls» um fast anderthalb Jahre verzögert. Erst 2018 habe die Bank «längst fällige operationelle und personelle Massnahmen in ihrem Venezuela-Geschäft konsequent» umgesetzt. Nur wenige Monate, nachdem die Bank sich von Krull trennt, wird er im Sommer 2018 am Flughafen Miami verhaftet. Die «Operation Money Flight» läuft an. Die US-Justiz verurteilt Krull bereits im darauffolgenden Herbst zu zehn Jahren Gefängnis. Nicht als Geldwäscher, sondern als Geldwäschekonspirator: Er soll PDVSA-Strohmänner wie Francisco Convit Guruceaga zur Bank Bär geschleust haben. Guruceaga wurde mittlerweile wegen Geldwäsche verurteilt. Über 700 Bär-Konten sollen einen Bezug zu Krull gehabt haben, der zwischenzeitlich bis zu 1 Milliarde Franken an Vermögen betreute.

Trotz Schuldspruch gewähren die US-Strafverfolger dem Ex-Bär-Banker bislang Haftaufschub, wie Gerichtsdokumente zeigen. Krull lebt mit elektronischer Fussfessel in Florida und geht nun gegen seinen ehemaligen Arbeitgeber vor. Für die Bank ist die Angelegenheit unangenehm. Sie kann ihr Venezuela-Office nicht schliessen, solange ein Verfahren läuft. Gleichzeitig will das Gericht in Caracas als Faustpfand liquide Finanzmittel der Bank via Amtshilfe in den USA beschlagnahmen lassen.

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Retail Banken – Anlegen statt sparen

Retail Banken Raiffeisen, Postfinance und Co. lancieren digitale Anlagelösungen für Kleinkunden. Die Hintergründe zur Offensive in der Vermögensverwaltung.

Heinz Huber macht keinen Hehl aus seinen Ambitionen in der Vermögensverwaltung: «Das Potenzial ist gross. Wir haben viele Sparer, aber wenige Anleger», sagt der Chef der Raiffeisen-Gruppe. Das Anlagegeschäft sei daher ein Gegenstand der Gruppenstrategie, die mit den Raiffeisenbanken diskutiert werde. Auch um die Abhängigkeit vom Zinsdifferenzgeschäft zu reduzieren. Im Hypothekargeschäft steht die Bank mittlerweile deutlich auf der Bremse. Im Gegenzug sollen die Anlagen wachsen, auch dank digitalen Lösungen.

«Wir werden ab Sommer eine digitale Vermögensverwaltung für unsere 3,5 Millionen Kundinnen und Kunden lancieren», kündigt Huber an. Das Angebot ab einem Mindestbetrag von 5000 Franken basiere auf der Technologie der Volt-App von Vontobel. Angelegt werden soll themenbasiert, und zwar mittels ETF möglichst kostengünstig. Das Anlage-Know- how stellt die Genossenschaftsbank selber. «Wir haben eigens ein Investment Office aufgebaut.» Die ersten Resultate der Vermögensoffensive zeigen sich bereits: Raiffeisen konnte im Geschäftsjahr 2019 ihre Verwaltungsmandate vervierfachen, wenngleich auf tiefer Basis. Und auch das Fondsgeschäft wuchs zweistellig.

Postfinance startet elektronische Vermögensverwaltung

Nicht nur die Genossenschaftsbank drückt ins Anlagegeschäft. Auch die Postfinance mit ihren 2,7 Millionen Kunden steht in den Startlöchern. Endlich, denn das Projekt dafür läuft schon seit Jahren: «Wir haben auf der grünen Wiese ein digitales Anlagegeschäft entwickelt, das wir in der ersten Maihälfte lancieren», sagt Daniel Mewes, Leiter Investment Solutions. Das «Flagship Product», erklärt Mewes, werde eine elektronische Vermögensverwaltung sein. Diese könne der Postfinance-Kunde aus seinem E-Banking volldigital mandatieren: «Das Onboarding wird im Schnitt keine zehn Minuten dauern.»

Ab einem Betrag von 5000 Franken sollen drei Anlagethemen – global, national, nachhaltig – zur Auswahl stehen, denen jeweils fünf Risikoprofile hinterlegt sind. Die Portfolios basieren auf ETF, passiven und aktiven Fonds. «Alles Best-in-class-Produkte ohne Retrozessionen», betont Mewes, der gleichzeitig dem Anlageausschuss der Postfinance vorsteht.

Auch die Staatsbank wird mit ihrem Digitalangebot keine vollautomatische Robo-Lösung lancieren. Vielmehr befindet ein Anlageausschuss über die Vermögensallokation. Die Vermögensverwaltung der Postfinance soll zwischen 0,75 und 0,95 Prozent der Anlagesumme kosten. Dazu kommen die Produktkosten von ETF und Fonds. Wer kein Mandatsverhältnis möchte, dem bietet die Postfinance auch eine Anlageberatung auf Basis von ausgewählten ETF und Fonds an. Oder ein «Execution only»-Angebot, also ein Wertschriftendepot, in Partnerschaft mit dem Brokerhaus Swissquote.

Für die Postfinance bedeutet die Vermögensverwaltung Neuland: «Wir müssen unsere Statuten anpassen. Sie sehen bislang gar kein Anlagegeschäft vor», sagt Mewes. Anschliessend braucht es eine Bewilligung der Finma. Diese sollte bis im Frühjahr vorliegen. Doch Mewes dämpft die Erwartung, obwohl Postfinance-Privatkunden 60 Milliarden Franken an Barmitteln bei der Staatsbank halten. «Wir sehen Wachstum, aber die Rückgänge im Zinsdifferenzgeschäft werden wir mit dem digitalen Anlagegeschäft bis auf weiteres nicht kompensieren können.»

Swissquote senkt Robo-Erwartungen

Mewes Einschätzung deckt sich mit den Erfahrungen von Swissquote-CEO Marc Bürki: Die vor einigen Jahren lancierten Robo-Anlageberatungen hätten die Erwartungen nicht ganz erfüllt. Einst versprach sich Swissquote, bis Ende 2020 1 Milliarde Franken vollautomatisch verwalten zu können. Von diesem Ziel sei man weit entfernt. «Wir rechnen derzeit mit etwa 400 Millionen.» Einerseits habe die gute Börsenstimmung nicht gerade geholfen, Anleger von Robos zu überzeugen. «Mit einem simplen SMI-Zertifikat konnte man in den letzten Jahren mehr verdienen als mit einem intelligenten Robo, der vernünftig investiert und nicht immer volles Risiko fährt», sagt Bürki. Mit Spannung erwartet er die Ergebnisse der Roboter, sollte die Börsenstimmung mal kippen.

Gleichzeitig habe Swissquote mit dem eigenen Produkt auch Fehler gemacht: «Unser Robo war zu kompliziert. Komplexität sollte eine Möglichkeit sein, nicht eine Grundvoraussetzung.» Man arbeite daher an einem einfacheren Produkt. «Das Investieren sollte so einfach sein wie der Kauf eines Anlagefonds.» Entwicklungspotenzial sieht Marc Bürki vor allem im Bereich der digitalen Finanzplanung. «Ehrlich gesagt funktioniert das bei den meisten Banken noch nicht», konstatiert er. Aber alle arbeiteten daran.

Banken Branche von Erfolg der Säule-3a-Apps überrascht

In der Branche zu reden gab vor allem der Start der Säule-3a-App Viac, an der die WIR Bank beteiligt ist. Mit wenigen Klicks können Viac-Kunden ein vollautomatisches Wertschriftendepot einrichten. Vor zweieinhalb Jahren lanciert, zählt Viac inzwischen 23 700 Kundinnen und Kunden und verwaltet knapp 400 Millionen Franken. Inzwischen hat auch die Zürcher Kantonalbank ZKB mit Frankly eine Säule-3a-App lanciert.

Bankenexperte Andreas Dietrich von der Hochschule Luzern geht davon aus, dass viele Banken die Vorsorge automatisieren. Auch weil dort die Hürden tiefer seien, auf vollautomatische Lösungen zu setzen. Für die Anlage von jährlich bis zu 6000 Franken verzichteten die Bankkunden eher auf ein Beratungsgespräch, als wenn es um Beträge im fünf- bis sechsstelligen Bereich gehe. «3a ist daher ein No-Brainer, wenn es um digitale Anlagelösungen geht.» Manch eine Bank sei derzeit in Gesprächen, um Lösungen wie Viac einzulizenzieren.

Auch Nourdine Abderrahmane vom Beratungsunternehmen Capco beobachtet, dass viele Banken im Bereich der dritten Säule nach neuen Lösungen suchen. «Es gibt grosses Interesse, das Modell Viac zu kopieren.» Dabei sieht er primär ganz traditionelle Gründe für den Erfolg der Vorsorge-App: Eine Umfrage zeige, dass Viac-Kunden sich vor allem wegen der Möglichkeit, in Aktien anlegen zu können, und wegen der tiefen Gebühren für die Lösung entscheiden. Eigentlich sei es naheliegend, dass Banken mit eigenem Asset Management solche Digitalkanäle aufbauten, sagt Abderrahmane. Allerdings stünden bei grossen Banken nicht selten interne Interessenkonflikte im Wege. «Es ist vielleicht kein Zufall, dass kleine Banken derzeit eher mit solchen Versuchen auffallen.»Banken nicht mehr State of the Art

Mit Technologieunternehmen wie Apple und Samsung mitzuhalten

Die Banken hätten mittlerweile erkannt, dass ihre Angebote nicht mehr State of the Art seien, erklärt Capco-Berater Abderrahmane. «Sie haben Mühe, auch nur halbwegs mit Technologieunternehmen wie Apple oder Samsung mitzuhalten.» Auch sei erkannt, dass eine App ein anderes Management erfordere als eine Filiale. Noch weniger verbreitet sei indes die Erkenntnis, dass die Produkte nicht nur digitalisiert, sondern auch grundsätzlich verändert werden müssten. «Wollen die Bankkunden heute immer noch Paketlösungen oder gibt es nicht auch Bankkunden, die sich die Kreditkarte lieber woanders besorgen?» Man sei gespannt, ob sich die Banken auch an solche Grundsatzfragen getrauten, sagt der Berater.

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Julius Bär – Die grosse Ideenlosigkeit

Julius Bär Seit Herbst ist Philipp Rickenbacher Chef der Zürcher Privatbank Julius Bär. Nun hat der Neo-Chef sein Update zur Strategie vorgelegt, ausgeheckt von McKinsey.

Wer auf einen grossen Wurf gehofft hat, sieht sich getäuscht. Vielmehr gesellt sich Rickenbacher zu jenen Schweizer Bankchefs, die angesichts strukturell sinkender Bruttomargen in der Vermögensverwaltung vorab an der Kostenschraube drehen: Julius Bär baut 300 Jobs ab und will bis in zwei Jahren 200 Millionen sparen.

Bei den Wachstumsplänen zerreisst Julius Bär keine Stricke

Das allein ist noch keine Strategie. Und auch bei den Wachstumsplänen zerreisst die Bank keine Stricke. Mindestens 150 Millionen mehr Umsatz sollen die Bären bis 2022 bolzen. Die Vorgehensweise entspricht dem Schema F aus dem Lehrbuch der Berater: mehr Mandatsgeschäft und mehr Wertschöpfungstiefe bei bestehenden Kunden.

Wie das gehen soll, zeigt die Bank im abgelaufenen Geschäftsjahr. Auch die Zürcher Privatbank puscht nämlich das Geschäft mit Lombardkrediten, genau wie ihre Konkurrenz am Paradeplatz.

Worthülsen vermögen Ideenlosigkeit nicht zu kaschieren

Diese Plain-Vanilla-Strategie wird garniert mit allerlei Marketing-Klimbim, wonach die Zürcher Bank zum «Most admired global wealth manager» werden sollen. Solcherlei Worthülsen vermögen nicht zu kaschieren, dass die Führung des Vermögensinstituts Ideenlosigkeit versprüht. Aufbruch sieht jedenfalls anders aus.

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Big Brother in der Bank

Finanzplatz Das Bespitzeln von Schlüsselpersonen ist die Norm in der Bank. Die Grenze zwischen dem Schutz der Firmeninteressen und Rechtsmissbrauch ist fliessend.

Es ist der wichtigste Event für die Grossbank Credit Suisse im Fernen Osten: die alljährliche Asian Investment Conference (AIC) im Luxushotel Conrad in Hongkong. Das Stelldichein der Topreferenten aus Politik und Wirtschaft – von Nicolas Sarkozy bis Janet Yellen – war letzten März Schauplatz eines Thrillers. Die Zielperson: Iqbal Khan, damaliger Leiter der CS-Vermögensverwaltung. Doch die von der Bank angeordnete Beschattung in Central Hong Kong sei fehlgeschlagen, verlautet aus zuverlässigen Quellen. Die lokal angeheuerten Detektive hätten Khan aus den Augen verloren. Übungsabbruch.

Die Episode aus dem «Spygate» um den ehemaligen CS-Banker Khan ist kein Einzelfall. Beschatten, prüfen, kontrollieren: Banking ist ein sensibles Geschäft, die Kundenbeziehung zentral, Vertraulichkeit ein wichtiger Eckpfeiler. Und es gibt eine Finma, die für die Einhaltung der Regeln sorgt. «Die Banken müssen überwachen, weil es ihnen nicht gelingt, loyale Mitarbeitende zu gewinnen», sagt der Arbeitsrechtler Martin Farner. In anderen Branchen gebe es solche Praktiken kaum.

Überwachung in der Bank ist die Norm

Gerade wenn ein Leistungsträger mit dem Gedanken spielt, die Bank bald zu verlassen, fahren die Institute ihre Tentakel aus. Bei monatelanger Freistellung sei eine enge Überwachung die Norm, sagt ein bekannter Bankenjurist. Das Stichwort lautet Garden Leave. Es ist jene Zeit zwischen zwei Anstellungen, wenn der Banker noch von der alten Arbeitgeberin entlöhnt wird, aber nicht mehr ins Büro kommt.

Der Bankenjurist zählt vier Beschattungsmotive auf: «Es geht um Geld, die Abwerbung von Arbeitskollegen oder die Gefahr, dass der Banker Kunden oder Kundendaten zum neuen Arbeitgeber mitnimmt.»

Zum Standardrepertoire der Schnüffler gehört die Spurensuche im Internet: Geprüft wird, welche Daten ein Kundenberater oder ein Investmentbanker kopiert, runtergeladen oder sich zugeschickt hat. Zu reden gab eine Story von einem Banker, der im Garden Leave Daten vom alten Arbeitgeber dem künftigen elektronisch übermittelte. Anschliessend meldete dieser dem alten Arbeitgeber den Posteingang. Es war eine Flucht nach vorn, denn wer Daten, die aus einer anderen Bank stammen, verwertet, läuft Gefahr, ins Visier der Aufsicht zu geraten. Der Stellenwechsel gab zu reden – und kam nicht zustande.

Statt zu beschatten, könnte ein längeres Konkurrenzverbot Abhilfe schaffen. Theoretisch. Denn Arbeitsrechtler Farner winkt ab: Die Gerichte kämen vermehrt zum Schluss, dass Konkurrenzverbote nicht statthaft seien. «Sie gehen zunehmend davon aus, dass der Erfolg eines Beraters auf seinen Fähigkeiten beruht und nicht auf den Einblick in einen Kundenkreis.»

Anspruch auf Salär verloren

Doch auch ohne explizites Konkurrenzverbot: «Banker im Garden Leave befinden sich in einem Zielkonflikt», sagt ein Headhunter für Financial Services: Geschäftsanbahnende Kontakte mit ehemaligen Kunden seien grundsätzlich nicht erlaubt, informelle aber schon. Doch die Grenze ist fliessend und schwierig zu kontrollieren.

Umgekehrt lastet ein wirtschaftlicher Druck auf den Bankern: «Bei einem Wechsel ist für die neue Arbeitgeberin zentral, welches Geschäftsvolumen der Berater bringt», weiss Arbeitsrechtler Farner. Zuweilen übernimmt die neue Arbeitgeberin gar den verfallenden Bonus des Bankers als Antrittsgeld; dieser geht bei Topleuten in die Millionen. Es sind also heikle Gratwanderungen, welche die Involvierten bei einem Stellenwechsel vollführen.

Streit über Verdächtigungen und gestrichene Boni enden nicht selten vor dem Arbeitsgericht. Gerade bei verdeckten Ermittlungen. Was es zu bedenken gibt: «Eine verdeckte Beschattung des Arbeitnehmers ist nicht erlaubt», hält Silvia Böhlen, Sprecherin des Eidgenössischen Datenschutzund Öffentlichkeitsbeauftragte, fest. Denn solche Aktionen wären ein Verstoss gegen Treu und Glauben im Arbeitsverhältnis. In der Rechtspraxis gilt das Verhältnismässigkeitsprinzip. Besteht ein hinreichend schwerwiegender Verdacht, etwa auf Verletzung des Bankgeheimnisses, überwiegt dieses die Persönlichkeitsverletzung des Angestellten. Allerdings ist nicht von vorneherein klar, ob das Beweismaterial aus der Beschattung in einem Rechtsstreit überhaupt verwendet werden darf.

Beschattung ist ein Drahtseilakt

Unter Datenschützern und Juristen gilt ein Bundesgerichtsurteil vom letzten September als Leitentscheid. Darin heben die Bundesrichter in Lausanne die Verurteilung einer Autofahrerin auf. Sie wurde von einem Bezirksgericht wegen Verkehrsdelikten schuldig gesprochen. Als Beweis galt die Aufnahme der Fahrzeugkamera (Dashcam) eines anderen Automobilisten. Das Bundesgericht erachtete das Beweismittel jedoch als rechtswidrig, weil es sich um eine «heimliche Datenverarbeitung» handelte. «Das Dashcam-Urteil verschärft die Hürden für Beweismittel aus Beschattungen erheblich», sagt ein Züricher Strafrechtler.

Für Banken ist die Beschattung in jedem Fall also ein rechtlicher Drahtseilakt. Bisweilen existieren interne Gremien, die darüber befinden müssen. Angeblich soll bei der Credit Suisse früher der Verwaltungsrat zuständig gewesen sein. Unter der Führung von CS-Konzernleiter Tidjane Thiam hat sich Pierre-Olivier Bouée, sein Operativchef, um die Überwachungsaufträge gekümmert. Dieser hat offenbar dem CS-Sicherheitsdienst Kontrollaufträge mit den Zielpersonen Iqbal Khan, Privatbanker, und Peter Goerke, HR-Chef, erteilt. Das Auffliegen jener aggressiven Überwachungspraktiken hat die Bank in eine Führungskrise gestürzt.

Stundenlang zum Sachverhalt in der Bank befragt

Doch allzu neu scheint die Praxis des forschen Vorgehens nicht zu sein. Bereits 2017 hat Colleen Graham, ehemalige CS-Compliance-Chefin der Region Americas, die Bank in den USA verklagt. Ihr Vorwurf: Die Bank habe sie in Manhattan beschatten lassen. Gemäss einem Bloomberg-Bericht soll die Wirtschaftskanzlei Homburger Graham im Auftrag der CS jüngst stundenlang zum Sachverhalt befragt haben.

Laut einer gut unterrichteten Quelle soll auch die ehemalige Topbankerin Pamela Thomas-Graham einst observiert worden sein. Das war noch vor der Zeit des militärisch geschulten Pierre-Olivier Bouée – einem Offizier a. D. der französischen Marine, der es unter Thiam zum zweiten Mann der Credit Suisse brachte.

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Finma – Halbbatziges «Name and Shame»

Insiderhandel Vorab: Dass die Finanzmarktaufsicht die Daumenschrauben beim Insiderhandel anzieht, ist konsequent. Und dass die Finma diese Nulltoleranz den Marktteilnehmern vermittelt, ist wichtig. Nur: Entweder betreibt die Aufsicht ein «Name and Shame», bei dem sie die Täter beim Namen nennt und damit volle Präventivwirkung entfaltet. Oder sie lässt die Personen aus dem Spiel und verweist auf anonyme Erfolgszahlen bei Insiderfällen.

Finma nennt den Täternamen nicht

Was nicht geht, ist jene Variante im «schweren Fall von Insiderhandel», den die Finma kürzlich publik machte. Dieses Zwitterding aus «Name and Shame» mit gleichzeitigem Persönlichkeitsschutz heizt nur die Gerüchteküche ein – Fehlverdächtigungen inklusive. Die Finma nennt den Namen des Täters nämlich nicht, engt aber den Personenkreis stark ein, handelt es sich beim Insider doch demnach um den «ehemaligen CEO einer Schweizer Bank», der über «Depots seiner Ehefrau» rund 730 000 Franken an unrechtmässigen Gewinnen erzielt hat. Bei knapp 250 Schweizer Bankchefs und einer durchschnittlichen CEO-Amtsdauer von 6,9 Jahren ist die Zahl infrage kommender Personen beschränkt.

Finma darf Personalien veröffentlichen

Dabei ist es der Behörde durchaus erlaubt, in schweren Fällen «die betroffenen Unternehmen oder Personen unter Angabe des Namens zu veröffentlichen». Ein halbbatziges «Name and Shame» dagegen schadet mehr, als es nützt.

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Pierre-Olivier Bouée – Comeback eines Phantoms

Pierre-Olivier Bouée Der geschasste Operativchef der Credit Suisse hat wegen der Affäre Khan alles verloren. Nun lanciert er seinen Kampf um Geld und Ehre.

Im holzgetäferten Verwaltungsratssaal der Credit Suisse war die Stimmung gelöst. Die Alumni der Pariser Wirtschaftsuniversität Haute Études Commerciales (HEC) zeigten sich nach dem Rundgang durch den Hauptsitz der Grossbank am Zürcher Paradeplatz tief beeindruckt – hier ein funkelnder Kronleuchter, dort eine vergoldete Wanduhr, dazu Ölgemälde und Marmor. Möglich gemacht hatte den Hausbesuch Pierre-Olivier Bouée, selber Absolvent der französischen Eliteschule HEC. Zum Gruppenfoto drapierten sich die zwei Dutzend Besucher um den runden Holztisch, doch Gastgeber Bouée drängte nicht in die Fotomitte, sondern verzog sich dorthin, wo es ihm am besten behagt – kaum sichtbar in den Hintergrund.

Das Verhalten ist typisch für Pierre-Olivier Bouée. So absolvierte der gebürtige Pariser nicht nur den HEC-Besuch, so agierte er auch in seinen fünf Jahren bei der Credit Suisse: Bouée ist schwer zu fassen, aber zieht aus dem Off geschickt die Fäden. 2015 begann er als Stabs- und Operativchef bei der CS. Im Dezember 2019 trat er ab. Unfreiwillig.

Zunächst einigte sich Bouée mit der Credit Suisse

Die rechte Hand von Konzernchef Tidjane Thiam musste die Credit Suisse verlassen, weil er das Konzernleitungsmitglied Iqbal Khan sechs Tage lang heimlich durch eine Privatdetektei hatte beschatten lassen. Eine Untersuchung durch die Wirtschaftskanzlei Homburger hatte im Nachgang ergeben, dass es Bouée war, der den Auftrag zum Ausspionieren erteilt hatte. Der COO übernahm die Verantwortung für die missglückte Beschattung und trat zurück. Mit der Bank einigte er sich vorerst gütlich über die Austrittsmodalitäten. Die «Spygate»-Affäre schien für ihn ausgestanden.

Doch einige Wochen nach seinem angekündigten Rücktritt im Oktober wurde Bouées zweiter Überwachungsauftrag ruchbar: Im Frühjahr 2019 hatte er auch den damalige HR-Chef, Peter Goerke, beschatten lassen. Diesen Auftrag hatte Bouée bei der Befragung durch die Homburger-Anwälte im Herbst verheimlicht. Mittlerweile ist gar von einem dritten Auftrag in Asien mit der Zielperson Iqbal Khan die Rede, als der noch als oberster CS-Vermögensverwalter arbeitete. Die Beschattung im Frühling soll gescheitert sein.

Wie auch immer. Für CS-Präsident Urs Rohner war kurz vor Weihnachten das Mass voll: Als «inakzeptabel und völlig unangemessen» bezeichnete Jurist Rohner die Beschattungsaktion und entliess Bouée fristlos. Der Thiam-Intimus war damit nicht nur seinen Job per sofort los, sondern auch seine aufgelaufenen Aktienoptionen im Wert von rund 4 Millionen Franken, seine Kündigungsfrist von einem Jahr und eine Bonuszahlung. Die kumulierte Schadenssumme dürfte damit für ihn gut und gerne 6 bis 7 Millionen Franken betragen. Kein Pappenstiel. Zumal er und seine Frau erst vor wenigen Monaten ein Strandhaus an Toplage in der bretonischen Sonnenstube Carnac erworben haben.

Bouée mandatiert nun Anwalt und PR-Mann

Doch nun rappelt sich Bouée auf und will um Geld und Ehre kämpfen. Er hofft insgeheim auf die Finanzmarktaufsicht Finma, die seit Dezember die «Beschattungsaffäre» akribisch aufarbeitet. In einigen Wochen dürfte deren Untersuchungsbericht vorliegen. Unter Juristen ist schon jetzt klar: Findet die Aufsicht keine Beweise, die Bouée entlasten, geht seine Karriere in der Schweizer Finanzwelt abrupt zu Ende. Im schlimmsten Fall droht ihm gar der Gewährsentzug, also ein zeitlich begrenztes Verbot für eine Geschäftstätigkeit im regulierten Finanzbereich. Dann nämlich, wenn sich der Verdacht erhärten sollte, dass Bouée bewusst Beweise für die Beschattungsaktionen hat verschleiern oder gar verschwinden lassen.

Kommt der Prüfbeauftrage der Finma jedoch zum Schluss, Bouée habe verhältnismässig und im Interesse der Bank gehandelt, kann der geschasste Spitzenbanker auf eine Teilrehabilitation hoffen. Seine fristlose Kündigung wäre dann womöglich missbräuchlich gewesen. In diesem Fall dürfte Bouée den Kampf vor Arbeitsgericht gegen die Credit Suisse wagen. Der ehemalige McKinsey-Berater bringt sich schon mal in Stellung: Er hat einen namhaften PR-Berater und einen bekannten Wirtschaftsanwalt engagiert.

Diesen rechtlichen und kommunikativen Support kann Bouée gut gebrauchen. Denn sein beruflicher Absturz sucht seinesgleichen. Galt der 49-jährige Manager doch bis vor kurzem als engster Vertrauter von Konzernchef Tidjane Thiam. Spätestens seit der gemeinsamen Zeit bei McKinsey in Paris zur Jahrtausendwende war Bouées Berufskarriere im Schlepptau des polyglotten Franko-Ivorers erfolgt. Ob bei Aviva, Prudential oder bei der Credit Suisse – auf TT folgte stets POB.

Bouée hat in Frankreichs Marine gedient

Aus dem langjährigen, sehr engen Vertrauensverhältnis resultierte eine entsprechend weitreichende Machtbefugnis des Franzosen. Während Thiam sich vom operativen Geschäft fernhielt und in der Credit Suisse kaum visibel war, fungierte Bouée als dessen stets loyaler Erster Offizier: Er war omnipräsent, gab die Direktiven und überprüfte ihre Durchsetzung konsequent. Geprägt war sein Führungsstil durch seine Jahre in der französischen Marine, wo er es Mitte der neunziger Jahre zum Offizier gebracht hatte. Intern zeigte er gerne Bilder, die ihn in steif gebügelter Uniform auf Kriegsschiffen präsentierten.

Militärisch-hierarchisch war Bouées Umgang auch bankintern. Als er 2015, zusammen mit Konzernchef Thiam, bei der Credit Suisse anfing, schickten ihm Mitarbeitende ein herzliches Willkommens-Mail. Statt darauf zu antworten, verbarrikadierte sich Bouée über Wochen in seinem Büro. Kontakt unerwünscht. Ausser mit Prudential-Weggefährten wie John Murray, der zuvor Kommunikationschef des britischen Versicherers gewesen war und der ebenfalls zur Grossbank gewechselt hatte.

Bouées grösstes Verdienst war, sagen seine Weggefährten, mit welcher Konsequenz er das harte Sparprogramm der letzten drei Jahre durchdrückte. So gelang es der Grossbank, die Kosten um 4 Milliarden Franken zu senken und wieder in die Gewinnzone zu bringen. Er war es, der Thiams Direktive («Never miss a cost target») auf den Boden brachte und damit die Basis für den Turnaround schuf. Doch so erfolgreich Bouée operativ war, so opak waren die Entscheidungswege. Die Rede ist von einer Trutzburg oder einem Machtkartell, das aus Thiam, Bouée und dem ehemaligen CS-Personalchef Peter Goerke bestand. Alle drei kannten sich seit Jahrzehnten. Besonders vertraulich war das Verhältnis zwischen Thiam und Bouée. Doch die verschworene Dreier-Combo bekam Anfang 2019 Risse. Offenbar gerieten sich Goerke und Bouée über Finanzielles in die Haare. Schliesslich eröffnete Konzernchef Thiam Goerke bei einem Mittagessen Mitte Februar, dass er im Zuge einer Reorganisation aus der Geschäftsleitung ausscheiden und mit einem wohlbestallten Rekrutierungsmandat in Asien betraut werde.

Widerspruch ist nicht geduldet

Tage später setzte Operativchef Bouée eine Detektei auch auf den entmachteten Goerke an, wie die NZZ im Dezember enthüllte. Es sollte diese klandestine Überwachungsaktion sein, die den mächtigen Bouée Karriere und Millionen kosten sollte. Goerke flog damals nach Birmingham, wo er in einer Mechanikerwerkstatt die Arbeiten an seinem Oldtimer-Sportwagen überwachen wollte.

Überhaupt war der Führungsstil, der unter Thiam und Bouée in der Grossbank galt, für Schweizer Verhältnisse gewöhnungsbedürftig. Entschieden wurde im engsten Kreis, Kritik war unerwünscht, rasche Umsetzung gefordert. Selbst Geschäftsleitungsmitgliedern blieb nur ein eng begrenzter Spielraum. Eine verschworene Parallelorganisation hatte die Führung der Bank übernommen.

Wer sich wie Iqbal Khan, Chef der internationalen Vermögensverwaltung, Gegenrede oder gar einen kessen Spruch leistete («Man hat mir den Restposten übergeben, aber wir haben was draus gemacht»), galt als illoyal und wurde an die kurze Leine genommen. Bereits nach einem Khan-Portrait in der «Handelszeitung» Anfang 2017 – Titel: «Immer Vollgas» – wurden seine Journalistenkontakte von oben auf ein Minimum beschränkt. Damit bahnte sich das Ende des anfänglich von Respekt geprägten Verhältnisses zwischen den beiden hochambitionierten Alpha-Bankern Thiam und Khan an, das schliesslich in einem wüsten Nachbarstreit inklusive Überwachungsoperation durch Bouée endete.

Zum vertraulichen Gespräche geben sie die Mobiltelefone ab

Überwachen, kontrollieren – das waren Methoden, die dem Marine-Leutnant, der es bis fast an die Spitze eines Global Players der Finanzwelt brachte, keineswegs fremd waren. Bouée war als Chief Operating Officer auch die IT und damit der Mail-Verkehr, die Badges und der Handy-Einsatz aller CS-Mitarbeitenden zugeteilt – ein reizvoller Fundus. So soll im eskalierenden Streit mit Khan auch die elektronische Kommunikation seiner Entourage überwacht worden sein, sagen mehrere Quellen. Selbst im Umfeld von VR-Präsident Rohner versuchten Bouées Leute, ganz im Stil einer Aufklärungstruppe, an Informationen aus dem Banken- Überwachungsorgan zu kommen. Man wähnte sich in CIA-Manier fast wie in Langley, Virginia: Es galt stets höchste Geheimhaltungsstufe. Trafen sich Thiam und Bouvée zum vertraulichen Gespräch, wurden die Mobiltelefone vorsichtshalber draussen im Sekretariat deponiert.

Der smarte Bouée wusste stets, was er wollte, seine Voten in Sitzungen zeugten von Detailwissen aus der Finanzbranche. Seine Worte hatten Gewicht; sein Spruch «Ich möchte nicht kritisieren, sondern nur sagen, wie ich es sehe» war intern legendär. Man hat es so verstanden, wie es zweifellos gemeint war – als Befehl.

Nach zwanzig gemeinsamen Berufsjahren loyal

Gehorsam verlangte Bouée nicht nur von seinen Mitarbeitenden. Gehorsam verhielt er sich auch gegenüber seinem grossen Mentor und Vertrauten Tidjane Thiam. Selbst als dieser Ende Oktober erstmals zu «Spygate» Stellung nahm und sich von seinem Compagnon Bouée öffentlich distanzierte. «Ich bin mir nicht sicher, ob man ihn als Freund bezeichnen kann», liess Thiam die Journalisten wissen.

Immerhin attestierte ihm der CS-Chef, dass seine Nummer zwei ein «guter Berufsmann» sei. Wohl wissend, dass dieser sich nach zwanzig gemeinsamen Berufsjahren loyal verhalten wird. Denn ein Offizier stellt auch im Krisenfall seinen Kapitän niemals infrage. Niemals.

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Mega Safe Brünig – Ein Berg voller Ideen

Brünig Mega Safe In Kavernen unter der Passhöhe sollen künftig Kunst und Wertsachen sicher lagern. Der Mega-Safe ist nur eine von vielen Aktivitäten im Fels.

Mehr Postkarten-Schweiz geht nicht: im Rücken der malerische Lungerersee, seitlich der schneebedeckte Gipfel des Höch Gumme und geradeaus das wuchtige Brünigmassiv. An diesem frostigen Morgen in kalte Schatten getaucht. Hier, im hintersten Winkel der Zentralschweiz, soll ein sicherer Hafen der Superlative entstehen: Der Brünig Mega Safe, ein Tresorprojekt im Felsmassiv auf einer Parzellenfläche von fast neun Fussballfeldern. Bis zu hundert Hochsicherheitskavernen könnten im Endausbau entstehen.

Kaverne im Brünig

Alle sollen standardmässig über Wasser, Wärme, Strom sowie eine LKW-Zufahrt verfügen. Die kleinste Kaverne hat gemäss Plan mindestens Zimmergrösse, also 25 Quadratmeter, und wird je nach Ausbaustandard gegen eine halbe Million Franken kosten. Nach oben ist die Preisskala offen. Eine Kaverne in Fussballplatzgrösse samt Decke in der Höhe eines Hochspannungsmastes wäre möglich. Auf dass die Gutbetuchten ihre Wertgegenstände im Herzland der Eidgenossenschaft in Sicherheit wissen. Sei dies nun Kunst, Schmuck, seien es sensible Daten oder automobile Sammlerstücke.

«Was in der Kaverne lagert, geht nur den Besitzer etwas an», sagt Thomas Gasser, um sogleich anzufügen, dass man nur «saubere Ware» im Berg einlagern werde. Der knorrige Obwaldner Serienunternehmer gilt als Mastermind hinter dem Mega-Safe-Projekt. Seine Felstechnikfirma hat er vor drei Jahren der nächsten Generation weitergegeben und deren Büros liegen einen Steinwurf vom Brünigmassiv entfernt. Der Familienbetrieb mit 300 Mitarbeitenden ist auf Untertage, Felsbau und Sprengbetriebe spezialisiert. Know-how, das der findige Patron für den geplanten Tresorbau bestens nutzen kann.

6 Millionen Franken kostet die erste Etappe. Die Bauarbeiten sollen im Frühjahr starten und 16 Kavernen umfassen. Vorausgesetzt, Gasser hat bis dahin mindestens acht verkauft. «Wir führen derzeit interessante Gespräche», gibt er sich zuversichtlich. Offenbar sind private Kunstsammler, aber auch Profi-Galeristen interessiert. Denn im Vergleich zu hiesigen Zollfreilagern sei der Zugang zum Mega-Safe weniger bürokratisch, versichert der Initiant: «Bei uns erhalten die Besitzer rund um die Uhr Einlass.» So erstaunt es nicht, dass auch vermögende Ausländer, beispielsweise aus Südostasien, eine Kaverne in der Schweiz wollen. Derzeit kläre man ab, inwiefern die begehbaren Felstresore unter die Lex Koller fallen. Das Bundesgesetz schränkt seit den achtziger Jahren den Erwerb von Grundstücken durch Personen im Ausland ein. Allerdings dürfte die «Überfremdung des einheimischen Bodens» im Berginnern kein Thema sein.

Geschäftlicher Volltreffer

Die Idee, Gewerbeflächen im Felsinnern zu erschliessen, entstand aus Gassers Kerngeschäft: Ab Anfang der neunziger Jahre nutzte seine Felstechnikfirma eine erste Kaverne als Werkhof und Materiallager. Die Parzelle dafür hatte sich der unternehmerische Tausendsassa im Baurecht für 99 Jahre von jener lokalen Alpgenossenschaft besorgt, der die «Oberfläche» des Brünigs gehört.

Was vor dreissig Jahren als Abstellkammer im Fels begann, entwickelte der ausgebildete Sprengmeister ab der Jahrtausendwende nach und nach zu einem riesigen Indoor-Businesspark. Gasser betrieb nebst dem Materiallager für seine Mitarbeitenden zunächst eine Betriebskantine im Brünigmassiv, aus der ab 2001 das öffentliche Restaurant Cantina Caverna wurde. Den Gastrobetrieb liess er einige Jahre später grosszügig erweitern. Inzwischen ist aus der einstigen Blaumann-Kantine eine prämierte Eventgastronomie mit mehreren Bars und Bankettsälen für bis zu 250 Gäste entstanden. Mit dem Ausflug in die Restauration wurde Gassers Unternehmergeist erst so richtig geweckt. Er sprüht fortan vor Ideen für seinen Brünig: Ein Projekt für eine Indoor-Eishalle reisst Gasser mit einem Profi-Club an. Auch eine Trainingskaverne für Bergführer und Notärzte fürs Windentraining bei Rettungshelikoptereinsätzen lässt er durchrechnen.

Schiessanlage im Fels

Auf die «Cantina Caverna» folgt ab 2002 schliesslich für einen zweistelligen Millionenbetrag ein «Kompetenzzentrum Schiessen», dessen Aktionariat inzwischen breit gestreut ist. «Schiesslärm kümmert im Berg drin niemanden», meint Gasser lapidar. Das «Obligatorische» könne man hier auch an einem Freitagabend vor dem Ausgang absolvieren. Sagts und nimmt mich mit auf einen Rundgang durch die «Brünig Indoor». Die Schiessanlage im Fels lockt jährlich mehr als 30 000 Schützen in den Berg. Von Armbrust-, Blasrohr-, über Bogen- bis hin zu Pistolen- und Gewehrschiessen werden hier indoor alle möglichen Disziplinen angeboten. Herzstück ist ein 300-Meter-Schiessstand, auf dessen Scheiben von drei Stockwerken aus gefeuert werden kann. Der Boden ist beim Besuch mit Patronenhülsen übersät. Über acht Millionen Schüsse seien hier bereits abgefeuert worden, erklärt ein Angestellter stolz.

Doch viel Zeit bleibt nicht, um dieses Eldorado für Sportschützen zu besichtigen. Schnellen Schrittes führt Gasser durch ein Labyrinth an kleinen und grösseren Räumen – vorbei an einem 50-Meter-Pistolenstand nach Olympianorm und einem Schiesskino, in dem Jäger ihre ruhige Hand auf einer Videoleinwand testen können. Über 250 Filmsequenzen stünden in der Videothek zur Verfügung – von der gemeinen Wildsau bis hin zum kapitalen Vierzehn-Ender.

Leicht angekohlter Lastwagen

Schliesslich zweigt der unprätentiöse 63-Jährige in einen mit Spritzbeton ausgeformten Zugang ab, an dessen Ende sich eine Sicherheitsschiebetür befindet. Dahinter: die perfekte Kopie eines Strassentunnels samt dazugehörigem Schwerverkehr. In der 150 Meter langen Tunnelröhre stehen leicht angekohlte Lastwagen und Personenfahrzeuge aller Marken, perfekt aufgereiht in Fahrtrichtung. «Hier trainieren Berufsfeuerwehren den Ernstfall, einen schweren Tunnelbrand», so Gasser. Um jene 500 Grad Brandherd zu simulieren, ist über der Tunneldecke eine Gasanlage eingebaut, welche die Röhre zünftig einfeuert.

Das kam so: Als das Bundesamt für Strassen nach dem verheerenden Gotthard-Unglück einen Übungstunnel zum Bau ausschrieb, bewarb sich Gasser 2005 auf den letzten Drücker mit seiner Felsparzelle: «In eineinhalb Monaten stellten wir einen ersten Entwurf auf die Beine», erinnert er sich. Aus der Submission entstand am Ende in Partnerschaft die International Fire Academy (IFA) auf 27 000 Quadratmetern. Hauptfinancier des Projekts war der Bund mit der Auflage, dass die IFA den Betrieb für zwanzig Jahre garantiere. Seither trainieren hier Feuerwehrkorps aus halb Europa.

Projekt für Goldraffinerie offen

Während man in der IFA Feuer eindämmt, wird in einem Zufahrtsstollen nebenan Hochexplosives gelagert: Die Walliser Firma Sociéte Suisse des Explosifs, in deren VR Gasser sitzt, hat dort ihre Vorräte für die Deutschschweiz gelagert: 40 Tonnen Sprengstoff. Im Gewölbe ist auch ein schneeweisser Truck parkiert, der von aussen ausschaut wie ein gewöhnlicher Tanklastwagen. «Das ist der einzige Spreng-LKW der Schweiz. Er kommt meist in Steinbrüchen zum Einsatz», sagt Gasser. Angesprochen auf die Frage, ob das grösste private Sprengstofflager der Schweiz nicht eine Gefahr für sein Mega-Safe-Projekt darstelle, winkt er ab: «Da kann gar nichts passieren.» Das Lager sei von der Bundesanwaltschaft abgenommen und so konzipiert worden, dass die Druckwelle einer möglichen Explosion gezielt nach aussen geleitet werde.

Nebst Waffen, Feuer, Sprengstoff und Essen könnte der Brünig bald noch anderweitig genutzt werden: Vis-à-vis vom Mega Safe besitzt die Lungerer Firma Sarnoro nämlich seit einigen Jahren die Baubewilligung für eine unterirdische Goldraffinerie. Die Idee: Im Berg ist die Produktion von Barren sicherer und kostengünstiger, weil der Security-Aufwand um einiges geringer ausfällt als auf der grünen Wiese. Bis zu zwanzig Arbeitsplätze könnte die Raffinerie schaffen.

Türkische Investorengruppe

Hinter Sarnoro steht eine Investorengruppe um den türkischen Unternehmer Erdogan Asik. Auf die Frage, ob und wann das 25-Millionen-Franken-Projekt realisiert werde, antwortete Asik, dass die Besitzerfamilie derzeit voll in einem anderen Projekt im Ausland engagiert sei. Der VR von Sarnoro habe deshalb «den Entscheid über die Realisierung der geplanten und bewilligten Goldraffinerie in Lungern auf Mitte 2020» verschoben. Bis dahin will Thomas Gasser, der mit seiner Felstechnik den Bau realisieren würde, auch Klarheit über die Lieferkette der Raffinerie: «Wir verlangen, dass hier sauberes, sogenanntes grünes Gold geschmolzen wird.» Sarnoro würde einen Deckungsbeitrag ans Mega-Safe-Projekt liefern: «Kommt sie nicht, müssen wir einfach mehr Felstresore verkaufen», gibt sich Gasser gelassen. Die nächste Idee für seinen Brünig kommt ihm bestimmt.

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Sind die Bücher von Raiffeisen unvollständig?

Raiffeisen Beim Kauf der Investnet Holding gab die Raiffeisen Optionen aus. Doch genau diese fehlen in den Geschäftsberichten.

Ein altes Optionsgeschäft könnte für Raiffeisen zum Problem werden. Dabei geht es um das KMU-­Investment­vehikel Investnet. 2012 beteiligte sich die Bank unter Führung von Pierin Vincenz an Investnet, um Raiffeisen als Unternehmerbank für Nachfolgeregelungen längerfristig zu positionieren. Dabei galt es, die Investnet-Gründer, Andreas Etter und Peter Wüst, bei der Stange zu halten.

Der Aktionärsbindungsvertrag sah die Ausgabe von Put-Optionen vor. Dies bedeutet: Die beiden Investnet-Gründer konnten ihre Minderheitsanteile an Raiffeisen Schweiz erst nach Ablauf ­einer Haltefrist von einigen Jahren auf Grundlage einer vordefinierten Bewertungsmethode andienen.

Der Wert bemass sich nach dem operativen Erfolg des zugrunde liegenden Firmenportfolios. Mitte 2015 wurden diese Put-Optionen auf mindestens 40 und höchstens 100 Millionen bewertet. Zum Vergleich: Der Raiffeisen-Gewinn 2014 betrug 759 Millionen Franken.

Keine Zeile zu den Put-Optionen

Im Ausübungsfall hätte Raiffeisen Schweiz den Investnet-Gründern also jene Optionswerte geschuldet. Doch: In den öffentlichen Geschäftsberichten der Genossenschaftsbank aus den Jahren 2012 bis 2014 findet sich keine Zeile zu diesen Verpflichtungen aus den Put-Optionen bei Investnet.

Marco Passardi ist Professor am In­stitut für Finanzdienstleistungen Zug und zeigt sich erstaunt: «Aufgrund der vorhandenen Angaben von Raiffeisen lässt sich nicht nachvollziehen, weshalb diese Position nicht offengelegt wurde.» Denn gemäss Rundschreiben der Finanzmarktaufsicht Finma seien ausserbörsliche Optionen zum Fair Value, also zum aktuellen Wiederbeschaffungswert zu verbuchen respektive deren Ergebnisbeiträge aus Auf- beziehungsweise Abwertungen anzuführen.

Sind die Bücher von Raiffeisen also unvollständig? Dies wäre eine gravierende Verletzung des Aufsichtsrechts. Oder wusste der Raiffeisen-Verwaltungsrat bei der Beteiligung an Investnet 2012 gar nicht, dass der Vertrag ein ­optionenbasiertes Vorkaufsrecht be­inhaltete?

Definierte Bewertungsmethodik

Raiffeisen jedenfalls erwähnt die Existenz von Put-Optionen im Kontext Investnet erst im Geschäftsbericht 2015. Dort ist dann zu lesen: «Jeder Minderheitsaktionär ist ab dem 1. Juli 2020 jederzeit berechtigt, seine Aktien an der Gesellschaft der Mehrheitsaktionärin Raiffeisen Schweiz zu einer definierten Bewertungsmethodik anzudienen (Put-­Option).»

Allerdings ist diese Fussnote einer Neustrukturierung der Beteiligungsverhältnisse geschuldet. Raiffeisen gründete im Sommer 2015 nämlich eine Dachgesellschaft und beteiligte ihren abtretenden Chef Pierin Vincenz mit 15 Prozent an dieser Investnet Holding. Die beiden Investnet-Gründer hielten fortan 25 Prozent. Auch sah der neue Aktionärsbindungsvertrag ein optionsbasiertes Vorverkaufsrecht für Raiffeisen vor. Die Bewertungsmethodik war ähnlich wie jene bei der Erstbeteiligung 2012.

Im Sinne der Langfristigkeit konnten Vincenz, Etter und Wüst ihre Minderheitsanteile erst fünf Jahre später, also ab Juli 2020 der Bank andienen. Es ist ein substanzieller Betrag, den Raiffeisen den Minderheitsaktionären dann schulden würde. Der Wert der neuen Put-Optionen aus der Holding-Phase betrug Ende 2017 gemäss einem EY-Gutachten nämlich mehr als 110 Millionen Franken. Doch auch in den Jahren ab 2015 fehlen in den Geschäftsberichten Hinweise auf deren aktuellen Wiederbeschaffungswert.

Kompagnon von Raiffeisen Chef

Im Abschluss 2018 schliesslich macht die neue Führung um Präsident Guy Lachappelle Tabula rasa und bucht alle Verpflichtungen gegenüber Investnet aus. Doch die Put-Optionen fehlen. ­Accouting-Experte Passardi sagt: «Mit grosser Wahrscheinlichkeit wurden keine Wiederbeschaffungswerte bilanziert, sodass auch nichts ausgebucht werden kann. Ansonsten wäre das Vorgehen wenig plausibel.»

Inzwischen macht Raiffeisen einen Grundlagenirrtum geltend, womit Investnet integral Makulatur wäre. Denn beim Raiffeisen-Einstieg 2012 war verdeckt auch Beat Stocker – ein Kompagnon von Pierin Vincenz – an Investnet beteiligt. Fragen, ob und wie die Put-Optionen verbucht wurden, beantwortet die Bank nicht: Aufgrund der Geheimhalteverfügung der Staatsanwaltschaft Zürich III könnten keine Auskünfte gegeben werden.

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Flugbewegte Klimajugend

Aviatik Wasser predigen und Wein trinken. So lässt sich die neuste Meldung vom Flughafen Zürich deuten. Denn auch 2019 fliegen erneut mehr Passagiere ab Kloten. Im Vergleich zu vor zehn Jahren sind es fast zehn Millionen Passagiere mehr, was einem satten Plus von 43 Prozent entspricht.

Zwei Drittel sind Freizeit-Flüge

Fürs Klima sind dies schlechte News, verursacht doch der Flugverkehr rund einen Fünftel des CO2-Ausstosses in der Schweiz. Dabei wäre eine Reduktion durchaus zumutbar: Fast zwei Drittel der über dreissig Millionen Passagiere nehmen ab Kloten aus «Freizeitgründen» den Flieger. Das Klischee von den meilensammelnden Geschäftsfliegern, derentwegen die Polkappen dahinschmelzen, ist daher zu korrigieren.

Und nicht nur das. Wer die Passagierstatistiken in Kloten von 2008 und 2018 miteinander vergleicht, sieht zwei weitere Trends: Der Anteil weiblicher Passagiere ist deutlich gestiegen (um 29 Prozent), der Anteil jüngerer Fluggäste ebenfalls. So beträgt der Zuwachs in der Sparte der 16- bis 25-jährigen Flugpassagiere immerhin 14 Prozent. Auch die Klimajugend aus der Generation Greta lässt sich also gerne per Flieger ins Freizeitvergnügen bewegen.

Passagiere werden jünger und weiblicher

Womit wir beim Kernproblem wären, weshalb die Klimaziele mit Sicherheit verfehlt werden: Wohlmeinende Proteste sind nicht nachhaltig. Nach dem Friday for Future rasch im Easyjet ins Weekend abzudüsen, ist zwar hochgradig widersprüchlich, aber typisch menschlich. Wer wirklich Verhaltensänderungen durchsetzen möchte, tut dies mit Vorteil über den Preis, abseits aller moralinsauren Appelle ans schlechte Gewissen.

Eine griffige Flugsteuer ist deshalb die einzig logische Konsequenz.

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Finma-Bericht gegen Credit Suisse zugelassen

Strafverfahren Ein Bericht der Finma darf in einer laufenden Untersuchung gegen die Credit Suisse verwendet werden. Dies hat ein Genfer Gericht entschieden.

Der Genfer Staatsanwalt Yves Bertossa hat Ende Jahr einen Etappensieg gegen die Credit Suisse erzielt. Das Zwangsmassnahmengericht in der Calvinstadt entschied nämlich Mitte Dezember, dass ein Bericht der Finanzmarktaufsicht Finma zu Geldwäscherei-Mängeln bei der CS in eine laufende Strafuntersuchung gegen die Bank einfliessen darf. «Die Staatsanwaltschaft bestätigt, dass sie Zugang zu dem von Ihnen genannten Dokument erhalten hat», sagt ein Sprecher. Die Credit Suisse kann gegen den Gerichtsentscheid noch bis Ende Januar vor Bundesgericht rekurrieren: Man prüfe derzeit einen möglichen Weiterzug, so die CS.

Strafurteil gegen Credit Suisse Berater

Beim Finma-Bericht mit dem Codenamen «Dino» handelt es sich um das Enforcementverfahren zur Geschäftsbeziehung der Bank mit dem georgischen Milliardär und Ex-Regierungschef Bidzina Ivanishvili. Dieser war langjähriger Grosskunde der Credit Suisse und sieht sich durch einen ehemaligen CS-Berater im grossen Stil betrogen. Gegen die Bank läuft deshalb eine Strafuntersuchung wegen Organisationsmängeln.

Die Informationen aus dem Finma-Enforcmentbericht sind für die CS nicht nur für dieses laufende Verfahren kritisch. Sie bergen auch Finanz- und Reputationsrisiken für die Bank. Denn die Geschädigten des Ex-CS-Relationship-Managers P. L. machen seit geraumer Zeit öffentlich Druck. Eine Kampagne unter dem Titel «CS Victims» samt Zeitungsinseraten und einer eigenen Website soll die Bank in einen Vergleich zwingen.

Politisch exponierter Milliardär

Im nun entsiegelten Finma-Bericht sind Mängel der Credit Suisse bei der Einhaltung der Sorgfaltspflichten in der Geldwäschereibekämpfung detailliert dokumentiert. Die Geschäftsbeziehung mit dem politisch exponierten Milliardär sei «zu spät als solche mit erhöhten Risiken erfasst und entsprechend behandelt» worden, schrieb die Finma in einer späteren öffentlichen Mitteilung. Die Abklärungen und die Dokumentation seien mangelhaft gewesen. Erhöhte Risiken habe die Bank «bei gewissen Transaktionen» gefahren.Fakten für mögliche Mängel

Bereits im Februar 2018 wurde der ehemalige CS-Kundenberater von Ivanishvili, P. L., vom Genfer Strafgericht zu einer Freiheitsstrafe von fünf Jahren verurteilt. Der Bankberater habe das Vertrauen der Kunden, darunter Bidzina Ivanishvili und der russische Oligarch Vitaly Malkin, missbraucht und Millionen Franken ergaunert, hiess es in der Urteilseröffnung. L. habe insgesamt einen Schaden von 143 Millionen Franken verursacht und sich dabei selbst um 30 Millionen Franken bereichert.

In Berufung vor Bundesgericht

Der Ex-CS-Banker wurde wegen gewerbsmässigen Betrugs, ungetreuer Geschäftsbesorgung und Urkundenfälschung erstinstanzlich schuldig gesprochen. Im letzten Sommer bestätigte das Appellationsgericht das Urteil. Mehrere Verfahrensparteien sind daraufhin in Berufung gegangen. Inzwischen liegt der Fall L. dem Bundesgericht zur Beurteilung vor.

Gesondert zum Strafverfahren gegen den mutmasslich fehlbaren CS-Kundenberater L. hat der Genfer Staatsanwalt Yves Bertossa bereits vor zweieinhalb Jahren eine eigene Strafuntersuchung gegen die Bank nach Artikel 102 Strafgesetzbuch eröffnet, also Unternehmenshaftung aufgrund von Organisationsmängeln. Dabei könnte der Bank eine Busse von bis zu maximal 5 Millionen Franken drohen. Die nötigen Fakten für solch möglicherweise strafbaren Organisationsmängel dürfte der Enforcementbericht liefern, den Bertossa im Herbst von der Aufsicht erhielt.

Vertrauliche Informationen über Credit Suisse

Doch seine Freude darüber währte nicht lange: Die CS-Anwälte von der Kanzlei Schellenberg und Wittmer sollen laut Nachrichtenagentur Bloomberg wenige Tage später eine Versiegelung veranlasst haben. Dabei hätten die Anwälte argumentiert, dass der Finma-Bericht vertrauliche Informationen über das Management der Bank enthalte, welche den bankeigenen Interessen im Strafverfahren zuwiderlaufen würden.