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Corona-Krise: In der Kreditklemme

Corona-Krise Auch grössere Firmen stecken in Finanznöten. Banken scheuen die Kreditrisiken – trotz Teilgarantie des Bundes. Derweil friert der Kapitalmarkt ein.

John Feigl ist ein erfahrener Kreditberater. Er sorgt sich: Ihm seien grössere Unternehmen bekannt, die bislang keine Covid-Plus-Kredite erhalten hätten. Bei diesen handelt es sich um jene Nothilfedarlehen zwischen 0,5 und 20 Millionen Franken, bei denen der Bund zu 85 und die Banken zu 15 Prozent garantieren. Die Firmen seien vertröstet worden mit Verweis auf eine eingehende Bonitätsprüfung.

Für den Partner der Basler Beratungsfirma Pilfor greift das Vertrösten zu kurz. Schwierig werde es vor allem, wenn ein Unternehmen bei seiner Bank bereits einen Kredit habe. Weil die zusätzliche Verschuldung über das Covid-Darlehen die Bonität des Kunden verschlechtern kann, mindert sich aus Sicht der Bank die Bonität des bestehenden Kredits. Entsprechend müsse sie mehr Eigenmittel unterlegen, sagt Feigl. Hinzu kommt, dass die trüben Wirtschaftsaussichten Druck auf die Kreditratings der Firmen ausüben. Feigl kommt zum Schluss: «Der Covid-Plus-Zins reflektiert dann das Risiko in den allermeisten Fällen nicht.»

Dividendenverbot in der Corona-Krise

Feigls Anekdote deckt sich mit den Recherchen der «Handelszeitung». Sie zeigen, dass die Banken bislang kaum Covid-Plus-Kredite ausbezahlt haben. Die zehn grössten Finanzinstitute kommen bloss auf 156 Millionen Franken. Dies im Gegensatz zu jenen 7,5 Milliarden Franken bei den kleinen Covid-Krediten, die der Bund zu 100 Prozent garantiert.

Ein Industrievertreter erklärt die geringe Covid-Plus-Summe nicht mit risikoscheuen Banken: Grössere Firmen würden sich unternehmerischen Manövrierspielraum bewahren wollen. So sehen die vom Bund garantierten Kredite unter anderem ein Dividendenverbot vor. Auch Banken nennen dies als Hauptgrund für bisher ausbleibende Darlehen.

Manuel Ammann, Wirtschaftsprofessor an der Universität St. Gallen, sagt, die Banken seien am Fortbestand der Kreditnehmer interessiert. Es sei jedoch verständlich, dass die Institute eine gewisse Zurückhaltung bei der Kreditvergabe üben würden. Auch er bestätigt: Verschlechtere sich das Kreditportfolio, brauche es mehr Eigenmittel und höhere Rückstellungen für spätere Zahlungsausfälle. Alles hänge nun davon ab, wie lange der Corona-Lockdown noch dauere. «Je länger, desto höher die Ausfallwahrscheinlichkeit, was auch Banken in die Bredouille bringen könnte.» Mehrere Banker bestätigen den Effekt der Verschuldung auf die Bonität. Verschlechtere sich das Kreditrating, könne das die Eigenmittelanforderungen verdoppeln oder gar verdreifachen, sagt einer.

Höhere Eigenmittelanforderungen


Dazu kommt: Viele Finanzinstitute wähnten ihre Kreditbücher zuletzt in einer Schönwetterperiode. «Wir waren jetzt in einem langen Zyklus ohne Wertberichtigungen», sagt ein leitender Banker. Einzelne Institute hätten sogar Kreditrückstellungen aufgelöst. Finanzberater Feigl plädiert dafür, dass der Bund auch die Covid-Plus-Kredite voll garantieren soll. Nur so sei gewährleistet, dass die Banken die Kredite tatsächlich rasch sprechen würden. Bei der Finanzmarktaufsicht spielt man den Ball an die Institute zurück. Bundesrat, Nationalbank und Finma hätten mit der Aufhebung des antizyklischen Kapitalpuffers und den Leverage-Ratio-Erleichterungen zusätzliches Eigenkapital freigespielt. «Wie die Banken nun ihren Spielraum nutzen, bleibt in ihrer Verantwortung.»

Eine Verantwortung, die auch die Finanzierung von Grossunternehmen umfasst. Brauchen Konzerne Kapital – und sei es nur, weil bisherige Kredite auslaufen –, genügen Covid-Plus-Kredite nicht. Sie könnten sich gemäss Herbert Kumbartzki, Finanzchef der Basellandschaftlichen Kantonalbank (BLKB), grundsätzlich über drei Quellen refinanzieren: Bankdarlehen, Konsortialdarlehen oder Anleihen am Markt. In der Vergangenheit seien alle drei Varianten günstig gewesen, die Banken hätten sich gegenseitig unterboten. «Doch das wird nun neu konfiguriert.»

Nicht nur bei Covid-Krediten gibt es Engpässe. Auch am Kapitalmarkt hat der Wind gedreht. «Die Risikozuschläge am Markt sind auf dasselbe Niveau wie 2008 angestiegen», sagt Kumbartzki. Im Falle seiner eigenen Bank stieg der Zuschlag von 16 auf 50 Basispunkte, also einen halben Prozentpunkt. «Auch bei soliden Firmen sehen wir Zuschläge von bis zu 180 Basispunkten. Es herrscht grosse Unsicherheit bezüglich der Zukunftsaussichten für die Weltwirtschaft.» Der für Firmenkunden zuständige Manager einer grossen Bank kommentiert: «Nach Jahren mit praktisch inexistenten Risikozuschlägen kehren wir jetzt wohl in die Normalität zurück.»

Heikel wird das für all jene Unternehmen, deren Anleihen auslaufen und jetzt erneuert werden müssen. In den Bereichen Industrie und Handel müssen in der Schweiz bis Ende Jahr gegen 5 Milliarden Franken abgelöst werden (siehe Tabelle).

Hoher Zuschlag bei Straumann


Gerade noch geklappt hat das bei Straumann, wo bald eine Anleihe über 200 Millionen Franken fällig wird. Ende März während der Corona-Krise gab das Unternehmen bekannt, eine Obligation über 280 Millionen Franken platziert zu haben. Doch die Kosten waren hoch: Mit einem Coupon von 1 Prozent kommt Straumann in den Bereich der 180 Basispunkte über dem risikofreien Zins. Und das für eine nur drei Jahre laufende Anleihe. Inwiefern man Konditionen anpassen musste, um marktfähig zu sein, weiss der Sprecher nicht. «Es war gut, dass wir die überhaupt platzieren konnten.»

Kritisiert wird in diesem Zusammenhang auch die Geldpolitik der Nationalbank. Vor der Corona-Krise habe der Negativzins die Unternehmen ins Risiko gedrängt, indem die Liquiditätshaltung bewusst verteuert wurde, sagt Bankenprofessor Ammann. «Das rächt sich nun.» Und BLKB-Finanzchef Kumbartzki verweist auf zusätzlich verschärfende Entscheide der SNB: «Mit der Erhöhung der Freigrenzen auf Girokonten hat die SNB dem Geldmarkt keinen Gefallen getan.» Das habe dem Markt zusätzlich Liquidität entzogen.

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