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Dänischer Plunder

Tamedia Das Medienhaus ist einem Betrüger aufgesessen. Die dänische Mode-Plattform Trendsales entpuppt sich als Millionengrab.

Ob Gucci-Täschli, Winterjacke von Moncler oder Blumen-Shirt der Luxusmarke Kenzo – die dänische Internetplattform Trendsales ist eine elektronische Brockenstube für Modebewusste mit Ablegern in Finnland, Norwegen, Schweden und Deutschland. Das Secondhand-Portal ist das grösste seiner Art in Skandinavien und zählt rund 900 000 Mitglieder, die über ein firmeneigenes Zahlungssystem ihre liebsten Stücke handeln können. Seit zweieinhalb Jahren gehört die Fashion-Plattform mehrheitlich dem Zürcher Medienkonzern Tamedia.
Doch nun ist etwas faul im Staate Dänemärk. Im Frühjahr 2016 wird der Trendsales-Chef und frühere CFO Rasmus Goth Engel per sofort freigestellt. Tamedia reicht Strafanzeige ein. Goth Engel soll die Internetfirma betrogen und sich persönlich bereichert haben, finden beigezogene Forensiker der Beratungsfirma EY heraus. Der Fall liegt bei den Untersuchungsbehörden. Der betroffene Ex-Trendsales-Chef war für eine Stellungnahme nicht zu erreichen.

„Eigenkapital aufgebraucht“

Als Troubleshooter schickt Tamedia daraufhin den früheren Homegate-Chef Urs Hügli als Interim-Manager nach Dänemark, bis im Frühherbst ein neuer Chef für die Modeplattform gefunden ist. Im Oktober dann offenbart der Geschäftsbericht das ganze Ausmass des Falls: Es geht um Bilanzfälschung, Mehrwertsteuer-Probleme, Finanzgeschäfte ohne Lizenz sowie undokumentierte Spesen.
Der von KPMG revidierte Jahresabschluss liest sich wie ein Drehbuch für einen Krimi und endet in einem dramatischen Crescendo: „Aufgrund von weiteren Verlusten 2016 ist das Eigenkapital der Firma aufgebraucht“, konstatieren die Buchprüfer. Die Kopenhagener Internetfirma mit rund vierzig Mitarbeitern steht vor dem Aus. Bis am Weihnachtstag die Kapitalspritze aus der Tamedia-Zentrale injiziert wird. „Diesen Morgen sind 23,5 Millionen Kronen auf unser Konto geflossen“, jubiliert der neue Trendsales-Chef, Ole Højriis Kristensen, im lokalen Wirtschaftsblatt „Berlingske Business“.
Die weihnächtliche Kapitalspritze kostet Tamedia umgerechnet 3,4 Millionen Franken und sichert Trendsales vorerst das geschäftliche Überleben. Doch für den Zürcher Medienkonzern ist die dänische E-Commerce-Akquisition seit Jahren ein millionenschweres Verlustgeschäft, wie ein Blick in die Geschäftsabschlüsse zeigt.
Dem hält Konzernsprecher Christoph Zimmer entgegen, dass Trendsales eine der reichweitenstärksten Transaktionsplattformen Dänemarks und klarer Marktleader im Bereich Vintage Fashion sei: „Die Zahl der Neuregistrierungen entwickelt sich positiv und die Nutzeraktivität ist beeindruckend.“ Mit der Kapitalspritze sei nun die Basis für „weiteres Wachstum“ gelegt, sagt Zimmer und kündigt für dieses Jahr „schwarze Zahlen“ an.
Dennoch beschäftigt der Trendsales-Fall auch die Tamedia-Teppichetage. So wacht seit Mitte Dezember Digitalchef und Konzernleitungsmitglied Christoph Brand höchstpersönlich als Präsident über die Geschicke des Secondhand-Shops. Jener Christoph Brand, der als Ex-Chef von Sunrise – früher eine Tocher der dänischen Telecom – die geschäftlichen Gepflogenheiten im hohen Norden bestens kennt. Aber auch der schnittige Digitalmanager zeigte sich in der dänischen Presse erstaunt über seinen Zukauf: „Ich habe schon manchen Betrugsfall gesehen, aber noch keinen von diesem Umfang, gemessen an der Grösse.“
Doch der Reihe nach. Vor gut zweieinhalb Jahren – im Juli 2014 – verkündete der kotierte Zürcher Medienkonzern die Transaktion: „Tamedia übernimmt die Mehrheit der Vintage-Plattform Trendsales.“ Mit der Übernahme baue Tamedia sein „digitales Portfolio und die Stellung in Dänemark“ aus.
Wie Recherchen der „Handelszeitung“ zeigen, bezahlte der Zürcher Medienkonzern seinerzeit für 88 Prozent an Trendsales rund 35 Millionen Franken. Zu viel, wie sich heute zeigt. Denn was die Tamedia-Führung um Digitalchef Brand beim Kauf nicht wusste: Die Bücher von Trendsales waren frisiert. Mutmasslich Chef Goth Engel hatte über Jahre an den Bilanzen herumgedoktert. „Der Betrug umfasst Veruntreuung, Urkundenfälschung und betrügerisches Finanzreporting in den Jahren 2012 bis 2016“, heisst es im jüngsten Geschäftsbericht. So sind beispielsweise die Zahlen von 2014, dem Jahr der Übernahme durch Tamedia, „in erheblichem Masse falsch“. An der Due Diligence seien „verschiedene interne Abteilungen und externe Partner beteiligt gewesen“, sagt Tamedia-Sprecher Christoph Zimmer, ohne auf mögliche Verantwortlichkeiten einzugehen.
Zwei Beispiele zur Bilanzkosmetik: Ende 2014 wies Trendsales einen Reingewinn von umgerechnet gut 400 000 Franken aus. In Tat und Wahrheit schrieb das Brocki-Portal in der Berichtsperiode über 1 Million Franken Verlust. Auch die Eigenkapitaldecke von Trendsales war viel dünner als rapportiert: Statt einer Quote von 77 Prozent betrug sie lediglich 43 Prozent. Angesichts dieser Differenzen lässt sich erklären, weshalb Trendsales so schnell der Schnauf ausging. Zur finanziellen Schieflage gesellen sich Eventualverbindlichkeiten. So soll Trendsales Finanzdienstleistungen im Ausland ausgeführt haben, „ohne die dazugehörige Lizenz“ zu besitzen. Gleichzeitig habe die Firma gewisse Auflagen der dänischen und ausländischen Mehrwertsteuer-Gesetzgebung verletzt, für welche „die Firma möglicherweise gebüsst werden könnte“, heisst es im Geschäftsbericht.
Nun betont Tamedia-Sprecher Zimmer, die nicht konforme Mehrwertsteuerabrechnung werde im Kontakt mit den Behörden bereinigt, sei aber in der Bilanz bereits abgegrenzt. Die fehlende Zahlungslizenz hätte lediglich wenige E-Wallets ausländischer Nutzer betroffen. Man habe jene Dienstleistung im Frühjahr 2016 umgehend geschlossen. Und aufgrund überhöhter Gewinnausweise habe Trendsales nicht zu wenig, sondern zu hohe Unternehmenssteuern bezahlt, so Zimmer.
Schleppende Expansion
Zum „Einzelfall“ gesellen sich geschäftliche Sorgen. Das Businessmodell der Secondhand-Site droht zum Ladenhüter zu werden. Die Verluste wurden in den letzten Jahren immer grösser. Schrieb Trendsales 2014 einen Verlust von umgerechnet 1 Million Franken, verdoppelte sich das Minus im Folgejahr. Angesichts der Kapitalnot dürfte der Jahresabschluss 2016 noch schlechter ausfallen. Neben den Insertionseinnahmen könnte Trendsales nämlich auch an der Nutzung der eigenen Zahlungslösung namens TSPay mitverdienen. Doch mittlerweile graben Mobile-Zahlungs-Lösungen von lokalen Banken dem hauseigenen TSPay das Wasser ab. Hinzu kommt, dass die Expansion in neue Zielmärkte nur schleppend vorankommt: Das Geschäft in Deutschland harzt, und die einst von Goth Engel angekündigte Expansion in der Schweiz wurde bis heute nicht realisiert. Digitalchef Brand muss also alles daransetzen, dass Trendsales nicht zum dänischen Plunder verkommt.

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